Der Fluch
Verfasst: Montag 31. März 2008, 22:42
Das Gesicht hatte er nicht vergessen, auch die Haltung und die Stimme waren ihm noch bekannt: Felicitas. Sie stand für all die Respektlosigkeiten, die ihm als Chieftain, als Mimir und Angure widerfahren waren in den zurückliegenden Monaten und Jahren. Ein Kind drohte ihm und bespuckte den Stolz wie auch den Namen einer langen Linie eines starken Clans. Mit dem Vorwurf der Entführung der Pimpfenbrut war etwas in dem Alten verstummt, hatte aufgehört, sich mahnend und duldsam all den Frechheiten zu stellen, die man ihm und den Seinen entgegengebracht hatte. Der Versuch, Toleranz zu zeigen, war Stück für Stück demontiert worden – nun blieb das übrig, was Jall ursprünglich angetrieben hatte: Der Wille, Tradition und Vergangenes am Leben zu erhalten durch Worte und Taten. Als Angure war er zuerst seinem Volk verpflichtet, nicht seinem Wissensdurst. Dieser konnte warten, wenn er nicht schon längst versiegt war.
In stiller Meditation wippte Jall leicht vor und zurück, ließ die Gedanken schweifen. Es bedurfte Konzentration und viel Ruhe, um das zu tun, was er tat: Sehen. Doch nicht mit seinen eigenen Augen. Es waren die Äuglein eines krächzenden, kohlschwarzen Weggefährten, der den nächtlichen Himmel durchstreifte, während der Wille des Mimir ihm den Weg wies. Da war kein Zwang, sondern ein abstruses Einverständnis, welches zwischen dem Vogel und Jall herrschte. Der Angure suchte und mit jeder verstrichenen Stunde kam er seinem Ziel näher. Schließlich war es soweit: Ein Eindruck, ein Aspekt, den der Alte in der Melodie eines Ortes wiederfand. Sie war dort. Seine Sinne täuschten ihn nicht.
Der Gesang setzte ein wie ein Knurren tief im Leib. Er erklomm keine Höhen und ließ jedes Wort zu einem undeutlich Wust an Silben verkommen, während die Hände den Hasenkadaver anhoben und dem eigenen Schüler präsentierten. Niemand wagte es, in dieser Stunde die Hütte der Mimir zu betreten, niemand, denn jeder wusste, was dort drin geschah. Es waren diese Dinge, die dafür sorgten, dass Mimir stets ein Stückweit außerhalb des Clans existierten, denn sie vermochten Dinge zu tun, die sie unberechenbar und gefährlich wirken ließen. In dieser Nacht war es Rache, die die Ahnenrufer trieb. Ihre Mittel fanden sich dabei fernab von Axt und Klinge, denn sie stützten ihren Angriff auf eine Fähigkeit, die nicht aufgehalten werden konnte durch Rüstung oder Mauer. Es war der Fluch der Mimir.
So selten angewandt, schien dieses Wissen in vielen Clans bereits verloren zu sein, denn kaum einer wagte es noch, solche Mittel zu nutzen. Keinem Anguren gönnte man einen Fluch der Ahnenrufer, doch die Mimir im Lager waren sich einig, dass es genügend Gründe gab, bei einem Menschen eine Ausnahme zu machen. Bei einem sehr besonderen Menschen. Felicitas de Arganta sollte erfahren, wie nutzlos der Schutz der Mauern sein konnte. „Ehrlos, wie se is, dreck’g, wie se is, is ihr Blut. De Ahn’n woll’n sow’s nich sehen, und de Ahn’n wird’n so’ne Brut auch nie zu seh’n krieg’n.“ Der Urteilsspruch war verkündet worden und es gab niemanden, der widersprach. Wie auch, wenn die einzigen Rufer Schüler und Meister waren.
Das Messer öffnete den Unterleib des Hasenkadavers – es war ein weibliches Exemplar – und Jall vergrub die Finger im erkalteten Leib. Wieder setzte das Murren ein, während Kinneth seinem Meister das madige Fleisch in die Hand legte. Es hatte kaum drei Tage gedauert und aus dem Hasenjungen war nicht mehr als eine gute Mahlzeit geworden für dutzende aufgedunsener, bleicher Speckmaden. Dieses deformierte Stück Fleisch fand seinen Weg in das Innere des Hasenkadavers, während der Singsang langsam neue Höhen erreichte, lauter und inbrünstiger wurde.
