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"Zieh dich aus, Mädchen"

Verfasst: Sonntag 11. Mai 2008, 16:40
von Mal´fegora
„Komischer Tag…“
Sie mochte es derweil einsam durch die Straßen zu ziehen, doch wurde sie es bald müde, dass es am Ende doch immer nur die gleichen waren. Wie konnte sie die ganzen sich ihr bietenden Eindrücke archivieren, wenn eine Flut von Bildern auf sie herniederbrach? Aber obschon es zu viel war um die Momente zu fangen, und sich etwas anzueignen, dass einer eigenen nüchternen Erinnerung entsprach, war es nicht genug die Gier zu befriedigen die ihr tief innewohnte und sie dazu brachte immerzu zu laufen. Laufen, nichts als Laufen. Die Wanderschaft auf einer Strecke, nur um zu wissen dass man noch fühlte, um zu wissen dass man noch fähig war zu begreifen. Denn nicht umsonst musste sie fürchten eines Tages nichts mehr zu spühren. Kraut macht vergesslich – Kraut macht die Sinne stumpf.

Es konnte nichts anderes gewesen sein als die Gier nach Eindrücken, die ihr ein lebendiges Leben vorgaukelten, als sie wieder und wieder nach Bajard kam. Bajard war ein Dorf wie viele andere, frei von Sehenswürdigkeiten oder Dingen die es wert waren angeschaut zu werden. Zusammenfassend musste man feststellen dass Bajard eigentlich nur aus Dreck, Fischkadavern, einer Bank und vielen sterblichen Idioten bestand, die sich zwar fleissig vermehrten aber sonst nichts so recht zustande brachten. Beim Herren und all seinen Dienern.. wie sehr sie dieses Kaff doch hasste...
Derweil musste man Bajard eines zugute halten: seit rahalische Mannen die Eisenwart freundlich zur Tür gebeten hatten und die Bürger sich den Kopf zerbrachen, wer nun an Stelle Leandros treten sollte, kümmerte sich niemand mehr so recht darum, dass die Gesetze der Stadt… Stadt?! … einzuhalten waren. Tag ein, Tag aus konnte sie durch Bajard marschieren wie es ihr beliebte, wenn überhaupt wies man sie auf Gegebenheiten des Rüstungsrechts und der Maskierungen hin, meistens aber nichtmal mehr dies. So auch heute, wobei sich ohnehin empfahl gut verhüllt zu sein, denn beständige Regenschauer hatten nicht nur das Hirn vieler Bewohner, sondern auch den Boden gut aufgeweicht. Von den lästigen Schauern die einen zu durchnässen drohten einmal abgesehen, musste man sich vor dem Schlamm hüten. Wer wollte sich schon die Peinlichkeit erlauben stecken zu bleiben…

Eigentlich wollte sie Bajard nun verlassen, sie würde ohnehin bald genug zurückkommen. Und sie war auch schon auf dem Weg der hinausführte, als ihr Blick auf drei Gestalten fiel. Zwei davon zerlumpt, der andere mit Augenklappe, einer davon mit Holzbein… einen Moment lang konnte sie den Gedanken, ob da bereits einige Körperteile dem Herrn geschenkt wurden nicht verweigern. Wichtiger aber: der zweite Gedanke. Denn auch wenn ihr Gedächtnis teilweise nicht einfach nur schlecht, sondern geradezu miserabel war, so fiel ihr eines sofort ein – die sahen aus wie der Kerl den sie beauftragt hatte neues Kraut zu holen! Kaum verwunderlich dass sie sich nicht scheute, auf ihr Bitten hin ein wenig näher zu treten.
„Wo habt ihr den Fettsack gelassen?“
„Wen?“
Sie kannten ihn nicht… verdammt!

