Aufklärung á la Elbenau
Verfasst: Samstag 2. August 2008, 17:18
Und Rehya wollte das ausgerechnet von ihr wissen, na Wahnsinn. Seit Rafael sie vorgewarnt hatte, zergrübelte sie sich den Kopf. "Wo kommen Kinder her?" Was im Schlafzimmer dabei passierte, darüber wurden immer die unterschiedlichsten Andeutungen gemacht, und so genau wollte sie das gar nicht wissen. Aber wie entstanden Kinder? Und wie hatte man ihr selber das erklärt?
Düster kam irgendwann die Erinnerung. Stimmt, Kinder kamen von den Sternen... die sangen, und dann...
"Eluive betrachtete das Werk ihrer Musik und sie war zufrieden. Ihre Kreativität war jedoch lange nicht ausgeschöpft. Gestirne hatten sich aus den Klängen gebildet die weit zu hören gewesen waren.
...
Der Hass ließ die Menschen taub werden für die Melodien, die die Gestirne spielten."
Sie hatte lange kaum mehr daran gedacht, was ihre Frau Mutter ihr damals dazu erzählt hatte, doch es machte zusammen mit Darnas jetzigem Wissen um das Wesen der Welt schnell Sinn. Es war der guten Sieglinde von Elbenau sicher auch nachzusehen, daß sie es also nicht mit dem gleichen tief-religiösen Ernst betrachtete wie nun ihre Tochter.
Nur kuscheln?
Im Kaminzimmer der Schlosses war gestern die Sprache auf das Thema gekommen, und nachdem Adrian sich zur Ruhe begeben hatte, konnte sie auch bedenkenloser diese sonst doch schnell zwiespältige Sache behandeln. Sie sollte Rehya also erklären, wodurch Kinder entstanden - am besten nachdem man ihr vier verschiedene Geschichten dazu erzählt hatte?
"Naja, Rahels Version fand ich schon nett", meinte Rafael, "aber die glaubt sie nicht." Fragend sah Darna zu Rahel.
"Nun, ich sagte ihr, daß Papa und Mama miteinander kuscheln... nur, nunja - sie denkt, nun darf sie es auch nicht mehr und wollte nun genau wissen, wie ich das meine."
"Wie soll man es ihr sonst erklären? Obwohl sie jetzt Angst hat, mit mir zu kuscheln", schmollte Rafael. Darna hörte dem skeptisch und etwas ungläubig zu.
"Das war alles, was ihr ihr dazu gesagt habt?"
"Gut, bitte: wie hättet Ihr es erklärt?"
Sie hüstelte sich räuspernd in die Hand. "Das ist eigentlich eine ziemlich komplizierte Geschichte - jedenfalls, wenn man sie einem Kind erklären will."
"Eben drum."
"Naja, aber warum sollte man Kindern etwas, das kompliziert ist, als leicht verkaufen. Das kann ja nur Lügen geben. Also die Wahrheit", schloß sie schlußfolgernd. Rafael sah sie etwas merkwürdig an: "Ah... die da wäre? Mama und Papa kuscheln."
Darna atmete tief ein. Sie stockte gedanklich kurz. Musste sie jetzt etwa... Rafael... aufklären?!
"Ähm... naja, vermutlich gehört das dazu, ist ja aber erst nur der Anfang."
"Alles andere braucht man ihr doch noch nicht zu erzählen", fanden Rafael und Rahel fast gleichzeitig. Darnas Stirn furchte sich wie so oft.
"Das heißt, sie versteht... das noch nicht?", fragte sie vorsichtig und leicht ungläubig, "Sie machte doch eigentlich einen recht akzeptablen Eindruck, daß sie das schon wüsste und verstanden hätte."
"Sie glaubt es eben nicht wirklich."
"Würd ich auch nicht, wenn der Rest fehlt", entgegnete Darna schlicht. Rahel wurde knallrot, während die Paladina abschätzig anfügte: "Vom kuscheln..."
