Veni, vedi, waschi
Verfasst: Mittwoch 11. Juni 2008, 17:44
"Der Pestkerl."
Es war die Wahrnehmung, daß jemand unterschiedlich wahrgenommen wurde, und nicht zum ersten Mal. Es war bei ihr schlichte Wiedersehensfreude, Herrn Jaques auf der Straße zu begegnen, doch so dicht, wie Luca ihr normalerweise auf den Fersen blieb, so viel Distanz wahrte er plötzlich, drängte zum Mitkommen.
Da war wieder die Erinnerung an die Angespanntheit bei den Fragen, ob sie in Bajard etwas angefasst hätten, und daß im Ort die Pest umginge. Gerede. Ein Seuchenherd war der Friedhof sichtlich gewesen, doch eine ausgebrochene Seuche sah anders aus.
Als sie und Luca bei den Weinschenks am Tisch saßen und sich unterhielten, wurde man erneut Jaques angesichtet, und sie überlegte, ihn einzuladen, Platz zu nehmen. Kein Wort dazu verließ ihre Lippen. Spannung lag in der Luft, teils wusste sie sie erst nicht einzuordnen. Jaques steuerte auf den Tisch zu, ungewohnt zielstrebig. Luca saß angespannt, und schob den Stuhl neben sich dichter an den Tisch. Jaques machte einen scheinbar zuvor schon geplanten Schwenk. "Provokation", ging es ihr erkennend und analysierend durch die Gedanken, "Und Ausgrenzung."
Dieses Stuhl an den Tisch ziehen kannte sie, und es war regelrecht ungewohnt, schon wieder Erinnerungen an Felsenstein wachgerufen zu sehen, dieses kalte Brennen in den Wangen zu fühlen, hochsteigenden Ärger. Ausgegrenzt wie ein Aussätziger, obwohl man gar nichts Schlimmes tat. Oh ja, das kannte, und alte Mechanismen, die sie eingestaubt geglaubt hatte, gerieten wieder in Gang: kalte Wut, Beherrschung, Trotz und 'besser sein'. Gleichzeitig mischte sich Müdigkeit mit rein - sie kannte diese Art der Ablehnung schon von Viola, und es war müssig gewesen, dagegen anzureden. Ein erneuter Kampf gegen den Argwohn anderer Menschen? Es lief nicht mit jugendlichem Feuereifer an, und doch kam ein Resignieren und Hinnehmen überhaupt nicht in Frage.
"Es wäre besser, sich um offeneres Verhalten zu bemühen. Was übrigens in den Bereich der Ehre als Tugend fiele."
"Und welche Tugend ist gegen Pestkriegen?"
Sie dachte nach, statt die Frage als blanke Provokation einzuordnen. "Der Glaube an Temora ist unnütz, vor Krankheiten schützen mich die Tugenden auch nicht", wollte sie nicht als unentkräfteten Gedankengang gelten lassen. Doch in der Tat, der Schutz des Lebens als solchem oblag Eluive, wie ging Temora dem zur Hand?
"Amyra war die Tochter einer Heilerin und lernte auch von ihr, bevor sie Temoras Führung folgte und schließlich den Schrein des Mitgefühls erbaute. Man könnte sie wohl als Schutzpatronin gegen Krankheiten anrufen. Sich im Dienste an Eluives Werk auch den Gefahren von Krankheiten zu stellen, wäre wiederum der Pfad von Tapferkeit oder gar Aufopferung.
Das Ausgrenzen kranker Menschen jedenfalls verstößt deutlich gegen Mitgefühl", schloß sie mißbilligend und trank einen weiteren Schluck vom Wein, bei dem sie heute hatte abspannen wollen. Nun übte sie sich stattdessen wieder in Erziehung. Naja.
"Aber es ist klüger", kam als vernichtender Konter. Klüger... das Wort fraß sich in die Gedanken. Klüger, sicher. Mit dem Argument "klüger" konnte man sich also drücken, statt zu helfen. Es war klüger, den anderen im Sumpf versinken zu lassen, statt sich selber noch hinein zu wagen.
Ihre Wangen brannten.
"Warum benimmst du dich allerdings jemandem gegenüber so, der niemand anderen krank macht?"
Luca sah sie scheinbar verständnislos an. Mit einem kaum wahrzunehmenden Kopfdeut wies sie zu Jaques, der sich am anderen Ende des Tavernenraumes mit Shaya unterhielt. "Du machtest schon auf der Straße einen Bogen um ihn, als verbreite Herr Jaques noch die Pest."
Luca hob die Schultern: "Besser, man gibt acht."
"Außerdem dauernd dann der Griff zu diesem Gebammsel an deinem Hals."
"Gar nicht", widersprach er ertappt.
"Lüg nicht." Der Automatismus, ihn weiter in die Mangel zu nehmen, lief. "Man sollte sich wundern, warum du dich überhaupt ins Haus traust", kommentierte sie unterschwellig brummeligen Tones, und die Gedanken schweiften ab. Er wusste es nicht mal. Wusste nicht, wie fast alle des Haushaltes der Pest bereits in ihr häßliches Antlitz gesehen und den Kampf aufgenommen hatten. Klüger... einen Bogen um die Berge brennender Leichen zu machen. Nicht in die wundenübersähten starren Gesichter zu sehen. Klüger... Wie widerlich. Ihr Blick gegenüber Luca wurde hart. Er wusste es nicht.
Also erzählte sie es ihm.
Sie erzählte ihm, was geschehen war, wie die Krankheit sich ausbreitete, die Stadt abgeriegelt wurde. Erst wollte er darüber noch triumphieren: "Seht Ihr?", daß es richtig war, auszugrenzen.
"Was ich damals sah, Luca, ist, daß ohne Menschen, die sich der Bekämpfung dieser Krankheit mutig gestellt hätten, auch auf das Risiko ihrer eigenen Erkrankung hin, die ganze Stadt dem Untergang geweiht gewesen wäre."
"Also mutig sein und einen Bogen machen. Das geht auch beides. Wir waren auch schon Steine werfen zum Beschützen."
"Ohne Menschen, die zwar nicht heilen konnten, aber trotzdem an allen Ecken und Enden halfen, wo es nur ging, wären die Heiler unter dieser Last zusammengebrochen. Ohne Kämpfer, die treu zum Glauben standen, hätten untote Horden verstorbener Menschen die Stadt und das Umland überrannt..."
