Narrenfreiheit
Verfasst: Mittwoch 19. März 2008, 16:14
Wie es begann...
Schon von weitem hörte man die heiteren Gesänge, die klimpernden Schellen und das lustige Gedudel verschiedenster Instrumente, die immer näher kamen und Groß und Klein aus den Häusern lockten:
„Der Tag könnte kaum schöner sein,
heller strahlte nie die Sonne,
als zu dieser Stunde, nein!
Frohlockt und schwelgt in Eurer Wonne!
Fahrende Leut’ zieh'n heut vorbei,
es rollt die Wagenräderei
auch an Eurem Heim vorbei;
So zeigt Euer Gesicht dem Tag
der leuchtend Euch begrüßen mag
und Euch führt zur jetz'gen Stunde
in die lust’ge Spielmanns Runde!“
Der singende, springende und lautenklimpernde Musiker in einem bunten Harlekinaufzug tanzte in Spiralen vor einem Holzkutschwagen herum, der von einem gescheckten Pferd gezogen wurde und in bunten Farben angemalt war. Der lustige Lautenspieler fasste die mit leuchtenden Augen am Rand stehenden Kinder an den Händen und wirbelte sie lachend mit Schwung herum. Die Kleinen kreischten vor Freude.
Auch ein kleiner, aber langer und dünner Junge mit wuscheligem schwarzem Haar stand in der lachenden Menschenmenge, die sich um die fahrenden Leute versammelt hatte, und sah den Spaßmachern, Barden und Gauklern, welche aus dem Wagen hervorsprangen, bei ihren Possen, Witzen, Liedern und Tänzen zu. Ein bittender Blick zur Mutter, ein mildes Lächeln und ein Nicken von dieser und schon düste Tarquin zum hopsenden Kreis der Kinder, in dessen Mitte der Harlekin tanzend einen gar ulkigen Reim aufsagte, und stimmte sogleich in das Gerufe, Gelache und Geklatsche der Kleinen mit ein:
Kinder, Kinder, kommt herbei,
schließt den Kreis zum Ringelreih’,
dreht euch um den Narren rum,
tanzt herum, dreht euch um,
klatscht in die Hände,
stampft mit dem Fuß,
dreht euch behände,
schickt einen Gruß!
Freut sich jeder Trauerkloß,
geht der Tanz von vorne los!
Der Narr drückte dem Schwarzhaarigen nun eher wahllos seine Laute in die Hand und lachte ob des Jungen verdutztem Gesicht daraufhin. „Spiel, Junge! Na los!“
Noch einige schweigende Sekunden starrte Tarquin auf das Instrument, ehe er entschlossen die Lederhalterung um seine Schultern schlang und seine Finger an die Saiten auf dem Griff setzte, wie er es zuvor bei dem Spaßmacher gesehen hatte. Dann strich sein Daumen vorsichtig die über das Loch im Instrument gespannten Rosshaare hinab und erzeugte einen fröhlichen, ionischen Klang. Den nächsten Strich setzte er etwas kräftiger, jedoch änderte er mit der Haltung seiner Finger auf dem Griff die Tonart, sodass er eine Abwechslung im Klang hatte. Diese Akkorde spielte er alternierend an und summte leise eine heitere Melodie mit; es klang wie das Lied des Barden von zuvor, jedoch leicht abgewandelt; er hatte einen total anderen Takt gewählt. Aus des Jungen Kehle drang das Summen immer lauter hervor und bald stimmte der eigentliche Musiker und Lautenspieler mit einem lustigen Reim in die Musik ein, während er Tarquin in die Mitte zog und anlächelte. Alle Kinder summten mit.
Schwarzhaar, spiel’ und singe dazu,
du hast keine Ruh’!
Du hast keine Ruh’!
Zupf eine heitre Melodei,
und eins, zwei, drei,
und eins, zwei, drei!
