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Eine Kreuzung mehr

Verfasst: Sonntag 24. August 2008, 16:57
von Keruan Esgarath
Im Auftrag der Kirche der göttlichen Schöpferin
Im Namen seiner Eminenz Tasgat, Abt des mütterlichen Konvents


Unter dem Lichte der göttlichen Schöpferin sei der Gruß des Konvents mit euch, Geistesbruder Esgarath,

mit der Weisheit und schicksalshaften Güte der Mutter beruft Euch seine Eminenz Tasgat, erwählt und geweiht durch die Gnade und Voraussicht der erhabenen Schöpferin, zurück in die Mauern unseres Konvents. Eure letzte Reise an unser Tor ward erst kürzlich beendet und man weiß um Euer Bemühen, in der fernen Grafschaft Hohenfels über den Weg der göttlichen Einsicht zu wachen, doch seiet versichert, dass Eure Anwesenheit hier von bestimmter Dringlichkeit ist. Näheres wird man Euch bei Eurem Eintreffen erläutern.
Möge Eure Reise kurz und angenehm sein, geleitet von den Strahlen der Sonne.


Bruder Asarin,
Erster Verwalter und Schreiber des mütterlichen Konvents




Keruan Esgarath ließ das Pergament in seinen Schoß sinken und stierte nachdenklich auf die gegenüberliegende dunkle Holzverkleidung der kleinen Bibliothek, in der er sich niedergelassen hatte. Der junge Bote, kaum älter als sechszehn Jahre, der ihm das Schreiben überbracht hatte, stand abwartend im Türrahmen und bewunderte offensichtlich die kleine Ansammlung theologischer und philosophischer Schriften, die es hier zu bestaunen galt. Auch wenn die Sammlung von Schriften und Büchern, die ihre Eminenz Lefar und er bislang zusammen getragen hatten, eher beschaulich blieb, enthielt sie doch Abschriften von Texten älter als alles, was der junge Mann jemals zuvor zu Gesicht bekommen haben durfte. Lediglich die Schriften der Schöpfungslehre entzogen sich gut versteckt den Augen gar zu wissbegieriger Menschen – oder gar derer, die mit den Fingern zu sehen gelernt hatten. Das Wissen um das wahre Wesen der Menschen allein verklärte den Geist der Priester bei weitem nicht weit genug, sich der Existenz diebischer Individuen nicht bewusst zu sein.

All das interessierte den jungen Priester allerdings im Augenblick kaum. Der Brief kam ihm wie ein tiefer Schlag in die Magengrube vor. Natürlich, seine letzte Reise zum Konvent, er erinnerte sich noch gut daran. Kaum zwei Mondläufe waren vergangen seit jenem Tag, an dem er wieder die fernen Mauern Varunas bewundern und sich seiner Heimat erfreuen durfte – nach einer durchaus beschwerlichen Reise, über die er sich jedoch niemals zu beklagen gewagt hatte. Im Gepäck war damals kaum mehr als eine saftige Schafswurst und ein Stück trockenes Brot, die letzten Überreste seines Reiseproviants, sowie das Wissen um den Segen des Konvents für sein, für ihr Handeln. Und nun – eine Abberufung?

Denn nichts anderes konnte dieser Brief bedeuten. Offenbar hatte er das Wohlwollen seiner Eminenz falsch gedeutet, sich in falscher Sicherheit gewiegt. Oder es gab einen dringlicheren Grund. Es musste einen geben. Doch an den guten und redlichen Absichten seiner bevorstehenden erneuten Reise zu zweifeln, das stand ihm nicht zu. Sie selbst, die göttliche Schöpferin, wachte über seinen Weg, und damit war dieser neue Pfad nicht nur der Wille eines Priesters, sondern zugleich der ihre. Ein sachtes Lächeln schob sich auf die Lippen des Priesters. Wer konnte schon sagen, wozu eine neue Reise gut sein mochte? Hieß es im Volksmund nicht immer so schön: Die eine Tür schließt sich, die nächste öffnet sich? Sein Dienst galt der Göttin und dem Volk und es wurde Zeit, dass er sich dessen wieder bewusst wurde.
Er legte das Pergament sorgsam auf den Beistelltisch neben sich, schloss kurz für einen Augenblick der inneren Sammlung die Augen und erhob sich dann mit einem sanften, warmen Lächeln wieder.

„Mein Dank gebührt euch für die rasche Überbringung dieser Nachricht. Ich denke, ihr hattet eine lange Reise hinter euch? Nehmt euch einen Augenblick der Ruhe, etwas Speis und Trank.“

Der junge Bote wirkte nicht sonderlich überrascht sondern nickte lediglich. Welch glücklicher junger Mann, dachte Keruan bei sich. Er musste für recht angenehme Menschen den Sendboten spielen, er hatte auch schon halb verhungerte Botenjungen erleben müssen.

„Danke, euer Hochwürden. Habt ihr vielleicht auch einen Waschraum oder etwas Wasser, dass ich mich erfrischen kann?“
„Geht die Treppe hinauf, hinter der letzten Tür auf der linken Seite findet ihr eine Möglichkeit, euch zu erfrischen. Ich werde inzwischen etwas zu Essen für euch bereiten.“


Der Abend hielt Einzug über Gerimor, ein erstes, rotes Schimmern zeichnete sich am Horizont ab und die goldene Himmelsscheibe versank hinter den fernen Bergen im Nichts der Dunkelheit. Der junge Bote hatte schon vor einigen Stunden das Haus wieder gestärkt und erfrischt verlassen, allein mit der mündlichen Mitteilung für das Konvent, dass seine Hochwürden Esgarath sich so rasch als möglich auf die Reise zum Konvent begeben würde. Keruan hoffte, dass seine Eminenz ihm dieses ergaunerte Zugeständnis nicht übel nehmen würde, doch er musste noch einige Dinge regeln, bevor er gehen konnte.

