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Scherbenhaufen, Stützen und unerwartete Wendungen

Verfasst: Freitag 2. Mai 2008, 11:08
von Viola Ser´Rhal
Der Dreck und Staub wurde vom schmutzigen Boden des Klosterhofes aufgewirbelt, vollführte für einige Sekunden einen kurzen förmlichen Tanz und sammelte sich dann bei all dem anderen zusammengekehrten Dreck in einer Ecke. Der zusammengebundene Reisig wischte in aller Seelenruhe über den Stein und die Halterin des Besens wirkte nachdenklich, in sich gesunken und fast wie verloren während sie ihre Arbeit verrichtete.
Wie schnell alles doch gehen konnte, wie sehr das Leben doch bereit war eine plötzliche Kehrtwende zu vollziehen und wie sehr man selbst davon überrascht sein konnte.
Viola war nun seit einiger Zeit hier im Kloster, fegte Tag für Tag den Boden, lauschte den Worten eines jungen Akoluthen mit dem Namen Lorence und fing an sich zu ändern. Früher hatte sie diesen Ort niemals freiwillig betreten, es hatte sie immer gegraust, sie fühlte sich eingeengt, beobachtet und kontrolliert wenn sie ab und an mal in die Mauern des Klosters gehen musste.
Viola wusste von den Göttern und sie fühlte sich in der Vergangenheit an jenem Ort beobachtet von Temora, wie sie fast lauerte und auf irgendetwas wartete. Ware s vielleicht immer das hier gewesen? Hatte Temora das hier alles kommen sehen und lachte sich nun ins Fäustchen? Nein, Letzteres sicher nicht, aber das Erstere, wieso nicht? Sagte man der Gottheit nicht nach eine Seherin zu sein? Allerdings wäre es auch sehr anmaßend zu denken eine Göttin würde sich die Mühe machen einen einzelnen, und dazu früher noch ungläubigen, Menschen zu beobachten.

Was auch immer Temora damit zu tun hatte, sie hatte nun eine mehr oder weniger neue Anhängerin oder besser gesagt; jemand der sich auf ihre Tugenden stützte. Viola hatte aus den letzten Wochen ihr Resümee gezogen, immer wieder hallten ihr Darnas Worte im Kopf umher „Ich habe versagt …“, wie sie den Tränen vor Trauer und Wut nahe war und im ersten Moment konnte und wollte Viola nicht verstehen.
Sie hatten diesen Kerl aus Rache ermordet, ihm das gegeben was er verdient hatte, aber dann war es Darna mit jener zornerstickten Stimme und den fast tränennahen Gesicht welche irgendetwas in ihr gänzlich geöffnet hatte. „Denkst du nicht einmal etwas weiter?“ … „War es so wie Alatar sagt? Die süße Rache?“ … diese Worte trafen sie wie ein Faustschlag ins Gesicht, doch nicht nur aus Enttäuschung daraus dass Darna sie mit jenen verglich, die Kinder von Mauern warfen und andere folterten, nein, es war die Erkenntnis dass sie recht hatte.
All die Jahre zuvor war es immer wieder zu jenen Momenten gekommen in denen sie unüberlegt handelte und damit immer nur ein schlimmeres Unheil anrichtete. Jene Momente in denen sie nicht nachgedacht hatte, in denen sie an den eigens gesetzten Vorsätzen immer wieder gescheitert und zerbrochen war, in denen der alte, eingeprägte Sinn zum Überleben, zum Eigennutz aus den Straßen wieder hervorkroch und ihr Denken bestimmte.

Und nun? Nun hatte sie das letzte mal diesen Fehler gemacht, denn jener Fehler hatte sie letztendlich alles gekostet. Der Moment an dem sie den Ring abstreifte, ihn hinlegte und sich abwandte, in dem Moment als sie den Ort den sie Heimat nannte, durch ihr eigenes Verschulden verloren hatte und die Person, die sie so innig liebte wie eine Tochter eine Mutter liebte, wie eine Freundin eine andere.
Nun war jene Person fort, so weit entfernt und so unendlich enttäuscht dass es Viola innerlich selbst zerriss, doch was nun? Trotzig meldete sich eine innere Stimme die vorschlug nach Rahal zu gehen; an den Ort wo Menschen lebten mit denen Darna sie ja so gerne verglich, der andere Gedanke war das Land zu verlassen, ein anderer schlug ihr vor wieder in die Varuner Slums zu gehen, zu ihrem alten Verschlag und dort erstmals zu bleiben … alles Vorschläge die in den ersten Momenten auf sie einprasselten, die alle so verlockend und gut klangen und dann war da eine leise Stimme irgendwo im hinteren Teil ihres Bewusstseins dass vorschlug erst einmal Ruhe zu finden.

