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LYTA FLINN - ERSTER TEIL: DIE SCHWARZE FEDER

Verfasst: Mittwoch 12. März 2008, 07:21
von Lyta Flinn
Proloque
„...und so fängt es an"


Lyta öffnete das Fenster.
Es war noch dunkel, abgesehen von einem schwachen silbernen Streifen im Osten, leicht untermalt vom Sichelmond, der langsam den Zenit erklomm und ein schwachsilbernes Licht in das Umland warf, kaum mehr als ein Abglanz, wie so Vieles in diesen Tagen.
Sie konnte nicht schlafen. Der letzte Schatten einer Erinnerung an einen nicht besonders angenehmen Traum begann gerade zu verwischen und mit der schwachen Morgenbrise hinfortzuwehen. Alles was blieb war lediglich ein Abglanz eines Traumes von Tod, Blut und einer silbernen Flamme. Doch noch während sie versuchte, die Gedanken zu ordnen waren sie auch schon weg. Lytas Traum war gegangen.
Bajard selbst lag friedlich da. Die Menschen schliefen noch, abgesehen von jenen, die mit dem ersten Hahnenschrei aufstehen würden, und dieser war eben zu vernehmen. Der Morgen kam in diesen Landen sehr früh, und sehr schnell obendrein. Und das war auch schon der einzige Zauber, der an diesem Dorf haftete. Alles Andere war nur Scheinheiligkeit, Kampf und Depression. Und von Letzterem hatte Lyta mehr als genug.
Einen halben Mondlauf war es etwa her, seit sie ihre Vergangenheit wieder eingeholt hatte – auf die bizarrste Art und Weise, wie Lyta sie sich vorstellen konnte.
Es ist doch immer so bei Geschichten. Meistens sind sie zu Ende wenn sie erzählt werden. Sie hat einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende. Der Anfang ist zumeist geheimnisvoll. Meistens offenbaren sie das Umfeld, führen die Figuren ein, stellen sie in eine gewisse Position, wie die Figuren in einem Schachspiel. Der Mittelteil ist düster, unheimlich. Bereits beantwortete Fragen weichen neuen - ...und so fängt es an. Bei jeder Geschichte...

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Als man sie herausholte atmete sie anfangs nicht. Erst ein zwei Schläge ihres kleinen Herzens später begann sie zu schreien wie es Neugeborene eben tun. Sie wurde angehoben, die Nabelschnur wurde abgetrennt.
„Es ist ein Mädchen“, sagte die Hebamme und reichte das schreiende Bündel dem zufrieden lächelnden Vater. Noch war sie nicht gewaschen und ziemlich schmutzig. Reste von Fruchtwasser und Blut klebten überall an dem in Decken eingehüllten kleinen Körper.
„Lyta sollst du heißen“, sprach der stolze Vater. „Lyta Flinn. Ein hübscher Name für eine hübsche Tochter. Du wirst deinem Vater alle Ehre machen.
Es war ein Glück dass das Kind noch lebte. Hinter Eric Flinn wurde der tote Körper seiner Gemahlin langsam zugedeckt. Ein tiefes Loch klaffte in ihrem Bauch als man alles daran setzte, das Kind aus dem Leib herauszuholen.
Ja – Lyta machte schon von Geburt an Erfahrung mit dem Tode. Selten werden Kinder heil aus toten Körpern geboren. Und die Zukunft selbst wird stets, egal was man daran setzt unter Schmerzen geboren. Und dieser Preis war hoch.

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Wie lange sie so nach Draußen gestarrt hatte vermochte die junge Frau nicht zu sagen. Es waren tatsächlich nicht mehr als Momente in ihrem Leben. Ein halber Stundenlauf vielleicht, während in der Ferne wie von Feuer und Rauch die Wolken in Brand gerieten und sich ausbreiteten, über die Felder des Himmels ziehend. Schön und erbaulich.
Endlich wandte sie sich ab, wenige Momente bevor die Sonne unter den dahintreibenden Morgenwolken aufstieg und das Land in ein blutiges Rot tauchen würde. Sie tappste zurück zu ihrem Bett, auf den Nachttisch blickend auf dem noch die Rabenfeder lag, die ihr vor einigen Tagen in die Hand geglitten ward. Sie betrachtete diese mit Interesse. Ungern jedoch erinnerte sie sich an den Moment, wie ihr dieses Ding zugekommen war. Und auch nicht das in sich verflochtene knöcherne Armband. Es war da, und es hatte eine Bedeutung für sie.
Doch all dies waren Fragen die in ihrem Geist wie Gespenster lauerten.
Lyta wusste viel über Gespenster. Sie suchten sie jede Nacht im Traum heim...
Und auch bei Tag und wenn sie wach war kamen sie. Sie kamen überraschend, sie kamen lauernd und wenn sie da waren blieb nur Angst zurück.

Verfasst: Freitag 14. März 2008, 14:51
von Lyta Flinn
I
„Vögel müssen fliegen“


Auf dem ersten Blick war Varuna eine Stadt, die Freude und Ordnung ausstrahlte. Vielleicht genau das, was Lyta nötig hatte. Ihre Flucht von Zuhause (oder vielmehr ihre Flucht vor ihrer Vergangenheit) führte sie dahin. Ein neues Leben. Nichts sehnte sie mehr herbei. Dunkle Gedanken konnte sie vorerst im warmen Licht der frühjährlichen Sonne abschütteln. Das Grauen auf dem Friedhof war fast vergessen. Doch eine andere Sorge machte sich nun bemerkbar. Der Hunger! Lyta brauchte Arbeit und Geld. Und so wurde ein Aushang auf Varunas Marktplatz angebracht.
Die Gardisten waren sehr elitär, höflich zwar aber streng an ihre Gesetze gebunden. Eine große Stadt, das Zentrum des Reiches. Soviel wusste Lyta schon von zu Hause, denn ihr Vater, ein reicher Handelskaufmann belieferte noch Zeit seines Lebens auch Alumeras mit Gewürzen und anderen Waren. Er war sehr reich. Doch Lyta nahm keine Goldmünze mit. Es war ihr schlichtweg egal, nachdem sie fluchtartig ihr Heim in jener grauenvollen Nacht verlassen hatte.
Das war nun zwei Mondläufe her. Und nun war sie hier, mittel- und geldlos. Was Lyta am besten konnte, war das Schreiben. Und so schrieb sie sich auch als Schreiberin aus. Vielleicht würde sie eine Stellung finden, die ihr zumindest genug Geld gab, um überleben zu können in einer kalten fremden Welt. Vielleicht konnte sie so auch den Schatten entkommen, welche ihr zu folgen schienen, lauernd und nur darauf wartend, wieder zuzuschlagen.
Die Sonne sank im Westen in ein Meer von Flammen. Irgendwo hinter Rahal würde die Nacht hereinbrechen und auch von der Stadt des Lichts Besitz ergreifen. Lyta fand eine Bleibe in einer Taverne. Doch der Durst trieb sie in die Stadt. Freundschaften mussten nun geschlossen werden. Und so betrat sie die Taverne südlich des Marktes.
Es waren kaum noch Gäste da. Zwei junge Frauen, die eine mit weißen, die andere mit dunklen Haaren. Ein scheues „Den Göttern zum Gruße“ war das einzige das sie auf „Der Tugendbringerin gerechtes Schwert über Euch“ zustande brachte.
Sie bekam einen Becher Wasser, genug um ihren Durst zu stillen.
Als sie den Becher abstellte und gerade den Arm zurückzog geschah etwas, das in ihr die Furcht wieder hochrief. Aus ihrem Ärmel fiel etwas Dunkles. Es war eine schwarze Feder!
Die Feder!

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Die Wolken trieben dahin. Das kleine blonde Mädchen blickte hoch und verstand die Welt nicht. Vögel müssen doch fliegen. Sie stellte fest, dass es Nachmittag war – die Sonne stand wesentlich tiefer als sie es vor Augenblicken noch tat. Ihr weißes blutbeflecktes Kleid flatterte im Wind. Die achtjährige Lyta wollte eigentlich schon wieder nach Hause. Ihr Vater würde sauer sein.
Nun – was sollte sie tun? Das geschah ihr ja nicht das erste Mal. Sie tat es als bloße Spinnerei ab. Man kann schon mal die Zeit vergessen – waren es Minuten oder Stunden. Sie wusste es ohnehin nie wirklich wie viel Zeit vergangen war.
Als sie den Blick senkte lag zu ihren Füßen der tote Hund den sie zu ihrem Geburtstag bekommen hatte – und da traf sie die erste Welle des Entsetzens. Wieso schon wieder? Oh nein – nicht schon wieder.
Sie beugte sich hinunter. Ihre kleinen Mädchenfinger betasteten den erstarrten Leib des Hundes. Es war also tatsächlich so! Der Hund war schon länger tot. Es mussten Stunden gewesen sein. Dann bemerkte sie den Schnitt an der Kehle und die Blutspur über das Gras. Es war – das stellte sie nun jäh fest nicht einmal der selbe Ort. Sie war vor der Haustür.
Und diese sprang bereits auf. Ihr Vater kam herausgestürmt. Lyta sprang ihm – kreidebleich wie sie war sodann an und begann bitterlich zu weinen. „Papa! Papa! Es ist schon wieder passiert!“
„Schhhhh“, tröstete er sie mit ruhiger Stimme. „Das macht nichts meine Kleine – das macht rein gar nichts. Du bekommst einen neuen.“
Es war bereits ihr dritter Hund. Und wieder war dasselbe passiert.
Als Lytas Vater sie ins Haus trug blickte sie sich nicht um. Und so bemerkte sie auch nicht dass die Pfoten des Hundes zu Zucken begannen. Er verschwand kurz darauf ebenso wie die anderen Hunde von der Bildfläche.
Die Gerüchte der reißenden Bestien im Wald vernahm sie nicht. Doch ihre gleichaltrigen Spielgefährten im Umkreis – ja manche von ihnen kannten diese Geschichten durchaus.

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Die Feder landete auf der Tischplatte und schien sie aus unsichtbaren Augen anzustarren. Entsetzen packte Lyta und sie sog die Luft jäh ein. Die Damen hinter ihr, die sie nun anstarrten als sie zu zittern begann, bemerkte die junge Frau gar nicht.
Die Feder lag einen Moment da, dann verblassten die Farben zu einem stumpfen Grau, die Feder wurde porös und trocken, zerfiel zu einem weißlichen Pulver – Asche!
Für die junge Frau war das zuviel. NICHT SCHON WIEDER!
Sie sprang auf. Dabei kippte der Becher um und die klare Flüssigkeit floss über die Asche und verwandelte sie zu grauem Schlamm. Sie stürmte voran, stieß die Tür auf und floh – floh in die Nacht – floh vor dem was sie verfolgte.
Sie rannte weiter durch die Straßen, die Wachleute sahen sie an – einer wollte sie aufhalten und fragen, ob alles in Ordnung war – doch Lyta jammerte nur. „Nein, Nein, das darf nicht sein! Nicht schon wieder! Nein! NEIN!“
Der Gardist ließ das verstörte Mädchen nicht ziehen. Es war offensichtlich, dass sie kein Verbrechen beging, doch sie war verstört, und so holte er ihr einen Becher Wein zur Beruhigung. Er holte Lyta zudem noch eine Decke und geleitete sie zur Taverne am Wegkreuz.
„Was habt Ihr, Junge Dame? Wovor fürchtet Ihr Euch?“
„Schatten.“, Lyta stotterte. „Es sind Schatten. Ich....“
„Ihr müsst das Böse nicht fürchten. Die Tugendbringerin hält ihr gerechtes Schwert über Euch. Fürchtet Euch nicht.“
Der überaus höfliche Gardist brachte sie noch bis zur Schwelle ihres Zimmers, schenkte ihr eine Münze und ein freundliches Lächeln. Lyta lächelte ebenso. Zumindest an diesem Abend wurde sie tatsächlich... gerettet.

Verfasst: Samstag 15. März 2008, 12:53
von Lyta Flinn
II
„Schminke“


Die ersten Vorboten des Frühlings waren in und um Berchgard deutlich zu erkennen. Die ersten Blumen sprossen und die ersten Knospen wuchsen auf den noch kahlen Astwerk der Bäume. Ein Anblick, den Lyta sehr genoss, als sie, zugegeben ein Nervenbündel angesichts der Nervosität, sich auf dem Weg zur Residenz De Arganta machte.
Lyta fürchtete dieses Gespräch. Es ging immerhin um eine sehr hohe Stelle, und die war mit Sicherheit gut bezahlt und sicherte ihr ein Leben zu. Doch was sollte Lyta denn sonst tun? Sie war eine Schreiberin, und nichts anderes kannte sie zugegebenermaßen als das Handwerk, welches sie von ihrem Vater erlernt hatte.
Noch wehte ein kühles Lüftlein. Die Wolken trieben tief und schwer und ließen nur ab und an einen Sonnenstrahl durch. Noch fror Lyta trotz der dicken Baumwollrobe, die sie mit ihrem letzten Geld vor ihrer Abreise erstanden hatte, ehe sie nun fast mittellos in Bajard angekommen war.
Die Banner fielen in ihr Blickfeld, die Banner, die auch das Siegel des Schreibens zierten, woraufhin Lyta nun merkte, wo sie denn war. Es war im Wesentlichen ein hübsches Gebäude, erinnerte stark an die Villa, die ihr Vater und Lyta bewohnten. Sie kam immerhin aus einem nicht gerade armen Elternhaus.
Der Hund kläffte sie an, und sie schrak zurück. Das ohnehin schon schmächtige Nervenbündel bekam es nochmals mit der Angst zu tun, und die wohlgekleidete geschminkte Frau, die sie empfing machte es nicht leichter, wies sie sich doch nun als Gräfin aus, Ehefrau eines Kronritters noch dazu. Das war ein äußerst schwieriges Unterfangen für das schüchterne Mädchen.
Lyta wurde von Felicitas eingelassen und in das Kaminzimmer geführt, wo ihr zunächst ein Kelch Wein angeboten wurde, anschließend verflog die Nervosität langsam, als man endlich ins Detail ging und ihr die Aufgaben mitgeteilt wurden, welche sie erfüllen müsse, wenn sie eine Stelle als Schreiberin annehmen würde. Etwas, das sie schaffen konnte. Noten, Schriften restaurieren, Abschriften machen. Etwas das sie großteils bereits getan hatte. Ihre Schrift war zudem recht schön, geschwungen, ab und an leicht verziert. Sie war eine Schreiberin, nichts anderes hatte Lyta gelernt.
Felicitas’ Erscheinung erinnerte Lyta durchaus an ihr Kindermädchen. Sie sah beinahe so aus, wie Anne, als sie ihr vorgestellt wurde. Die Schminke, die adrette Kleidung, abgeshen von den schwarzen Haaren war sie beinahe ganz wie Anne....
Anne...

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“Lyta? Kommst du?”