Sein erster Weg führte ihn zum Orden der Temora. Eine ganze Weile stand er wie verloren vor dem großen, massiven Tor, das ihm nun doch für eine geraume Zeit Heimat und Lehrstätte gesichert hatte. Ein leichtes Schmunzeln huschte über seine Lippen, als er an einige Szenen und Geschehnisse aus der Vergangenheit denken musste. Doch kaum, da er auf das Tor zutreten und den Wachen ein Zeichen geben wollte, selbiges zu öffnen, rannte von der Seite eine ihm durchaus vertraute Person herbei. Elaine Damrag, eine tapfere und stolze junge Kriegerin und ebenfalls Streiterin im Namen der Temora. Offenbar hatte Keruan sich in letzter Zeit zu selten sehen lassen, so überrascht schien sie, ihn zu sehen.

„Oh, Hochwürden. Schön, euch mal wieder hier zu sehen. Wollt ihr nicht mitkommen und den Friedhof der Stadt von Bösem säubern?“
„Schwester Elaine… ich freue mich, euch noch einmal zu sehen. Ich bin allerdings eher hier, um mich zu verabschieden…“
„Verabschieden? Müsst ihr verreisen?“


Keruan musste unwillkürlich lachen. Das vielleicht Erfrischendste an Elaines Wesen war ihre Unbekümmertheit und ihre Neigung, Dinge recht wörtlich zu nehmen. Manchmal wünschte er sich diese Unbeschwertheit auch für sich selbst zurück.

„So kann man es nennen, Schwester. Ich erhielt einen Brief von seiner Eminenz Tasgat – nein, ihr werdet ihn nicht kennen, er ist der Abt eines Konvents mehrere Tagesreisen von hier entfernt. Er bittet mich, erneut den Konvent zu besuchen, aber ich will mir nichts vormachen – ich denke, man beruft mich im Namen der Göttin von meiner bisherigen Pflicht ab.“
„Wie, kann dieser Mensch einfach so über euch entscheiden? Ihr müsst doch nicht hingehen!“
„Wer weiß, welche neue Aufgabe die göttliche Mutter für mich bereit hält? Und unter der wachenden Hand ihrer Eminenz Lefar… Schwester Sanyarin… zweifle ich keinen Augenblick an der Treue des Ordens zum Pfad der göttlichen Mutter.“
„Ich… dann wünsch ich euch viel Erfolg, Bruder. Hinterherweinen bringt nicht viel, stimmts?“


Selbst ein Abschied konnte ihren fröhlichen Geist offenbar nicht erschüttern. Keruan war es lieber so. Ihm selbst ging die Trennung von alten Freunden und Aufgaben immer recht nahe. So bat er Elaine noch, seinen Fortgang sowie die Gründe hierfür weiterzutragen und selbst auch auf die Einhaltung des mütterlichen Pfades zu achten, soweit es ihr möglich schien. Das war also seine Verabschiedung vom Orden gewesen. Vorgestellt hatte er es sich anders, aber es ersparte einige Tränen.

Sein nächster Weg führte ihn zurück zum Domizil der Priesterschaft. Es war gut möglich, dass er Gerimor so schnell nicht wiedersehen sollte, und so hatte er noch am Tag zuvor all seine Habseligkeiten verräumt und alles Notwendige für die Reise gepackt. Blieb nur noch, eine kurze Nachricht für seine Glaubensgeschwister zu hinterlassen. So würden ihre Eminenz Sanyarin Lefar sowie ihre Gnaden Luca Elanor und seine Gnaden Dian Varsaahl auf dem Gemeinschaftstisch in der Bibliothek neben dem eigentlichen Pergament aus dem Konvent eine knappe, einfache Notiz vorfinden, in der sich Keruan für seine rasche Abreise entschuldigen und seine Wiederkehr ankündigen würde, wenngleich er sich nicht sicher sei, wie bald man ihn ob seiner neuen Aufgaben dazu freigeben würde.

Sein letzter Weg führte ihn samt Gepäck in die Grafenstadt selbst. Er durchquerte die Stadt in ihrer Gesamtheit vom Osttor bis zum Westtor und hielt dort vor der Kirche des Pantheons, die er in seiner „Laufbahn“ als Priester so oft besucht hatte. So bat er einen der Wachmänner, kurz auf seinen Reisebeutel zu achten und trat in das kühle, weite Innere des Kirchenraumes. Wie üblich flackerten die Kerzen fröhlich auf dem Altar und das erste Licht des Abends fiel durch die Fenster über dem Altar auf die Kirchenbänke. Eine ganze Weile verharrte der Priester kniend vor dem Altar, die Hände lose verschränkt und die Augen geschlossen. Er ward sich nicht sicher, welchen neuen Pfad die Göttin für ihn auserkoren hatte. Doch innerlich hatte er die Entscheidung schon getroffen, hatte die Wegeskreuzung hinter sich gelassen und war auf dem Weg in ein neues und doch altes Leben. Mochte er sich ihren Segen erbitten, er hatte ihn doch längst.


Wenig später sah man nur noch eine einsame Person auf der Landstraße Richtung Bajard pilgern, eingehüllt in eine einfache, braune Robe und über der Schulter den etwas ausgefransten, ledernen Reisesack. Lediglich der Stab, den er mit sich führte, verriet seine Berufung – denn an seiner Spitze ruhte, umhüllt von einem kunstvollen Ankh als Zeichen des ganzen lichten Pantheons, eine flache Sonnenscheibe.

