Der Unbekannte Tote
Verfasst: Samstag 15. März 2008, 18:02
Viridian freut sich. Er war weit in den Süden der Insel vorgestoßen und hatte dort zu seinem Entzücken eine langgezogene Bucht mit Sandstrand entdeckt. Und direkt in der Nähe der Bucht stand ein Haus, das... verfallen wirkte.
Neugierig trat Viridian näher an das Gebäude heran, neben dessen mit Schutt versperrter Tür, einige verwitternde Schilder hingen...
Gasthaus
konnte er noch entziffern.
Er wollte sich eben wieder auf den Weg machen, als ein Wiehern aus dem angrenzenden Stall ihn stutzig machte. Ein Pferd an diesem verlassenen Ort?
Als er den Stall betrat, musste er nicht erst das nervös scharrende und wiehernde Pferd beobachten, um zu wissen, dass hier etwas nicht stimmte.
Ein ihm nur allzu gut bekannter Geruch hing schwach in der sonst windstillen Luft des Stalles und überdeckte Heu und Pferdemist.
Es war der Geruch der Verwesung!
Schnell ging Viridian an dem unruhigen Pferd vorbei und durch eine Tür, welche den Stall mit dem Schankraum des Hauses verband. MIt gezückter Klinge stand er in dem Raum und versuchte, sich schnell einen Überblick zu verschaffen. Der Raum wirkte aufgeräumt und sogar recht sauber. Man hätte meinen können, das Haus sei noch bewohnt, wären da nicht die Trümmer vor den Türen gewesen - und die Leiche auf dem rotgefließten Boden!
Eine Ursache des Geruchs hatte Viridian gefunden, doch konnten im Haus noch weitere Leichen verborgen sein, sodass er sich zunächst nicht näher um den Toten kümmerte, sondern schnurstracks auf eine Tür zuging, neben der auf einem Schild der Name
Leoly
stand. Die Leiche am Boden war unzweifelhaft männlich und Leoly klang nach einem Frauennamen. Konnte sich hinter der Tür eine weitere Leiche verbergen? Viridian griff nach der Türklinke, doch zu seinem Erstaunen war die Türe abgeschlossen!
Mit einem leisen Fluch auf den Lippen drehte er sich um und trat wieder an den Toten heran. Er beugte sich über ihn und durchsuchte mit geschickten Fingern seine Taschen, doch einen Schlüssel fand er nicht. Der Tote sah grausam zugerichtet aus, seine Haut war von tiefen Kratzspuren gezeichnet. Ein wildes Tier womöglich? Doch dann wäre die Schankstube sicherlich in wilder Unordnung gewesen... Womöglich hatte sich der Fremde, tödlich verwundet, in die Stube gerettet und war dort verblutet. Das würde auch erklären, warum er keinen Schlüssel zu der Tür besaß.
Sein Blick wanderte zu der Treppe, welche in den erste Stock hinauf führte. Das Schwert gezückt stieg er die Stufen hinauf und betrat dort einen Raum, welcher anhand der dort befindlichen Betten wohl eine Unterkunft für die wenig betuchten Gäste gewesen sein musste.
Eilig durchsuchte er jeden Schrank und die Betten nach dem Schlüssel. fand ihn jedoch nicht.
Eine weitere Tür, die sich nach einigen Protesten öffnen ließ, führte dort oben nach draußen. Nachdem sich Viridian durch den Schutt, der auch vor dieser Tür aufgestapelt war, gearbeitete hatte, ging er auf einen Anbau zu, welcher sich als Arbeitszimmer entpuppte. Zumindest legten die flüchtig überflogenen Bücher das nahe. Auch in diesem Zimmer fand sich keine Spur des Schlüssels.
Viridian blieb keine Wahl, als wieder in den Schankraum hinunterzugehen. Dort unterzog er die Tür einer kritischen Prüfung und stellte fest, dass sie zwar aus massivem Holz bestand, der Putz aber auf Höhe des Riegels deutliche Risse zeigte. Einen Versuch würde er wagen, meinte er bei sich.