Die stadtliche Erscheinung ihres Vaters, gewandet in feinstem roten Samt stand an ihrer Zimmertür. Das neunjährige Mädchen blickte von ihrem Buch hoch und erhob sich artig. Lyta trug heute ein blaues Seidenkleid, ein Geschenk zu ihrem letzten Geburtstag.
„Ich möchte dir jemanden vorstellen. Sie wartet in meinem Arbeitszimmer.“ Er lächelte sie milde an. Lyta war natürlich vorbereitet.
Ein halbes Jahr war seit ihrem letzten seltsamen Aussetzer vergangen und sie vergaß bereits wieder. Einen neuen Hund hatte Lyta nicht bekommen, dafür jedoch eine Katze – und sie war noch am leben. Schwarz war sie wie die Nacht, ihre Augen waren Smaragde. Seltsamerweise hatte Lyta zu ihrer Katze, welche sie Arleen nannte, eine bessere Beziehung als zu jedem Hund.
Zwei Schritte hinter Eric tappste das Mädchen artig in Richtung seines Arbeitszimmers nach. Und als sie eintrat erblickte Lyta ein Gesicht, welches ihr seltsam vertraut war.
So stand sie da, ein dunkelgrünes elegantes Kleid, die roten Haare mit einer Haarnadel hochgesteckt, ein blässliches geschminktes gesicht – ja sie sah irgendwie... unheimlich aus in ihrer Schönheit. Eine Frau in den Dreißigern vielleicht, aber dennoch immer noch schön und seltsam jugendlich und reif. Ein Lächeln glitt über die erdbeerfarbenen Lippen als die stechend grünen Augen Lyta fixierten.
„Darf ich dir Anne vorstellen, Lyta? Sie wird dein Kindermädchen sein, deine Lehrerin, deine Vertraute. Ich habe sie sorgsam ausgewählt. Ihr werdet euch bestimmt mögen.“
Und tatsächlich empfand die junge Lyta eine gewisse vertraute Sympathie zu ihr. Eine Frau, mit der man gerne Zeit verbringt, eine Frau, die bestimmt vertrauenswürdig war.. Eine Lehrerin und beste Freundin. Freundin? Oh ja, sie wirkte tatsächlich wie eine Freundin.
„Hallo Lyta, es ist mir eine besondere Freude, Dich kennen zu lernen, Junges Fräulein. Es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen.“
Lyta machte einen Knicks, ganz so wie ihr Vater es ihr beibrachte, wenn Besuch anstand, dem Höflichkeit entgegenzubringen war.

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Nach einer Stunde, oder etwas mehr einigte man sich darauf, eine Woche Bedenkzeit zu erhalten. Das war mehr als genug, angesichts des anderen Angebotes, welches noch ausstand, sofern sie eine Rückmeldung erhalten würde. Eine Woche war genug, doch eine solide Stelle war notwendig.
Felicitas De Arganta reichte Lyta noch zweieinhalb Kronen, mit welchem Geld sie sich gute Kleidung besorgen sollte. Das würde wohl genügen, auch um nicht gleich zu verhungern, wobei sie sich noch ausreichend bedankte, ehe Lyta, der nun etwas mehr Farbe ins Gesicht geschossen war, besseren Mutes in die jungfräuliche Frühjahrslandschaft davontapppste.
Sie musste nun der Dinge harren, die kommen würden. Doch ein gewisser Optimismus konnte nie schaden. Eine ehrliche Stellung, gut bezahlt, das reichte Lyta durchaus, um ihrer Vergangenheit zu entkommen.
Ein Krächzen riss das Mädchen aus ihren Gedanken, als sie gerade den Wald durchschritt. Sie hob den Kopf und erblickte auf einem kahlen Ast einen Raben, der sie anstarrte. Der Rabe schien sie genau zu mustern, beinahe als würde ein Funken Verstand in seinen Augen blitzen. Lyta erstarrte, verharrte und blickte zurück. Sie konnte nicht anders, auch wenn sie nicht wusste wieso. Doch gleichzeitig spürte sie eine abgrundtiefe, wenn auch vertraute Angst.
Der Rabe krächzte nochmals, erhob sich und flatterte davon, doch verlor er scheinbar eine Schwanzfeder – und die glitt herab und landete zu Füßen Lytas.
Ein Schatten glitt über die helle Sonne. War es nur eine weitere Wolke, oder war es reine Furcht. Jedenfalls verflog Lytas gute Laune erneut. Sie setzte sich in Bewegung, die schnellen Schritte wurden zu einem Laufen.
Lyta floh – floh – floh!
Doch vor was floh sie eigentlich? Sie wusste es selbst nicht. Es war wohl die Angst.
Angst – ja das war es wohl. Und doch rannte sie weiter.

Verfasst: Montag 17. März 2008, 08:18
von Lyta Flinn
III
„Finde deine Bestimmung… wieder!“ (1. Teil)


Lyta war im Grunde froh ein halbwegs ansehnliches Kleid zu haben, mit dem sie sich nach draußen wagen konnte. Ihre Garderobe verweilte wohl noch im Herrenhaus der Flinns, dort wo sie nicht zurückkehrte. Der Schmerz über den Verlust ihres Vaters saß tief. Immer noch hatte sie keine Ahnung was los war, doch seit ihrer Ankunft auf Gerimor verdichteten sich die unheimlichen Begebenheiten.
Obwohl sie weder zu- noch abnahmen empfand Lyta es so. Anfangs konnte sie die Raben, die Federn, die Stimmen in ihrem Kopf noch ignorieren oder es abtun – doch nach einer gewissen Zeit ging es einfach nicht mehr. Die wenigen Momente die sie hatte, wo sie vergessen konnten waren davon geprägt, sich in der Fremde wieder zurechtzufinden. Gerade sie, das Töchterchen des Hauses, behütet vom Tage ihrer Geburt – nun auf sich allein gestellt.
Vielleicht war es mehr eine Scheu als eine Angst, als Xantero sie neu einkleidete. Lyta war es gewohnt, dass eine Schneiderin ihre Garderobe fertigte. Immerhin, er war freundlich, und so mochte sie auch wider den Warnungen ihres Vaters glauben, dass er sie nicht anfassen wollte. Und so ließ sie ihn gewähren als er ihre Maße nahm. Am Ende des Nachmittages hatte sie ein hübsches kleid. Nicht so elegant wie jene, welche sie zuhause trug, aber immerhin. Lyta wirkte so nicht mehr ganz so ärmlich.
Und dann war auch noch Markttag. Ein Tag, den Lyta auf Haming, ihrer alten Heimat schon liebte. Es gab viel zu sehen und viele Händler von nah und fern kamen, um ihre Waren zu verkaufen. So auch hier. Hier war der Markt nicht gar so prächtig wie daheim, es fehlten die Fisch- und Fleischhändler, es fehlte die idyllische Kulisse des Meeres im Hintergrund. Doch die Waren waren gut – feinste Qualität, freundliche Händler.
Doch ein Kleid, welches sie suchte, sollte sie die Stelle bei der Gräfin tatsächlich annehmen, was wahrscheinlich war, fand sie nicht. Die Schneider konnten es schlicht nicht herstellen. Dazu kam noch die Tatsache, dass Lyta sich sehr unwohl fühlte, wo sie niemanden kannte. Verloren wie ein kleines Kind.
Gerade befand sie sich an einem menekanischen Stand, welcher bereits wieder geschlossen werden sollte, als sie an der Spitze einer nahe gelegenen Laterne etwas erblickte, das sie erbleichen ließ. Es war ein Rabe. Und er starrte genau zu Lyta.
Finde deine Bestimmung wieder Lyta!
Finde sie wieder

Vielleicht war es nur der Schatten eines Gedankens, der ungewollt den Weg zu ihrem Bewusstsein fand – doch sie hörte diese flüsternde Stimme so deutlich.
Finde deine Bestimmung wieder, Lyta Flinn.
Sie ergriff panisch die Flucht. Konnte man sie nicht einmal mehr in Varuna in Frieden lassen? Und so rannte sie los – schnurstracks aus der Stadt. Es konnte so nicht weitergehen. Wurde sie verrückt?

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Der Wind zerzauste ihr Haar. Es war Herbst geworden und Lyta war in einen Mantel gehüllt, als sie am Grab ihres toten Hundes stand. Ihr Vater hatte den kleinen Hügel alleine aufgeschichtet. „Du kannst ihn immer besuchen kommen, und er wird dir zuhören“, hatte er zu ihr gesagt.
Sie blickte seitlich hoch. Anne stand neben ihr, ebenfalls in einen Mantel gehüllt blickte das Kindermädchen mit einem warmherzigen Blick zu ihr nach unten.
„Anne?“ hatte Lyta gefragt. „Warum müssen wir sterben?“
„Nun“, begann Anne ruhig. „Der Tod gehört zum Leben dazu. Er ist ein Teil von uns. Genauso wie die Geburt. Geburt, Leben und Tod sind drei Zeitabschnitte die uns gegeben sind.“
„Ich will aber nicht sterben“, meinte Lyta niedergeschlagen. „Ich will nicht sterben, und ich will auch nicht, dass noch wer stirbt.“
„Die Trauer um den Verlust eines Menschen währt nicht ewig“, begann Anne nun wieder auszuführen. „Denn nicht alles was stirbt, das ist auch tot. Gerade du, kleines Mädchen, solltest dir diese Fragen nicht stellen. – Du solltest sie dir noch nicht stellen.“
Und nun bekam Annes Blick etwas verheißungsvolles. Es war der Blick einer Frau, die ein Päckchen zu ihrem Geburtstag öffnet und sie begierig hineinstarrt, welche Überraschung sich wohl darin befinden mag. „Und Lyta. Merke dir meine Worte gut. Es mag die Zeit kommen, da werden wir alle sterben. Es ist uns bestimmt. Doch der Tod – der ist nicht immer das Ende. Und es mag der Tag kommen, da du deine Bestimmung – deine allein – wieder findest.“

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Lyta eilte zur Kutsche. Sie musste hier Weg. Es verfolgte sie überallhin. Und nirgendwo würde die junge Frau Ruhe finden. Es war aussichtslos. Sie drückte dem Kutscher einige Münzen in die Hand mit der knappen Begründung „Bringt mich weit weg von hier… Bitte!“
So kam es, dass sie vor Bajard ausstieg. Ein ihr nur all zu vertrauter Ort. Inzwischen war die Nacht hereingebrochen – ein kühler Wind kam vom Nordwesten her auf. Ein letztes Aufbäumen des Winters möglicherweise.
Der Wind zerrte an ihrer karottenfarbenen Mähne als sie schnellen Schrittes zum Dorfeingang tappste. Die beiden Gestalten in Grau bemerkte sie gar nicht. Sie wollte nur irgendwo unter Menschen sein. Die einzige wage Hoffnung, die Lyta noch hatte. Doch der Rabe machte selbst davor nicht halt, sie mitten unter Menschenmassen zu beobachten. Das wurde Lyta schon sehr bald klar.
Sie suchte sich eine Bank und ließ sich auf dieser nieder. Sie schlang ihre kümmerlichen Arme um ihren Körper – sie wollte nur vergessen.
Werde ich verrückt?
Irgendwelche schönen Gedanken. Sie musste sich ablenken. Lyta hatte ja sonst nichts mehr.

Ein Krächzen riss sie aus ihren verzweifelten Gedanken. Sie fuhr zusammen und blickte hoch zum nachtschwarzen Himmel. Und da war er wieder.
Ein krächzender Rabe zog seine kreisenden Bahnen über Lyta hinweg. War es derselbe?
Dann glitt etwas schwarzes zu Boden, und in dem Moment hatte sie das Gefüh es war schwärzer als die Nacht. Es tänzelte noch eine Weile im Wind, ehe Lyta erkennen konnte, was es war. Und dann landete es schon am Boden.
Es war eine schwarze Feder!
Lyta erbleichte!

Fortsetzung folgt…

Verfasst: Montag 17. März 2008, 20:19
von Lyta Flinn
III
„Finde deine Bestimmung… wieder!" (2. Teil)


Lyta erbleichte!
Es dauerte eine Weile bis sie sich vom Anblick der schwarzen Feder losriss. Für jeden Umstehenden mochte es eine normale Feder sein, und in anderen Tagen wäre selbst für die kleine unscheinbare Frau nichts anderes gewesen. Aber es waren diese Tage – es waren düstere Tage. Und Lyta verfolgte diese Feder seit jenen grauenhaften Vorkommen auf dem Friedhof. Das, was sie hier sah war ein Zeugnis dessen, dass jemand oder etwas sie verfolgte – sein Wille – seine Stimme – und sie hallte in ihrem Geist wieder.
Lyta. Finde deine Bestimmung wieder.
Die Zeit ist reif!

Zittrig erhob Lyta sich, ohne auch nur noch einen Blick zu Boden oder nach hinten richtend rannte sie los. Ihre schmalen Beine trugen sie nicht schnell, und auch nicht besonders weit, angesichts der blinden Panik, die sie erfasste.
Deine Zeit ist gekommen, Lyta!
Sie bemerkte nicht wie ihr eine Gestalt in Dunkelgrau gekleidet, maskiert und nicht ersichtlich, ob Mann oder Frau ihr folgte. Sie rannte, rannte, rannte!
Finde deine Bestimmung wieder!
Du musst.
Es ist deine Bestimmung, die du verloren hast.
Doch sie ist nicht verloren!

Lyta ertrug die Stimmen nicht mehr, stolperte und fiel längs in den Straßenschmutz

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Noch am selben Abend nach dem Gespräch am Hundegrab saßen Lyta und ihr Vater bei Tisch zum Abendessen.
Das war etwas Besonderes, denn Eric Flinn war ein vielbeschäftigter Mann und hatte trotz allem nicht immer Zeit für seine Tochter. Anne tätigte einen Spaziergang, wie sie sagte.
Eine Weile saßen sie so da, aßen und blickten sich schweigend an, ehe Lytas Vater schließlich das Schweigen brach.
„Schatz? Du bist heute so still. Bedrückt dich etwas?“
Lyta blickte von ihrem Rinderbraten auf. „Wie? Nein. Nein!“ Sie schüttelte den Kopf. „Es ist nichts... Nein – es... es ist nur...“
„Was denn?“ fragte Eric ruhigen Tones.
Es dauerte eine Weile, in der Lyta auf ihrem Stuhl hin- und herrutschte ehe sie endlich sprach. „Vater? War es meine Schuld, dass Mutter gestorben ist?“
Eric sah sie eine Weile überrascht an. Mit der Frage hatte er wohl nicht gerechnet. Er rang sich zu einem Lächeln durch. „Aber nein, Liebes. Es war nicht deine Schuld. Deine... Deine Mutter verkraftete es einfach nicht. Du trägst keine Schuld. Manchmal sterben Mütter leider, wenn sie ein Kind zur Welt bringen. Deine Mutter – sie war einfach nicht stark genug.“
Nachdenklich blickte Lyta ihren Vater an. „Dann.... dann muss ich auch sterben, wenn ich einmal ein Kind bekommen sollte?“ Diese Frage war gar nicht dumm, denn jetzt ging das kleine Mädchen natürlich davon aus, dass Mütter sterben müssen, wenn sie ein Kind gebären.
„Es passiert nicht oft dass kleine Mädchen wie du ohne Mutter aufwachsen müssen“, erklärte Eric milden Tones. „Ihr Tod schmerzt mich sehr, und es schmerzt mich, dass du deine Mutter nie kennen gelernt hast, kleine Lyta. Aber der Tod gehört eben zum Leben dazu. Er ist ein Teil von uns. Die Geburt, so wie das Leben, das Aufwachsen, das Altern – und dann der Tod. Manche holt er früher, manche später. Es ist uns so bestimmt.“
„Bestimmt...“ Lyta nickte zaghaft. So etwas ähnliches hatte ihr ja Anne schon erklärt.
„Und wir.... Anne hat gesagt, jeder von uns hat eine Bestimmung.“
„So ist es.“ Eric nickte ihr zu. „Und du, Lyta, du hast ebenfalls eine Bestimmung. Es mag der Tag kommen, da du deine Bestimmung wiederfindest. Aber der Tod gehört nicht dazu.“

