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Abschied und Aufbruch

Verfasst: Dienstag 20. September 2005, 15:26
von Hogarth Hinrah
Sachte wiegen die Blätter raschelnd im Wind, und vereinzelt tanzt das von den Ästen gefallene Laub um meine Füße. Der Himmel ist Wolkenverhangen, und ein Schleier aus Nebel liegt auf dem Waldboden, ständig in Bewegung und durch den Wind getrieben. Wie auf Watte gehe ich, und werde durch irgendetwas angezogen. Da ist Sie, ich habe ihr Gesicht noch nie zuvor gesehen, und doch kenne ich Sie. Sie lächelt mich an, und ich weiß, dass Sie mir wohl gesonnen ist. Ihre langen Haare wehen mit dem Wind, sie ist jung und wunderschön. Noch nicht ganz zur Frau geworden, doch auch kein Kind mehr, lächelt Sie mich einfach an, und beginnt dann unerwartet zu mir zu sprechen, ihre Stimme klingt so sanft und wie das rauschen des Waldes in meinen Ohren.
„Du weist wer ich bin, Hogarth. Deine Bestimmung wartet auf dich. Deine Familie, der Platz an den du gehörst, Hogarth. Du musst mit dem Westwind ziehen, er wird dein Führer sein. Breche auf, um dein Schicksal zu finden“


Dann endet plötzlich alles, ich schrecke auf und befinde mich in unserer Hütte, schweißgebadet. Mein Bruder Rodgar liegt unweit neben mir auf seinem Nachtlager, und ich sehe wie er sich im Schlaf windet, ehe auch er mit weit aufgerissenen Augen aufschreckt.

