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Nachtgedanken
Verfasst: Dienstag 13. Mai 2008, 19:08
von Sephira von Tecklenstein
Schlaflos lieg' ich, wie im Fieber
starr' ich in die Schatten hin,
ob mir eben nicht sein lieber
Augenstrahl erglänzte drin,
Aus des Abends weißen Wogen
taucht ein Stern;
still von fern
kommt der blasse Mond gezogen.
Stumm und schwer die Blätter hangen,
regungslos die Bäume stehen,
und ich fühl' ein seltsam Bangen
durch die heißen Lüfte wehen,
bis ins heiße Herz mir zittern,
ob ich flüchte, ob ich weile ...
Oh, ich lechze nach Gewittern!
komm, Geliebter! eile! eile!
(Auszüge aus „Natur und Sehnsucht“ von Richard Dehmel (1863-1920))
Sie konnte sich noch zu gut an den Abend erinnern, wo es um jenes Thema ging: Liebe, Vertrauen, Leidenschaft. Es war der Abend, an dem ihr Leben am seidenen Faden hing, der Abend, an dem sie das Spiel mit dem Herren Mar Hent überspannt hatte. Er hatte ihr Angst unterstellt – Angst vor Zuneigung und den eigenen Gefühlen. Nun... und wenn dem so war? Ihr war es gleich gewesen; sie hatte keine Eile, sich wieder diesem abstrusen Wirrwarr hinzugeben, was lapidar in jedermanns Mund genommen wird: Liebe.
Gefühle, ein lästiges Übel in der Gesellschaft und in dem Menschen. Wie oft verleiten sie einem zu Fehlern, wie oft lassen sie einen Dinge sehen, die nicht vorhanden sind? Elberus...
Es war einer der Fehler, die sie begangen hatte und die sie nie wieder begehen wollte. Sicher, sie hatte manches Herz, manchen Verstand der Männer benutzt und für sich gewonnen, um sie führen zu können. Einen Moment dachte sie an den alten Hauptmann, der sich so sicher gefühlt hatte mit seinem Wein und seinem Schwertgurt.... und der am nächsten Morgen ihr jeden Wunsch von den Lippen gelesen hätte. Es war zu einfach gewesen in Tecklenstein, zu lapidar.
Doch hier, in den Mauern der heiligen Stadt, hatte sie ebenbürtige Gegner gefunden, die jeder Geste, jedem Wort nur allzu gern misstrauten. Schon vom ersten Moment an hatte sie das Geheimnis dieses Mannes interessiert. Ein Interesse, das sich zu Neugier, zu Forscherdrang entwickelte. Die ganze Stadt, ganz Rahal hatte sich stets lieber in Schweigen gekleidet und so musste sie ein neues Spiel entwickeln, um mehr über ihn herauszufinden. Mehr über sein Wesen, sein Denken, sein ganzes Sein.
Sie suchte sich nur zu gerne schwierige Figuren heraus, um sie mehr und mehr zu entdecken...
Es war bereits dunkel, als sie die Türe lautlos hinter sich schloss und rasch, mit einem leisen Rascheln des Kleidstoffes die Stufen erklomm. Die Räume waren spärlich beleuchtet und nur das Knistern des Kaminfeuers war zu vernehmen, doch das dunkle Augenpaar achtete weder auf Raum noch Geräusche, sondern suchte sich mit schnellem Schritt den Weg gen des eigenen Zimmers. Lediglich am Bett des Bruders hielt sie inne, um Schemen auszumachen und gegebenfalls darauf gefasst zu sein, mit noch leiserem Schritt an ihm vorbeizukommen. Sie wusste, dass er es nur gut meinte und doch war da auch stets ein Gefühl des erzwungenen guten Benehmens in ihr. Sie waren ein Blut, eine Familie...und doch, kannte er sie wirklich? Sie wusste es nicht.
In ihrem Zimmer ließ sie sich mit einem Seufzen auf das Bett gleiten, während die schlanken Finger gen Umhang fuhren und jenen lösten. Das Kleid glänzte an wenigen Stellen noch immer vom mitternächtlichen Regen, der sich in feinen Tropfen um ihre Sihouette angeschmiegt hatte. Die Hände fuhren einmal über den Stoff, fuhren weiter an den Hals und gen des Schopfes, um die Hochsteckfrisur zu lösen. Eine Arbeit von Stunden zerstört in wenigen Minuten, wie unausgeglichen doch manche Bemühungen sein können. Ein Gedanke schoss durch den Kopf und ließ sie auflächeln. Nun, die Mühe hatte sich den Abend gelohnt, jenes war nicht abzustreiten. Ein letztes Durchschütteln des Haares, ehe sie kurz den Blick gen ihrer Rechten wandern ließ. Gutes Benehmen, förmliche und charmante Worte....und diese Augen. Ein Geheimnis, dass es sich zu entdecken lohnte.
Und schließlich hatte sie es ja auch versprochen: Sie würde die Neugier nicht ruhen lassen und würde die Welt geben...für einen Gedanken, eine Wahrheit...von ihm.
Verfasst: Freitag 16. Mai 2008, 14:44
von Darian von Seranyth
Es war schon erstaunlich, das ihn das kleine Spiel, das er mit ihrer Blutgeboren begonnen hatte, so sehr und vor allem, so lange fesselte.
Er musste sich eingestehen, das es ihm doch eine gewisse Freude bereitete die Grenzen und die Regeln aus zu reizen. Wer konnte es ihm verübeln, sie forderte es förmlich heraus.
Wenn sie ihn mit ihren Fragen auch manches mal in die Enge trieb, bisher hatte er sich stehts eine Hintertür offen gelassen.
Es war nicht so das er sie belog - nein, doch wollte er nicht gleich alles von sich Preisgeben.
