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Anney, Königin der (kleinen) Diebe
Verfasst: Dienstag 24. Juni 2008, 10:26
von Mica Mirillian
Anney erzählt…
„Liebe Leute, aufgepasst:
Geht eilig weiter, keine Rast,
denn diese Stadt ist Kriegsgebiet,
wenn Anney durch die Straßen zieht!“
-Kinderreim-
„Ich glaub’ so Heulsus’n, Schlappschwänze und verdammte Jammerlapp’n kann ich noch weniger leid’n als adlige Bälger, denen die Ammen den Arsch abwisch’n. S’ist sicher nich leicht, wenn man niemand’ so von den Großen hat, der einen Essen, sauberes Trink’n, warme Klamott’n und n Schlafplatz an dem’s warm und nich nass ist, geb’n kann aber s’ist nich unschaffbar. Grüne Zweikopfkacke, schaut halt mich an, ich bin vermutlich noch nichmal zehn Lenze alt und leb auch ganz ohne Aufsicht und Bemutterung immer noch. Dabei sind’s nun schon nich wenig Jahre hier auf n Straßen Rahals und ich kann mich auch an mehr Tage erinnern, an denen s’gar nichts zu ess’n gab als an solche, wo ich ohne Hunger schlaf’n gegangen bin. Schlaf’n is ja noch ne andere Sache, nich? Was alles n Bett werd’n kann, das glaub’n einem die Reich’n und Mächtig’n nimmermehr!
Aber das isses ja, was ich mein’: Wir lernen andere Sach’n und auch wenn wir’s so nich wollt’n und uns oft wünsch’n s’wär ganz anders gekomm’ oder abends, wenn keiner die Tränen sieht, mal im Dunkeln weinen, dann isses doch dennoch so, dass wir am nächst’n Morg’n aufsteh’n und leb’n, überleb’n, Tag für Tag.
Wir sind n bisschen wie die Spatz`n in der Gosse, die sich gegen fette, dumme Taub'n, schwarze, bedrohliche Rab’n und Raubvög’l durchsetz’n müss’n und ihre mickrige Größe und Schwäche mit List und Geschick wettmach’n könn’.
Ja, ich glaub… ich bin so was wie n Spatz ... oder ne Ratte."
***
Von Varuna nach Rahal
Es herrschte geschäftiges Treiben inmitten Varunas, ehemals Perle der Grafschaft und nun kaum mehr als ein Haufen rußgeschwärzter Steine, halbzertrümmertes Mauerwerk und verkohlte Holzbalken. Rahal und der Panther hatten ihre dunklen Tatzenabdrücke mit jener Belagerung vor wenigen Wochen in der Hauptstadt hinterlassen und mit dieser Zerstörung mehr als nur eine Tragödie hervorgebracht. Auch wenn nun der Marktplatz nur so vor geschäftigen Geräuschen dröhnte, die von Aufbau und dem Neuanfang der tapferen Bevölkerung erzählten, erschreckte noch so manche Ruine den trüben Geist, wenn man sich entsann wie der Haufen Schutt noch vor wenigen Tagen ausgesehen hat und wer darin friedlebend gewohnt hat.
"Es ist eine Schande. So ein feiner Herr und tüchtig noch dazu...", raunte eine ältliche Bürgerin mehr zu sich, als sie einen solchen Schutthaufen, einst ein hübsches Fachwerkhaus, betrachtete.
"Ah, in der Tat und seine Frau war eine Augenweide", fiel ein fleissiger Arbeiter mit ein und fügte nach einem missbilligendem Blick der Älteren rasch hinzu, "und sehr sanftmütig und artig. Jeden Sonnabend hat sie die Kirche der Lichtbringerin besucht und gebetet."
"Ja, eine tugendhafte Familie", murmelte nun auch wieder das Weiblein, ehe sich ihr Blick verdunkelte, "ihr Kindlein wäre im Sommer zwei Jahre alt geworden. Schönes Kind mit goldenen Löckchen, wie die Haare der Mutter und die hellen Augen vom Vater... alle verbrannt."
Nun war es an der Zeit, dass beide schwiegen und in der Stille den Toten gedachten.
"Hat... hat man wohl ihre Leichen gefunden?", wagte der Arbeiter kurz darauf zu erfragen und erntete ein empörtes Schnauben.
"Narr! Bei dem Inferno blieb selbst von den Möbeln im Haus nicht mehr als Asche über. Doch man hat das Fräulein des Hauses nach dem Kinde rufen hören und beide Eltern ins Gebäude rennen sehen, ehe der Himmel vor Brandpfeilen loderte."
Wieder überkam beide das bedrückte Schweigen, ehe man sich stumm zunickte und dann doch rasch seiner Arbeit nachging. Zu viel Trübsal in dieser Zeit vertrieb die jungen, neuen Funken namens Hoffnung.
***
"Du bist ein verfluchter Tölpel! Was bitte sollen wir mit dem... dem Ding nun machen? Magst du es großziehen? Ein braver Vater werden und dir ein Weiblein suchen, welches das... das da säugt? Dann sperr deine Lauscher mal auf: DU BIST EIN DRECKIGER SÖLDNER KEIN FAMILIENVATER!"
Der Angesprochene hob nur unwirsch die breiten Schultern und ließ seinen erzürnten Hauptmann toben. Sein Blick suchte den des kleinen Kindes, welches, eingewickelt in ein Bündel Flickendecken, mit dreckigem Gesicht und rotgeweinten Augen müde, doch erwartungsvoll zu ihm aufsah. Es verstand nicht was geschehen war, konnte sich jetzt schon nicht mehr recht genau an das Flammenmeer erinnern, in welchem es gestanden und herzzerreissend gebrüllt hatte. Es wusste nicht, dass es nun alleine in dieser Welt war und seine Familie den grausamen Feuern zum Opfer gefallen war. Es ahnte nicht, dass seine Zukunft jetzt ungewiss und düster war.
Doch erinnerte es sich daran, dass der bärtige, breite Kerl mit der tiefen Stimme es irgendwann hastig hochgerissen hatte, irgendwohin gebracht hatte, wo es kühler war und ihm später etwas Ziegenmilch gegeben hatte. Er hatte das Kind versorgt und gefüttert und war im Laufe der letzten Tage zum wahren Helden für das Kleine geworden.
"Schau mich an, wenn ich mit dir rede, du hässlicher Hund und beantworte mir meine Frage: wohin mit dem... Ding."
Nun erst blickte der Stämmige auf, bedachte seinen Vorgesetzten mit einem nachsichtigen Blick um dann erst gutmütig zu antworten.
"Sie ist kein Ding, sondern ein kleines Mädchen und du verlangst doch nicht von mir, dass ich kleine Mädchen verbrennen lasse, oder?"
Ächzend ließ sich nun sein Kontrahent auf einen der einfachen Lagerschemel senken, vergrub kurz das ledrige Gesicht in den Schwielenhänden und murmelte dann tonlos.
"So kommen wir nicht weiter. Entweder du gibst mir jetzt bald eine Lösung oder ich muss mich um das Kinderproblem kümmern. Zum verkaufen ist sie, Mädchen hin oder her, noch einige Jahre zu jung, also bleibt nur..."
"Nein!", die Ruhe des Söldners war gebrochen und bei den letzten Worten seines Hauptmannes war er unweigerlich aufgesprungen um dann beschwichtigend die Hände zu heben, "wir kommen in zwei Tagen in Rahal an und du musst da doch eh noch Geschäfte wegen dem Sold verrichten. Ich... ich weiss, dass sie da ein Arbeitshaus haben, welches sich auch um Waisenkinder kümmert. Dort kann ich die Kleine sicher unterbringen."
"Pffff...", Amüsement und Erleichterung machten sich gleichzeitig auf den Zügen des Hauptmannes breit, "... mit sowas scheinst du dich ja auszukennen. Bringste da öfters Kinder unter, alter Hurenbock? Na gut, mir soll's recht sein, solange ich das Balg nach Rahal nie wiedersehen muss."
Der breitschultrige Söldner nickte und schwieg. Wieder traf sein ruhiger Blick den des hungrigen Kindes, welches längst zu müde und kraftlos war um noch bei solchen Auseinandersetzungen loszubrüllen. Gedanklich nahm er jetzt schon Abschied, als ihm etwas einfiel.
"Ah, werd der Hausmatrone sagen, dass du 'Anna' heißt, glaub deine Mama hat so nach dir gerufen. Anna oder Hanna... was auch immer, ist jetzt eh egal."
Von Rahal in die Freiheit
Anney spürte die öde, schnöde Langeweile und lümmelte sich unwillig auf dem kleinen, erdiebten Hocker, den sie zu ihrem Thron erkoren hatte, zusammen. Während die anderen, kleinen, dreckigen Kindergesichter um sie herum entweder stoisch ruhig oder schweigend leidend dreinblickten, merkte sie, wie sich die unerträglich schwüle Sommerhitze und die missliche Lage der Bande auf ihre Stimmung auswirkte. Es juckte sie nicht in den Fingern, sondern unter den Fingernägeln und das Nichtstun, die Hilflosigkeit, machte sie raßend.
Mit Wucht trat sie gegen den schiefen, selbstgezimmerten Tisch, welcher mit einem unschönen Knarzen noch schräger zur Seite wich.
"Mir langt's! Ich geh jetzt raus und besorg' uns genug Fress'n für n Rest des Monats, hah."
Sofort waren alle Blicke auf die kleine Diebeskönigin gerichtet, manche spiegelten Verwirrung, andere Unmut oder Besorgnis wieder. Will war der Erste, der seine Sprache nach ihrer Ankündigung wiederfand und entschieden den Kopf schüttelte.
"Lass es, Anney, das is kein Spiel mehr mit'n Wach'n und ich glaub diesmal hacken se nich nur Finger ab."
Leon zuckte unweigerlich zusammen und strich über den schmuddeligen Verband, welcher den Stumpf seines kleinen Fingers zierte. Diese radikale Tat des Rahaler Gardisten und seine hässlich gebrüllte Drohung, dass es vorbei sei mit ihren Diebeszügen der "räudigen Hundskrüppel-Rotzbengel", hatte die winzige Truppe um Anney aufgemischt. Nicht einmal mehr Kara, das einzige, andere Mädchen nebst Anney und zudem besonnener Ruhepol der Bande, hatte es gewagt auf Streifzug zu gehen, obwohl sie dafür bekannt war keine Angst, sondern nur einen kühlen Kopf zu besitzen.
"Willst du dass wir verhungern?", grollte die Anführerin auf und unweigerlich ballte sie die Hände zu Fäusten, wohl nicht ahnend, dass sie damit auch den Blick auf den hässlichen Pustelauschlag in ihrer Armbeuge preisgab. Wieder fanden alle Augenpaare den Weg zu Anney, welche nun eine andere Taktik versuchte und fast säuselnd einlenkte.
"Will, wir hab'n doch schon ganz and're Dinge durchgestand'n. Leon, Dreas, ihr habt doch s letzte Mal über Prügel gelacht. Jonas hat sogar schon Rache geübt, nich? Hat die beiden Rotznas'n für euch niedermacht... Kara, wir ham doch alle schon Narb'n ertrag'n."
Seufzend meldete sich das stille Mädchen, einem Jungen optisch viel ähnlicher, zu Wort.
"Anney, es geht diesmal nicht. Das ist nicht wie der Ausbruch von dir Will und Leon aus dem Arbeitshaus und ich fürchte auch nicht so wie bei... den Narben. Weder bei meiner, noch bei deiner."
