Wolf in Ketten
Verfasst: Freitag 4. April 2008, 13:05
Achte die Ahnen, sie starben für dich
Ehre die Geister, sie umgeben dich!
Die Aufgabe
Finnleik hob müde den Kopf an und starrte in das glasklare Wasser des kleinen Waldsees vor ihm. Sein volles blondes Haar hing in filzigen Strähnen nach unten … die Wangenknochen stachen ungewohnt deutlich hervor. Wieder eine jener rastlosen Nächte in denen sich der junge Tiefländer auf seinem Fellbett hin und her gewälzt hatte. Wieder derselbe Traum, in dem er über eine unheimlich anmutende Waldlichtung schlich, den einfachen Holzspeer angehoben und den Blick auf das raschelnde Dickicht vor ihm gerichtet. Tief und regelmäßig atmete er ein und aus. Ein Gefühl von Hitze umfasste ihn. Dann geschah immer dasselbe. Er begann die herbe Süße des Holzharzes zu schmecken, vernahm die Laute der einzelnen Tiere, bis …
Ein stetig heller werdender Schein stach plötzlich aus dem Unterholz hervor, blendete ihn und ließ ihn in seinen Träumen wehrlos auf den Waldboden fallen. Etwas rauschte dann über ihn hinweg, durchdrang ihn, worauf ein starkes Kribbeln jeden Nerv in seinem Körper erschauern ließ. Danach kam der Schmerz. Seine Schreie hallten dann nicht nur in seinen Träumen, sondern auch in der wirklichen Welt wieder. Ein Umstand der seine Brüder schon zu oft aufgeschreckt hatte und der Grund war warum er nun allein im angrenzenden Heuboden des Hofes schlief.
Bei Thrail, was geschah nur mit ich. Längst gingen Gerüchte in der kleinen Lebensgemeinschaft der versprengten Tiefländersippe umher. Geschichten die ihn erzürnten, hatte doch niemand bisher erlebt, was ihm nach Einbruch der Dunkelheit wiederfuhr. Er selbst fieberte trotz der Pein die ihm der Traum bereitete jedes Mal aufs Neue der Nacht entgegen. Er wollte wissen was in dem Dickicht lauerte, was ihn zu Boden warf und seinen Körper erzittern ließ.
Finnleik stieg tiefer in das Wasser und begann sich ausgiebig zu waschen. Das kalte Wasser beruhigte seine Sinne und ließ seine Gedanken allmählich wieder in geordneten Bahnen kreisen. Rasch schlüpfte er in die fellbesetzte Lederkleidung, die er in einem nahen Gebüsch verstaut hatte und machte sich auf den Rückweg.
Die Sonne stand bereits im Zenit als er die ersten Ausläufe seiner Heimat erreichte. Eine kleine Ansammlung von Hütten reihte sich in dem schwer zugänglichen Tal aneinander, umgrenzt von mannshohen Palisadenwällen die des Nachts die Raubtiere fernhalten sollten. Finnleik kannte die Geschichten seines Volkes. Von der damaligen Uneinigkeit seines Volkes, dem Krieg auf Úlfsteinn, dem Wolfsfelsen und dem Heldenmut des Thrail. Dennoch, hier war wenig vom ehrwürdigen Blute des größten Tiefländers aller Zeiten zu spüren. Grob geschätzt bewohnten etwa dreißig Familien die kleine Siedlung. Die wenigsten waren Krieger und so lernte Finnleik mit seinen rund siebzehn Sonnenwenden zwar die Grundlagen der Jagd kennen, verbrachte den Hauptteil seiner Zeit aber auf dem Hof.
Den Nachmittag über half er seinem Vater bei der Feldarbeit, trieb die Rinder auf die Weide und bereitete mit seiner Mutter das Abendmahl zu Ehren des Hausgeistes vor. Ein größeres, stark rauchendes Feuer sollte auf dem Hof der Familie entzündet werden und Speis und Trank den Flammen übergeben werden.