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„Nein Nein! Geh weg! Nein! Nein!“ Lyta wimmerte. Für den Außenstehenden mochte es erbärmlich aussehen. Eine kleine Frau, die vor etwas weg lief, das nicht da war.
Das Drumherum bekam Lyta nicht mit. Erst als eine männliche Hand ihr hoch half kam sie wieder zur Besinnung. Tränen liefen ihr übers Gesicht. Sie hatte wirklich Angst. Eine blonde junge Frau in rosa Kleidung trat zu Lyta hin und bot ihr an, sie in die Taverne zu geleiten, wo man bei einem Becher warmen Wein darüber reden konnte was passiert ist. Zaghaft nur stimmte Lyta zu.
Man ging also in die Taverne. Langsam konnte Lyta sich beruhigen. Die Unbekannte setzte sich ihr gegenüber hin und begann zu sprechen.
„Was war denn los, Liebes? Da läuft ein junges Mädchen vor etwas davon, das man nicht sieht.“
„Ich... Ich weiß nicht“, stammelte Lyta. „V...vielleicht werde ich auch einfach nur verrückt.“
„Aber nein“, sprach die junge Frau zu ihr, beinahe so als wolle sie Lyta tatsächlich Glauben schenken. „Es gibt doch für alles eine Erklärung. Also? Was ist los.“
„Er... Er verfolgt mich. So ein... ein Rabe. Schon seit ich hier auf Gerimor ankam. Und ich habe einfach keine Ahnung wieso.“
„Ein Rabe.... Soso.“
Lyta wusste natürlich, wie lächerlich das klang. Sie musste verrückt sein, anders konnte man sich das ja tatsächlich nicht erklären.
„Ich glaube dir.“ – Das war im Grunde alles was die Unbekannte meinte. „Ich höre dir zu, denn vielleicht gibt es ja eine Erklärung für das alles.“
Die Stimmen in ihren Kopf erwähnte Lyta vorsichtshalber nicht. Das Ganze war ja doch zu unglaublich.
„Ich möchte etwas mit dir versuchen. Gehen wir dem Ganzen auf den Grund“, sprach die blonde Frau weiter. „Ein Experiment.“
„Wird es weh tun?“ Lyta erschauderte vor dem Wort „Experiment“.
„Nein – es ist ein Versuch. Es ist – Ach wir werden ja sehen. Morgen bin ich wieder hier in Bajard. Dann suchen wir einen ruhigen Ort.“
Langsam nickte Lyta. Es war vielleicht besser so. So konnte man feststellen, ob sie tatsächlich verrückt war oder nicht.
„Aber bitte... erzähl niemanden davon. Ich... Ich suche gerade Arbeit und.... und wenn jemand erfährt, dass ich verrückt bin wird mich niemand haben wollen... Schon gar keine Gräfin.“ Lyta senkte das Haupt.
„Versprochen“ – die Unbekannte nickte zuversichtlich. Das war wohl der einzige Hoffnungsschimmer den eine verlorene Seele in der unbekannten Fremde einsam und verlassen hatte...
Und so trennten sich schließlich um Mitternacht die Wege der beiden Frauen. Morgen vielleicht würde Lyta Antworten erhalten. Antworten auf Fragen, die sie sich schon lange stellte.
Warum habe ich immer wieder diese Aussetzer?
Und warum muss immer jemand dabei sterben?

Fragen, die sie nie laut ausgesprochen hatte, schon gar nicht gegenüber einer Unbekannten. Aber... Und das fürchtete Lyta am meisten! Was – was wenn sie tatsächlich verrückt war?
Dunkle Gedanken kreisten schließlich des Nächtens in Lytas Geist herum. Sie waren wieder da, diese Gespenster, die sie heimzusuchen drohten. Sie war verloren. Verloren in der Dunkelheit. Wenn sie überhaupt Schlaf fand, dann erst, als im Osten der erste Streifen Silber zu Feuer wurde. Und selbst dieser Schlaf war unruhig.

Verfasst: Mittwoch 19. März 2008, 12:41
von Lyta Flinn
IV
„Ein Traum“


Lyta war von Haus aus schüchtern.
Als Tochter eines reichen Kaufmannes, wohlbehütet mit einem Kindermädchen aufgewachsen, ihr möglichst das Böse vom Leibe haltend fühlte sie sich fehl am Platze, da wo sie war. Man musste sich erst daran gewöhnen, allein zu sein, und die fremden Gesichter, welche ihr zugegeben zumeist freundlich begegneten bereiteten ihr durchaus Unbehagen.
So auch an diesem Abend in Bajard.
Die blonde Frau war nicht gekommen – vermutlich dachte sie ja doch, Lyta wäre verrückt, und wer konnte es ihr denn auch verdenken? Die Ereignisse waren bei aller Liebe alles andere als glaubhaft, selbst für sie, die nicht unbedingt als rationale Denkerin bekannt war, aber auch nicht unbedingt weltfremd, zumindest was ihre Bildung anging.
Ruhe war alles was Lyta an diesem Abend in Bajards Taverne suchte – und natürlich das Wiedersehen mit der Frau, welche ihr versprach, der Sache mit Lyta gemeinsam auf den Grund zu gehen. Ob es etwas half?
Gerade leerte sie den letz6ten kümmerlichen Rest Wasser aus ihrem Becher. Der Durst war verflogen. – Vorerst!
Ein Junge, kaum jünger als sie vielleicht betrat die Taverne. Sein Gebaren war etwas…. Aufdringlich. Ziemlich schnell kam er in ihre Richtung und lächelte sie mit strahlend weißen Zähnen an.
„Madame.“
„!Den…. Den Göttern zum Gruße“, wisperte Lyta scheu gen des Mannes.
Er trat nun wirklich zu ihr hin, und diese Aufdringlichkeit war Lyta alles andere als angenehm. „Madame, Euer Kleid und Euer Haar erinnert mich an die aufgehende Sonne, die den Mond noch nicht ganz verdrängt hat, noch jung und frisch, kaum die kühle Morgenluft durchbrechend…“ oder so ähnlich – Lyta erinnerte sich später nur noch daran, was er ausgesagt hat. Dass sie leicht errötete merkte sie nicht.
„Die… Die haare waren immer so.“ Sie strich sich mit ihrer zierlichen Linken durch eine Strähne, da fiel die Aufmerksamkeit des wohl versucht charmanten Jungen auf das verschnörkelte knöcherne Armband. Er fragte sie danach.
„Das… habe ich gefunden“, gab sie wahrheitsgemäß zurück. Sie erwähnte jedoch nicht wo sie es gefunden hat. Ungern erinnerte das Mädchen sich an diese Ereignisse, die mit dem Tod ihres Vaters zu dem Grauenvollsten gehörte, das sie in ihrem Leben erleben musste, und beide Ereignisse lagen keinen Mondlauf auseinander.
Er versuchte ihr Handgelenk zu greifen, Dabei zuckte sie, ob gewollt oder ungewollt, zusammen und zog die hände zurück und umschloss mit ihren Armen ihren zierlichen Körper.
„Das wird so nichts“, seufzte der Junge und wandte sich unverblümt ab. Lyta war das nur recht.
Sie griff nach dem Becher und blickte hinein, doch lediglich etwas Streulicht reflektierte vom rauen Zinn des Gefäßes. Sie stellte es ab und schloss nachdenklich die Augen.
Wo bleibt sie denn nur?
Langsam öffnete sie die Augen wieder – und nur zufällig fiel ihr Blick auf den Wasserbecher vor sich. Es war ihr schon öfter passiert dass sich plötzlich Wasser in jenem befand. Vielleicht stellte es ihr jemand hin oder…. Aber sie stellte grundsätzlich lieber keine Fragen, nachdem es für sie normal geworden wäre. Jedoch diesmal war es völlig anders. Die Flüssigkeit in dem Becher war dunkelrot und dickflüssig. Der penetrante Geruch der ihr in die Nase kam war auch nur all zu ersichtlich.
Es war Blut!

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Als Lyta zehn Jahre alt war hatte sie einen Traum.
Sie blickte zuerst gen von Gewitterwolken geschwärzten Himmel. Die Luft war heiß und drückend. Grellviolette Blitze zuckten zwischen den Wolken hin und her und gingen einem dumpfen Donnergrollen voraus. Obgleich es nicht laut war, war Lyta so als bebe die Erde vor dem Widerhall des Donners.
Als sie den Blick endlich senkte erblickte sie um sich herum ein Rund aus hohen Obelisken. Sie waren wirklich sehr hoch, etwa 100 Fuß und bestanden aus schwarzem Rauchquarz. Sie zählte fünf. Die Fläche innerhalb des Runds dessen Eckpunkte die Säulen bildeten glänzte und war offenbar aus demselben Material. Lyta erkannte, dass sie in der Mitte stand – nur sie und sonst nichts. Die dunkelgrauen bis grünen Gewitterwolken spiegelten sich in der unendlichen Schwärze der Fläche – die am fernen Himmel zuckenden Blitze waren nur all zu gut zu erkennen.
Plötzlich schnalzte es ohrenbetäubend. Im Spiegel des Bodens erkannte Lyta, dass ein grellweißer Blitz in eine der Säulen einschlug. Sie zuckte zusammen und riss den Kopf hoch, nur um festzustellen dass ummittelbar danach in Folge ein Blitz in jede Säule einschlug, und jeder Donnerknall war eine Explosion an Schrecknis.
Dann – Stille – ehe das Inferno losbrach. Ein strenger Wind kam auf und pfiff über die gerade Fläche. Blitz und Donner zerrissen den Himmel in Scherben ehe sich die Schleusen öffneten und ein unvorstellbarer Regenguss begann, herabzustürzen. Es gab ein ohrenbetäubendes Plätschern als die schweren Tropfen den Boden berührten. Lyta musste sich die Hand vorhalten, um noch Luft zu bekommen. Dabei bemerkte sie nun, dass die Säulen zu glühen begannen. Es war ein seltsam violettes Licht, in welchem schwarz zu weiß, und weiß zu schwarz wurde. Und in diesem penetranten Glühen der Säulen welches schon beinahe die Dunkelheit selbst einzusaugen schien, erkannte sie, dass die schwarze Fläche ein Muster besaß – es war ein fünfzackiger Stern – erst viel Später erkannte Lyta die Form wieder, nämlich die eines Pentagrammes. Und dieses glühte nun in einem dunklen aber durchdringenden Rot auf.
Als wüsste sie, was zu tun wäre streckte Lyta die Hände aus. Ihr weißes Nachthemd war inzwischen klitschnass. Sie drehte die Handflächen nach außen und begann in einer für sie unbekannten Sprache einen Singsang. Dabei wurde das Zeichen auf dem Boden noch ein Deut heller – die schweren Regentropfen prasselten unerbittlich auf die sich spiegelnde Fläche mit ohrenbetäubendem Lärm. Das Donnern und Blitzen jedoch erstarb, während der Himmel dunkler wurde. Die Nacht brach langsam herein.
Die Tropfen wurden schwerer und schwerer und änderten ihre Farbe in ein dunkles Rot. Der Lärm des herabstürzenden Wasserfalles erstarb ziemlich schnell während der nun dickflüssige warme dunkelrote Regen herabströmte. Stille – unheimliche Stille. Lyta blickte an sich herab und erkannte erste rote Sprenkel an ihrem Nachthemd.
Sie schrie auf.

Mit einem Mal saß sie aufrecht im Bett, kalter Schweiß troff ihr von der Stirn und als sie endlich die Fassung wiedererlangte, in der Erkenntnis, dass es wirklich nur ein Traum war, keuchte sie schwer auf. Draußen war bereits die Sonne aufgegangen. Es würde ein herrlicher Sommertag werden.
Die Tür sprang auf und eine besorgt dreinblickende Anne kam hereingestürmt.
„Lyta, Kleines! Was hast du, was…..“ Sprachlos blickte sie gen des Mädchens. Lyta selbst erwiederte den Blick nur ratlos und folgte erst jetzt ihrem Blick. Was sie sah ließ sie selbst in späteren Jahren noch erschaudern, als der Traum selbst nur noch ein Schatten der Erinnerungen war.
Die Bettdecke, ja ihr ganzes Nachthemd war mit Blut besprenkelt! Sie erstarrte vor schreck.
Dann kam ihr Vater noch die Türe herein. Sein Arbeitszimmer war nur zwei Türen weiter. Und auch er hielt inne, sagte jedoch kein Wort als er die blutende Lyta erblickte.
„Mir… mir fehlt nichts“, stammelte Lyta. „Es war… ich hatte einen… einen Traum.“
Eric blickte Anne fragend an, diese erwiederte den Blick und nickte daraufhin nur knapp, als wolle sie etwas…. Etwas bestätigen?
„Das macht doch nichts, Lyta. Mach dir keine Sorgen.“ Anne lächelte plötzlich milde. Das Erschrecken wich aus ihrem Gesicht wesentlich schneller als aus dem Erics, doch auch er rang sich schließlich zu einem Lächeln durch, drehte um und verließ Lytas Zimmer.
„Was… was ist passiert?“ stammelte Lyta.
„Nichts, Nichts ist passiert. Es ist alles in Ordnung.“ Anne setzte sich an die Bettkante und strich vorsichtig über die schweißnasse Stirn des Mädchens. „Komm, gehen wir dich reinigen. Du hast wohl nur etwas Fieber.“
Aber Lyta hatte kein Fieber. Nachdem sie saubergemacht wurde, wurde den Rest des Tages kein Wort mehr darüber verloren. Gelegentlich fragte Lyta Anne an diesem Tag noch, was denn vorgefallen wäre, ob etwas mit ihr nicht stimmte, doch das entwaffnende liebevolle Lächeln des Kindermädchens und das schnelle Wechseln des Themas machten dies schnell vergessen.
Jedenfalls fragte sie nicht weiter nach. Doch die kommenden Tage, Wochen, Monate fragte sie sich immer wieder, was das alles zu bedeuten hatte. Später wusste sie nur noch dass sie irgend etwas geträumt hatte, und als sie aufgewacht war, blutete sie ohne verletzt zu sein, oder nein, vielmehr war ihr Nachthemd voller Blut.
Doch der Traum selbst, ja dessen Erinnerung war fort. Er war ein Schatten.

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Lyta schrak zusammen, wobei ihre Rechte versehentlich nach vor stieß und den Becher umleerte. Die sich darin befindliche Flüssigkeit floss aus, über den Rand des Tisches und troff auf das Holzgebälk der Taverne.
Die Augen des Jungen weiteten sich. Lyta selbst blieb noch eine Weile erstarrt auf ihrem Platz sitzen, ehe sie endlich die Fassung wieder fand und aufsprang. Der Junge tat einen Schritt zur Seite als sie japsend zur Türe Stürmte, die Klinke fand und die Taverne fluchtartig verließ.
Was immer es auch war. Der Junge dürfte das Blut auch gesehen haben., sagte er doch noch darauf "Das müsst Ihr mir später noch erklären, Madame" Es war keine Einbildung, aber was immer es auch war, es war nicht natürlich, und sie hatte es verursacht.
Lyta rannte los. Sie musste dieses Dorf verlassen. Was sie auch immer verfolgte, sie kannte seinen (oder ihren) Namen nicht, es hatte keine Gestalt, es hatte jedoch Form.
Und es verfolgte sie, egal wo sie war.