Er trat etwa fünf Schritte von der Tür zurück, drehte sich so, dass seine linke Schulter nach vorne Zeigte und spurtete los.
Sein Schwung und das Gewicht der Plattenrüstung, die er trug, erfüllten ihren Zweck und mit einem Krachen sprang die Türe auf. Beinahe wäre er durch seinen eigenen Schwung zu Fall gelangt, konnte sich aber mit einigen ungelenken Schritten rechtzeitig fangen. Dank des Plattenarmschutzes war seine Schulter gänzlich unversehrt, einzig eine tiefe Einbuchtung im gesplitterten Holz zeugte noch von der Wucht des Aufpralles.
Viridian sah sich in dem Zimmer um. Es war weitaus luxuriöser eingerichtet, als die billigen Quartiere im Obergeschoss und im hinteren Teil des Raumes befand sich ein zerwühltes Himmelbett. Nachdem er einen flüchtigen Blick in die leeren Regale geworfen hatte, trat er an das Bett heran, doch zu seinem Erstaunen -welches kurz darauf Erleichterung wich- fand er darin keine Leiche, sondern... nichts.
Leoly, wenn das der Name der Zimmerbesitzerin war, musste schon eine geraume Weile nicht mehr hier gewesen sein.
Nachdem es im Haus nichts mehr zu entdecken gab, richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf den Stall. Das Pferd dort wirkte nicht abgemagert, es musste wohl dem Toten gehört haben, welcher erst vor Kurzem hier angekommen war. Noch immer schien das Pferd durch den Leichengeruch verängstigt zu sein, weshalb Viridian sich entschloss, es freizulassen. Er löste den Knoten in dem Seil, mit welchem das Pferd angebunden war und öffnete das Stalltor weit.
Danach wartete er.
Als das Pferd auch nach einer Weile noch keine Anstalten machte, den Stall zu verlassen, musste Viridian sich einen neuen Plan ausdenken. Er ging zu dem Pferd, welches nahe der Tür zur Schankstube stand, und zog sein Schwert. Dann piekste er dem Pferd die Spitze der Klinge in die linke Flanke.
Obwohl er damit gerechnet hatte, hätte das Pferd ihn beinahe erwischt, als es sofort mit den Hinterläufen austrat, sodass er sich mit einem Sprung durch die offene Tür in den Schankraum in Sicherheit bringen musste. Als er sich wieder aufgerappelt hatte und in den Stall blickte... stand das Pferd immer noch dort.
Missmutig zuckte er mit den Achseln. Wenn dieses Tier seine Freiheit nicht wollte, würde er es nicht dazu zwingen. Es würde schon durch die offene Stalltüre abhauen, sobald Hunger und Durst zu groß würden!
Viridian schloss die Tür zum Stall und betrachtete abermals den Toten. Er wusste, was er zu tun hatte... und dies weckte Erinnerungen an lang vergangene Erlebnisse. Schmerzhafte Erlebnisse. Gesichter zogen in seinen Gedanken an ihm vorbei, Namen und Stimmen, die er nie wieder hören würde: Arnaut, Jason.... Arlon.... Samantha.
Verärgert drängte er die melancholischen Gedanken beiseite, sie würden ihn bei dem, was er nun tun würde nur aufhalten. Zunächst musste er nach geeignetem Werkzeug ausschau halten.
Eine Hacke oder eine Schaufel.... doch im Haus hatte er zuvor auf der Suche nach dem Schlüssel bereits alles inspiziert und konnte sich an kein solches Werkzeug erinnern. Also würde er draußen suchen müssen. Womöglich gab es noch einen weiteren Anbau, in welchem derartiges Gerät gelagert wurde.
Da er nicht durch den Stall mit dem gereizten Pferd gehen wollte, versuchte er, das Haus durch die Vordertüre zu verlassen. Nach einiegm Drücken bewegte sich die Türe tatsächlich und er spürte, wie draußen ein Teil des Trümmerhaufens in Bewegung geriet. Nachdem die Türe geöffnet und eine Gasse durch den hinderlichen Schutt freigelgt war, umrundete Viridian das Haus.