Damit schwieg sie wieder und lehnte sich an die brüchige Holzwand des Schuppens, als wolle sie nicht, dass man jetzt gerade die breite Brandnarbe an ihrem Rücken, die einem Brandzeichen eines Pferdes so nahe kam, durch die schlechten Nähte ihres Flickenkittels sehen konnte.
Auch Anney schien plötzlich mundtot und starrte vor sich hin.
Wie Recht Kara einmal wieder hatte. So anders war das mit schrägen Schnittnarbe auf ihrer Nasenspitze gewesen, so anders...
"Damit du dich an mich erinnerst bis wir uns das nächste Mal sehen..."
Kopfschüttelnd vertrieb sie den unangenehmen Rückblick in die eigene Vergangenheit und fasste urplötzlich einen tollkühnen Entschluss.
"Dann dieb'n wir nich hier. S'gibt genug andre Städte und Dörfer in der Umgebung. Da sin keine Wach'n und uns samt Kniffen kennt noch niemand."
Mit offenen Mündern gafften sie für wenige Lidschläge gen Anney, ehe der Groschen gefallen war und ein heilloses Durcheinander an Stimmen debatierte, lamentierte und fluchte. Doch nichts konnte diesmal die Königin der Spatzen im Straßengraben aufhalten.
"Ich werd' n Anfang mach'n und mal seh'n wo's was zu hol'n gibt, dann geht's wieder richtig los!", verkündete Anney triumphierend und nur wenige Stunden später flog das Vögelchen aus...
... und hier beginnt die eigentliche Geschichte.
Verfasst: Mittwoch 25. Juni 2008, 00:50
von Mica Mirillian
Von Rahal nach Bajard
Noch während sie den Kirschkern mit der Zunge in die andere Wange beförderte, sog Anney genüsslich und ungeniert laut schlürfend den Speichel ein. Das Fruchtfleisch war schon vor knapp einer Stunde, kurz nachdem sie das winzige Obst kühn vor der Nase der Händlerin gemopst hatte, in ihrem Magen verschwunden, doch die Erinnerung an die köstliche Süße barg der Kern noch immer.
Sie hatte also, nein natürlich, Recht behalten, triumphierte Anney und klopfte sich in Gedanken wohlgefällig auf die eigene Schulter. Das allererste, kleine Dörflein außerhalb den Mauern der Pantherstadt Rahal, hatte just am Tage ihrer Ankunft auch Markttag und obwohl kaum ein Dutzend windschiefer Stände aufgebaut war, drängte sich dennoch eine beachtliche Masse an Besuchern um die Ware.
Geradezu Idealbedingungen für Anneys Vorhaben!
Trotz der schwülen, dunstig-feuchten Hitze trug sie einen längeren Kittel über dem einfachen Leibchen, in welchen Kara mit schiefen, doch festen Stichen mehrere, kleine Innentaschen und befüllbare Flicken genäht hatte. Diese beulten sich mittlerweile schon ganz prächtig aus, beherbergten sie nun doch unter Anderem etwa vier Äpfel, zwei kleinere Brote, eine handvoll Nüsse, drei Rüben und Anneys Kronjuwel: ein dickes Stück Rauchspeck.
Allein der Gedanke an das heutige, gemeinsame Mittagsmahl ließ ihr wieder das Wasser im Mund zusammenlaufen und kurz darauf ertönte erneut das zufriedene Schlürfgeräusch, welches der "Missetäterin" angewiderte Blicke zweier, dicklicher Marktbesucherinnen bescherte.
Als würden derartige Versuche der Maßregelung an Anney abperlen, wie Wasser an gewachstem Glas, strafte sie die Damen mit völliger Ignoranz. Allerdings spitzte sie die ungewaschenen Ohren nur wenige Momente später voller Interesse, als sie den nächsten Satz einer der Weiber aufschnappte:
"Wirklich, Gritta, das nächste Mal kommst du eben doch mit mir, wenn ich Bajard besuche. Da haben sie die Stände jeden Tag aufgebaut und mit solch ekelhaftem Lumpengesindel keinerlei Probleme. Außerdem gibt es viel mehr Auswahl und für den Tag wird Inga sicher einen ihrer berühmten Kuchen mit..."
Hier schaltete sich das Gehör aus, doch dafür begann das Hirn in Höchstform zu arbeiten, tüfteln und schon zu planen. Von den wenigen Worten, die Anney gerade mitbekommen hatte, musste Bajard das reinste Diebesparadies sein.
Jeden Tag ein gefüllter, prächtiger Markt und angesichts der unwirschen Äußerung, dass man dort ja keine Probleme mit "solch ekelhaftem Lumpengesindel" habe, konnte sie sogar davon ausgehen, dass kaum bis gar keine Konkurrenz zu erwarten war.
Ein breites, begeistertes Grinsen machte sich auf Anneys schmutzigem Gesicht breit und entblößte ihre weißen, kleinen und schiefen Zähne. Nur mit Mühe und Beherrschung konnte sie sich ein dankbares Zwinkern in Richtung der Klatschtanten verkneifen und genoss die neue Triumphwelle, die angenehm kribbelnd durch die Adern rauschte.
"Bajard also... woll'n doch mal seh'n, ob Kara nich noch n paar mehr Tasch'n am Kittel anbring'n kann!"
... und in hohem Bogen flog der Kirschkern in die weite Welt hinaus.
***
Noch vor Mitternacht war sie am Ziel, wenngleich dies nicht geplant war und auch nicht vorhergesehen war, dass sie dann inmitten eines alten Getreideschuppens sitzen und einen groben, wuchtigen Dolch, in ihren Armen geradezu ein Kurzschwert, in den Händen drehen sollte.
Ein Zucken umspielte ab und an die Lippen und die dunklen Brauen hatten sich so tief herabgesenkt, dass das Antlitz des Mädchens nicht nur aufgrund des Drecks so düster aussah. Stumm und verkniffen beobachtete sie den Dolch, welchen sie mit der Spitze in die hölzernen Planken gesteckt hatte und nun am Griff langsam drehte.
In Gedanken jedoch war sie ganz woanders: bei den Erlebnissen der letzten Stunden.
Neugierig war sie um ein größeres Gebäude auf dem Wege geschlichen, als sie das Hufgetrappel, mächtigem Donnerklang gleich, vernahm und obwohl sie den Ankömmling schon von weitem sah, stachelte die verdammte Selbstsicherheit sie an, ihm höhnend und kühn entgegen zu blicken, statt die Beine in die Hand zu nehmen und zu laufen, als wäre der Seelenfresser persönlich in ein Fangspiel mit ihr verwickelt.
Wenige freche Worte später, als der Reiter sich als Hühne auf einem nachtschwarzen Riesenpferd entpuppte, konnte sie diesem ganz unfreiwillig direkt in das vernarbte, ledrige Gesicht blicken, als er das Mädchen im Ritt einfach hochriss. Etwas erschrocken registrierte Anney das fehlende, rechte Auge und die grimmigen Züge und im Getöse der innerlich grell klingenden Alarmglocken begann ein Kampf, den sie nicht gewinnen sollte.
Er überstand alle Tritte, ignorierte jeglichen Schlag und fluchte lediglich auf, als sich ihre Schneidezähne tief in seine Hand gruben - loslassen wollte er das Mädchen allerdings noch immer nicht. Stattdessen begann er Fragen zu stellen und zu Anneys Entsetzen schien er jede noch so aalglatte Lüge spielend zu durchschauen. Letztendlich hatte er die richtigen Antworten und wusste was sie war, woher sie kam und kannte ihre selbsterkorene Aufgabe Essen für den Rest zu finden.
Doch machte er noch immer keinerlei Anstalten Anney die Freiheit, ihren liebsten und einzig wahren "Besitz", zurückzugeben und so zog sie mit dem endgültigen Verlust ihrer Nerven das spitze, kleine Messerchen, welches sie bei der Flucht aus dem Arbeitshaus der Köchin entwendet hatte.
Ein bitterer Fehler, den sie mit einer aufgeplatzten, blutigen Lippe, dem Verlust ihres Messers und einem Schwirren im Kopf, als würde ein aufgeregter Bienenstock darin umhertanzen, zahlen musste. Doch während nun der stumpfe, brennende Hass eines geschlagenen Kindes in ihr loderte, blieb der entstellte Hühne kühl und ruhig, drückte ihr ein Bündel, das verdächtig nach gebratenem Fisch roch, in die nun leeren Hände. Ohne sie wieder zu Boden zu lassen ließ er das Pferd kehrtmachen und brachte sie nach Bajard. Vor dem Dorf schenkte er ihr nicht nur die Freiheit, sondern auch recht unzeremoniell oder freundlich den klobigen Dolch und ein paar belehrende, endgültige Worte, ehe er dem perplexen Kind Glück wünschte und ohne einen weiteren Blick oder freundliches Wort zu verlieren, wieder in der Nacht verschwand.
Es waren die Worte die nun an ihr knabberten und ihr bitter die eigene Narretei vor Augen führten. Wie dumm konnte überzogene Selbstsicherheit denn machen?! Genau das war doch schon einmal passiert und hatte ihr ein grässliches Andenken eingebracht.
Mit zittrigen Fingerspitzen fuhr sie sich über die schräge Schnittnarbe auf der Nasenspitze. Was hatte der Hühne gesagt? Sie solle sich mehr vorsehen, sonst würde sie das Alter, mit welchem eine junge Frau bei einem Jüngling lag, nicht erreichen... oder? Wieder ähnelten und erinnerten sie diese Sätze sehr entfernt an den "Geburtstag" ihrer Narbe.
"Ah, du wirst einmal ein sehr hübsches Mädchen. Glaube mir, ich finde dich dann wieder und fordere die Bezahlung für deine Dummheit, Kleine."
Mit einem Ruck riss sie den schweren Dolch hoch und rammte ihn mit ganzer Kraft in die Holzplanke, wo er steckenblieb und ebenso zitterte wie das Mädchen, welches neben ihm kauerte.
Verfasst: Montag 7. Juli 2008, 22:51
von Mica Mirillian
Von Bajard nach Varuna
"Bist du dir sicher, dass ich dir die Haare bis zur Schulter kürzen soll? Könnt' gut sein, dass sie dann noch ein bisschen schiefer sind."
Karas Blick wurde unsicher und fast ein wenig von Unbehagen getrübt, doch ehe ihre dunklen Brauen sich noch bis zum Haaransatz ziehen konnten, wischte die Angesprochene alle Bedenken im wahrsten Sinne des Wortes mit einer nonchalanten Geste von dannen. Wenn Anney etwas konnte, dann war das vor Selbstsicherheit und fern jeder Bedenken agieren und reagieren.
"Ah, die Zotteln häng' doch sonst fast schon bis zum Arsch und ich hab's leid mit der dreckingen Länge... na und wo wir schon bei Dreck sin: krieg se nichmal auseinander. Mit keinem Kamm der hundskrüppeligen Welt!"
Sprach's und ließ sich zufrieden in den schimmeligen Hocker fallen, der nur ein protestierendes Knarrzen von sich geben konnte. Mit flinker Geste hatte sie das derbe, unschöne Messer, ihr "Kurzschwert", vom Gurt genommen und legte es Kara in die Hand. Fast hätte sie sich zu einem herzigem Lächeln hinreissen lassen, als ihr Gute-Laune-Höheflug ein klein wenig gebremst wurde.