Die Sache mit den Sternen
Es war den beiden wirklich nicht geläufig. Sie schaute Rafael völlig planlos an, als er ihr irgendwas mit Blumen und Bienchen erzählen wollte. "Was...? Unfug. Was für Blumen??" Was sollten Blumen bitte damit zu tun haben? Das war ja genauso lächerlich wie die einst auf Felsenstein aufgeschnappte Erklärung, Frauen würden schwanger, wenn ein Storch sie ins Bein beißt. Das hatte ja nicht mal Darna geglaubt. Aber auch die Wahrheit schien den beiden reichlich neu:
"Wenn zwei Menschen ein Kind wollen, muß sich nun mal eine neue Melodie ausgedacht werden. Das ist so, warum sollte man das dann anders erklären und sich was mit Blumen ausdenken? Und daß die Gestirne dazu in der Lage sind, bekommt man mit etwas Geduld selbst einem Kind erklärt."
"Musik? Gestirne?" Rafael sah sie an, als würde sie ihm was vom Pferd erzählen. "Also DAS würde ich noch weniger glauben als das mit den Bienen."
"Rafael...", beharrte Darna nun geduldig, "Eluive hat die Welt als Lied geschaffen, nicht?"
"Ja, aber das kann man doch nicht vergleichen. Ich meine... ein Kind..."
"Willst du die Schöpfungsgeschichte anzweifeln?" - das wurde hier ja gerade immer schöner. Sie richtete sich empört etwas auf.
"Beim... also ähm üben hört man ja auch manchmal... Melodien, aber sowas...", haspelte Rafael herum.
"Hört man die?", fragte Rahel.
"Jeder Magier kann einem erklären, daß man sie hört", konstatierte Darna nüchtern empört. Auf welchen Unverstand traf sie hier bloß gerade? "Und jedes Lebewesen hat seine eigene, komplizierte Melodie." Das musste Rafael doch wissen.
"Was?", fragte der Kronritter heiser, einen Tick überfordert von dem Thema, "Ich singe aber nicht dabei."
Darna versuchte es nochmal: "Wenn ein Kind geboren werden soll... wird ein neuer Teil des Liedes geformt. Einzigartig. Und nein, Rafael, die Eltern müssen dabei nicht singen." Das wäre ja noch schöner, wenn man dafür selber singen müsste. Sie stellte sich das flüchtig vor... nein. "Die Sterne werden gebeten, das zu tun, weil jeder seine eigene Melodie hat. Hat man dir denn nicht mal solch grundlegende Sachen beigebracht?"
Sie konnte nur den Kopf darüber schütteln und erklärte weiter: "Die Mutter trägt dann eben neun Monate den wachsenden Körper, so lange wie es nun mal Zeit braucht, daß diese Melodie genügend fertig ist."
Genauso naheliegend. So etwas kompliziertes wie einen neuen Menschen machte man ja nun nicht mal einfach so über Nacht... Sie ignorierte die seltsamen Blicke und schloß ihre Erklärung, die ihr offensichtlich regelrecht predigend theologisch todernst war:
"Und dann gelangt die Melodie in den Körper, und der neue Mensch wird geboren. Eigentlich ganz einfach."
"Einfach...", echote Rafael und ihm fiel die Kinnlade fast herab.
"Also nichts, wovor man Angst haben sollte", kommentierte Rahel. Nein. Im Grunde nicht. Wenn man nicht gerade Darna von Elbenau hieß und größte Sorge hatte, während der Schwangerschaft hilflos wie eine fußlahme fette Ente von allen anderen in Watte gepackt zu werden. Oder daß... etwas schief ging, was die Melodie anging.
"Das einzige, was... schiefgehen kann", fügte sie etwas besorgter hinzu, "ist, daß das Lied während der Entstehung gestört oder nicht fertig wird. Das nennt man hier dann Fehlgeburt."
Rafael zuckte zusammen. Und ja, Jall hatte auch in Darnas Augen einen der schwersten Frevel begangen: er hatte sich mit seiner Magie destruktiv in das Wirken Eluives gemischt, die Entstehung neuen Lebens beeinflusst und tödlich verdorben. Solchen Menschen durfte eigentlich gar nicht gestattet sein, in die Harmonie der Welt einzugreifen - doch die Macht des Panthers, solches schützend zuzulassen, die Möglichkeit dazu zu geben, war groß.
