Hannas Märchen oder Auf der Flucht vor dem bösen Wolf
Verfasst: Dienstag 11. November 2008, 12:09
Schweigend griff sie nach der groben Leinenwäsche, speckige Hemden und alte Hosen, um diese mit zitternden Fingerchen auf die gespannte Schnur zu hängen. Schweigend, weil Hanna lauschte, zitternd, weil sie Angst hatte den Krach gleich wieder zu hören. Muffig roch es auf dem kleinen Dachstuhl der einfachen Hütte, in welcher das dreizehnjährige Mädchen mit ihrem Stiefvater wohnte. Es stank geradezu nach fauligem Holz und grober Kernseife. Eine abartige Mischung, die an solchen Tagen wie dem heutigen, an welchem man die schwüle Sommerluft im Hausinneren beinahe schneiden konnte, Hanna manchmal zum würgen brachte. Heute allerdings hatte die Angst ihre Sinne so streng unter Kontrolle, dass sie dem Geruch wenig Beachtung schenke und stattdessen auf das drohende Unheil wartete. Da, ein Blitz und Hanna hielt den Atem an. Als das grässliche Echo, der tobende Donner, das Hüttchen erreicht hatte, entfuhr dem Kind ein kläglicher Wimmerlaut. Aus irgendeinem Grund fürchtete sie den Donnerschlag mehr als das gleißende Licht des Blitzes. Sie war vor wenigen Wochen erst dreizehn geworden und ersetzte seit dem Tod ihrer Mutter, vor beinahe vier Jahren, dem Stiefvater die Hausfrau an seiner Seite. Himmel, Zwirn und Fadenspule, sie war kein kleines Dummchen, sondern ein sehr stilles, nachdenkliches Mädchen.
Insofern wusste sie genau, dass der Blitz sehr viel tödlicher war, als sein krachender Nachhall und dennoch... dennoch.
"Ach, Hannerl", flüsterte diese süßlich-lockende Stimme, welche sie in solchen Momenten heimsuchte, "was soll schon groß passieren? Selbst wenn der Blitz einschlägt, Hannerl, selbst wenn. Dann steht das Dach in Flammen und wenn dich das Gebälk nicht erschlagen hat, so wirst du in Rauch und Feuer verenden. Doch, Hannerl, es gibt Schlimmeres, nicht? Ja und so hättest du deine Ruhe!"
Sie schüttelte heftig den Kopf, dass das weizenblonde, lange Haar in fadigen Strähnen um ihr Haupt flog. Warum solch schreckliche Gedanken? Richtig, es war viel geschehen, viel zu viel für das junge Gemüt, doch Hanna war von einem robusten Geist beseelt und wusste, dass sie auch weiterhin stoisch alles erdulden konnte. Es gab Kinder, denen es schlechter ging. Ohne Dache über den Kopf, ohne warme Decken des Nachts und ohne ausreichend Nahrung. Es ging ihr doch eigentlich gut bei Vat... bei Jareck.
"Hannerl!"
Wenn man vom Ungeheuer redet, dann kommt es aus der Höhle gekrochen.
Als sie nicht sofort auf den Ruf des Stiefvaters antwortete, wurde dieser nur polternder und übertönte damit beinahe sogar den Donnerklang.
"HANNERL!"
Mit wenigen Sätzen flog sie die enge Stiege zum Dach herab, beinahe froh darüber den scheußlichen Ort verlassen zu können und wurde erst auf den letzten, knarrenden Treppenbrettern langsamer. Jareck wartete direkt vor der Treppe und wässrig blaue Augen starrten das herbeieilende Mädchen sinnierend an. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und wartete so, stumm und still, bis seine Tochter vor ihm stand und den Kopf in den Nacken legen musste, um zu ihm aufzublicken.
"Was gibt es... Vater?", fragte sie leise und mit gewählter Vorsicht.
"Der Regen lässt nach und da ist's genau die rechte Zeit, um noch ein paar Besorgungen zu machen."
Sie nickte wortlos und griff nur einen kurzen Augenblick später nach Mutters altem Wollmantel und dem geflochtenen Weidenkorb, welchen sie für die Warengänge nutzte.
"Was brauchst du alles?" Wieder kaum ein Wispern, doch ohne verschüchtertes Hauchen.
"Bier, ruhig ein größere Flasche und lass dir den Weinschlauch beim alten Herrbing mit Schnaps auffüllen. Besorg' auch ein Kümmelbrot und einen Tiegel Schmalzbutter."
Sie quittierte wieder alles mit einem Nicken und streckte dann sorgsam die Hand aus um artig die Kupfermünzen für diese, größere Besorgung von ihm zu erhalten. Allerdings keuchte sie kurz darauf erstaunt auf, als er ihr einen silbrigen Taler in die Hand drückte.
"Was...?"
"Kauf dir ein neues Hemd. Ein Weißes, am besten mit ein paar Spitzen und einen neuen Kamm."
Als ihre Verwirrung kein Ende nehmen wollte und sie schon beinahe an das Gute im Menschen glauben wollte, lächelte er plötzlich voller falscher Vaterliebe und tätschelte ihr den Kopf, dass sich alles in Hannas Innerem versteifte.
"Mein gutes Hannerl... ", begann er und nur mühsam unterdrückte sie einen Würgelaut, als die nun süßliche Stimmlage, die an ihr Ohr drang, die Kehle verschnürte, "... du musst doch glänzen, wie ein kleiner Edelstein, wenn heute Abend die Jungs kommen."