Verfasst: Dienstag 2. September 2008, 16:33
von Keruan Esgarath
„Setzt Euch doch, Bruder. Bitte.“ Seine Eminenz Tasgat, ein in die Jahre gekommener Mann mit schütterem, grauem Haar hatte sein übliches „Keine Widerrede!“-Lächeln aufgesetzt und bedeutete Keruan mit einer beiläufigen Handbewegung, auf dem Stuhl ihm gegenüber Platz zu nehmen. Der junge Priester verneigte sich in gespielter Dankbarkeit, um auf das Spielchen einzugehen, und ließ sich auf dem „Folterstuhl“ nieder. Er hatte diesen kleinen Raum nicht so eng und befremdlich in Erinnerung, so ging es ihm durch den Kopf, als er den Blick knapp durch das Zimmer schweifen ließ. Tasgat hatte einige Kerzen entfernt, ein zusätzliches Regal voller alter wie neuer Schriften und Bücher aufbauen lassen und den Tisch etwas weiter in die Mitte des Raumes gerückt, so dass er den ganzen freien Platz mühelos dominierte. Vermutlich, so nahm Keruan mit einem inneren Schmunzeln zur Kenntnis, änderte sich die Einrichtung seines Zimmers häufiger als seine Predigten, immerhin war dieses kleine Kämmerchen neben der Kirche sein zweites Zuhause.

Seine Eminenz schien dieser Umstand jedoch in keinster Weise zu beunruhigen. Stattdessen saß er recht entspannt in dem lederbespannten Stuhl auf der anderen Seite seines Arbeitstisches, legte die Hände auf die Arbeitsfläche und musterte Keruan einen Augenblick lang eindringlich. Wäre er nicht ein Vertrauter der Göttin gewesen, Keruan hätte ihm einen dummen Spruch an den Kopf geworfen – dieses „Spielchen“ war doch nicht mehr als ein Zeitvertreib, um ihn von der Weisungsbefugnis des Konvents zu überzeugen. Wäre er selbst ein anderer gewesen, wäre er nun aufgestanden und gegangen.

„Falls ihr gehen wollt, ich werde euch die Tür nicht versperren, Bruder.“ Noch immer das gleiche Lächeln, das keine Widerworte duldete. Oder war in seinen Zügen vielleicht doch ein amüsiertes Schmunzeln, da, rund um die Augen?

„Eure Eminenz, wie kommt ihr auf den Gedanken, dass ich…“
„Ich bitte Euch. Ich mag alt sein, aber blind bin ich nicht. Selbst jemand, dem die Gnade des Augenlichtes verwehrt bleibt, kann Eure Gedanken lesen wie in einem offenen Buch. Und ich fürchte, nicht alles in eurem Kopf ist derzeit schmeichelhaft.“

Keruan sah für einen kurzen Augenblick zu Boden, er musste sich beruhigen. Dass seine Eminenz so offen seine Abneigung zu lesen wusste, beschämte ihn. Er schloss kurz die Augen und atmete zwei-, vielleicht auch dreimal tief durch, ehe er wieder aufsah.

„Verzeiht, eure Eminenz. Solche Gedanken stehen mir nicht zu. Der Pfad der wahren Lehre lehrt uns, solche Gefühle abzuweisen.“
„Versucht doch wenigstens einmal, euch nicht in die Lehre zu flüchten, Bruder Esgarath. Die Mutter lehrt uns vor allem zu leben, alles andere wird dagegen unwichtig. Abgesehen davon kann ich Euch euren Missmut nicht verübeln. Aber dennoch solltet ihr mir die Möglichkeit bieten, mich zu erklären, ehe ihr voreilig Schlüsse zieht.“

Damit hatte Keruan nicht gerechnet. Seine Eminenz Tasgat wollte sich erklären? Tatsächlich war bislang nie von einer Abberufung in diesem Sinne die Rede gewesen – nur seine eigene Imagination hatte ihm diesen Streich gespielt. Vielleicht bestand Hoffnung… Offenbar übertrug sich dieser Gedanke zu gleichermaßen auf sein Gesicht, denn seine Eminenz wirkte umgehend zufriedener.

„Zunächst möchte ich mich für das knappe Schreiben entschuldigen. Ich fürchte, Bruder Asarin – ihr habt ihn doch schon kennen gelernt? – hat einige meiner Worte etwas zu… nunja, harsch aufgefasst.“
„Man ließ verlauten, dass meine Anwesenheit hier dringlicher Natur sei. In der Art und Weise, wie es geschrieben ward, schloss ich, dass mein Platz wohl nun hier – in den Mauern des Konvents – sein würde…“

Keruan stockte, als er der Miene seines Gegenübers gewahr wurde. Er las darin Überraschung, Erstaunen, vielleicht sogar eine Spur Entsetzen – das passte nicht wirklich zu dem, was er erwartet hatte.

„Eure Eminenz?“
„Bruder Esgarath, ihr solltet mich doch nun langsam wirklich besser kennen…“ Der etwas ältere Mann seufzte mit einem Ton der Resignation und erhob sich schwerfällig, um nun quer durch das Zimmer, vorbei am vergitterten Fenster zu patrouillieren. „Nehmt es mir bitte nicht übel, Bruder, aber was sollen wir denn hier mit Euch?“
„Eure Eminenz? Ich nahm an, als Priester wäre ich hier in den Mauern des Konven…“
„Fühlt ihr Euch wirklich wie ein Klostermönch? Ich hatte gehofft, ihr hättet bei eurem letzten Besuch einen Einblick in unser Leben bekommen. Bruder Esgarath, die Priester hier haben wenig mit den wahren Problemen der Menschen zu tun. Wir sind ein Anlaufpunkt für Bedürftige, ein Hort der wahren Lehre und eine standfeste Mauer, ja. Unsere Brüder und Schwestern durchziehen unser ganzes Lehen und verteilen den Segen der Mutter, wem auch immer er wichtig erscheint. Aber Eure Heimat ist nun wahrlich nicht hier.“

Nachdenklich kratzte sich Keruan an der Schulter. Wieso nur kam er sich im Gespräch mit seiner Eminenz immer wie ein dummer kleiner Junge vor? Langsam wurde ihm doch klar, weshalb die göttliche Mutter ihn zu ihrem Vertrauten berufen hatte.