"Und in erster Linie musste das ja dein Äußeres bissl verändern, weil du ja wo eingebroch'n bist, ne?", versuchte nun Leon freundlich nachzuhelfen, brach aber sofort ab, als er die schmäler werdenden Augen seiner kleinen Anführerin bemerkte.
"Pah!", begann diese nun großspurig, um das angeknickte Ego samt Sicherheitswall wieder aufzubauen, "Ich war so verflucht dreckig, dass die nichtmal mein Gesicht seh'n konnt'n und andre Klamotten hatt' ich da auch noch an und..."
"... und blöd genug biste gewesen ihnen deinen Namen zu sagen. Anna, ehrlich Anney, was Besseres ist nich eingefall'n? Nach all der Zeit kommste daher und machst so n Anfängerfehler." Diese Unterbrechung war Will zu verdanken, welcher schon die letzten Tage seit ihrem 'Ausflug' missgelaunt und patzig war. Er achtete nun auch nicht darauf, dass Anneys Gesichtsfarbe langsam bleicher wurde und ihre Nasenflügel zu beben begannen. Im Gegenteil, er setzte noch eins drauf.
"Im Übrigen ist dein Gesicht immernoch dreckig..." und damit verschwand er im Eingang des alten Schuppens, ehe ein Stück Kuchen matschend gegen die Wand klatschte, auf in etwa der Höhe in der er vorher noch stand.
"Mistkäfer, elendiglicher!", fauchte Anney auf und war im Begriff aufzuspringen, als sich Karas dunkle Hand ruhig auf ihre Schulter legte.
"Lass gut sein, Anney. Das nächste Mal denkst du dir einfach einen anderen Namen aus. Ich glaub ja nicht, dass man dich nochmal erkennt mit nun bald kürzeren, gekämmten Haaren und einem sauberen Gesicht. Will wird sich später sicher entschuldigen, du kennst ihn doch... aber lass bitte nicht die Wut an dem Kuchen aus. Es ist das erste Mal seit Monden, dass wir so etwas Feines zu essen haben und das allererste Mal überhaupt, dass es so viel ist also mach das nicht kaputt."
Irgendwie konnte sie Kara nicht böse sein, auch oder gerade weil die Worte weise, klug und belehrend gesprochen waren. Also entspannte sie sich seufzend wieder, betrachtete den sich mehrenden Berg von verknoteten Haarbüscheln am Boden und dachte sinnierend an ihren glorreichen Beutezug zurück...
***
Irgendwie mochte sie den alten, schielenden Buckelkauz, der mitten in Bajard mit seinem Bettelnapf nach Münzen flehte, auf Anhieb. Vielleicht ließ sie es deshalb so rasch zu, dass ihre Verteidigungsmauern samt Achtsamkeit etwas herabsackten und sie aufgrund des prasselnden Regenschauers mit ihm gemeinsam Unterschlupf in der Dorfkapelle suchte. Man kam ins Gespräch und erkannte einander als verwandte, vom Schicksal gleichermaßen etwas in die Pfanne gehauene Seelen, die ihre paar Kupfer und das täglich Brot auf etwa die selbe Art und Weise verdienten: betteln oder gleich stehlen, was nicht niet- und nagelfest gemacht wurde.
Aus dem Plaudern wurden ernstere "Fachmanndiskussionen" und so analysierte man alsbald den lohnenswertesten Bettelort und war sich rasch einig, dass dies wohl die Noblenstadt Varuna sein müsste, in welcher der Name "Temora", einem Zauberspruch gleich, die Geldkatzen locker machen würde. Danach ging alles recht rasch und ehe sie genau darüber nachdenken konnte, saß sie mit dem Alten in der letzten Kutsche nach Varuna... auf gemeinsamen Beutezug.
Die Taverne sollte das erste Ziel sein und so sahen sich beide gezwungen an einer großen Anzahl von Nachtwachen und Gardisten vorbei den Marktplatz aufzusuchen. Bereits jetzt wurde es Anney ungewohnt mulmig. Sie hatte das Gefühl einige der Gassen schon zu kennen und hielt auch kurz vor der warmen, trockenen Taverne inne, um eine Bäckerei anzustarren, welche ihrer Meinung nach irgendwie dort nicht stehen sollte, sondern ein anderes, kleineres Gebäude... mit Fachwerk oder so.
Ehe sich noch lange derart verwirrenden Gedanken nachkommen konnte, betraten beide die Taverne und ihr Plan schien augenblicklich aufzugehen.
Großvater und Enkelin spielten sie nun mit Wonne und Anneys rührselige Geschichte von einer kürzlich gestorbenen Mutter, sowie das mehrfache Erwähnen der Lichtbringerin Temora erwärmte die Herzen, so dass zuerst ein gütiges Mädchen namens Deidrui und ihr Begleiter Cuno ihre Groschen dafür gaben der augenscheinlichen "Familie" ein deftiges Mahl zu bezahlen und mehrfach darauf hinzuweisen, dass man das übrige Essen einpacken und mitnehmen könne (eine Aufforderung, der Anney großzügig entgegenkam) und später ein gewisser Herr Deso ihnen einen Beutel voller Münzen bot und das Angebot machte, sie bei sich schlafen zu lassen.
Zuerst wollte sie es beinahe panisch abschlagen, doch Erwin, so der Name des Alten, blieb gelassen und so ruhig, dass sie kaum anders als mitziehen konnte und dies sollte sich lohnen. In einem solch weichen Bett hatte das Mädchen noch nie geschlafen, zumindest konnte sie sich nicht daran erinnern und so schlummerte sie tatsächlich bald ein, als die liebreizende, mütterliche Ehefrau des Herren Deso sie zur Ruhe bettete. Erwin war jedoch ein solch feiner Kerl, dass er sie weckte, ihr von dem Plan ein paar Münzen oder auch Kleider aus dem prunkvollen Hause mitzunehmen, erzählte und nicht einfach sitzen ließ.
Gesagt, getan. Erwin fand passende Kleidungsstücke, Anney eher nicht, dafür räuberte sie zwei der frischgebackenen, duftigen Brote aus der Küche und bekam einen fetten Anteil der Münzenbeute, welche ihnen nun den Kuchen bescheren konnte.
***
Seufzend betrachtete Anney, die kleine Diebeskönigin, mit den nun nur noch knapp schulterlangen Haaren, die Kuchenbrösel am Boden und hegte plötzlich innerlich zwei kleine Wünsche. Zum einen hoffte sie, dass man den Kuchen noch essen könne und außerdem würde sie es begrüßen den alten Buckelkauz einmal wiederzusehen.
Verfasst: Freitag 11. Juli 2008, 17:50
von Mica Mirillian
Von Varuna nach Berchgard
Seit etwa einer halben Stunde nun schon stand das kleine, dürre Wesen in den fleckigen Kleidern vor dem Aushangbrett und legte den Kopf mal in die eine, mal in die andere Richtung schief, schmälerte den Blick oder ließ ein kritisches 'Hmmn' vernehmen. Immer wieder hatte sie es so geschafft, dass Antonia, ihres Zeichens Schankmaid und geschäftige Seele, für kurze Zeit ihre kostbare Aufmerksamkeit dem Straßenkind schenkte, diesmal sogar mit dem Resultat, dass die Ärmste den Krug, der zu befüllen war, etwas zu voll goss und das malzige Getränk über ihre Finger tropfte.
"Verdammt nocheins...", ließ jene verlauten, schob Bierkrug und Lappen beiseite um mit raschen Schritten aus dem Biergarten heraus zum Kind zu marschieren. Das Balg, ganz offensichtlich ein kleines Mädchen mit schrecklich schief geschnittenen Struppelhaaren, blickte nur kurz über die Schulter und fokussierte danach wieder den bunten Anschlag vor ihrer Nase.
"Kann man dir helfen, Kleine?", brummelte Antonia in einem Tonfall, der eher nach einem 'Verschwinde!' statt einem Angebot zur Hilfe klang... doch auch das störte den Pimpf nicht und nickend gestand das Kind frech:
"Schon. Du, Fräulein... was steht n da auf'm Blatt? Iss schön bunt, nich?"
Etwas überrumpelt von sowohl der Frage als auch den großen, hellen Kinderaugen begann Antonia dem weiblichen Dreikäsehoch zu erklären, dass es sich dabei wohl um einen Kindermalkurs in Berchgard handeln würde, doch ehe sie noch vorlesen konnte wer denn überhaupt Veranstalter wäre, wurde sie unterbrochen.
"Meinste die ham da auch was zu ess'n oder so? Ich mein bei so viel'n Adelsrotznas'n die komm'n werd'n...?"
Mundtot gemacht und gänzlich stutzig blieb Antonia nicht viel übrig als einmal zu nicken. Zu weiteren Sätzen wäre sie wohl eh nicht gekommen, denn schon ergriff das Mädchen ihre Hand und drückte sie kurz mit den eigene, schmutzigen Fingerchen zum Dank und stapfte quer über den Marktplatz von dannen - eine sehr verblüffte Schankmaid zurücklassend, der erst einige Augenblicke später wieder die eigene Arbeit einfiel.
***
Resümee... hätte Anney das Wort gekannt (und dessen zugegebenermaßen hässliche, neue Rechtschreibung!), so hätte sie stolz behauptet, dass sie nun ihr Resümee vom erlebten Tage ziehen würde. So, jedoch, überlegte sie einfach nur und das zudem eher unbewusst, focht ihren eigenen, inneren Monolog, während sie an jenem Abend alleine im Schuppen der Bande saß und ein frischgerahmtes Bild in den Händen drehte. Kritzelzeichnungen auf dem weisen Leinen des "Kunstwerks" zeigten eine Fellkugel mit zwei Dreiecken im oberen Bereich und eine Menge rote Farbkleckse zu "Füßen" der Kugel. Einzig durch Anneys und wohl auch Lucas Augen hätte man eine dicke Katze, die gerade mit einem Mäusefrühstück beschäftigt ist, sehen können.
Das selbstgemalte Bild, sowie ein feiner Papierblock, eine Farbpalette mit Pinsel und eine Unmenge an gleichermaßen geschenkten als auch gemopsten Küchlein, Kekskringel und Bonbons formten ihre Tagesausbeute. Diesmal hatte auch das Spielchen mit dem "Decknamen" gut geklappt und ihre Schandtaten liefen ganz unter dem Pseudonym "Mica"... ach was wäre Will diesmal stolz. Ein lohnender Tag auf der ganzen Linie, befand Anney und setzte geistig nach, dass sie zudem interessante Beobachtungen und Bekanntschaften gemacht hatte.
Zum einen war da tatsächlich die Sorte reiches. verwöhntes Adelsbalg vertreten, denen Anneys Meinung nach jegliche Selbstständigkeit fehlte, dafür aber zu viel Selbstgefälligkeit vorhanden war. Aber ebenso bot sich ihr der Blick auf einen stillen, nachdenklichen Heranwachsenden, der sich zwar wohl Graf nennen konnte, jedoch so melancholisch und verschlossen, wie manch arg gebeuteltes Straßenkind wirkte. Antares, so der Name des verschwiegenen Jungen, erinnerte Anney ungemein an Kara, die selbst auch kein Wort über ihre vergangene Misere verlor und stattdessen lieber stundenlang wortkarg aus dem Fenster oder ins Nichts starren konnte. Ein wandelndes Rätsel... beide - und genau deshalb hoffte sie ohne Hoffnung das Grafenbürschlein einmal wieder zu sehen.