Zumindest ein Geheimnis, würde bis auf weiteres verborgen bleiben.
Sie hatte ihn in ihrem Spiel sehr weit getrieben, was er selbst nicht für möglich gehalten hätte. In gewisser Weise waren sie sich nicht ganz unähnlich.
Der Reiz des Unbekannten war groß und beide standen sich in Sachen Neugier in nichts nach.
Er war gespannt welche Gedankengänge und Geheimnisse er ihr noch entlocken konnte.
In der Zeit die er mit ihr verbracht hatte, hatte er einiges über sie erfahren. Zwar war sie kein offenes Buch, in dem es sich so einfach lesen lies, doch mit ein einigen schmeichelnden Worten und Überredungskunst, erfuhr er doch das ein oder andere.
Seine Zungenspitze tastete sich hervor und benetzte seine Lippen, während er sich nachdenklich in seinem Sessel zurück sinken lies. Mit der linken fuhr er sich durch das Haar bis hin zum Nacken, wo er sie einen Augenblick lang ruhen lies.
Was sich wohl bei ihrem nächsten zusammentreffen ergeben würde?
Es war Zeit ihr Spiel fortzuführen. Sie hatte den letzten Zug getan, nun war er wieder an der Reihe...
Verfasst: Freitag 30. Mai 2008, 17:26
von Sephira von Tecklenstein
Wer sieht schon die Sterne, wer die Nacht?
Wer sieht schon die Wolken, das Abendlicht?
Wer hört schon die Schritte, die nächtliche Wacht?
Wer hört schon das Rauschen, das Gurgeln der Gischt?
Ich bin auf der Suche, nicht nach der Nacht,
nicht nach dem Meer, nicht nach dem Licht.
Ich will nicht erkunden, wer besiegt in einer Schlacht,
wer mein Feind, mein Freund, ist alles nicht.
Ich versinke im Suchen, versinke im Meer,
aus tausend Momenten, Träumen, Begehr.
Ich versinke so lange, suche so sehr,
die schönstem Momente, sie schwirren umher.
Und dann wird es richtig, dann wird es klar,
werden gelöst die Fesseln, die Stränge, der Strick.
Alles was ich suchte, war mir doch so nah,
war vollkommen, war immer da: Dein Blick.
Mit einem Rascheln und einem verärgertem Laut knüllte sie das Pergament zusammen und warf es in die nächstbeste Ecke. Ein weiteres Knarzen, ein kurzer Dämpfer verriet das eher rigorose Aufstehen und Rücken des Stuhles, ehe sie sich in das Untergeschoss begab und in einen der Sessel fallen ließ. Das neue Haus, in dem sie sich eingenistet hatte, entsprach keineswegs den Vorstellungen und ihren Gewohnheiten, doch sie würde auskommen, fürs erste. Die Wände würden sicher bald heller und freundlicher erstrahlen und auch die Bücher würden sicher wieder an Menge gewinnen. Doch andere Gedanken strömten durch den Geist, als die schlanken Finger nach einem Buch griffen, welches auf der Armlehne lag.
Minnegesänge zu Hofe
Die Mundwinkel zuckten einmal auf. Sie hatte das Buch am gestrigen Abend herausgesucht, just nach dem Gespräch...nein, ein Gespräch war es kaum. Es war ein weiteres Abtasten, abstecken der Grenzen und Regeln. Sie hatte ihn gewarnt, hatte ihm gesagt, dass sie viel zu nahe am Abgrund waren. Die Augen schlossen sich Momente, der Schopf fiel erschöpft in die Lehne. Jenes Spiel kostete sie mehr als einfache Anstrengung; nein, durch die neue Situation hatten sich die Regeln verschärft. Ein Mitspieler war aufgetreten...
Wieder glitten die Gedanken zu dem Abend, ließen ihn noch einmal Revue passieren. Das Gespräch, das im schützenden Behang der Laubengärten geführt wurde, die Vertrautheit und dann...das plötzliche Erwachen. Selbst jetzt pressten sich die Zähne aufeinander, als sie das Gesicht wieder vor sich sah: Die angespannten Züge, die braunen, stechenden Augen, die so fern und doch so nah in ihrem Empfinden waren. Die Augen öffneten sich langsam, die Miene hatte sich verhärtet.
Sie wollte, konnte nicht mehr aus dem Spiel aussteigen; sie hatte es ihm versprochen, nicht wegzulaufen.
Geduld...ja, die musste sie nun aufweisen. Sie hatte ihn um einen Gefallen gebeten, hatte auch ihm die Geduld nahe gebracht. Sie musste sich wohl auch daran halten und beginnen, die Herausforderung, die dazugekommen war, anzunehmen.
Verfasst: Sonntag 1. Juni 2008, 23:23
von Darian von Seranyth
Hasserfüllte Blicke, wann immer sich Sephira und Azucinnia sahen. Einerseits belustigte es ihn, die beiden zu beobachten wie sie sich versuchten aus dem Weg zu gehen, andererseits empfand er es auch zu einem gewissen Grad als anstrengend.
Noch immer hoffte er das sie Einsicht zeigten und die Anwesenheit des anderen wenigstens akzeptierten.
Er hatte sich vermutlich die richtige Person ausgesucht, die Azucinnia über die Etikette am Hofe berichten sollte – welch Ironie.
Im Nachhinein wusste er nicht einmal was genau ihn so in rage brachte.
Sie verbrachten den Abend in den Gärten der Oberstadt, als er versuchte Sephira wieder zu beruhigen, was wieder einmal daran lag, das sich die beiden Frauen nicht ausstehen konnten.
Ein langes Gespräch war die Folge und je weiter der Abend voran Schritt, desto weiter schienen sie die Grenzen zu übertreten.