Doch einen Schuppen fand er nicht, dafür aber -ein frisches Grab!
An einer Seite des Grabes war eine Stele angebracht, auf welcher folgende Inschrift eingraviert war:
Heyde - die El'amyr'iast sind wahr!
leise wiederholte er die Worte und zog die Stirn in Falten. Er kannte das seltsame Wort El'amyr'iast nicht, doch gesprochen klang es fast wie... Lameriast!
Was hatte das zu bedeuten? Er würde seine Entdeckung auf jeden Fall dem Burgherren mitteilen. Dieser wusste womöglich mehr, oder wüsste zumindest die richtigen Leute, die man fragen könnte.
Doch zunächst erforderten dringendere Aufgaben seine ganze Kraft und Aufmerksamkeit. Die Erde auf dem Grab war frisch, was ihn einerseits erleichterte und andererseits erschaudern ließ. Erleichtert war er, weil man lockere Erde leichter bewegen konnte und schaudern musste er bei dem Gedanken an den Frevel, den er im Begriff war zu begehen.
Ausgerechnet er, Viridian, dem die Ehre der Toten mehr bedeutete, als die Verehrung der Götter, würde den letzten Ruheort eines Toten stören!
Auch der Gedanke, dass es unausweichlich war, half ihm nicht sonderlich.
Bevor er sich jedoch daranmachte, das Grab aufzumachen, führte ihn sein Weg noch einmal in den Schankraum, wo er sich der Rüstung entledigte. Sie würde ihn nur unnötig behindern. Auch den Siegelring des Burgherren streifte er widerstrebend vom Finger... er konnte es einfach nicht zulassen, dass dieser beschmutzt oder gar beschädigt würde!
Danach machte er sich an die beschwerliche Arbeit, das Grab mit bloßen Händen zu öffnen. Stückchen für Stückchen trugen seine Hände die schwarze Erde ab und langsam entstand neben dem Grab ein Erdhügel. Als er etwa einen halben Meter tief gegraben hatte, stießen seine Finger auf Widerstand. Schnell tastete er das Hindernis ab und musste feststellen, dass es sich dabei um eine Holzplatte handelte, welche er nach und nach weiter freilegte.
Er wusste nicht, ob er erleichtert oder erschüttert sein sollte, als er endlich merkte, dass es sich dabei nicht um einen Sargdeckel handelte, sondern um ein in die Grube eingepasstest Brett. Langsam und zögernd streckte er die Hand danach aus. Eben wollte er die Platte anheben, um zu sehen, was sich darunter befand, als ein schwacher, süßlicher Geruch seine Nase reizte. Sofort zog er die Hände zurück und sprang geradezu auf. Der Leichengeruch hatte ihn gerade noch rechtzeitig daran gehindert, einen noch viel größeren Frevel zu begehen! Wortlos starrte er in die von ihm freigelegte Grube hinab. Sie war etwa einen halben Schritt tief. Nicht eben viel, doch es würde reichen müssen, dachte er bei sich.
In der Stube streifte er seinen nachtblauen Mantel ab und hüllte den Leichnam so gut es ging damit ein. Dabei ließ es sich nicht vermeiden, dass weitere Leichensäfte austraten und den Raum mit ihrem intensiven Duft erfüllten. Selbst Viridian, der den Geruch gewöhnt war, musste die Zähne zusammenbeißen, um den Brechreiz zu unterdrücken.
Nun kam der schwierigste Teil seiner Aufgabe; den Toten ins Freie zu schaffen. Dazu begab er sich oberhalb des Kopfes der Leiche, welche er auf den Rücken gedreht hatte, in die Hocke und hob den Oberkörper des Toten an, indem er mit dem Armen unter dessen Achseln hindurchlangte und die Hände vor der Brust des Toten verschränkte. Langsam, ganz langsam zog Viridian den Verstorbenen auf diese Weise rückwärts durch den Raum.
