Seite 1 von 2
Ein kleiner Wichtel?
Verfasst: Sonntag 6. Juli 2008, 15:44
von Erik Forstnam
Dichtes Gras wucherte auf den steinernen Fließen, die vom Gartentor bis zum eigentlich Haus führen sollten. Die kleine Sitzgruppe aus Baumstämmen, die um das kleine Lagerfeuer herum angerichtet worden waren, sah schon verwittert aus und trug die Zeichen von Wind und Wetter. Die kleinen Schafe und Hühner neben dem Haus schienen den gealterten Mann auch nicht mehr zu erkennen, der am Gartentor lehnte und sich beinahe die Augen aus dem Leibe glotzte.
"Frau Forstnam?", schallte ein leiser Ruf durch den Garten. Wenn sie da war, würde sie reagieren, das wusste er. Nichts rührte sich, es blieb still um das Haus und die Fenster gaben nur den Blick auf leere Zimmer frei. Mit zittrigen Händen schob er das Metallstück in das Schloss des Gartentors. Quietschend ließ es sich aufschieben - selbst hier war dringend eine Reparatur notwendig. Keiner hatte sich um die wichtigen Dinge im Haus gekümmert, das war offensichtlich.
Im Haus herrschte Stille. Die Werkstatt hatte sich nicht verändert, alles stand an seinem Fleck, so wie der Mann es schon einmal gesehen und sich für ewig gemerkt hatte. In den Truhen fand er noch immer die gähnende Leere vor, die schon früher für den Holzfäller des Hauses typisch gewesen war. In der Küche stapelte sich dagegen das dreckige Geschirr - vermutlich hatte Luciana den Abwasch verschoben und war gleich zu Bett gegangen. Sonst sah alles so aus wie immer. Entschlossen krempelte der Mann seine Ärmel nach oben und rieb sich die Hände. So konnte dieser Zustand nicht bleiben!
Eine Stunde später lag das Haus der Dame van Elyn wieder still und leise am Saum des Waldes. Die Küche blitzte und funkelte wie neu, das Geschirr war gewaschen und feinsäuberlich in die richtigen Regale sortiert. Selbst den Staub, der sich auf dem Tisch und auf den Regalen festgesetzt hatte, muss jemand entfernt haben. Es war ganz offensichtlich jemand hier gewesen, und doch deutete nichts auf den Eindringling hin - keine Einbruchspuren und auch sonst kein erkennbares Zeichen. Wer mochte wohl in das Haus der Schneiderin eingedrungen sein?
Verfasst: Sonntag 6. Juli 2008, 16:27
von Luciana van Elyn
In der Ferne ertönten klagende Möwenschreie, etwas näher blökten die Schafe und Hühner. Morgendliche Nebelschwaden umwehten Luciana van Elyn, während sie dem gewundenen Weg folgte, der vom Hafen zur Bank in Berchgard führte. In der frischen Morgenluft fröstelte sie einwenig, hatte sie sich doch angewöhnt barfuß zu gehen. Auch wenn die Steine pieksten und der harte Steinboden manchmal schmerzte, die Natur und Beschaffenheit zu spüren war dennoch herrlich. Doch dann drehte sie sich um und betrachtete die Strecke, die sie bisher zurückgelegt hatte. Von hier aus hatte sich am Vortag ein schöner Ausblick aufs Handelshaus geboten. Im Hintergrund das strahlend blaue Meer unter der Cirmiasums-Sonne. Schon öfter versuchte sie die Natur auf Papier festzuhalten, doch beim jetzigen Wetter war das unmöglich. Sie seufzte. Nun, wenn sie nicht zeichnen konnte, dann wollte sie wenigstens ihre Einsamkeit genießen und so ging sie zurück. Nach Hause in ihre eigenes Reich und Heim.
Die Kutschfahrt dorthin zog sich ewig, ihre Gedanken schweiften in die Vergangenheit und es stahl sich ein Lächeln auf ihre Gesichtszüge, das jedoch genauso schnell wieder verschwand, wie es gekommen war. Sehr viel ist seither passiert. Ihr vermeintlicher Gatte hat sich nie wieder sehen lassen, keiner wusste, wo er überhaupt war und Chantar ... ihre Gedanken schweiften ab und sie merkte gar nicht, dass der Kutscher sie bereits fast schon anbrüllte, als er ihr die Hand hin hielt, um ihr beim aussteigen zu helfen.
Der kurze Weg zum Haus verlief recht flott, als sie ihr Gartentor öffnete, biss sie sich in die Unterlippe, dabei stahl sich folgender Gedanke in ihr Gewissen:
Irgendwann sollte hier mal wieder was geschehen, so kann das nicht weitergehen, alles wird alt und gebrechlich ...
Ihr Blick schweifte durch den Garten und sie musste feststellen, dass alles verwildert war und irgendwie gefiel ihr der Garten so. Sie tapste mit ihren nackten Füßen durch das hohe Gras und genoss es in vollen Zügen. Wieder huschte ein Lächeln über ihre Gesichtszüge, doch lies es sie fremd wirken. Sie nahm die Kirschen sowie die Äpfel von den Bäumen, hin und wieder aß sie eines davon, sammelte die Federn vom Boden, die die Hühner hinterließen, streichelte die Schafe und summte dabei eine recht einfache Melodie. Danach ging sie ins Haus.
Als sie die Haustür öffnete umwob sie wieder diese Stille, für einen Augenblick war ihr Blick leer und ihr Atem kaum hörbar. Einsamkeit. Doch dann fasste sie sich wieder und trat in die Küche, dort wartete schliesslich eine Menge Arbeit auf sie. Abspülen, Staub wischen, der ganze elende Haushaltskram, um den sie sich früher nie allein kümmern musste.
Von wegen einsam, es war nur still ... Chantar schien zu schlafen, oder er war draussen unterwegs, jedenfalls war er da ... wo auch immer er sich herumtrieb und so hab ich genug Zeit dem Haushalt nachzugehen.
Ihr Blick schweifte durch die Küche, vorbereitend, um dann der vielen Drecksarbeit, die sich wohl angesammelt hat, den Kampf anzusagen. Sie band sich die Schürze um, doch dann sah sie verwundert durch den Raum. Alles blitzte, alles war sauber. Das Geschirr gewaschen, alles an seinem Platz, wie es sich gehörte. Wie früher. Kein Chaos mehr.
Sie wollte doch nicht, dass Chantar die Küche sauber machte, vorallem woher wußte er, wo was hin gehörte? Er kannte sich doch noch lange nicht aus. Dazu war er so selten hier. Luciana legte die Stirn in Falten und schüttelte verwundert und verwirrt zugleich den Kopf. Sie musste ihm sagen, dass sie das nicht wollte. Es war ihr zu Hause, nicht seins. Doch ging ihr ein Gedanke nicht aus dem Kopf, denn Chantar konnte nicht wissen, welcher Krug, welcher Teller, an welchen Platz gehörte. Das war unmöglich.
Verfasst: Sonntag 6. Juli 2008, 16:43
von Erik Forstnam
Mit einem eigenartigen, wehmütigen Schimmer auf den Augen lehnte sich der Mann ein wenig weiter hinter dem Baum hervor. Die zierliche junge Frau hatte gerade das Haus betreten und in seinem Inneren spielte trotzdem alles verrückt. Sie sah aus wie immer, sie war wie immer, sie bewegte sich wie immer - als hätte sich nichts verändert. Zum ersten Mal seit einigen Jahren verspürte der Mann wieder ein Gefühl, das er lange vermisst hatte. Vielleicht viel zu spät, aber nichtsdestotrotz umso schöner war der süße Hauch der Vergangenheit.