Beide liebten sie offenbar die Gefahr des Verbotenen, auch wenn sie sich noch immer eher vorsichtig heran tasteten. Es war nicht leicht ihn aus der Fassung zu bringen, doch sie – sie schien es zu ihrer Profession zu machen.
Die braunen Augen, ihre unschuldige Art und dennoch war sie alles andere als das.
Unzählige Gedanken stoben ihm durch den Kopf, die jedoch kurz darauf verloren gingen, als die traute Zweisamkeit gestört wurde.
Ein klackern, eine leise Stimme – dann stille. Sein Kopf fuhr herum, spähte hinauf zu dem Balkon.
Der Blonde Schopf fiel ihm sogleich ins Auge.
Azucinnia...
...
Die Haustür krachte gegen die Wand, das graue Augenpaar huschte umher, wie das einer Raubkatze die nach ihrer Beute Ausschau hielt.
Am liebsten hätte er sich auf sie gestürzt, doch wurde ihm eine weitere Person gewahr.
Es war vielleicht ein glücklicher Umstand, das Tugor zugegen war, wer wusste schon was er, in seiner blinden Wut getan hätte.
Lag es nur daran das sie ihn offenbar beobachtet hatte? Ihm offenbar hinterher spionierte? Oder lag es doch viel mehr daran das sie sich angeblich mit Anhängerin der Weltenhure herum trieb?
Er konnte sich nicht erlauben jemanden zu beherbergen, der hinter seinem Rücken in Varuna ein und aus ging. Inständig hoffte er das sie die Wahrheit gesagt hatte, doch musste er vorerst dafür sorgen das nicht noch mehr solcher Gerüchte in Umlauf gerieten.
Mehr und mehr rückte ihm Sephiras Rat in Erinnerung – vermutlich war es doch besser, wenn sie das heilige Reich vorerst nicht verlies, um sie vor den Einflüssen der Verblendeten zu schützen.
Verfasst: Dienstag 3. Juni 2008, 18:47
von Sephira von Tecklenstein
Wir wandeln als Schatten in der Nacht,
achten auf keine Lichter, auf keine Wacht...
Trunken schloss sie die Türe hinter sich und zog die Luft tief ein. Noch immer rauschte das Blut durch die Adern und ein leichtes Schauern verriet, dass die Anspannung sich noch nicht verflüchtigt hatte. Wieder einmal hatte sie die Grenzen ausgetestet, hatte sich in dem Reiz des Spiels verloren.
Doch immer wieder schoss eine Frage in ihrem Kopfe auf:
Konnte sie das Spiel wirklich noch so lange dulden? Sie beide waren an eine Schwelle getreten, hatten einen Weg gewählt, der nun immer weiter auf ein Ziel zuging.
Aus dem Spiel wurde langsam Ernst...
Langsam löste sich die zierliche Gestalt und schritt zu den Sesseln. Der Blick der dunklen Augen huschte über die Bücherrücken, ehe sie blitzschnell eines der Werke zückte und eine Seite aufschlug. Ein weiteres Lächeln, als sie die Verse las.
Ja, sie hatte dem Blutgeboren die Minne nahe gebracht, wenn auch auf ihre Art und Weise. Kurz musste sie leise auflachen, während sie das Buch zuklappte. Nein, sie hatte die Konventionen noch nie gerne eingehalten, hatte lieber ausgetestet und gehandelt, anstatt zu warten. Doch wie lange würde sie ihn noch fordern können? Wie lange müsste sie handeln, bis sie auf eine Reaktion, eine Eigeninitiative seinerseits hoffen durfte?
Klare Worte würden sicher helfen, so wie an dem Abend, als er sie in den Garten des Badehauses „entführte“.
Ja, seine Cousine musste wahrlich noch erzogen werden und er hatte ausgerechnet sie gewählt, um jenes zu vollenden. Er wünschte es, hatte sie angeblickt mit der ruhigen Kraft seines grauen Augenpaares und sie hatte nachgegeben. Aus Rücksicht? Aus Zuversicht, dass es doch etwas werden könnte? Für einen Moment war sie wieder in der Realität, als das Klingen des Glases, das fluchende Gemurmel und das Knarzen zu vernehmen war. Dieser Blick...dieser stechende Blick.
Schnell suchten die Gedanken andere Momente, als sie das Buch zurückstellte und sich gen des oberen Stockwerkes begab. Der Duft seiner Nähe, der Blick, der alles in ihr suchte und jede Tür ihres Inneres zu öffnen vermochte. Wie hatte er nur die Worte aus ihr herauskitzeln können?
Am Treppenabsatz verharrte sie und blickt durch das Fenster in die Nacht hinaus. Sie hatte ihm so viel verraten und doch nicht alles erzählt. Er sollte nicht von den schlimmsten Momenten erfahren, sollte nicht wissen, was in den Tagen, als sie dem Tode nahe war, geschehen war. Und doch hatte sie ihm das Wichtigste erzählt. Der Blick tastete langsam die Hauswand des Gebäudes schräg gegenüber ab, suchte die beleuchteten Fenster des Hauses. Ein Schatten huschte an einem vorbei und sie war sicher, dass er nur zu einem Menschen gehören konnte.
Zwei Herzen, zu einem vereint,
ward nimmer gebrochen, nimmer entzweit.
Verfasst: Montag 9. Juni 2008, 13:21
von Darian von Seranyth
Er hatte einen Fehler gemacht, es war zwar nicht leicht sich dies einzugestehen, doch er hatte es Begriffen. Für die Zukunft nahm er sich vor solchen Gerüchten nicht auf Anhieb glauben zu schenken. Er hatte Azucinnia für etwas bestraft das sie nie getan hatte, zumindest nicht wissentlich.