Auf Wunsch seiner Mutter, ergriff er kurz vor der Abenddämmerung die Axt, rief den kräftigen Hofhund Skeyro an seine Seite, und machte sich auf den Weg in die nahen Wälder um einen kräftigen Stamm zu schlagen der gerade feucht genug war um die Absichten der Tiefländerfamilie in die Tat umzusetzen. Tiefer und tiefer drang er in das Unterholz vor, bis er glaubte den passenden Stamm gefunden zu haben. Mit sich führte er einen kleinen Leinenbeutel, der einen Setzling einer alten Eiche enthielt. Schon oft hatte er in jüngeren Jahren mit seinem Vater diese Praktik durchgeführt und nach jedem geschlagenen Baum einen neuen Ableger gesetzt um dem Geist des Baumes ein neues Heim zu ermöglichen. Der Kreislauf der Natur hatte den Tiefländern stets Respekt eingeflößt. Das was lange gebraucht hatte um zu wachsen, sollte mit der gleichen Demut behandelt werden die auch ein junges Kind genießt, und nur seinen Wurzeln entrissen werden wenn es dem eigenen Überleben diente.
Nach wenigen Augenblicken hatte er die Klinge der Axt mit dem mitgebrachten Schleifstein geschärft und holte zum ersten Hieb aus.
Mit einem seltsam trockenen Laut bohrte sich die Klinge in das Holz. Teile der Rinde splitterten zur Seite weg und ein dünnes Rinnsal Baumharz floss wie Blut aus der klaffenden Spalte im Stamm.
Wieder hob Finnleik die Axt an, spannte die Muskeln und schlug zu …
Das zweite Gesicht
Unwillkürlich sträubten sich Finnleiks Haare. Etwas war passiert, etwas näherte sich ihm. Die Axt in seinen Armen wurde schlaff, als er seinen furchtvoll geweiteten Blick auf die geschlagene Kerbe im Holz richtete. Wieder schien es, als könne er alles um sich herum mit hundertfacher Intensität wahrnehmen. Doch diesmal träumte er nicht. Heiß und satt dunstete der Waldboden um ihn herum. Krankhaft süß rochen die überreifen Wildblumen und Beeren. Mücken schwirrten über dem Gras, ihr Surren ein wildes Rasen, als komme es aus der Kehle eines einzigen Geschöpfs. Tief erklang das Zirpen der Grillen, ein Brummen, unter dem die Luft erzitterte. Die Pflanzen wucherten, fochten einen gnadenlosen Kampf, welche Gattung die andere zuerst ersticken konnte.
In jenem Baum war etwas verborgen. Alle Pflanzen und Kreaturen schienen sich in diesem einen Moment seiner Kraft zu beugen. Finnleik fühlte es. Der Baum, nein, vielmehr etwas Unbekanntes, tief von seinen innersten Wurzeln ausgehend, schrie seine Herrschaft über dieses Gebiet hinaus.
Dann stieß ein hellgrüner Schein aus der in das Holz getriebenen Wunde heraus und begann ihn zu blenden. Mit einem Keuchen taumelte Finnleik zurück und ließ die Axt endgültig zu Boden sinken. Selbst der kräftige Hund an seiner Seite schien die Veränderungen an diesem Ort zu spüren und begann angstvoll zu winseln.
Dann war es über ihm. Finnleik fühlte sich urplötzlich von einem machtvollen Rauschen umgriffen, das seinen Körper bis in den letzten Winkeln zu durchleuchten schien. Sein Innerstes wurde nach außen gekehrt, seine Gedanken und Gefühle wie auf einer Schrifttafel preisgegeben. Aus der Ferne vernahm er das Gebell Skeyros, der noch einen Augenblick an der Seite seines Herrn verharrte und dann mit weit ausgreifenden Sprüngen in Richtung Dorf verschwand.
„Wer bist … du?“ Die gestammelten Worte verließen seine Lippen, als er mehr der Ohnmacht nahe den Versuch unternahm vor der Erscheinung hinfort zu kriechen. Keine Antwort.
Finsternis senkte sich über seine Augen, als die vielfältigen Eindrücke seiner Umgebung erneut mit ungeahnter Wucht auf ihn niederprasselten und helles Farbenspiel seine Gedanken zersetzte. Flüchtig tauchten vor seinem geistigen Auge Umrisse in flackerndem Rot auf, blaue und schwarze Linien die sich zu einem Ganzen fügen wollten. Ein Ton erklang, ein tiefes Rauschen, als ob viele Stimmen zugleich sprächen, und für einen Moment glaubte Finnleik, eine Gestalt zu erkennen. Der Anblick überwältige ihn. Er wollte die Hand nach ihr recken, als könne er damit das Wunder greifen, das sich ihm offenbarte. Das Rauschen verebbte und eine einzelne Stimme sprach zu ihm. „Ich bin der Geist, den du riefst!“
Dann verlor er endgültig das Bewusstsein.