Den Rest des Tages vertrieb er sich in der Grafenstadt und stromerte unentschlossen durch die Straßen der Stadt. Selbst hier, im pulsierenden Zentrum des Reiches hatte sich nicht viel verändert. Er kannte noch viele der Menschen, deren Schilder die Häuser zierten, selbst mancher Händler kannte ihn noch beim Namen und grüßte ihn überschwenglich. So lange war er fort gewesen, was er denn getrieben habe? Man habe sich große Sorgen gemacht und ihn schon für tot erklären wollen. Was ihm denn einfalle, sich nicht zu melden...
Abends, als die Sonne den Horizont berührt hatte und Dunkelheit sich über die Lande senkte, stand er wieder vor dem kleinen Haus am Wegeskreuz. Sachte zog sich ein wissendes Lächeln über seine Lippen, als jemand im Haus die Lichter löschte und Ruhe einkehrte - selbst ihre Schlafgewohnheiten hatte sie offenbar nicht verändert. Eine Weile verging, in der er sich kaum traute zu atmen. Erst dann trat er hinter dem Baum hervor, in einer Hand ein kleines Kännchen Öl, in der anderen eine kleine Laterne, deren Licht er mit seinem Körper abschirmte. Die wenigen Schritte bis zum Gartentor waren leicht genommen. "Wollen wir doch mal sehen, ob wir das nicht wieder hinbekommen...", murmelte der Mann leise, stellte die Laterne ab und hantierte einige Minuten an den Scharnieren des Tores herum, jedoch nicht, ohne ständig ein wenig nervös zu dem Haus zu blicken. Ein Probelauf, er schloss die Tür auf und - nichts quietschte mehr. Alles war ruhig.
Die ersten Vögel begannen frühmorgens zu zwitschern und zu singen, als die Sonne von ihrer Reise zurückkehrte und das Land zu wärmen begann. Die kalte Morgenluft paarte sich mit dem sonnigen Wolkenhimmel und versüßte einen wundervollen Sommermorgen. Draußen im Garten war wie immer nur das gelangweilte Blöken der Schafe und das aufgeregte Krähen und Gackern der Hühner zu hören. Und doch schien etwas anders - der Holzzaun, der wie alles andere unter den Regenfällen und dem Frost des letzten Winters zu leiden gehabt hatte, war neu gestrichen worden und das Tor ließ sich sanft und leise öffnen wie zuvor. Merkwürdig... doch nichts deutete auf einen nächtlichen Besucher hin. Ob es vielleicht doch... soetwas wie Wichtel gab?
Verfasst: Sonntag 6. Juli 2008, 17:44
von Luciana van Elyn
"Lassen sie mich los!" rief Luciana deren Herz rasend vor Angst schlug. Mit einer Hand drückte der Mann eine Pistolenmündung an ihre Schläfe, mit dem anderen Arm hielt er sie eisern fest. Er drohte ihr, würde sie nicht ...
Schweissgebadet erwachte sie mitten in der Nacht aus diesem grausamen Traum, ihr dünnes Nachthemd klebte förmlich an ihrem Körper. Sie sah sich ängstlich und angespannt im Raum um, doch dann atmete sie erleichtert aus, als sie bemerkte, dass das alles nur ein böser Traum war. Ihr Zimmer war nur von leichtem Kerzenschein beleuchtet, alles war friedlich und die Flamme der Kerze erlosch schon bald endgültig. Sie wollte jetzt nicht mehr einschlafen. Sie hatte Angst. Der Traum war eigentlich belanglos, doch hatte sie nicht eben noch von Draussen ein Geräusch gehört, oder rührte das immer noch vom Traum her? Sie atmete einmal tief durch, schloss die Augen und versuchte zur Ruhe zu kommen. Gedanken kreisten in ihrem Kopf ...Vor einiger Zeit wär ich jetzt nicht allein gewesen, alles ist so anders ... immer wieder erwischte sie sich in letzter Zeit, dass sie in die Vergangenheit abschweifte ... vorallem dann, wenn sie alleine war, wenn keiner hier war, der sie einfach in den Arm nehmen konnte. Ja, es fehlte ihr dann. Umwoben von ihren Gedanken kringelte sie sich wieder in ihrer dunkelroten Decke ein, bettete ihren Kopf auf dem weichen Kopfkissen und schlief friedlich träumend ein.
Der nächste Morgen kam schon bald, die Hühner hatten ja auch nichts besseres zu tun, als laut und fröhlich durch den Garten zu gackern. Die Schafe blökten wie immer vor sich hin und konnten auch nicht still sein.
Luciana war wie benommen, als sie die ersten Morgenstrahlen durchs Fenster kitzelten. Sie rieb sich die Augen und streckte sich erstmal vollends durch, blinzelte und nahm die Umgebung um sich herum erstmal wahr. Langsam richtete sie sich auf und sah zum Fenster hinaus. Die Morgensonne zog sich über den Himmel und es versprach ein schöner Tag zu werden. Rasch zog sie sich an und dann stürmte sie regelrecht in den Garten hinaus, band das Pferd vom Pfosten und führte es an den Zügeln zum Gartentor. Die Arbeit wartet schliesslich nicht gern, sie hatte noch einige Kleider zu nähen und so manch Sachen zu stopfen. Im Handelshaus wurde sie sicher schon längst vermisst.
Sie zog das Gartentor auf, führte ihr Pferd sorgsam hinaus und wollte eben aufsitzen, als sie sich nochmal zum Gatter umdrehte. Sie band die Zügel am Zaun fest, der Blick dabei aufs Gatter gerichtet, während sie mit einer Hand das Tor auf und zu machte. Auf und Zu. Auf und Zu.
Luciana stand sicher einige Minuten so da. Auf, Zu. Auf, Zu. Es quietschte nicht mehr. Seltsam, wie konnte das denn möglich sein? Es ist doch niemand hier gewesen. Da schweifte ihr Blick ab, übers Haus, über den Garten hinweg über den Gartenzaun, nun fiel ihr die Kinnlade erstaunt herunter und sie ging einen Schritt zurück. Nochmals rieb sie sich über die Augen, schüttelte verwirrt den Kopf. Das konnte einfach nicht sein. Wer bei Alatar hatte den Gartenzaun repariert und gestrichen? Sie strich mit der flachen Hand den Zaun entlang, während sie rundherum um den Garten ging. Die Farbe war noch frisch. Der Duft jener Farbe stieg ihr nun in die Nase. So ordentlich und sauber gearbeitet. Sie kannte nur einen, der so ordentlich, gewissenhaft und sauber arbeitete. Und das konnte nicht sein. Nein, das war unmöglich.
Luciana schwang sich auf ihr Pferd und ritt eilends zur Arbeit. Sie musste einen klaren Kopf kriegen.