Es hatte ihn einiges an Überwindung gekostet, ihr gegenüber seinen Fehler einzugestehen und sich zu entschuldigen. Doch immerhin sprach sie wieder mit ihm.
In gewisser weise beruhigte es ihn auch, denn so musste er sich nicht mehr um dieses Gerücht Sorgen, einzig vielleicht darüber, das es jemand in Umlauf gebracht hatte.
Doch gab es mittlerweile schon wieder ganz andere Dinge, die seine Aufmerksam auf sich zogen.
Das Gespräch mit Sephira.
Er erinnerte sich noch gut daran. Erzählungen aus ihrer Vergangenheit, Leid das sie erlebt hatte – und Namen. Namen von jenen die sie quälten.
Er würde sie sich behalten, vielleicht ergab sich ja einmal die Gelegenheit gewissen Personen zu verdeutlichen, was es hieß zu Leiden.
Sie beide trugen eine schwere Last auf ihren Schultern, die Vergangenheit lag wie ein Schatten über ihnen. Ein Schatten der einfach zu groß war um einfach aus ihm heraus treten zu können und doch war es vielleicht besser ihn hinter sich zu lassen.
Er hatte ihr versprochen ihr Genugtuung zu verschaffen. Wann dies jedoch geschah war fraglich, wusste er doch selbst nicht wie er es anstellen sollte. Die Zeit würde jedoch zeigen, ob er sein versprechen einlösen konnte oder nicht.
Er schloss die Augen und lehnte sich zurück. Mit der rechten fuhr er sich durch sein Haupthaar und vergrub die Finger darin.
Er musste innerlich auflachen. Zeit - Etwas das keiner im Überfluss besaß. Vielleicht war es auch besser all dies einfach zu vergessen und auf sich beruhen zu lassen. Ergab sich dennoch eine Gelegenheit dazu, war es um so erfreulicher...
Verfasst: Montag 9. Juni 2008, 14:19
von Sephira von Tecklenstein
Leise knirschte der nasse Kies unter ihren Fußsohlen auf, als sie durch die abendlichen Gassen streifte. Wie so oft hatte sie die edlen Kleider abgelegt und den einfachen Stoff, den weiten Umhang gewählt, um nicht aufzufallen. Nicht auffallen.. ja, es war jenes, was sie am meisten nun begehrte. Die Wachen ließen ihr den Wunsch, ob gewollt oder nicht. Kein Nicken in ihre Richtung, kein auffälliger Blick lag auf ihr, während sie die Stadtmauern verließ und an den Höfen vorbeischritt.
Es regnete und einen Moment schoss der Gedanke auf, dass es nur allzu passend sei und viel zu stilisiert. Stil....Etikette...Regeln. Der Schritt verschnellerte sich und stur blickte das dunkle Augenpaar zu Boden.
Ich habe die Geschichte damals als Schatten vernommen. Ich wollte die Worte noch einmal hören....als Darian.
Immer und immer wieder hing der Satz in der Luft, immer und immer wieder hörte sie seine Stimme in ihren Gedanken. Nein, sie war nicht wütend, war nicht voll Zorn, wie sie es gern gewesen wäre. Ein Loch hatte sich in ihre Magengegend gegraben, gerade dort, wo die ersten ungewohnten Gefühle aufgekeimt waren. Eine Weile suchte sie nach der Bestimmung, bis sie sicher war, was es war: Enttäuschung. Sie hatte die Türe geöffnet, hatte den Raum gewählt, den er ihr zunächst verschlossen hatte. Nein, sie war nicht wütend, dass er es ihr erzählt hatte. Der erste Zorn war bereits verflogen, als er aus der Türe gegangen war. Die Schritte wurden langsamer, als sie die Kapuze des Umhanges etwas aus dem Gesicht streifte und sich umsah. Die Regentropfen vielen plätschernd in die wenigen Baumwipfel, ein nächtliches Kauzen eines Vogels war zu hören und das leise Rauschen des Flusses, der sich hinter dem hohen Schilf versteckte. Mit einem Schaudern sank ihr Rücken an den nahen Baumstamm, während der Blick umherschweifte. Sie hätte es belassen sollen, hätte die Schatten Schatten sein lassen sollen, so wie es beim ersten Male an jenem Ort noch war. Nur die eigenen Regeln hatten gezählt, nur der eigene Einsatz. Doch sie konnten nicht mehr umkehren. Ein begonnenes Spiel musste beendet werden und das letzte, was sie sich eingestehen wollte, war eine Niederlage.
Das Gras wog ruhig hin und her, während die Tropfen begannen, lauter zu prasseln. Selten hatte sie die Ruhe so zugelassen, um sich den Gedanken hinzugeben. Es ratterte, Worte wurden memoriert und immer wieder und wieder hervorgerufen.
Der Abend hatte bereits viel zu seltsam begonnen, als sie die Türe öffnete und ihn herein bat. Sicher, wie immer hatte sein Lächeln, sein Blick etwas ansteckendes. Es war wie die verbotene Essenz, die man nicht zu sich nehmen durfte: Verlockend und verführerisch. Sein Geschenk an sie erinnerte sie an alte Zeiten und an junge Stallknechte, die wie er nur allzu gern in fremde Gärten schlich. Und dann hatte sie angefangen, hatte versucht, Worte zu finden, um etwas über ihn herauszufinden. Was sie fand, was sie hörte, erschreckte sie, ließ sie auffahren und unruhig werden. Hatte er ihr wirklich unterstellt, sie würde die Konventionen nur als Schutz, als fadenscheinige Fassade aufrecht erhalten? Warum war ihm jenes so verhasst, warum schätzte er es nicht? Und dann die Antwort, als sie fragte, wieso sie dann Azucinnia jenes beibringen sollte:
Wahrscheinlich...um den Schein zu wahren.
