Jedes Ende birgt in sich einen Anfang
Verfasst: Sonntag 12. Oktober 2008, 21:28
Der Tag neigte sich seinem Ende zu und im Westen versank die Sonne hinter einem herbstlichen Schleier von Dunst und Wolken mattrot in Richtung Horizont. Schiffe landeten am Hafen Rahals an, fuhren wieder ab. Bürger und Besucher der Stadt wie auch neue Einwohner betraten die Planken und wendeten sogleich ihre Schritte ins Innere Rahals, stets beobachtet von einer schwarzhaarigen Frau, die still und sich kaum rührend in einer Ecke am Hafen stand, die Arme vor sich verschränkt und sich an einer Hauswand anlehnend. Die Miene verzog sich kaum, als würde sie auf die Leute, die an ihr vorübergingen nicht achten, doch ihr Blick sprach Bände. Unstet huschten die grünen Augen über die Gesichter jedes Einzelnen, dessen Anblick sie habhaft werden konnte. Immer noch glimmte in ihr schwach die Hoffnung bekannte und vor allem geliebte Gesichter wieder zu erblicken, doch es war zwecklos. Erst als die Sonne untergegangen und der späte Abend angebrochen war, löste sie sich mit einem dünnen, kaum hörbaren Seufzen von der Hauswand und ging langsam, eher schleppend in Richtung der Hafentaverne. Ein paar Münzen und ein Schlüssel wechselten den Besitzer, ehe sie ihre Schritte die Stufen hinauflenkte ins Obergeschoß und dort in eines der schmalen, einfachen Zimmer verschwand. Kein Licht entfachte sie, sondern liess sich einfach leise auspustend auf das Bett fallen, was bedrohlich knarrte und starrte still die Decke über sich an.
Fort.
Vorbei.
Und wieder heimatlos.
Beständig zogen sich diese Worte durch Mors Geist. Vermutlich, so dachte sie bitter, war es ihr Schicksal nie wirklich lange eine Heimat und eine Familie haben zu dürfen. Nie lange lieben zu dürfen.
Ihre Familie waren die Greifen gewesen. Von Anfang an hatte sie sich unter ihnen wohlgefühlt - einem kleinen Haufen von Kämpfern, welche Idealen folgten, mit denen sie rasch sympathisieren konnte. Sie waren ein wenig anders als die übrigen Rahaler gewesen und doch standen sie treu auf deren Seite, selbst als sie vor dem Grafen von Hohenfels gesprochen hatten und er einen anderen Weg anbot. Es war vor allem seine Heiligkeit, der Alka, gewesen, der großen Eindruck auf diese verschworenen Gruppe von Streitern gemacht hatte und auch auf sie.
Großes hatten sie vorgehabt - eine eigene Festung an der Grenze, um dort Wache zu halten und das Reich zu schützen, doch hatte sich in den vergangenen Monden mehr und mehr eine gewisse Lethargie unter ihnen breitgemacht. Immer seltener rafften sie sich auf und mit dem Tod zweier Brüder durch die Hand der Bruderschaft der Streiter Temoras erfuhr das Banner einen schweren Schlag.
Dann, vor einigen Wochen, als sie wieder einmal im Obergeschoß von Ivans Haus, dem provisorischen Heim der Greifen bis zur Fertigstellung der Festung, erwachte, fand sie einige Schlafstätten leer vor. Den ganzen Tag über gab es kein Anzeichen davon, wo Jonath, Bronn, Cregan und Rothen sein mochten und auch die Tage darauf war nichts zu hören oder zu sehen. Von einem Tag zum anderen waren sie fort, lediglich die Vermutung, dass sie weitere Brüder von einst suchen würden, machte die Runde. Die Zeit ging ins Land, manches Mal war sie zum Hafen gegangen und hatte dort wartend aufs Meer hinausgeblickt, doch nichts geschah.