Beten oder nicht?
"Wie kann man... so eine... ähm Sache nur so nüchtern sehen?" Irgend etwas an der Erklärung schien so gar nicht in das Weltbild des befreundeten Ritters zu passen.
"Was... das... das körperliche... das kann man ruhig beiseite lassen, das ist doch völlig zweitrangig." Verlegen versteckte sie ihre Mimik im Saftglas, von dem sie gerade trank. Besonders für Kinder. Und überhaupt.
"Kuscheln... Zweit...rangig", wiederholte Rafael nochmal völlig perplex. "Wer sowas nüchtern... ohne Gefühl macht...", er schüttelte heftig den Kopf, "das geht gar nicht."
"Ich schätze, man wird Eluive sicher auch nicht gefühllos nach einem Kind bitten", giftete Darna ihn fast schon an, "Aber wie... weit... wisst... Ihr doch wohl eher als ich, Sir."
"Bitte WAS? NEIN, sicher nicht!"
"Sag mal, bist du hier bereits Vater, oder nicht?" - Rafael verwirrte sie zunehmend. Er musste das doch eigentlich viel besser wissen... wie das ging.
"Ich meine... ich würde dabei an alles andere denken, aber sicher nicht daran, mitten dabei Eluive zu bitten."
Rahel lachte los. Darna beobachtete die beiden zunehmend vor den Kopf geschlagen. Rafael sank leicht im Stuhl zusammen. "Darna, das ist... geht... irgendwie anders."
"Und ich fürchte, nicht jeder, der ein Kind bekam, bat Eluive darum. Und auch nicht jede Mutter dankte ihr sicher dafür", wandte Rahel nun vorsichtig ein.
Sie blinzelte und kam sich einen Moment vor, als würde ihr der Teppich unter den Füßen weggezogen. Ja, das mochte schon richtig sein, aber...
"Manchmal... hält Eluive es eben selber für richtig, ja weiß ich", erwiderte sie etwas tonlos. Über die Vorgänge und Gründe, was stattfand, wenn zwei Menschen sich nicht liebten und das wollten, hatte sie sich gar nicht recht dabei Gedanken gemacht. Es ging doch darum, es Rehya zu erklären. "Die Geschichte mit Paia gibt es nun mal eben auch", meinte sie leiser. Aber das erklärte man doch nicht einem unschuldigen arglosen Mädchen.
Rafael beharrte immernoch auf diesen Bettgeschichten und verärgerte sie langsam damit, zumal es ihr immer peinlicher wurde, dem eingetrichterten Anstand zugegenlief. "Hat man dir schon mal erklärt, daß sowas in Kaschemmen gehört? Aber sicher nicht hierher." Energisch klopfte sie ihren Rock ab.
"Und ich soll Rehya noch erklären, daß nur das körperliche eine Rolle spielt und dabei das Wesen der Welt verleugnen, oder was?", fragte sie gereizt. Im Hinterkopf fragte sie sich, wie Luca das wohl sähe. Der Bengel redete dauernd nur was von "drüberrutschen" und "in die Büsche zerren". Und jetzt benahmen Rafael und Rahel sich fast ähnlich, daß Darna sich dabei genauso dumm vorkam.
"Nein, nein. Nicht das Wesen der Welt. Das Wesen des Partners spielt eine Rolle", versuchte Rafael zu erklären.
Ha, Treffer! Darna lächelte süffisant nachsichtig auf: "Ach, und das ist nicht Teil der Harmonie, oder was?"
"Doch...", er schaute hilfesuchend zu Rahel, "Rahel - sag du doch auch mal was."
Rahel schmunzelte. "Ich weiß eben nicht, was sie schon versteht, also bisher."
"Sie? Oder Rehya?", fragte Rafael fast ernst, immernoch erschüttert wirkend.
Singen Elfen dabei?