Er wusste, wie sehr sich die beiden Frauen bemühen mussten, um kein falsches Wort zu verlieren; wusste, wie viel Überwindung es gekostet hatte, ruhig zu bleiben, während jeder Blick, jede Geste wie eine Provokation herüberschwang zu ihr. Sie hatte sich bemüht, hatte die Lektion abgehalten und den Schein gewahrt. Kurz verzog sie das Gesicht und rutschte den Stamm des Baumes einen Deut herunter. Den Schein wahren...
Sie wollte keinen Schein mehr. Sie wollte wissen, wer vor ihr stand. Keine Fassade, keine Masken mehr. Sie hatte die Schatten satt, wollte einmal den Ernst des Lebens versuchen. Er hatte ihr die Zeit über etwas vorgemacht, war auf das Spiel eingegangen. Sicher, sie konnte sich nur zu gut vorstellen, dass er es nicht gewohnt war. Seine Kindheit war nicht diejenige, die sie erlebt hatte. Sie waren auf ihre Art und Weise beide Gefangene gewesen, waren einem System unterstellt, dass sie nie wirklich verstanden hatte: Er als das geraubte Kind, sie als das Mädchen in einem Schauspiel von falschen Werten und Glaubensformen. Sie hätte ahnen sollen, dass er ihre Banden, ihren Halt nicht schätzen würde, nicht akzeptieren konnte. Sie drängte, fragte.... und bekam eine Antwort.
Damals....im Turm....Keller....Zelle...Bad....
Die Worte schossen wieder durch den Kopf und mit einem Keuchen fiel sie ins Gras. Die Wassertropfen suchten sich zehrend ihren Weg in den Stoff ihrer Kleider und bildeten neue Muster auf jenem. Plätschernd trommelten unaufhörlich die Tropfen auf das Blätterdach über ihr, während sie die Augen schloss und die Luft tief einsog.
Enttäuschung...ja. Wieder einmal fühlte sie sich verraten, verkauft. Er hatte es gwusst, hatte ihre Geschichte gekannt. Sie hatte ihm vertraut, hatte es zugelassen, das Herz einen Spalt zu öffnen, um ihm eine Möglichkeit zu bieten. Nun kannte sie seinen schwärzesten, tiefsten Schatten...
Langsam öffnete sich die Augenlider wieder und ruhig erhob sich die zierliche Gestalt. Die rechte fuhr durch das schwarz schimmernde Haar, welches sie akribisch frisiert und fixiert hatte. Kurz zuckten die Mundwinkel auf, als sie daran dachte, wie die Frisur zustande kam und ein neuer Gedanke keimte auf:
Er weiß noch nicht alles... er hat mir noch nicht alles genommen....
Zeit....sie hatte sie und würde sie sich nehmen. Sie wusste, dass sie sich noch nicht ganz entblößt hatte und selbst sein Schatten nicht alles von ihr kannte. Sie hatten einen Gleichstand erzielt. Und dennoch: Wenn aus dem Spiel Ernst werden sollte, musste sie auch jene Seite von ihm akzeptieren... und sich mit ihr vereinigen.
Lange lag der Blick noch auf dem kleinen Flusslauf, der unbeirrt seinen Weg sich suchte. Als ein weiterer nächtlicher Ruf durch den Wind hallte, wandte sie sich um und schritt zurück. Dort, wo sie sich Zeit nehmen würde.
Verfasst: Montag 9. Juni 2008, 14:59
von Darian von Seranyth
Ein kleines Geschenk, eine kleine Aufmerksamkeit wollte er ihr überbringen.
Wer hätte gedacht das alles so aus den Fugen geraten würde?
Stehts hatte er sich darum bemüht sein Geheimnis, seinen dunkelsten Schatten zu verbergen. Vorallem vor ihr.
Er hatte sie gewarnt, wollte sie davon abhalten zu tief zu graben. Es gab Dinge die besser im verborgenen blieben und doch, sie hatte sich nicht davon abbringen lassen.
Ja, sie hatten sich bereits schon einmal gesehen. Damals, in der Burg unter gänzlich anderen Umständen. Warum nur ließ sie sich nicht davon abhalten?
Ich will keine Farce, kein Schaustück vor mir haben...Wenn ich Darian sehen möchte, dann klar, mit allen Facetten, Formen. Keine schützenden Masken, keine Floskeln. Ich will wissen, wer du bist.
Konnte sie die Wahrheit über ihn überhaupt ertragen? Zweifel nagten an ihm. Auf ewig hätte er sie wohl ohnehin nicht belügen können. Vielleicht war es auch besser ihr sein wahres, nein besser sein zweites Ich zu offenbaren.
Er wusste genau wie sie darüber dachte, er hatte ihr Abneigung damals nur zu deutlich gesehen.
Würde es nun wieder so sein? Er schloss sie in die Arme, zog sie zu sich heran und neigte sich zu ihr. Dich neben ihr verharrte er und hauchte ihr leise das, worauf sie so lange gewartet hatte, in ihr Ohr.
Arkorither...
Er spürte deutlich wie sie sich versteifte, ihre Ablehnung in eben jenem Moment. Sie hatte ihm nicht geglaubt das er sie vor der Wahrheit lediglich schützen wollte und er hatte recht behalten. Manche Geheimnisse blieben lieber im verborgenen.
Der Schmerz in ihrem Gesicht, er sah ihr deutlich an das sie über diese Wendung alles andere als glücklich war. Ja, er hatte ihre Geschichte schon einmal gehört. Jedoch lediglich als Schatten. Er wollte das sie Ihm dies erzählte und nicht der Finsternis in die er sich damals gehüllt hatte.