Als er wieder erwachte lag er auf einem warmen Fell. Neben ihm prasselte ein Feuer im offenen Kamin, das wärmende Strahlen in alle Richtungen abzusenden schien. Mit einem Stöhnen versuchte er sich zur Seite zu drehen, wurde aber unversehens von einer kräftigen Hand zurück gehalten.
„Bei Thrail. Bleib liegen Finnleik … du bist stark geschwächt.“
Er blickte nach oben und starrte in das wettergegerbte Gesicht des Alten Herger, dem Heilkundigen der versprengten Tiefländergemeinschaft.
„Was bei den Ahnen …“
Erneut versuchte sich Finnleik aufzusetzen, wurde jedoch abermals von Herger auf sein Bett gedrückt.
„Warte noch … Ich habe mit dir zu reden. Jetzt. Und um deiner selbst willen solltest du mir den Gefallen tun und zuhören.“
Finnleiks Gedanken begannen zu wandern, tief sank er in sich, wo Erinnerungen ihre Fäden spannen. Bilder tauchten vor seinem geistigen Auge auf, und er sah noch einmal das grelle Leuchten das aus dem Baum heraus brach. Dann nickte er matt und bedeutete Herger fortzufahren.
Dieser richtete sich neben ihm auf, schritt zum nahen Feuer und entzündete eine fast heruntergebrannte Kerze mit einem glimmenden Holzspan. Dann räusperte er sich und begann zu erzählen.
„Ich habe von dir gehört Finnleik und beobachte dich schon seit längerer Zeit. Die Geschichten über dich und deine Träume, sie sind auch an meine Ohren gedrungen. Bis vor ein oder zwei Sonnenwenden warst du ein völlig normal heranwachsender Bursche, nicht wahr?“
Ein dünnes Lächeln zierte die spröden Lippen des Alten ehe er fortfuhr.
„Dann kamen die ersten Eindrücke, die bei dir zu recht Verwunderung hinterließen. Finnleik … es ist kein Geheimnis wenn ich dir offenbare, was ich ohnehin vermutet habe. Vielleicht könnte man sogar sagen, dass ich auf diesen Tag gewartet habe.“
Er legte eine kurze Pause ein und schnaufte tief, als würden ihn die folgenden Worte viel Kraft kosten.
„Als Argolf und Bjarni dich fanden warst du bereits bewusstlos und die Axt mit der du den Baum fällen wolltest lag noch neben dir.
Du weißt, dass die Geister uns umgeben. Jeden Teil unserer Umgebung durchdringen, jede Pflanze bewohnen und unser Geschick beeinflussen. Ich denke, dass dir etwas passiert ist, was nur wenigen wiederfahren wird.
Du hast den Baum als Quelle des Lebens gesehen, denn dies ist sein Gesicht im Reich der Geister. Das Leben an sich ist eine Kraft, deshalb erschien sie dir blendend hell und warf dich nieder. Vielleicht hast du zudem bläuliche Schatten gesehen Finnleik? Bläuliche Schatten besitzen jene Geister, die eine Kraft verkörpern die wiederum einer stofflichen Form bedarf um zu existieren.“
Herger wartete ab und starrte ihn aufmerksam an. Mit einem matten Nicken bestätigte Finnleik die Worte des Alten.
„Warum wiederfährt mir dies? Was habe ich davon, wenn ich den Baum als Quelle des Lebens erkenne?“
Die Augen des Alten wanderten an ihm auf und ab, ehe sie sich wieder auf sein Antlitz fixierten.
„Nur wer die Dinge in ihrer wahren Form erkennt, kann sie studieren und um Beistand bitten. Im Reich der uns umgebenden Geister ist nichts unmöglich. Allerdings bist du in einen Fluss gesprungen, ohne schwimmen zu können. Finnleik, ich denke du besitzt als einer der wenigen von uns das was die Schamanen das zweite Gesicht nennen.“
Stille lastete zwischen den beiden, einzig und allein vom Prasseln des Feuers unterbrochen.
„Was wird mit mir geschehen?“
Die Frage kam plötzlich über seine Lippen und allein die Tatsache, dass er sie aussprach verunsicherte ihn noch mehr.