Bald übernahm der Junge selbst eine Strophe des improvisierten Liedes und antwortete dem Barden:
Harlekin, treib mich nicht zu sehr,
das Dichten ist schwer!
Das Dichten ist schwer!
Doch werd ich tun, was ich nur kann,
sieh mich gut an!
Seht mich nur an!
Dieser zeigte ein breites, zufriedenes Grinsen und entblößte damit große, schief stehende Zähne. Er nahm sein Lied nun wieder auf und führte es unter Tarquins Begleitung zu seinem Ursprung und ebenso Ende zurück.
Als sich der Tumult wieder gelegt hatte und die Menschenansammlung langsam schrumpfte oder sich den Zigeunerliedern und –Tänzen zuwandte, trat der Narr mit großen, schlaksigen Schritten an Tarquin und seine Mutter, zu der jener aufgeregt und stolz zurückgekehrt war, heran - wieder das karikaturenartige Grinsen aufgesetzt - und begann ein zuerst ungezwungenes, dann entschlossenes Gespräch.
Nach längerem Zögern und Beratschlagung über die Anfrage des Harlekins mit Tarquins Vater, Herrn Sonar, stand fest, dass der Junge den Narren begleiten sollte. Die Eltern sahen ein, dass er Talent zu einem Musikus und Poet hatte, zweifelten aber, ob die Begleitung des fahrenden Volkes gut für ihn war. Schließlich würde er mit dem Vielen, was er von der Welt sah, sicher auch Schlechtes erfahren. Die kleine schwarzhaarige Bohnenstange, die ihr Sohn war und sonst nie Gefallen an, geschweige denn Talent für etwas gehabt hatte, bettelte nun eindringlich um die Erlaubnis zu diesem Lebensweg. Gute Eltern erfüllen eben die Wünsche ihrer Kinder nach Kräften, auch wenn es ihnen schwer fällt. Und so taten es auch jene guten Exemplare.
Bisher war der Junge ja den Eltern eher zur Last gefallen, denn er war wahrhaftig ein Taugenichts ohnegleichen – brachte nichts so richtig auf die Reihe. Nur aufheitern hatte er die Familie schon immer können.
So stieg Tarquin, nach dem Einpacken seiner Siebensachen und einem kleinen, gut verstecktem Beutelchen Goldmünzen, mit dem fahrenden Volk auf den hölzernen Wagen, um abzufahren. Der Lenker ließ den Jungen bei sich auf dem Kutschbock sitzen und sogar die ledernen, langen Zügel einmal halten. Heissa, das gescheckte Pferdchen vor dem Holzwagen trabte wie der Wind davon, die staubige Straße von Tarquins Heimat hinunter, und ließ die Region schon bald hinter sich.
In Gesellschaft des Narren Whylsim Meisensang, von seinen Kollegen nur „Whyl“ oder „Meise“ genannt, war dem schwarzhaarigem Jungen nun die folgenden Jahre lang immer heiter ums Herz und er selbst lebte ebenfalls seine Gewitztheit aus. Doch wie seinen Humor entwickelte „Tarki“, wie Tarquin Sonar liebevoll von ‚seiner’ Fahrenden Gruppe genannt wurde, auch das Singen, das Instrumentspielen und die Rhetorik unter freier Anleitung von Whyl.
Der Gesang ließ bei ihm eher zu Wünschen übrig, denn obgleich er die meisten Töne traf, blieb seine Stimme auch nach der Mutation eher rau und brummig. Umso freier und lebendiger ging er der Rhetorik nach und eignete sich diese Fähigkeit fast bis zur Perfektion an, sodass sich sein Können auch auf dem Gebiet der Schauspielerei bald sehr weit erstreckte. Instrumental erlernte er nur mit der Zeit die Flöte und jeglichen Zupfinstrumenten professionelle Töne zu entlocken, wobei er die Mandoline am liebsten spielte.