Doch scheinbar schien sie dies nicht zu verstehen. Sie wollte hinter seine Masken sehen, das Schauspiel beenden.
Sie hatte es geschafft... doch für welchen Preis? Sie hatte sich von ihm entfernt, konnte sie damit überhaupt Umgehen? Wusste sie welch wertvolles Geheimnis sie nun ihr eigen nannte?
Sie wusste bereits mehr als manch anderer über ihn. Es blieb ihm nur zu hoffen, das sie mit dieser 'Verantwortung' umgehen konnte.
Verfasst: Montag 23. Juni 2008, 10:47
von Sephira von Tecklenstein
Der Morgen schien unnatürlich und zäh, als die Sonne langsam ihren Weg durch die Fenster suchte. Ein Ziehen in den Schläfen und die Trägheit des Körpers bestätigten den Verdacht, als sie sich in das untere Geschoss schleppte: Der Alkohol hatte seine Wirkung getan und sie geschwächt.
Noch immer standen der Rum und der Wein auf dem Tisch, die nun sorgsam von ihr gemieden wurden. Die Kehle brannte und die Gedanken schwirrten. Das kühle Nass des Wassers war in diesem Moment mehr als Willkommen.
Der Abend war mehr als merkwürdig gewesen. Sie konnte sich noch zu gut an den Auslöser erinnern, der daran Schuld gewesen war, jene „Eskapade“ hinzunehmen. Der Tag im Rathaus war lang und anstrengend gewesen... und dann diese Machtspielchen am Ende des Abends. Wie oft sollte sie denn noch ihren Platz behaupten? Wie oft musst sie dem einfachen Mann und der einfachen Frau zeigen, was es heißt, eine Blutgeborene zu sein? Sie trug wahrlich mehr auf ihren Schultern, als ihr lieb war.
Der Blick der dunklen Augen ging langsam und konzentriert durch den Raum, bis er bei den Flaschen hängen blieb. Die Weinflasche war gerade einmal angebrochen, doch umso mehr hatte der Rum einbüßen müssen. Erst jetzt drangen weitere Erinnerungen des Abends an sie. Darian...
Langsam verstand sie das Spiel nicht mehr, welches sie spielten. Sie wollte ihn am liebsten hassen. Hassen für das, was er war. Seine Fähigkeiten waren mit Sicherheit von Vorteil und interessant, doch sie konnte nicht umhin, bei dem Gedanken daran zu erschaudern. Nur allzu gut erinnerte sie sich an das Gespräch mit der Magistra Linari, an ihre drängende Fragen, ihre Neugier. Sie war ein Objekt geworden, das allseits beobachtet wurde. Ein Spielball?
Zu gerne hätte sie ihn von sich gewiesen, hätte ihn weggeschickt... und doch konnte sie es nicht. Sie war schwach; schwach in ihrem Empfinden gegenüber eines Mannes, den sie eigentlich hassen müsste. Er hatte einen Schatten in sich. Eine Macht, die ihr auch schaden könnte.
Unwillkürlich fuhr eine der schlanken Hände über den bleichen, langen Hals, während der Blick ins Leere ging. Sie kannte nur zu gut die Mittel, die die Ordensanhänger gerne anwendeten. Die Baronin hatte sichtlich ihren Spaß daran gehabt. Ein scharfes Einziehen der Luft folgte, das Wasserglas wurde abgestellt, um sich im nächsten Moment von der Küchenzeile abzustossen und nach oben zu gehen. Die Schritte fielen noch immer schwer und nur allzu gerne hätte sie wohl den Tag im Heim verbracht. Und doch musste sie ihre Pflichten erfüllen und das Ansehen wahren.
Vielleicht hat der Jäger ein neues Ziel anvisiert?....Die Beute erscheint wohl nicht mehr reizvoll genug.
Langsam dämmerten die Worte auf und ließen sie ihm Ankleiden innehalten. Hatte er wirklich sein Interesse verloren? Hatte sie bereits so viel von sich gezeigt? Sie erinnerte sich nur schemenhaft an den Vergleich, den sie besprochen hatten. Jäger und Beute...wie um Himmels Willen sind sie nur wieder darauf gekommen?! Ein kurzes Kopfschütteln, ehe sie sich wieder weiter ankleidete und fertig machte.
Sie hatte die Regeln des Spieles aus den Augen verloren, mehr, als sie es sich eingestehen wollte. Der Herr war nun der Leiter des Spieles.
Verfasst: Donnerstag 3. Juli 2008, 15:04
von Sephira von Tecklenstein
Schlaflos lieg' ich, wie im Fieber
starr' ich in die Schatten hin,
ob mir eben nicht sein lieber
Augenstrahl erglänzte drin,
Stumm und schwer die Blätter hangen,
regungslos die Bäume stehen,
und ich fühl' ein seltsam Bangen
durch die heißen Lüfte wehen,
[Auszüge aus „Natur und Sehnsucht“ von Richard Dehmel]
Tuschelnd gingen die Sekretäre des Rathauses durch die Gänge des Gebäudes. Zwei Tage nun sah man die Statthalterin nicht mehr aus ihrem Büro hinausgehen. Niemand wusste, was in dem jungen Mädchen vorging, dass mit ausdrucksloser Miene hinter dem steinernen Tisch saß und sich in Massen an Pergamenten vergrub. Stets hörte man nur das rasche Kritzeln der Feder, stets das Rascheln der Papiere, die hin und her geschoben wurden. Am ersten Tage staunten sie noch, waren verwundert über die stetige Reserviertheit. Selbst das Lächeln, welches sich seit geraumer Zeit unergründlich auf den Lippen der Blutgeborenen gebildet hatte, war mit einem Male verschwunden. Bereits als sie in die Räume des Rathauses gerauscht war, war die Order klar und deutlich: Keine Störung, außer sie rufe nach jemanden!