„Es ist unbedingt notwendig, dass du dich erinnerst an das was geschehen ist. Du musst die Eindrücke, die das zweite Gesicht früher oder später in vollem Umfang mit sich bringt bezwingen, bevor sie dich bezwingen. Viel Zeit bleibt dir nicht!“
„Wirst du mir helfen Herger … wirst du diese Last mit mir zusammen tragen?“
Hoffnungsvoll glommen die Augen des jungen Tiefländers aus, klammerten sich an die einzige Hilfe weit und breit.
Herger starrte ihn einen Augenblick lang nachdenklich an, dann schüttelte er bedauernd das Haupt.
„Nein Finnleik … Ich wünschte es wäre anders, aber ich bin nicht erfahren genug im Umgang mit dem Reich der Geister um dich zu lehren, was nur wenige lehren können und dir zu helfen nicht an deiner selbst zu zerbrechen.
Du musst fort von hier. Ich habe von einem Ort weit im Norden gehört an dem sich zwei machtvolle Clans niedergelassen haben. Dort gibt es jene, die das Reich der Geister für ihre Zwecke nutzen können indem sie die Geister um Beistand bitten. Es sind allein die Schamanen, die Kundigen der Geisterwelt, die dir helfen können. Raste hier und versuche dich zu erholen. Dann sattle eines meiner Pferde, nehme dir ausreichend Proviant aus meiner Kammer und lasse dich von der Dame im Wind zum Ort deiner Bestimmung geleiten. Du weißt, dass sie über unser Volk wacht. Sie wird dich behüten, dir durch Winde in deinem Rücken zuflüstern und dich nicht scheitern lassen."
Die Augen des jungen Tiefländers schlossen sich, als hätte er nichts anderes erwartet. Dennoch musste er an den Worten Hergers festhalten, wusste doch nur er was geschehen würde wenn er diese Reise nicht antrat.
" Ja, ich werde tun was du sagst. Die Dame im Wind möge mich geleiten."
Wieder deutete der Alte ein Nicken an, diesmal deutlich bekräftigender.
"Bei Thrail, ich wünschte es wäre anders Finnleik. Ich wünschte es wäre anders. Deine Familie wird von mir unterrichtet. Raste jetzt und schone Körper und Geist."
Mit diesen Worten drehte er sich zur Seite und verschwand im angrenzenden Raum.
Lange noch lag Finnleik in dieser Nacht wach und starrte in die Flammen des Feuers. Wie unwirklich und zugleich lebendig sie ihm nunmehr erschienen. Einem unheimlichen Tanz gleich schlängelten sich die Flammenzungen umeinander. Feuer ist eine Energie, sein Geist verkörpert die Kraft der Zerstörung. Die Worte seines Vaters hallten in seinen Gedanken wieder. Dann schlief Finnleik ein. Seine letzten Gedanken galten der Dame im Wind und baten sie um Unterstützung.
Die Reise
Am nächsten Morgen sattelte er in aller Frühe eines der kräftigsten Pferde Hergers und befestigte einen schweren Beutel mit allerlei Wegzehrung und Wasserschläuchen an dessen Sattel. Mit sich führte er außerdem eine grobe Karte des Landteils in das er zu reisen beabsichtigte. Mehrere Tage folgte er kleinen Waldpfaden und zwei großen Flüssen die seinen Weg kreuzten. Stets glaubte er mehr in der ihn umgebenden Natur zu sehen als tatsächlich da war. Hier ein Huschen, dort ein Glitzern. Dennoch blieb er seinem Weg treu und folgte der Karte bis an die zerklüfteten Klippen der nahen See. Wind brauste um seine Ohren als er den Blick starr und gebannt auf die ungebändigte Weite richtete, die grau-weißen Wellenberge, die sich schäumend und donnernd übereinander wälzten. Der Himmel hatte sich zugezogen und hing einem schweren Leichentuch gleich über dem Land. Ein Sturm kam auf, wollte ihn über den Rand der Klippen zerren, doch je standhafter der Tiefländer blieb und auf das Meer blickte, so klarer wurde der Singsang des Windes, je feiner das Heulen das ihn umgab.
Er glaubte ein einzelnes Wort zu erkennen, das immer wieder an sein Gehör zu dringen schien um dann in der Ferne zu entschwinden. Letztendlich wusste er was er zu tun hatte. Er bestieg den Sattel des Pferdes und folgte der Küste bis zu einem einsam gelegenen Fischerdorf in der tristen Einöde aus Sand und Gestein. Hier würde er jene finden die ihn über das Meer bringen konnten. Über das Meer nach Lameriast.
