Zuerst verstand sie überhaupt nicht. Ihre Wachsamkeit war bei akuter Alarmbereitschaft, als Savea sich nicht nur für das Gespräch mit an den Tisch setzen wollte, sondern dann auch noch gleich schräg neben ihr Platz nahm.
"Wir hatten heut Besuch Milady.. sagt Euch der Name Schweinespalter etwas?"
"Schweinespalter? Ihr meint 'Knochenbrecher'?"
"Nein Milady, ich meine Schweinespalter."
Diese Zwerge kamen aber auch auf die seltsamsten Namen! "Was ist das denn für 'ne Sippe, Schwei..." -sie stutzte plötzlich und legte den Kopf schief. "Es wurde von jemandem mit dieser Bezeichnung erzählt?", vermutete sie skeptisch.
"Nein.. er stellte sich selbst so vor, Milady. Er zeigte eine Schwertscheide, eine fast gänzlich vergoldete..."
"Zweihänder?"
"So ist es, Milady."
Später, als Savea nach der Unterredung und der Unterbrechung durch Leah und Liralia schlafen gegangen war, stand Darna noch einige Momente vor der Statue im Wohnraum, den Blick unfixiert auf den sorgsam gemeißelten Stein geheftet, der von den durchgehend davor brennenden Kerzen weitere Schattierungen durch leichte Rußspuren gewonnen hatte.
War er es wirklich? Er musste es sein.
"Milady.. er ist kaum wieder zu erkennen. Und um ehrlich zu sein... hatte ich den Gedanken bei seinem Anblick, dass er zu diesen Kreaturen gehört.. unabhängig von der Tageszeit, da er auftauchte."
"Fast glaube ich es deshalb mehr, als hättet Ihr erzählt, er sah aus, wie man ihn kannte..."
Aber warum? Und warum dieser Wunsch?
"Er will einen Kampf Milady.. einen Ehrenkampf.. einen Freundschaftskampf; bis einer aufgibt, oder einer nicht mehr kann. Aber nicht auf den Tod hinauslaufend."
"Er kommt also zurück, und will seinen Platz wissen - oder..."
Das, was nach dem "oder" ihr durch die Gedanken ging, zeichnete düstere Wolken von Sorge in ihr Gesicht. Hatte er etwa gefunden, was er suchte, hatte er das gegriffen und dem Gestalt gegeben, wovon er ihr einst erzählt hatte, wie ein Bär warnend seinem Jungen eins mit der Tatze verpasste? Der Glaube an eine Naturmacht, die der Tod der widerstreitenden Götter werden sollte. Die Unerschütterlichkeit, mit der er ihr davon erzählte, war es gewesen, was ihr klarmachte, worin bei aller Freundschaft jemand wie sie und jemand wie die Tiefländer Feinde sein würden, und nichts als Feinde.
Sie hatte ihm nur helfen wollen, als blutlüsterne Kreaturen ihn stürzen ließen, hatte im Stillen Temora um Hilfe für einen redlichen Mann gebeten - und sie war gewährt worden. Doch als er begriff, warum die Wunde so schnell genesen sein musste, hatte er sie angeknurrt, hatte eine so klare Grenzlinie zwischen sich und ihr gezogen, daß sie sie niemals vergessen würde.
Bei aller Freundschaft - was mochte inzwischen aus ihm geworden sein?
Und wohin würde es die Clans führen? Leifs Tod saß ihr noch in den Knochen, hatte so unvermittelt eine weitere Lücke gerissen, sie hatte kaum Möglichkeit gehabt, ihn zu verabschieden, von ihm loszulassen, außer Leah ein wenig von ihm zu erzählen. Nur ein Blick auf einen riesigen Haufen Asche war da gewesen, einen von dreien... wieder Asche, wieder waren es die Scheiterhaufen, die für sie nichts als bitteren Tod bedeuteten...
Mit Leif erst hatte sie in sich die Hoffnung begraben, daß der alte Jarl der Hinrahs zurückkehren würde, der Mann, der ihrem Sire den Kilt der Clans mit in das Feuergrab gegeben hatte, der Mann, der dieses Fräulein im gräflichen Bankettsaal musterte, die als einzige beim Ziehen des Zweihänders aufgesprungen war, der Mann, dem sie stockbesoffen einen Kinnhaken hatte verpassen wollen, als er in freundschaftlichem Kampf Adrian auf die Bretter schickte.
War es dieser Mann, der zurück war? Sie wollte sich dieser Illusion nicht hingeben.
"Na schön... Ich habe mich nie mit Falk ernsthaft angelegt. Schon damals nicht."
"Ich weiß, Milady. Er schätzt Euch sehr, wie er heute sagte."
Auch Feinde konnte man schätzen.
Sie atmete tief durch.
"In dem Moment, wo ich die Hoffnung aufgab..." sprach sie nachdenklich gedämpft vor sich hin und registrierte schon mit dieser Handlung vage, daß sie für ihn ebenso eine andere geworden sein musste. Früher hätte sie nie so etwas getan, "vor sich hin reden".
"Soll mir das eine Lehre sein, Herrin? So viele gehen... Aber einer... nein, wenige... ein paar... kehren zurück..." Sie senkte den Blick mit grübelnd gefurchter Stirn und zusammengepressten Kiefern, zog die Luft schließlich langsam tief ein.
"Man soll eben nicht von einem auf den anderen schließen. Wir werden sehen."