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Steingesicht, mein zweites Ich.

Verfasst: Mittwoch 25. Juni 2008, 01:36
von Lotte Lenath
Immer wieder ging die selbe Frage dieser Tage durch ihren von krausem Haar bedeckten Kopf.
Weshalb saß sie hier eigentlich?
Seit drei Tagen ging sie wie ein nervöser Tiger die Pflastersteine auf und ab die gerademal fünf mal vier Schritt maßen und grübelte vor sich her, was denn nun weiter geschehen würde. Konnte ein Gericht einen Unschuldigen einfach so verurteilen und danach noch gut schlafen?
Wahrscheinlich konnte es das, es saß ja nicht in dieser Zelle, umgeben von Gittern und mit einen ständig herüberschauenden Wachmann vor der Nase.

Beschuldigt der Spionage in Berchgard.

Sie hatte sich geradenoch ein Lachen verkneifen können als sie die Worte vernahm und das grimmige und nicht gerade glückliche Gesicht des Händlers sah. Worum ging es eigentlich?

Rahal? Überfall? Getötete Menschen?

Das war das erstemal das sie davon hörte, nachdem sie seit ein paar Tagen wieder auf dem Eiland weilte und dringend eine Behausung gesucht hatte. Zum einen war sie schockiert über die Dinge die wohl während ihrer Abwesenheit vorgefallen sind, zum anderen wusste sie nicht was sie damit zu tun hätte.
Danach wurde sie abgeführt, direkt in eine Zelle in Varuna und harrte dort nun aus ins Ungewisse. So seltsam und verwachsen ihre Schilderungen auch klingen mochten, sie glaubte fest daran das sich alles zum Guten wenden würde.

Dennoch fühlte sie sich so allein wie schon lange nichtmehr. Gleich am ersten Abend vermisste sie die frische Luft, das Zwitschern der Vögel und die Freiheit, welche sie bislang Tag für Tag genoss.
Statt blauem Himmel hatte sie nun trostloses und unüberwindbares Stahlgitter vor sich, statt frischem Grün unter den Füßen nur graue Steinplatten und anstelle von klarer Luft einen muffigen Geruch in der Nase, der nur von einem Kerker kommen kann in welchem schon Unzählige vor ihr saßen.

Was sie aber wirklich wahnsinnig werden lies und ihr fast wieder die Tränen in die Augen trieb war die Tatsache, dass sie nicht wusste wie lange das alles noch andauern würde. Verdammt noch eins!
Ihre Gedanken überschlugen sich immer wieder mit Selbstvorwürfen das sie sich keine andere Stelle als Wohnort ausgesucht hatte, freimütig mit der Tatsache das sie nicht wirklich dazugehörte umging und gerade das im Missverständnis und Missvertrauen endete und letzten Endes im Kerker zu Varuna endete.

Oh ja, eingesperrt sein trieb einen ins Nachdenken, und gerade das war das Schlimme daran. Nichtnur das nicht Wissen was passiert, sondern auch genügend schlechte Dinge aus der Vergangenheit, welche man im Alltag wunderbar verdrängen kann, kriechen aus ihren dunklen, feuchten Höhlen in welche man sie eigentlich auf die Ewigkeit verdammt hatte wieder hervor.

Da sie auch nicht wusste was sie die Tage lang tun sollte, friemelte sie immer wieder an ihrem langen Haar herum, puhlte an Stroh-Halmen bis jene nurnoch aus Brösel bestanden und hoffte Stund für Stund immer mehr, dass der Korporal doch durch die Tür treten würde um ihr ein wenig Gesellschaft zu leisten. Der Gardist war nicht gerade ein Mann vieler Worte.
Umso länger die Türen geschlossen blieben, desto mehr sehnte sie sich nach dem einigermaßen netten Gesicht des Korporals, wenn er denn mal zu einem Lächeln kam zwischen der ganzen Arbeit die er hatte.
Irgendwie tat er ihr Leid.

"Na komm Lotte, leg dich lieber wieder hin und döse, bevor du dich wieder in unsinnige Gedanken verrennst!"

"Ist ja gut, ist ja gut. Als wenn DU nicht viel denken würdest, blödes Biest!"

"Wer ist hier das blöde Biest? Wegen dir sitzen wir hier doch im Kerker! Ich habe gleich gesagt, Lotte, geh da nicht hin, das kann böse ausgehen. Aber neiiin, Lotte setzt einmal mehr ihren Dickschädel durch und denkt nicht daran das sie direkt aus Rahal kommt und das nie gut enden kann wenn das jemand sieht."

"Jetzt sei doch mal still du Plappermaul, immerhin haben wir seit Monaten wieder ein Dach über den Kopf gehabt, auch wenn es nicht der idealste Ort war um Leute von außerhalb zum Essen einzuladen."

Sie schüttelte den Kopf und warf das Steinchen aus ihrer Hosentasche, auf welchem mit Farbe ein Gesicht aufgemalt war, angenervt in die Ecke.

Das hast du davon!

Jenes sprach sie wohl recht laut, denn der Gardist zog die Brauen hoch und starrte zu ihr herrüber als hätte sie ihn damit gemeint.
Alles nur wegen ihr, der blöden Hexe da im Steinchen die jedesmal schimpft wenn irgendwas schief läuft. Manchmal dachte sie, das wäre der Geist ihrer Mutter, auch wenn sie wusste das sie sich alles nur einbildete.
Aber so war das im Leben wenn man lange allein ist. Man sucht sich halt jemanden, warum nicht ein Steingesicht?

Schnauffend legte sie sich zurück auf die Pritsche welche in der Ecke der Zelle stand und rollte sich zu dem Häuflein Elend zusammen welches sie war.

Wie lange mochte es noch dauern...