Sie hatte lange darüber nachgedacht, über Darnas Worte, über ihre eigenen Fehler in der Vergangenheit und über das Kommende. Weglaufen war keine Lösung, Rahal ebenso wenig, sie durfte nicht aus purem Trotz anfangen einen Weg einzuschlagen den sie selbst mit aller Macht verabscheute und in die Slums? Was würde ihr dies bringen außer alten Erinnerungen zu wecken? Nein, sie musste sich eingestehen dass sie an sich selbst gescheitert war. All jene Jahre hatte sie immer und immer wieder Besserung gelobt, dass sie mehr nachdenken würde, nicht irgendeinen Mist machen würde und nicht einfach kurzfristigen Emotionen so sehr nachgab. Das alles hatte sie immer und immer wieder sich vorgenommen und immer war sie in den letzten Momenten, wenn es darauf ankam diese Versprechen auch zu halten, gescheitert. Sie wollte es sich vielleicht nicht im ersten Moment eingestehen, aber sie brauchte mehr als ihre eigene Kraft, mehr als Darnas Worte, sie brauchte eine Stütze, sie braucht Temora.
Sie hatte immer wieder von den Tugenden gehört, wie man sich an sie hielt, wie sie eine Richtlinie für viele waren. Viola hatte nach jenen Tugenden am Kloster gefragt, gebeten darin unterwiesen werden zu können um endlich einen weiteren Halt zu haben, einen Halt der ihr die nötige Kraft gab in den entscheidenden Momenten nicht wieder zu scheitern. Lorence hatte sie aufgenommen, hatte sich bereiterklärt ihr mehr zu erzählen, sie in den Tugenden zu unterrichten und er tat es gut. Der Mann stellte ihr Fragen, brachte sie dazu selbst über Dinge nachzudenken anstatt ihr die Antworten vorzukauen und er schaffte es ihr Interesse für die Tugenden zu wecken. Viola wusste, sie würde niemals eine so leidenschaftliche Gläubige werden wie Darna es war, aber sie war dabei einen Pfad zu beschreiten auf welchem sie etwas hatte an dass sie sich entlang hangeln konnte, etwas, dass größer als ihr eigener Wille und Darna war, etwas was so tief in der Geschichte dieser Welt verankert war dass es vielen anderen auch half.
Während sie den Boden fegte seufzte sie kurz. Eines war sicher, es würde niemals wieder wie vorher werden. Viola wusste nicht ob sie Darna je wieder in die Augen sehen konnte, jene Frau die sich bei den wenigen bisherigen Treffen seit ihrem Weggang so distanziert gegeben hatte. Sie wusste dass sie wohl nie wieder an jenen Ort zurückkehren durfte den sie einst Heimat nannte aber das war ihr eigenes Vergehen.

Denn erst wenn wir den Scherbenhaufen vor unseren Füßen sehen wissen wir oft was wir eigentlich zerstört und verloren haben …

Und sie kehrte weiter den Boden.

Verfasst: Donnerstag 8. Mai 2008, 12:00
von Viola Ser´Rhal
Der Bogen war in der Hand, der Köcher umgeschnallt, die alte Dämonenrüstung saß perfekt und ein zufriedenes Gesicht hatte Viola auch noch aufgelegt. Seit Wochen, vielleicht seit Monden, war sie nicht mehr wirklich jagen gewesen, irgendetwas war immer gewesen und so hatte der Bogen eine ganze Weile nur dort gehangen, jene Waffe die sie damals von den Tiefländern bekommen hatte, die Rüstung wurde lange nicht mehr angelegt, jene die ihre Adoptivmutter ihr damals hergestellt hatte, bestehend aus den Knochen toter Dämonen.
Die Katakomben der Arkorither, oder besser gesagt das Tunnelsystem unter ihnen, sollten ihr Ziel darstellen. Sie wollte die Anlagen erkunden damit sie wieder wusste wie sie aufgebaut waren, was sie erwarten würde, sie wollte schließlich nicht dumm dastehen wenn sie das nächste mal mit Bruder Lorence in die Anlagen gehen würde. Der junge angehende Priester hatte ihr nämlich zugesagt anstelle der Worte auch mal seine Schlagkraft zu demonstrieren an ihrer Seite und sie hatte nichts dagegen den jungen Priester auch mal kämpfen zu sehen anstatt seinen Weisheiten zu lauschen. Und für eben jenen Trip war die heutige Jagd gedacht, um wieder vertraut mit der Umgebung zu werden, um wieder den Bogen sicher zu nutzen.