Verfasst: Sonntag 6. Juli 2008, 18:09
von Erik Forstnam
Lautes Hundegebell begleitete die braven Handwerker und Bürger in die Taverne am Wegeskreuz, das warme Licht einiger Laternen und Kerzen fiel durch die offene Tür und die Fenster nach draußen. Männer und Frauen saßen gesellig beisammen, lachten und tranken und erzählten sich die neuesten Geschichten aus der Grafschaft. Die Wirtsfrau hatte unzählige Bestellungen zu bearbeiten, so gut lief das Geschäft schon seit Wochen nicht mehr - was so ein warmer Sommerabend nicht alles bewirken konnte. Noch dazu war ja Wochenende - ein Grund mehr für die meisten Menschen, den Abend fernab des eigenen Hauses zu genießen.
Auf einem Barhocker am Tresen des Wirtshauses saß ein junger, kräftiger Bursche, der Kopf hing ein wenig herab und er starrte in ein leeres Glas, in dem zuvor etwas Alkoholisches gewesen sein musste. Die meisten Gäste erkannten ihn kaum oder hatten ihn noch nie gekannt, so abgewetzt wirkten seine Kleider, so ungepflegt die wilde Löwenmähne, die seinen Kopf nun zierte. Aus dem Augwinkel beobachtete der Wirt den Mann eine Weile, während er mit einem trockenen Tuch ein paar Gläser trocknete und ins Regal stellte. Erst dann fasste er sich ein Herz und sprach den Mann an.
"Herr... Forstnam, oder?" Er beugte sich ein wenig zu dem Mann herunter, um das Gesicht besser sehen zu können, wenngleich er sich eigentlich recht sicher war. Der Angesprochene brauchte dagegen eine Weile, bis er den Wirt wahrnahm und seinen Blick hob.
"Wie... aye? Ach, Verzeihung... keine Sorge, es ist alles in Ordnung bei mir..."
"Seid ihr euch da sicher? Es ist lange her, seit man euch das letzte Mal in dieser Gegend sah... man hört merkwürdige Dinge..." Der Wirt zuckte leicht mit den Schultern und nahm ein weiteres sauberes Glas zur Hand, um es abzutrocknen. Der Gast dagegen schien plötzlich neugierig.
"Man hört... Dinge? Wie sonderbar aber auch... was hört man denn so?"
"Nun ja..." Der Wirt beugte sich wieder etwas näher heran und wisperte die Worte nur noch leise. "Es heißt, man habe euch auf offener Straße überfallen, ausgeraubt und euch sterbend in den nächsten Graben geworfen. Andere meinen, ihr hättet euch in dieser Pantherstadt niedergelassen... Ihr wisst doch selbst, wie die Gerüchteküche manchmal brodelt. Gebt nicht zuviel darauf... wollt ihr noch ein Bier?" Ohne die Antwort abzuwarten stellt er ihm noch eine volle Flasche auf den Tresen. "Keine Sorge, geht aufs Haus. Für einen alten Stammgast..."
Der Gast dagegen starrte den Wirt einen Augenblick wie entgeistert an, ehe sich seine Fassungslosigkeit in deutliches Amüsement wandelte. Einen Moment lachte er zu herzlich, dass sich alle Gäste im Schankraum unwillkürlich zu ihm umdrehten.
"Herrlich... wahrlich. Ich hatte gar nicht damit gerechnet, soviel Staub aufzuwirbeln..." Kopfschüttelnd widmete er sich dem spendierten Bier, während der Wirt abwartend auf ihn starrte.
"Nun, es geht mich nichts an, was ihr in all der Zeit getrieben habt... aber was sucht ihr jetzt noch hier? Falls... sie... euch wieder in diese Gegend treibt... naja...." Er wedelt ein wenig mit der Hand, abschätzig und wendet sich dann wieder um - zumindest versucht er es, denn sofort greift der Gast mit einer Hand nach seinem Arm.
"Was meint ihr damit?" Seine Augen hatten sich ein wenig verengt, auch wenn in seine Reaktion bereits der erste Alkohol mit einfloss.
"Nichts... nichts... man macht sich nur so manche Gedanken über gewisse Leute, nicht wahr? Lasst eure Vergangenheit ruhen und sucht euch eine neue. Das wäre mein Rat. Aber nun kümmert euch nicht weiter darum... der Abend ist viel zu schön... Ja, was kann ich denn für euch tun?" Damit wandte der Wirt sich einem neuen Gast zu und ließ den Mann ratlos zurück.
An diesem Abend und in dieser Nacht rührte sich nichts am Hause van Elyn. Auch am Morgen würde alles noch so daliegen, wie es am Vortag zurückgelassen wurde. Allein eine dunkle Gestalt, ein Schatten zwischen den Bäumen verharrte in den dunkelsten Stunden vor dem Garten und starrte auf die Holzbalken des Hauses. Um irgendwann still und heimlich wieder zu verschwinden.
Verfasst: Sonntag 6. Juli 2008, 20:41
von Luciana van Elyn
Zuhause.
Spät Abends, die Dunkelheit hatte das Hause Forstnam, nein, van Elyn bereits eingehüllt. Die Werkstatt war in dunkles Licht gehüllt. Luciana saß vor ihrem Webstuhl und webte feine Stoffe. Hin und wieder blickte sie aus dem Fenster, die Nacht war sternklar und unheimlich ruhig, lediglich das leise Rattern des Spinnrades war hin und wieder zu hören. Für einen Moment hielt Luciana in ihrer Arbeit inne und nutzte den Moment in die Sterne zu sehen.
Was war nur geschehen? Drehte ich nun vollkommen durch? In den letzten zwei Tagen, geschahen merkwürdige Dinge ... Die Küche war blitzblank sauber, der Gartenzaun wie das dazugehörige Gatter waren gestrichen und repariert und keiner schien es gewesen zu sein. Chantar hatte alle möglichen Dinge zu tun. Ich sah ihn kaum noch, er war es nicht. Alliestra, Thancred und Merigo hatten genug im Handelshaus zu tun und sie würden sicher nicht auf die Idee kommen ... War ich nun schon ganz verrückt? Vielleicht war ich es ja sogar selbst und bemerk es schon gar nicht mehr ... Hat sich denn mein Leben so sehr verändert? Als Erik wohl für immer von mir ging? Als ich mein Leben wieder selbst in die Hand nehmen wollte? ... Erik ... Ja ... Erik ...
Luciana seufzte langgezogen. Ob es nun Wehmut oder Sehnsucht war, die sich in ihren rehbraunen Augen widerspiegelten, man konnte es kaum deuten. Dieser Kerl war ihre grosse Liebe und sie hatte nie daran geglaubt, das jene irgendwann zu Bruch gehen konnte, doch wie man sieht, geht alles einmal zu Ende und tief in ihrem Herzen verborgen konnte sie ihn einfach nicht vergessen. Manchmal wusste sie selbst nicht, warum sie so oft in die Vergangenheit zurück fiel. Der Gartenzaun machte ihr am meisten zu schaffen. War es doch diese perfekte Arbeit, die sie zum stutzen brachte, die sie wieder in die Vergangenheit warf. Aber er konnte es nicht gewesen sein. Nach all dem was ihr in der Taverne an der Kutschstation erzählt wurde konnte es nicht mehr sein. Es waren Gerüchte, das wusste sie, aber keiner wusste, welches dieser Gerüchte wahr sein könnte und welches es nicht ist.
Ich habe mich verändert, ja ... die Vergangenheit sollte endlich ruhen
Ein Hauch von Lächeln legte sich nun glänzend über ihre Augen und ihr Gesicht, als sie die damaligen, schönen Zeiten in Erinnerung rief, doch Vergangenes ist vorbei ...