Lucas Kopf ruckte unwillkürlich zum Fenster, als könnte einer der erwähnten Untoten gerade durch die Scheibe grinsen. Die Predigt der Paladina war jedoch noch nicht am Ende, und die Stimme immer anherrschender:
Ich kenne eine Menge Leute, die entsetzlich mutig waren, und fast alle Menschen des Hauses, wo du lebst, gehören da mit zu! Haben einen feuchten Kehricht darauf gegeben, ob sie sich anstecken könnten, oder ob es 'schlau' wäre, nur einen Bogen um die Stadt zu machen", schnaubt sie.
Luca schwieg nun wachsam und rutschte etwas tiefer in den Stuhl, senkte den Blick. Inzwischen kannte wohl auch er die Anzeichen, wann mit der Lady nicht mehr gut Kirschen essen war, nur noch ein leise gemurmeltes "Pah..." zu hören.
"Seine Hoheit ist hier bei seinem Volk geblieben. Savea und Shaya haben sich sogar gegen meine Anweisung in die Stadt geschlichen, um hier zu helfen, bis sie vor Müdigkeit bald umfielen. Genauso hat Zoe bis zum letzten Schweißtropfen gearbeitet, Hochgeboren von Drachenfels... Alle waren mehr als nur in der Nähe von Pestkranken."
Sie beugte sich vor und fixierte den Jungen. "Wie groß soll dein Bogen werden, den du um alle machen willst, hm?"
Luca starrte wütend zurück, erst still, bis er giftig hervorpresste: "Schön für euch, dass alle noch leben... Immer hat man kein Glück..."
Sie lehnte sich gemächlich zurück, ohne daß die Gewitterfront, die ihre Person gerade darstellte, vorüberzog. "Nein... hat man nicht", erwiderte sie bedächtig, die Wangenknochen gut sichtbar in der Mimik, "Aber wenn man nicht alles gibt, um es aufzuhalten, haben mehr Menschen 'kein Glück', als nötig wäre. Dann werden Menschen im Stich gelassen, die auch nichts Schlimmes taten, außer das 'Pech' zu haben, krank zu werden. Und deswegen sollen sie geschnitten werden?"
"Ach pah. Ihr wollt Euch ja doch nur aufregen."
"Nichts 'ach pah'", gab sie mürrisch zurück, "Mach ruhig weiter so ein Getue und erklär es für 'schlau', aber erwarte dir dafür keine Achtung von mir. Wenn es nicht feige ist, ist es verdammt dicht dran."
"Pah!", machte sich nun Luca wütend Luft, "Was ist wohl dümmer?! 'Ho ein Kranker, zerren wir ihn in unser Bett und kuscheln ihn wieder fröhlich! Vielleicht sterben alle, aber es ist ja so verdammt nett!' - Einen Dreck..."
"Das ist Unfug, Luca", gab sie unbeeindruckt zurück, "Mit solchen Übertreibungen gewinnt man vor vernünftigen Leuten keine Diskussion. Man macht sich nur lächerlich."
Er trat wütend gegens Tischbein. "Ist es NICHT!"
"Und manches ist nicht immer 'schlau'... aber es ist richtig."
"Schwer ist der Weg in Temoras Namen, doch ihn will ich gehen." Allein der Gedanke an die heiligen Schwerthallen gab ihr die nötige Ruhe und Sicherheit. Der leichte Weg war womöglich schlau, womöglich war er nicht einmal falsch, aber es gab einen anderen, und allein dieser barg Verdienste vor den Göttern.
Doch nichts als "Einen Scheiß...", wehte ihr von dem Bengel entgegen.
Sie hob das Weinglas betont gemächlich zum Mund, und stellte erst dann fest, daß es schon leer war. Das Brennen in den Wangen nicht gewichen, und für einen kurzen Moment spürte sie neben allem die Anspannung, unter der sie stand. Eine harte Schale um den festen Kern von Überzeugung. Luca biß an ihr auf Granit. Aber sie scheinbar auch an ihm. Ruhe bewahren. "Ich weiß nicht, was dich zu dieser verstockten Meinung bringt. Aber leere deinen Trotzkopf woanders, 'einen Scheiß' hast du mir nicht zu sagen."
Sie mochte es nicht, auf Alter und Authorität zu pochen, doch sie war kurz davor, ihn rauszuschicken. Noch während sie es überlegte und Luca kalt musterte, seine verhärteten Züge, die Mühe mit der er sich beherrschte, musste sie eines sogar anerkennend feststellen: "Er läuft nicht weg."
Er kochte vor Wut, doch er saß starr auf dem Stuhl und... beherrschte sich. Sie beobachtete es eine Weile. "Oh ja, üb das. Hart genug." Lernte er? Sie hatte ihm schon mal an den Kopf geworfen, und wohl nichts als erste, daß bei sowas wegzulaufen verkehrt war. Eine Lektion, die sie selber erst verdammt spät anzunehmen gelernt hatte. "Ich hätte damals schon längst darum gebeten, mich entfernen zu dürfen. Respekt. Aber vielleicht kennt er den Trick auch nicht, wie man sich dann aus der Affäre zieht. Lassen wir das mal. Muß er auch noch nicht wissen."
Langsam schien ihr Ärger zu verrauchen und wieder der Grundstimmung grüblerischer Trägheit zu weichen.
Aber es brauchte auch nicht viel, den Kessel - Lucas Kessel - doch noch zum Überkochen zu bringen, was Darna nach einer Weile Ruhe sinnierend von sich gab, war der letzte Tropfen:
"Viola verstand das auch nicht: Nachsicht mit Schwächeren, mit Opfern. Ich frag mich, ob das immer passiert, wenn man zu lange damit beschäftigt ist, überhaupt nur für sich selbst zu sorgen - wie soll man dann noch auf andere achten?"
Luca starrte sie haßerfüllt an, und entweder beachtete sie es nicht, oder sie stocherte unbewusst noch an dem gefundenen Schwachpunkt. "Dann ist man wohl froh, wenn man andere, die auch Hilfe bräuchten, los ist, dann ist mehr Raum für einen selbst."
"Einen Scheiß", sagte er wieder knapp, mit tiefstem Nachdruck und kampfbereit verengten Augen. Sie schien es zu übergehen.
"Eigentlich müssten auch diese Menschen einem sehr leid tun, aber das spricht man ihnen ab, weil sie sich eben hartherzig geben. Irgendwie... verquer."
"Muss ja einen beschissenen Spaß machen, sich ständig auszudenken, was die armen dummen Leute alles falsches denken..."
Sie blieb ruhig, auch wenn das alte Aufflammen des bekannten Vorwurfes, diesen Menschen versnobt und unwissend gegenüberstehen, sie wie eh und je ärgerte.
"Es ist manchmal beunruhigend, wie viele verschiedene Möglichkeiten es gibt, welche Gründe etwas haben kann oder wie es sich entwickelt. Darüber nachzudenken, macht auf gewisse Weise 'Spaß'... Es schärft den Blick, wenn man sich dann wieder umsieht, um die Vermutungen zu überprüfen."