Verfasst: Freitag 21. März 2008, 11:38
von Lyta Flinn
V
„Unter Auserwählten“ (1. Teil)


Um Bajard war es Nacht geworden. Die Schatten der Dunkelheit breiteten ihre Flügel aus und hüllten das Dorf und sein Umland in Finsternis.
Lyta war an diesem Abend erneut in Bajard unterwegs. Gerade las sie die Nachricht eines gewissen Leandro Montego, welcher ihr ebenfalls eine Stelle anbot, nachdem der Justizier des Dorfes die Stelle quittiert hatte. Sie gedachte, ihm eine Antwort zukommen zu lassen und würde sich, sobald sie etwas Ruhe finden würde, daran setzen einen Brief zu verfassen. Doch zunächst galt es noch, einen Spaziergang zu tätigen. Eine der wenigen entspannenden Freuden, die sich das verlorene Bündel Elend gönnen konnte, hier in der Fremde...
Die Luft des nahenden Frühlings tat gut. Ein zarter Hauch von Wachstum – ein Duft den das Mädchen liebte, lag in der Luft. Nachdem der Abendspaziergang getätigt war, kehrte sie noch einmal zurück in das Dorf ehe sie die Kutsche nach Varuna nehmen würde. Die Bedenkzeit war in Zwei Tagen vorbei. Sofern das Angebot dieses.... Montego nicht besser war würde sie wohl diese Stelle annehmen. Obgleich Varuna und das Reich ihr ohnehin wesentlich lieber waren als dieses Dorf, in dem es eigentlich so gut wie jeden Abend irgendein Scharmützel gab.
Sie ließ sich auf der Sitzbank nieder und ruhte sich aus. Ein ruhiger Abend – welch ein Glück
Ein „Nanu?“ riss Lyta aus den Gedanken. Sie blickte hoch und erblickte die blonde junge Frau, welche ihr versprach, gemeinsam dem Geheimnis der schwarzen Feder auf den Grund zu gehen. Lyta lächelte matt.
„Den Göttern zum Gruße“, wisperte Lyta ruhig in ihre Richtung, und da ließ sich die junge Frau, deren Namen Lyta nicht kannte auch schon zu ihrer Rechten nieder. Es konnte vielleicht ein klärendes Gespräch werden. Sie hoffte es inständig. Doch der Blick der Frau ging woanders hin. Ebenfalls nach Links, jedoch weiter ausschweifend, und Lyta folgte diesem Blick nun auch.
Lyta erschauderte. Da stand eine Frau im spärlichen Licht der Laterne. Und diese Frau hatte eine blaue Hautfarbe! Ihre Ohren waren Spitz, ihr Haupthaar von einer undefinierbaren dunklen Farbe. Und diese starrte unverhohlen zurück.
Als wäre dies noch nicht genug kam sie nun direkt auf die beiden Frauen zu. Lyta zuckte zusammen. So etwas hatte sie noch nie gesehen, und die ungewöhnliche blaue Färbung der Haut bereitete der jungen Frau Unbehagen.
„Zum Gruße“, grüßte die blonde Frau dem Wesen zu.
„Den Göttern zum Gruße“, wisperte die eingeschüchterte Lyta zurück.
Anstatt ihnen jedoch eine Grußfloskel entgegenzubringen verschränkte das Wesen die Arme und fragte unverhohlen: „Seid ihr aus diesem Dorf?“
„Ich nicht“, gab Lyta wahrheitsgemäß zu.
„Kann man so nicht sagen“, antwortete die blonde Frau.
„Wisst Ihr etwas über ein Volk der Anguren?“
Die Frage verwirrte Lyta, sie hatte über ein solches Volk jedenfalls noch nie etwas gehört. Einzig die Menekaner waren ihr bekannt, da sie ein sehr emsiges Händlervolk waren. Von Anguren jedoch vernahm sie nie etwas.
„Sie sollen vor der verfluchten Stadt Varuna ein Lager aufgestellt haben.“
„Ihr meint“, gab die blonde Frau etwas naiv zurück, „diese Riesen gibt es wirklich?“
„Habt Ihr sie gesehen oder nicht?“ fragte das Wesen gleichgültig.
„Ich habe dort keine gesehen“, fiepste ihr Lyta ebenfalls wahrheitsgemäß entgegen.
„Ihr wisst ja rein gar nichts!“ gab das Wesen nun deutlich verächtlicher zurück.
„Ich weiß wohl was“, entgegnete die Blonde. „Ich weiß wie man Kuchen backt. Und meine Mutter weiß auch viel!“
Eine Unbekannte Frau kam vorbeigeschritten, welcher dem Wesen doch tatsächlich das Haupt zuneigte mit der Grußformel „Seinen Segen, Auserwählte.“ Offenbar eine Respektsfloskel. Doch das Wesen nickte der Frau lediglich knapp zu.
Das blaue Wesen ließ es sich nun nicht nehmen, ein paar beleidigende Worte gen der Frauen zu sprechen. „Die Fischfrau“, wisperte Lyta der Blonden zu, „ist unfreundlich. Macht bitte, dass sie weggeht.“
„Warum lässt sie uns denn nicht einfach in Ruhe? Fragte sie die Blonde.
Lyta kniff die Augen zusammen, und etwas durchfuhr ihren Körper, das sich das Mädchen nicht erklären konnte. Als sie die Augen nämlich öffnete, wurde es taghell. Die Schatten der Nacht waren verschwunden. Das geschah zugegeben auch schon öfter, aber immer so.... überraschend.
„Warum ist es plötzlich tag?“ Lyta blinzelte und starrte gen des Himmels. Die Sterne selbst schienen ungewöhnlich hell, die Konturen der Nacht wurden härter, aus Schemen wurde feste Gestalt. Sie war verwundert.
„Es soll schweigen“, feixte das Wesen gen der Blonden, damit war wohl Lyta gemeint.
„Ich mag die blaue Frau nicht“, sprach Lyta mit nun zittriger ängstlicher Stimme nach rechts.
„Nennt mir doch Euren Namen!“ gab die Blonde nun überraschend angriffslustig zurück.
„Nein! Nicht! Erzürnt Es nicht. Wer weiß was Es mit uns anstellt. Am Ende verhext es uns noch.“ Lyta hatte nun wirklich Angst und rückte etwas näher an ihre Nachbarin.
Erneut warf die Frau mit blauer Haut beleidigende Worte von verderbten Städten und Huren voran. Doch das bekam Lyta gar nicht mehr mit. Sie fürchtete sich nun wirklich und aus einem beständigen Zittern wurden krampfhafte Bewegungen.
Was sie jedoch wohl nicht bemerkte war ein warmer dickflüssiger Regen, der gleichzeitig auf das Wesen begann danieder zu tropfen. Der Regen war dickflüssig und... rot. Von ihm ging ein säuerlich-metallischer Geruch aus.
Die Krämpfe ließen nach wenigen Momenten nach – und gleichzeitig endete auch der Regen, von dem nur die Blonde Frau etwas mitbekam und verwirrt vorausstarrte. Lyta bekam nicht mit wie das Wesen einen Fingerhut voll von ihrer rot besprenkelten Kleidung nahm, daran roch und davon kostete.
Die blonde Frau legte Lyta nun einen Arm auf die Schulter, doch das bekam sie kaum mit. Das Unbehagen und die Angst begann langsam Überhand zu nehmen. Dann durchfuhr ein stechender Schmerz Lytas Schulter. Sie kreischte auf...

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Einige Tage zuvor erblickte Simoen De Vyr, als sie am Dorfrand mit ihrer Glaubensschwester nach potentiellen Opfern für den Richter Ausschau hielt eine kleine schmächtige Gestalt, wie sie panisch aus Bajard floh.
Wovor sie floh konnte die Dienerin des Raben nicht ausmachen. Aber das blasse Mädchen mit dem orange-roten Haar blickte immer wieder ängstlich hinter sich. Eigentlich ein willkommenes Opfer, und so folgte sie der Flüchtenden mit ruhigen Schritten, ein gemeines Lächeln auf den unter der Maske befindlichen Lippen. Sie wirkte so rein, so unschuldig – perfekt!
Dann stolperte das Mädchen und fiel in den Straßendreck! Noch perfekter. Wenn jetzt noch keiner vorbeikommt, dann würde sie nur den Dolch zücken und ihn der Frau in den Rücken stoßen müssen. Das war schon fast zu einfach.
Noch dazu konnte Simoen die Angst richtiggehend schmecken. Das Mädchen zitterte. Das Mädchen wimmerte. Den Gesichtsaudruck unter dem wallenden Karottenschopf konnte sie sich nur zu gut vorstellen. Das war das Aufregende an einer Seelenjagd.
Doch ehe sie den Dolch zücken konnte kam auch schone in junger Mann vorbeigeritten, der besorgt innehielt und von seinem Ross abstieg. Er versuchte zu helfen! Damit war die Chance vertan. In ihrem Inneren fluchte Simoen verächtlich. Immer diese Helden!
Doch etwas anderes fiel ihr noch auf. Sie blickte hoch und erblickte einen Raben, der über dem Geschehen kreiste und eine seiner Schwanzfedern genau über dem Haupt des jungen Mädchens verlor. War das am Ende gar ein Zeichen?
Die Feder glitt herab – und landete direkt zu Simoens Füßen. Sie ging in die Hocke und hob das Ding auf. Und dann wurde ihr gewahr, dass es tatsächlich ein Zeichen sein musste. Zuerst verblassten die Farben der Rabenfeder, dann wurde der Stiel porös und begann abzubrechen. Binnen weniger Momente zerfiel der Gegenstand zu weißer Asche, welche sich in der Landschaft verteilte wie Staub.
Was wollte ihr der Richter damit sagen?

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Lyta öffnete die Augen wieder und es war jäh wieder dunkel.
Sie stand außerhalb Bajards – wo sie doch wenige Momente vorher noch gesessen hatte stand sie nun auf offener Wiese im Dunkel der Nacht. Was war geschehen?
Verwirrt blickte die junge Frau hinter sich und bemerkte die spärlichen Lichter der Laterne etwa 100 Fuß in der Ferne. Eine Wolke schob sich über den nun sichtbaren Mond – und es wurde noch dunkler.
: als sie de Mund öffnete und einatmen wollte, wohl bereits Böses ahnend bemerkte Lyta, dass ihr Mund völlig verklebt und von einer Flüssigkeit benetzt war.
Sie leckte sich über die Lippen und bemerkte, dass die Substanz, die ihr unbemerkt bereits über das Kinn floss und zu Boden troff säuerlich-metallisch schmeckte.
Als der Mond wieder sichtbar wurde und sein kontrastreiches silbriges Licht über das Land warf wagte Lyta, mit dem Finger kurz über ihre Lippen zu streichen – und bemerkte, dass die klebrige substanz dunkel war.
Es war Blut!
Lyta leckte sich kurz über die Lippen um herauszufinden wo sie sich denn verletzt haben konnte – doch stellte sie schnell fest, dass es keine Verletzungen gab.
Lyta erstarrte.
Es war nicht ihr Blut!

Fortsetzung folgt...

Verfasst: Samstag 22. März 2008, 02:01
von Lyta Flinn
V
„Unter Auserwählten” (2. Teil)


Lyta erstarrte.
Es war nicht ihr Blut!
Es dauerte eine Weile bis der Gedanke sich in ihrem Geist ausbreiten konnte und mit schwarzen Rabenflügeln ausschlug. Und endlich konnte sie schreien.
Sie stieß einen schrillen Schrei aus und sank zu Boden. Es ist schon wieder passiert!
“Nicht mein Blut! Nicht mein Blut!“ war alles, was man aus ihrem hysterischen Gewimmer zu hören bekam.
Ihre Glieder verkrampften sich, sie krümmte und Wand sich am Boden, als sie zu Füßen eines Felsens lag. Es war entsetzlich. In diesem Moment war Lyta sichtlich am Durchdrehen. Das Blut quoll aus ihrem Mund das irgendwie da hin gelangt sein musste. Doch das war ihr egal. Sie war am Rande der totalen Verzweiflung. Was ist jetzt wieder passiert?
Die Menschen die hinzukamen, ein Mann und zwei aus dem Volke der Tiefländer, bemerkte sie nicht. Sie war damit beschäftigt zu verarbeiten, was gerade geschehen war. So ist es auch unnütz anzumerken, wie verwirrt die Hinzukommenden gewesen waren als sie das krampfhaft zuckende am Boden liegende schreiende Bündel erblickten.
Vorsichtig berührte sie eine Hand. Lyta zuckte zusammen, und die hand wurde wieder zurückgezogen. Erst jetzt bemerkte sie, dass überhaut Menschen um sie herumstanden, doch konnte sie darauf nicht reagieren. Sie hatte die blonde Frau doch nicht etwa getötet? Es war so typisch. Ihr fehlten Erinnerungen, und danach war jemand tot. So war es auch bei ihrem Vater und auch....
Eine große Hand legte sich wieder vorsichtig auf Lytas schmale Schulter. Sie strich ihr vorsichtig darüber – wohl versuchend sie zu beruhigen. Und das gelang langsam aber sicher auch. Aus dem Schreien und Schluchzen wurde ein Wimmern.
„Es ist alles gut“, rief ihr eine weibliche Stimme leise zu. Es waren vermutlich mehr Menschen da als sie am Rande ihrer Konzentration angenommen hatte, denn einige Stimmen, auch mit einem fremdartigen Akzent waren zu vernehmen. Langsam wurde Lyta wieder ruhiger.
Langsam setzte sich Lyta auf. Schweißperlen standen ihr auf der Stirn, das Kleid klebte an ihrer Haut und das Blut an ihren Lippen und ihrem Kinn begann zu gerinnen. Die Frau zu ihrer Linken half ihr hoch und setzte sie hin. Danach reichte sie ihr ein Tuch und Lyta begann sich das Blut aus dem Gesicht zu wischen.
Auf die Frage hin „Was is’ dey passiert?“ (ein sehr seltsamer Akzent, wie Lyta später fand) antwortete sie wahrheitsgemäß.
„Ich... Ich weiß nicht. Wir saßen in Bajard auf der Bank, und da kam eine Frau mit spitzen Ohren und blauer Haut, die uns so komische Fragen stellte, und dann plötzlich war ich hier und mein.... mein Mund blutete.“
Offenbar wussten die Hünen genau was Sache war.
Nachdem man ihr etwas Brot und Schinken sowie Wasser gegeben hatte half man der kleinen Frau auf die Beine. Noch stand sie Wacklig, doch langsam fand sie ihre Besinnung wieder.
Eine rothaarige Frau kam hinzu. Sie sprach davon, dass eine Adele sie sehen wollte. Die Hünen, deren Namen Lyta nicht kannte jedoch stellten Fragen.
„Die Frau nannte meiner Freundin ihren Namen nicht. Doch Adele wartet“, meinte sie. Offenbar genügte den Großen das zumindest als Antwort. Doch dürfte sie... oder gar Lyta.... die Beiden ziemlich verärgert haben. Ständig sprachen sie über Lytas Knochenarmband und dass sie aus Rahal kommen könnte. Doch scheinbar tat man den Gedanken schnell wieder ab. Sie waren ja doch sehr freundlich und hilfsbereit zu ihr.
Schließlich waren sie weg und die beiden Frauen waren allein
„Na komm“, sprach die Rothaarige freundlich. „Gehen wir zu Adele.“
„Wo... Wohin gehen wir?“ fragte Lyta mit erstickter Stimme.
„Nach Rahal“, antwortete sie.