Außerdem wurde er von den Gauklern auch körperlich geschult und konnte bald Jonglieren, Balancieren und Tanzen.
Das Dichten lag ihm einfach ziemlich gut, da konnte man nichts lehren. Doch ein Poet, wie seine Eltern meinten, wurde Tarquin nicht - dazu war er nicht ernsthaft genug.
Während den „Lehrjahren“ blieb ihm sehr viel Freizeit, in der er ständig das Leben nach seinem Kopf genoss. Und außer dem neuen Können, veränderte sich der Junge auch anderweitig: die viele Sonne und frische Luft, welche er stets abbekam, verlieh seiner Haut einen gesunden, gelblich-hellbraunen Ton. Zu einem weiterem Zeichen, dass ihm zu einem Freigeist und Luftkind macht, kam er durch die viele Freizeit. Er entdeckte sein Interesse für Vögel und fing an, eine Sammlung von vielen bunten Federn anzulegen und zu lernen, den Vogel am Gesang zu erkennen. Ein paar Münzen konnte er sich auf seinen Reisen durch den Vogelfang und anschließenden Verkauf der Piepmätze erwerben.
Am liebsten mochte er selbst den nächtlichen Ruf der seltenen Eule. Deren Federn steckte er sich gerne auf seinen Hut, denn die feinen, braunen Zeichnungen gefielen ihm.
Auf diese Weise bekam er „Eulenfeder“ als einen weiteren Spitznamen hinzu.
Monde bevor Tarquin in sein 17tes Lebensjahr eintrat, legte sich eine Aura der Heimlichtuerei um seinen Lehrer, die Meise, und er verschwand immer wieder für einige Stunden irgendwohin. Keiner konnte sagen, wohin. Dem Jungen fiel es auf und ein einziges Mal wurde der ältere Narr gefragt:
„He, Whyl, hast du Dünnschiss, oder was treibt dich immer wieder solang weg von unserm Wagen?“ Daraufhin mochte die „Meise“ ihn nur geheimnistuerisch anzwinkern und das so bekannte karikaturenartige Grinsen aufsetzen, jedoch kein Wort erwidern.
Tarquin ließ ihn sodann sein Geheimnis eben behalten und scherte sich nicht länger darum.
Zu dem Tage, da er ein Mann wurde, erfuhr er den Grund dieses Verhaltens endlich. Seine Gaukler- und Spielmannskollegen - allen voran Whyl - schenkten ihm eine eigene Mandoline aus feinstem Ebenholz, nicht perfekt, aber mit großer Sorgfalt gearbeitet. Die tagelange Arbeit der Meise hatte sich gelohnt! „Tarki“, nun volljährig und ein richtiger ausgewachsener Narr, war ganz aus dem Häuschen, küsste den Frauen der Truppe die Wangen ab, schloss die Männer fest in die Arme und zerquetschte am Ende seinen Lehrer fast vor Glück. Dann erst nahm er die Mandoline an sich, um sie zu betrachten und auszuprobieren und für die folgenden Tage nicht mehr aus der Hand zu legen. Sie war von dem weichen Schwarzbraun des Ebenholzes, was sorgsam abgeschmirgelt und fast perfekt symmetrisch. Kräftige, einzelne Pferdehaare waren straff über den Körper gespannt, an den drehbaren Stimmnoppen festgezurrt und gaben beim Anzupfen die verschiedensten, schönen Klänge. Auf dem Griff waren die Namen all jener wandernden Künstler eingebrannt, mit denen er bis hierher gereist war, und erst das machte das Instrument wertvoll. Whyl, der das Schnitzen als unbekanntes Talent in der Regel bedeckt hielt, hatte in der Tat ganze und wunderbare Arbeit geleistet.
Tarquin war nun ein vollwertiges und selbstständiges Mitglied der fahrenden Truppe.