Anders die "gewöhnlichen" und meist jüngeren Kinder. Yasi, ein kleines Goldstück, welches einen beachtlichen Teil zu Anneys Kuchenbeute durch reine Großzügigkeit beigefügt hat und Remsi, der kleine Knilch, der sie zwar an Leon erinnerte, doch im Gegensatz zu diesem das Privileg hatte mit Spielzeugschiffchen zu spielen, während der Letzterer täglich um sein Brot kämpfen musste.
Tja und dann war da noch...
Luca.
Kurz zog Anney nachdenklich die dunklen Brauen tiefer und ließ einige, drollige Dackelfalten auf der Stirn erstehen. Luca war auch ein Rätsel, wenn auch auf ganz andere Art und Weise. Im ersten Moment hatte sie den Blondschopf aufgrund seines geschniegelten Äußeren zuerst für ein weiteres, arrogantes Blaublutkind gehalten und erst recht spät entdeckt, dass in den Augen des Knaben ein verwandtes Feuer, so etwas wie Unabhängigkeit, brannte. Endlich jemand mit dem man "normal" reden konnte, der genauso unverfroren fluchte und geradeheraus sagte was er dachte. Gemeinsam hatten sie das Bild gemalt, sich über dämliche Katzen, noch dämlichere Hexer und Schlachten unterhalten. Ohne es zu wissen, hatte er auch beachtlich zu ihrem persönlichen Abendamüsement beigetragen, als er einige Überlegungen und Aussagen zu ihrer Heimatstadt, dem dunklen Schlund des Panthers, machte. Dies führte letztendlich dazu, dass sie einem der Erwachsenen, dem Reichsritter und Grafen Rafael de Arganta, mit einem Blick als könne sie kein Wässerchen trüben, die Frage stellte, ob es denn überhaupt Kinder in Rahal geben würde.
Zugegebenermaßen, viel erfahren hatte sie danach auch nicht, außer, dass der Graf wohl glaubte, dass Rahal'sche Kinder nicht zeichnen konnten. Mit einem weiteren Blick auf ihre Fellkugelkatze konnte Anney ihm da nur zustimmen.
Interessant wurde es dann ganz am Ende des Tages wieder, als Luca ihr seinen Hund Einohr zeigte und über seine eigene Vergangenheit sprach, die scheinbar vom Schatten einer grässlichen Tante verdunkelt wurde. Schade nur, dass er sie am Ende um etwas bat, was die gerade erblühte Freundschaft wohl alsbald wieder zerstören würde:
"Kann ich bald auch mal mitkommen?"
Nur gerecht! Er hatte ihr sein "Zuhause" gezeigt und sie ihm nicht das Ihre. Doch dafür müsste er nach Rahal kommen und seine Meinung über diese Stadt und ihre Einwohner war vernichtend.
Seufzend schob sie das Bild beiseite, blickte müde auf und zuckte zusammen. Große, olivgrüne Augen, von langen, dunklen Wimpern umgeben, starrten ihr entgegen.
"Kara!", entfuhr es Anney nach dem Luftschnappen empört, "Wie lange bist n du schon wieder zurück?"
Mit mattem Lächeln hob der Neuankömmling die schmalen Schultern und wischte sich beiläufig eine der kurzen, dunklen Strähnen aus dem hübschen Gesicht.
"Weiss nicht. Hast du das gemalt? Interessant. Hab früher gern gezeichnet."
Während das stille, burschikose Mädchen die Leinwand inspizierte, fasste Anney einen Entschluss:
Kara sollte Luca kennenlernen und dann... hoffentlich!... mit einem guten Rat aufwarten können.
Verfasst: Donnerstag 17. Juli 2008, 14:23
von Mica Mirillian
Von der Freundschaft
"Zum letzten Mal, Anney, woher hast du all das Essen? Das ist kalter Braten und davon sogar eine ganzer Schmortopf voll. Erzähl mir nicht, dass du den hast mitgehen lassen, das passt in hundert Jahren noch nicht unter deinen Kittel!"
Mit jedem weiteren, fuchsigen Satz seitens Jonas presste sich der Mund ihrer "Diebesmajestät" nur noch fester zusammen, bis die Lippen nur noch dünne, blutleere Striche waren. Wieso sollte sie ihm, der sie doch gerade vor ihrer versammelten Mannschaft wie ein dämliches Kleinkind behandelte, denn auch nur irgendeine Information bieten? Was daraus entstand und welchen "Dank" sie für ihre bereitwillige Mitteilsamkeit bekommen hatte, war eine bittere Lektion der letzten Tage gewesen.
Sie hatte sich von Kara bereden lassen, ihr letztendlich zugestimmt mit Luca ehrlich zu sein und, statt ihn entweder zu einem "falschen Schuppen" zu führen oder abzuwimmeln, ihm den wahren Standort des Bandenhüttchens mitgeteilt: Rahal.
Seine Reaktion hatte sie entäuscht, jedoch hatte ihre Vernunft, wenn sie denn mal in Kraft trat, ihr schon erahnen lassen, dass der Junge nicht sehr viel anders reagieren konnte. Verblüfft, ungläubig, dann mit der emsigen Bitte, dass sie hier bleiben möge - eine Freundschaftsgeste, die Anney, in ihrer kindischen Enttäuschung, nicht recht als solche realisiert hatte - und als dann das Gerede von seinen "Hexern" begann, natürlich mit Ablehnung und Distanz.
In gewisser Weise war es feige ihrerseits gewesen, diese Abwehrhaltung Lucas auszunutzen und so zu verdrehen, als wolle er sie loswerden um ihm, unrechtmäßig zürnend, den Rücken zu kehren. Doch hätte das jemand dem Mädchen versucht zu erklären, so müsste jener Aufklärer mit mehr als nur einem blauen Auge rechnen. Anney wurde nicht gern über ihre Fehler unterrichtet, besonders dann nicht, wenn sie tief im Herzen schon derer gewahr wurde.
Will hatte, zu seinem Glück, auch in eine ganz andere Kerbe geschlagen und sie mit spöttelndem Hohn verlacht um danach fast fröhlich anzumerken:
"Haahaaaa... hab ich dir gleich gesagt, dass n Adelsbürschen nicht zu uns passt, richtig? Na, vielleicht lehrt dir das was, wenn du nun auf die Schnauze fallen musstest."
Oh wie gerne hätte sie ihm ein, zwei Finger gebrochen, doch machte sich Will so rasch glucksend aus dem Staub, dass dafür nicht die Zeit blieb und kam erst wieder zurück, als Anneys Wut verraucht und sie selbst spurlos verschwunden schien.
In der ekelerregenden Gefühlsmischung von ohnmächtiger Wut, hilflosem Zorn und bitterer Enttäuschung, gepaart mit dem emsig beiseite geschobenen Wissen, dass es doch irgendwo ganz allein ihre eigene Schulr war, hatte sie sich zu einem langen, sehr langen Spaziergang aufgemacht, der drei Tage dauern sollte und sie im Laufe dieser Zeit wieder nach Varuna brachte. Zornig hatte sie den hellen, sauberen Stadtmauern die Fäuste gezeigt und wären keine Wachmannen auf den Wehrgängen umhergewuselt, so hätte sie dieser piekfeinen Metropole ihre ganze Verachtung entgegengeplärrt. So jedoch sackten die Hände bald machtlos herab und ihre Beine zogen sie fast wie durch Zauberkraft hinein in den Trubel. Die süßlichen Düfte diverser Obstbäume und würzigen Gerüche der Kräutergärten ließen ihren Magen vernehmlich knurren und mit der danach aufkeimender Übelkeit erst realisierte Anney, wie lange es her war, seit sie das letzte Mal etwas gegessen hatte.
All die danach gestarteten Versuche eine Frucht von den Bäumen oder Sträuchen zu stehlen, wurden ihr von der durchgehenden Präsenz finster dreinblickender Wachen vereitelt und so fand sie sich irgendwann im Zentrum Varunas, dem schmucken Marktplatz, wieder, der am heutigen Tage durch ausgeprägte Leere und Stille brillierte.
Erst spät nahm sie die Gestalt, auf der Bank vor dem Brunnen, wahr... doch entzückt verzaubert war das kleine Mädchen dennoch sofort. Der junge, fein angezogene Herr hatte güldenes Haar, wie der Glanz einer blank polierten Kronenmünze und in den sanften Zügen lag eine abwesende Melancholie, die Anneys Zunge lockerte, ehe sie es selbst merkte.
"Heda, ich würd hier nich so rumsitz'n. Am Ende komm' die Wach'n und sperr'n dich in n Kerker. Da isses nich sauber und dann is dein weißes Hemd bald nich mehr so strahlend!"
ZWEIKOPFKACKE! Was für ein blöder Quatsch... etwas Dümmeres war ihr wohl wirklich nicht eingefallen. Da saß ein Mann, der sich sicher auch Graf, Kronritter oder am Ende beides, wie Sir-Rafael-Sir, nannte und sie ermahnte ihn wie ein schmutziges Straßenkind... wie sich selbst eben.
Da lächelte dieser lieber engelsgleich und erheitert, als erbost zu schimpfen und statt sie zu verjagen, bot er ihr einen Platz neben sich an. Misstrauen und die inneren Warnglocken hätten ihr spätestens jetzt den Fluchtweg in die andere Richtung weisen müssen, doch Anney nahm Platz, begann ein Gespräch, lauschte, fragte und erfuhr zuletzt seinen Namen.
"Den Namen! Anney, sagmal hörst du mir noch zu? So viel Geld hat nichtmal dein Luca-Freundchen...", begann Jonas nun lauter und riss sie aus ihren zurückschwelgenden Gedanken.
"Ist nicht mehr ihr Freund!", bemerkte Will derweil süffisant grinsend.
"Ist mir gleich! Ich möchte wissen, wer dir so viel Geld gegeben hat!"
Nun schrie Jonas beinahe, Leon begann zu zittern, Kara die Brauen tiefer zu ziehen und Anney sah sich gezwungen, doch wieder alles selbst in die Hand zu nehmen.
"Is mir wurscht ob du's wissen magst, hörste? Ich werd dir nix sag'n und wennste mich grün und blau schlägst!"
Das saß. Jonas und Dreas, die beiden Älteren, welche ab und zu einen Blick auf die kleine Diebestruppe warfen, hatten die Hände bisher stets nur gegen Kontrahenten der Kleinen erhoben und die Backpfeife, welche Anney sich nun einfing, schallte so dröhnend, als würde selbst sie noch Jonas Empörung herausposaunen. Dieser jedoch drehte sich um und verließ murrend den alten Hafenschuppen.
"Macht doch was ihr meint. Esst euch satt und erstickt dran, ohne euch zu fragen, warum irgendwer so viel spenden würde... steckt was dahinter..."
Dann waren seine Worte im Dunkel vor der Hütte verklungen und im Inneren herrschte Stille.
Verfasst: Montag 17. November 2008, 11:55
von Mica Mirillian
Von neuen Wegen
Wie eine Katze schlich sie im Kreis um den alten Schemel herum, während zwei altkluge, ernste Augenpaare nachdenklich und etwas analytisch auf ihr ruhten. Sie schien diese nicht zu beachten und begann schließlich selbst ganz in Gedanken versunken, das struppige Haar um den Finger zu drehen und am Kopf zu kratzen. Als sie auch noch anfing in unregelmäßigen Abständen sehr tragische, kleine Seufzer von sich zu geben, wurde es zumindest einem der beiden Betrachter zu viel.