Ja, Luciana hatte sich gewandelt, verändert.
Selten sah man sie noch fröhlich herumalbern und glücklich, freudestrahlend lachen. Früher, ja früher war das anders.
Spazierte sie heute durch die Straßen, ging sie stocksteif mit stolzem Haupt hindurch, dabei zierte hin und wieder ein höfliches Lächeln ihr Gesicht, doch nur selten drückte es wahre Freude aus.
Ihr Mädchenname prägte sie, es wurde ihr anerzogen, sich wie eine Dame aufzuführen. "van Elyn" es sprach Bände und sie kam eben aus gutem Hause, als sollte sie sich auch so aufführen! Jetzt hörte sie die Worte ihres Vaters, an die sie sich lange nicht erinnern konnte und sie hasste es. Mittlerweile schien alles anders ...
Der Einzige, der ihr momentan diesen freudigen Glanz in ihren rehbraunen Augen hervorrufen konnte und ihr ein vor Glück strahlendes Lächeln übers Gesicht zaubern konnte, war Chantar. Er gab ihr halt .. doch auch er war verschwunden.
Nachdem sie die feinen Stoffe fertig gewebt hatte, faltete sie sorgsam die feinen Stoffe und verstaute sie in einer der vielen Kisten.
Für heute ist genug getan ...!
Noch ein kontrollierender Blick durch die Werkstatt. Ein paar Handgriffe um alles in Ordnung zu bringen, dann ging sie zur Tür und verriegelte jene, wie gewohnt, sorgsam und sicher. Für einen kurzen Moment lehnte sie sich gegen die schwere Holztüre und atmete durch, ehe sie dann die Lichter im Haus löschte und sich schlafen legte.
Verfasst: Montag 7. Juli 2008, 00:03
von Erik Forstnam
Schwer und dumpf trafen die beiden Lederstiefel des jungen Mannes auf dem sanften, weichen Waldboden auf. Aus der Krone einer mächtigen Eiche war er zurück zur Erde gesprungen und sammelte nun all die Äste und Zweige zusammen, die rund um den Stamm verstreut lagen. Diese Art des Holzsammelns hatte er vor langer, langer Zeit gelernt - den Respekt vor den Geschöpfen des Waldes zu wahren und nur das zu nehmen, was er wirklich brauchte. Streng genommen brauchte er nichts aus dem Wald, doch er war sich sicher, die Götter mochten ihm das Werk für den Kamin des Hauses van Elyn nicht übel nehmen. Mit einem dicken, festen Strick band er die Hölzer zusammen und schulterte sie schließlich mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen.
Ein bisschen Wehmut war schon dabei, als er zurückdachte an die ersten Tage auf jener Insel, die weithin als Gerimor bekannt geworden war. Gerade für ihn als Handwerker, der dem Holze zugetan war, schien die lange Zeit unter den groben, aber naturnahen Tiefländern eine besonders wichtige zu werden. Ihre Art, das Leben des Waldes zugleich zu nutzen und zu behüten war für ihn, den dummen Holzfäller aus der Ferne, nur schwer begreifbar zu machen. Heute konnte er lächelnd an ihre gemeinsamen Züge quer durch den Nebelwald zurückdenken.
Der Weg zurück zum Hause van Elyn war so lang und beschwerlich wie eh und je - in all der Zeit, die er nun fernab der Heimat gewesen war, hatte sich nicht viel verändert. Zahllose Wurzeln, Büsche und der ein oder andere Graben machten den Weg schwer passierbar und nicht zuletzt musste man ständig auf die umherstreifenden Tiere achten - mehr als nur ein Holzfäller war bei seiner Arbeit bereits böse von einem Wolf oder gar einem mächtigen Bären überrascht und angefallen worden. Und vor allem lenkte ihn das Gespräch des vergangenen Abends immer wieder von seiner Konzentration ab.
Dass über seinen Fortgang geredet worden war, wunderte ihn nicht sonderlich. Er hatte keinem seiner alten Freunde gesagt, dass er gehen würde, wann er gehen würde, wohin er gehen würde. Es schien ihm vermutlich nicht ähnlich, einfach zu verschwinden und kein Lebenszeichen mehr von sich zu geben. Weshalb also nicht an einen Raubmord denken? Den Gedanken mit der Pantherstadt fand er dagegen recht amüsant. Der gute Wirt hatte wahrlich eine reghafte und bildliche Fantasie, wenn er sich solchen Unsinn ausdenken konnte. Allein, was er über "sie" gesagt hatte, gefiel ihm nicht im tiefsten Innern seines Seins. Und irgendwie wollte ihm nicht recht in den Kopf, warum. Der süße Nebel des Vergessens... manchmal scheint er doch gar zu durchdringbar.
All dies geschah, als Luciana fern des eigenen Hauses unterwegs war - dafür hatte er sich frühmorgens aus dem Bett gequält und beobachtet, wie sie auf ihrem Pferd Richtung Stadt ritt. Vermutlich verbrachte sie wieder den ganzen Tag in Berchgard und arbeitete für das Handwerkshaus - und so hätte sie eigentlich nie merken sollen, wie der Holzvorrat in der Werkstatttruhe sich auf sonderbare Art und Weise frapant vermehrt hatte. Hätte da nicht ein kleiner, unentdeckter Wicht versehentlich und im Eifer seines Treibens... die Truhe offen stehen gelassen. Nachlässigkeit, die sich vielleicht rächen sollte...?
Verfasst: Montag 7. Juli 2008, 00:57
von Luciana van Elyn
Die Strahlen der Sonne wärmten einen den ganzen Tag, viel hatte sie heute den Tag über nicht gemacht. Ich kann nicht den ganzen Tag nur arbeiten ... Die Überdachung des Handelshauses spendete genügend Schatten. Hinter dem Haus bemerkte sie keiner, hier war es recht ruhig, keiner störte sie. Die Beine ineinander verschränkt, den Kopf in die Hände gestützt lag sie auf dem Bauch in der Wiese über einem Pergament. In der Hand hielt sie einen Kohlestift und hinterm rechten Ohr steckte Kreide. Hier konnte sie in Ruhe zeichnen. Immer wieder schweifte ihr Blick über die Landschaft vor ihr. Der Berg auf dem das kleine Dorf ganz oben verweilte, der Hafen an dem die Schiffe anlegten und die Handelsgüter verluden. Mit ruhiger Hand zeichnete sie all jenes was ihre Gedanken einfangen konnten. Als sie mit ihrer Zeichnung fertig war, staunte sie selbst nicht schlecht. Das war nicht die Landschaft, die sie in Gedanken eingefangen hatte, nein, das war keine Landschaft. Auf diesem kohleverschmierten Pergament, zeichnete sich das Gesicht eines Mannes ab, den sie wie ihr eigenes kannte, jeden einzelnen Gesichtszug, den sie wohl nie aus ihren Gedanken verbannen konnte. So sehr sie es auch wollte ... es ging einfach nicht. Schnell rollte sie das Pergament zusammen und verstaute es in ihrer Tasche. Es war bereits Abend geworden, geschwind packte sie die restlichen Utensilien zusammen, schwang sich auf den Rücken ihres Pferdes und ritt nach Hause, von seltsamen Gedanken getrieben.