Vielleicht war es zu mancher Zeit gar nicht mal so schlecht, wenn man sich darauf einließ mit Normalsterblichen, also allen die nicht der gleichen, elitären Bestimmung folgten wie sie, ein wenig zu plaudern. Zwar konnten sie ihr beim ausfindig machen des „Fettsacks“, wie sie ihn nannte, nicht helfen - im Grunde genommen mochten sie ihn scheinbar nicht einmal - aber immerhin hatten sie einige Flaschen eines nicht zu verachtenden Getränks dabei, welches seinen Dienst auch tun würde. Die Konversation würde wahrscheinlich nichtmehr spannender werden und war auch an einem Punkt angekommen, den sie im „Gelben Tod“ schon immer gehasst hatte – nämlich dem, an dem es anzüglich wurde – sodass es eigentlich an der Zeit war zu gehen. Dann aber, nach der dritten oder vierten Bitte sich zu entkleiden (dass sie nur aus Haut und Knochen bestand hatte er zwar gesehen, aber dank übermäßiger Betrunkenheit und/oder schlechter Augen geflissentlich übersehen), kam ihr eine Idee, DIE Idee. Normalsterbliche erschrecken. Und so eine schöne Vorlage hatte er geliefert!

„Du willst, dass ich mich ausziehe?“, säuselte sie in gewohnt kehliger Stimmlage.
„Aye!“ Noch ein wenig länger, und er würde anfangen zu sabbern – wenn es nicht schon bereits so weit war und man es nur aufgrund des Bartes nicht sehen konnte.
„Ganz?“
„Aye! Mach mir wild!“

Das war nicht einfach. Einen Moment war es nötig die Augen zu schließen und tief durchzuatmen. Sie hatte das noch nie gemacht – aber es wurde höchste Zeit. Das würde vorläufig ihr Meisterstück werden: die Verwandlung.
Konzentration. Jetzt nicht ablenken lassen, ein letztes Mal tief durchatmen.
Wenn man die Kraft auf sich anwendet, gewährt er es einem. Er gewährt dir die Möglichkeit, wenn du würdig bist. Er schenkt dir die Gestalt, die du erwählt hast um ihm gefällig zu sein.

Als sie den Umhang, der sie zuvor verhüllt hatte hinfort warf, war es bereits passiert. Oh ja, sie hatte sich für die Mannen ausgezogen. Ganz. Sogar so weit, dass Haut und Fleisch fehlten. Die wunderschöne Bleiche weißer Knochen zeigte sich den vor ihr sitzenden, als sie noch immer kicherte.
Von einem Moment auf den anderen, war es aber plötzlich nicht mehr lustig. Zwar hatte sie die gewünschte Überraschung erreicht, und der Effekt einer skeletierten Gestalt würde ihr Ziel nicht verfehlen aber… da war etwas, der berechtigte Zweifel der zu ihr sprach und ihr eines Tages noch einmal das Leben retten würde. Und dann erst kam die Einsicht, die dafür sorgte, dass das Skelett eiligst seinen Weg aus dem Dorf führte, durch das Gebüsch wo man das Gerippe nicht so schnell sah, die Seemannen zurücklassend.

Du bist doch von Sinnen, so etwas in einem Dorf wie Bajard zu machen.
Da sind Lichtstreiter, die ein und aus gehen.
Da sind Soldaten, die nicht zögern werden ein Gebilde aus Knochen sofort zu zerschmettern.
Da sind Gestalten, die nur darauf warten dich mitzunehmen und als Exponat auszustellen.
Da sind Anwohner, die schnell zu einem wütenden Fackelmob werden können.
Das ist alles gefährlich – aber schlimmer noch: du nutzt SEINE Macht zu deinem Vergnügen? Die Fähigkeit, die dir eine Ehre sein sollte?


Als sie später keuchend im hohen Gras lag und ihre alte Gestalt, die im Grunde genommen nicht großartig anders aussah als die vorherige, mal abgesehen von essenziellen Dingen wie Haut, zurückerlangt hatte, wollte der Zweifel noch immer nicht schweigen. Aber eines stand fest:

„War es dir das wert?“
„Oh ja.“