Er konnte bleiben und mit seinen Freunden, die seine zweite Familie geworden war, zusammen die künstlerische, ewige Wanderung weiterführen oder die symbolische Abzweigung nehmen und einen von jenen Menschen getrennten Weg beschreiten. Er wählte den Letzteren; den, der weniger gegangen wurde und eine unbekannte Zukunft bot. Nicht aus Willkür, wie man denken könnte, auch nicht aus Trotz, Hass, Missgunst oder sonstigen schlechten Gedanken gegen seine fahrenden Freunde. Es war einfach seine eigene Ansicht des Lebens: das Leben ist ein Theaterstück.
„Nie darf man schon voraussehen können, was geschieht; die Spannung muss gewahrt werden. Immer muss man den Weg nehmen, auf dem noch nicht so viele – am Besten keine – Anderen gegangen waren, damit den Zuschauern nicht langweilig würde. Immer muss etwas Neues, Unbekanntes, Unvorhersehbares passieren!“ Tarquins Philosophie, Tarquins Glaube, Tarquins Religion. Was sind schon Götter! Die Menschen, zusammen mit allen anderen Völkern und den Tieren und Pflanzen, machen die Götter aus – die Person, das Lebewesen bestimmt sein Schicksal selbst. So auch Tarquin.
Alleine bereiste er allerlei Inseln, nur hin und wieder ging ein Mensch mit ihm zusammen ein Stück seines Weges – doch einsam war Tarquin nie. Viele Leute, nicht nur vom menschlichen Volk, lernte er kennen; einige wurden gute Freunde. Nur an einem Ort konnte ihn nichts halten, immer wieder musste und wollte er weiterwandern, weitersuchen.
Wonach? „Wohin ist nicht wichtig. Das Ziel ist der Weg, die Suche selbst. Der Sinn des Lebens ist immer weiterzuwandern…“
Knapp vor der Schwelle zu seinen 30ern kam er auch zur Inselgruppe um Gerimor. Von diesem Gebiet hatte er schon Vieles gehört und er war gespannt, wie lange es ihn hier wohl halten könnte...
Schon von weitem hörte man die heiteren Gesänge, die klimpernden Schellen und das lustige Gedudel verschiedenster Instrumente, die immer näher kamen und Groß und Klein aus den Häusern lockten:
„Der Tag könnte kaum schöner sein,
heller strahlte nie die Sonne,
als zu dieser Stunde, nein!
Frohlockt und schwelgt in Eurer Wonne!
Fahrende Leut’ zieh'n heut vorbei,
es rollt die Wagenräderei
auch an Eurem Heim vorbei;
So zeigt Euer Gesicht dem Tag
der leuchtend Euch begrüßen mag
und Euch führt zur jetz'gen Stunde
in die lust’ge Spielmanns Runde!“
Der singende, springende und lautenklimpernde Musiker in einem bunten Harlekinaufzug tanzte in Spiralen vor einem Holzkutschwagen herum, der von einem gescheckten Pferd gezogen wurde und in bunten Farben angemalt war. Der lustige Lautenspieler fasste die mit leuchtenden Augen am Rand stehenden Kinder an den Händen und wirbelte sie lachend mit Schwung herum. Die Kleinen kreischten vor Freude.
Auch ein kleiner, aber langer und dünner Junge mit wuscheligem schwarzem Haar stand in der lachenden Menschenmenge, die sich um die fahrenden Leute versammelt hatte, und sah den Spaßmachern, Barden und Gauklern, welche aus dem Wagen hervorsprangen, bei ihren Possen, Witzen, Liedern und Tänzen zu. Ein bittender Blick zur Mutter, ein mildes Lächeln und ein Nicken von dieser und schon düste Tarquin zum hopsenden Kreis der Kinder, in dessen Mitte der Harlekin tanzend einen gar ulkigen Reim aufsagte, und stimmte sogleich in das Gerufe, Gelache und Geklatsche der Kleinen mit ein:
Kinder, Kinder, kommt herbei,
schließt den Kreis zum Ringelreih’,
dreht euch um den Narren rum,
tanzt herum, dreht euch um,
klatscht in die Hände,
stampft mit dem Fuß,
dreht euch behände,
schickt einen Gruß!