Die Katakomben waren schnell erreicht und vor dem Eingang fanden sich einige Untote, Zombies und Skelette überwiegend und Erstere wurden schnell Opfer ihrer Pfeile. Es war wirklich dieses altvertraute Gefühl dass sie durchfloss und das brach nicht, bis dieses Skelett auftauchte. Diese wandelnde Knochengerüste waren immer ein rechtes Ärgernis, denn ein Pfeil interessierte diese nicht sonderlich und so musste Viola zurückweichen, das Biest im Falle des Falles umgehen aber es ergab sich alles ein wenig anders. Sie sah schon dass das Skelett plötzlich abdrehte und auf jemand zuwankte und dann … nun dann zerfiel es unter der Klinge einer Gestalt die nun nicht weit entfernt von Viola stand.
Wer immer unter der dunklen Rüstung stand, Viola konnte nichts erkennen, das Schild und die darauf abgebildete Pantherklaue sagte mehr als genug aus, Gesellschaft mit der Viola nichts zu tun haben wollte, schon gar keinen Ärger. Sie nickte der Gestalt nur zu, wollte wieder weitergehen als sie von eben jener blechern ihren Namen hörte und ihr Kopf sich der scheinbar weiblichen Gestalt zuwandte die nun den Helm abnahm. Sharay Lessard gehörte das rote Haar welches nun leicht über die Rüstung fiel, eine Frau die einst eine Freundin gewesen war und die nun Alatar folgte und damit nicht einmal unerfolgreich schien. Sie stand nun vor ihr, musterte Viola, fragte sie ob sie immer noch den „Ahnen“ folgen würde, ob sie den Tiefländern immer noch die Treue schwor und einiges mehr.

Die Richtung in welches sich das Gespräch entwickelte gefiel Viola immer weniger, Sharay fing an zu spotten, über Varuna, über Darna, den Grafen, über die sogenannten „Ungläubigen“ wie sie es doch war und dann kam sie näher, den Blick auf Viola fixiert. Die Hand wanderte zu einem Pfeil, sie traute Sharay nicht, sie traute nicht diesem Blick der auf der Miene der alatarischen Ritterin lag und diese fing an sie zu verhöhnen, dass sie keine Chance haben würde gegen sie mit einem Pfeil und Viola wusste, sie hatte recht. Ein Kampf wäre schlecht, vor allem auf diese Distanz und nun fing die Ritter an näher zu kommen, Viola wich zurück, sie wurde unruhig, gar ängstlich aber sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen, die Starke zu spielen, Sharay zu sagen dass sie kein Interesse an einem Kampf hatte. Die Antwort Sharays brachte jedoch so etwas wie eine grausame Feststellung mit sich; sie würde einen Ungläubigen nicht noch einmal so laufen lassen und damit gab es zwei Möglichkeiten, Treue auf Alatar schwören oder Kampf … und Viola spannte den Pfeil im Bogen und feuerte.