"Bin ich dafür bei euch...?"
Sie sah ihn über das Weinglas hinweg fragend an. "Wofür?"
"Ho, der böse Schisser will die Pest nicht kriegen, was denkt er wohl gerade?"
Luca, ein Forschungsobjekt einer abgedrehten Adligen, die einen verzogenen Bengel aus dem Pöbel studieren wollte, ja sicher. Ihr Blick wurde einen Moment leer. Warum sie ihn bei sich behielt, wusste sie manchmal selber nicht so recht. Schlau war es nicht. Aber es kam ihr grundlegend falsch vor, ihn wegzuschicken. Aber was dachte er von ihr?
"Das Einzige, was ich mich bei dir dazu höchstens frage, ist ob du die Lehre noch irgendwann annimmst, wieviel Furcht vor Unheil angemessen ist, und wann du dir damit mehr schadest, als dir zu einem unbeschwerten Leben zu verhelfen."
"Ich hab keine Angst!!", brüllte Luca auf.
Damit eskalierte es. Drüben stand Jaques gerade auf und wollte sich verabschieden.
"Warum muss ich jeden verfluchten Spinner gleich drüberrutschen lassen wollen, um kein Arsch oder Feigling zu sein!! Er soll mich einfach in Frieden lassen!"
Die Tirade an Kraftausdrücken raubte einen Moment das klare Denken und geistesgegenwärtiges Agieren. Luca stand auf und warf den Stuhl fast dabei um, rauschte an ihr vorbei, zu Jaques. Ihre Hand griff ins Leere.
"Und wollt ihr sehen, wie ich mich traue, ihn zu verdreschen?!" Der zwölf- oder dreizehnjährige Bursche baute sich vor dem BSTler kampfbereit auf. Luca würde jetzt nicht... namenloser Schock ließ ihr die Eingeweide runtersacken. Währenddessen schnappte Luca weiter über: "Vielleicht will er mich ja vorher noch küssen!! Oder wir tanzen ein bisschen herum oder nehmen uns ein beschissenes Zimmer!! Es scheint ja nicht richtig zu sein, wenn ich einfach AM ARSCH NICHTS MIT IHM ZU TUN HABEN WILL!!"
"Beruht durchaus auf Gegenseitigkeit, kleiner Angeber", ließ sich nun Jaques vernehmen.
"Am Arsch!! Ständig rückst du mir nah! Wie ein beschissener Jungenrutscher!!"
Am Tisch war Darna blass geworden, nun schoß ihr Zornesröte ins Gesicht und sie stand auf. Was hatte sie da gehört? Als was bezeichnete er Jaques da?
"Lass mich EINMAL! in Frieden!!", wetterte Luca weiter auf Jaques ein, während der Streiter lediglich in kühler Verachtung seine Meinung über den Bengel zum Besten gab. Sie mochten sich wirklich nicht. Weiter drangen Worte aus Lucas Mund an Darnas Ohren, bei denen ihr unwillkürlich die Rechte zuckte. "Ho, ich tu als will ich an seinen Tisch, Gott bin ich ein Kerl! Ha, ist das männlich! Ho, er geht weg, ja was für ein Feigling. Ho, da hab ich meinen Freundinnen was zu erzählen. Denkt ja sonst keiner, ich bin toll. Scheiße, trau dich, dich mit mir zu schlagen oder lass mich in Frieden!!"
Luca wurde von Darna am Arm gepackt und herumgerissen, doch weiter sah er zu Jaques und brüllte weiter, die Stimme dabei überkippend: "Wer ist hier feige?! Verfluchter Wortwichser! Wir können auch einen Messerkampf machen! Aber hör mit deinem weibischen Getue auf!"
Darnas rechte Hand setzte sich mit knappem Schwung in Bewegung, einen kurzen Moment noch wurde Luca eisig gemustert, genauso unterkühlt dieses eine Wort, was so deutlich zuviel war:
"Jungenrutscher?"
"Wärst du nur verreckt! Ja, verdammt! Näher kommt einem keiner..."
Im nächsten Moment klatschte es, die Ohrfeige hatte ihren Platz gefunden. Aber es schien Lucas Rage nicht mal aufzuhalten, er nahm seinen Satz wieder nach einem Kopfrucken wieder auf:
"...der einen nicht verdammt noch mal in die Büsche zerren oder heiraten will!!
Er!
Soll!
Mich!"
Lucas Kragen wurde von Darna als nächstes gepackt und mit dem Gift und Galle spuckenden Rowdy im Schlepptau fing sie an, zur Tavernentür Richtung Marktplatz zuzusteuern, die Augen schmal.
"In!
RUHE LASSEN!!
Und ich habe KEINE Angst!"
Er schrie mit schriller gekippter Stimme. Einen flüchtigen Moment wurde Darna klar, daß das wohl eines dieser berüchtigten Symptome dessen war, was Erwachsene furchtvoll als "das Flegelalter" bezeichneten. Himmel, hatte sie sich auch je so aufgeführt? Nein. Nein, naja... aber nicht mitten in einer Taverne!
Dumpf und kalt im Vergleich dazu schnitt durch das Gekeife ihre Stimme:
"Shaya, ich will ein Stück Seife. Sofort."
"Ja, Milady." Shaya hastete in die Küche.
"Und ich kann ihn nur ums Verrecken nicht ausstehen!! Und er soll mir nicht nachlaufen!! Und am Arsch hab ich Angst vor ihm!!", krächzte Luca heiser weiter und hustete kurz darauf qualvoll, der Hemdkragen würgte ihn vorne, während Darna die Tür unsanft aufriß und ihn zum Marktplatzbrunnen schliff.
Jaques: "Ich entschuldige mich, Hochgeboren, für den kleinen Zwischenfall" hatte keinen Belang mehr.
Sie schleifte den krakeelenden und weitere Unflätigkeiten herausbrüllenden Bengel zum Brunnen und stieg reichlich undamenhaft auf die Bank, stützte sich am recht hohen Mauerrand ab. Luca war nicht zu unterschätzen, wenn er erstmal anfing, um sich zu schlagen, ein Hungerhaken war er auch nicht mehr, und das letzte was sie wollte, war hier noch eine ernste Prügelei oder selber mit im Brunnen zu landen.
"Aber nass werde ich wohl sowieso. Na warte, Bursche."
Sie tauchte die Rechte tief ins Wasser, mit der Linken Luca gepackt, der sich anspannte und den Kopf bemerkenswert tief zwischen die Schultern zog, aber noch gar nicht recht zu ahnen schien, was ihm blühte.