Zuhause angekommen band sie die Zügel am Pfosten neben den anderen Pferden fest, gab den Tieren noch genügend Heu zum fressen und kümmerte sich um jedes einzelne liebevoll. Sie sammelte wieder die Federn und Früchte ein und begab sich ins Haus. Verteilte die Sachen ordnungsgemäß in der Küche wie auch in der Werkstatt. Gerade wollte sie die Federn zu den anderen in die Truhe geben, als ihr Blick auf die Holztruhe fiel.
Offen stand die Truhe, dazu noch ein Stück unter dem Regal hervor. Gefüllt mit Holz. Luciana wusste genau, dass das nicht sein konnte. Die Truhe war seit vielen Monden nicht mehr gefüllt worden, die Truhe ruhtee schon eine halbe Ewigkeit unter dem Regal. Sie selbst sammelte immer nur soviel Holz wie sie benötigte, um den Kamin oben einzuheizen. Und das Holz legte sie nicht in die Truhe, sondern direkt neben den Kamin.
Schon wieder war jemand in ihrem Haus und verrichtete Dinge, die sie an alte Zeiten erinnerte. Allein am Holz sah man die Vergangenheit, die Art welches gesammelt wurde hätte ihn fast verraten.
Luciana kniete sich neben die Truhe, die Tasche, die das Pergament umfasste legte sie daneben, sie lies die Truhe nicht aus den Augen und bemerkte so nicht, dass das Pergament herausrollte. Fassungslos starrte sie das Holz in der Truhe an, zugleich machte ihr Herz Sprünge, die sie sich nicht erklären konnte. Zugang zum Haus hatten nur Thancred, Alliestra und ... und Erik ... Sie hatte das Schloss nie auswechseln lassen. Nie. Doch wer war es wirklich? Wer ging ihr so zur Hand? Wer sorgte sich um sie? Lange dachte sie darüber nach, doch wollte sie es nicht wahrhaben.
Wenn ich das jemandem erzähle ... derjenige ist im Stande und erklärt mich für irre ... redete sie nun schon mit sich selbst.
Diesmal ging sie nicht, wie gewohnt in ihr Bett, nein, sie konnte nicht schlafen, sie verliess das Haus und ging in die Nacht hinein. Draussen im Wald, der Wind lies die Blätter rascheln, dort konnte sie einen klaren Gedanken fassen. Nachdenken. Und am nächsten Morgen würde sie weitersehen.
Verfasst: Montag 7. Juli 2008, 12:47
von Erik Forstnam
Fröhlich pfeifend und die Hände hinter dem Rücken verschränkt stapfte der junge Herr Forstnam quer über den Marktplatz der großen Grafenstadt Varuna und besah mit neugierigem Interesse, was sich wohl in all der Zeit verändert haben mochte. Leise, beinah hintergründig nieselte sanfter Regen auf die Zeltdächer der Stände hernieder, aber das störte ihn nicht - ganz im Gegenteil. Die Straßen der Stadt waren wie ausgestorben, jeder fürchtete offenbar das große Unwetter, dass sich im Westen bereits abzuzeichnen begann: große, dunkle Wolkenberge schoben sich am Himmelszelt zusammen und versprachen ein ordentliches Unwetter. Ihm konnte es nur Recht sein. Er war nicht hergekommen, um erkannt zu werden, sondern um den Duft des Vergangenen zu erschnuppern und sich Gedanken zu machen.
Sein Fortgang war eigentlich niemals geplant gewesen, wie er so vieles nicht geplant hatte, was in kürzester Zeit über ihm zusammen gebrochen war. Und mit einem Mal schien ihm die Flucht der einzige Ausweg, den es noch gab, die einzige Möglichkeit, das eigene Leben wieder zurück zu gewinnen. Dass es vielleicht keinen Weg zurück ins alte Leben mehr geben würde? Kam ihm damals gar nicht in den Sinn. Und selbst heute wollte er um keinen Preis zurück in die alte Haut - er fühlte sich seit langer Zeit endlich wieder frei.
Gut, er musste ehrlich zu sich sein. Vielleicht war es auch die größte Dummheit seines Lebens gewesen, seine Liebe und Ehe aufzugeben. Vermutlich war es gar eben dies schlechte Gewissen, dieses innere Gefühl, dass er hier einen großen Fehler begangen hatte, weshalb er sich nun irgendwie... verpflichtet fühlte. Dabei hatte er keine Ahnung, wie es ihr nun ging. Sie schien ihr Leben wiedergefunden zu haben, ging jeden Tag zur Arbeit und kümmerte sich um ihr Heim. Vielleicht hatte sie sogar einen neuen Mann an ihrer Seite, einen, der ihr nicht in der erstbesten Lebenskrise davonlaufen würde. Konnte er ihr das wünschen? Er wollte es... ohne sich wirklich mit diesem Gedanken anfreunden zu können. Doch nun hatte er sie so lange alleine gelassen und sie schien doch ständig so beschäftigt zu sein, da war es keine allzu große Geste, ihr helfend eine Hand...
"Dummkopf.", schalt er sich selbst und blieb inmitten einer breiten Straße stehen. Wie leicht es doch war, sich der alten Gewohnheiten wieder hinzugeben, sein neues, frisch erkämpftes Leben wieder aufzugeben. Sie würde wohl auch ein Teil seines neuen Lebens bleiben, so schwer es ihm fiel. Er fühlte sich gut in seiner Rolle als heimlicher, stiller Helfer, doch ihr Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen...
An diesem Tage würde sich nichts verändern am Hause van Elyn. Und selbst die dunkle, geheimnisvolle Gestalt, die bislang jeden Abend über die Ruhe des Hauses gewacht hatte, blieb in dieser Nacht fern. Womöglich hatte der kleine Wicht seinen Fehler des letzten Tages bemerkt?
Verfasst: Montag 7. Juli 2008, 14:23
von Luciana van Elyn
"Ist dir kalt, Luciana? Soll ich den Kamin anheizen?" ertönte eine rauhe Stimme im Hintergrund. Luciana saß schon eine Weile in der Küche und starrte in den Kamin, einen weiten Seidenschal eng um ihre Schultern gezogen. "Wie? ... Nein." sie sah zu ihm auf und schnell schüttelte sie den Kopf, ein sanftes Lächeln zierte ihre Lippen. Es war nicht kalt, ganz im Gegenteil, der laue Sommerabend spendete eine angenehme Wärme, dennoch fröstelte es Luciana, aber sie wollte nicht, dass Chantar es bemerkte. Sie wollte nicht, dass er auf irgendeine Weise überhaupt etwas bemerkte. Die letzte Woche sind soviel merkwürdige Dinge geschehen, die sie von ihrem Weg geworfen haben, damit wollte sie ihn nicht belasten. Luciana stellte sich viele Fragen, doch eine Lösung fand sie nicht. Früher ging sie zu Alliestra, wenn sie nicht mehr ein und nicht mehr aus wusste. Doch diesmal ging sie nicht. Diesmal war es anders, es fühlte sich so anders an und sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen.
Es sind jetzt schon ein paar Tage vergangen, in denen die Wichtel nicht mehr tätig waren. Alles war wieder ruhig und beim alten. Wahrscheinlich hatte sie sich alles nur eingebildet oder gar geträumt.
Doch erklären konnte sie es nicht wirklich, denn verändert hat sich nichts, der Zaun war nach wie vor gestrichen und repariert, die Gartentür quietschte nicht mehr, das Holz war gefüllt und die Truhe an ihrem alten Platz, nur die Küche lag wieder in gewohnter Unordnung. Einwenig Erleichterung schlich sich in ihre Gedanken, doch des Rätsels Lösung blieb ihr fern. Der Alltag schien sich wieder einzuschleichen.