Dann fielen schleichend Angst und Zweifel über sie her. Die Greifen waren ohne einen Hauptmann, ein Großteil derer, die den Kern gebildet hatten, waren fort und vor allem jener Mann, den sie liebte, hatte sie verlassen. Es war klar, dass das Banner damit nicht existieren konnte.
Sie hatten versagt und so etwas wog schwer im Reiche Alatars.
Eines frühen Morgens raffte sie einige Habseligkeiten zusammen und verschwand still und heimlich aus Ivans Haus. Sie passierte das Tor und wanderte einfach nur ziellos der Nase nach. Manches Mal stand sie unschlüssig vor einer Weggabelung, doch letztlich landete sie in Bajard, wo sie sich einige Tage über orientierungslos in den Gassen aufhielt. Manches Mal bestellte sie sich schweren Wein in der Taverne und trank die gesamte Flasche an einem Abend - nichts, was sie gewohnt war, aber es betäubte sie für eine Weile auf kurzzeitig angenehme Weise.
Eines Abends traf sie auf einen Mann, offenkundig ein Angehöriger der Bruderschaft der Streiter Temoras. Sie schwankte nur im ersten Moment innerlich, denn vergessen war jene Tat von einst nicht und doch schien es, als wenn in ihr ein Damm zu brechen drohte. Sie sprach mit ihm, ruhig und vernünftig. Kein Zeichen von Bedrohung. Eher hatte sie sogar das Bedürfnis, ihr Herz ausschütten zu wollen. Er sprach von Hilfe, doch er musste weiter und auch in ihr war ein Teil noch immer am Leben, der sie zum Weiterreisen drängen wollte.
Tagelang irrte sie durch den Osten Gerimors, einer zumeist noch einsamen, wilden Landschaft - wieder ohne Ziel vor Augen, doch hier hatte sie genug Ruhe zum Nachdenken. Sie war nicht für Bajard geschaffen oder Lameriast. Sie war eine Kämpferin und sie war vor allem für den Krieg geschaffen. Nach Rahal, so glaubte sie, könnte sie nach dieser Schmach nicht mehr zurück.
Was wäre, wenn sie sich doch die Worte des Streiters der Bruderschaft anhören würde? Was wäre...?
Gewissensbisse plagten sie schon bei dem Gedanken und ihre Erinnerung kehrte zurück zu jenen Tagen, die sie als ihre ersten, wirklich glücklichen Tage in ihrem Leben angesehen hatte. Als sie das erste Mal Liebe gespürt hatte, aber auch die strenge Hand ihres Ausbilders und Schwertmeisters. Das erste Mal, dass sie Ordnung gelernt hatte und das erste Mal, das sich jemand die Mühe machte und ihr einen Glauben näherbrachte.
Es dauerte noch einige Tage, währenddessen sie wieder ziellos herumstreunte, wieder in Bajard landete und sogar auf einen recht opulenten Priester des Horteras traf, der sich bereit erklärte, mit ihr zu sprechen, wenn er Zeit hat. Einen Moment hatte sie in der kleinen Kapelle des Horteras sogar gesessen, doch nie war sie sich deplazierter vorgekommen, als dort. Kaum einen Blick wagte sie zum Altar. Verräterisch erschien ihr ihre Anwesenheit in diesem Raum und schon bald verliess sie ihn wieder, um ihre Schritte - einmal noch zumindest - nach Nordwesten zu lenken. Zurück nach Rahal.
Hier hatte sie das Haus von Tharon aufgesucht. Er war einst ebenso ein Teil der Greifen gewesen und auch wenn sie ihn länger nicht mehr gesehen hatte, so vertraute sie ihm. Sie schnappte sich ein Stück Pergament, schrieb mit einem Kohlestift einige Zeilen rasch nieder und warf ihn bei ihm ein. Sie wollte mit ihm sprechen und vielleicht tat sich doch noch ein Weg auf. Vielleicht war es besser, wenn sie in Rahal blieb und alles tun würde, um diese Schande des Versagens wieder tilgen zu können.