"Ich möchte ja nicht die HÄLFTE von dem glauben, was ich da gerade gehört habe!", begann sie sich vernehmlich Luft zu machen und packte ihn dicht an der Kopfhaut am Schopf, vermutlich war zu spüren, wie die Hand zitterte vor Wut - anzunehmen, daß er es nicht registrierte, sie mit hochrotem Kopf nun wachsam anstarrend. Schnellstens holte er tief Luft, kniff die Augen zu und presste die Lippen zusammen.
Im nächten Moment hatte er auch den ersten Schwall Wasser im Gesicht.
"Jungenrutscher, ja?", erklang es wieder eisig, "Was ich da noch alles gehört habe, will ich nicht mal wiederholen, aber dafür reichen meine Ohren noch!"
Luca schien einiges an Tracht Prügel zu erwarten, schwieg jedoch und schnappte in einem sicheren Moment nach Luft. Darnas Hand streckte sich fordernd aus und erhielt augenblicklich die gewünschte Seife. Auch diese tunkte sie einmal ins Wasser, danach bewegte sich das Objekt reibend über Lucas Lippen und Mundpartie.
"Und das noch in der Öffentlichkeit...", grollte sie, "Ich will mir nicht mal ausrechnen, was es von meinem Vater oder meinen Lehrern dafür gegeben hätte, aber glaub ja nicht, da du selbst mir mit SO EINEM ABSCHEULICHEN Verhalten ungestraft davonkommst!"
Luca zog einen Mundwinkel nach unten und geräuschvoll die Luft ein, um nicht zuviel Seife in die Mund zu kriegen. An Darna vor ihm fehlten nur noch die gesträubten Haare, um das Bild perfekt zu machen. Recht achtlos landete die nasse Seife auf dem Boden und wurde von Shaya aufgesammelt, während die Freiherrin den Schaum nun mit der Handfläche großzügig weiterverteilte.
Kurz öffnete Luca prüfend ein Auge, schien die Situation nicht recht einordnen zu können.
"Sei FROH, Luca, daß du noch nicht erwachsen bist, für sowas an Beleidigung gehört ein Erwachsener glatt in den Kerker und an den Pranger!"
Luca wagte die ersten Widerworte:
"Und wenn ich erwachsen wär, würd er mich nicht dauernd verarschen wollen! Und dann würden nicht alle denken, sie wüssten alles immerzu besser!"
Darna sah ihn eisig an und wiederholte genüßlich: "Einen. Scheiß..."
"Ja, genau!!" Er schien sich noch bestätigt zu sehen. "Einen Scheiß!!"
"Wenn du erwachsen wärst, käme dir hoffentlich nicht so ein gnadenloser Mist aus Mund und Kopf!"
"Dann würd er mich nicht so behandeln!! E..."
Luca prustete, als der nächste Schwall Wasser in seinem Gesicht landete und versuchte, das Gesicht wegzudrehen.
"Er läuft mir nach wie ein verfluchter Köter, der einem auf's Bein will! Ich tu ihm nichts!! Ich tu, als wär er nicht da!! Soll er mich doch einfach lassen!! Verarschen lass ich mich nicht! Ich hab keine Angst vor ihm!"
Bedächtig formulierte sie jede Silbe:
"Be-LEI-digen tust du ihn, mit jeder Bewegung, die du in seiner Gegenwart machst, und erst recht mit solchen ungehobelten Beschimpfungen!"
"Er hat angefangen! Er ist nur zum Verarschen zu mir gekommen!"
Darna kniff die Augen zusammen: "Seife."
Wieder bearbeitete sie das Gesicht, diesmal großzügiger. Luca kniff die Augen zu und versuchte den Kopf wegzudrehen.
"Zeter noch etwas mit solchen Schmutzwörtern, und du gehst gleich ganz baden" lautete die nächste Ankündigung.
Luca spuckte Seife.
"Dieser Mann, gegenüber dem du dich so schäbig aufführst, hat mehr für Reich und Göttin geleistet, als du dir noch zu erträumen wagst, Flegel!"
"Was muss er dann mir nachlaufen und mich ankacken?!"
Das 'ankacken' wurde mit der nächsten Gesichtsdusche quittiert.
"Soll er doch weiter seine wichtigen Sachen machen! U..." - Luca verschluckte sich und hustete stärker.
"Und ich sagte, du hast diese Schmutzwörter zu lassen!", schnauzte sie ihn zornig an.
Endlich schien Luca von dem ungewohnten Geschmack der Seife abgelenkt und versuchte sie auszuspucken.
"Gnade dir, wenn du es nochmal wagst, dich so aufzuführen", drang es herrisch an seine Ohren. Luca riskierte einen Blick zu ihr, und endlich schien die Aufmerksamkeit ihr zu gelten und nicht mehr in Tobsucht gefangen. Sie schüttelte ihn, und wieder zog er den Kopf ein.
"Köter erziehen", huschte es ärgerlich durch ihre Gedanken, und genauso klangen auch die nächsten von ihr gebellten Befehle:
"Ab nach Hause mit dir, und in dein Zimmer! Da bleibst du, und wehe, ich find dich da nicht gleich! Ab!"
Sie ließ ihn los, und Luca fuhr herum und gab Fersengeld, Richtung ihrer ausgestreckten Hand, die zum Anwesen deutete. Er verschwand, und als Shaya merkte, daß nun eher sie in der imaginären Schußbahn stand, trat sie einen Schritt zur Seite.
"Sowas...", grollte die Freiherrin, die nasse Kleidung klebte ihr am Körper, doch sie trat mit umso steiferer Würde von der Bank, so einige Zentimeter größer wirkend als normal. "Flegel." Sie sah an sich runter. "Wie seh ich überhaupt aus? Und sowas nachts mitten auf dem Marktplatz."
"Flegel!", schimpfte sie nochmal und stakste los, Shaya hinterdrein.
Zuhause fand sich Luca tatsächlich in seinem Zimmer, angezogen auf dem Bett sitzend, lediglich die Seife aus dem Gesicht gewischt, von seinem Köter keine Spur. Wieder zog er den Kopf etwas ein, als er sie sah, doch der Blick nun eher ängstlich als wütend.
"Für die nächsten zwei Tage bleibst du im Haus", lautete lediglich ein neuer Befehl und die Zimmertür fiel wieder ins Schloß.
In ihrem eigenen Zimmer stellte Shaya ihr gerade eine warme Milch mit Honig auf das Nachtschränkchen, und erntete ein tonloses "Danke, Shaya."
Sie ging ins Bad, entledigte sich trocknend der Kleidung, während der sinkende Adrenalinpegel ein Gefühl von Erschöpfung zurückließ. Ein mürrisches müdes Fazit: "Keine. Kinder. Nie. Furchtbar."