Freut sich jeder Trauerkloß,
geht der Tanz von vorne los!
Der Narr drückte dem Schwarzhaarigen nun eher wahllos seine Laute in die Hand und lachte ob des Jungen verdutztem Gesicht daraufhin. „Spiel, Junge! Na los!“
Noch einige schweigende Sekunden starrte Tarquin auf das Instrument, ehe er entschlossen die Lederhalterung um seine Schultern schlang und seine Finger an die Saiten auf dem Griff setzte, wie er es zuvor bei dem Spaßmacher gesehen hatte. Dann strich sein Daumen vorsichtig die über das Loch im Instrument gespannten Rosshaare hinab und erzeugte einen fröhlichen, ionischen Klang. Den nächsten Strich setzte er etwas kräftiger, jedoch änderte er mit der Haltung seiner Finger auf dem Griff die Tonart, sodass er eine Abwechslung im Klang hatte. Diese Akkorde spielte er alternierend an und summte leise eine heitere Melodie mit; es klang wie das Lied des Barden von zuvor, jedoch leicht abgewandelt; er hatte einen total anderen Takt gewählt. Aus des Jungen Kehle drang das Summen immer lauter hervor und bald stimmte der eigentliche Musiker und Lautenspieler mit einem lustigen Reim in die Musik ein, während er Tarquin in die Mitte zog und anlächelte. Alle Kinder summten mit.
Schwarzhaar, spiel’ und singe dazu,
du hast keine Ruh’!
Du hast keine Ruh’!
Zupf eine heitre Melodei,
und eins, zwei, drei,
und eins, zwei, drei!
Bald übernahm der Junge selbst eine Strophe des improvisierten Liedes und antwortete dem Barden:
Harlekin, treib mich nicht zu sehr,
das Dichten ist schwer!
Das Dichten ist schwer!
Doch werd ich tun, was ich nur kann,
sieh mich gut an!
Seht mich nur an!
Dieser zeigte ein breites, zufriedenes Grinsen und entblößte damit große, schief stehende Zähne. Er nahm sein Lied nun wieder auf und führte es unter Tarquins Begleitung zu seinem Ursprung und ebenso Ende zurück.
Als sich der Tumult wieder gelegt hatte und die Menschenansammlung langsam schrumpfte oder sich den Zigeunerliedern und –Tänzen zuwandte, trat der Narr mit großen, schlaksigen Schritten an Tarquin und seine Mutter, zu der jener aufgeregt und stolz zurückgekehrt war, heran - wieder das karikaturenartige Grinsen aufgesetzt - und begann ein zuerst ungezwungenes, dann entschlossenes Gespräch.
Nach längerem Zögern und Beratschlagung über die Anfrage des Harlekins mit Tarquins Vater, Herrn Sonar, stand fest, dass der Junge den Narren begleiten sollte. Die Eltern sahen ein, dass er Talent zu einem Musikus und Poet hatte, zweifelten aber, ob die Begleitung des fahrenden Volkes gut für ihn war. Schließlich würde er mit dem Vielen, was er von der Welt sah, sicher auch Schlechtes erfahren. Die kleine schwarzhaarige Bohnenstange, die ihr Sohn war und sonst nie Gefallen an, geschweige denn Talent für etwas gehabt hatte, bettelte nun eindringlich um die Erlaubnis zu diesem Lebensweg. Gute Eltern erfüllen eben die Wünsche ihrer Kinder nach Kräften, auch wenn es ihnen schwer fällt. Und so taten es auch jene guten Exemplare.