[img]http://img179.imageshack.us/img179/1593/wolfinkettenhi4.jpg[/img]
Ehre die Geister, sie umgeben dich!
Die Aufgabe
Finnleik hob müde den Kopf an und starrte in das glasklare Wasser des kleinen Waldsees vor ihm. Sein volles blondes Haar hing in filzigen Strähnen nach unten … die Wangenknochen stachen ungewohnt deutlich hervor. Wieder eine jener rastlosen Nächte in denen sich der junge Tiefländer auf seinem Fellbett hin und her gewälzt hatte. Wieder derselbe Traum, in dem er über eine unheimlich anmutende Waldlichtung schlich, den einfachen Holzspeer angehoben und den Blick auf das raschelnde Dickicht vor ihm gerichtet. Tief und regelmäßig atmete er ein und aus. Ein Gefühl von Hitze umfasste ihn. Dann geschah immer dasselbe. Er begann die herbe Süße des Holzharzes zu schmecken, vernahm die Laute der einzelnen Tiere, bis …
Ein stetig heller werdender Schein stach plötzlich aus dem Unterholz hervor, blendete ihn und ließ ihn in seinen Träumen wehrlos auf den Waldboden fallen. Etwas rauschte dann über ihn hinweg, durchdrang ihn, worauf ein starkes Kribbeln jeden Nerv in seinem Körper erschauern ließ. Danach kam der Schmerz. Seine Schreie hallten dann nicht nur in seinen Träumen, sondern auch in der wirklichen Welt wieder. Ein Umstand der seine Brüder schon zu oft aufgeschreckt hatte und der Grund war warum er nun allein im angrenzenden Heuboden des Hofes schlief.
Bei Thrail, was geschah nur mit ich. Längst gingen Gerüchte in der kleinen Lebensgemeinschaft der versprengten Tiefländersippe umher. Geschichten die ihn erzürnten, hatte doch niemand bisher erlebt, was ihm nach Einbruch der Dunkelheit wiederfuhr. Er selbst fieberte trotz der Pein die ihm der Traum bereitete jedes Mal aufs Neue der Nacht entgegen. Er wollte wissen was in dem Dickicht lauerte, was ihn zu Boden warf und seinen Körper erzittern ließ.
Finnleik stieg tiefer in das Wasser und begann sich ausgiebig zu waschen. Das kalte Wasser beruhigte seine Sinne und ließ seine Gedanken allmählich wieder in geordneten Bahnen kreisen. Rasch schlüpfte er in die fellbesetzte Lederkleidung, die er in einem nahen Gebüsch verstaut hatte und machte sich auf den Rückweg.
Die Sonne stand bereits im Zenit als er die ersten Ausläufe seiner Heimat erreichte. Eine kleine Ansammlung von Hütten reihte sich in dem schwer zugänglichen Tal aneinander, umgrenzt von mannshohen Palisadenwällen die des Nachts die Raubtiere fernhalten sollten. Finnleik kannte die Geschichten seines Volkes. Von der damaligen Uneinigkeit seines Volkes, dem Krieg auf Úlfsteinn, dem Wolfsfelsen und dem Heldenmut des Thrail. Dennoch, hier war wenig vom ehrwürdigen Blute des größten Tiefländers aller Zeiten zu spüren. Grob geschätzt bewohnten etwa dreißig Familien die kleine Siedlung. Die wenigsten waren Krieger und so lernte Finnleik mit seinen rund siebzehn Sonnenwenden zwar die Grundlagen der Jagd kennen, verbrachte den Hauptteil seiner Zeit aber auf dem Hof.
Den Nachmittag über half er seinem Vater bei der Feldarbeit, trieb die Rinder auf die Weide und bereitete mit seiner Mutter das Abendmahl zu Ehren des Hausgeistes vor. Ein größeres, stark rauchendes Feuer sollte auf dem Hof der Familie entzündet werden und Speis und Trank den Flammen übergeben werden.