Doch mit Rahal kamen auch wieder die Erinnerungen an einst zurück. War es am Ende gar eine Prüfung, fragte sie sich bitter, während sie Orte besuchte, wo sie mit Jonath gebetet, gesprochen, getrunken oder geliebt hatte. Sie begann sich mehr und mehr zu verschließen und ihre Art und ihre Miene, schon immer eher ernst und distanziert, zeigten mehr und mehr eine kalte Mauer. Sie wollte sich nicht von diesem Schmerz übermannen lassen. Sie wollte diese Prüfung schaffen.
Und doch...
Mor verzog ihre Miene und rollte sich auf dem knarrenden Bett zusammen.
So wirklich unberührt liess es sie nicht, sonst würde sie nicht immer mal wieder am Hafen stehen und warten...
Fort.
Vorbei.
Und wieder heimatlos.
Beständig zogen sich diese Worte durch Mors Geist. Vermutlich, so dachte sie bitter, war es ihr Schicksal nie wirklich lange eine Heimat und eine Familie haben zu dürfen. Nie lange lieben zu dürfen.
Ihre Familie waren die Greifen gewesen. Von Anfang an hatte sie sich unter ihnen wohlgefühlt - einem kleinen Haufen von Kämpfern, welche Idealen folgten, mit denen sie rasch sympathisieren konnte. Sie waren ein wenig anders als die übrigen Rahaler gewesen und doch standen sie treu auf deren Seite, selbst als sie vor dem Grafen von Hohenfels gesprochen hatten und er einen anderen Weg anbot. Es war vor allem seine Heiligkeit, der Alka, gewesen, der großen Eindruck auf diese verschworenen Gruppe von Streitern gemacht hatte und auch auf sie.
Großes hatten sie vorgehabt - eine eigene Festung an der Grenze, um dort Wache zu halten und das Reich zu schützen, doch hatte sich in den vergangenen Monden mehr und mehr eine gewisse Lethargie unter ihnen breitgemacht. Immer seltener rafften sie sich auf und mit dem Tod zweier Brüder durch die Hand der Bruderschaft der Streiter Temoras erfuhr das Banner einen schweren Schlag.
Dann, vor einigen Wochen, als sie wieder einmal im Obergeschoß von Ivans Haus, dem provisorischen Heim der Greifen bis zur Fertigstellung der Festung, erwachte, fand sie einige Schlafstätten leer vor. Den ganzen Tag über gab es kein Anzeichen davon, wo Jonath, Bronn, Cregan und Rothen sein mochten und auch die Tage darauf war nichts zu hören oder zu sehen. Von einem Tag zum anderen waren sie fort, lediglich die Vermutung, dass sie weitere Brüder von einst suchen würden, machte die Runde. Die Zeit ging ins Land, manches Mal war sie zum Hafen gegangen und hatte dort wartend aufs Meer hinausgeblickt, doch nichts geschah.
Dann fielen schleichend Angst und Zweifel über sie her. Die Greifen waren ohne einen Hauptmann, ein Großteil derer, die den Kern gebildet hatten, waren fort und vor allem jener Mann, den sie liebte, hatte sie verlassen. Es war klar, dass das Banner damit nicht existieren konnte.
Sie hatten versagt und so etwas wog schwer im Reiche Alatars.
Eines frühen Morgens raffte sie einige Habseligkeiten zusammen und verschwand still und heimlich aus Ivans Haus. Sie passierte das Tor und wanderte einfach nur ziellos der Nase nach. Manches Mal stand sie unschlüssig vor einer Weggabelung, doch letztlich landete sie in Bajard, wo sie sich einige Tage über orientierungslos in den Gassen aufhielt. Manches Mal bestellte sie sich schweren Wein in der Taverne und trank die gesamte Flasche an einem Abend - nichts, was sie gewohnt war, aber es betäubte sie für eine Weile auf kurzzeitig angenehme Weise.