"Ein wenig habe ich Bedenken, daß Rehya dann kein Gutenachtlied mehr von Rafael will aus Angst, sie bekommt dann ein Brüderchen."
"Nein, sie muß eben verstehen, daß die Sterne das Lied formen", betonte Darna. Daß die beiden sich so auf eigenes Singen dabei versteiften, wollte ihr nicht begreiflich werden. "Das hat mit menschlichem Gesang wenig zu tun." Wobei? Sich fast überschlagend purzelten Assoziationen und Erinnerungsfetzen zusammen. Hatte man das früher gemeint? Scheinbar. "Von Elfen wird allerdings manchmal gesagt, daß sie da eher... tatsächlich Gesang mit benutzen. Irgendwann meinte Elnesta auch einmal freimütig, Adrians und meine Harmonie würden gut zueinander passen oder so ähnlich..." Sie hüstelte.
"Du meinst, sie singen dabei?", fragte Rafael nun sichtlich verblüfft. Er zog in Erwägung, tatsächlich einmal Elnesta dazu zu befragen.
"Das würde mich eigentlich auch interessieren, ob die Gerüchte stimmen, aber naja...", sie räusperte sich wieder, "Ist eben sehr privat sowas."
Liebe ohne Götterwillen?
"Aber ich weiß nicht, ob das mit... dem Lied eine sooo gute Erklärung ist für Rehya.
"Warum, versteht sie nichts von Musik?"
"Nein.. ich meine, ja, aber nur von der Musik, die ihre Mutter machte." Langsam wirkte Rafael entnervt und Darna stur wie zuvor.
"Na bitte, dann wird man ihr auch erklären können, daß Eluives Lied... noch komplexer ist."
"Können wir bitte... bei... Kuscheln bleiben?", meinte er fast bettelnd.
"Und du warst mal Paladin...", erwiderte sie leise und entrüstet in blankem Vorwurf. Wie konnte er sich so störrisch gegenüber der Tatsache erweisen, daß Eluive für die Werdung neuen Lebens verantwortlich war?
"Jaaa... Aber ich..." - Rafael wusste langsam nicht mehr, was er sagen sollte. "Das ist doch was ganz anderes", schloß er verzweifelt.
"Ist es nicht", beharrte sie, "Das ist, als würdest du im Baum des Lichtes bloß eine Pflanze sehen."
"Das ist was ganz ANDERES!", beharrte er nun stur, "Das ist was... theologisches, das ist Temora, das ist... nüchtern, das ist göttliche Fügung, und hat mit der Liebe der Menschen nicht zu tun."
Ihr Blick weitete sich kurz und der Blick gewann an Schärfe. Liebe der Menschen - nichts mit Temora zu tun? Sie verfolgte kaum, was er noch eifrig erklärte, er sagte irgendwas von kalt duschen und: "Und wenn es passt, singt un betet man vorher sicher nicht."
"Es reicht", fuhr sie streng dazwischen, "Wenn Ihr nicht aufpasst, was Ihr sagt, Sir, seid Ihr kurz davor, zu behaupten, die Liebe der Menschen hätte nichts mit dem Werk und der Macht der Götter zu tun... und dafür", betonte sie völlig todernst, "bekämt Ihr meine Forderung."
"Halt, die Liebe vielleicht", wandte Rahel nun rasch ein, "Die körperliche Liebe, da wäre ich mir nicht sicher."
"Das...", sie sah Rahel erst baff, dann tadelnd an und stand auf. "Genug. So tief sollte meine Meinung von euch nicht sinken." Sie griff nach ihrem Umhang, und ohne sich umzublicken, verließ sie steif das Zimmer. "Guten Abend."
Sie ging um die Bücherregale herum, die Wangen gerötet in Scham und Empörung. Sie beharrten beide darauf, es brauche dafür nicht eine liebende Einvernehmlichkeit der beiden Eltern mit der Göttermutter? Ja, das ging, aber...
Noch über die Regale drang an Rafaels und Rahels Ohren die leise, doch scharf klingende Stimme der Paladina, jedes Wort verstehbar: "Wenn Ihr noch einen Funken der Lehre vor Augen habt, Sire, wisst Ihr, was Alatars Werk an Paia war... und was es bedeutet, sowas auf... 'das körperliche' zu reduzieren."