"Lass uns doch einen Spaziergang machen..." brach sie dann die Stille die den Raum einzuschließen drohte. Chantar nickte lächelnd und bot ihr den Arm. Luciana erhob sich und trat auf ihn zu, sie wollte sich eben einhaken, als er sich zu ihr hinab beugte, ihr etwas ins Ohr flüsterte und dabei zärtlich ihr Haar streifte, dann ergriff er gefühlvoll ihre Hand und hob sie an seine Lippen. "Wie könnte ich dir je einen Wunsch abschlagen." Diese Worte hatte sie schon einige Male gehört, wenn auch nicht von ihm und für einen kurzen Moment zog sich ihr Magen zusammen. Sie schloss die Augen und suchte einen ruhigen Atem ehe sie dann gemeinsam das Haus verließen.
Verfasst: Samstag 19. Juli 2008, 12:55
von Erik Forstnam
"Ich habs dir doch gleich gesagt! Trink nicht soviel, sonst kannst du deinem Weib nicht mehr unter die Augen treten. Selber schuld, Freundchen..." Der etwas ältere Mann rollte unmerklich die Augen gen Zimmerdecke, als habe er die eingeschränkte Grobmotorik seines Freundes schon vorausgesehen.
"Ach... L..lass mich doch... i... ich will eh noch... nich... äh..." Sein Freund dagegen schien allerbester Laune zu sein, zumindest, solange er aufrecht stand.
"Du gehst jetzt nach Haus, fertig. Sonst kannst morgen gleich deine Sachen packen und gaaaanz weit wegziehen. Hopp!" Und damit verließen beide Männer die Taverne beschwingt, vielleicht etwas orientierunglos, aber für ihre Verhältnisse dennoch glücklich.
Erik Forstnam sah ihnen mit einem leicht süffisanten Lächeln auf den Lippen nach. Es fiel ihm nicht schwer, sich auszumalen, wie der Jüngere der beiden Männer daheim empfangen werden mochte. Er konnte froh sein, nicht in einem Tiefländerclan zu wohnen - als Schreiner hatte ihm jedes Mal die Seele geblutet, wenn die starken Recken im Ehekrieg mit Schränken und Kommoden umherwarfen. Welch Verschwendung von Kunstwerken!
Trotzdem hing auch er selbst schon über dem zweiten Glas voll Bier, und auch, wenn seine abendliche Traurigkeit eher den Gedanken zuzuschreiben war, denen er nachhing, denn dem Alkohol, schien der Wirt kaum bereit, ihm noch ein drittes Glas zu verkaufen. Aber wer konnte es ihm verdenken, der gute Tavernenbesitzer hatte Erik auch schon in ganz anderen Zuständen erleben müssen und konnte froh sein, dass einer seiner Stammkunden sich wieder so gut gefangen hatte.
Dem oder ähnlichem hing Erik also gerade nach, als sich die schwere Eisentür der Taverne öffnete und der warme, goldene Lichtschein an einer großen, schlaksigen Gestalt vorbei in die Freiheit entfloh. Wieder eine verlorene Seele, die den Abend ausklingen lassen mochte... also keinerlei Beachtung wert. So kümmerte sich Erik auch mehr um sich und sein Glas, als der junge Mann sich an den Tresen setzte, und selbst der eindringliche Blick, mit dem er gemustert wurde, störte ihn nicht. Erst, als dem Blick auch noch ein Seufzer folgte, wurde er aufmerksam.
Der junge Mann, der da neben ihm saß, war grün gekleidet, eher schmal für seine Größe und wirkte trotzdem relativ kräftig. Erik war in seinem Leben genug Waldläufern begegnet, um einen von ihnen zu erkenne - auch wenn er sich bei diesem Mann nicht ganz sicher war. Nicht zuletzt, weil er noch nie einen der Streiter der Mutter Natur in einer Taverne erblickt hatte. Das kurze Gespräch, in das sich der Grüngewandete nun aber verwickeln ließ, bekräftigte Erik nun doch in seiner Vermutung. So kam man in ein eher oberflächliches, recht einfaches Plaudern, in dem der vermeintliche Waldläufer sein Leid klagte über Menschen wie Erik (dabei ging sein Blick überdeutlich in Richtung Hobel und Säge, die beide noch am Gürtel des Schreiners hingen), mit denen er zu tun gehabt habe, in dem aber auch der Schreiner darüber sinnierte, wie schwer es für einen seiner Zunft geworden war, den Wiedereinstieg zu schaffen.
So mochte es just der Zufall offenbaren, dass sein netter Gesprächspartner sowieso gerade auf der Suche nach einer, vielleicht sogar zweien der hölzernen Truhen war, die Erik in seinem Leben schon in Massen verkauft haben musste. Als Schreiner war dieser Wunsch zwar generell kein Problem und in der Taverne hielt ihn sowieso nichts - spätestens, nachdem der Wirt ihm deutlich zu erkennen gegeben hatte, dass er jetzt nur noch Wasser bestellen könne, wollte er sowieso gehen - jedoch braucht selbst der fähigste Schreiner für die Arbeit eine Werkbank und das nötige Holz. Aber für einen Fremden ein derartiges Risiko eingehen und... aber der schien sich wirklich dringend für die Kisten zu interessieren. Nun ja, wofür war Erik sonst Schreiner geworden? Und das Haus gehörte ja immer noch ihm auch... irgendwie.
Einige Minuten später standen beide, Schreiner wie Grünling, vor dem Gartentor eines benachbarten Hauses, und wer die Geschichte bis hierhin verfolgt haben mag, dem wird klar sein, WER soeben in eben jenen Mauer vor sich hinschlummerte.
"Also, ich seh dann mal nach, ob ich noch welche in meinem... äh.. im Haus hab. Ihr bleibt da stehen!" Bei den Ahnen, fast hätte er sich verplappert! Besser war vermutlich auch, dass Erik nicht im Ansatz ahnte, was der Mann sich denken mochte, als er sich gebückt umsah und leise den Schlüssel ins Schloß schob. Wie ein Dieb kam er sich vor, aber schließlich war es doch ein Notfall... und... ach, keine Zeit für Rechtfertigungen. Rasch huschte er auf leisen Sohlen quer durch den Garten bis hin zur Haustür, wo er noch einmal horchte. Alles still. Kein Licht in den Fenstern zu sehen. Sie schnarchte offenbar noch nicht einmal.
Einige Augenblicke stolperte Erik stumm und leise aus dem Haus, in den Armen zwei große, kupferbeschlagene Eichentruhen. Dass diese Waldläufer aber auch immer davon ausgehen mussten, Städter seien nur hinter dem Gold her... ein paar Scherzereien und Anwendungshinweise für die Truhen später war der junge Mann auch schon wieder fort. Hoffentlich nun mit einem etwas besseren Bild von den Schreinern des Landes.
Nachdenklich starrte Erik noch einmal auf das Haus in seinem Rücken. Die Kisten hatte zwar er selbst gefertigt, noch vor langer Zeit, und er besaß auch immer noch einen Schlüssel zu den Türen und Toren. Aber blieb es nicht trotzdem Diebstahl? Vielleicht hatte Luciana sich die Truhen schon für etwas vorgesehen? Er musste schleunigst für Ersatz und eine Wiedergutmachung sorgen... aber erst morgen.