Bisher war der Junge ja den Eltern eher zur Last gefallen, denn er war wahrhaftig ein Taugenichts ohnegleichen – brachte nichts so richtig auf die Reihe. Nur aufheitern hatte er die Familie schon immer können.
So stieg Tarquin, nach dem Einpacken seiner Siebensachen und einem kleinen, gut verstecktem Beutelchen Goldmünzen, mit dem fahrenden Volk auf den hölzernen Wagen, um abzufahren. Der Lenker ließ den Jungen bei sich auf dem Kutschbock sitzen und sogar die ledernen, langen Zügel einmal halten. Heissa, das gescheckte Pferdchen vor dem Holzwagen trabte wie der Wind davon, die staubige Straße von Tarquins Heimat hinunter, und ließ die Region schon bald hinter sich.
In Gesellschaft des Narren Whylsim Meisensang, von seinen Kollegen nur „Whyl“ oder „Meise“ genannt, war dem schwarzhaarigem Jungen nun die folgenden Jahre lang immer heiter ums Herz und er selbst lebte ebenfalls seine Gewitztheit aus. Doch wie seinen Humor entwickelte „Tarki“, wie Tarquin Sonar liebevoll von ‚seiner’ Fahrenden Gruppe genannt wurde, auch das Singen, das Instrumentspielen und die Rhetorik unter freier Anleitung von Whyl.
Der Gesang ließ bei ihm eher zu Wünschen übrig, denn obgleich er die meisten Töne traf, blieb seine Stimme auch nach der Mutation eher rau und brummig. Umso freier und lebendiger ging er der Rhetorik nach und eignete sich diese Fähigkeit fast bis zur Perfektion an, sodass sich sein Können auch auf dem Gebiet der Schauspielerei bald sehr weit erstreckte. Instrumental erlernte er nur mit der Zeit die Flöte und jeglichen Zupfinstrumenten professionelle Töne zu entlocken, wobei er die Mandoline am liebsten spielte.
Außerdem wurde er von den Gauklern auch körperlich geschult und konnte bald Jonglieren, Balancieren und Tanzen.
Das Dichten lag ihm einfach ziemlich gut, da konnte man nichts lehren. Doch ein Poet, wie seine Eltern meinten, wurde Tarquin nicht - dazu war er nicht ernsthaft genug.
Während den „Lehrjahren“ blieb ihm sehr viel Freizeit, in der er ständig das Leben nach seinem Kopf genoss. Und außer dem neuen Können, veränderte sich der Junge auch anderweitig: die viele Sonne und frische Luft, welche er stets abbekam, verlieh seiner Haut einen gesunden, gelblich-hellbraunen Ton. Zu einem weiterem Zeichen, dass ihm zu einem Freigeist und Luftkind macht, kam er durch die viele Freizeit. Er entdeckte sein Interesse für Vögel und fing an, eine Sammlung von vielen bunten Federn anzulegen und zu lernen, den Vogel am Gesang zu erkennen. Ein paar Münzen konnte er sich auf seinen Reisen durch den Vogelfang und anschließenden Verkauf der Piepmätze erwerben.
Am liebsten mochte er selbst den nächtlichen Ruf der seltenen Eule. Deren Federn steckte er sich gerne auf seinen Hut, denn die feinen, braunen Zeichnungen gefielen ihm.
Auf diese Weise bekam er „Eulenfeder“ als einen weiteren Spitznamen hinzu.
Monde bevor Tarquin in sein 17tes Lebensjahr eintrat, legte sich eine Aura der Heimlichtuerei um seinen Lehrer, die Meise, und er verschwand immer wieder für einige Stunden irgendwohin. Keiner konnte sagen, wohin. Dem Jungen fiel es auf und ein einziges Mal wurde der ältere Narr gefragt:
„He, Whyl, hast du Dünnschiss, oder was treibt dich immer wieder solang weg von unserm Wagen?“ Daraufhin mochte die „Meise“ ihn nur geheimnistuerisch anzwinkern und das so bekannte karikaturenartige Grinsen aufsetzen, jedoch kein Wort erwidern.
