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Briefe in die Heimat

Verfasst: Donnerstag 13. November 2008, 01:40
von Reuven Larsen
Ein Brief macht sich auf die beschwerliche Reise nach Dragenfurt, genauer gesagt in die Stadt Vesten, wo er dem Soldaten Larsen überreicht werden soll.



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26. Goldblatt des Jahres 251, Grafschaft Hohenfels, Reichsstadt Varuna


Werter Bruder,

endlich finde ich die nötige Zeit, Euch einen Brief zu schreiben und Kunde über meinen Aufenthalt in der Grafschaft Hohenfels zu geben. Wiewohl es nicht unüblich zu sein scheint, über den Freihafen Bajard einzuschiffen, bin ich in Berchgard an Land gegangen und habe meinen Fuß sogleich auf Hohenfelser Boden gesetzt. Die Einwohner nennen den Ort liebevoll ein Dorf, aber es ist doch wenigstens ein Städtchen. Es hat sehr beachtliche Wehranlagen und alle Häuser sind aus festem Stein erbaut. Auf dem Weg nach Varuna kommt man an weiteren prächtigen Burgen, aber auch an ausladenden Landgütern vorbei. Alles ist hier sehr schmuckvoll gehalten, nicht so düster und klamm wie Burg Dunkelschanz. Varuna selbst blendet durch seine verschwenderische Großzügigkeit. Wie in Vesten ist es hier wirklich nicht. Die Straßen sind breit und geschmückt, die Herrenhäuser groß, beim Zählen der ansässigen Edlen- und Adelsfamilien schwirrt einem der Kopf … de Jagotin, de Coste, de Arganta, von Bourgo, von Hohenfels, von Falkenburg, von Avaryn, von Rhogan, von den Nebelauen, von Weylenstein und natürlich auch von Dragenfurt. Wer weiß, wen ich alles vergessen oder übersehen habe. Zum Glück gibt es auch ein etwas einfacheres Viertel. Sonst würde man sich gar nicht auf die Straße wagen. Man muss doch unentwegt fürchten, in eine wichtige Persönlichkeit zu stolpern oder jemand Vornehmen durch bloße Anwesenheit oder schlimme Manieren zu beleidigen.
Ich muss Euch gar gestehen, dass mir die Sinne von Alldem so benebelt waren, auch weil das Wetter ein etwas anderes ist, dass ich Seine Hochgeboren, unseren Freiherrn, nicht sogleich erkannt habe. Ihr könnt jedoch ganz beruhigt sein, als Er sich sehr nachsichtig zeigte, es Ihn wohl auch nicht dauerte, einmal einen Dragenfurter und nicht nur Hohenfelser zu Gesicht zu bekommen. Er wusste gar um die Treue, mit der Ihr Euren Dienst in der Heimat verseht, und empfahl mir, mich für eine Anstellung an den Burgvogt Arenvir Tilianas zu wenden. Natürlich will ich Seiner Hochgeboren Gunst und Großmut nicht überbeanspruchen. Vielleicht wisst Ihr Rat. Auch Ihre Hochgeboren, die Freiin Mariella, weilt in Varuna und bekleidet hier ein Amt im Stadtrat. Ich durfte mit Ihrer Hochgeboren sprechen, um für die Bürgerschaft vorstellig zu werden, welche man erwerben muss, um ein Haus zu pachten oder ein Geschäft zu eröffnen. Ich glaube es ist alles sehr gut verlaufen und ich hoffe, meinen Bürgerbrief in einigen Tagen zu erhalten. Dann kann ich anfangen, mir etwas mehr Gedanken zu machen. Seid einstweilen so gut und sendet mir die beiden Seekisten nach, die ich zurückgelassen habe. Schickt mir, wenn es Eure Zeit erlaubt, auch einen Brief mit, so dass ich erfahren kann, was in der Heimat alles geschieht. Gebt hingegen unserer lieben Schwester einen Kuss von mir und versichert ihr, dass alles in bester Ordnung ist.

Es grüßt Euch Euer Bruder,

Reuven

Verfasst: Donnerstag 13. November 2008, 01:40
von Reuven Larsen
Ein weiterer Brief macht sich auf die Reise nach Dragenfurt, ebenfalls für den Soldaten Larsen bestimmt.