Verfasst: Samstag 19. Juli 2008, 22:17
von Luciana van Elyn
Sie drehte sich herum, links, rechts, auf den Bauch, auf den Rücken.
Nichts half, die Nacht blieb schlaflos oder erfüllt von sinnlosen Träumen, die sich nicht ins rechte Licht rücken konnten. Stets hallte eine leise Melodie in ihren Gedanken.
Ich bin bei dir, dein Leben lang
halt über dich meine schützende Hand.
Manchmal siehst du mich an,
obwohl du mich nicht sehen kannst.
Meine Welt liegt in schwarz weiß,
nur du machst sie farbenreich,
ich existiere allein für dich,
nur wenn du fällst spürst du mich.
Mein Herz, mein Geist, meine Seele
lebt nur für dich,
mein Tod, mein Leben, meine Liebe
ist nichts ohne Dich.
Wenn du träumst bin ich bei dir,
wache jede Nacht neben Dir.
Manchmal suchst du meine Hand,
obwohl du mich nicht finden kannst.
Dann schlief sie wieder ein. Kurz darauf wachte Luciana wieder auf. Früher Morgen und die Sonnenstrahlen kitzelten auf ihrer Nase und sie fühlte sich wie gerädert. Zu wenig Schlaf, das konnte kein guter Tag werden. Daher beschloß sie gar nicht viel zu unternehmen. Die Arbeit blieb liegen, die konnte schliesslich warten, auf einen Tag mehr oder weniger kam es nun auch nicht an. Somit vertrödelte sie den ganzen Tag. Und sie genoß es einfach, einen Tag lang mal nichts zu tun.
Ausreiten. Schlafen, in Bücher kramen, Kochen und Abends wieder todmüde ins Bett fallen. Das beste daran war ...
Diesmal nicht von der Arbeit!
Der Tag verging wie im Fluge. Lange ritt sie aus und vergaß die ganze Welt um sich herum. Sie hing vergangenen wie auch neuen Gedanken nach und jeder einzelne Gedanke zauberte ihr ein verträumtes, glückliches Lächeln ins Gesicht. So hatte Luciana die Müdigkeit fast schon vergessen, doch auch diese sollte sie einholen. Es dämmerte bereits und die Dunkelheit in den Wäldern schloß sie bereits ein. Sie musste zurückreiten, zu weit und zu lange war sie schon von ihrem zu Hause entfernt. Der Weg zog sich und ihre Augen fielen immer wieder von allein zu, bis sie schliesslich auf ihrem Pferd einschlief. Sie umklammerte den Hals des roten Mustangs und locker lag sie an seinen Halsrücken gelehnt und schwang im Gang des Pferdes sanft mit, dass sie sicher nach Hause führte, da es den Weg bereits auswendig kannte und immer zurück fand.
Keiner wußte wie lange sie auf dem Mustang lag, allerdings musste sie auch irgendwann aufwachen. Und das tat sie. Spät nachts. Müde wie sie war rutschte sie vom Pferderücken und führte jenes in den Garten, um es dort wie gewohnt am Pfosten direkt vorm Haus anzubinden. Danach schleppte sie sich ins Haus, hoch ins Schlafzimmer ... Sie war nicht einmal mehr fähig sich zu entkleiden, daher fiel sie, wie sie war einfach nur ins Bett und schlief tief und fest. Zwei Tage lang rührte sich nichts im Haus, alles war totenstill. Luciana schlief, wohl zehrten bereits mehrere schlaflose Nächte an ihr, die jetzt nachzuholen galten.
Erst die Tage später entdeckte sie, dass wohl zwei der Truhen fehlten. Für einen Moment fragte sie sich, wer die wohl genommen hätte? Doch verwarf sie den Gedanken recht schnell, da in letzter Zeit immer wieder merkwürdige Dinge vorfielen, die sie sich nicht erklären konnte, obwohl die Erklärung glasklar in der Hand lag, die sie jedoch nicht wahr haben wollte. Denn schliesslich könnte es auch andere Möglichkeiten geben. Ohne Beweise konnte sie nichts ausrichten. Und die hatte sie nicht. Vielleicht sollte sie doch Nachforschungen anstreben und die Suche aufnehmen? Oder sollte sie einfach nur warten? Die Zeit würde kommen ...
Verfasst: Dienstag 22. Juli 2008, 01:00
von Erik Forstnam
Einige Tage später schien alles wohl wieder in bester Ordnung. Die beiden ominös verschwundenen Truhen hatten sich wieder eingefunden, als hätten sie nur einen kurzen Spaziergang vor die Tür gemacht und just jetzt wieder die Lust gefunden, ihr Kistendasein fortzuführen. Nicht nur das - einen ganzen Haufen Weidenhölzer hatten sie auch noch mitgebracht.
Viel merkwürdiger als das sollte der jungen Schneiderin allerdings ein kleiner Zettel vorkommen, der sich in ihrem Briefkasten findet und dessen eine Ecke sich zaghaft aus der goldenen Schatulle wagt. Der Brief wirkt edel, richtig vornehm, und die Schrift, mit der er geschrieben ward, ist filigran und fein ziseliert. Selbst die Tinte, die hier verwendet wurde, muss etwas gekostet haben, so sauber und rein wirkt sie. Und auch der Inhalt des Briefes scheint von einem wahren Edelmann zu kommen:
Werteste, gar wundervollste Blüte unter des Himmels Zelt,
besungen und bestaunt werden sollte die Schönheit eures Liebreizes. Welch Glockenklang ertönt, wenn ihr in der Freude eines Morgenrotes euer göttlich Lachen erklingen lasst. Mein Herz erglüht vor Schmerz, wenn ich euch des Abends fortreiten sehe gen des Horizontes, und es zuckt vor wilder Sehnsucht nach einem Wiedersehen. Eure flammende Schönheit wird auf Ewigkeit meine Seele berühren,
ein Verehrer.
Derweil sitzt wohl nicht weit entfernt in einer uns inzwischen recht gut bekannten Taverne ein junger Schreiner und wirkt sichtlich nachdenklich - wieso nur bekommt er das Gefühl nicht los, dass der teure Schreiberling, den er gebeten hatte, ein "Entschuldigungsschreiben" für seine Missetaten aufzusetzen, ihn etwas hinters Licht geführt hatte? Hätte er den Brief doch nur vor der Siegelung noch einmal gelesen gehabt....
Verfasst: Dienstag 22. Juli 2008, 21:39
von Luciana van Elyn
So langsam gewöhnte sie sich an die Umstände, dass hier und da Sachen verschwanden, die dann neu gefüllt wieder auftauchten. Oder, das Dinge an ihren Platz gerückt wurden, die sonst in der Unordnung irgendwo untergingen. Möbel glänzten anstatt das sie vor Staub standen.
Wer mochte da nicht an Wichtel glauben? Insgeheim genoß sie die Zeit. Es passierte nicht jeden Tag, die Abstände der schaffenden Tage waren mal kürzer mal länger ... doch sowie es schliesslich aussah, stand fest, daß ihr niemand etwas Böses wollte, sondern wohl nur Gutes.
Allerdings war da dieser Brief ...