„Lediglich unser letztes Gespräch in diesem Raum hier gab mir zu denken, Bruder. Erinnert ihr Euch noch?“ Tasgat wendete sich ihm zu und betrachtete ihn abwartend. Das letzte Gespräch – so lange war es ja noch gar nicht her. Vielleicht drei Monde? Oder vier? Doch worüber sie gesprochen hatten, oder gar, was ihm missfallen haben konnte, das vermochte Keruan sich nicht zu denken.

„Ich fürchte, ihr werdet mir auf die Sprünge helfen müssen, Eure Eminenz.“
„Ihr erwähntet eure Arbeit, euer Streben in den Mauern jenes Ordens der göttlichen Tochter und Tugendbringerin, deren Lehre stark scheint innerhalb der Grafschaft, richtig?“
„Ich nehme an, ich erwähnte Derartiges, ja. Aber was hat dies mit Eurer Bitte zu tun, mich hierher zu begeben?“
„Geduld, Bruder. Wie Ihr euch gewiss denken könnt, gibt es hier, fernab größerer Städte oder Konfliktherde, oftmals mehr als genug Zeit, sich mit den Geschehnissen der Welt zu befassen. Aber damit möchte ich euch gar nicht belästigen. Ich möchte Euch auch keinen Weg aufzwängen, das steht mir gar nicht zu. Doch ich hege gewisse… Bedenken, was Euer derzeitiges Werk anbelangt.“

Bruder Keruan setzte sich ruckartig auf.

„Was soll das heißen… Bedenken?“

Seine Eminenz atmete kurz etwas tiefer durch, runzelte nachdenklich die Stirn und bewegte sich dann wieder auf seinen Stuhl zu, um sich zu setzen. Leicht nach vorne geneigt und die Ellbogen auf die Tischplatte gestützt sah er Keruan direkt ins Gesicht.

„Ich bin mir sicher, Ihr habt gute Arbeit geleistet im Orden. Aber ich weiß auch um die Fähigkeiten ihrer Eminenz Lefar, so dass ich mir sicher bin, dass sie dieser Aufgabe auch ohne Euch gewachsen sein würde. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob Ihr das Wesen des göttlichen Willens unserer Mutter bereits in seiner Gänze verstanden und erlernt habt. Halt, lasst mich bitte zu Ende sprechen.“ Als Keruan bereits ansetzte, zu widersprechen, hob seine Eminenz nur knapp die Hand. „Ich selbst war auch nicht immer Abt dieses Konvents hier. Ich musste – wie Ihr – dereinst lernen, was der göttliche Weg wirklich bedeutet. Manchmal vermisse ich heute noch all die Reisen, die ich damals machen konnte, geleitet und geführt allein von meinem Glauben, verpflichtet allein der göttlichen Mutter. Ich lernte zu leben wie der einfachste Bauer, ich saß des Nachts im Dreck, Seite an Seite mit Bettlern, denen kaum genug zum Überleben bleibt, die von der Güte und Menschlichkeit anderer abhängig sind, wenn sie nicht den Pfad der Tugenden verlassen wollen. Gleichsam lernte ich die andere Seite kennen, fand mich in edlen Häusern, reichen Haushalten und vornehmen Villen wieder. Es gibt soviele unterschiedliche Menschen, Bruder, und jeder von ihnen hat seine ganz eigene Einstellung zum Pfad der Mutter.“
„Was genau hat das nun mit mir und meinem Wissen um den Wunsch der Mutter zu tun, Eure Eminenz? Versteht mich bitte nicht falsch, ich verstehe nur nicht…“

Seine Eminenz Tasgat lehnte sich wieder im Stuhl zurück, erneut das milde Lächeln auf den Lippen und die Hände nun im Schoß verschränkt.

„Ihr habt nun eine lange Zeit in einem religiösen Orden gelebt und gewirkt, Bruder. Wie viele Nächte habt ihr auf dem einfachen Felde zugebracht? Denkt daran, Eluive liebt all ihre Kinder und nicht nur jene, die ihren Willen kennen. Wenn Ihr den göttlichen Weg wirklich kennen lernen wollt, müsst ihr lernen, wie Sie zu denken und zu fühlen. Ich gebe Euch keine neue Aufgabe und berufe Euch auch nicht von eurer alten Pflicht ab. Wie gesagt, das steht mir nicht zu und ich will mich nicht in die Arbeit meiner Glaubensschwester mischen. Ich gebe euch lediglich zu bedenken, dass Ihr erst einen ganz kleinen Teil der Schöpfung zu beurteilen wisst. Noch seid ihr jung, noch könnt Ihr Eure ganze Grafschaft erforschen. Das Alter kommt von selbst – und schneller als man denkt, glaubt mir.“

Verfasst: Mittwoch 3. September 2008, 13:22
von Keruan Esgarath
Noch nie hatte er den Sommer so zur Kenntnis genommen wie in jenem kleinen Klostergarten des Konvents. Zahllose Blumen und Blüten unterschiedlichster Form und Farbe stritten miteinander um die Aufmerksamkeit vorbeigehender Passanten, schillerten in den atemberaubendsten Kombinationen im goldenen Sonnenlicht, das warm auf die Erde fiel. Dazwischen drang das saftige Grün der Blätter und Gräser hervor, bildete einen gleichmäßigen, harmonierenden Teppich unter all den anderen Farbtupfern. Das leise Summen der Bienen und Hummeln, die fleißig von einem Blütenkelch zum nächsten flogen, gepaart mit dem fröhlichen Zwitschern der Jungvögel, die sich langsam nach der Freiheit der Lüfte sehnten – es war Sommer.