Es war die Wahrnehmung, daß jemand unterschiedlich wahrgenommen wurde, und nicht zum ersten Mal. Es war bei ihr schlichte Wiedersehensfreude, Herrn Jaques auf der Straße zu begegnen, doch so dicht, wie Luca ihr normalerweise auf den Fersen blieb, so viel Distanz wahrte er plötzlich, drängte zum Mitkommen.
Da war wieder die Erinnerung an die Angespanntheit bei den Fragen, ob sie in Bajard etwas angefasst hätten, und daß im Ort die Pest umginge. Gerede. Ein Seuchenherd war der Friedhof sichtlich gewesen, doch eine ausgebrochene Seuche sah anders aus.
Als sie und Luca bei den Weinschenks am Tisch saßen und sich unterhielten, wurde man erneut Jaques angesichtet, und sie überlegte, ihn einzuladen, Platz zu nehmen. Kein Wort dazu verließ ihre Lippen. Spannung lag in der Luft, teils wusste sie sie erst nicht einzuordnen. Jaques steuerte auf den Tisch zu, ungewohnt zielstrebig. Luca saß angespannt, und schob den Stuhl neben sich dichter an den Tisch. Jaques machte einen scheinbar zuvor schon geplanten Schwenk. "Provokation", ging es ihr erkennend und analysierend durch die Gedanken, "Und Ausgrenzung."
Dieses Stuhl an den Tisch ziehen kannte sie, und es war regelrecht ungewohnt, schon wieder Erinnerungen an Felsenstein wachgerufen zu sehen, dieses kalte Brennen in den Wangen zu fühlen, hochsteigenden Ärger. Ausgegrenzt wie ein Aussätziger, obwohl man gar nichts Schlimmes tat. Oh ja, das kannte, und alte Mechanismen, die sie eingestaubt geglaubt hatte, gerieten wieder in Gang: kalte Wut, Beherrschung, Trotz und 'besser sein'. Gleichzeitig mischte sich Müdigkeit mit rein - sie kannte diese Art der Ablehnung schon von Viola, und es war müssig gewesen, dagegen anzureden. Ein erneuter Kampf gegen den Argwohn anderer Menschen? Es lief nicht mit jugendlichem Feuereifer an, und doch kam ein Resignieren und Hinnehmen überhaupt nicht in Frage.
"Es wäre besser, sich um offeneres Verhalten zu bemühen. Was übrigens in den Bereich der Ehre als Tugend fiele."
"Und welche Tugend ist gegen Pestkriegen?"
Sie dachte nach, statt die Frage als blanke Provokation einzuordnen. "Der Glaube an Temora ist unnütz, vor Krankheiten schützen mich die Tugenden auch nicht", wollte sie nicht als unentkräfteten Gedankengang gelten lassen. Doch in der Tat, der Schutz des Lebens als solchem oblag Eluive, wie ging Temora dem zur Hand?
"Amyra war die Tochter einer Heilerin und lernte auch von ihr, bevor sie Temoras Führung folgte und schließlich den Schrein des Mitgefühls erbaute. Man könnte sie wohl als Schutzpatronin gegen Krankheiten anrufen. Sich im Dienste an Eluives Werk auch den Gefahren von Krankheiten zu stellen, wäre wiederum der Pfad von Tapferkeit oder gar Aufopferung.
Das Ausgrenzen kranker Menschen jedenfalls verstößt deutlich gegen Mitgefühl", schloß sie mißbilligend und trank einen weiteren Schluck vom Wein, bei dem sie heute hatte abspannen wollen. Nun übte sie sich stattdessen wieder in Erziehung. Naja.
"Aber es ist klüger", kam als vernichtender Konter. Klüger... das Wort fraß sich in die Gedanken. Klüger, sicher. Mit dem Argument "klüger" konnte man sich also drücken, statt zu helfen. Es war klüger, den anderen im Sumpf versinken zu lassen, statt sich selber noch hinein zu wagen.
Ihre Wangen brannten.
"Warum benimmst du dich allerdings jemandem gegenüber so, der niemand anderen krank macht?"
Luca sah sie scheinbar verständnislos an. Mit einem kaum wahrzunehmenden Kopfdeut wies sie zu Jaques, der sich am anderen Ende des Tavernenraumes mit Shaya unterhielt. "Du machtest schon auf der Straße einen Bogen um ihn, als verbreite Herr Jaques noch die Pest."
Luca hob die Schultern: "Besser, man gibt acht."
"Außerdem dauernd dann der Griff zu diesem Gebammsel an deinem Hals."
"Gar nicht", widersprach er ertappt.
"Lüg nicht." Der Automatismus, ihn weiter in die Mangel zu nehmen, lief. "Man sollte sich wundern, warum du dich überhaupt ins Haus traust", kommentierte sie unterschwellig brummeligen Tones, und die Gedanken schweiften ab. Er wusste es nicht mal. Wusste nicht, wie fast alle des Haushaltes der Pest bereits in ihr häßliches Antlitz gesehen und den Kampf aufgenommen hatten. Klüger... einen Bogen um die Berge brennender Leichen zu machen. Nicht in die wundenübersähten starren Gesichter zu sehen. Klüger... Wie widerlich. Ihr Blick gegenüber Luca wurde hart. Er wusste es nicht.
Also erzählte sie es ihm.
Sie erzählte ihm, was geschehen war, wie die Krankheit sich ausbreitete, die Stadt abgeriegelt wurde. Erst wollte er darüber noch triumphieren: "Seht Ihr?", daß es richtig war, auszugrenzen.
"Was ich damals sah, Luca, ist, daß ohne Menschen, die sich der Bekämpfung dieser Krankheit mutig gestellt hätten, auch auf das Risiko ihrer eigenen Erkrankung hin, die ganze Stadt dem Untergang geweiht gewesen wäre."
"Also mutig sein und einen Bogen machen. Das geht auch beides. Wir waren auch schon Steine werfen zum Beschützen."
"Ohne Menschen, die zwar nicht heilen konnten, aber trotzdem an allen Ecken und Enden halfen, wo es nur ging, wären die Heiler unter dieser Last zusammengebrochen. Ohne Kämpfer, die treu zum Glauben standen, hätten untote Horden verstorbener Menschen die Stadt und das Umland überrannt..."
Lucas Kopf ruckte unwillkürlich zum Fenster, als könnte einer der erwähnten Untoten gerade durch die Scheibe grinsen. Die Predigt der Paladina war jedoch noch nicht am Ende, und die Stimme immer anherrschender:
Ich kenne eine Menge Leute, die entsetzlich mutig waren, und fast alle Menschen des Hauses, wo du lebst, gehören da mit zu! Haben einen feuchten Kehricht darauf gegeben, ob sie sich anstecken könnten, oder ob es 'schlau' wäre, nur einen Bogen um die Stadt zu machen", schnaubt sie.