Seid dem Tode unserer Mutter Freya, der erst wenige Tage her ist, sind wir beiden alleine. Der Wald, und die Geister und Tiere unserer Umgebung, sind die einzige Gesellschaft, die wir außer uns noch haben. Fahrende Händler hat es schon seid langer Zeit nicht mehr in unsere Nähe verschlagen, und wir sind auf uns allein gestellt. Ich kenne weder meinen Vater, noch habe ich in den bisherigen 24 Zyklen meines Lebens andere Tiefländer außer meiner Mutter und meinem Bruder Rodgar kennen gelernt. Nie hatte Mutter über unseren Vater sprechen wollen, ich vermute bis heute, das sie uns eine Schmach ersparen wollte, und das er einen unehrenhaften Tod gefunden hat. Ich werde es nie herausfinden können, fürchte ich. Manchmal mischt sich Wut in meine Trauer, darüber das sie uns selbst am Sterbebett nicht seinen Namen genannt hat, aber ich bin machtlos. Ich hasse das Gefühl, hilflos zu sein, es treibt mich in den Wahn.
Ein Handwerk in seiner Reinform habe ich keins erlernen können, dazu fehlt mir ein gewisses Feingefühl, Rodgar ist da wesentlich begabter als ich. Zudem, wer hätte es uns denn beibringen sollen? Meine Aufgabe war es von Kindesbeinen an, das Essen ranzuschaffen, als Kind waren es noch Fische und wilde Beeren, später als ich zu einem jungen Knaben heranwuchs ging ich auf die Jagd. Mutter hat mir nicht viel beibringen können über das Jagen, und so musste ich mir viele Dinge mühselig selbst aneignen. Viele male bin ich gescheitert, aber ich habe aus meinen Fehlern gelernt, und irgendwann gelang es mir regelmäßig erst kleinere, und später auch größere Tiere zu erlegen. Nachdem mein Bruder Rodgar von einem fahrenden Händler einen kleinen Amboss erworben hatte, im Tausch gegen einige Felle und Pelze, begann er sich mit der Kunst des Schmiedens auseinander zu setzen, und schmiedete mir 3 Wurfbeile. Mit diesen gestaltete sich die Jagd dann auch wesentlich einfacher, die durch die Wurfbeile verwundeten Tiere ließen sich mühelos verfolgen und zur Strecke bringen.
Das einzige Erbstück, das ich als ältester Erbe von meinem Vater bekam, durch die Hände meiner Mutter überreicht, war eine gewaltige Zweiblättrige Axt, zur Jagd nur wenig geeignet, durch die Größe und Masse bedingt, doch begann ich mich im Umgang mit ihr zu üben. Wenigstens eine der tiefländischen Disziplinen, den Kampf mit einer gewaltigen zweihändig geführten Waffe, wollte ich im Ansatz beherrschen.
Die bisher größte Herausforderung war ein Kampf mit einem Berglöwen, der sich als verdammt zäher Widersacher herausgestellt hat. Die hübschen Narben an meinem linken Unterarm waren sein Verdienst. Bis heute würde ich mich als Stümper bezeichnen im Umgang mit dieser massigen Waffe, aber ich bin mir sicher das wird sich ändern, sobald ich jemanden finde der mir mehr über den Kampf beibringen kann.
Unsere Mutter Freya hat immer versucht uns so gut wie ihr möglich als echte Tiefländer aufzuziehen, aber ich fühle, dass mir ein Vater fehlt. Ein Vorbild, nach dem ich mich richten kann. Eine meiner größten Hoffnung ist es am heutigen Tage, mehr über meinen Vater zu erfahren, dort, wo uns der Wind hinführen wird.
Vor etwa 20 Tagen jedenfalls, der Sommer war bereits am abklingen, verließen unsere Freya die Kräfte. Lange Jahre hatte sie ihre Arbeiten verrichtet, ohne zu murren, und war uns stets eine fürsorgliche Mutter. Alles was man seine Söhne lehren kann, hatte sie an uns weitergegeben, und ihr Lebensfunke begann zu erlöschen. Sie selbst, und auch wir sahen es langsam aber sicher kommen wie den Einzug des Winters. Jetzt, wo sie ihre Lebensaufgabe beendet hatte, schien sie vom Diesseits abzulassen, loszulassen. Ihr Geist war bereit, zum Baum zu gehen, das rufen der Ahnen lag ihr wohl schon in den Ohren.
Nachdem sie uns dann endgültig von uns gegangen war, verbrannten wir ihren Körper in der Tradition die sie uns gelehrt hatte, und begruben ihre Asche. Rodgar fertigte den Stock an, in der Form eines T, den wir über ihrem Grab platzierten, und ich band ein Stück rohes Fleisch daran, auf das die Raben angelockt werden, um ihre Seele sicher zu geleiten.
So waren wir beiden also nun alleine und auf uns gestellt, und hatten nichts mehr was uns an diesem Ort halten würde. Die Hütte war alles was wir zurücklassen mussten, und Rodgars kleiner Amboss würde wohl auch zurückgelassen werden. Wir fühlten beide, dass es etwas anderes gab, etwas größeres, das uns erwartet. Dann erschien uns die Dame im Wind…

Wir sehen uns beide an, schweißgebadet, und nur durch die Blicke die wir wechseln, wissen wir, dass der jeweils andere dasselbe gesehen hat. Sie hat uns gerufen, uns den Weg gewiesen, und wir würden uns aufmachen, um unser Schicksal zu finden. Noch am heutigen Tage.