Auf Wunsch seiner Mutter, ergriff er kurz vor der Abenddämmerung die Axt, rief den kräftigen Hofhund Skeyro an seine Seite, und machte sich auf den Weg in die nahen Wälder um einen kräftigen Stamm zu schlagen der gerade feucht genug war um die Absichten der Tiefländerfamilie in die Tat umzusetzen. Tiefer und tiefer drang er in das Unterholz vor, bis er glaubte den passenden Stamm gefunden zu haben. Mit sich führte er einen kleinen Leinenbeutel, der einen Setzling einer alten Eiche enthielt. Schon oft hatte er in jüngeren Jahren mit seinem Vater diese Praktik durchgeführt und nach jedem geschlagenen Baum einen neuen Ableger gesetzt um dem Geist des Baumes ein neues Heim zu ermöglichen. Der Kreislauf der Natur hatte den Tiefländern stets Respekt eingeflößt. Das was lange gebraucht hatte um zu wachsen, sollte mit der gleichen Demut behandelt werden die auch ein junges Kind genießt, und nur seinen Wurzeln entrissen werden wenn es dem eigenen Überleben diente.
Nach wenigen Augenblicken hatte er die Klinge der Axt mit dem mitgebrachten Schleifstein geschärft und holte zum ersten Hieb aus.
Mit einem seltsam trockenen Laut bohrte sich die Klinge in das Holz. Teile der Rinde splitterten zur Seite weg und ein dünnes Rinnsal Baumharz floss wie Blut aus der klaffenden Spalte im Stamm.
Wieder hob Finnleik die Axt an, spannte die Muskeln und schlug zu …
Das zweite Gesicht
Unwillkürlich sträubten sich Finnleiks Haare. Etwas war passiert, etwas näherte sich ihm. Die Axt in seinen Armen wurde schlaff, als er seinen furchtvoll geweiteten Blick auf die geschlagene Kerbe im Holz richtete. Wieder schien es, als könne er alles um sich herum mit hundertfacher Intensität wahrnehmen. Doch diesmal träumte er nicht. Heiß und satt dunstete der Waldboden um ihn herum. Krankhaft süß rochen die überreifen Wildblumen und Beeren. Mücken schwirrten über dem Gras, ihr Surren ein wildes Rasen, als komme es aus der Kehle eines einzigen Geschöpfs. Tief erklang das Zirpen der Grillen, ein Brummen, unter dem die Luft erzitterte. Die Pflanzen wucherten, fochten einen gnadenlosen Kampf, welche Gattung die andere zuerst ersticken konnte.
In jenem Baum war etwas verborgen. Alle Pflanzen und Kreaturen schienen sich in diesem einen Moment seiner Kraft zu beugen. Finnleik fühlte es. Der Baum, nein, vielmehr etwas Unbekanntes, tief von seinen innersten Wurzeln ausgehend, schrie seine Herrschaft über dieses Gebiet hinaus.
Dann stieß ein hellgrüner Schein aus der in das Holz getriebenen Wunde heraus und begann ihn zu blenden. Mit einem Keuchen taumelte Finnleik zurück und ließ die Axt endgültig zu Boden sinken. Selbst der kräftige Hund an seiner Seite schien die Veränderungen an diesem Ort zu spüren und begann angstvoll zu winseln.
Dann war es über ihm. Finnleik fühlte sich urplötzlich von einem machtvollen Rauschen umgriffen, das seinen Körper bis in den letzten Winkeln zu durchleuchten schien. Sein Innerstes wurde nach außen gekehrt, seine Gedanken und Gefühle wie auf einer Schrifttafel preisgegeben. Aus der Ferne vernahm er das Gebell Skeyros, der noch einen Augenblick an der Seite seines Herrn verharrte und dann mit weit ausgreifenden Sprüngen in Richtung Dorf verschwand.
„Wer bist … du?“ Die gestammelten Worte verließen seine Lippen, als er mehr der Ohnmacht nahe den Versuch unternahm vor der Erscheinung hinfort zu kriechen. Keine Antwort.
Finsternis senkte sich über seine Augen, als die vielfältigen Eindrücke seiner Umgebung erneut mit ungeahnter Wucht auf ihn niederprasselten und helles Farbenspiel seine Gedanken zersetzte. Flüchtig tauchten vor seinem geistigen Auge Umrisse in flackerndem Rot auf, blaue und schwarze Linien die sich zu einem Ganzen fügen wollten. Ein Ton erklang, ein tiefes Rauschen, als ob viele Stimmen zugleich sprächen, und für einen Moment glaubte Finnleik, eine Gestalt zu erkennen. Der Anblick überwältige ihn. Er wollte die Hand nach ihr recken, als könne er damit das Wunder greifen, das sich ihm offenbarte. Das Rauschen verebbte und eine einzelne Stimme sprach zu ihm. „Ich bin der Geist, den du riefst!“
Dann verlor er endgültig das Bewusstsein.