Zerstörung war der Wunsch, Leid und Vernichtung der Samen, der gesät wurde. Vielleicht war genau dies der Grund für die bedrückende Stille nach dem Ende des Singsangs. Niemand sprach, niemand rührte sich und im gesamten Lager schien die Welt für einen Moment die Luft anzuhalten, die Zeit zu fesseln, auf dass sie nicht weiter schlich. Reue jedoch zeigte sich nicht. Jall wusste, dass er gerecht gehandelt hatte – er war Mimir.
In Varuna kündete nur ein stetes Krächzen eines groß gewachsenen Kohlraben in der Nähe der Gemächer Felicitas‘ von dem, was weitab der Zivilisation geschehen war – welche herzlosen Hoffnungen man in die Welt hinausgeschickt hatte.
In stiller Meditation wippte Jall leicht vor und zurück, ließ die Gedanken schweifen. Es bedurfte Konzentration und viel Ruhe, um das zu tun, was er tat: Sehen. Doch nicht mit seinen eigenen Augen. Es waren die Äuglein eines krächzenden, kohlschwarzen Weggefährten, der den nächtlichen Himmel durchstreifte, während der Wille des Mimir ihm den Weg wies. Da war kein Zwang, sondern ein abstruses Einverständnis, welches zwischen dem Vogel und Jall herrschte. Der Angure suchte und mit jeder verstrichenen Stunde kam er seinem Ziel näher. Schließlich war es soweit: Ein Eindruck, ein Aspekt, den der Alte in der Melodie eines Ortes wiederfand. Sie war dort. Seine Sinne täuschten ihn nicht.
Der Gesang setzte ein wie ein Knurren tief im Leib. Er erklomm keine Höhen und ließ jedes Wort zu einem undeutlich Wust an Silben verkommen, während die Hände den Hasenkadaver anhoben und dem eigenen Schüler präsentierten. Niemand wagte es, in dieser Stunde die Hütte der Mimir zu betreten, niemand, denn jeder wusste, was dort drin geschah. Es waren diese Dinge, die dafür sorgten, dass Mimir stets ein Stückweit außerhalb des Clans existierten, denn sie vermochten Dinge zu tun, die sie unberechenbar und gefährlich wirken ließen. In dieser Nacht war es Rache, die die Ahnenrufer trieb. Ihre Mittel fanden sich dabei fernab von Axt und Klinge, denn sie stützten ihren Angriff auf eine Fähigkeit, die nicht aufgehalten werden konnte durch Rüstung oder Mauer. Es war der Fluch der Mimir.
So selten angewandt, schien dieses Wissen in vielen Clans bereits verloren zu sein, denn kaum einer wagte es noch, solche Mittel zu nutzen. Keinem Anguren gönnte man einen Fluch der Ahnenrufer, doch die Mimir im Lager waren sich einig, dass es genügend Gründe gab, bei einem Menschen eine Ausnahme zu machen. Bei einem sehr besonderen Menschen. Felicitas de Arganta sollte erfahren, wie nutzlos der Schutz der Mauern sein konnte. „Ehrlos, wie se is, dreck’g, wie se is, is ihr Blut. De Ahn’n woll’n sow’s nich sehen, und de Ahn’n wird’n so’ne Brut auch nie zu seh’n krieg’n.“ Der Urteilsspruch war verkündet worden und es gab niemanden, der widersprach. Wie auch, wenn die einzigen Rufer Schüler und Meister waren.
Das Messer öffnete den Unterleib des Hasenkadavers – es war ein weibliches Exemplar – und Jall vergrub die Finger im erkalteten Leib. Wieder setzte das Murren ein, während Kinneth seinem Meister das madige Fleisch in die Hand legte. Es hatte kaum drei Tage gedauert und aus dem Hasenjungen war nicht mehr als eine gute Mahlzeit geworden für dutzende aufgedunsener, bleicher Speckmaden. Dieses deformierte Stück Fleisch fand seinen Weg in das Innere des Hasenkadavers, während der Singsang langsam neue Höhen erreichte, lauter und inbrünstiger wurde.
Zerstörung war der Wunsch, Leid und Vernichtung der Samen, der gesät wurde. Vielleicht war genau dies der Grund für die bedrückende Stille nach dem Ende des Singsangs. Niemand sprach, niemand rührte sich und im gesamten Lager schien die Welt für einen Moment die Luft anzuhalten, die Zeit zu fesseln, auf dass sie nicht weiter schlich. Reue jedoch zeigte sich nicht. Jall wusste, dass er gerecht gehandelt hatte – er war Mimir.
In Varuna kündete nur ein stetes Krächzen eines groß gewachsenen Kohlraben in der Nähe der Gemächer Felicitas‘ von dem, was weitab der Zivilisation geschehen war – welche herzlosen Hoffnungen man in die Welt hinausgeschickt hatte.