Tarquin ließ ihn sodann sein Geheimnis eben behalten und scherte sich nicht länger darum.
Zu dem Tage, da er ein Mann wurde, erfuhr er den Grund dieses Verhaltens endlich. Seine Gaukler- und Spielmannskollegen - allen voran Whyl - schenkten ihm eine eigene Mandoline aus feinstem Ebenholz, nicht perfekt, aber mit großer Sorgfalt gearbeitet. Die tagelange Arbeit der Meise hatte sich gelohnt! „Tarki“, nun volljährig und ein richtiger ausgewachsener Narr, war ganz aus dem Häuschen, küsste den Frauen der Truppe die Wangen ab, schloss die Männer fest in die Arme und zerquetschte am Ende seinen Lehrer fast vor Glück. Dann erst nahm er die Mandoline an sich, um sie zu betrachten und auszuprobieren und für die folgenden Tage nicht mehr aus der Hand zu legen. Sie war von dem weichen Schwarzbraun des Ebenholzes, was sorgsam abgeschmirgelt und fast perfekt symmetrisch. Kräftige, einzelne Pferdehaare waren straff über den Körper gespannt, an den drehbaren Stimmnoppen festgezurrt und gaben beim Anzupfen die verschiedensten, schönen Klänge. Auf dem Griff waren die Namen all jener wandernden Künstler eingebrannt, mit denen er bis hierher gereist war, und erst das machte das Instrument wertvoll. Whyl, der das Schnitzen als unbekanntes Talent in der Regel bedeckt hielt, hatte in der Tat ganze und wunderbare Arbeit geleistet.
Tarquin war nun ein vollwertiges und selbstständiges Mitglied der fahrenden Truppe.
Er konnte bleiben und mit seinen Freunden, die seine zweite Familie geworden war, zusammen die künstlerische, ewige Wanderung weiterführen oder die symbolische Abzweigung nehmen und einen von jenen Menschen getrennten Weg beschreiten. Er wählte den Letzteren; den, der weniger gegangen wurde und eine unbekannte Zukunft bot. Nicht aus Willkür, wie man denken könnte, auch nicht aus Trotz, Hass, Missgunst oder sonstigen schlechten Gedanken gegen seine fahrenden Freunde. Es war einfach seine eigene Ansicht des Lebens: das Leben ist ein Theaterstück.
„Nie darf man schon voraussehen können, was geschieht; die Spannung muss gewahrt werden. Immer muss man den Weg nehmen, auf dem noch nicht so viele – am Besten keine – Anderen gegangen waren, damit den Zuschauern nicht langweilig würde. Immer muss etwas Neues, Unbekanntes, Unvorhersehbares passieren!“ Tarquins Philosophie, Tarquins Glaube, Tarquins Religion. Was sind schon Götter! Die Menschen, zusammen mit allen anderen Völkern und den Tieren und Pflanzen, machen die Götter aus – die Person, das Lebewesen bestimmt sein Schicksal selbst. So auch Tarquin.
Alleine bereiste er allerlei Inseln, nur hin und wieder ging ein Mensch mit ihm zusammen ein Stück seines Weges – doch einsam war Tarquin nie. Viele Leute, nicht nur vom menschlichen Volk, lernte er kennen; einige wurden gute Freunde. Nur an einem Ort konnte ihn nichts halten, immer wieder musste und wollte er weiterwandern, weitersuchen.
Wonach? „Wohin ist nicht wichtig. Das Ziel ist der Weg, die Suche selbst. Der Sinn des Lebens ist immer weiterzuwandern…“
Knapp vor der Schwelle zu seinen 30ern kam er auch zur Inselgruppe um Gerimor. Von diesem Gebiet hatte er schon Vieles gehört und er war gespannt, wie lange es ihn hier wohl halten könnte...