Als er wieder erwachte lag er auf einem warmen Fell. Neben ihm prasselte ein Feuer im offenen Kamin, das wärmende Strahlen in alle Richtungen abzusenden schien. Mit einem Stöhnen versuchte er sich zur Seite zu drehen, wurde aber unversehens von einer kräftigen Hand zurück gehalten.
„Bei Thrail. Bleib liegen Finnleik … du bist stark geschwächt.“
Er blickte nach oben und starrte in das wettergegerbte Gesicht des Alten Herger, dem Heilkundigen der versprengten Tiefländergemeinschaft.
„Was bei den Ahnen …“
Erneut versuchte sich Finnleik aufzusetzen, wurde jedoch abermals von Herger auf sein Bett gedrückt.
„Warte noch … Ich habe mit dir zu reden. Jetzt. Und um deiner selbst willen solltest du mir den Gefallen tun und zuhören.“
Finnleiks Gedanken begannen zu wandern, tief sank er in sich, wo Erinnerungen ihre Fäden spannen. Bilder tauchten vor seinem geistigen Auge auf, und er sah noch einmal das grelle Leuchten das aus dem Baum heraus brach. Dann nickte er matt und bedeutete Herger fortzufahren.
Dieser richtete sich neben ihm auf, schritt zum nahen Feuer und entzündete eine fast heruntergebrannte Kerze mit einem glimmenden Holzspan. Dann räusperte er sich und begann zu erzählen.
„Ich habe von dir gehört Finnleik und beobachte dich schon seit längerer Zeit. Die Geschichten über dich und deine Träume, sie sind auch an meine Ohren gedrungen. Bis vor ein oder zwei Sonnenwenden warst du ein völlig normal heranwachsender Bursche, nicht wahr?“
Ein dünnes Lächeln zierte die spröden Lippen des Alten ehe er fortfuhr.
„Dann kamen die ersten Eindrücke, die bei dir zu recht Verwunderung hinterließen. Finnleik … es ist kein Geheimnis wenn ich dir offenbare, was ich ohnehin vermutet habe. Vielleicht könnte man sogar sagen, dass ich auf diesen Tag gewartet habe.“
Er legte eine kurze Pause ein und schnaufte tief, als würden ihn die folgenden Worte viel Kraft kosten.
„Als Argolf und Bjarni dich fanden warst du bereits bewusstlos und die Axt mit der du den Baum fällen wolltest lag noch neben dir.
Du weißt, dass die Geister uns umgeben. Jeden Teil unserer Umgebung durchdringen, jede Pflanze bewohnen und unser Geschick beeinflussen. Ich denke, dass dir etwas passiert ist, was nur wenigen wiederfahren wird.
Du hast den Baum als Quelle des Lebens gesehen, denn dies ist sein Gesicht im Reich der Geister. Das Leben an sich ist eine Kraft, deshalb erschien sie dir blendend hell und warf dich nieder. Vielleicht hast du zudem bläuliche Schatten gesehen Finnleik? Bläuliche Schatten besitzen jene Geister, die eine Kraft verkörpern die wiederum einer stofflichen Form bedarf um zu existieren.“
Herger wartete ab und starrte ihn aufmerksam an. Mit einem matten Nicken bestätigte Finnleik die Worte des Alten.
„Warum wiederfährt mir dies? Was habe ich davon, wenn ich den Baum als Quelle des Lebens erkenne?“
Die Augen des Alten wanderten an ihm auf und ab, ehe sie sich wieder auf sein Antlitz fixierten.
„Nur wer die Dinge in ihrer wahren Form erkennt, kann sie studieren und um Beistand bitten. Im Reich der uns umgebenden Geister ist nichts unmöglich. Allerdings bist du in einen Fluss gesprungen, ohne schwimmen zu können. Finnleik, ich denke du besitzt als einer der wenigen von uns das was die Schamanen das zweite Gesicht nennen.“
Stille lastete zwischen den beiden, einzig und allein vom Prasseln des Feuers unterbrochen.
„Was wird mit mir geschehen?“
Die Frage kam plötzlich über seine Lippen und allein die Tatsache, dass er sie aussprach verunsicherte ihn noch mehr.
„Es ist unbedingt notwendig, dass du dich erinnerst an das was geschehen ist. Du musst die Eindrücke, die das zweite Gesicht früher oder später in vollem Umfang mit sich bringt bezwingen, bevor sie dich bezwingen. Viel Zeit bleibt dir nicht!“
„Wirst du mir helfen Herger … wirst du diese Last mit mir zusammen tragen?“
Hoffnungsvoll glommen die Augen des jungen Tiefländers aus, klammerten sich an die einzige Hilfe weit und breit.