"Du bist eine hohle Nuss! Diesen dämlichen Brief hat entweder eh keiner verstanden oder aber diese Lady von-sonstwo hat ihn vernichtet."
Gut gebrüllt, Löwe. Zufrieden verschränkte Will die Arme vor der schmutzigen Weste und lehnte sich kühn auf seiner Kiste zurück, um erst einmal abzuwarten. Er sollte nicht enttäuscht werden, denn schon verdunkelte sich das Gesicht der Angesprochenen und sie brachte es fertig trotz all dem Schmutz regelrecht puterrot darunter zu werden.
"Was weißt n du schon?!", schmetterte sie im aufwallenden Zornesanfall, "Du bewegst dein' knöchig'n Arsch ja keine fünf Schritt weit aus der elendig'n Stadt. Wie willst du n dich da auch nur irgendwie auskenn'n, was so Ladys und Kram in Varuna bedeutet und wie se reagier'n?!"
Nickend nahm er den Feuerspuckschwall des allseits beliebten Hausdrachen entgegen und ließ ihn kühl an sich abprallen, ehe der Jüngling seine gesamte Weisheit ausschüttete:
"Das ist wurscht ob nun Varuna oder Rahal oder sonstwo, das glaub mal. Die Reichen und so sind überall gleich. Die denken entweder du bist ein Streuner und Dieb, also buchten sie dich ein oder aber sie sehen dich nichtmal."
Wieder war es nun an der Zeit abzuwarten, doch diesmal blieb sie ihm eine Antwort schuldig, biss sich auf die Unterlippe, ballte hilflos die Fäuste, funkelte ihn an und dampfte schließlich innerlich kochend an ihm vorbei ins Freie. Will zog vor, ihr nicht zu folgen, lehnte sich vollends an die Wand und zog eine angekaute Süßholzecke aus seiner Westentasche um an dieser, als habe er eine Pfeife gefunden, zu saugen.
Erst nach einer geraumen Weile, als die Stille im Raum unerträglich wurde und man meinte, man könne die Luft dort längst schneiden, stand seine schweigsame Nachbarin auf.
"Will, ich gehe sie suchen...", murmelte das junge Mädchen mit den kurzen Haaren ruhig.
"Pah, macht doch was ihr meint.", die Antwort.
So kam es, dass Kara Will trotzig zurückließ und durch den Hafenbezirk schlenderte. Sie ahnte längst wo die Ausreißerin zu finden war und tatsächlich kauerte jene nahe der alten Hafentaverne vor einer Art winzigem Loch im Boden. Als sie die Schritte hörte, blickte sie sich kurz um, schenkte dann aber dem Loch wieder ihr Interesse. Nach einiger Zeit begann sie zu sprechen, die junge Stimme klang müde und trüb.
"Weißte, Kara, als wir vor ner Woche die fette Katz' hier von dem Ratt'nloch da weggeriss'n ham und se verscheucht'n, da musst' ich beim Anblick von dem Vieh ans Bild denk'n. Das war schon n schöner Tag, weißte?", sie schwieg kurz und erwartete wohl keine Antwort, "Ich hab'm Will schon geglaubt, dass des nich passt: n Beng'l aus Varuna, der von ner Adlig'n aufgezog'n wird und dann halt sowas wie ich: Abschaum aus Rahal... aber er war immer nett gewes'n. Ich hätt' ihn nich so blöd da steh'nlass'n soll'n, nich?"
Sie schwiegen beide und aus den Tiefen ihrer Kitteltaschen zog Anney einen schimmeligen Kanten Brot, welchen sie vor das Loch legte. Erst als diese Rattenfütterung fast zeremoniell abgeschlossen war, meldete sich Kara zu Wort.
"Anney, du solltest ihn besuchen gehen und dich entschuldigen, wie du es in deinem Brief angekündigt hast."
Dann wartete sie nur noch auf das kleine, zustimmende Nicken, kaum wert Geste genannt zu werden, ehe sie sich umdrehte und Anney, selbsternannte Königin der Diebe, zurückließ.
Jene dachte an Bilder, dicke Katzen und einen blonden Jungen, dessen Gesicht sie trotz langer Zeit nicht vergessen hatte.
[img]http://i422.photobucket.com/albums/pp305/zimtkaugummi/anneycute.jpg[/img]
Verfasst: Freitag 28. November 2008, 10:39
von Mica Mirillian
Von Untoten, Werwolfsjägern und anderen Halunken
Wie lange sie noch zum Loch in der windschiefen Barrikade am Tor geblickt hatte, war ihr nicht wirklich bewusst, doch musste es schon eine geraume Zeit gewesen sein, da Jonas' kurzer Schulterrempler alles andere als sanft war und klar das Ziel hatte, sie wieder aus den Tagträumen zu reißen.
„Wer zum Henker war der Junge?!“
Mit einer Mischung aus Amüsement und Sorge betrachtete er ihr Gesicht, ehe seine Züge plötzlich sehr weich und zärtlich wurden. Sanft wuschelte er durch ihr eh schon wirres, zotteliges Haar und zog sie dann etwas näher.
„Lass mich raten, du weisst es nicht?“
Sie nickte, lehnte die Stirn an seine Brust und widerstand dem Drang dem Älteren einfach um den Hals zu fallen. Der unangenehme Klos in ihrem Hals, welcher sich schon gebildet hatte, als sie Jonas' Stimme vernahm und die schlanke Gestalt sich durch den düsteren Nebel auf sie zubewegt hatte. Vorwürfe hatte sie erwartet, vielleicht sogar eine Backpfeife, denn anhand seines erleichterten und fragenden Blickes konnte sie längst sagen, dass weder Will noch Kara ihr Versprechen gebrochen und niemandem gesagt hatten wo sie zu finden sei. Dass er diese Informationen von einem in grünliches Leber gekleideten Mann, der Kanubio hieß und sich wohl zuerst mit sehr nordischem Akzent vorgestellt hatte, aber ein toller Kerl sei, sprudelte er kurz danach heraus.
Wo sie gewesen sei? Was denn passiert wäre? Ob sie denn nicht wisse, dass Untote rund um das Dörfchen die Gegend unsicher machten?
All jene Fragen wollte sie nicht recht beantworten. Zum einen, war es müßig und unangenehm sich hierbei herausreden, während man unweigerlich Geschichten von einer Untotenjagd, zusammen mit zwei Halbwüchsigen, von denen der eine sicher nie zuvor gekämpft hatte, und einem Krieger, der kühner jeder andere war, erzählen musste.
Tja und bei dieser einen Geschichte wäre es doch noch nicht einmal geblieben!
Dann war da ja noch ein Werwolfsjäger, dem sie innerlich unterstellte, dass er ihren guten Freund Luca doch nur hingehalten, ja regelrecht veralbert hatte und irgendwo hoffte sie dem Kerl, dass er das nicht noch einmal wagen würde oder Luca gar enttäuschen wolle, denn dann würde sie ihn bitter rächen! … Würde sie? Oder fiel ihr zum Punkt Enttäuschungen nicht noch etwas mehr ein?
Zumindest ging dieses Thema Jonas nun wirklich nichts an.
Auch das letzte, größere Erlebnis, der Überfall bei der Lady, in welchem das Fräulein Leah zur Geisel wurde und sie, Anney, die mit ihrem Messer bereitstand, diese verdammte Tür nicht aufbekam und nur ein verhindertes, zeterndes Kind war, wollte sie eigentlich nicht ansprechen, doch wusste er bereits davon. Als er sie auch dazu befragte, schwieg sie, lauschte seinem Herzschlag und nuschelte dann nur die Antwort, die sie schon die ganze Zeit auf seine Fragen hin hervorgepresst hatte:
„Weiss ich nich...“
Jonas schimpfte nicht, schwieg nur und schob sie letztendlich etwas fort von sich.
Wieder unterdrückte sie den Impuls nach ihm zu greifen und atmete tief durch um die Tränen, vom Klos im Halse angelockt, herunter zu schlucken.
In diesem Moment passierte es.
Ein Junge, in etwa so alt wie Luca, lief an ihr vorbei, drehte den Kopf zu ihr und in dem Moment, als er an dem Mädchen vorbei lief, betrachteten sich beide stumm. Ihr Blick wäre nichtssagend und stumpf geblieben, wäre nicht plötzlich ein fröhlicher Schimmer, wie eine Welle, durch das Sommersprossengesicht ihr gegenüber gelaufen, ein Leuchten in den warmen, brauen Augen und ein munteres Lächeln, welches ihr entgegenblitzte.
Ohne es zu merken, hatte sie es erwidert und ihm dann lange nachgeblickt, auch als er dann im Zaunloch nahe des Tores verschwunden war.
Dann folgte Jonas' Rempler, seine Frage... und zuletzt war sie froh, wieder in seine Nähe zu dürfen.
Sie kam sich scheußlich alleine vor.
Verfasst: Samstag 29. November 2008, 02:59
von Jonas Elling
Schon wieder war sie ihm entwischt gewesen, doch diesmal hatte er wenigstens geahnt wo sie hinmarschiert war. Wieder wohl zu dem Jungen namens Luca, doch wo dieser in etwa wohnte war schier unmöglich zu erraten. Varuna war groß und selbst in der Stadt hätte er sich ewig durchfragen können, doch sollte der Bursche auch noch in den Landen rings um die Stadt angesiedelt sein, dann brauchte er tatsächlich nicht erst anfangen.
Er hatte gelernt zu warten, hatte sich auf halbem Weg zwischen Varuna und Bajard ein kleines Lager am Straßenrand gebaut und wartete trotz der Kälte stoisch auf das Mädchen.
Als er so nichts zu tun hatte, kamen ihm wieder die Momente ihrer Begegnung in Bajard in den Sinn. Am liebsten hätte er sie wieder mit sich genommen und nach Rahal gebracht. Andererseits wollte er doch selbst mit Will die Stadt verlassen und hatte sich nach einem geeigneten Ort für ihr Hüttchen, fernab von Terror und Furcht, umgesehen. Auch dort konnte man Hehlerwaren lagern, besser sogar als in Rahal und Märkte gab es in den Dörfern genug. Ja, er hätte Anney zumindest noch ein viertes Mal bitten sollen, mit ihnen die Hütte zu bewohnen... und doch wusste er, dass sie verneinen würde.
Sturer Kopf!
Sie war ihm wie eine kleine Schwester und ihm deshalb so lieb.
Dennoch hatte sie Recht, als sie ihm geantwortet hatte, dass ihr Leben noch weiter draußen lag.
"Sicher, fragt sich nur, ob es wirklich bei dem Luca-Jungen auf sie wartet...", murmelte er düster und merkte, dass ihm der Gedanke, ein Anderer würde nun auf sie achten, nicht ganz gefiel. Wie alt war der Kerl überhaupt 18? 20? Er hatte sie nie danach gefragt und wusste nur von Will, dass es sich um einen Kerl handelte, der bei einer Lady, einer Ritterin des Lichts, wohnte und wohl, nach Wills bissiger Meinung, doch etwas verwöhnt war.
Ehe er allerdings länger grübeln konnte, spazierte sie ihm zufrieden grinsend entgegen und schien die fahle Dunkelheit zu ignorieren, die noch immer die Sonne Tag für Tag verschluckte.