Benommen griff sie nach dem Geldstück, hörte seine fadenscheinigen Erklärungen nicht länger und trat aus der Türe in den Regen, der nunmehr schwach tröpfelte. Die "Jungs", das waren seine Freunde. Die Art Freunde, welche man durch Falschspiel, Hehlerei und den Alkohol bekam und welche man irgendwie nicht wieder loswerden konnte. Der Gedanke an jene Gruppe ließ Erinnerungen kurz, wie die Blitze, vor ihrem Auge aufflackern und erneut brach die Übelkeit über sie herein. Kurz wurde es nebelig vor dem Blicke und Hanna vermochte auch später nicht zu sagen, ob sie geweint hatte, oder der Regen sich seinen Weg über ihre Wangen gebahnt hatte.
Der abgekühlte, feuchte Boden trug einen erdigen Duft zu ihr und tapfer begann sie weiterzulaufen... zu laufen und zu laufen. Es war ein guter Tag um nimmermehr umzukehren!
Insofern wusste sie genau, dass der Blitz sehr viel tödlicher war, als sein krachender Nachhall und dennoch... dennoch.
"Ach, Hannerl", flüsterte diese süßlich-lockende Stimme, welche sie in solchen Momenten heimsuchte, "was soll schon groß passieren? Selbst wenn der Blitz einschlägt, Hannerl, selbst wenn. Dann steht das Dach in Flammen und wenn dich das Gebälk nicht erschlagen hat, so wirst du in Rauch und Feuer verenden. Doch, Hannerl, es gibt Schlimmeres, nicht? Ja und so hättest du deine Ruhe!"
Sie schüttelte heftig den Kopf, dass das weizenblonde, lange Haar in fadigen Strähnen um ihr Haupt flog. Warum solch schreckliche Gedanken? Richtig, es war viel geschehen, viel zu viel für das junge Gemüt, doch Hanna war von einem robusten Geist beseelt und wusste, dass sie auch weiterhin stoisch alles erdulden konnte. Es gab Kinder, denen es schlechter ging. Ohne Dache über den Kopf, ohne warme Decken des Nachts und ohne ausreichend Nahrung. Es ging ihr doch eigentlich gut bei Vat... bei Jareck.
"Hannerl!"
Wenn man vom Ungeheuer redet, dann kommt es aus der Höhle gekrochen.
Als sie nicht sofort auf den Ruf des Stiefvaters antwortete, wurde dieser nur polternder und übertönte damit beinahe sogar den Donnerklang.
"HANNERL!"
Mit wenigen Sätzen flog sie die enge Stiege zum Dach herab, beinahe froh darüber den scheußlichen Ort verlassen zu können und wurde erst auf den letzten, knarrenden Treppenbrettern langsamer. Jareck wartete direkt vor der Treppe und wässrig blaue Augen starrten das herbeieilende Mädchen sinnierend an. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und wartete so, stumm und still, bis seine Tochter vor ihm stand und den Kopf in den Nacken legen musste, um zu ihm aufzublicken.
"Was gibt es... Vater?", fragte sie leise und mit gewählter Vorsicht.
"Der Regen lässt nach und da ist's genau die rechte Zeit, um noch ein paar Besorgungen zu machen."
Sie nickte wortlos und griff nur einen kurzen Augenblick später nach Mutters altem Wollmantel und dem geflochtenen Weidenkorb, welchen sie für die Warengänge nutzte.
"Was brauchst du alles?" Wieder kaum ein Wispern, doch ohne verschüchtertes Hauchen.
"Bier, ruhig ein größere Flasche und lass dir den Weinschlauch beim alten Herrbing mit Schnaps auffüllen. Besorg' auch ein Kümmelbrot und einen Tiegel Schmalzbutter."
Sie quittierte wieder alles mit einem Nicken und streckte dann sorgsam die Hand aus um artig die Kupfermünzen für diese, größere Besorgung von ihm zu erhalten. Allerdings keuchte sie kurz darauf erstaunt auf, als er ihr einen silbrigen Taler in die Hand drückte.
"Was...?"
"Kauf dir ein neues Hemd. Ein Weißes, am besten mit ein paar Spitzen und einen neuen Kamm."
Als ihre Verwirrung kein Ende nehmen wollte und sie schon beinahe an das Gute im Menschen glauben wollte, lächelte er plötzlich voller falscher Vaterliebe und tätschelte ihr den Kopf, dass sich alles in Hannas Innerem versteifte.
"Mein gutes Hannerl... ", begann er und nur mühsam unterdrückte sie einen Würgelaut, als die nun süßliche Stimmlage, die an ihr Ohr drang, die Kehle verschnürte, "... du musst doch glänzen, wie ein kleiner Edelstein, wenn heute Abend die Jungs kommen."
Benommen griff sie nach dem Geldstück, hörte seine fadenscheinigen Erklärungen nicht länger und trat aus der Türe in den Regen, der nunmehr schwach tröpfelte. Die "Jungs", das waren seine Freunde. Die Art Freunde, welche man durch Falschspiel, Hehlerei und den Alkohol bekam und welche man irgendwie nicht wieder loswerden konnte. Der Gedanke an jene Gruppe ließ Erinnerungen kurz, wie die Blitze, vor ihrem Auge aufflackern und erneut brach die Übelkeit über sie herein. Kurz wurde es nebelig vor dem Blicke und Hanna vermochte auch später nicht zu sagen, ob sie geweint hatte, oder der Regen sich seinen Weg über ihre Wangen gebahnt hatte.
Der abgekühlte, feuchte Boden trug einen erdigen Duft zu ihr und tapfer begann sie weiterzulaufen... zu laufen und zu laufen. Es war ein guter Tag um nimmermehr umzukehren!