"Das tue ich nicht", grummelte der Kronritter und sank etwas in sich zusammen, "Himmel hilf..."
Düster kam irgendwann die Erinnerung. Stimmt, Kinder kamen von den Sternen... die sangen, und dann...
"Eluive betrachtete das Werk ihrer Musik und sie war zufrieden. Ihre Kreativität war jedoch lange nicht ausgeschöpft. Gestirne hatten sich aus den Klängen gebildet die weit zu hören gewesen waren.
...
Der Hass ließ die Menschen taub werden für die Melodien, die die Gestirne spielten."
Sie hatte lange kaum mehr daran gedacht, was ihre Frau Mutter ihr damals dazu erzählt hatte, doch es machte zusammen mit Darnas jetzigem Wissen um das Wesen der Welt schnell Sinn. Es war der guten Sieglinde von Elbenau sicher auch nachzusehen, daß sie es also nicht mit dem gleichen tief-religiösen Ernst betrachtete wie nun ihre Tochter.
Nur kuscheln?
Im Kaminzimmer der Schlosses war gestern die Sprache auf das Thema gekommen, und nachdem Adrian sich zur Ruhe begeben hatte, konnte sie auch bedenkenloser diese sonst doch schnell zwiespältige Sache behandeln. Sie sollte Rehya also erklären, wodurch Kinder entstanden - am besten nachdem man ihr vier verschiedene Geschichten dazu erzählt hatte?
"Naja, Rahels Version fand ich schon nett", meinte Rafael, "aber die glaubt sie nicht." Fragend sah Darna zu Rahel.
"Nun, ich sagte ihr, daß Papa und Mama miteinander kuscheln... nur, nunja - sie denkt, nun darf sie es auch nicht mehr und wollte nun genau wissen, wie ich das meine."
"Wie soll man es ihr sonst erklären? Obwohl sie jetzt Angst hat, mit mir zu kuscheln", schmollte Rafael. Darna hörte dem skeptisch und etwas ungläubig zu.
"Das war alles, was ihr ihr dazu gesagt habt?"
"Gut, bitte: wie hättet Ihr es erklärt?"
Sie hüstelte sich räuspernd in die Hand. "Das ist eigentlich eine ziemlich komplizierte Geschichte - jedenfalls, wenn man sie einem Kind erklären will."
"Eben drum."
"Naja, aber warum sollte man Kindern etwas, das kompliziert ist, als leicht verkaufen. Das kann ja nur Lügen geben. Also die Wahrheit", schloß sie schlußfolgernd. Rafael sah sie etwas merkwürdig an: "Ah... die da wäre? Mama und Papa kuscheln."
Darna atmete tief ein. Sie stockte gedanklich kurz. Musste sie jetzt etwa... Rafael... aufklären?!
"Ähm... naja, vermutlich gehört das dazu, ist ja aber erst nur der Anfang."
"Alles andere braucht man ihr doch noch nicht zu erzählen", fanden Rafael und Rahel fast gleichzeitig. Darnas Stirn furchte sich wie so oft.
"Das heißt, sie versteht... das noch nicht?", fragte sie vorsichtig und leicht ungläubig, "Sie machte doch eigentlich einen recht akzeptablen Eindruck, daß sie das schon wüsste und verstanden hätte."
"Sie glaubt es eben nicht wirklich."
"Würd ich auch nicht, wenn der Rest fehlt", entgegnete Darna schlicht. Rahel wurde knallrot, während die Paladina abschätzig anfügte: "Vom kuscheln..."