Früh morgens tabste Luciana barfuß aus dem Haus, sie wollte lediglich die Hühner wie die Schafe füttern, da blieb ihr Blick auf dem Briefkasten hängen. Neugierig wie sie war, vergaß sie, dass sie die Tiere füttern wollte und eilte zu jenem. Sie nahm den Brief vorsichtig heraus, drehte ihn einmal, ein weiteres Mal. Wer mochte ihr einen Brief schreiben?
Noch während sie langsam wieder zurück ins Haus ging, dabei den Brief nicht aus den Augen lassen, öffnete sie jenen aufmerksam und sorgfältig, sie entfaltete ihn. Dann blieb sie stehen. Der Mund stand ihr offen und ihre Augen wanderten über den Brief. Nicht nur einmal, nein, mehrmals. Die Schrift kannte sie nicht, sie war zu ordentlich für die Menschen, die sie kannte, zu elegant, zu fein. Aber nicht nur die Schrift lies sie stutzen, nein, auch die Art des Briefes, die Worte ... Chantar war der einzige bisher, der solche Worte gebraucht hatte, doch von ihm war der Brief nicht, das war sicher ... doch von wem sollte jener sein? ... Ein Verehrer ..
Ein Verehrer ... kein Absender, keine Anzeichen ... sie wusste nicht woher dieser Brief kam. Es kam ihr sehr merkwürdig vor, doch fühlte sie sich zugleich geschmeichelt. Welche Frau hörte nicht gerne solch Worte?
Unruhig ging sie im Haus auf und ab, dachte nach, überlegte. Nein, sie hatte doch in letzter Zeit niemandem auf irgendeine Art Hoffnungen gemacht, der sich nun schmachlos in sie verlieben konnte, um ihr dann solche Worte zukommen zu lassen. Das war doch sicher nur ein schlechter Scherz. Ja genau, es konnte nicht anders sein. Ein schlechter Scherz, den sich jemand ausgedacht hatte. Aber warum sollte das jemand tun? Warum? Langsam wurde sie schon wütend über den Brief. Doch war es nicht der Brief, sondern die Ungewissheit, die jener mit sich brachte. Jetzt war es an der Zeit etwas zu unternehmen. Soviele merkwürdige Dinge passierten und nun auch noch dieser Brief ... nein, das war zuviel für sie. An die Wand gelehnt, rutschte sie nun abwärts, bis sie schliesslich zum sitzen kam, sie zog die Knie an sich heran, umschlang jene mit den Armen, stütze den Kopf darin und schloß die Augen. Und wenn jemand genau hinhörte konnte man die junge Dame schluchzen hören.
Wie lange sie dort saß und weinte, konnte sie selbst nicht mehr genau sagen, draussen dämmerte es bereits ... für kurze Zeit übermannte sie sogar der Schlaf, so daß sie jeglichen Sinn für Zeit verlor.
Doch die Gedanken ließen sich nicht vertreiben, es war auch kein böser Traum. Der Brief lag immer noch neben ihr und die Kisten standen auch noch gefüllt im Regal und überhaupt ... alles drehte sich nun im Kreis ... einfach alles ... Wurde sie nun schon irr?
Verfasst: Freitag 26. September 2008, 15:12
von Erik Forstnam
Es war schon lange nichts mehr im Hause van Elyn geschehen. Keine Stühle wurden heimlich verrückt oder repariert, keine Vorräte entschwanden oder kamen auf mysteriöse Art und Weise zurück. Die Hühner und Schafe im Garten verhielten sich absolut normal. Naja, solange genug Futter da war. Nicht einmal in der umliegenden Gegend war anzumerken, dass ein kleiner Wichtel unterwegs gewesen sein könnte.
Der "Wichtel" dagegen saß gar nicht allzu weit entfernt in einer manchen Leuten gut bekannten Taverne am Wegeskreuz. Seit seiner Rückkehr hatte er sich verändert, der Bart war einer ordentlichen Rasur gewichen, die lange, struppige Haarmatte auf seinem Kopf war wieder geschnitten und in Form gebracht, seine Kleider waren notdürftig repariert und gesäubert - er hatte sich den Dreck und Schmutz der vergangenen Reise endgültig abgewaschen. Mit dem Wirt führte er nun Konversationen nicht mehr über das maximale alkoholische Füllvermögen eines durchschnittlichen Mannes, sondern über das Land Hohenfels, seine Regierung und die Lage des Handwerks, über Frauen und Kinder, Klatsch und Tratsch - alles, was eben anstand. So ging es Tag um Tag und dem Schreinermeister, der so langsam in sein gewohntes Leben zurückfand, kam gut zupass, dass die edle Dame van Elyn die Taverne eher zu meiden schien.
Erst gestern noch hatte er vom Wirt einen Zettel von einer gewissen Rebecca in die Hand gedrückt bekommen. Ein Auftrag, endlich wieder eine Möglichkeit, sein handwerkliches Geschick unter Beweis zu stellen! Er hatte schon lange keinen Hobel und auch keine Säge mehr in der Hand gehabt, jedenfalls an keiner richtigen Werkbank. Das Handwerkshaus zu Gerimor, dessen Mitbegründer er einst gewesen war, hatte er noch nie von innen gesehen. Und seine eigene Werkbank stand im Haus einer Frau, die ihn vermutlich zum Teufel wünschte - oder schlimmer noch direkt in Krathors Abgrund. Trotzdem sah er das Vertrauen, dass diese Rebecca einfach in sein Wort legte, als Antrieb, als Neubeginn.
~~~~
Drei Tage später, gleiche Gegend, nur ein anderes Haus - das Haus van Elyn. Noch immer schien alles unverändert, aber aus dem Postkasten der Dame Luciana ragte ein kleiner Zipfel eines Briefes, der nicht mehr ganz hinein gefallen war. Ein Umschlag, blütenweiß (bis auf die Ecke, die vom Regen etwas durchnässt wurde) und gesiegelt mit einem roten Tropfen Wachs. Darin ein Pergament, ein teures Papier offensichtlich, beschrieben sauber und schwungvoll mit schwarzer Tinte. Folgendes stand also auf dem Papier zu lesen:
Zum Gruße, Dame van Elyn - liebste Luciana.
Ich habe lange überlegt, wie ich dich anschreiben soll, und schon die Anrede fiel mir schwer. Wie sollte ich dich nennen, ohne die Vergangenheit zu leugnen? Und ohne, dass du den Brief ungelesen verbrennst? Wie lange ist es her, seit ich den Fehler beging, nicht zu reden, sondern zu fliehen. Ein halbes Jahr? Ein ganzes? Ich weiß nicht, wie du heute über mich denkst, aber ich dachte, du solltest wissen, dass ich wieder zurück bin. Und wenn nur, um mir aus dem Weg zu gehen.
Ich habe dich vermisst.
Erik.
Unter diesen kurzen Zeilen findet sich noch ein kleiner, bündig geschriebener Text, etwas größer die Buchstaben und die Farbe rot wie die Tulpen und Rosen.
Du ziehst durch mein Leben wie ein spiegelnder Fluss,
Trägst Berge davon mit silbernem Fuß.
Wie der Herbsttag durchsichtig erhellst du die Welt;
Du bist zart wie ein Blatt, das im Frost hinfällt,
Kostbar vom Geblüt wie die Blume des Wein,
Das Land, das dich trägt, wird ein Edelstein.
(Max Dauthendey - Du ziehst durch mein Leben wie ein spiegelnder Fluss)