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06. Rabendmond des Jahres 251, Grafschaft Hohenfels, Reichsstadt Varuna


Werter Bruder,

hier im Bankhaus kennt und belächelt man mich schon, weil ich jeden Tag nach einer Nachricht von Euch frage. Heute sind die Kisten endlich angekommen und es ist alles unversehrt. Ihr könnt Euch vorstellen, dass ich sehr erleichtert war. Leider musste ich den Inhalt gleich wieder dem Bankhaus überantworten, wo man alles für mich aufbewahrt, bis ich eine eigene Unterkunft gefunden habe. All das ist sehr einfach hier und ohne Umstände einzurichten, es soll auch nichts verloren gehen, wie man mir oftmals versichert hat, so dass ich es endlich glauben musste. Wäre es mit dem Wohnen nur auch so einfach. Denn mit meiner Bürgerschaft dauert es noch etwas, den Bürgerbrief konnte ich bisher nicht in Empfang nehmen, was mich nicht sonderlich dauern würde, könnte ich mir doch endlich ein Zimmer einrichten und in einem eigenen Bett schlafen.
Die Tage gehen folglich etwas nutzlos vorüber, auch wenn es nicht an Beschäftigungen fehlt. Krammetsvögel habe ich gefangen, mit Leimruten. Ich bringe sie der Köchin im Wirtshaus, wo sie gebraten werden und mit gerösteten Brotscheiben und Sauerkohl auf die Tafel kommen. Morgens früh gehe ich in ein nahegelegenes Wäldchen, im Westen Varunas, wo ein Forsthaus steht und Holz geschlagen wird. Ich bleibe ein paar Stunden und vertreibe mir die Zeit mit den Holzfällern, die natürlich immer Händel haben. Ich denke die Arbeit tut mir gut, nur im Knie zwickt es manchmal und die Finger darf ich mir nicht abhauen, sonst ist es mit der Briefschreiberei vorbei. Nachher gehe ich ins Wirtshaus am Hauptplatz. Dort sind gewöhnlich der Wirt, seine Tochter, ein Fleischer und die Köchin anzutreffen. Die Wirtstocher ist mit dem Fleischer verheiratet, so dass alles recht vertraut zugeht, auch einmal gestritten wird oder zwischen Küche und Schankstube verschämte Küsse getauscht werden. Nur Gäste hat es nicht allzu viele. Ich hoffe das Wirtshaus muss nicht geschlossen werden, weil ich nicht wüsste, wohin man in Varuna sonst gehen sollte. Schreibt mir auch und berichtet, wie es in Dragenfurt zugeht!

Es grüßt Euch Euer Bruder,

Reuven

Verfasst: Donnerstag 13. November 2008, 01:43
von Reuven Larsen
Dritter Brief in die Heimat.


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13. Rabenmond des Jahres 251, Grafschaft Hohenfels, Reichsstadt Varuna



Werter Bruder,

erneut schreibe ich Euch aus der fernen Grafschaft Hohenfels. Seit meinem letzten Brief hat sich vieles ereignet, von dem ich Euch getreulich berichten will. Ihr werdet Euch erinnern, wie ich Euch gegenüber klagte, es ginge alles etwas zäh voran, meinen Bürgerbrief hätte ich noch nicht erhalten und eine dauerhaftere Unterkunft könnte ich darum auch nicht beziehen. All das hat sich nun gelöst. Ich will Euch berichten wie. Es ereignete sich, dass ich eines Tages am Gerichtsgebäude vorbeiging und mich, obwohl es schon eine spätere Stunde war, dazu entschloss, zu fragen, ob noch jemand zu sprechen sei oder man mir nähere Auskünfte zu meinem Bürgerbrief erteilen könne. Da traf ich den Freiherrn von Weylenstein, den höchst ehrenwerten Richter der Grafschaft Hohenfels und Vogt der Stadt Varuna. Da es schon dunkelte, erkannte ich das Schwarz seiner Richterrobe nicht sogleich. Weil er mich aber ansprach, berichtete ich ahnungslos, weshalb ich zum Ratsgebäude gegangen sei. Der Vogt fragte daraufhin nach meinem Namen, holte eine Schriftrolle aus seiner Robe - meinen Bürgerbrief - und wünschte mir viel Glück in Varuna, was immer ich hier vorhätte. Dann ging er und ließ mich verdutzt zurück. Das also war die Schranke, die mich von meiner Bürgerschaft getrennt hatte.
Alles Weitere ergab sich ohne Schwierigkeiten. Dank des Bürgerbriefs hatte ich nun endlich die Erlaubnis, ein Haus zu mieten. Für nur 21 1/2 Kronen im Jahr habe ich eine bescheidene Unterkunft im Süden der Stadt gemietet. Das Haus ist ganz aus Stein gebaut und liegt an einem kleinen Teich, auf dem Seerosen schwimmen, so dass alles recht hübsch anzusehen ist. Lediglich bei einer Belagerung würde es mir wohl übel ergehen, da das Häuslein gleich hinter der Stadtmauer steht. Einstweilen bin ich jedenfalls sehr zufrieden und versuche, einen Schreiner zu finden, der mir die Einrichtung fertigen kann. Leider gibt es in meiner Nachbarschaft nicht viele Handwerker und auf meine Aushänge hat auch noch niemand geantwortet, aber ich hoffe, es wird sich bald jemand finden.
Eine letzte Nachricht erfuhr ich erst heute und sie ist auch für Euch von großer Bedeutung, jedenfalls hoffe ich, sie wird Euer Herz genauso erfreuen, wie sie das meine erfreute. Denn Ihre Erlaucht, die Gräfin von Sternwall, die derzeit die Regentschaft in der Grafschaft Hohenfels ausübt – so recht verstehe ich die Zusammenhänge und welchen Stand der ehemalige Graf von Hohenfels nun hält nicht - hat heute verkündet, dass Ihre Hochgeboren Mariella, die Schwester unseres Freiherrn, fortan das Amt des Vogtes bekleidet. Ich ging gleich ins Wirtshaus, bestellte einen Ebereschenschnaps und saure Leber und feierte die freudige Nachricht. Leider war es mir nicht vergönnt, meine Freude zu teilen, und so musste ich alles allein verzehren und auch mit dem Trinken wollte es nicht so klappen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Es dauert mich sehr, Euch nicht an meiner Seite zu wissen, Bruder, und nicht mit Euch gefeiert haben zu können. Es wäre dann ein rechtes und schönes Fest geworden und wir hätten viel zusammen getrunken.