Die Sache mit den Sternen
Es war den beiden wirklich nicht geläufig. Sie schaute Rafael völlig planlos an, als er ihr irgendwas mit Blumen und Bienchen erzählen wollte. "Was...? Unfug. Was für Blumen??" Was sollten Blumen bitte damit zu tun haben? Das war ja genauso lächerlich wie die einst auf Felsenstein aufgeschnappte Erklärung, Frauen würden schwanger, wenn ein Storch sie ins Bein beißt. Das hatte ja nicht mal Darna geglaubt. Aber auch die Wahrheit schien den beiden reichlich neu:
"Wenn zwei Menschen ein Kind wollen, muß sich nun mal eine neue Melodie ausgedacht werden. Das ist so, warum sollte man das dann anders erklären und sich was mit Blumen ausdenken? Und daß die Gestirne dazu in der Lage sind, bekommt man mit etwas Geduld selbst einem Kind erklärt."
"Musik? Gestirne?" Rafael sah sie an, als würde sie ihm was vom Pferd erzählen. "Also DAS würde ich noch weniger glauben als das mit den Bienen."
"Rafael...", beharrte Darna nun geduldig, "Eluive hat die Welt als Lied geschaffen, nicht?"
"Ja, aber das kann man doch nicht vergleichen. Ich meine... ein Kind..."
"Willst du die Schöpfungsgeschichte anzweifeln?" - das wurde hier ja gerade immer schöner. Sie richtete sich empört etwas auf.
"Beim... also ähm üben hört man ja auch manchmal... Melodien, aber sowas...", haspelte Rafael herum.
"Hört man die?", fragte Rahel.
"Jeder Magier kann einem erklären, daß man sie hört", konstatierte Darna nüchtern empört. Auf welchen Unverstand traf sie hier bloß gerade? "Und jedes Lebewesen hat seine eigene, komplizierte Melodie." Das musste Rafael doch wissen.
"Was?", fragte der Kronritter heiser, einen Tick überfordert von dem Thema, "Ich singe aber nicht dabei."
Darna versuchte es nochmal: "Wenn ein Kind geboren werden soll... wird ein neuer Teil des Liedes geformt. Einzigartig. Und nein, Rafael, die Eltern müssen dabei nicht singen." Das wäre ja noch schöner, wenn man dafür selber singen müsste. Sie stellte sich das flüchtig vor... nein. "Die Sterne werden gebeten, das zu tun, weil jeder seine eigene Melodie hat. Hat man dir denn nicht mal solch grundlegende Sachen beigebracht?"
Sie konnte nur den Kopf darüber schütteln und erklärte weiter: "Die Mutter trägt dann eben neun Monate den wachsenden Körper, so lange wie es nun mal Zeit braucht, daß diese Melodie genügend fertig ist."
Genauso naheliegend. So etwas kompliziertes wie einen neuen Menschen machte man ja nun nicht mal einfach so über Nacht... Sie ignorierte die seltsamen Blicke und schloß ihre Erklärung, die ihr offensichtlich regelrecht predigend theologisch todernst war:
"Und dann gelangt die Melodie in den Körper, und der neue Mensch wird geboren. Eigentlich ganz einfach."
"Einfach...", echote Rafael und ihm fiel die Kinnlade fast herab.
"Also nichts, wovor man Angst haben sollte", kommentierte Rahel. Nein. Im Grunde nicht. Wenn man nicht gerade Darna von Elbenau hieß und größte Sorge hatte, während der Schwangerschaft hilflos wie eine fußlahme fette Ente von allen anderen in Watte gepackt zu werden. Oder daß... etwas schief ging, was die Melodie anging.
"Das einzige, was... schiefgehen kann", fügte sie etwas besorgter hinzu, "ist, daß das Lied während der Entstehung gestört oder nicht fertig wird. Das nennt man hier dann Fehlgeburt."
Rafael zuckte zusammen. Und ja, Jall hatte auch in Darnas Augen einen der schwersten Frevel begangen: er hatte sich mit seiner Magie destruktiv in das Wirken Eluives gemischt, die Entstehung neuen Lebens beeinflusst und tödlich verdorben. Solchen Menschen durfte eigentlich gar nicht gestattet sein, in die Harmonie der Welt einzugreifen - doch die Macht des Panthers, solches schützend zuzulassen, die Möglichkeit dazu zu geben, war groß.
Beten oder nicht?