Zwar war der Klostergarten nicht sonderlich groß, er maß vielleicht zehn Schritt in der Breite und etwas mehr in der Länge, mit kleinen angelegten Wegen aus Holzbrettern zwischen den einzelnen Beeten. Dazu kam dann noch der behelfsmäßige kleine Holzzaun, der den Pflanzen zumindest die Illusion eines Schutzes bieten sollte. Aber man sah ihm an, wie gut er gepflegt wurde. Selbst jetzt in der schweren Mittagssonne knieten und hockten zwei Brüder des Konvents auf ihren langen, dunkelgrünen Arbeitsschürzen in den Beeten und rupften Unkraut, bestäubten Blüten oder gossen die Pflanzen mit kleinen Wasserschüsseln.

Auf der anderen Seite des Rundweges, der um den Ziergarten führte, direkt an der Mauer des Wandelganges, war das zweite Gesicht des Gartens zu bestaunen, die Nutzpflanzen. Tomaten, Gurken und Salate wurden hier gezogen und versorgt, ein eigenes kleines Rundbeet für Kräuter verströmte einen würzigen, frischen Geruch. Eine ganze Weile blieb Keruan vor diesem Beet stehen, neigte sich nach vorne und versuchte, die einzelnen Pflanzen richtig zuzuordnen, sich an das zu erinnern, was Sanyarin ihm beigebracht hatte.

„Wurzelkraut, Bruder. Leicht zu verwechseln mit diesem anderen, dessen Namen ich mir nie merken kann.“

Hinter ihm hatte sich ein scheinbar noch recht junger Bruder in der typischen braunen Tracht des Konvents genähert und sah ihm über die Schulter. Er hielt die Hände vor dem Bauch verschränkt und lächelte ein typisch unschuldiges Lächeln – als könne dieser Mann in seinem Leben gar nichts Schlechtes vollbringen. Keruan wandte sich vollends zu ihm um und verneigte sich, das Haupt in Demut gesenkt, wie es der übliche Gruß eines eluivianischen Priesters vorgab. Sein Gegenüber tat es ihm gleich.

„Verzeiht, ich vergaß mich vorzustellen.“, fuhr der junge Mann sogleich dazwischen und richtete dabei seine Robe gerade. „Bruder Asarin, erster Verwalter und Schreiber hier im Konvent. Ihr seid Bruder Keruan, wenn ich mich nicht irre?“

Der Angesprochene legte seinen Kopf etwas schief. Das war also der Mann, der ihm im Auftrag seiner Eminenz das Schreiben zukommen hatte lassen, sich von seiner derzeitigen Aufgabe zu befreien. Keruan hatte sich lange vorgestellt, was er diesem Mann wohl ins Gesicht sagen würde, wenn er ihm gegenüber stünde.

„Der Segen der göttlichen Schöpferin sei mit Euch, Bruder Asarin. Es erfreut mich, dass die Göttliche unsere Wege sich kreuzen ließ, doch sagt – wie kommt es, dass ich Euch, als ersten Verwalter dieses Konvents, nicht schon bei meinem ersten Besuch kennen lernen durfte?“

Der Bruder lachte und bedeutete mit der Hand in Richtung des Weges, als wolle er sich lieber im Gehen unterhalten. Keruan folgte dieser Geste und die beiden verließen auf nächstbestem Wege den Garten, um einige Runden im Wandelgang zu nehmen.

„Ich fürchte, ich war bei Eurem letzten Besuch nicht anwesend, um Euch willkommen zu heißen. Seine Eminenz verlangt von uns oftmals Reisen in die entlegensten Winkel des Lehens, auf dass jedes einzelne Kind der Mutter unseren Segen empfange. Eine nicht ganz leichte Aufgabe, aber wem erzähle ich das?“

Nun musste Keruan doch lächeln und das leichte Amüsement zierte dabei seine Lippen. Was genau der gute Mann wohl mit der „nicht ganz einfachen Aufgabe“ meinte? Den Menschen den Segen der Mutter zu bringen – oder den Wünschen seiner Eminenz nachzufolgen? Er war wirklich ein sehr eigensinniger, dickköpfiger Mann. Aber auf seine Art weise und besonnen.

„Ihr habt gewiss Recht, Bruder, auch wenn mir solch lange und beschwerliche Reisen eher fremd sind. In Hohenfels liegen die Probleme etwas… näher beisammen.“
„Ach was. Ihr habt dort unten mit ganz anderen Dingen zu kämpfen als wir. Habt Ihr euch die Menschen dieses Landes mal angesehen? Die meisten sind Bauern, auf ihre Weise fromm, doch nicht übertrieben gläubig. Wenn es wirklich Probleme gibt, lösen die sie selbst. Uns braucht man eigentlich nur für Hochzeiten, Beerdigungen, Taufen – was für einen Priester eben so ansteht. Und trotzdem leben sich vermutlich mehr nach dem Willen der Mutter als wir selbst.“
„Bruder Asarin! Ihr sprecht so über Euren Konvent? Was würde nur seine Eminenz dazu sagen?“

Bruder Asarin winkte ab und steuerte geradewegs auf eine kleine steinerne Sitzbank zu, die verlockend vor den beiden an der Klosterwand stand.

„Ach, man muss dem Leben nahe bleiben. Wir sind hier, innerhalb der Mauern, viel zu weit weg von dem, was dort draußen geschieht. Irgendwie beneide ich Euch ein bisschen um Eure Aufgabe. Es ist nicht leicht, hier von den Problemen der Menschen zu erfahren. Oh, vergesst es… ich liebe diese Mauern und diesen Konvent und ich mag selbst seine Eminenz – irgendwie. Aber schimpfen oder meckern darf ich doch trotzdem? Es wäre mir neu, dass uns die göttliche Mutter den Mund verbietet. Wir sind nicht so streng wie ein Temorakloster, Bruder.“

Die beiden mussten unwillkürlich lachen. Tatsächlich ließ dieser Konvent vieles an Hierarchie, Obrigkeitsgebahren und Gehorsam vermissen, das man in einem religiösen Kloster vermuten würde. In so mancher Hinsicht wurde an diesem Ort deutlich, was die Lehre der Schöpferin mitzuteilen versuchte – die Gleichheit der Menschen und ihr gemeinsames Streben nach einem friedvollen Zusammensein. Selbst ein Aspirant des Glaubens, selbst der kleinste Akoluth konnte hier vermutlich dem Abt des Klosters widersprechen und seine eigene Meinung äußern, ohne dass er am nächsten Abend an der Klostermauer hing. Hier wurde kein blinder Gehorsam sondern Eigenmündigkeit gelehrt, um das göttliche Blut der Menschen aufzuwecken und ihren Geist zu schärfen.