Es hatte nur weniger Worte bedurft, und wir waren uns einig. Nur die notwendigsten Dinge packten wir zusammen, und machten uns auf den Weg, gen Westen, um dort eine Familie zu finden, und Antworten auf zahlreiche Fragen, die mit dem Tod unserer Mutter offen geblieben sind. So gingen wir also los, und wandelten auf uns bisher unbekannten Pfaden, bis wir an eine kleine Siedlung der Menschen kamen. Die Reise dorthin dauerte nur etwa 5 Sonnenumläufe, und doch hatten wir uns nie so weit von unserer Hütte, unserer vertrauten Umgebung entfernt in der Vergangenheit. Ich hielt es für eine der Städte, von der Mutter uns erzählt hatte, aber die Menschen sagten, es wäre nur ein kleines Dorf, der Unterschied entzog sich mir jedoch. Wenn all diese großen Hütten und Häuser auf einer Stelle lediglich ein kleines Dorf darstellen, müssen die Städte, die, wie man mir sagte, um ein vielfaches gewaltiger sind, schreckliche Orte sein. Wir fanden, unter andauernden misstrauischen Blicken, tatsächlich ein mächtiges Schiff, und im Tausch gegen einen Großteil dessen, was Rodgar und ich bei uns hatten, ließ uns der Führer dieses Schiffes mitreisen. Der Mann, der von den anderen auf dem Schiff nur Kapitän genannt wurde, konnte unser Fernweh gut nachvollziehen, da ihn dieses Gefühl ebenfalls von Kindesbeinen an plagte, und er half uns einige Dinge zu verstehen. Weder Rodgar noch ich hatte Ahnung von dem was uns erwarten würde, und der Kapitän wollte uns nicht wie nackte Neugeborene auf unbekanntem Gebiet absetzen, völlig unvorbereitet. So traten wir also den Weg an, der uns auf diese große Insel Namens Gerimor führen sollte, und die Ankunft soll schon Morgen sein. Inzwischen habe ich einiges über diese Städter erfahren, und mit Spannung sehe ich dem Entgegen, was uns dort erwarten wird. Werden wir unsere bisher unbekannte Familie finden?

Verfasst: Freitag 23. September 2005, 10:20
von Hogarth Hinrah
Die zweite Nacht, seid er mit seinem Bruder die Feste Grimwould, und damit seine Familie gefunden hatte, brach an und überzog das Land mit einem Schleier der Dunkelheit. Schneller als erhofft, nach nur einem Sonnenumlauf, hatten sie den Weg zum Clan Hinrah gefunden, nachdem ihnen Jamie und andere des Clans MacIora erklärt hatten, wie sie zum Nebelwald und der darin verborgen liegenden Festung kamen.

Es herrschte ein reges Treiben dort, ständig gingen die Mitglieder des Clans ein und aus, hinzu kam eine gewaltige Anzahl von Besuchern, die stetig umher wuselten. Alles in allem war es Hogarth noch zuviel des guten, und er zog sich zurück auf das Dach der Festung, wo er einen Blick über den Umliegenden hatte, in all seiner geheimnisvollen Schönheit. Die nähe der Geister konnte er deutlich spüren, der Wald hatte so etwas wie ein eigenes Bewusstsein, da war sich Hogarth sicher. Den Blick über die Brüstung gerichtet, sah er wie Menschen und Tiefländer, nebeneinander und miteinander lachten. Sich unterhielten, Handel betrieben. Es würde wohl noch eine Weile vergehen, ehe sich Hogarth in diesem Trubel wohl fühlen würde. 4 Zyklen hatte er mit lediglich 2 Menschen verbracht, und auf einen Schlag war ständig von ihm noch Fremden umgeben.

Was die einzelnen Mitglieder der Familie angeht, waren es doch verhältnismäßig wenige, der Clan bestand zu Hogarths erstaunen mindestens zur Hälfte aus diesen Städtern, wie Falk und einige anderen sie immer nannte. Die kleineren Menschen waren aber diesem Leben in den weiten Wüsten aus Stein wohl ebenso abgeneigt wie er oder seine tiefländischen Verwandten, und fanden sich gut im Alltag der Feste Grimwould ein.
Vom Schreiner, über eine Schneiderin, diverse Schürfer und Metallwerker…. und einige Krieger und Jäger, der Clan hatte einfach alles. Was Hogarth sich früher mühsam selbst erarbeiten musste, wurde ihm hier ohne große Mühen zuteil.

Rodgar hatte er schon einen vollen Tag lang nicht gesehen, er schien wohl schwer beschäftigt mit schmieden oder sonstiger Arbeit in der Nähe einer Esse. Hogarth dachte darüber nach, ob es Rodgar ähnlich wie ihm geht, oder er sich hier voll einleben konnte in so kurzer Zeit. In jedem Fall war Hogarth sich in einem sicher… seine Zukunft hatte begonnen, hier in Grimwould, beim Clan Hinrah, seiner neuen Familie.