Luca schwieg nun wachsam und rutschte etwas tiefer in den Stuhl, senkte den Blick. Inzwischen kannte wohl auch er die Anzeichen, wann mit der Lady nicht mehr gut Kirschen essen war, nur noch ein leise gemurmeltes "Pah..." zu hören.
"Seine Hoheit ist hier bei seinem Volk geblieben. Savea und Shaya haben sich sogar gegen meine Anweisung in die Stadt geschlichen, um hier zu helfen, bis sie vor Müdigkeit bald umfielen. Genauso hat Zoe bis zum letzten Schweißtropfen gearbeitet, Hochgeboren von Drachenfels... Alle waren mehr als nur in der Nähe von Pestkranken."
Sie beugte sich vor und fixierte den Jungen. "Wie groß soll dein Bogen werden, den du um alle machen willst, hm?"
Luca starrte wütend zurück, erst still, bis er giftig hervorpresste: "Schön für euch, dass alle noch leben... Immer hat man kein Glück..."
Sie lehnte sich gemächlich zurück, ohne daß die Gewitterfront, die ihre Person gerade darstellte, vorüberzog. "Nein... hat man nicht", erwiderte sie bedächtig, die Wangenknochen gut sichtbar in der Mimik, "Aber wenn man nicht alles gibt, um es aufzuhalten, haben mehr Menschen 'kein Glück', als nötig wäre. Dann werden Menschen im Stich gelassen, die auch nichts Schlimmes taten, außer das 'Pech' zu haben, krank zu werden. Und deswegen sollen sie geschnitten werden?"
"Ach pah. Ihr wollt Euch ja doch nur aufregen."
"Nichts 'ach pah'", gab sie mürrisch zurück, "Mach ruhig weiter so ein Getue und erklär es für 'schlau', aber erwarte dir dafür keine Achtung von mir. Wenn es nicht feige ist, ist es verdammt dicht dran."
"Pah!", machte sich nun Luca wütend Luft, "Was ist wohl dümmer?! 'Ho ein Kranker, zerren wir ihn in unser Bett und kuscheln ihn wieder fröhlich! Vielleicht sterben alle, aber es ist ja so verdammt nett!' - Einen Dreck..."
"Das ist Unfug, Luca", gab sie unbeeindruckt zurück, "Mit solchen Übertreibungen gewinnt man vor vernünftigen Leuten keine Diskussion. Man macht sich nur lächerlich."
Er trat wütend gegens Tischbein. "Ist es NICHT!"
"Und manches ist nicht immer 'schlau'... aber es ist richtig."
"Schwer ist der Weg in Temoras Namen, doch ihn will ich gehen." Allein der Gedanke an die heiligen Schwerthallen gab ihr die nötige Ruhe und Sicherheit. Der leichte Weg war womöglich schlau, womöglich war er nicht einmal falsch, aber es gab einen anderen, und allein dieser barg Verdienste vor den Göttern.
Doch nichts als "Einen Scheiß...", wehte ihr von dem Bengel entgegen.
Sie hob das Weinglas betont gemächlich zum Mund, und stellte erst dann fest, daß es schon leer war. Das Brennen in den Wangen nicht gewichen, und für einen kurzen Moment spürte sie neben allem die Anspannung, unter der sie stand. Eine harte Schale um den festen Kern von Überzeugung. Luca biß an ihr auf Granit. Aber sie scheinbar auch an ihm. Ruhe bewahren. "Ich weiß nicht, was dich zu dieser verstockten Meinung bringt. Aber leere deinen Trotzkopf woanders, 'einen Scheiß' hast du mir nicht zu sagen."
Sie mochte es nicht, auf Alter und Authorität zu pochen, doch sie war kurz davor, ihn rauszuschicken. Noch während sie es überlegte und Luca kalt musterte, seine verhärteten Züge, die Mühe mit der er sich beherrschte, musste sie eines sogar anerkennend feststellen: "Er läuft nicht weg."
Er kochte vor Wut, doch er saß starr auf dem Stuhl und... beherrschte sich. Sie beobachtete es eine Weile. "Oh ja, üb das. Hart genug." Lernte er? Sie hatte ihm schon mal an den Kopf geworfen, und wohl nichts als erste, daß bei sowas wegzulaufen verkehrt war. Eine Lektion, die sie selber erst verdammt spät anzunehmen gelernt hatte. "Ich hätte damals schon längst darum gebeten, mich entfernen zu dürfen. Respekt. Aber vielleicht kennt er den Trick auch nicht, wie man sich dann aus der Affäre zieht. Lassen wir das mal. Muß er auch noch nicht wissen."
Langsam schien ihr Ärger zu verrauchen und wieder der Grundstimmung grüblerischer Trägheit zu weichen.
Aber es brauchte auch nicht viel, den Kessel - Lucas Kessel - doch noch zum Überkochen zu bringen, was Darna nach einer Weile Ruhe sinnierend von sich gab, war der letzte Tropfen:
"Viola verstand das auch nicht: Nachsicht mit Schwächeren, mit Opfern. Ich frag mich, ob das immer passiert, wenn man zu lange damit beschäftigt ist, überhaupt nur für sich selbst zu sorgen - wie soll man dann noch auf andere achten?"
Luca starrte sie haßerfüllt an, und entweder beachtete sie es nicht, oder sie stocherte unbewusst noch an dem gefundenen Schwachpunkt. "Dann ist man wohl froh, wenn man andere, die auch Hilfe bräuchten, los ist, dann ist mehr Raum für einen selbst."
"Einen Scheiß", sagte er wieder knapp, mit tiefstem Nachdruck und kampfbereit verengten Augen. Sie schien es zu übergehen.
"Eigentlich müssten auch diese Menschen einem sehr leid tun, aber das spricht man ihnen ab, weil sie sich eben hartherzig geben. Irgendwie... verquer."
"Muss ja einen beschissenen Spaß machen, sich ständig auszudenken, was die armen dummen Leute alles falsches denken..."
Sie blieb ruhig, auch wenn das alte Aufflammen des bekannten Vorwurfes, diesen Menschen versnobt und unwissend gegenüberstehen, sie wie eh und je ärgerte.
"Es ist manchmal beunruhigend, wie viele verschiedene Möglichkeiten es gibt, welche Gründe etwas haben kann oder wie es sich entwickelt. Darüber nachzudenken, macht auf gewisse Weise 'Spaß'... Es schärft den Blick, wenn man sich dann wieder umsieht, um die Vermutungen zu überprüfen."