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Jetzt wo sie sah, dass sich bereits jemand um das Bündel Elend kümmerte musste Simoen handeln. So eilte sie zurück nach Bajard, um dort ihre Kleidung und ihre Gestalt zu wechseln. In der Robe des Richterdieners herumzulaufen war nun, wo es Zeugen geben konnte und sich dieses seltsame Ereignis mit der Feder zutrug äußerst unklug. Schnell wurde das Mädchen nicht mehr zum Opfer. Der Richter selbst schien ein Auge auf sie zu haben, auch wenn Simoen zugegebenermaßen schleierhaft war, in wie weit.
Sie veränderte ihr Gesicht, ihre Haut- und Augenfarbe, die Partien sowie die Haarfarbe. Die Kleidung wurde gewechselt und sie war Adele, unschuldig und naiv in einem rosa Kleidchen, lose zusammengebundenem Haar und einer Aussprache, die man einem Frauchen ohne viel Bildung wohl zutrauen würde, nicht aber einer recht kultivierten und gelehrten Person.
Und so eilte sie wieder nach Draußen, wo der Mann immer noch bei der sich mittlerweile beruhigenden kleinen Frau befand. Simoen/Adele wusste genau was nun zu tun war. Sie musste die Unbekannte besser kennen lernen, denn sie war auf ihre Art und weise besonders. Ob es ein künftiges Opfer für den Richter war oder ob sie tatsächlich... erwählt wurde? Wer konnte das schon sagen? Das musste das Schicksal entscheiden. Simoen folgte ja lediglich Seinem Plan.
Jetzt musste sie noch diesen Tölpel wegscheuchen, der so dermaßen klischeehaft einen Kavalier spielte, dass Simoen regelrecht schlecht davon wurde. Dieser Kerl wäre ein würdiges Opfer... aber sie musste diese Frau da wegbringen. Sterben konnte der Tölpel auch später noch.
„Ich bringe sie zur Taverne, ein Becher warmer Wein wird sie beruhigen“, gab sie übertrieben Freundlich von sich nachdem die Frau endlich auf beiden Beinen stand. Der Fremde schien sich damit zufrieden zu geben und überließ sie Simoen.
Ohne Zaudern folgte die Frau ihr, und so begab man sich auf den Weg in die Taverne. Nachdem man sich gesetzt hatte – die Taverne selbst war zu solch später Stunde bereits verlassen – begann man, Konversation zu führen.
„Was war denn los, Liebes?“ begann sie. „Da läuft ein junges Mädchen vor etwas davon, das man nicht sieht.“ Eigentlich eine sachliche Bemerkung, deren Antwort sich Simoen denken konnte. Sie hielt ja die Feder in der Hand.
„Ich... Ich weiß nicht“, stammelte die Frau. „V...vielleicht werde ich auch einfach nur verrückt.“ Nein sicher nicht. Aber jemand versucht dich für außenstehende so wirken zu lassen, und zwar mit mehr und Mehr Erfolg.
„Aber nein“, Simoen war natürlich klar, dass es schwierig war ihr deutlich zu machen, dass sie ihr Glaubte. Naiv war das Mädchen ja vielleicht aber mit Sicherheit nicht dumm. „Es gibt doch für alles eine Erklärung. Also? Was ist los.“
„Er... Er verfolgt mich. So ein... ein Rabe. Schon seit ich hier auf Gerimor ankam. Und ich habe einfach keine Ahnung wieso.“ Ein Rabe – Soso
„Ein Rabe.... Soso.“
Damit hatte Simoen die indirekte Bestätigung.
„Ich glaube dir.“ Auch wenn Simoen sich fragte, was der Richter sich bei aller Liebe dabei gedacht haben mochte. „Ich höre dir zu, denn vielleicht gibt es ja eine Erklärung für das alles.“
Dies ließ für die junge Dienerin des Raben nur einen Schluss zu – sie musste herausfinden was mit dem Mädchen los war. Welches Schicksal Kra’thor ihr vorherbestimmt hatte und was er eigentlich von ihr wollte, denn das war ihr ein Rätsel.
„Ich möchte etwas mit dir versuchen. Gehen wir dem Ganzen auf den Grund“, sagte Simoen. „Ein Experiment.“
„Wird es weh tun?“ Das Mädchen weitete die Augen. Ihr war mehr als deutlich nicht behaglich zumute.
„Nein – es ist ein Versuch. Es ist – Ach wir werden ja sehen. Morgen bin ich wieder hier in Bajard. Dann suchen wir einen ruhigen Ort.“
Langsam nickte das unbekannte Mädchen.
„Aber bitte...“ stammelte sie, „erzähl niemanden davon. Ich... Ich suche gerade Arbeit und.... und wenn jemand erfährt, dass ich verrückt bin wird mich niemand haben wollen... Schon gar keine Gräfin.“ Lyta senkte das Haupt.
„Versprochen“ Simoen bemühte sich um ein mitfühlendes Lächeln. Für wen es letztendlich einträglich wäre würde die Zeit entscheiden müssen – die Zeit oder der Richter.
Doch verschwendete – nachdem sich die Wege der Beiden trennten – Simoen keinen weiteren Gedanken mehr an die Frau. Sie würden sich ohnehin wiedersehen, und dann würde sich herausstellen, was mit ihr los wäre. Es würde in jedem fall.... – interessant.

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Lyta war unbehaglich bei dem Gedanken, nach Rahal zu fahren. Sie hörte in Varuna kein gutes Wort darüber. Auch wenn sie die Rothaarige beschwichtigte, Adele wäre dort – Lyta wollte nicht dahin. Aber wenn sie dort war – dann würde ihr nicht viel Auswahl bleiben. So tappste sie der Frau artig nach. So verloren wie sie schon war hatte sie ja nichts mehr zu verlieren.
Die Kutschfahrt durch die Vollmondnacht dauerte lang und war für Lyta zermürbend. Viele Fragen gingen ihr durch den Kopf – und sie wusste einfach nicht welche Frage sie... sie vor allem sich selbst zuerst stellen musste. Sie war schlichtweg überfordert.
Die dunklen Gestalten an der Kutsche machten Lyta nun wirklich angst – das große Panthermaul am Eingang der Stadt war abschreckend und die Straßen der Stadt waren um nichts besser. Es wurde schlimmer und schlimmer. Lyta tappste der Frau nach bis sie endlich an ihrem Haus angekommen waren.
Es war eigentlich gemütlich eingerichtet – ein Haus in dem man sich durchaus nicht unwohl fühlte. Die Unbekannte bot ihr einen Platz an während Lyta sich umblickte. „Und wo ist Adele nun?“
„Sie ist nicht hier“, antwortete die Frau.
Lyta weitete die Augen. Sie war nicht hier? Aber dann lief Lyta ja in eine Falle. Sodann stürmte sie zur Tür und wollte raus, doch sie rüttelte lediglich an einem Riegel. Sie war gefangen!
„Setz dich, hör mich an und entscheide dann, ob du gehen willst oder nicht. Ich werde dich nicht daran hindern“, sprach die Frau im sachlichen Ton.
Nach einem Zögern nahm Lyta platz. Doch sie ließ es sich nicht nehmen nochmals zu fragen: „Wo ist denn Adele?“
„Adele gibt es nicht“, sprach die Frau. „Ich gebe mich hin und wieder für sie aus. So wie bei Dir.“
Daraufhin wusste die schmächtige junge Frau nichts zu sagen. Dann war die Unbekannte.. Aber ja, daher wusste sie auch, dass...
„Nenn mit doch einmal deinen Namen Kleines. Ich heiße Simoen. Simoen De Vyr.“
« Ich… ich bin lyta – Lyta Flinn“, antwortete sie.
„Lyta“, Simoen seufzte. „Weißt du... Kra’thor hat dir ein schweres Los gegeben.“
Kra’thor? Der Seelenfresser? Der Seelenhüter? Was hatte er mit ihr zu Tun?
„Wie? Was hat das zu bedeuten? Ich.... Ich verstehe nicht.“
„Lyta“, sprach Simoen langsam. „Ich weiß auch nicht wie. Ich weiß auch nicht warum. Aber ER hat dich erwählt. Lyta, Kra’thor hat Pläne mit dir. Du bist eine Auserwählte.“
Und nun war Lyta wirklich überrascht.

Fortsetzung folgt...

Verfasst: Sonntag 23. März 2008, 15:29
von Lyta Flinn
V
„Unter Auserwählten” (3. Teil)


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Tage später hatte Simoen die Ereignisse mit dem Mädchen schon wieder fast vergessen. Sie war damit beschäftigt, sich in ihre Rolle als Adele einzuleben, die ihr, das musste sie sich eingestehen, mehr und mehr Vergnügen bereitete. Das blonde Naivchen, das „unbeabsichtigt“ Misstrauen und Unfrieden säte war eine wunderbare Abwechslung. Zu jedem Schauspiel gehörte eben auch ein gewisses Talent. Zu denken wie eine Adele und zu handeln wie eine Adele war eine interessante Fallstudie. Simoen war sie ja oft genug.
Und da kam sie gerade wieder nach Bajard hereingetappst. Das kleine Mädchen, das ihr zumindest für einen Abend Kopfzerbrechen bereitet hatte. Und da erinnerte sie sich auch schon wieder an das Experiment. Gut – würde es also Zeit, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Es würde vermutlich ein interessanter Abend werden.
Mit gesenktem Haupt saß das kleine Elend auf der Bank und spielte mit den zierlichen Fingerchen. Ein dezentes Räuspern und ein „Nanu“ lenkten ihre Aufmerksamkeit jedoch auf Simoen. Der erste Schritt war getan.
„Den Göttern zum Gruße“ ertönte eine dünne helle Stimme scheu. Doch der Ausdruck in den großen blauen Augen des Mädchens spiegelten Erkennen wieder. Unverblümt ließ Simoen sich zu rechten des Mädchens auf der Bank nieder.
Gerade wollte sie, sie blickte nach links, ansetzen das Mädchen in ein Gespräch zu verwickeln, da erblickte sie ein Wesen mit blauer Haut im fahlen Licht der Laternen. Es war eine Lethra – ein Spitzohr, eine Blauhaut, wie man sie hierzulande gerne nannte. Und vor allem all des übels schien ihre Interesse auf die beiden gelenkt zu sein. Und deren Aufmerksamkeit fiel genau auf die beiden Frauen. Ihre Nachbarin blickte ebenfalls zur seite, doch sie bekam sichtlich Angst vor dem Wesen.
Es kam auf die beiden Frauen zu. Irgendwas wollte dieses Wesen, aus einem Volk von Fanatikern, dummen eingebildeten arroganten Elfenfehlzüchtungen. Entsetzlich, dass sie sich mit so etwas dann auch noch unterhalten musste. Als es bei den Beiden anhielt, die Arme verschränkte und sich ihnen gegenüber aufgestellt hatte war es eindeutig. Dieses Übel musste irgendwie beseitigt werden. In dem Fall zumindest abgeschoben.
„Zum Gruße.“ Simoen/Adele setzte ihre typische Naivität zu Tage. Gerade deswegen hat sie diese ausserordentlich geniale Verkleidung ausgesucht um von solchem Brut in Ruhe gelassen zu werden. Sogleich fing sie an das Wesen anzulächeln um ihrer Verkleidung gerecht zu werden.
„Den... den Göttern zum Gruße.“ Es war mehr ein echo ihrer Sitznachbarin.
Ohne dass sich das Ding wirklich großartig Zeit ließ fragte es unverblümt. „Kommt ihr aus diesem Dorf?“
Das Mädchen verneinte.
„Kann man so nicht sagen.“ Der naive Ausdruck in Simoens/Adeles Stimme sollte glaubhaft genug sein. Woher sie wirklich kam sollte sie ja auch besser nicht Kund tun.
„Wisst Ihr etwas über das Volk der Anguren?“ – Eine dümmere Frage konnte man Simoen nicht stellen. Sie wusste, sie waren groß, sie waren dumm, sie stanken und sprachen einen widerlichen Akzent der Gemeinsprache. Und so erkannte sie die Lethra. Schon einmal wurde sie von dieser dummen Frage konfrontiert. Dch das letzte mal war es in einer anderen Verkleidung als arme Blinde.
„Sie sollen vor der verfluchten Stadt Varuna ein Lager aufgebaut haben.“ – Wie interessant! Als würde das von Belang sein. Dieses blaue „Ding“ sollte damit doch bitteschön jemand anderen belästigen.
„Ihr meint, diese Riesen gibt es wirklich?“ – Vielleicht konnte Simoen/Adele damit dieses Wesen vertreiben – gespielte Dummheit. Sie wollte ja eigentlich nur in Ruhe mit ihrer Nachbarin Konversation führen. Doch nicht einmal das hat funktioniert.
„Habt ihr sie gesehen oder nicht?“ – Was für eine dumme Frage war das denn? Glaubte sie denn tatsächlich, die beiden wüssten mehr als sie zugaben? Auf Simoen mochte das ja zutreffen, aber das auch nur so weit wie sie es gesehen hatte, und das war bei Weitem nicht gerade viel.
„Ich habe dort keine gesehen.“ – Das Mädchen war auch noch so dumm und gab zu dass sie mit Varuna wenigstens was zu schaffen hatte. Das konnte böse enden. Aber sie wusste wohl einfach nicht, WAS diese Dinger eigentlich waren.
Was darauf folgte war ein Schlagabtausch der eigentlich gar keiner war. Das Mädchen hatte Angst und zitterte immer mehr während die Lethra mit Beleidigungen um sich warf, wie dumm die beiden doch eigentlich waren.
Dazu kam dann auch noch die leidige Tatsache, dass das Mädchen plötzlich behauptete, es würde Tag. Sie blinzelte mehrere male. Simoen konnte sich natürlich denken was es war. Natürlich konnte sie es nicht zeigen, doch befahl sie sich Vorsichtig zu sein.
„Es soll schweigen.“ – Diese beispiellose Arroganz dieses blauhäutigen Etwas war nun wirklich schon fast belustigend.
Das Zittern ihrer Nachbarin wurde schon krampfhaft. Beinahe begann sich Simoen so etwas wie Sorgen zu machen. Als ihr ein Geräusch auffiel das aus Richtung der Blauhaut kam. Es – regnete? Nun, sofern man in der Nacht etwas sehen konnte. Simoen schärfte ihre Augen und bemerkte dass der Regen aus schweren roten Tropfen bestand, welche auf die Blauhaut tropfen. Er nahm kurz zu – und endete wieder. Die Lethra kostete davon! Simoen konnte sich ohne viel Fantasie vorstellen woraus die roten Sprenkel bestanden. Es war ja irgendwo klar.
Um des Richters Willen, sie sollte das jetzt nicht versauen. Gerade wo Simoen/Adele dabei war einen Schlagabtausch mit diesem Ding zu provozieren.
Es war ihr nun klar. Dieses Mädchen „musste“ etwas mit dem Richter zu tun haben. Doch kann sie anscheinend ihre Macht nicht richtig leiten. So blickte sie auf das windendende Mädchen. Sie musste mit diesem Spuck aufhören, sonst könnte die Lethra verdacht schöpfen! Etwas Schmerz müsste das Mädchen wieder zu sich bringen sollen.. Die Lethra war vermutlich noch zu überrascht um wirklich darauf zu reagieren. Das Zittern ihrer Nachbarin ließ langsam nach – dennoch versuchte Simoen es.
Doch was danach passierte kam nun wirklich überraschend.
Ein leises Auffiepsen der Frau, dann richtete sie sich gerade auf.
Etwas durchfuhr das Mädchen. Als wäre es Blut; durchzog fließend rote Farbe ihr Haar und färbte es schon beinahe unnatürlich kräftig. Sie kniff die Augen zusammen, und als sich jene öffneten waren sie nicht mehr blau – sie waren grün.
Simoen sprang auf!
Selbst die Blauhaut machte einen Schritt zurück. War es Erschrecken oder Überraschung? Simoen war das in dem Moment egal, sie hatte nur das Gefühl, den schlafenden Riesen geweckt zu haben – gepaart mit purer Verwirrung.
Das Mädchen sprang auf. Ihr Gesichtsausdruck war eine Grimasse aus Wut und – Trauer? Erinnerte dieses Gesicht nicht an etwas? Es war nun egal - das naive Gesicht war einer völlig anderen Maske gewichen, Und es – oder vielmehr sie – stürmte auf sie zu.
Sie bleckte die Zähne – entsetzlich welche Kraft man doch aufwenden kann wenn man zornig ist. Und dann sprach das Mädchen auch noch. Es war dieselbe Stimme, aber härter – deutlicher – voller Überzeugung. „DU BIST ES NICHT!“ – Was konnte sie damit denn nur meinen?
Ihr Kopf stürmte voran auf Simoens Hals zu – das konnte doch nicht wahr sein. Wollte sie...
„Jaaaa, lass deinem Zorn freien Lauf. Der Vater sieht das mit Wohlwollen.“ – Auch das noch, dieses Etwas wagte es sich noch einzumischen. Aber Simoen hatte keine Zeit darauf zu reagieren. Sie musste nun schnell handeln.
Geistigen Kontakt herzustellen in solch einer prekären Situation war äußerst schwierig. Sie musste kurz ihren Schleier aufgeben – und die Tättowierung enthüllen, die ihre Stirn und ihre Hand zierte. Während die Blauhaut weiterhin auf die Furie einredete, die unerbittlich darauf erpicht war, Simoens Hals zu erreichen.
Und endlich gelang ihr eine kurze Berührung um geistigen Kontakt zu bekommen – so wie sie es von ihrer einstigen Mentorin, der Richter habe sie selig, erlernt hatte. Doch was sie vor ihrem geistigen Auge sah war bei Weitem noch verwirrender.
Ein riesiger Hof aus schwarzem Stein. Der Stein war glatt und glänzend. Im Abstand von vielleicht fünfzig fuß ragten an mehreren Eckpunkten dunkle Obelisken in die schwarze Nacht, nur spärlich beleuchtet von etwas, das sich im Zentrum des Hofes befand.
Eine Flamme schwebte in der Luft – sie war kalt, sie strahlte Kälte aus – und sie war silbrig. Und nichts anderes sah Simoen.