An der Tür benötigte er eine erste Rast. Die kühle, frische Meerluft, die ihm von draußen entgegenschlug, kühlte sein schweißnasses Gesicht und erfüllte die Lungen mit guter Luft. Er spürte, wie neue Kraft seinen Körper erfüllte und machte sich erneut ans Werk. Trotz allem musste Viridian den Toten noch ein weiteres Mal ablegen, ehe er ihn an den Rand des Grabes geschleift hatte.
Er hatte sich größte Mühe gegeben, die Leiche vor weiterem Schaden zu bewahren, doch nun würde es unvermeidlich sein. Er fasste den parallel zu der Grube liegenden Körper mit beiden Händen auf der Höhe der Taille und schob ihn mit aller Kraft vorwärts. Mit einem dumpfen Pochen landete der Leichnam nach einem kurzen Fall auf dem Holzbrett.
Viridian atmete tief durch, der schwerste Teil seiner Arbeit lag hinter ihm... zumindest was körperliche Herausforderungen betraf.
Das Zuschütten des Grabes war eine einfache Aufgabe, ebeso das Festdrücken der Erde mit den Händen - er wäre niemals mit den Füßen auf das Grab getreten- sowie das Herbeischaffen größerer Steine von der nahen Straße, welche er auf das viel zu flache Grab türmte.
Als all dies erledigt war, stelllte Viridian sich am Fußende des Grabes auf und gedachte in Stille dem unbekannten Toten.
Zuletzt kehrte er in die Schankstube zurück, suchte ein geeignetes Messer und ritzte in die Stele, unterhalb der seltsamen Nachricht die Worte:
Hier ruht ein Unbekannter. Mögest du im Tode Frieden finden
Danach verließ er, wieder in seiner Rüstung, den seltsamen Ort auf direktem Weg zur Eisenwart, um sich zu waschen. Und um dem Burgherren seinen Bericht zu erstatten.
Die Worte geisterten ihm im Kopf herum und ließen ihm keine Ruhe:
El'amyr'iast ... Lameriast ... El'amyr'iast ... Lameriast...
Neugierig trat Viridian näher an das Gebäude heran, neben dessen mit Schutt versperrter Tür, einige verwitternde Schilder hingen...
Gasthaus
konnte er noch entziffern.
Er wollte sich eben wieder auf den Weg machen, als ein Wiehern aus dem angrenzenden Stall ihn stutzig machte. Ein Pferd an diesem verlassenen Ort?
Als er den Stall betrat, musste er nicht erst das nervös scharrende und wiehernde Pferd beobachten, um zu wissen, dass hier etwas nicht stimmte.
Ein ihm nur allzu gut bekannter Geruch hing schwach in der sonst windstillen Luft des Stalles und überdeckte Heu und Pferdemist.
Es war der Geruch der Verwesung!
Schnell ging Viridian an dem unruhigen Pferd vorbei und durch eine Tür, welche den Stall mit dem Schankraum des Hauses verband. MIt gezückter Klinge stand er in dem Raum und versuchte, sich schnell einen Überblick zu verschaffen. Der Raum wirkte aufgeräumt und sogar recht sauber. Man hätte meinen können, das Haus sei noch bewohnt, wären da nicht die Trümmer vor den Türen gewesen - und die Leiche auf dem rotgefließten Boden!
Eine Ursache des Geruchs hatte Viridian gefunden, doch konnten im Haus noch weitere Leichen verborgen sein, sodass er sich zunächst nicht näher um den Toten kümmerte, sondern schnurstracks auf eine Tür zuging, neben der auf einem Schild der Name
Leoly
stand. Die Leiche am Boden war unzweifelhaft männlich und Leoly klang nach einem Frauennamen. Konnte sich hinter der Tür eine weitere Leiche verbergen? Viridian griff nach der Türklinke, doch zu seinem Erstaunen war die Türe abgeschlossen!