„Verzeiht, Bruder. Seine Eminenz bat mich, ihm noch bei der Vorbereitung seiner Predigt beizustehen, und ich nehme an, ich bin sowieso wieder viel zu spät. Es würde mich allerdings freuen, Euch später unter den Anwesenden zu wissen?“

Asarin schenkte ihm noch einmal ein Lächeln – Keruan bildete sich ein, dass es fast entschuldigend wirkte – erhob sich dann rasch und eilte mit wehender Robe davon. Nachdenklich blieb Keruan noch eine ganze Weile sitzen, den Blick durch den steinernen Rundbogen hindurch auf den Klostergarten gerichtet.

Verfasst: Mittwoch 3. September 2008, 17:26
von Keruan Esgarath
Es war früher Abend, als sich die Priester, Diakone und Novizen der Reihe nach von ihren Aufgaben trennten und gemächlich in Richtung Kirche schritten. Die Kirche war mit Abstand das Kernstück des ganzen Klosterbaus, auch wenn sie nicht im Zentrum der Anlage stand sondern am westlichen Rand. Allein das riesige Tor war einige Köpfe höher als ein durchschnittlicher Mensch, schwere, eisenbehangene Eichenflügel verliehen dem Anblick etwas Erhabenes, Mächtiges. Der Turm der Kirche erstreckte sich bis weit in den Himmel, an seiner Spitze wachte ein eherner Falke mit scharfen Augen über den Konvent und das Umland. Keruan blieb eine Weile an der Seite des großen Tores stehen und beobachtete all die Brüder und Schwestern, die sich nun zum Abendgebet begaben. Keiner von ihnen hatte noch den Schmutz und Schweiß des Tages an sich, jeder hatte sich zuvor gereinigt und – sollte es nötig gewesen sein – die Kleider gewechselt. Ein jeder von ihnen trug das typische braune Gewand, die weite, zierlose Robe, die zugleich die Einfachheit des Lebens wie auch die Zugehörigkeit zu Eluive symbolisieren sollte. Um die Taille trug ein jeder einen Strick als Gürtel, ein einfaches gedrehtes Hanfseil, das die Robe zusammenhielt und erlaubte, dass man Werkzeuge wie Beutel daran befestigte. Manch einer trug außerdem kleine Ketten oder Armreifen mit religiösen Symbolen, die zweifelsohne einen gewissen immateriellen Wert für diese Menschen haben mochten.

Als Bruder Asarin vom Haupthaus herangeeilt kam, trat auch Keruan in das weite Kirchenschiff. Zwar hatte er hier bei seinem letzten Besuch schon dem ein oder anderen Gottesdienst beiwohnen dürfen, doch die Größe und innere Erhabenheit, die dieses Bauwerk ausstrahlte, erstaunte ihn doch ein jedes Mal aufs Neue. Das Erste, was auffiel, war die Schlichtheit der Einrichtung. Die Kirche war zum größten Teil einfach leer geblieben, man enthielt sich ganz bewusst jeden nutzlosen Tands, jeder Verzierung oder prunkvollen Selbstdarstellung. Stattdessen hielt das Kirchenschiff einige Reihen einfacher, harter Holzbänke bereit. Knien durften die Priester auf dem steinernen Boden, was sicher nicht für alle eine angenehme und schmerzlose Prozedur war – für den Notfall hielt man aber auch einige Kissen bereit. Der Altar war ebenso einfach gehalten, ein schlichter Tisch, darauf alles, was für die Zeremonie selbst gebraucht wurde.

Bemerkenswert aber war vor allem das große Fenster hoch über dem Altar. Man hatte beim Bau der Kirche damals direkt über dem Altar ein mächtiges Rundfenster anbringen lassen, speziell für die frühen und mittäglichen Predigten, so dass der wärmende Strahl der Schöpferin direkt auf den heiligsten Ort des Konvents fallen könne. Jetzt am Abend war das Fenster mit schweren Holzläden verschlossen und geschützt, doch der Anblick eines von Licht umhüllten Priesters, der vor seiner Gemeinde die Lehren der Göttin erläutert, hatte wahrlich etwas Göttliches an sich.

Als das kleine Glöckchen an der Tür zur Sakristei der Kirche zu läuten begann und damit die Ankunft des predigenden Priesters – in diesem Fall seiner Eminenz – ankündigte, traten gerade die letzten Nachzügler ein und nahmen rasch auf einigen freien Bänken Platz. Erstaunlich, nahm Keruan zur Kenntnis. Nahezu alle Plätze waren besetzt und es waren nicht nur Priester, sondern auch viele Bauern, Handwerker und sonstige Bewohner der umliegenden Dörfer und Ortschaften gekommen – gut erkennbar daran, dass sie eben nicht jene braunen Roben trugen. Allesamt erhoben sie sich nun, viele der Priester schenkten dem verschlossenen Dachfenster einen symbolischen dankbaren Blick, dann trat seine Eminenz Tasgat gefolgt von einigen jungen Burschen in den Kirchenraum. Wieder einmal wurde Keruan gerade in diesem Augenblick bewusst, weshalb er so hoch in der Gunst der Göttin stand. Er hatte so viele Gesichter und blieb doch stets der Gleiche. Auch er trug das einfache Gewand der Priester Eluives, keinen zusätzlichen Tand, kein Zeichen seiner Stellung, seines Ranges. Und dennoch verspürte man die natürliche, gottgegebene Autorität, mit der er das Kirchenschiff dominierte. Vermutlich einem jeden war in diesem Raum klar, dass er für die Dauer der Zeremonie mit der Stimme und dem Willen der Göttin sprach, sein Wort das ihre wäre und seine Gunst die ihre ausdrückte.