Ein Schwall an Worten und Erklärungen wurde ihm entgegengeworfen, als würden diese doch alles erklären. Irgendetwas über eine Frau namens Viola, mit welcher sie geredet hatte und welche wohl einen immensen Eindruck auf das Mädchen gemacht hatte... und dann noch etwas über eine "Fräulein-Savea-Frau", die selbst eine halbe Manierenlady war undundund.
Lächelnd bemerkte er, dass sie unbewusst nach seiner Hand gegriffen hatte, als sie plaudernd gemeinsam nach Bajard wanderten. Vermutlich hatten ihre Gedanken sich ganz auf das Erzählte gerichtet und sie die sehr vertrauensvolle, doch kindliche Geste nicht bemerken lassen.
Grinsend und hoffend, dass dieser Zustand zumindest noch ein Stückchen des Weges hielt, fragte er rasch nach:
"Wie war das nun genau? Du hast dich mit der hübschen Viola-Dame unterhalten? Denkst du, sie wär was für mich? Oder eher deine Fräulein-Savea-Frau, na?"
Verfasst: Montag 8. Dezember 2008, 23:17
von Nikylas
Mit einem leisen "Tock-tock" trommelte er mit dem Schnitzmesser auf dem groben Scheit umher, welcher zumindest an einem Ende schon entfernt an die Formen einer menschlichen Figur erinnerte. Doch vermutlich würde das arme Stück Holz auch am späten Abend noch keine weitere Entwicklung verzeichnen können, denn seit Stunden hatte er nicht mehr daran gearbeitet, sondern nur damit gespielt, sich auf dem Lager aus Stroh hin- und hergedreht und dümmlich die Holzdecke angegrinst.
Er hatte sich gefreut, dass er ihr nochmal begegnet war und diesmal war er begeistert, dass er nun auch noch ihren Namen kannte: Mica.
Wieder klapperte die Messerschneide gegen das Holz und ein loser Span fiel herab.
Eigentlich war sie doch bei weitem nicht die Sorte Mädchen, denen er nachsah, geschweige denn an sie dachte. Sie war deutlich jünger als er, bestimmt zwei Jahre und so dürr, schmächtig und klein. Ganz und gar nicht wie Isolda, die Tochter des Gastwirtes seines Dörfchens.
Achja, Isolda, deren Busen sich so deutlich unter der Miederbluse hob und spannte, wenn sie die schweren Krüge stemmte; Isolda, deren langes, rabenschwarzes Lockenhaar stets unter dem Häubchen hervorlugte; Isolda, deren Beine lang und wohlgeformt schienen...
Isolda, die ihm bei seinem letzten Liebesgeständnis eine rote Wange verpasst und danach ein "Werd erst einmal erwachsen, Hosenscheißer!" zugeschmettert hatte. Isolda, die im Übrigen seit drei Wochen mit Lasserik, dem Sohn des Schmiedes, verlobt war. Toll, ganz glorreich!
Seufzend drehte er sich auf den Bauch, drückte das Gesicht ins Pieksestroh und legte dann Messer und Schnitzerei von sich. Sowieso war es doch diesmal anders. Das Mädchen war nicht so eine Schönheit wie Isolda aber... aber anders hübsch, sonst hätte er sie doch längst vergessen, achwas, ihr nichtmal zugelächelt, sie nicht angesprochen.
Das erste Mal, als er sie gesehen hatte, war sie neben diesem jungen Mann gestanden, der nur ein bisschen älter als er selbst sein konnte. Damals war ihr Blick so trübe und nachdenklich gewesen und die grünblauen Augen rührten sein Herz, so dass er ihr aufmunternd entgegengrinste. Als dann allerdings beide ihm nachsahen, verschwand er doch lieber etwas schneller, denn die Blicke schienen durchweg misstrauisch.
Auch bei ihrer zweiten Begegnung blieb sie auf Distanz und brachte gut gewählt nur ein paar Brocken raus, doch ihren Namen hatte sie ihm genannt, ehe sie an ihm vorbei gehuscht war und in Richtung Kutsche eilte.
"Berchgard" hatte sie zwar dem Kutscher gesagt und doch wußte er nur zu genau, dass sie da nicht wohnte. Nein, irgendwo hier in Bajard schien sie zu leben... und er würde schon noch herausfinden wo!
Verfasst: Mittwoch 10. Dezember 2008, 17:44
von Mica Mirillian
Vom Erwachsen werden
Anney erwachte in den nebelig-klammen Stunden des frühen Morgengrauens und realisierte halb erschrocken, halb erstaunt, dass sie im Schlaf näher an den alten Mann gerutscht war, welcher noch immer leise schnarchend neben ihr schlummerte.
Mit kindlicher Faszination ließ sie den Blick über das ledrige Gesicht gleichten und erfasste jede Falte oder Furche. Letztendlich wendete sich das Mädchen schmunzelnd vom neuen Freunde ab, gestattete ihm seine Ruhe und rappelte sich auf um die Werkstatt zu inspizieren.
Die restliche Glut in der Esse hielt die Kälte noch immer ausreichend fern und erwärmte sowohl die groben Fliesen, als auch die steinerne Wand. Leise schlich sie näher an den Amboß heran und staunte innerlich über den massiven Metallklotz, ehe etwas Glitzerndes ihre Aufmerksamkeit erhaschte.
Auf der Arbeitsplatte aus Granit lag noch immer das Kunstwerk des gestrigen Schmiedeabends:
ein Haufen winziger, kupferner Ringe, welche teilweise schon in mühevoller Handarbeit aneinandergereiht und zusammengebogen waren. Das Geflecht aus den glänzenden Ringlein war gerade erst anderthalb Kinderellen breit und doch würden diese Reihen eines Tages einen nahezu lebenswichtigen Bestandteil des Kettenhemdes ausmachen... ihres Kettenhemdes!
Zärtlich, fast liebevoll, glitten die schmutzigen, kleinen Finger über die breiten Ringketten und in Gedanken sah sie sich schon in großartigen Schlachten, wild kämpfend, ein prachtvolles Kettenhemd am Leib und ein blitzendes Schwert in den Händen. Beides hatte er ihr versprochen, Schwert und die Kettenrüstung, und obwohl sie einander erst seit kurzem kannten, vertraute Anney dem alten Schmied und wusste irgendwie, dass er sein Wort halten würde.
Stolz und zuversichtlich reckte sie das Kinn, presste die Lippen aufeinander und probte spielerisch die erste verwegene Kämpferhaltung. Schon verlor sie sich wieder in Tagträumen und wirbelte mit einem nur für sie sichtbaren Schwert im festen Griff durch den Raum. Ein altes Wasserfass, abgestellt um das ein oder andere feurige Malheur abzukühlen, bremste ihren Klingentanz mit dumpfem Rumms. Erschrocken sah sie sich gehetzt nach Perrin um, nur um erleichtert festzustellen, dass der ältliche Rüstschmied nur noch lauter schnarchte, als wolle er ihren Krach damit übertönen.
Aufatmend und sant lächelnd drehte sie sich wieder dem Fass zu, um eventuelle Macken im schimmeligen Holz zu kaschieren, als sie in der Bewegung erstarrte und scharf die Luft einsog. Ihre hellen Augen weiteten sich mit Entsetzen und das Herz schlug ihr dröhnend bis zum Halse:
Aus dem dunklen, brackigen Wasser starrte ihr das Antlitz eines jungen, hübschen Mädchens entgegen. Auch sie schien schockiert über die Konfrontation mit der Anderen und ihre Augen waren weit aufgerissen vor Grauen. Langsam öffnete Anney den Mund um laut aufzuschreien, doch als sich in exakt diesem Moment auch die Lippen des Mädchens im Wasser bebend öffneten, da begriff sie und der Schrei starb noch in der Kehle.
Das da war sie!
Mit zitternden Händen betastete Anney ihr eigenes Gesicht und konnte noch immer nicht fassen, was das Spiegelbild ihr da so deutlich vor die Nase hielt. Leise aufstöhnend bemerkte sie, dass der letzte Blick in einen Spiegel oder etwas Ähnliches bald ein Jahr her sein müsse und natürlich hatte sie mit Veränderungen gerechnet, gerade da die letzten Wochen, Monate in der Obhut des bajarder Gasthofes und dem Genuss der von Luca heimlich zugesteckten Köstlichkeiten, sich merklich an ihrem Körper abgezeichnet hatten, doch dieser Anblick übetraf ihre kühnsten Vermutungen.
Ja, das Gesicht war, wie zu erwarten, runder, die Wangen längst nicht mehr eingefallen sondern rosig und ihre dunklen Ränder unter de Augen waren ein gutes Stück weit geschrumpft. Dafür wirkten die Lippen voller, röter und die Wimpern irgendwie länger, das Haar gepflegter, strahlte heller und nicht stumpf und fettig.
Sie war mit einem Schlag kein hässliches Entlein mehr!
Sicher... auch noch weit davon entfernt "Frau" oder "schön" genannt zu werden, doch erkannte Anney mit freudigem Herzklopfen, dass ein gewisser Charme, vielleicht der Funken "Niedlichkeit" in ihrem Gesicht bereits zu entdecken war. Noch zwei, drei Wochen und man würde ihr das wahre Alter endlich ansehen und sie für ein heranreifendes Mädchen, nicht ein kindliches Gör, halten. Deshalb, deshalb hatte sich dieser komische Kerl so an ihre Fersen geheftet und ihr geschmeichelt, dass ihr damals so komisch und mulmig wurde. Er war nicht verrückt, wollte sie nicht hinters Licht führen, sondern hatte selber einen Blick auf die ersten, weiblichen Züge des Mädchens werfen können.
Ein breites Grinsen stahl sich auf ihr Gesicht und wurde noch einnehmender, als Anney mit einer gewissen Erleichterung merkte, dass zwei, drei ihrer unteren Eck- und Schneidezähne noch immer etwas schief waren. Somit konnte diese Erfahrung kein Traum sein, denn das hätte sie an ihrem Traumbilde mit Sicherheit auch geändert.
"Kleine Anney...?", der mit Gähnlauten gezierte Ausruf brachte ihre Gedanken wieder ins Diesseits zurück, "Magst du mal sehen, ob die in der Taverne uns ein kräftiges Frühstück zubereiten können? Denn danach geht es gleich wieder an die Arbeit."
Mit einem eifrigen Nicken stob sie schon an ihm vorbei und fühlte sich plötzlich, als wäre sie ein gutes Stück über Nacht gewachsen.
Verfasst: Sonntag 28. Juni 2009, 19:19
von Mica Mirillian
Von der endlosen See
"Nun geht es also wieder zurück, hm? Ah, schau nicht so traurig drein, Kleine... wir vergessen dich schon nicht!"
Zwar lächelte das Mädchen reichlich schief und zog einmal geräuschvoll den Rotz in der Nase hoch, antwortete sonst aber nicht und starrte weiterhin ruhig auf die nächtliche See. Der Mond spiegelte sich in den dunklen Wellen wie ein waberndes Abbild einer silbrigen Riesenorange und die abermillionen Sterne, die über dem Meer stets den Eindruck erweckten, man habe sie nochmals etwas klarer und feiner gezeichnet, verwandelten das Wasser in glitzernde Wellen. Ein harmonischer Anblick, den sie nun doch schon sehr lieb gewonnen hatte... selbst wenn sie das Meer auch ganz anders kannte.