Mit einem leisen Fluch auf den Lippen drehte er sich um und trat wieder an den Toten heran. Er beugte sich über ihn und durchsuchte mit geschickten Fingern seine Taschen, doch einen Schlüssel fand er nicht. Der Tote sah grausam zugerichtet aus, seine Haut war von tiefen Kratzspuren gezeichnet. Ein wildes Tier womöglich? Doch dann wäre die Schankstube sicherlich in wilder Unordnung gewesen... Womöglich hatte sich der Fremde, tödlich verwundet, in die Stube gerettet und war dort verblutet. Das würde auch erklären, warum er keinen Schlüssel zu der Tür besaß.
Sein Blick wanderte zu der Treppe, welche in den erste Stock hinauf führte. Das Schwert gezückt stieg er die Stufen hinauf und betrat dort einen Raum, welcher anhand der dort befindlichen Betten wohl eine Unterkunft für die wenig betuchten Gäste gewesen sein musste.
Eilig durchsuchte er jeden Schrank und die Betten nach dem Schlüssel. fand ihn jedoch nicht.
Eine weitere Tür, die sich nach einigen Protesten öffnen ließ, führte dort oben nach draußen. Nachdem sich Viridian durch den Schutt, der auch vor dieser Tür aufgestapelt war, gearbeitete hatte, ging er auf einen Anbau zu, welcher sich als Arbeitszimmer entpuppte. Zumindest legten die flüchtig überflogenen Bücher das nahe. Auch in diesem Zimmer fand sich keine Spur des Schlüssels.
Viridian blieb keine Wahl, als wieder in den Schankraum hinunterzugehen. Dort unterzog er die Tür einer kritischen Prüfung und stellte fest, dass sie zwar aus massivem Holz bestand, der Putz aber auf Höhe des Riegels deutliche Risse zeigte. Einen Versuch würde er wagen, meinte er bei sich.
Er trat etwa fünf Schritte von der Tür zurück, drehte sich so, dass seine linke Schulter nach vorne Zeigte und spurtete los.
Sein Schwung und das Gewicht der Plattenrüstung, die er trug, erfüllten ihren Zweck und mit einem Krachen sprang die Türe auf. Beinahe wäre er durch seinen eigenen Schwung zu Fall gelangt, konnte sich aber mit einigen ungelenken Schritten rechtzeitig fangen. Dank des Plattenarmschutzes war seine Schulter gänzlich unversehrt, einzig eine tiefe Einbuchtung im gesplitterten Holz zeugte noch von der Wucht des Aufpralles.
Viridian sah sich in dem Zimmer um. Es war weitaus luxuriöser eingerichtet, als die billigen Quartiere im Obergeschoss und im hinteren Teil des Raumes befand sich ein zerwühltes Himmelbett. Nachdem er einen flüchtigen Blick in die leeren Regale geworfen hatte, trat er an das Bett heran, doch zu seinem Erstaunen -welches kurz darauf Erleichterung wich- fand er darin keine Leiche, sondern... nichts.
Leoly, wenn das der Name der Zimmerbesitzerin war, musste schon eine geraume Weile nicht mehr hier gewesen sein.
Nachdem es im Haus nichts mehr zu entdecken gab, richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf den Stall. Das Pferd dort wirkte nicht abgemagert, es musste wohl dem Toten gehört haben, welcher erst vor Kurzem hier angekommen war. Noch immer schien das Pferd durch den Leichengeruch verängstigt zu sein, weshalb Viridian sich entschloss, es freizulassen. Er löste den Knoten in dem Seil, mit welchem das Pferd angebunden war und öffnete das Stalltor weit.
Danach wartete er.
Als das Pferd auch nach einer Weile noch keine Anstalten machte, den Stall zu verlassen, musste Viridian sich einen neuen Plan ausdenken. Er ging zu dem Pferd, welches nahe der Tür zur Schankstube stand, und zog sein Schwert. Dann piekste er dem Pferd die Spitze der Klinge in die linke Flanke.