Ein ungemeiner stechender Schmerz durchzuckte Simoen. Woher kam diese ungeheure Macht? Sie lies einen lauten schrei von sich und war wieder in Bajard. Simoens Kraft ließ für einen Moment nach und sie spürte einen bösartig stechenden Schmerz am Hals als zwei Zahnreihen sich in ihr Fleisch bohrten. Sie fühlte, wie ein einziger Schwall ihres Lebenssaftes herausfloß.
Sie hat meine Halsschlagader erwischt durchfuhr es Simoen – leider zu spät.
Die „Furie“ ließ ab von Simoens hals. Blut quoll jener aus dem Mund.
Das ganze Blut verteilte sich immer mehr auf dem Boden. Schnell versuchte sie die Hand auf die Wunde zu legen. Sie musste sie so schnell wie möglich schließen sonst steht sie bereits vor Kra’thor bevor sie überhaupt ihrer Aufgabe gerecht wurde.
Und während das in Rage geratene Mädchen scheinbar gleichgültig an der Lethra vorbeischritt, die Worte „Und nun bring es zu Ende“ gänzlich ignorierte knickte Simoen ein. Ihr schwanden die Sinne, und vor ihren Augen wurde es für einen kurzen Moment schwarz.
Als sie sie kurz darauf wieder öffnete war die Wunde wieder geschlossen, doch was für ein Schatten tanzte vor ihren Augen? Es war die Lethra die ihren Körper über sie gebeugt hatte. Langsam senkte diese die Hand und wollte Simoens Hals berühren. Mehr als Reaktion als innerlicher Wille schnellte ihre Hand vor und hielt die Lethra auf.
Sogleich versuchte sie sich zu erheben. Wo war dieses Mädchen hin? Wenn sie noch mehr dieser unsagbaren dummen Dinge macht muss Simoen sie aufhalten auch wenn es leider der Tod des Mädchens sein würde.
Die Lethra machte sogleich einen Schritt zurück und lies Simoen zwar gewähren, doch fixierte sie sie stark mit ihren Augen.
Simoen durfte keine Schwäche zeigen. Nicht vor diesem Wesen. Nicht nachdem sie diesen einen Fehler gemacht hatte mit diesem Mädchen. Diese Lethra erzählte davon, dass sie Feig wäre und dass Simoen es nicht weiter verdiene weiter zu leben. Allein durch die Körperhaltung der Lethra konnte sie erkennen, dass sie nicht scherzte. Noch dazu fing die Stelle an der sie die Lethra berührt hatte an stark zu kribbeln, dass dann noch dazu anfing in ein starker jucken überzugehen. Hat sie sie denn nach all dem Ärger vergiftet? Es war egal. Zur Not kann sie auch ihren Arm ausreissen.
So ging der Disput zwischen den beiden weiter. Hat Simoen zu viel von Kra’thor erzählt? Sie hofft es nicht. Am Ende lies sie die Lethra einfach stehen. Sie hatte keine Zeit für sie. Simoen musste dieses Mädchen finden. Sie wusste, dass sie sich nicht mehr als Adele ausgeben konnte. Sogleich suchte sie sich eine geeignete Stelle und verwandelte sich in ihre wahre Identität. Des Versteckspielens wurd sie Müde noch dazu will sie nicht wissen wie das Mädchen reagieren würde, wenn sie „Adele“ blutüberströmt vorfindet.
Kaum war sie Simoen vor Bajard, fand sie auch schon 2 Tiefländer neben dem Mädchen stehen.

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„Lyta“, sprach Simoen langsam. „Ich weiß auch nicht wie. Ich weiß auch nicht warum. Aber ER hat dich erwählt. Lyta, Kra’thor hat Pläne mit dir. Du bist eine Auserwählte.“
Und nun war Lyta wirklich überrascht.
„Au... Auserwählt?“ Lyta stammelte die letzten Worte heraus. „Was meint Ihr... was meinst Du damit?“
Simoen blickte Lyta lange an – dann lächelte sie geheimnisvoll. „Erinnerst du dich an gar nichts, was nach dem Blutregen passiert ist?“
„Blutregen? Ich... ich weiß nicht. Ich saß auf der Bank, ich hatte Angst... und.... und dann – dann war ich plötzlich außerhalb und... überall dieses Blut!“ Sie schlug die Hände ins Gesicht. Die verwirrte junge Frau war nahe daran in Tränen auszubrechen, oder vielmehr den Verstand zu verlieren.
„Du hast mir den halben Hals abgebissen.“
„Ich.... ich erinnere mich nicht... Aber dann... Dann habe ich...“
Und das durchfuhr Lyta wie ein jäher Schlag.
„DANN HABE ICH MEINEN VATER GETÖTET!!!“ Ein lauter Aufschrei. Lyta kniff die Augen zusammen und schrie los. „NEIN! NEIIIN!“
„Lyta“, fuhr Simoen fort, „Ich weiß nicht wieso Kra’thor dich erwählt hat. Aber er hat es – und er hat einen Plan – mit dir. Aber so jemandem wie Dir bin ich noch nie begegnet. Ich habe keine Ahnung.“
„Ich bin doch nur eine Schreiberin.... Nur eine Schreiberin...“
„Du bist was du bist“, hakte Simoen nach. „Finde dich damit ab.“
Lyta erhob sich zitternd. Sie wollte nur weg von hier. Sie – auserwählt von dem Raben, dazu verdammt.... Leben zu nehmen! Das konnte nicht sein? Doch nicht Lyta – eine einfache Schreiberin!
„Geh und denke darüber nach, Lyta.“ Simoen blickte sie nun ernst an. „Ich weiß, dass wir uns wiedersehen werden. Du wirst zu mir zurückkehren.“
„ich bin doch nur eine Schreiberin....“
Simoen öffnete Lyta die Tür. Ohne ein Wort des Abschieds – geschockt ging Lyta voraus. Was sie heute Abend erfuhr brachte in ihr jeden Zweifel zum Vorschein – eine schemenhafte Erklärung für ihr Verhalten.
Und so schritt Lyta durch Rahals Straßen – nur weg von da.
Es war mit einer der schlimmsten Abende ihres Lebens. Was sie heute erfuhr gefiel ihr nicht – sie war entsetzt. SIE hatte ihren Vater getötet. Sie war für den Tod so vieler anderer verantwortlich. Lyta war ein schlechter Mensch. Sie wusste nicht was sie getan hatte, aber es konnte nicht anders sein. Für die kleine zierliche Frau brach in diesem Moment alles zusammen. Die Grundfesten ihrer kleinen Welt erbebten – bröckelten und fielen in sich zusammen.
Ich bin nur eine Schreiberin.... nur eine Schreiberin...
Für Lyta war klar – sie musste vergessen.

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Simoen lächelte
Oh ja, Lyta würde zu ihr zurückkehren. Es waren zu viele Fragen offen, sowohl für sie als auch für dieses Mädchen, das scheinbar mehr als ein Geheimnis mit sich herumtrug und nicht einmal etwas davon wusste.
Etwas anderes würde Simoen aber auch gar nicht akzeptieren. Ihre Neugierde war geweckt, und welche Pläne Kra’thor mit ihr auch haben mochte – es mussten welche existent sein. In wie weit sie für sie von Belang waren war ihr allerdings auch egal.
Sie hatte heute den schlafenden Riesen geweckt. Den Schatten in der Seele dieses kleinen Mädchens – und viele Fragen taten sich auf.
Was hatte diese Vision von der silbernen Flamme zu bedeuten?
Was steckt in diesem unscheinbaren Bündel Elend, das solchen Zorn hervorruft?
Der Blutregen – Simoen war klar, dieses Wirken von Magie geschah unbewusst. Aber es geschah.
Fragen über Fragen taten sich auf. Und es war schon beinahe absehbar, dass dies noch nicht einmal die Spitze des Eisbergs war.
Wie recht sie damit hatte, würde sich erst viel später herausstellen.
Sie würde dieses Mädchen beobachten – sie fördern. Es war einfach sich bei ihr einzuschmeicheln, denn wo es Füchte trug konnte man sie für ihre Pläne nutzen.
Oh ja, Simoen hatte bereits Pläne mit ihr, und die würde sie um jeden Preis durchbringen. Dieses Mädchen war geradezu ein Angebot.
Simoen lächelte. Sie lächelte noch sehr lange.

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Verfasst: Montag 24. März 2008, 20:05
von Lyta Flinn
VI
„Blutregen”


Lyta plagten Angst und Zweifel.
Die Erkenntnis, dass sie angeblich eine Auserwählte war zehrten an ihr. Zum ersten Mal zweifelte Lyta an sich selbst. War sie nun ein schlechter Mensch? Und wenn ja, warum? Wen hatte sie etwas getan? Aber es passte irgendwie alles zusammen. Die ständigen Aussetzer, die Toten, die Ereignisse auf dem Friedhof, die es ihr eigentlich deutlich machen sollten, sowie die ständigen Begegnungen mit dem Raben und die schwarze Feder.
All dies passte zusammen. Doch was sollte sie denn nun tun? Sich einem Schicksal ergeben, welches sie gar nicht gewählt hatte? Es war eine zweifelhafte Ehre. Und wenn sie darüber nachdachte war es eigentlich nicht einmal ein Leben. Alles wäre hinter ihr her. Sie würde die Arbeit in Varuna nicht bekommen, wenn es sich herausstellen würde.
Dies ging ihr am nächsten Tag ständig durch den Kopf. Eigentlich wollte Lyta nur allein sein. Die warmen Strahlen der Sonne taten ihr richtig gut und besserten ihre Stimmung tatsächlich etwas an. Und sie konnte ihre dunklen Gedanken öffnen und frei machen für schöne Gedanken von Wärme und Geborgenheit.
Sie saß auf der Bank vor dem Teich und schaute den Fröschen zu. Im sich spiegelnden und kräuselnden Wasser sah sie schemenhafte Wolken vor einem blassblauen Himmel, die ab und an die sinkende Sonne verdeckten. Und so saß sie da, nachdenklich, grübelnd, über ihre Gedanken brütend.
Als sich jemand neben sie auf die Bank setzte fuhr sie zusammen, langsam drehte sie den Blick nach rechts und blickte in das Gesicht eines Jungen, welchem die wilden schwarzen Haare ins Gesicht hingen. Er wirkte in jedem Fall alles, aber nicht gerade vertrauenswürdig.
„Ist es nicht ein zu schöner Tag, an dem eine solch schöne Maid wie Ihr hier alleine sitzt?“ meinte er tolldreist und unverblümt.
Anfangs war das Gespräch noch harmlos, Er stellte sich als Aillean Revano vor – Lyta nannte ihm ihren Namen. Man sprach darüber, was man so tue und vor hatte. So erzählte sie, vertauensselig wie sie nun mal war, auch dass sie beabsichtige, nach Varuna zu gehen, doch irgendwann wurden die Fragen – oder viel mehr wurde das Gespräch – anrüchiger.
Oh nein durchfuhr es Lyta. Sie ahnte worauf diese Anspielung hinauslaufen sollte.