Manchmal war es ein grauschwarzes, tobendes Monster gewesen, welches das kleine Handelsschiff nur so umhergeworfen hatte. Die Gischt, der weiße Geifer des Ungetüms, hatte so manche Kisten von Deck gespült und dröhnend empfangen, jedoch war der Mannschaft bisher der Verlust des ein oder anderen Menschenleben erspart geblieben.
"... und das obwohl du ein kleines Weibsstück bist!", pflegte Storrek, der einäugige Matrose mit dem Goldzahn, welchen das Kind so sehr lieb gewonnen hatte, dann grinsend zu sagen.
Ja, sie hatten ihr doch so einiges vergeben und selbst Kapitän Rugen, der sie mehrfach wohl von Bord hätte werfen müssen oder im nächstbesten Hafen aussetzen können, seufze lediglich gequählt, wenn neue Schandtaten des jungen Mannschafts-Zuwachs an sein Ohr drangen.
"Blinde Passagiere dulde ich nicht oft, Bengel, doch nachdem du schon einmal da bist und unser Smutje bestimmt noch Hilfe gebrauchen könnte, darfst du dich erst einmal als eine Art Schiffsjunge sehen.... vermutlich werfen wir dich am nächsten Hafen raus!"
Taten sie eben nicht!
Nicht am nächsten, nicht am übernächsten und auch danach nicht. Im Gegenteil: man wuchs zusammen. Die Mannschaft der Lady Ninifaye und das Kind, welches so ein großes Mundwerk und ein tapferes Herz hatte, harmonisierten irgendwie recht fein, weshalb auch die Entdeckung vor zwei Monden, als der vermeindliche Bengel Fieber bekam und ihm der Schiffsarzt letztendlich doch zu Leibe rückte, keinen Groll sondern eher einen gesunden Schreckenm gemischt mit Erstaunen hervorbrachte.
"Ein Mädchen? Donnerkeil, das darf nicht wahr sein. Da hat mich das Gör vermalledeit gut über den Tisch gezogen!" hatte der Kapitän geächzt, während Storrek eher amüsiert zurück brummelte:
"Hab doch gesagt, dass der, ne die Kleine für einen Burschen ein viel zu zartes Gesichtlein hat."
Hatte er tatsächlich. Im Grunde war sein Argwohn schon entfacht, als er das fluchende, kleine Geschöpf im Frachtraum erwischt und an Deck gezerrt hatte. Für einen Jungen war sie ihm dann doch etwas zu zart. Doch der alte Brummbär hatte nichts weiter gesagt, als er merkte, dass man dem Kind zu gern die Märchengeschichten glauben wollte und so hatte er mit dem Stolz eines heimlichen Großvaters auf seinen Frachtraumfang geachtet. Vermutlich war er es auch, der dem abergläubischen Kapitän ins Gewissen geredet hatte.
"Soso, du bist also ein Gör, was? Müsste dich sosfort über Bord werfen, nachdem Weiber auf einem Schiff nichts als Unglück bringen.... aber ich möchte ja auch nicht undankbar erscheinen. Heute darfst du noch bleiben, geh zum Smutt' und schäl' die Kartoffeln. Morgen werden ich dich vermutlich irgendwo absetzen!"
Erneut eine leere Drohung und das Mädchen blieb.
Bis... ja, bis heute.
"Nimm's ihm nicht übel, Kleine. Die Lady Ninifaye verlässt nunmal die Gewässer rund um Gerimor und du, Fräulein, wärst nur noch weiteren Gefahren ausgesetzt. Das hatten wir doch alles schon..."
Ja, hatten sie und nachdem all das Zetern, Schimpfen und Fluchen nicht geholfen hatte, konnte sie auch jetzt nichts, als sich elend fühlen und seufzen. Gerührt von dem wehleidigen Ächzen trat der alte Mann auf sie zu und drückte ihr still ein in rissiges Pergament gewickeltes Päckchen an die Brust.
"Nimm schon! War mal für meine kleine Tochter gedacht... aber die hat die Keuche samt ihrer wunderbaren Mutter dahingerafft. Wird sie nicht mehr brauchen, aber du vielleicht, wenn's wieder kälter wird."
Nachdem sie den alten Mann eindringlich mit großen Augen angestarrt hatte, wurde das Paket eher unsanft ausgepackt. Ein blutroter, wollener Kapuzenumhang lag in ihrer Hand und mit fahrig-zittrigen Bewegungen legte sie sich das Prachtstück um die Schulter.
"Pa... passt wie angegoss'n, nich? Auch wenns nich so meine Farb' is, weisste.", gab sie krächzend von sich und drückte den gerührten, alten Herrn fest an sich.
"Schon gut, schon gut, du kleine Süßwasserkröte. Man sieht sich doch immer zweimal im Leben, was? Außerdem hast du selbst noch vor wenigen Tagen gesagt, wie sehr du deine Landeierfreunde vermisst hast."
Mit einem ernsten Nicken ließ sie wieder von Storrek ab - und wie sie all die lieben Menschen vermisst hatte! Luca, Jonas, Hanna, Zoe, Cori, Perrin, Kara, Alea, Dreas, Will, Cy... und so viele Andere.
Dreimal roter Henker, sie hatte ihnen so einiges zu erklären!
"Ach und Anney..."
"Hm?"
"Pass auf den Jungen auf!"
Ein breites Grinsen trat sowohl auf Anneys als auch Storreks Gesicht.
Der Junge... da war ja nochwas!
Verfasst: Mittwoch 1. Juli 2009, 13:35
von Finjan Keron
„Hey Finjan!“ ertönte die raue Stimme von Storrek
„Was'n?“ der Junge drehte sich um und seine blauen Augen blickten fragend zu dem Matrosen auf, der ihm noch zugrinste, als er das Schiff verlassen wollte.
„Pass auf das Mädchen auf!“
Achja … da war ja noch was. Aber erst einmal der Reihe nach.
Finjan war der älteste Spross einer großen Familie gewesen und damit auf die eine oder andere Art dazu auserkoren, für seine jüngeren Geschwister zu sorgen. Neben Tagesarbeiten, die er schon im jungen Alter von sieben Jahren anzunehmen hatte, musste er auch noch des Abends auf seine kleinen Geschwister aufpassen, während der Vater noch am Schuften war und die Mutter … nunja, erst später hatte Finjan so wirklich verstanden, wie seine Mutter ein paar Münzen ins traute Heim bringen konnte. Über die Jahre hinweg wurde Finjan der zweite Mann im Haus, denn von ihrem Vater bekamen die Kinder selten etwas zu sehen und so wurde der kräftige Junge immer mehr zu einem kleinen Ersatz, sowohl für die Kinder als auch für die Mutter, die ihn mit Arbeiten beanspruchte wo es nur ging, und ein Ende dieser Zeit war nicht wirklich in Sicht.
Immer wieder hatte Finjan des Nachts draußen vor der viel zu kleinen Hütte gesessen, in den Himmel gestarrt und sich gefragt, ob er das so wolle. Natürlich musste er für seine Geschwister da sein, aber was war mit ihm? Sollte er irgendwann als alter Mann im Alter von 30 Jahren sterben und am Ende hät er das halbe Leben nur für andere gesorgt und nicht ein bisschen für sich? Irgendwie erschien ihm dies ungerecht und diese Gedanken sollten ihn noch lange plagen … bis er neun Jahre alt wurde.
Jener Abschnitt konnte man ohne Zweifel als radikalen Schnitt betrachten, denn Finjan hatte eine Entscheidung getroffen und zwar jene, dass seine Zukunft anders auszusehen hatte. Natürlich war es egoistisch, natürlich würde ihm seine Familie fehlen, aber sie würden über die Runden kommen und da er die Reaktionen seiner Eltern auf seinen „Plan“ kannte tat er das einzige, was sich in solch einer Situation anbot: Er rannte fort.
Über die Jahre hinweg schlug er sich durch, was nicht Ansatzweise so romantisch und einfach war, wie er es sich immer erhofft hatte, und so musste Finjan das Leben auf der Straße auf die harte Tour kennen lernen; und er machte sich dabei ziemlich gut.
Letztendlich war er im Alter von fast dreizehn Jahren auf dem Schiff des Kapitän Rugen gelandet; nicht mehr als ein blinder Passagier den man schnell erwischte. Doch wie schon bei dem „Neuzuwachs“, auf den man noch zu sprechen kommen wird, hatte Rugen auch bei Finjan niemals die nötige Härte, um den jungen Burschen von Bord gehen zu lassen. Finjan dankte es ihm auf seine Weise, nämlich damit, dass er mit anpackte, wo immer jemand gebraucht wurde, ganz gleich ob in der Kombüse, beim Verladen der Fracht oder mal oben in den Segeln. Finjan gewann an Muskeln dazu, seine Haut nahm immer mehr einen bronzefarbenen Teint an durch die Sonne und alles war gut und harmonisch; bis Anney kam.
Das Mädchen wurde, wie Finjan damals, im Lagerraum aufgefunden und zu Finjans Überraschung, und anfänglicher Empörung, an Bord behalten … wo doch jeder wusste, dass Frauen an Bord Unglück brachten! Anfangs war er nicht sonderlich begeistert gewesen über die neue Passagierin, doch mit der Zeit hatte der Kapitän ihm immer wieder aufgetragen, nach ihr zu sehen … von wegen ähnliches Alter und all sowas. Und während eben jener Momente lernte Finjan sehr schnell, dass Anney es faustdick hinter den Ohren hatte und nicht so ein kleines, weinerliches Gör war, wie seine eigenen Schwestern oder nahezu jedes Mädchen auf dieser Welt, nein, sie war so etwas wie ein …. Kumpel!
Die beiden verstanden sich gut, besser als Finjan es gedacht hätte und ein jeder wusste des Abends seine Geschichte zu erzählen, die beiden lernten sich besser und besser kennen und es schien als würden sie auf ewig auf diesem Schiff bleiben. Bis heute.
Rugen hatte es Finjan deutlich gemacht, dass er ihn auf dem Schiff behalten würde, aber Anney nicht bleiben könne. Der alte Kapitän wusste um die gute Freundschaft und so war es nur fair, Finjan die Wahl zu lassen, ob er auf dem Schiff bleiben wollen würde, oder bei Anney … und letztendlich hatte er sich für das Mädchen entschieden, und er hoffte inständig, er würde es nicht bereuen.
„Hey Finjan!“ ertönte die raue Stimme von Storrek
„Was'n?“ der Junge drehte sich um und seine blauen Augen blickten fragend zu dem Matrosen auf, der ihm noch zugrinste, als er das Schiff verlassen wollte.
„Pass auf das Mädchen auf!“
Finjan grinste nur breit zurück und rief als Antwort hinüber „Als ob die jemanden bräuchte der auf sie aufpasst!“
Und damit begann ein neuer Lebensabschnitt.
Verfasst: Dienstag 14. Juli 2009, 01:07
von Mica Mirillian
Von der Verräterin
Manchmal sind Kindersorgen und -dramen denen der Erwachsenen gar nicht so unähnlich, besonders wenn es sich bei den Kindern um Heranwachsende im Alter zwischen zwölf und vierzehn Jahren handelt....
Warum sie sich vorhin so hatte gehen lassen und tatsächlich in einem Strudel aus Verzweiflung und Enttäuschung versunken war, dass sie sich selbst nicht wiedererkannt hätte, konnte sie jetzt schon nicht mehr begreifen. Eine Schande, dass Rafael, gerade der freundliche und tapfere Sir, sie so aufgegabelt hatte: dieses kleine, umhertappende Häufchen Elend mit verheulten Augen und Rotz an der Nase.