"Bin ich dafür bei euch...?"
Sie sah ihn über das Weinglas hinweg fragend an. "Wofür?"
"Ho, der böse Schisser will die Pest nicht kriegen, was denkt er wohl gerade?"
Luca, ein Forschungsobjekt einer abgedrehten Adligen, die einen verzogenen Bengel aus dem Pöbel studieren wollte, ja sicher. Ihr Blick wurde einen Moment leer. Warum sie ihn bei sich behielt, wusste sie manchmal selber nicht so recht. Schlau war es nicht. Aber es kam ihr grundlegend falsch vor, ihn wegzuschicken. Aber was dachte er von ihr?
"Das Einzige, was ich mich bei dir dazu höchstens frage, ist ob du die Lehre noch irgendwann annimmst, wieviel Furcht vor Unheil angemessen ist, und wann du dir damit mehr schadest, als dir zu einem unbeschwerten Leben zu verhelfen."
"Ich hab keine Angst!!", brüllte Luca auf.
Damit eskalierte es. Drüben stand Jaques gerade auf und wollte sich verabschieden.
"Warum muss ich jeden verfluchten Spinner gleich drüberrutschen lassen wollen, um kein Arsch oder Feigling zu sein!! Er soll mich einfach in Frieden lassen!"
Die Tirade an Kraftausdrücken raubte einen Moment das klare Denken und geistesgegenwärtiges Agieren. Luca stand auf und warf den Stuhl fast dabei um, rauschte an ihr vorbei, zu Jaques. Ihre Hand griff ins Leere.
"Und wollt ihr sehen, wie ich mich traue, ihn zu verdreschen?!" Der zwölf- oder dreizehnjährige Bursche baute sich vor dem BSTler kampfbereit auf. Luca würde jetzt nicht... namenloser Schock ließ ihr die Eingeweide runtersacken. Währenddessen schnappte Luca weiter über: "Vielleicht will er mich ja vorher noch küssen!! Oder wir tanzen ein bisschen herum oder nehmen uns ein beschissenes Zimmer!! Es scheint ja nicht richtig zu sein, wenn ich einfach AM ARSCH NICHTS MIT IHM ZU TUN HABEN WILL!!"
"Beruht durchaus auf Gegenseitigkeit, kleiner Angeber", ließ sich nun Jaques vernehmen.
"Am Arsch!! Ständig rückst du mir nah! Wie ein beschissener Jungenrutscher!!"
Am Tisch war Darna blass geworden, nun schoß ihr Zornesröte ins Gesicht und sie stand auf. Was hatte sie da gehört? Als was bezeichnete er Jaques da?
"Lass mich EINMAL! in Frieden!!", wetterte Luca weiter auf Jaques ein, während der Streiter lediglich in kühler Verachtung seine Meinung über den Bengel zum Besten gab. Sie mochten sich wirklich nicht. Weiter drangen Worte aus Lucas Mund an Darnas Ohren, bei denen ihr unwillkürlich die Rechte zuckte. "Ho, ich tu als will ich an seinen Tisch, Gott bin ich ein Kerl! Ha, ist das männlich! Ho, er geht weg, ja was für ein Feigling. Ho, da hab ich meinen Freundinnen was zu erzählen. Denkt ja sonst keiner, ich bin toll. Scheiße, trau dich, dich mit mir zu schlagen oder lass mich in Frieden!!"
Luca wurde von Darna am Arm gepackt und herumgerissen, doch weiter sah er zu Jaques und brüllte weiter, die Stimme dabei überkippend: "Wer ist hier feige?! Verfluchter Wortwichser! Wir können auch einen Messerkampf machen! Aber hör mit deinem weibischen Getue auf!"
Darnas rechte Hand setzte sich mit knappem Schwung in Bewegung, einen kurzen Moment noch wurde Luca eisig gemustert, genauso unterkühlt dieses eine Wort, was so deutlich zuviel war:
"Jungenrutscher?"
"Wärst du nur verreckt! Ja, verdammt! Näher kommt einem keiner..."
Im nächsten Moment klatschte es, die Ohrfeige hatte ihren Platz gefunden. Aber es schien Lucas Rage nicht mal aufzuhalten, er nahm seinen Satz wieder nach einem Kopfrucken wieder auf:
"...der einen nicht verdammt noch mal in die Büsche zerren oder heiraten will!!
Er!
Soll!
Mich!"
Lucas Kragen wurde von Darna als nächstes gepackt und mit dem Gift und Galle spuckenden Rowdy im Schlepptau fing sie an, zur Tavernentür Richtung Marktplatz zuzusteuern, die Augen schmal.
"In!
RUHE LASSEN!!
Und ich habe KEINE Angst!"
Er schrie mit schriller gekippter Stimme. Einen flüchtigen Moment wurde Darna klar, daß das wohl eines dieser berüchtigten Symptome dessen war, was Erwachsene furchtvoll als "das Flegelalter" bezeichneten. Himmel, hatte sie sich auch je so aufgeführt? Nein. Nein, naja... aber nicht mitten in einer Taverne!
Dumpf und kalt im Vergleich dazu schnitt durch das Gekeife ihre Stimme:
"Shaya, ich will ein Stück Seife. Sofort."
"Ja, Milady." Shaya hastete in die Küche.
"Und ich kann ihn nur ums Verrecken nicht ausstehen!! Und er soll mir nicht nachlaufen!! Und am Arsch hab ich Angst vor ihm!!", krächzte Luca heiser weiter und hustete kurz darauf qualvoll, der Hemdkragen würgte ihn vorne, während Darna die Tür unsanft aufriß und ihn zum Marktplatzbrunnen schliff.
Jaques: "Ich entschuldige mich, Hochgeboren, für den kleinen Zwischenfall" hatte keinen Belang mehr.
Sie schleifte den krakeelenden und weitere Unflätigkeiten herausbrüllenden Bengel zum Brunnen und stieg reichlich undamenhaft auf die Bank, stützte sich am recht hohen Mauerrand ab. Luca war nicht zu unterschätzen, wenn er erstmal anfing, um sich zu schlagen, ein Hungerhaken war er auch nicht mehr, und das letzte was sie wollte, war hier noch eine ernste Prügelei oder selber mit im Brunnen zu landen.
"Aber nass werde ich wohl sowieso. Na warte, Bursche."
Sie tauchte die Rechte tief ins Wasser, mit der Linken Luca gepackt, der sich anspannte und den Kopf bemerkenswert tief zwischen die Schultern zog, aber noch gar nicht recht zu ahnen schien, was ihm blühte.