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Ein Paar giftgrüner Augen blickte Lyta eindringlich an. Er war nicht einschüchternd oder mahnend, sondern vielmehr forschend. Anne hatte einen Blick der schon beinahe hypnotisch wirkte.
„Ein mann wird immer nur eines von Dir wollen, Lyta, besonders wenn er nett ist. Er will deinen Körper.“
Lyta hatte eben erst ihren dreizehnten Geburtstag gefeiert. Aus einem Kind wurde eine Frau, und damit taten sich viele Fragen auf, welche ihr ihr Kindermädchen breitwillig beantwortete. Aber dieses Thema war äußerst unangenehm und peinlich.
„Wie meinst du das, Anne?“
„Lyta, was ich dir damit sagen will ist, lass dich niemals auf zweideutige Angebote ein. Wenn ein Mann, dein Vater natürlich ausgenommen, dir Zärtlichkeiten zukommen lässt oder vorgibt, dich zu lieben, will er sein... sein Horn in dich stoßen. Ja genau so könnte man es nennen. Aber du musst rein bleiben – deine Seele muss rein bleiben.“
„Rein...“ Lyta grübelte über Annes Worte nach, die sie ihr unter der hohen Eiche an diesem schönen Sommertag mitgeteilt hatte. Wenn Männer aufdringlich würden müsse man sich in Acht nehmen.
„Du kannst dich wehren, Kleines. Aber du musst es auch kontrollieren. In dir steckt eine ungeheure Gabe – du kennst sie vielleicht noch nicht aber.... Aber du wirst sie herausfinden. Glaube mir.“ Anne sprach so mitfühlend – und dennoch bedeutungsschwanger. „Du bist etwas Besonderes. Und du wirst es erkennen.“

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Während lyta versuchte zur Seite zu rutschen näherte sich der ziemlich dreiste Jüngling immer mehr an. Lyta beabsichtigte – oder getraute sich nicht, unfreundlich zu sein. Doch er näherte sich mit seinem Körper den ihren, versuchte ihren Handrücken zu berühren.
Lyta drückte ihren Oberkörper zurück. Sie bekam nun wirklich Angst!
Doch als sich sein Gesicht dem ihren zu sehr näherte kippte sie nach hinten und fiel ins feuchte Gras. Lyta hatte nun wirklich angst und schloss kurz die Augen, dabei zurückweichend.
Als sie diese öffnete hörte sie ein keises Geräusch, als würden Regentropfen auf Stoff platschen. Und gen des Himmels erkannte sie tatsächlich dunkle Tropfen die kurz mehr und mehr wurden – und dann brachen sie ab.
Endlich kam Lyta wieder auf die Beine und sah den überraschten jungen Mann auf der Bank sitzen, er war über und über rot besprenkelt und sichtlich überrascht – dann wandte er sich langsam zu ihr um.
„So ist das also.“ – sein Tonfall war plötzlich ein ganz anderer. „Wenn Ihr solche Dinge tut werdet Ihr Euch einen anderen Rot suchen müssen als Varuna. Doch nun entschuldigt. Ich muss mich säubern!“ – Dieser Text machte Lyta angst.
Sie wusste nun dass sie die Verursacherin war, und dass es passierte wenn sie Angst hatte. Aber sie konnte das was sie tat nicht steuern.
Der Schlimmste Gedanke jedoch war ein anderer.
Was wenn ich dafür gehängt werde?
Wohin sollte sie denn sonst gehen? Nach Rahal? In diese bedrückende Stadt? Sie wollte da nicht hin.
Irgendwie musste Lyta das aber tatsächlich unter Kontrolle kriegen. Und das schaffte sie nicht ohne Hilfe.
Vermutlich hatte Simoen recht.

Verfasst: Donnerstag 27. März 2008, 10:45
von Lyta Flinn
Zwischenspiel
„…und wie geht es nun weiter?“


Lyta erwachte aus einem unruhigen Traum.
Sie erinnerte sich gerade noch daran, dass sie die Hand erhob als ein kaltes metallisches Ding durch ihren Rücken bebohrt wurde. Sie fühlte die vertraute Kälte des Todes ehe sie zusammensackte als der scharfe Gegenstand herausgezogen wurde. Und ein Gedanke geisterte ihr durch den Kopf.
Verrat! Ich wurde verraten! Alle haben mich verraten! Feiglinge!
Doch kaum saß sie schweißgebadet im Bett auf, da verging der Gedanke und alles was zurückblieb war der Gedanke an einen unruhigen Traum, von dem man nur noch weiß, dass er unschön und unangenehm war.
Nach einigen Momenten, die Lyta brauchte, um einen klaren Kopf zu fassen und zu realisieren, dass der Traum vorbei war, erhob sie sich langsam und tappste in ihrem weißen Nachthemd zum Fenster. Die weißen vorhänge flatterten im Nachtwind und ein silbriges Licht schien durch diese. Lyta zog sie beiseite und öffnete die schweren Fenster.
Draußen war es noch tiefe Nacht, vielleicht die Stunde des Wolfs – kein Geräusch war zu hören, doch ihr Fenster, das nach Westen zuging, in die Fernen Wälder hinein, zeigte, dass der Mond der voll am Himmel stand langsam sank und die flüchtigen Schatten im Mondlicht länger werden ließ. Fernab waren die Konturen von Bergen zu erkennen. Dahinter befand sich Rahal, der Ort an welchem sie erfuhr wer sie war.
Nun fühlte sich die junge Frau ganz alleingelassen. Ihre Gedanken kreisten immer wieder um die Offenbarung Simoens. Sie wäre auserwählt, Kra’thor zu dienen? Warum ausgerechnet sie? Was hatte die Vorsehung nur mit ihr zu schaffen? War es wirklich alles, was sie zu hören bekam? Tief in ihrem Herzen wusste Lyta, dass sie gerade einmal ein kleines Teil vom Ganzen erfahren hatte, dass sie selbst aber am wenigsten darüber wusste – ein Gedanke der an ihr nagte. Ihr ganzes Leben war Lyta immerhin in besten Verhältnissen aufgewachsen. Doch die Liebe ihres Vaters konnte keine Lüge gewesen sein – ihr ganzes Leben konnte keine gewesen sein. Aber etwas Sonderbares steckte dahinter.
Die Aussetzer alleine schon waren ein Rätsel für sich. Lyta hatte sie, seit sie ein kleines Mädchen war. Sie kamen scheinbar willkürlich – und wenn sie gingen blieb immer etwas Schreckliches zurück. Der Tod haftete an ihr, wenn es vorbei war, doch Lyta konnte sich nie erklären was es damit auf sich haben mochte. Wenn Lyta böse war, dann war sie das gewiss ohne #Absicht. Und das machte es noch schwerer für sie, die Wahrheit zu akzeptieren.
Die plötzlichen Ausbrüche von Blutregen, Schmerz, welchen sie anderen zufügte – die Tatsache dass sie gewisse Kräfte hatte, welche Lyta nie kontrollieren konnte, oder es vielmehr gesagt nie erlernt hatte… Fragen über Fragen. Lyta stellte sich selbst in Frage.
Die Rabenfeder – der Rabe der sie ständig verfolgte seit jenen Vorfällen auf dem Friedhof die nun genau einen Mondlauf zurücklagen. Sie erinnerte sich nur mit Grauen daran, als sie zum vollen Mond hochblickte.
Doch alles was in jener Nacht vor sich ging war nur der Hauptakt, oder viel mehr der zweite Akt eines grauenvollen Spiels. Das wohl schauerlichste Ereignis lag einige Wochenläufe vor dem Friedhof zurück…

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Der Regen hatte endlich nachgelassen, doch Lyta hatte Schwierigkeiten durch den Schleier von Tränen und Verzweiflung zu blicken. Der Morgen graute fern im Osten bereits, hinter den dicken abziehenden Gewitterwolken wurde es langsam tag und die Möven am Hafen kreischten bereits. Die ersten Fischerboote fuhren aus, und eigentlich würde es ein ganz friedlicher harmonischer Morgen werden.
Nicht aber für Lyta. Denn Lyta musste fliehen.
Ihre rotblonden Strähnen hingen ihr ins Gesicht, ihr Kleid hatte sie zurückgelassen und warf sich lediglich eine alte Robe über. Die junge Frau wirkte nun nicht mehr wie das reiche Kaufmannstöchterchen, sondern nur noch wie eine junge Frau auf der Flucht.
Das wenige Geld, welches sie eingepackt hatte musste dafür reichen, sich die Überfahrt zu finanzieren. Alles andere war belanglos.
„Wohin soll der alte Piet dich bringen, junge dame?“, brummte der alte Seebär, der sich eben eine Pfeife angezündet hatte. Er stank nach Bier und Fisch – billiger Pfeifentabak tat sein Übriges, um der Seefahrtsromantik jeden Reiz zu nehmen.
Lyta war von dem Geschrei der Vornacht heiser geworden, so brachte sie lediglich ein Krächzen zu Tage. „Nach Bajard. Weg von hier. Weg von…. Einfach von allem“

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Lyta sog die frische Nachtluft ein. Es duftete nach Vorfrühling. Junges feuchtes Gras, Tau – ferner Nadelwald. Es half Lyta, gepaart mit dem kühlen Morgenwind, frischer zu werden. In den fernen Tälern hing schemenhafter Nebel wie Gespensterlaken am Boden fest. Lyta bemerkte es nur am Rande, als sie die Augen schloss, um sie wenige Momente später wieder zu öffnen.
Ein Schatten glitt über den Boden vor ihr. Lyta hob den Blick und erkannte eine dunkle Flügelgestalt, wie sie gerade über den Himmel glitt und den Mond verdeckte. Ein leises Krächzen war zu vernehmen, welches allerdings gerade in dieser perfekten Stille grauenvoll klang. Ein Rabe!
Und jäh fühlte sich Lyta an den Ort des Grauens zurückversetzt, dem Friedhof, wo sie dem Raben das erste Mal begegnete – dem Raben und einer Horde Untoter….
Lytas Anflug von Hoffnung erstickte unter einem Mantel der Verzweiflung. Schnell schloss sie das Fenster und zog die Vorhänge zu.
Schlafen. Ich muss schlafen.
Lyta verkroch sich wieder unter ihrer Decke, die noch warm war. Doch die vielen Fragen, welche sie Quälten halfen ihr nicht beim Einschlafen. Und als die ersten Vögel den heranbrechenden Morgen im späten Lenzing begrüßten, war es schon zu spät, um Ruhe zu finden. Die Fragen die ihr durch den Kopf geisterten waren schlichtweg zu quälend, zu erdrückend, zu mühsam.
Lyta musste Antworten finden.

Verfasst: Mittwoch 30. April 2008, 02:46
von Lyta Flinn
VII
„Noch ein Traum"


Die Wochen vergingen.
Lyta bekam keine Antwort mehr vom Adelshaus De Arganta von Stolzenfels - vermutlich war dies eine dieser kurzlebigen Gesellschaften. Was soll's? Lyta jedenfalls musste hungern und darauf hoffen, nicht dem Hungertod zu erliegen.
Zum Glück reichte ihr Geld jedoch aus, um sich durchzubringen. Wer wollte denn schon eine Schreiberin?
Nun - die Wochen gingen dahin, und mit ihr auch die Hoffnung und der Gedanke, Gerimor zu verlassen und anderswo das Glück zu versuchen, doch dann kam es - unverhofft. Ein Schreiben erreichte sie, ausgehend von der Bruderschaft der Streiter Temoras.
Der Lichtbringerin zur Ehr', Fräulein Flinn!
Wir haben nicht vergessen, dass Ihr in Varuna ein Gesuch nach Arbeit aufgehangen habt. So hoffen wir, dass dieses noch Gültigkeit hat und Ihr geneigt wärt, einer Anstellung als Schreiberin auf der Burg Schwertwacht zuzustimmen. Hierfür erbitten wir ein Gespräch am zweiten Tage der kommenden Woche zur Siebten Abendstunde.
Beak Sankurio

Ja, da war sie, die Hoffnung. Und so fieberte das junge Mädchen dem Tag entgegen, Hoffnung schöpfend, es würde etwas mit dieser Arbeit.
Inzwischen war es Frühling geworden. Die Bäume standen in voller Blüte, die Vögel sangen von Früh bis Spät ihr Lied und die warme Luft des Wechselwindes war erfüllt von herrlichen Düften. Lyta genoss den Frühling, ihre Lieblingsjahreszeit, und so machte ihr auch die Wanderung nach Osten nichts aus, die gewiss einige Tage dauern würde.
Die erste Nacht ihrer Reise verbrachte sie in einem Gasthof am Waldesrand. Doch kam sie einem Räuberlager am zweiten Tag verdächtig nahe. Diese schienen sie jedoch nicht bemerkt zu haben, wie es den Anschein hatte, denn sie konnte unbemerkt passieren.
Der zweite Tag, es war der Tag der Sonne, brach mit Regen und Nässe an. Das kleine zierliche Fräulein watete durch Matsch und Morast, und kein Gasthof war weit und breit zu erkennen. Die Berge in der Ferne kamen näher und Lyta war es so als riefe sie etwas zu sich, das in der fernen Schlucht lauerte.
Komm zu uns, Lyta Flinn! Es ist deine Bestimmung!"
Grauen erfasste Lyta - der Schatten - ja sogar der Rabe waren lange Zeit nicht mehr aufgetaucht und sie konnte dieses Grauen erfolgreich verdrängen. Doch zu früh gefreut?
Als sie der Schlucht näher kam sah sie geschwärzte Bäume und einen drohenden Nebel dahinter. Etwas war dort, etwas lauerte dort, und dieses Etwas war darauf erpicht, Lyta zu erreichen. Der Ruf hallte dumpf in ihrem Geist wieder.
Doch gelang es ihr, oder vielmehr ihrem Willen, sich von diesem Ruf loszureißen - und so wanderte sie weiter.
Sie wendete sich Südwärts, und da erblickte sie im verblassenden grauen Tageslicht eine Reihe von Häusern. Ein Dorf vielleicht. Doch die Lichter brannten nicht. Schwere Tropfen prasselten auf die Strohdächer und die Senken darunter füllten sich mit Wasser, das herablief zu einer widerlich schlammigen Pfütze. Auch wenn kein Gasthof dort zu erkennen war, so blieb Lyta nichts anderes übrig als dort zu ruhen. Und so klopfte sie vorsichtig an eine Haustür, wo sich nebs ein kleiner Stall befand, in welchem nichts zu vernehmen war. Sie erkannte von draußen einen Anbindepfosten. Doch war das Pferd nicht darin - und der Bewohner offensichtlich auch nicht.
Unschlüssig blieb Lyta kurz stehen, ehe sie beschloss, über den niedrigen Zaun zu klettern und in den verlassenen Stall zu tappsen, wo sie zumindest für diese Nacht trocken bleiben würde. Und tatsächlich war das Strohdach wasserdicht genug.
Sie kauerte sich in eine ecke und legte den Kopf auf die Knie. Sie hatte, soweit sich Lyta erinnern konnte, noch nie unter solchen Bedingungen schlafen müssen. Sie war schon Nächtelang umhergeirrt, besonders die Nächte nach dem Tod ihres Vaters, doch das war nun in der Tat eine ungewöhnliche Situation.
Doch die langen Meilen, die sie gewandert war zehrten an ihren Kräften, und gerade als es dunkel geworden war, war Lyta eingeschlafen.
Und sie fand sich in einem wirren Traum wieder...