"Mädchen dürfen manchmal doch weinen.", hatte er aufmunternd angebracht und nicht geahnt, dass der Spruch doch noch lange an ihr nagen würde. So weit war es also mit ihr gekommen! Nun war sie ein Mädchen, das heulte und flennte wie eines der verzogenstens und weichlichsten Bälger und halb Berchgard hatte sie so gesehen.
Anney, die sich früher Königin der Diebe nannte.
Anney, die gegen Rahaler Gardisten, den stetigen Hunger und Untote gefochten hatte.
Anney, die es mit jedem Kerl bis zum Alter von vierzehn Jahren in einer Prügelei aufnehmen konnte
...
Anney, das heulende mädchenhafte Mädchen!
Sie schüttelte sich angewidert und seufzte elend auf, als sie sich wieder mit der alten Frage konfrontiert sah:
Wie konnte es geschehen, dass sie sich so hatte gehen lassen?
Vielleicht lag es an der Enttäuschung?
Mit frohem Mute war sie zurück zum Anwesen von Hohenfels spaziert und registrierte begeistert, dass Jonas' Idee ganz aufgegangen war. Adrett zurecht gemacht in frischen Kleidern, die er ihr gefertigt hatte, den roten Mantel über den Schultern und das blonde Haar mit zwei Stücken Samtband zu Zöpfen gebunden, fiel sie nicht mehr recht auf in der edlen Stadt. Die Gardisten grüßten das Mädchen freundlich, statt ihr finstere Blicke voller Misstrauen zu schenken und eine alte Dame schenkte ihr eine handvoll Kirschen. Anneys Laune war auf dem Höhepunkt und nur der Gedanke an Lucas Gesicht, wenn sie ihn einmal nicht als Schmuddelkind besuchen würde und dann auch noch die Einladung zum Essen aussprechen könnte, fachten die Begeisterung noch an.
Doch dann war alles anders gekommen, so anders...
Cyr hatte sie wohl beruhigen wollen, als er ihr erzählte, das Lucas Stubenarrest nichts mit ihrem Geständnis vor Lady Darna zu tun habe und tatsächlich hatte sie in einem Anflug von naiver Dummheit gedacht, dass die Lady sogar etwas stolz auf Lucas strahlende Erlöserrolle in ihrem eher düsteren Rahal-Lebenskapitel gewesen war. Offensichtlich jedoch war Lady Darna in erster Linie enttäuscht darüber, dass Luca gelogen hatte und diese Enttäuschung verletzte den Jungen so schmerzlich, dass sein freches Gesicht es nicht verstecken konnte.
So kam es wohl, dass Anney, den kessen Plan gefasst ihn mit einem Steinwurf ans Fenster zu locken um da dann heimlich die große Neuigkeit zu verkünden, nie dazu kam ihre Einlandung ihm persönlich zu überbringen.
"Verräter!"
Sie war eine Diebin, eine Ratte, ein Gossenspatz, eine Schwindlerin und auch Aufschneiderin aber eine Verräterin hatte man sie nie genannt und das Wort traf tief. Vermutlich, weil sie nach ihrem zornigen Streitgespräch am Fenster plötzlich Schuld empfand und sich nicht mehr sicher war, ob der "dämliche Hammel" namens Luca ihr nicht doch ganz recht getan hatte mit den Beschimpfungen.
Im Schlimmstfall war sie, sie alleine, dafür verantwortlich, dass ein ehrlicher Kerl von einem Bengel nun auf immer einen Bruch zu dem Menschen, der ihm vielleicht am meisten von allen am Herzen lag, erfuhr: ein Vertrauensbruch zwischen ihm und Lady Darna, den sie ans Licht gebracht hatte.
"Vielleicht hätte ich's ihr gerne selber gesagt. Hast du daran mal gedacht?"
Hatte sie überhaupt gedacht?
Wie scheinheilig erschien ihr nun die eigene Rechtfertigung, die vor wenigen Momenten noch ihr voller Ernst war. Sie hätte sich beim dauernden Lügen vor der Lady, die ihr freundlich Speis und Trank anbot' und mit dem dreckigen Mädchen sprach, als wäre sie ein Kind wie jedes andere... deshalb habe sie das Schuldgefühl umgeworfen.
Pah, dieses Dramagesülze konnte sie sich sparen. Sie hatte doch schon gelogen, dass sich die Balken bogen, als sie gerade einmal sprechen konnte. Das Schuldgefühl hätte sie sich jetzt auch sparen können, hätte weiteres lügen und stillschweigen doch Luca vor der Misere bewahrt.
"Verräter!"
Richtig und armselig genug, um Rafael danach noch vollzuheulen, womit vielleicht noch mehr Ärger entstanden war.
"Verräter!"
Anney presste das Gesicht fest an die angezogenen Beine und biss sich auf die Lippe, doch weder der Schmerz, noch das monotone Rauschen der See konnten das Loch in der Brustgegend vorerst stopfen und als sie die salzige, verdammte Flüssigkeit wieder die Wangen herabrinnen spürte, hoffte sie inständig, dass Finjan heute nicht zum gemeinsamen Unterschlupf kommen würde.
Verfasst: Montag 24. August 2009, 20:47
von Mica Mirillian
http://www.alathair.de/forum/viewtopic.php?p=320635#320635
(Aleas Ende oder Geliebte, nie vergessene Freundin)
Verfasst: Donnerstag 10. Dezember 2009, 22:39
von Mica Mirillian
Von dunklen Haaren und einem geistigen Brief
Still lag das Kind inmitten der wärmenden Felle, fühlte sich behaglich und warm - doch an Schlaf war nicht zu denken. Das lag noch nicht einmal daran, dass ihr Haar, welches zu trocknen begonnen hatte, nun nicht mehr in dem aschigen Braunblond schimmerte, sondern in einem dunklen, braunschwarzen Ton glänzte und so bizarr noch nach frischem Färbemittel roch, sondern vielmehr daran, dass sie seit dem Tod einer lieben Freundin nie mehr derart lange in jenem Dorf verweilt war.
Im Grunde mochte sie die wirre Ansammlung von einfachen Fischerhütten und Scheunen, welche sich Bajard nannte, sehr gerne, war es doch ihre erste "Heimat" gewesen, nachdem sie den kalten Straßen Rahals und der Willkür der Stadtwachen dort, entronnen war. Ja, das Dorf Bajard als Einheit hatte sie ähnlich gutmütig empfangen, wie der rundliche Priester, der damals mit der Wehr, eine kleine Truppe aus ortsansässigen Haudegen, am Dorfplatz gestanden und von der Liebe des "Sternenvaters" Horteras gepredigt hatte. Tithus war sein Name und er hörte ohne mit der Wimper zu zucken auf jenen, obwohl ihm vermutlich der Titel "Eminenz", "Hochwürden" oder ähnlich grandiose Bezeichnungen zustanden. Sie war sich damals schon recht sicher gewesen, dass er ihre kleineren Diebstähle - mal ein Küchlein beim Marktstand der Bäckerin, einen Wurstzipfel aus der Räucherkammer des Metzgers und Ähnliches - rasch bemerkt hatte, doch lächelte er ihr weiter freundlich Tag für Tag zu und so verlängerte sich ihr "Besuch" in jenem Dorf und gipfelte darin, dass sie an der Seite des Mädchens Hanna Erlenbach schließlich auch "ehrliche Arbeit" betrieb und die Zimmer der Bajarder Herberge sauber hielt.
Doch Hanna war nun in den Norden gereist und hatte dort eine feste Stelle als Haushälterin angenommen und Tithus war tot und dann... dann war auch Aleas Licht erloschen und mit dem Tod des Mädchens, welche ihr im Geiste und Gemüt so sehr ähnlich war, starb damals auch etwas in Anney. In erster Linie war es das Vertrauen in jene, die sich doch Götter nannten, doch das große Unrecht, den Tod des Kindes Alea, weder verhinderten, noch ungeschehen machen oder sie gar durch ein Wunder wiedererwecken wollten.
Trotzig hatte es geklungen, als sie Joanne sagte, dass sie nicht mehr beten würde und doch war auch dies nur die halbe Wahrheit, denn fast jeden Abend bat sie die Lichten eine gewisperte Nachricht der lieben Freundin zu senden. Manchmal hatte sie Alea nicht viel zu berichten, ab und an fiel jener "geistige Brief" auch ganz weg, doch heute... heute flüsterte sie, eingekuschelt in behagliche Felle, still zu Alea und freute sich, dass der Schlaf sie nicht übermannte.
Holla Lea!
Du solltest ma seh'n wo ich nun bin: tatsächlich wieder in Bajard un diesma hab ich vielleicht sogar endlich n recht feines Zuhause gefund'n. Du weißt ja, dass ich nie lang wo bleib'n kann... aber hier find ich's erstmal großartig. Die Frau bei der ich grad bin heißt Joanne un eigentlich isse mehr n Mädch'n in groß. Sie futtert gern, hat ein arg hübsches aber oft von Kohleruß verschmiertes Gesicht - is ja auch ne Schmiedin - un lacht arg gern. N bisschen erinnert se mich auch an dich, obwohl sie natürlich nich so gut Sach'n besorg'n kann wie du. Ahja, sie hat auch n Hund der noch ganz arg klein is un geht lieb mit dem um. Vielleicht kann ich Struppel mit zu ihr bring' un Leander hätt' da auch ne Stutenkumpanin. Wart ma kurz... ich bin zwar kein Hos'nscheißer mehr aber dein' Stoffhund hab ich schon immer heimlich im Rucksack un grad so in nem Fell macht der sich fein beim kusch'ln.
... So, da bin ich wieder.
He, Lea - du würdest sicher lach'n, wenn du seh'n könntest wie arg dunk'l meine Haare nun sin. Joanne hat sie mit so nem ek'ligen Elixier gefärbt. Aber vielleicht kannstes ja grad seh'n? Dann schau mich mal gut an. Ist besser als die Farbe vorher, nich? Weiß net, was mit meinen Haar'n passiert is aber sie wurd'n dunkler nach deinem... deinem... Weggang.
Dunkel un irgendwie noch aschiger. Im Kerz'nlicht schon richtig Braun dann mit einem grauen Schleier - garstig. Nun, so hoff ich doch, ham se die schwarzbraune Farbe von dunker Schokir... Schaka... du weißt schon, das Schokarladen-Zeug, das du mir mal geschenkt hast. So schau'n die Haare nun aus un ich glaub das is ganz gut so mit meinen Aug'n, weil die ja auch dunkel sin, nich? Hahaaa, der Luca wird dumm gugg'n.
Hm, vermiss den langsam arg. Werd morg'n mal schau'n, ob er nich endlich wieder von der oll'n Reise wieder zurück is. Vielleicht isser nun ganz anders un bestimmt noch größer un hach... ach Lea... ich wünsch mir so sehr, dass du hier sein könntest....
Sie schluckte die Tränen hinunter und drückte den grünen Stoffhund noch fester. Dann erst schloss das Mädchen mit den nun dunklen Haaren und der sonst so großen Klappe die Augen und versuchte plötzlich den Schlaf regelrecht zu fangen, in der Hoffnung ein wenig von Tithus, Hanna, Finjan, Jonas, Will, Kara und den anderen Straßengören, Luca und auch Alea wenigstens zu träumen.
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