"Ich möchte ja nicht die HÄLFTE von dem glauben, was ich da gerade gehört habe!", begann sie sich vernehmlich Luft zu machen und packte ihn dicht an der Kopfhaut am Schopf, vermutlich war zu spüren, wie die Hand zitterte vor Wut - anzunehmen, daß er es nicht registrierte, sie mit hochrotem Kopf nun wachsam anstarrend. Schnellstens holte er tief Luft, kniff die Augen zu und presste die Lippen zusammen.
Im nächten Moment hatte er auch den ersten Schwall Wasser im Gesicht.
"Jungenrutscher, ja?", erklang es wieder eisig, "Was ich da noch alles gehört habe, will ich nicht mal wiederholen, aber dafür reichen meine Ohren noch!"
Luca schien einiges an Tracht Prügel zu erwarten, schwieg jedoch und schnappte in einem sicheren Moment nach Luft. Darnas Hand streckte sich fordernd aus und erhielt augenblicklich die gewünschte Seife. Auch diese tunkte sie einmal ins Wasser, danach bewegte sich das Objekt reibend über Lucas Lippen und Mundpartie.
"Und das noch in der Öffentlichkeit...", grollte sie, "Ich will mir nicht mal ausrechnen, was es von meinem Vater oder meinen Lehrern dafür gegeben hätte, aber glaub ja nicht, da du selbst mir mit SO EINEM ABSCHEULICHEN Verhalten ungestraft davonkommst!"
Luca zog einen Mundwinkel nach unten und geräuschvoll die Luft ein, um nicht zuviel Seife in die Mund zu kriegen. An Darna vor ihm fehlten nur noch die gesträubten Haare, um das Bild perfekt zu machen. Recht achtlos landete die nasse Seife auf dem Boden und wurde von Shaya aufgesammelt, während die Freiherrin den Schaum nun mit der Handfläche großzügig weiterverteilte.
Kurz öffnete Luca prüfend ein Auge, schien die Situation nicht recht einordnen zu können.
"Sei FROH, Luca, daß du noch nicht erwachsen bist, für sowas an Beleidigung gehört ein Erwachsener glatt in den Kerker und an den Pranger!"
Luca wagte die ersten Widerworte:
"Und wenn ich erwachsen wär, würd er mich nicht dauernd verarschen wollen! Und dann würden nicht alle denken, sie wüssten alles immerzu besser!"
Darna sah ihn eisig an und wiederholte genüßlich: "Einen. Scheiß..."
"Ja, genau!!" Er schien sich noch bestätigt zu sehen. "Einen Scheiß!!"
"Wenn du erwachsen wärst, käme dir hoffentlich nicht so ein gnadenloser Mist aus Mund und Kopf!"
"Dann würd er mich nicht so behandeln!! E..."
Luca prustete, als der nächste Schwall Wasser in seinem Gesicht landete und versuchte, das Gesicht wegzudrehen.
"Er läuft mir nach wie ein verfluchter Köter, der einem auf's Bein will! Ich tu ihm nichts!! Ich tu, als wär er nicht da!! Soll er mich doch einfach lassen!! Verarschen lass ich mich nicht! Ich hab keine Angst vor ihm!"
Bedächtig formulierte sie jede Silbe:
"Be-LEI-digen tust du ihn, mit jeder Bewegung, die du in seiner Gegenwart machst, und erst recht mit solchen ungehobelten Beschimpfungen!"
"Er hat angefangen! Er ist nur zum Verarschen zu mir gekommen!"
Darna kniff die Augen zusammen: "Seife."
Wieder bearbeitete sie das Gesicht, diesmal großzügiger. Luca kniff die Augen zu und versuchte den Kopf wegzudrehen.
"Zeter noch etwas mit solchen Schmutzwörtern, und du gehst gleich ganz baden" lautete die nächste Ankündigung.
Luca spuckte Seife.
"Dieser Mann, gegenüber dem du dich so schäbig aufführst, hat mehr für Reich und Göttin geleistet, als du dir noch zu erträumen wagst, Flegel!"
"Was muss er dann mir nachlaufen und mich ankacken?!"
Das 'ankacken' wurde mit der nächsten Gesichtsdusche quittiert.
"Soll er doch weiter seine wichtigen Sachen machen! U..." - Luca verschluckte sich und hustete stärker.
"Und ich sagte, du hast diese Schmutzwörter zu lassen!", schnauzte sie ihn zornig an.
Endlich schien Luca von dem ungewohnten Geschmack der Seife abgelenkt und versuchte sie auszuspucken.
"Gnade dir, wenn du es nochmal wagst, dich so aufzuführen", drang es herrisch an seine Ohren. Luca riskierte einen Blick zu ihr, und endlich schien die Aufmerksamkeit ihr zu gelten und nicht mehr in Tobsucht gefangen. Sie schüttelte ihn, und wieder zog er den Kopf ein.
"Köter erziehen", huschte es ärgerlich durch ihre Gedanken, und genauso klangen auch die nächsten von ihr gebellten Befehle:
"Ab nach Hause mit dir, und in dein Zimmer! Da bleibst du, und wehe, ich find dich da nicht gleich! Ab!"
Sie ließ ihn los, und Luca fuhr herum und gab Fersengeld, Richtung ihrer ausgestreckten Hand, die zum Anwesen deutete. Er verschwand, und als Shaya merkte, daß nun eher sie in der imaginären Schußbahn stand, trat sie einen Schritt zur Seite.
"Sowas...", grollte die Freiherrin, die nasse Kleidung klebte ihr am Körper, doch sie trat mit umso steiferer Würde von der Bank, so einige Zentimeter größer wirkend als normal. "Flegel." Sie sah an sich runter. "Wie seh ich überhaupt aus? Und sowas nachts mitten auf dem Marktplatz."
"Flegel!", schimpfte sie nochmal und stakste los, Shaya hinterdrein.
Zuhause fand sich Luca tatsächlich in seinem Zimmer, angezogen auf dem Bett sitzend, lediglich die Seife aus dem Gesicht gewischt, von seinem Köter keine Spur. Wieder zog er den Kopf etwas ein, als er sie sah, doch der Blick nun eher ängstlich als wütend.
"Für die nächsten zwei Tage bleibst du im Haus", lautete lediglich ein neuer Befehl und die Zimmertür fiel wieder ins Schloß.
In ihrem eigenen Zimmer stellte Shaya ihr gerade eine warme Milch mit Honig auf das Nachtschränkchen, und erntete ein tonloses "Danke, Shaya."
Sie ging ins Bad, entledigte sich trocknend der Kleidung, während der sinkende Adrenalinpegel ein Gefühl von Erschöpfung zurückließ. Ein mürrisches müdes Fazit: "Keine. Kinder. Nie. Furchtbar."