Herger starrte ihn einen Augenblick lang nachdenklich an, dann schüttelte er bedauernd das Haupt.
„Nein Finnleik … Ich wünschte es wäre anders, aber ich bin nicht erfahren genug im Umgang mit dem Reich der Geister um dich zu lehren, was nur wenige lehren können und dir zu helfen nicht an deiner selbst zu zerbrechen.
Du musst fort von hier. Ich habe von einem Ort weit im Norden gehört an dem sich zwei machtvolle Clans niedergelassen haben. Dort gibt es jene, die das Reich der Geister für ihre Zwecke nutzen können indem sie die Geister um Beistand bitten. Es sind allein die Schamanen, die Kundigen der Geisterwelt, die dir helfen können. Raste hier und versuche dich zu erholen. Dann sattle eines meiner Pferde, nehme dir ausreichend Proviant aus meiner Kammer und lasse dich von der Dame im Wind zum Ort deiner Bestimmung geleiten. Du weißt, dass sie über unser Volk wacht. Sie wird dich behüten, dir durch Winde in deinem Rücken zuflüstern und dich nicht scheitern lassen."
Die Augen des jungen Tiefländers schlossen sich, als hätte er nichts anderes erwartet. Dennoch musste er an den Worten Hergers festhalten, wusste doch nur er was geschehen würde wenn er diese Reise nicht antrat.
" Ja, ich werde tun was du sagst. Die Dame im Wind möge mich geleiten."
Wieder deutete der Alte ein Nicken an, diesmal deutlich bekräftigender.
"Bei Thrail, ich wünschte es wäre anders Finnleik. Ich wünschte es wäre anders. Deine Familie wird von mir unterrichtet. Raste jetzt und schone Körper und Geist."
Mit diesen Worten drehte er sich zur Seite und verschwand im angrenzenden Raum.
Lange noch lag Finnleik in dieser Nacht wach und starrte in die Flammen des Feuers. Wie unwirklich und zugleich lebendig sie ihm nunmehr erschienen. Einem unheimlichen Tanz gleich schlängelten sich die Flammenzungen umeinander. Feuer ist eine Energie, sein Geist verkörpert die Kraft der Zerstörung. Die Worte seines Vaters hallten in seinen Gedanken wieder. Dann schlief Finnleik ein. Seine letzten Gedanken galten der Dame im Wind und baten sie um Unterstützung.
Die Reise
Am nächsten Morgen sattelte er in aller Frühe eines der kräftigsten Pferde Hergers und befestigte einen schweren Beutel mit allerlei Wegzehrung und Wasserschläuchen an dessen Sattel. Mit sich führte er außerdem eine grobe Karte des Landteils in das er zu reisen beabsichtigte. Mehrere Tage folgte er kleinen Waldpfaden und zwei großen Flüssen die seinen Weg kreuzten. Stets glaubte er mehr in der ihn umgebenden Natur zu sehen als tatsächlich da war. Hier ein Huschen, dort ein Glitzern. Dennoch blieb er seinem Weg treu und folgte der Karte bis an die zerklüfteten Klippen der nahen See. Wind brauste um seine Ohren als er den Blick starr und gebannt auf die ungebändigte Weite richtete, die grau-weißen Wellenberge, die sich schäumend und donnernd übereinander wälzten. Der Himmel hatte sich zugezogen und hing einem schweren Leichentuch gleich über dem Land. Ein Sturm kam auf, wollte ihn über den Rand der Klippen zerren, doch je standhafter der Tiefländer blieb und auf das Meer blickte, so klarer wurde der Singsang des Windes, je feiner das Heulen das ihn umgab.
Er glaubte ein einzelnes Wort zu erkennen, das immer wieder an sein Gehör zu dringen schien um dann in der Ferne zu entschwinden. Letztendlich wusste er was er zu tun hatte. Er bestieg den Sattel des Pferdes und folgte der Küste bis zu einem einsam gelegenen Fischerdorf in der tristen Einöde aus Sand und Gestein. Hier würde er jene finden die ihn über das Meer bringen konnten. Über das Meer nach Lameriast.
[img]http://img179.imageshack.us/img179/1593/wolfinkettenhi4.jpg[/img]