Eines Abends traf sie auf einen Mann, offenkundig ein Angehöriger der Bruderschaft der Streiter Temoras. Sie schwankte nur im ersten Moment innerlich, denn vergessen war jene Tat von einst nicht und doch schien es, als wenn in ihr ein Damm zu brechen drohte. Sie sprach mit ihm, ruhig und vernünftig. Kein Zeichen von Bedrohung. Eher hatte sie sogar das Bedürfnis, ihr Herz ausschütten zu wollen. Er sprach von Hilfe, doch er musste weiter und auch in ihr war ein Teil noch immer am Leben, der sie zum Weiterreisen drängen wollte.
Tagelang irrte sie durch den Osten Gerimors, einer zumeist noch einsamen, wilden Landschaft - wieder ohne Ziel vor Augen, doch hier hatte sie genug Ruhe zum Nachdenken. Sie war nicht für Bajard geschaffen oder Lameriast. Sie war eine Kämpferin und sie war vor allem für den Krieg geschaffen. Nach Rahal, so glaubte sie, könnte sie nach dieser Schmach nicht mehr zurück.
Was wäre, wenn sie sich doch die Worte des Streiters der Bruderschaft anhören würde? Was wäre...?
Gewissensbisse plagten sie schon bei dem Gedanken und ihre Erinnerung kehrte zurück zu jenen Tagen, die sie als ihre ersten, wirklich glücklichen Tage in ihrem Leben angesehen hatte. Als sie das erste Mal Liebe gespürt hatte, aber auch die strenge Hand ihres Ausbilders und Schwertmeisters. Das erste Mal, dass sie Ordnung gelernt hatte und das erste Mal, das sich jemand die Mühe machte und ihr einen Glauben näherbrachte.
Es dauerte noch einige Tage, währenddessen sie wieder ziellos herumstreunte, wieder in Bajard landete und sogar auf einen recht opulenten Priester des Horteras traf, der sich bereit erklärte, mit ihr zu sprechen, wenn er Zeit hat. Einen Moment hatte sie in der kleinen Kapelle des Horteras sogar gesessen, doch nie war sie sich deplazierter vorgekommen, als dort. Kaum einen Blick wagte sie zum Altar. Verräterisch erschien ihr ihre Anwesenheit in diesem Raum und schon bald verliess sie ihn wieder, um ihre Schritte - einmal noch zumindest - nach Nordwesten zu lenken. Zurück nach Rahal.
Hier hatte sie das Haus von Tharon aufgesucht. Er war einst ebenso ein Teil der Greifen gewesen und auch wenn sie ihn länger nicht mehr gesehen hatte, so vertraute sie ihm. Sie schnappte sich ein Stück Pergament, schrieb mit einem Kohlestift einige Zeilen rasch nieder und warf ihn bei ihm ein. Sie wollte mit ihm sprechen und vielleicht tat sich doch noch ein Weg auf. Vielleicht war es besser, wenn sie in Rahal blieb und alles tun würde, um diese Schande des Versagens wieder tilgen zu können.
Doch mit Rahal kamen auch wieder die Erinnerungen an einst zurück. War es am Ende gar eine Prüfung, fragte sie sich bitter, während sie Orte besuchte, wo sie mit Jonath gebetet, gesprochen, getrunken oder geliebt hatte. Sie begann sich mehr und mehr zu verschließen und ihre Art und ihre Miene, schon immer eher ernst und distanziert, zeigten mehr und mehr eine kalte Mauer. Sie wollte sich nicht von diesem Schmerz übermannen lassen. Sie wollte diese Prüfung schaffen.
Und doch...
Mor verzog ihre Miene und rollte sich auf dem knarrenden Bett zusammen.
So wirklich unberührt liess es sie nicht, sonst würde sie nicht immer mal wieder am Hafen stehen und warten...