Als die Nacht eintrat, war die Verwunderung noch größer. Es war lange her, dass Nachtschichten gemacht werden mussten. Die Akten waren im eigentlichen neu sortiert und die Chroniken überprüft worden. Man beschloss, nach dem jungen Mädchen nachzusehen, zu fragen, ob sie etwas benötige. Leicht blass kam der junge Mann hinaus, ein kurzes Kopfschütteln, ehe er nach unten trat. In seinen Händen mehrere Briefe, die einen Boten benötigten.
Eine lange Nacht....
Ruhlos ließ sie die Feder über das Pergament wandern; es galt schon fast an ein Wunder, dass die Worte noch so rein und klar, ohne jegliches Verwischen ihren Weg auf das Papier fanden. Sie brauchte Ablenkung...brauchte etwas, was sie beschäftigte. Viel zu oft hatte sie die Mappen herausgeholt, auf dem Tisch verteilt und überprüft, nur um sie Stunden später wieder wegzuordnen. Bald waren die Unterlagen geprüft, die Augen ermattet von den vielen Buchstaben und Paragraphen, die sie wieder und wieder gelesen hatte. Ein Moment der Ruhe trat ein....
Schmerz....nicht der körperliche, nein. Jenen hatte sie erwartet, sich darauf eingestellt und doch...Sein Blick hatte ihr tausendfach mehr Schmerzen zubereitet, hatte sie sein wahres Wesen sehen lassen. Nein, er konnte nicht spüren, was sie verspürte, konnte wohl kaum erahnen, wie leer sie sich fühlte. Wieder einmal hatte sie sich täuschen lassen, hatte sich einem gefährlichen Spiel hingegeben und verloren. Wie lange könnte sie so etwas noch durchhalten? Wollte sie wirklich noch so lange jenes mit sich machen lassen?
Das dunkle Augenpaar huschte fast panisch über die Steinplatte, als die Lider sich geöffnet hatten. Nein, nur kein Nachdenken, kein Sinnieren. Es galt, wichtige Nachrichten noch zu überbringen und anzufertigen. Nur nicht in trüben Nebelfeldern des Denkens festhängen...
Ihre Worte fanden wieder den Weg aufs Papier, festigten sich dort in der gewohnten akribischen Schrift, während die Nacht herein brach. Briefe nach Hause, neue Befehle, neue Fäden, die sie spannen wollte. Auch gingen einige Notizen an andere Personen, an Menschen, die ihr irgendwie noch im Hinterkopf geblieben waren. Sie suchte etwas...suchte die Zerstreuung und....das Vergessen.
Verfasst: Samstag 12. Juli 2008, 12:35
von Sephira von Tecklenstein
Der Wind fuhr über die Ebene und erweckte Gräser und Blätterwerk zum Leben. Sanft wog sich die Krone des alten Baumes über der Gestalt, die ruhig gegen den Stamm gelehnt war. Das Mondlicht verschwand immer wieder zwischen den Wolken, welche hier und da die ersten leichten Regentropfen fallen ließen. Fast harmonisch vereinten sich die Geräusche des Windes und der fallenden Tropfen miteinander und machten das Bild komplett. Nur das leise Plitschen der Tropfen auf das Flussbett sorgte stets für eine andere Rhythmik in der anbrechenden Nacht.
Schon eine geraume Weile war es her, dass sie solch Ruhe empfand. Die Augenlider waren geschlossen und die Züge des jungen Mädchens waren ruhig, während die Natur um sie herum zum Leben erwachte. Keine Angst, keine Unruhe drang durch den Körper; die Ermattung der letzten Tage ließen es nicht mehr zu. Was sollte sie auch fürchten? Sie saß hier auf ihrem Land, dem Lehen, welches ihr geschenkt und voller Vertrauen übergeben wurde. Kaum hatte sie erwartet, dass seine Heiligkeit ihr je vergeben würde. Doch sie hatte ihm wieder in die Augen blicken können, hatte wieder voller Stolz ihm entgegen treten können. Die feinen Härchen im Nacken und an den Armen stellten sich immer noch auf, als sie das Bild in ihrem Inneren vor sich sah: Seine Eleganz, seine Erscheinung und diese stete Selbstsicherheit, ein perfektes Bild, welches man kaum zu träumen wagte.
Kurz huschte ein Lächeln über die entspannte Miene. Sie sah noch die erstaunten Blicke der Sekretäre vor sich, als sie aus den Räumen des Rathauses gegangen war und die Wörter schnell und ohne Widerworte erwartend gesprochen wurden: „Die Nachtschichten sind vorbei, meine Herren! In den nächsten Tagen erwarte ich, dass sie sich selbst organisieren können.“
Sie brauchte eine Zeit, eine kurze Weile, in der sie zumindest neue Kraft im körperlichen Sinne erlangen konnte. Schlaf...er holte sie ein, zerrte unbändig an ihren Sinnen und ließ sie schon alsbald die Geräusche der Nacht ausblenden. Nur kurz blendete wieder ein Bild auf, ein paar Worte des Händlers, mit dem sie den Abend hier verbracht hatte.