Was nun folgte ging alles sehr schnell. Sharay hatte den Schild vor den Kopf gezogen, es gab also keine Möglichkeit sie tödlich zu verwunden also musste sie sich Zeit verschaffen. Der Pfeil fand seinen Weg in Richtung der Beine und sie traf, aber die Ritterin zeigte sich nicht ganz so geschwächt wie sie gehofft hatte, ein zweiter Pfeil zerschellte an ihrem Schild und dann stand sie vor Viola, drückte mit dem Schild zu und katapultierte sie zu Boden. Das Schwert sauste auf sie nieder und in dem letzten bisschen Reaktion dass sie hatte nutzte sie den Bogen als Hilfe um den Schlag abzuwehren, die Waffe aus Dämonenknochen und edlem Holz presste sich der Klinge entgegen, jedoch nur um am Ende zu zerbrechen, sie war wehrlos. Ein Schnitt gen rechter Arm und der rechten Schulter, den Schützen kampfunfähig machen, ein jeder Treffer brannte in ihr wie gleißendes Feuer.
Ein Ende war nicht in Sicht, Tränen schossen ihr in die Augen, Viola hatte es vor Augen, sie würde diese Begegnung nicht überleben und Sharays Haltung über ihr, die Klinge in beiden Händen, die Spitze hinab gesenkt, bestätigte dies nur. Sharay sprach davon dass sie mit ihrem Unglauben niemals einen Kampf gewinnen würde und auch wenn Viola nicht wusste wieso, sie erwiderte nur schmerzhaft dass sie nicht ungläubig war, denn sie glaubte dann die Tugenden, jenen die Sharay so hasste und plötzlich sauste die Klinge dann mit aller Kraft hinab. Der Dämonenpanzer, welcher bereits betagter war, konnte gegen die scharfe und schnelle Klinge nichts tun, die Spitze brach durch, leicht aufgehalten von der Panzerung die nun zerbrochen und in Trümmern dalag, und traf sie oberhalb der rechten Brust. Zu einem Aufschrei fehlte es plötzlich an Kraft, das Gesicht wurde kreidebleich und sie fühlte die Waffe in ihrem Körper, ehe sie raus gezerrt wurde und dann wurde alles schwarz und dämmrig.

Das nächste woran sie sich erinnerte war dass sie alleine aufwachte, sie blutete stark, sie war aber am Leben, sie war nicht tot. Mühsam hatte sie sich aufgerichtet, ein jeder Schritt war eine Höllenqual und schien eine Ewigkeit zu dauern, doch das Osttor Varunas war nicht fern, sie konnte es erreichen und letztendlich tat sie dies auch, und brach zusammen.
Eine Wache hatte sie in die Heilerstube geschleppt, man hatte nach jemanden geschickt, sie lag auf einem Bett, alles um sie herum war gedämpft, als ob man sie in Watte gepackt hätte. Sie hörte eine vertraute Stimme … war das Zoe? … und dann merkte sie, wie man ihr die Rüstung abnahm, die Stimme stellte ihr Fragen, sie antwortete abgehackt, die Schmerzen ließen sie beinahe ohnmächtig werden. Dann folgten plötzlich noch viel größere Schmerzen, ein ungeheures Brennen dass ihren Körper erfüllte gefolgt von einer angenehmen Taubheit und Wärme. Man sprach mit ihr, stellte ihr Fragen, sie antwortete aber sie wollte lieber schlafen, es war so verlockend die Augen zu schließen und einzuschlafen, es war fast als wäre dies die Lösung aller Dinge im Moment, einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen, ewiger Frieden, was konnte es denn Schöneres geben? Aber Zoe hielt sie wach, redete mit ihr.
War dies alles vorhergesehen? Hatte Temora das alles gewusst und nun wo sie Sharay ins Gesicht gesagt hatte dass sie den Tugenden der Göttin folgen wollte, dafür am Ende vielleicht gar sterben würde, würde die Göttin sie vielleicht holen? War das vielleicht letztendlich so etwas wie Ironie, dass sie sich am Ende an etwas glaubte und nun die Nähe dieser Göttin spürte, mit dem Wissen dass sie bei ihr war, sie holen würde?

Zoe sah dies alles anders, sagte sie würde es überstehen, sie müsse stark sein, durchhalten aber wieso denn? Wieso ließ man sie nicht einfach schlafen und sie gehen wohin immer? Es wäre doch alles so richtig gewesen, so friedlich. Sie schlief auch irgendwann ein, aber es war nicht jene Erlösung die sich irgendein Teil in ihr so wünschte, es war der Überlebenskampf des Körpers, der sich gegen das aufkommende Fieber, gegen die schmerzende Wunde und auch den schwindenden Überlebenswillen der jungen Frau ankämpfte. Letztendlich war da nur ein Gedanke bevor alles taub wurde und sie in einen schier unendlichen Schlaf zu fielen schien, während ihr Körper weiterkämpfte; Es tut mir so leid.