Obwohl er damit gerechnet hatte, hätte das Pferd ihn beinahe erwischt, als es sofort mit den Hinterläufen austrat, sodass er sich mit einem Sprung durch die offene Tür in den Schankraum in Sicherheit bringen musste. Als er sich wieder aufgerappelt hatte und in den Stall blickte... stand das Pferd immer noch dort.
Missmutig zuckte er mit den Achseln. Wenn dieses Tier seine Freiheit nicht wollte, würde er es nicht dazu zwingen. Es würde schon durch die offene Stalltüre abhauen, sobald Hunger und Durst zu groß würden!
Viridian schloss die Tür zum Stall und betrachtete abermals den Toten. Er wusste, was er zu tun hatte... und dies weckte Erinnerungen an lang vergangene Erlebnisse. Schmerzhafte Erlebnisse. Gesichter zogen in seinen Gedanken an ihm vorbei, Namen und Stimmen, die er nie wieder hören würde: Arnaut, Jason.... Arlon.... Samantha.
Verärgert drängte er die melancholischen Gedanken beiseite, sie würden ihn bei dem, was er nun tun würde nur aufhalten. Zunächst musste er nach geeignetem Werkzeug ausschau halten.
Eine Hacke oder eine Schaufel.... doch im Haus hatte er zuvor auf der Suche nach dem Schlüssel bereits alles inspiziert und konnte sich an kein solches Werkzeug erinnern. Also würde er draußen suchen müssen. Womöglich gab es noch einen weiteren Anbau, in welchem derartiges Gerät gelagert wurde.
Da er nicht durch den Stall mit dem gereizten Pferd gehen wollte, versuchte er, das Haus durch die Vordertüre zu verlassen. Nach einiegm Drücken bewegte sich die Türe tatsächlich und er spürte, wie draußen ein Teil des Trümmerhaufens in Bewegung geriet. Nachdem die Türe geöffnet und eine Gasse durch den hinderlichen Schutt freigelgt war, umrundete Viridian das Haus.
Doch einen Schuppen fand er nicht, dafür aber -ein frisches Grab!
An einer Seite des Grabes war eine Stele angebracht, auf welcher folgende Inschrift eingraviert war:
Heyde - die El'amyr'iast sind wahr!
leise wiederholte er die Worte und zog die Stirn in Falten. Er kannte das seltsame Wort El'amyr'iast nicht, doch gesprochen klang es fast wie... Lameriast!
Was hatte das zu bedeuten? Er würde seine Entdeckung auf jeden Fall dem Burgherren mitteilen. Dieser wusste womöglich mehr, oder wüsste zumindest die richtigen Leute, die man fragen könnte.
Doch zunächst erforderten dringendere Aufgaben seine ganze Kraft und Aufmerksamkeit. Die Erde auf dem Grab war frisch, was ihn einerseits erleichterte und andererseits erschaudern ließ. Erleichtert war er, weil man lockere Erde leichter bewegen konnte und schaudern musste er bei dem Gedanken an den Frevel, den er im Begriff war zu begehen.
Ausgerechnet er, Viridian, dem die Ehre der Toten mehr bedeutete, als die Verehrung der Götter, würde den letzten Ruheort eines Toten stören!
Auch der Gedanke, dass es unausweichlich war, half ihm nicht sonderlich.
Bevor er sich jedoch daranmachte, das Grab aufzumachen, führte ihn sein Weg noch einmal in den Schankraum, wo er sich der Rüstung entledigte. Sie würde ihn nur unnötig behindern. Auch den Siegelring des Burgherren streifte er widerstrebend vom Finger... er konnte es einfach nicht zulassen, dass dieser beschmutzt oder gar beschädigt würde!
Danach machte er sich an die beschwerliche Arbeit, das Grab mit bloßen Händen zu öffnen. Stückchen für Stückchen trugen seine Hände die schwarze Erde ab und langsam entstand neben dem Grab ein Erdhügel. Als er etwa einen halben Meter tief gegraben hatte, stießen seine Finger auf Widerstand. Schnell tastete er das Hindernis ab und musste feststellen, dass es sich dabei um eine Holzplatte handelte, welche er nach und nach weiter freilegte.