Die jungen Messdiener – als einzige in diesem Raum in ein weites graues Gewand aus einfachem Leinen gehüllt – knieten nun zu beiden Seiten des Altars nieder und vollführten gleichzeitig mit ihrer jeweils Rechten einen kurzen Göttergruß. Einige der Priester in den Bänken taten es ihnen gleich, manch einer murmelte dabei sogar ein paar leise Worte. Auch Keruan vollführte seinen üblichen Grußritus gegenüber der Göttin, er berührte mit dem Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand zunächst seine Stirn als Sitz des Geistes und Verstandes, dann seine Brust auf Höhe des Herzens, dem Zentrum der Gefühle und der göttlichen Eingebung. Sanyarin hatte ihm dereinst beigebracht, dass die Art und Form des Grußes keine Rolle spielte – nur die Bedeutung, die jeder für sich selbst dahinter las. Dann setzte man sich wieder, den Blick und die Aufmerksamkeit alleine auf den Priester am Altar gerichtet.

„Unser Dank und unsere Ehrerbietung mögen alleine der göttlichen Schöpferin gehören, die sich unserer annimmt, uns liebt und führt auf dem steinigen Weg durch das Leben. So sei ihr Segen, ihr Wohlwollen und ihr gutmütiger Blick allzeit mit euch, Brüder und Schwestern auf dem Pfad des wahren Lichtes, die ihr am heutigen Abend hierher fandet, zu hören und zu sprechen über die Werke der Mutter.“

Leise hallte die Stimme seiner Eminenz im gewaltigen Kirchenschiff nach. Er hatte nur wenig Druck auf seine Stimme ausgeübt, leise gesprochen, aber dafür sehr deutlich – so, wie es angehende Priester schon früh erlernten, denn das Sprechen in einer so großen Halle mit vielen Zuhörern musste lange und eindringlich studiert und geübt werden. Seine Eminenz hatte lange genug Zeit gehabt, diese Fähigkeit zu erlernen – und so verwunderte es nicht, dass selbst die Priester und Bürger in den letzten Reihen jedes seiner Worte mühelos verstehen konnten.

„So will ich euch heute eine Frage stellen. Denn die Fragen des Lebens sind es, die uns den wahren Wunsch, den Willen der Göttin lehren. Denkt daran, Brüder, Schwestern, nur wer selbst denkt und damit den Weg Eluives zu ergründen sucht, erlangt Kenntnis vom wahren Wesen ihrer Selbstaufgabe. Nehmt den stolzen und tapferen Ritter, der sein Leben der Schöpferin verschrieben hat. Tag für Tag kämpft und streitet er im Namen der Mutter, verfolgt das Unrecht und jene, die das Leben schänden, um ihren Willen zu verbreiten. An seiner scharfen Klinge klebt beides – ebenso Blut wie Ehre. Er betet, nachdem er erwacht ist, vor der Mahlzeit, vor der Nachtruhe. Er leistet seine Buße. Man könnte wahrlich sagen, er lebt den Willen der Göttin aus.“

Seine Eminenz endete mit diesen Worten kurz und ließ den Blick eindringlich durch die Bänke schweifen. Keruan war sich nicht sicher, was er mit diesem Blick sagen wollte. Er hatte mit diesem Bild schon einen in sich entzweiten Menschen gezeichnet, ein Handeln und Verständnis für den Glauben, dem er selbst auch schon einige Male begegnen musste. Welcher Seite sollte man nun den Vorzug geben? Keruan kannte die Lehre und er wusste, dass die Schöpfung selbst, das Leben, höher zu werten war als alles andere. Er wusste es nicht nur, er fühlte auch ebenso. Doch seine Zeit im Orden hatte ihn auch gelehrt, dass man ab und an mit anderen Mittel agieren musste, wollte man den wahren Weg nicht nur predigen, sondern auch umgesetzt wissen. Jeder kann sein eigenes Verständnis für eine Gottheit predigen, doch nur, wer Einfluss und Macht besitzt, dem wird auch zugehört. Eine Denkweise, die sich absolut nicht mit dem eluivianischen Bild vertrug, aber ein Resultat der Wirklichkeit war.

„Nun wollen wir einen zweiten Menschen besuchen und betrachten. Er ist von hohem Blute, ein Adeliger, der sich selbst von Temora, Horteras und Eluive eingesetzt sieht, zu wachen und zu herrschen über andere Menschen. Er liebt den Prunk, er liebt das Leben – doch er sorgt für seine Untertanen, kümmert sich um ihre Sorgen und Probleme, gibt ihnen, was sie zum Leben brauchen. Wie seine Schafe hütet er sie. Er betet selten, doch er denkt an die Götter. Wenn es der Umstand gebietet, greift er zur Lüge, doch Buße tut er keine.“

Wieder eine jener Kunstpausen. Vielen der Priester war vermutlich bereits klar, worauf er hinaus wollte, aber unter den einfachen Bürgern und den Novizen brach in diesem Augenblick ein Geflüster und Getuschel aus. Schon bei der Erwähnung des „hohen Blutes“ wurden einige Blicke eisig, in diesem Teil des Lehens war man auf die Hochgeborenen offenbar nicht sonderlich gut zu sprechen. Keruan nahm sich vor, bei Gelegenheit nach dem Grund dafür zu fragen. Auch Bruder Asarin, der direkt neben ihm saß, beugte sich ein wenig herüber und tuschelte ihm zu:

„Und? Schon eine Idee, worauf der alte Kauz rauswill?“

Keruan schüttelte nur tadelnd den Kopf und musste dennoch unwillkürlich schmunzeln. Seine Eminenz hatte mit Bruder Asarin zweifelsohne einen guten Griff getan – ein solcher Verwalter würde jedem auf den Schlips treten, der etwas zu verbergen hatte, und langweilig wurde es mit ihm sicher auch nie. So langsam wurde ihm die etwas merkwürdige Schreibweise des Ladungsschreibens erklärlicher.