„Vielleicht liegt es daran, dass das junge Mädchen scheitert, weil sie glaubt, man erkenne an einem Spiel, wer es ernst meint. Spätestens wenn der Gefährte erkennt, dass das junge Mädchen gespielt hat....wird er es ernst meinen und sich von ihr abwenden.“
„Ihr überspannt den Bogen nicht...ihr seid der Bogen selbst. Wenn das junge Mädchen so weiter macht, wird es irgendwann auseinanderbrechen.“
„Es spielt nicht nur mit Begleitern und Gefährten.. es spielt vor allem mit sich selbst. Was es dabei nicht sieht, ist, dass es gegen sich selbst nicht gewinnen kann. Die Spuren dessen....kann es nicht verbergen.“
Die schwarzen Strähnen des offenen Haares fielen dem jungen Mädchen ins Gesicht, als jener zur Seite sackte und der Schlaf sie überfiel. Der Wind zog sanft an den Kleider und der Harfe, die neben ihr lehnte. Traumlos war die Nacht. Nur die Entspannung, die Ruhe war spürbar und gab den Zügen der jungen Baronin einen Hauch der Seeligkeit.
Verfasst: Samstag 2. August 2008, 17:49
von Sephira von Tecklenstein
Der Wind peitschte ihr ins Gesicht, als die Segel gehisst und der neu aufkommende Wind genutzt wurde, um ein weiteres an Geschwindigkeit aufzunehmen. Das Treiben auf den Planken war geschäftig und so wirkte sie fast als störendes Element. Einem Ruhepol gleich stand sie an der Reling und blickt gen Horizont. Der strenge Zopf und die soliden Reisekleider gaben der junge Miene ein seriöses Erscheinungsbild, ebenso der Blick der dunklen Augen, der angespannt die Wellen betrachtete. Sie mochte es nicht, wenn die Wellen so stürmisch sich aufboten und an dem Holz unter ihr zerrten; zu groß war die Ehrfurcht vor der Macht des Meeres, mit all ihren Tücken.
Gelesen hatte sie von vielen Schlachten auf dem tückischen Nass und nicht nur einmal entschied das Wetter über Gewinner und Verlierer...über Lebende und Tote.
So unendlich auch das Meer wirken mochte, so unendlich trieben ihre Gedanken in eine Woge der Leere. Jedes Nachsinnieren würde zu nichts führen, jedes Nachdenken käme einem Rückschlag gleich. Einzig das Eingeständnis, dass sie eine Flucht begann, verharrte stets in ihren Hintergedanken. Sie floh, floh vor sich selbst und den Veränderungen, die sie so verwirrte.
Zu oft hatte sie nachts unruhig die Regale der kleinen Bibliothek abgewandert und alte Schriften gelesen. Schriften von Märchen, von Fabeln und Sagen. Nichtssagende, nicht helfende Auslegungen von Träumereien, von Wunschdenken und Fantasien. Wer nicht im Diesseits lebt, kann nichts erschaffen. Rational musste man abwägen, musste stets den Blick auf ein Ziel haben. Wer sich in Träumereien verlor, erschuf Wolkenschlösser.
Unruhig wendete sich die junge Frau hinunter, in die Kabine, die man ihr zur Verfügung gestellt hatte. Die Männer auf Deck verdrehten kurz die Augen und atmeten einen Deut erleichtert aus, als sie die Baronin von dannen ziehen sahen. Eine Frau brachte nur Unglück an Bord, das Wetter verriet es bereits und dann auch noch so streng, in dem Alter! Verzogenes Adelsblut...brachte kaum ein Wort über die Lippen und wenn, dann waren sie meist kühl und distanziert gesprochen. Nicht nur einer würde erleichtert sein, wenn das Mädel endlich von Bord sei. Es wurde ja bereits gemunkelt, dass die letzte Schifffahrt der jungen Baronin nicht gut in Erinnerung gewesen wäre, vielleicht deswegen ja.
Die Kabine schwankte wie der Rest des Schiffes und sorgten für jeglichen Appetitsverlust. Der Blick fiel auf die Laute, die wie der Reiseumhang auf der Truhe auflag und bedrohlich hin und herrutschte. Schnell huschte die Rechte zu dem Hals des Instrumentes und befestigte es an ihren Gürtel. Einen Moment verhaarte sie in ihrem Tun. Nein, der Seegang trug diesmal keine Schuld, vielmehr tauchte ein Widerspruch in ihr auf, den sie im ersten Moment nicht entkräften konnte. Musik...
Eine Flucht in Welten, die man sich wünscht. Das Erzählen von fernen Ländern, fremden Kulturen, vergangenen Schlachten und tragischen Liebesgeschichten. War denn nicht das Spielen von Klängen, das Hervorbringen von Melodien auch eine Träumerei? Eine Flucht aus dem Diesseits?
Das, was eines ihrer Stärken war, sollte zugleich etwas sein, was sie ins Verderben stürzen konnte?
Ein schnelles Blinzeln und ein Ruck, der durch das Schiff ging, ließ sie aus ihren Tagträumen herausreissen.
Wichtig für den Moment war es, dass sie den Blick auf das warf, was von größerer Bedeutung war: Tecklenstein war alsbald erreicht und ihr Bruder würde auf sie warten. Die Befreiung war nah...
Würde sie es auch von dem befreien, was sie mehr und mehr einzuholen schien? Würde sie ihr Herz wieder bändigen können, den Kopf klar denken lassen können?
Sie versuchte es; versuchte, die Schemen der grauen Augen aus ihren Gedanken zu verbannen. Sie ließ den Schatten zu einem Nebel, einem Schleier werden. Ließ ihn vergehen und wegwehen vom Wind. Sie durfte nicht Platz lassen für etwas, was sie schwächen konnte. Sie musste die Begleiter zurücklassen und so blieb auch der Händler erst einmal zurück, der bereits so viele Stellen aufgerissen hatte....er hatte ihr gezeigt, was sie war....wer sie sein konnte.
Seit langem tauchte eine neue Angst auf. Eine Angst, der Selbsterkenntnis...und der, dass jemand einen Schlüssel zu ihrer Tür haben könnte.