Er wusste nicht, ob er erleichtert oder erschüttert sein sollte, als er endlich merkte, dass es sich dabei nicht um einen Sargdeckel handelte, sondern um ein in die Grube eingepasstest Brett. Langsam und zögernd streckte er die Hand danach aus. Eben wollte er die Platte anheben, um zu sehen, was sich darunter befand, als ein schwacher, süßlicher Geruch seine Nase reizte. Sofort zog er die Hände zurück und sprang geradezu auf. Der Leichengeruch hatte ihn gerade noch rechtzeitig daran gehindert, einen noch viel größeren Frevel zu begehen! Wortlos starrte er in die von ihm freigelegte Grube hinab. Sie war etwa einen halben Schritt tief. Nicht eben viel, doch es würde reichen müssen, dachte er bei sich.
In der Stube streifte er seinen nachtblauen Mantel ab und hüllte den Leichnam so gut es ging damit ein. Dabei ließ es sich nicht vermeiden, dass weitere Leichensäfte austraten und den Raum mit ihrem intensiven Duft erfüllten. Selbst Viridian, der den Geruch gewöhnt war, musste die Zähne zusammenbeißen, um den Brechreiz zu unterdrücken.
Nun kam der schwierigste Teil seiner Aufgabe; den Toten ins Freie zu schaffen. Dazu begab er sich oberhalb des Kopfes der Leiche, welche er auf den Rücken gedreht hatte, in die Hocke und hob den Oberkörper des Toten an, indem er mit dem Armen unter dessen Achseln hindurchlangte und die Hände vor der Brust des Toten verschränkte. Langsam, ganz langsam zog Viridian den Verstorbenen auf diese Weise rückwärts durch den Raum.
An der Tür benötigte er eine erste Rast. Die kühle, frische Meerluft, die ihm von draußen entgegenschlug, kühlte sein schweißnasses Gesicht und erfüllte die Lungen mit guter Luft. Er spürte, wie neue Kraft seinen Körper erfüllte und machte sich erneut ans Werk. Trotz allem musste Viridian den Toten noch ein weiteres Mal ablegen, ehe er ihn an den Rand des Grabes geschleift hatte.
Er hatte sich größte Mühe gegeben, die Leiche vor weiterem Schaden zu bewahren, doch nun würde es unvermeidlich sein. Er fasste den parallel zu der Grube liegenden Körper mit beiden Händen auf der Höhe der Taille und schob ihn mit aller Kraft vorwärts. Mit einem dumpfen Pochen landete der Leichnam nach einem kurzen Fall auf dem Holzbrett.
Viridian atmete tief durch, der schwerste Teil seiner Arbeit lag hinter ihm... zumindest was körperliche Herausforderungen betraf.
Das Zuschütten des Grabes war eine einfache Aufgabe, ebeso das Festdrücken der Erde mit den Händen - er wäre niemals mit den Füßen auf das Grab getreten- sowie das Herbeischaffen größerer Steine von der nahen Straße, welche er auf das viel zu flache Grab türmte.
Als all dies erledigt war, stelllte Viridian sich am Fußende des Grabes auf und gedachte in Stille dem unbekannten Toten.
Zuletzt kehrte er in die Schankstube zurück, suchte ein geeignetes Messer und ritzte in die Stele, unterhalb der seltsamen Nachricht die Worte:
Hier ruht ein Unbekannter. Mögest du im Tode Frieden finden
Danach verließ er, wieder in seiner Rüstung, den seltsamen Ort auf direktem Weg zur Eisenwart, um sich zu waschen. Und um dem Burgherren seinen Bericht zu erstatten.
Die Worte geisterten ihm im Kopf herum und ließen ihm keine Ruhe:
El'amyr'iast ... Lameriast ... El'amyr'iast ... Lameriast...