"Wie kann man... so eine... ähm Sache nur so nüchtern sehen?" Irgend etwas an der Erklärung schien so gar nicht in das Weltbild des befreundeten Ritters zu passen.
"Was... das... das körperliche... das kann man ruhig beiseite lassen, das ist doch völlig zweitrangig." Verlegen versteckte sie ihre Mimik im Saftglas, von dem sie gerade trank. Besonders für Kinder. Und überhaupt.
"Kuscheln... Zweit...rangig", wiederholte Rafael nochmal völlig perplex. "Wer sowas nüchtern... ohne Gefühl macht...", er schüttelte heftig den Kopf, "das geht gar nicht."
"Ich schätze, man wird Eluive sicher auch nicht gefühllos nach einem Kind bitten", giftete Darna ihn fast schon an, "Aber wie... weit... wisst... Ihr doch wohl eher als ich, Sir."
"Bitte WAS? NEIN, sicher nicht!"
"Sag mal, bist du hier bereits Vater, oder nicht?" - Rafael verwirrte sie zunehmend. Er musste das doch eigentlich viel besser wissen... wie das ging.
"Ich meine... ich würde dabei an alles andere denken, aber sicher nicht daran, mitten dabei Eluive zu bitten."
Rahel lachte los. Darna beobachtete die beiden zunehmend vor den Kopf geschlagen. Rafael sank leicht im Stuhl zusammen. "Darna, das ist... geht... irgendwie anders."
"Und ich fürchte, nicht jeder, der ein Kind bekam, bat Eluive darum. Und auch nicht jede Mutter dankte ihr sicher dafür", wandte Rahel nun vorsichtig ein.
Sie blinzelte und kam sich einen Moment vor, als würde ihr der Teppich unter den Füßen weggezogen. Ja, das mochte schon richtig sein, aber...
"Manchmal... hält Eluive es eben selber für richtig, ja weiß ich", erwiderte sie etwas tonlos. Über die Vorgänge und Gründe, was stattfand, wenn zwei Menschen sich nicht liebten und das wollten, hatte sie sich gar nicht recht dabei Gedanken gemacht. Es ging doch darum, es Rehya zu erklären. "Die Geschichte mit Paia gibt es nun mal eben auch", meinte sie leiser. Aber das erklärte man doch nicht einem unschuldigen arglosen Mädchen.
Rafael beharrte immernoch auf diesen Bettgeschichten und verärgerte sie langsam damit, zumal es ihr immer peinlicher wurde, dem eingetrichterten Anstand zugegenlief. "Hat man dir schon mal erklärt, daß sowas in Kaschemmen gehört? Aber sicher nicht hierher." Energisch klopfte sie ihren Rock ab.
"Und ich soll Rehya noch erklären, daß nur das körperliche eine Rolle spielt und dabei das Wesen der Welt verleugnen, oder was?", fragte sie gereizt. Im Hinterkopf fragte sie sich, wie Luca das wohl sähe. Der Bengel redete dauernd nur was von "drüberrutschen" und "in die Büsche zerren". Und jetzt benahmen Rafael und Rahel sich fast ähnlich, daß Darna sich dabei genauso dumm vorkam.
"Nein, nein. Nicht das Wesen der Welt. Das Wesen des Partners spielt eine Rolle", versuchte Rafael zu erklären.
Ha, Treffer! Darna lächelte süffisant nachsichtig auf: "Ach, und das ist nicht Teil der Harmonie, oder was?"
"Doch...", er schaute hilfesuchend zu Rahel, "Rahel - sag du doch auch mal was."
Rahel schmunzelte. "Ich weiß eben nicht, was sie schon versteht, also bisher."
"Sie? Oder Rehya?", fragte Rafael fast ernst, immernoch erschüttert wirkend.
Singen Elfen dabei?
"Ein wenig habe ich Bedenken, daß Rehya dann kein Gutenachtlied mehr von Rafael will aus Angst, sie bekommt dann ein Brüderchen."