Es grüßt Euch Euer Bruder,


Reuven

Verfasst: Samstag 29. November 2008, 22:28
von Reuven Larsen
Diesmal bleibt der Brief liegen, ohne abgeschickt zu werden.


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29. Rabenmond des Jahres 251, Grafschaft Hohenfels, Reichsstadt Varuna

Werter Bruder,

ich schreibe Euch in dunkler Stunde. Ich hoffe Ihr seht mir nach, dass ich den Brief mit diesem Kalauer beginne. Es gibt im Augenblick nicht viel zu Schmunzeln und wie soll man sich anders bei Laune halten, als mit einer Prise Galgenhumor?


*es folgt ein gleichmäßiger, an den Rändern ausfasernder Tintenfleck. Um den Fleck herum ist das Pergament weiß geblieben, erst darunter wurde weitergeschrieben*

Ich sitze in der Taverne in Vesper, während ich diesen Brief an Euch schreibe. Ich habe den Kamin im Rücken, daneben steht ein kleiner, eingetopfter Baum. An einem Tisch mir schräg gegenüber, in der Nähe einer Nische, sitzt eine noch junge Frau mit roten Haaren. Sie dürfte etwa mein Alter haben, vielleicht ein paar Jahre mehr. Der Schnitt ihres Kleides ist so vornehm wie die Linien ihres Gesichts. Außer einer Muschelhalskette trägt sie keinen Schmuck. Abwechselnd zerknüllt sie die Tischdecke, versinkt in sich selbst, empört sich über die Wirtstochter. Dann geht sie so plötzlich wieder, wie sie gekommen ist.
Solche Begegnungen sind dieser Tage nicht ungewöhnlich. Auch mich erschöpft die fortwährende Dunkelheit. Die Augen können sich gewöhnen, aber es strengt doch an, alles nur im trüben Lichtschein der Laterne zu betrachten. Richtig munter werde ich nicht mehr, sondern bleibe immer etwas müde. Am schlimmsten aber ist die Kälte. Frost liegt auf den Ästen und Zweigen. Der Winter erhält mit doppelter Geschwindigkeit Einzug. Bald wird alles erstarrt sein. Sicher hat der Kälteeinbruch schon die ersten Opfer unter den Armen und Alten gefordert.
Über die Ursachen erfährt man hingegen wenig. Es gibt keine Aushänge, keine Proklamationen, nicht einmal um zu beschwichtigen. Das Schweigen der Obrigkeit ist fast unheimlicher als die Dunkelheit selbst. Gerüchte gibt es hingegen viele. Die Kreaturen der Nacht sollen ihre Gräber, Höhlen und Katakomben verlassen haben und an die Oberfläche gekommen sein. Steht uns ein neues Zeitalter der Apokalypse bevor? Zu guter Letzt ist Rabenmond. Auch das scheint mir kein gutes Omen.
Ich habe die Stadt schon tagelang nicht mehr verlassen und kann auch keinen Boten finden, der meinen Brief hinaus tragen würde. Ich hoffe er wird Euch eines Tages noch erreichen, vielleicht als Andenken an überstandene Gefahren.

Es grüßt Euch Euer Bruder,


Reuven