„Nun stellt euch selbst die Frage – wen von diesen beiden würdet ihr zuerst von der wahren Lehre überzeugen? Welcher der beiden ist wohl aussichtsreicher, später ein guter und überzeugter Diener des lichten, hellerleuchteten heiligen Pfades der Vollkommenheit zu werden?“

Das überraschte, war aber dennoch nicht verwunderlich. Eine reine Schwarz-Weiß-Frage konnte sich ein Priester seines Ranges nicht erlauben, er ging gleich die Grautöne an. Dennoch ahnte Keruan – und den umliegenden Gesichtern nach zu urteilen auch einige andere – bereits, worauf der letztlich hinaus wollte. Eine Standardpredigt, deren Inhalt jedoch nicht oft genug wiederholt werden konnte.

„Also meine Wahl fiele vermutlich auf den Krieger. Wisst ihr, eigentlich ist er ja schon am Anfang des richtigen Weges, er braucht ihn nur noch ganz zu gehen. Und dieses kleine Dilemma mit seiner rohen Natur… Nun ja, nehmen wir ihm einfach das Schwert weg, damit wäre er ein wundervoller Gläubiger, meint ihr nicht auch?“

Das muntere Lachen auf den meisten Bänken machte deutlich, dass die Zuhörer den Witz hinter dieser Aussage verstanden hatten. Das Lachen verstummte aber ebenso schnell wieder, als ihnen klar wurde, dass die Miene des Priesters noch immer vollkommen ernst war, als habe er gar keinen Witz gemacht.

„Andererseits… ist nicht auch der Adelige ein guter Gläubiger? Er folgt dem Pfad des Glaubens etwas anders, das ist wahr. Er sorgt sich um Menschen, die ihm unterstehen – obwohl er sich selbst nicht erhöhen dürfte. Doch auch er schätzt das Leben, die Schöpfung. Was macht ihn also zu einem schlechteren Menschen?“

Das Lachen war nun wieder vollkommen verstummt, der Schalk in den Gesichtern wich der Ernsthaftigkeit, der Nachdenklichkeit. Man war bereit, über dieses Problem wirklich nachzudenken. Auch Keruan runzelte leicht die Stirn, als ihm das eigentliche Problem klar wurde. Beide folgten auf ihre Weise den Lehren der Mutter und beide taten es zugleich nicht. Konnte man das Vergehen des einen gegen den Hochmut des anderen aufwiegen? Und stand es einem geweihten Diener der Schöpferin überhaupt zu, über beide zu richten? Das Leben folgte seinen ganz eigenen Bahnen, jedes Kind des göttlichen Schoßes trug seine eigene Melodie in sich. Doch befanden sich diese beiden Klänge des Liedes wirklich auf Abwegen?

„Nun habe ich diese Bilder bewusst gezeichnet, um euch die Schwierigkeit der Lehre vor Augen zu führen. Wenige Menschen zeigen ihre wahre Natur so frei und offen. Wann ist ein Mensch auf dem falschen Pfad? Sobald seine Wege nicht mehr mit den euren übereinstimmen? Wann ist das, was ein Mensch tut, wirklich ein Keim der dunklen Saat? Meine Brüder, meine Schwestern – wer darüber nicht nachdenkt, kann der sich sicher sein, niemals falsch zu urteilen? Denn so ist es mit dem Menschen wie mit dem Fliegenpilz. Ganz gleich, welche Farbe und Form er hat, wie groß er auch ist, er ist und bleibt ein Fliegenpilz. Die Oberfläche allein kann täuschen.“

Damit hatte seine Eminenz den Hauptteil der Predigt abgeschlossen. Was folgte, waren noch einige Dankgebete, Fürbitten und Lieder im Namen der Göttin, Hinweise und Ratschläge für ein Leben auf dem wahren Pfad und die anstehenden Aufgaben für den Konvent – Dinge, die Keruan nur noch teilweise mit verfolgte. Vielmehr beschäftigte ihn noch das eigentliche Thema des Gottesdienstes. Auch wenn es vielleicht nicht die beste Predigt gewesen war, die seine Eminenz Tasgat je gehalten hatte – tatsächlich musste er heute einen schlechten Tag erwischt haben, er wirkte die ganze Zeit über etwas müde – das Problem hatte Keruan erkannt. Bereits zuvor, denn er war selbst einige Male darüber gestolpert. Unwillkürlich kam ihm ein längst vergangenes Gespräch mit einer Frau wieder in den Kopf, die er dereinst vor Bajard angetroffen hatte. Wie es ihr wohl erging? Ob sie über seine Worte nachgedacht hatte, wie er über die ihren?

„Bruder? Kommt ihr?“

Bruder Asarin klopfte Keruan unsanft auf die Schulter und erinnerte ihn damit daran, dass die Predigt vorbei war. Ohne es zu merken, war er mit den anderen aufgestanden und hatte den Abschiedsgruß gegeben.

„Bruder Asarin? Ich denke, ich werde mich zurückziehen. Ich werde morgen zurück nach Hohenfels aufbrechen und dort meinen Aufgaben nachgehen. Solltet ihr ihn jedoch noch sehen, richtet seiner Eminenz bitte aus, dass ich seine Worte verstanden habe. Alles Weitere… liegt in den Händen der Mutter.“