"Nein, sie muß eben verstehen, daß die Sterne das Lied formen", betonte Darna. Daß die beiden sich so auf eigenes Singen dabei versteiften, wollte ihr nicht begreiflich werden. "Das hat mit menschlichem Gesang wenig zu tun." Wobei? Sich fast überschlagend purzelten Assoziationen und Erinnerungsfetzen zusammen. Hatte man das früher gemeint? Scheinbar. "Von Elfen wird allerdings manchmal gesagt, daß sie da eher... tatsächlich Gesang mit benutzen. Irgendwann meinte Elnesta auch einmal freimütig, Adrians und meine Harmonie würden gut zueinander passen oder so ähnlich..." Sie hüstelte.
"Du meinst, sie singen dabei?", fragte Rafael nun sichtlich verblüfft. Er zog in Erwägung, tatsächlich einmal Elnesta dazu zu befragen.
"Das würde mich eigentlich auch interessieren, ob die Gerüchte stimmen, aber naja...", sie räusperte sich wieder, "Ist eben sehr privat sowas."
Liebe ohne Götterwillen?
"Aber ich weiß nicht, ob das mit... dem Lied eine sooo gute Erklärung ist für Rehya.
"Warum, versteht sie nichts von Musik?"
"Nein.. ich meine, ja, aber nur von der Musik, die ihre Mutter machte." Langsam wirkte Rafael entnervt und Darna stur wie zuvor.
"Na bitte, dann wird man ihr auch erklären können, daß Eluives Lied... noch komplexer ist."
"Können wir bitte... bei... Kuscheln bleiben?", meinte er fast bettelnd.
"Und du warst mal Paladin...", erwiderte sie leise und entrüstet in blankem Vorwurf. Wie konnte er sich so störrisch gegenüber der Tatsache erweisen, daß Eluive für die Werdung neuen Lebens verantwortlich war?
"Jaaa... Aber ich..." - Rafael wusste langsam nicht mehr, was er sagen sollte. "Das ist doch was ganz anderes", schloß er verzweifelt.
"Ist es nicht", beharrte sie, "Das ist, als würdest du im Baum des Lichtes bloß eine Pflanze sehen."
"Das ist was ganz ANDERES!", beharrte er nun stur, "Das ist was... theologisches, das ist Temora, das ist... nüchtern, das ist göttliche Fügung, und hat mit der Liebe der Menschen nicht zu tun."
Ihr Blick weitete sich kurz und der Blick gewann an Schärfe. Liebe der Menschen - nichts mit Temora zu tun? Sie verfolgte kaum, was er noch eifrig erklärte, er sagte irgendwas von kalt duschen und: "Und wenn es passt, singt un betet man vorher sicher nicht."
"Es reicht", fuhr sie streng dazwischen, "Wenn Ihr nicht aufpasst, was Ihr sagt, Sir, seid Ihr kurz davor, zu behaupten, die Liebe der Menschen hätte nichts mit dem Werk und der Macht der Götter zu tun... und dafür", betonte sie völlig todernst, "bekämt Ihr meine Forderung."
"Halt, die Liebe vielleicht", wandte Rahel nun rasch ein, "Die körperliche Liebe, da wäre ich mir nicht sicher."
"Das...", sie sah Rahel erst baff, dann tadelnd an und stand auf. "Genug. So tief sollte meine Meinung von euch nicht sinken." Sie griff nach ihrem Umhang, und ohne sich umzublicken, verließ sie steif das Zimmer. "Guten Abend."
Sie ging um die Bücherregale herum, die Wangen gerötet in Scham und Empörung. Sie beharrten beide darauf, es brauche dafür nicht eine liebende Einvernehmlichkeit der beiden Eltern mit der Göttermutter? Ja, das ging, aber...
Noch über die Regale drang an Rafaels und Rahels Ohren die leise, doch scharf klingende Stimme der Paladina, jedes Wort verstehbar: "Wenn Ihr noch einen Funken der Lehre vor Augen habt, Sire, wisst Ihr, was Alatars Werk an Paia war... und was es bedeutet, sowas auf... 'das körperliche' zu reduzieren."
"Das tue ich nicht", grummelte der Kronritter und sank etwas in sich zusammen, "Himmel hilf..."