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Lyta fliegt über das Land.
Blickt sie nach Nordwesten erkennt sie ein befestigtes Lager, in welchem reges Treiben herrscht. Männer in dunklem Grün, bis auf die Zähne bewaffnet halten ein Turnier ab. Dieses Lager liegt zu Füßen der Berge, welche sie am Tage gestreift hatte. doch sie fliegt, ohne es lenken zu können darauf zu.
Ein dumpfes Pochen in ihren Ohren vernimmt sie, als sie auf die Schlucht zuschwebt. Es wird lauter - und aus dem Pochen wird ein Ruf.
"LYTA - KOMM ZU UNS! ES IST DIR BESTIMMT!"
Lyta will antworten, doch sie stellt fest dass sie keine Stimme besitzt, ja sie besitzt scheinbar nicht einmal Lippen - geschweige denn einen Körper!
Und so schwebt sie weiterhin darauf zu, bar jeder Möglichkeit, sich dagegen zu wehren.
So taucht sie in den dunklen Nebel ein. Eine Kälte erfasst ihre Seele als sie in jenen eintaucht. Verkrüppelte schwarze Bäume ragen empor - und in der Ferne ragen die schwarzen formlosen Ruinen eines Turmes über den nebel gen des sternenlosen schwarzen Himmels.
"DIES IST DER ORT, DEINE BESTIMMUNG, DEIN SCHICKSAL!"
Die dunkle Stimme dröhnt und pocht in ihren Ohren, diese befehlende Eindringlichkeit - sie wirkt so.... so real...
Lyta glaubt, jedes Gefühl von zeit und Raum zu verlieren und schwebt über der rauchschwarzen Spitze dieses einst so stolzen Turmes.
Doch dann blickt sie hoch, und auf der nebelfreien Bergspitze über ihr thront die riesige Gestalt eines Raben. Seine Augen glühen hot, und blicken sie an - und Lyta blickt zurück - und ihr ist, als würde sie von dem Paar dämonischer Augen angezogen. Sie will schreien, sie will sich wehren, doch ihr gelingt es nicht. Die Augen ziehen sie in ihren Bann, und sie scheint in diese feurigen Kugeln einzutauchen und die sengende Hitze und schneidende Kälte zugleich zu fühlen.
Lyta kann nun endlich schreien...


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Lyta schrie auf und blickte voran.
Schweiß troff von ihrer blassen Stirn. Sie wusste nicht wo sie war. Die Stimme und der Schmerz waren noch körperlich spürbar - es war kein Traum, es konnte kein Traum sein!
Draußen graute der Morgen bereits - und nachdem sich Lyta langsam darauf besann, wo sie war und wie sie dahin kam, nämlich in dem verlassenen Stall, sangen die Vögel draußen ihre unschuldigen Lieder und begrüßten unbefangen den Morgen.
Ob nun Minuten oder Sekunden vergangen waren - Lyta fand langsam wieder zu sich und besann sich, während sie mit einem leeren Blich voraus blickte, nach Südosten hin.
Als sie endlich zittrig nach draußen trat erkannte sie, dass der Himmel begann, aufzulockern und im Osten war ein feuriger Streifen zu erkennen, ein Zeichen des ummittelbar bevorstehenden Sonnenaufgangs.
Lyta wusch ihr Gesicht in der voll mit Regenwasser gefüllten Pferdetränke und genehmigte sich einige Schlucke des reinen Wassers. Dies reichte vorerst aus - nun konnte sie ihren Weg fortsetzen.
Und als der Vormittag heranbrach und lyta wieder die Straße erreichte schien das Grauen wie verflogen.
Der Frühling war da, und er machte keinen Unterschied zwischen Grauen und Freude. Er war über das Grauen erhaben genug, und so hatte er auch die Macht, Lytas Stimmung zu bessern.
Und so ging sie weiter. Es sollten nur noch zehn Wegstunden sein, ehe sie endlich Burg Schwertwacht erreichen sollte.

Verfasst: Donnerstag 1. Mai 2008, 03:33
von Tajara Nair
*bittebitte löschen*

Verfasst: Donnerstag 1. Mai 2008, 03:34
von Lyta Flinn
VIII
„Zinne und Rabe"


Es wurde Abend über Neu-Gerimor.
Der milde heiter bis wolkige Tag war zu einem kühlen Abend geworden. Die Wolken am Himmel trieben als blassgelbe Fetzen über dem sich streng abgrenzenden dunkelaquamarinblauen Firmament. In der Ferne, jenseits der Einsamkeit versank die Sonne. Die Berge, gekrönt von Schneekuppen glommen im Licht dieser. Und jäh bemerkte Lyta, dass ihre Wanderschaft zu Ende war, als die Burg Schwertwacht vor ihr auftauchte. Da stand sie, ein einsames Bollwerk ummauert und abgesichert. Die Wachen auf den Zinnen beäugten das kleine gutgekleidete Fräulein zuerst misstrauisch - doch wandten sie sich ab nachdem der Ritter Namens nevyn Silberhand, welcher offenbar von ihrem Kommen erfuhr, sich ihrer annahm.
Und so wurde die Schreiberin in die prächtig ausgestattete Burg geführt, so sprach man miteinander über Vergangenes, Stellenangeboten, die in Vergessenheit gerieten und Anderem. Ein Vorstellungsgespräch wie Lyta es ja bereits von früher kannte. Doch diesmal war es unverbindlicher.
Die Aufgaben, Briefe zu Verfassen, Botengänge durchzuführen und Chroniken aufzuzeichnen waren einleuchtend für die junge Frau, und so hatte sie kein Problem damit anzunehmen. Dies war sehr einfach, und auch wenn das Gespräch Anfangs recht einseitig verlief verflog die Schüchternheit bald und man konnte sich zwangloser unterhalten.
Es war eine schöne bibliothek - ein angenehmer Arbeitsplatz, angenehm beleuchtet. Die Fenster gingen nach Süden und Osten zu, und somit hätte sie ausreichend licht. Ja - Lyta hatte offenbar eine Stelle gefunden als Schreiberin der Burgschaft der Streiter Temoras.
Und so wurde ihr von Nevyn schon gleich darauf ihr Quartier gezeigt. Die letzte Dienstmagd hatte wohl die Stelle gekündigt, und so erbte Lyta ihr Zimmer. Es war ein nettes kleines Zimmer, und mehr konnte man sich für Verpflegung, gestellte Kleidung sowie Zwei Kronen pro Mond ja kaum wünschen.
Anschließend wurde ihr der Turm gezeigt. Es war ein herrlicher Blick auf die Ebene und den Fluss in der Ferne, der im Licht der rot im Westen versinkenden Sonne in kleinen Lichtpunkten aufflammte. Lytas Herz ging bei dem blick auf und alles Unheil und Leid der letzten Monde waren vergessen gemacht. Es war sehr entspannend, ein Ort an dem Lyta gewiss des Öfteren verweilen würde. Die letzten Fragen wurden geklärt und Lyta freute sich im Inneren ihres Herzens bereits, die Arbeit aufzunehmen. Endlich hatte sie eine Stelle, die Zeit des Hungerns und der Ziellosigkeit war zu Ende.
Schließlich trennten sich die Wege von Nevyn und Lyta. "Ich werde spazierengehen und den nahegelegenen Wald erkunden", sprach Lyta, der versichert wurde, dass sie ein- und ausgelassen werden würde. Und somit war dies auch kein weiteres Problem, sie gehörte immerhin jetzt zur Burgschaft.
Inzwischen verlosch der letzte Funken Sonne im Westen und die Vögel verstummten langsam. Ein kühler Wind wehte vom Westen. Ja, die Nächte konnten selbst um diese Jahreszeit noch kalt sein, das war sich lyta durchaus bewusst - und das kannte sie ja bereits vom Vortag, der lange Marsch durch die Kälte des Wildlandes.
Ein Krächzen riss sie aus ihren Gedanken, ein unheimliches Krächzen, es war der Laut eines Raben. Panik und Grauen erfüllte Lyta, da wandte sie sich um.
Schemenhaft erkannte sie in der Ferne auf den Zinnen des Turmes die Umrisse eines schwarzen Vogels, doch sie spürte den Blick nur zu gut. Der Rabe verfolgte sie sogar hierhin!

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Ihre erste Begegnung mit dem Raben hatte Lyta, sofern sie sich entsinnen konnte, vor etwa anderthalb Jahren. Zu eben jener Zeit war die Welt noch einigermaßen in Ordnung, sah man von dem Zwischenfall mit Anne ab, der sich drei Jahre zuvor ereignete. Anne war nicht mehr, leider. Aber das Leben ging weiter und aus Lyta war eine junge Frau geworden.
Sie erledigte Schreibarbeiten für ihren Vater, dessen handelsimperium so manche Königreiche vor Neid erblassen lassen mochte, oder wenigstens etliche Lehen des Reiches, so dachte Lyta ab und an bei sich.
Es war ein kühler Herbsttag und der erste Herbststurm kam vom Meer auf die Insel Xandrenia hereingebraust. Lyta brachte gerade Waren vom Hafen nach Hause. Der Wind zerrte an ihrem dicken Fellmantel und sie musste die Augen schützend schließen. Nichts Ungewöhnliches in diesen Breiten zu dieser Jahreszeit. Die Herbste und Winter waren schneearm aber stürmisch, die Frühlinge und Sommer dafür umso erfreulicher und bunter, gerade deshalb sehnte die junge Frau den Zeitenwechsel schon wieder herbei.
Als si einmal die Augen schloss und wieder öffnete musste sie sich erst den nasskalten Regen aus dem Gesicht wischen. Ein fast schon kahler Baum stand verkrüppelt vor ihr, der sich im scharfen Kontrast zum ashgrauen Himmel abzeichnete. In der Ferne sah sie die Villa ihres Elternhauses im Schemen der Regenschleier auftauchen. Doch auf der Spitze des Baumes saß ein Rabe, der sie anblickte.
Etwas schien lyta umheimlich zu sein bei diesem Blick. Ein Funken Intelligenz schien in jenen Augen zu glimmen, und ihr war als hörte sie ihn Lytas Namen krächzen.
Nein - genaugenommen war es nicht das Krächzen selbst sondern eine Stimme in ihrem Kopf, die mit dem Zweiten Ruf deutlicher zu vernehmen war.
"Lyta Flinn! Ich weiß was du Anne angetan hast. Anne fällt die Treppe rauf, Anne fällt die Treppe runter. Erinnere dich!"
Lyta erbleichte augenblicklich. Beinahe währe ihr der Korb aus den dünnen Händen gefallen, doch sie blieb wie angewurzelt stehen.
Anne fällt die Treppe rauf - Anne fällt die Treppe runter
Diesen Spruch hatte sie lange nicht mehr gehört oder selbst gebraucht. Doch er schien wie ein Gedanke in ihrem Kopf wiederzuhallen.
erneut krächzte der Rabe, spreizte dabei seine Flügel.
"Warte auf mich, denn wenn die Zeit nahe ist, wirst du mich erkennen!"
Und damit erhob der schwarze Vogel sich in die Lüfte und Flog, scheinbar gegen den Wind, was seltsam sein mochte, unbekümmert von dannen, jeder Naturgewalt trotzdne wie es schien.
Das Grauen währte nur wenige Momente, dann jedoch machte es einer schaudernden Gänsehaut Platz. Einige Minuten mochte Lyta nur dagestanden sein, während der Regen ihr Haar nass und schwer machte und es ihr klebrig ins Gesicht stand.
Das war die erste Begegnung. Viele weitere sollten folgen, ehe der Prophezeihung genüge getan werden sollte...

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Der Rabe spreizte seine Flügel und herhob sich. Er flog auf Lyta zu, welche nicht anders konnte als angewurzelt stehen zu bleiben. Da war er wieder, und wieder vernahm sie diesen Ruf in ihrem Geist.
"Die Zeit, Lyta Flinn, ist gekommen. Du bist so nahe daran. erfülle dein Schicksal - erfülle es wieder und du wirst groß werden."
Als er über sie zog verlor er scheinbar eine Feder,w elche im Abendwind umhertänzelte. Lyta streckte beinahe hypnotisch ihre dünnen blassen Hände nach der Feder aus, und dort landete sie tatsächlich wie von zauberhand selbst.
Doch ehe das Gefieder ihre Haut berühren könnte schien die Feder sich in schwarzem geruchlosen Rauch aufzulösen und wehte davon.
Sie schluckte schwer.
Was bei den Göttern konnte sie gegen eine dämonische Wesenheit tun, welche sie scheinbar gar bis hierher verfolgte und ohnehin überall ihr wachsames Auge auf Lyta hatte? Es gab keine Antwort, es gab nur eines; das Grauen!

Verfasst: Freitag 2. Mai 2008, 18:41
von Lyta Flinn
Zwischenspiel
„Abzweigungen"


Die mondlose Sternennacht war klar und kühl. Hier, in diesen Breiten konnte es um den ersten Schwalbenflug hin noch Bodenfrost geben, und die Kühle dieser Nacht war nahe daran. Lyta war in einen warmen Umhang gewickelt, als sie auf den Zinnen von Burg schwertwacht saß und in die finstere konturlose nächtliche Landschaft hinausstarrte. Hier, in dieser Gegend konnte man schnell einsam werden, vorausgesetzt man fand nicht Zuflucht in einer Burg, wie eben jener hier.
Ab und an war es ihr, als vernehme sie einen Ruf aus der Ferne, von dort wo sie wenige Tage zuvor bereits einen Ruf vernahm und dieser in ihren Träumen wiederhallte. Dieser Traum - was hatte es damit auf sich? Konnte sie so fern von den beiden sich bekriegenden Reichen daenn nicht Frieden finden? War es schon so weit gekommen?
Immer noch dachte Lyta ab und an an Simoens Worte. "Du bist eine Auserwählte, Lyta. ER hat dich erwählt. Kra'thor hat Pläne mit dir."
Der Rabe verfolgte sie bis hierhin. Ob es nun Kra'thor höchstselbst war, einer seiner Boten - es war jedenfalls kein Hirngespinst, denn andere sahen ihn auch, und es würde auch nicht zu allem anderen passen. Aber immerhin kehrten diese Aussetzer nicht wieder. Die paar Tage, welche Lyta nun hier auf Burg Schwertwacht verweilte richtete sie keinen Schaden an, und bei allen Göttern, die sie vielleicht trotz iher angeblich so verderbten Seele doch noch schützen könnten, mögen sie nicht wiederkommen.
Fürwahr - Lyta litt sehr daran, klammerte sich an den Strohhalm der Hoffnung, dass es irgendwann ein Ende finden würde. Sie war doch nur eine Schreiberin.
Doch je mehr sie sich mit der Zeit voranbewegte und ein neues Leben begann, umso mehr Fragen kamen auf. Fragen, die ihr niemand beantworten konnte - und im innersten wusste Lyta, dass sie sich diese Antworten mit großen Qualen erkaufen würde müssen.

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Iandoras, eine Insel, 700 Meilen weiter südlich
Zur Selben Zeit, als Lyta in die mondlose Nacht hinausblickte erwachte Susann K'yatos aus ihrer Trance.
Etwas im Lied stimmte nicht - oder war viel mehr so derart vertraut, dass sie darauf reagieren musste. Es kam schon einige Male vor, aber es wurde von Mal zu Mal deutlicher. Ab und an schlägt das Lied Wellen, als werfe man einen Stein ins Wasser. Sie breiteten sich aus. Susann war sensibilisiert auf diese Art des Liedes, und so erfühlte sie dieses auch auf der Stelle.
Sie erhob sich und trat auf die Terasse des kleinen Marmorhauses, nach Norden blickend, in die Richtung aus der diese seltsame Unregelmäßigkeit herrührte.
Es würde also bald beginnen.
Susanns Herz pochte wie wild. Beinahe einundzwanzig Jahre wartete sie auf den Moment. Es würde nicht mehr lange dauern, und dann bekam sie endlich, was sie schon seit längerem Begehrte. Nur eine Person barg das Wissen um das, was damals geschehen war, und diese Person musste für ihre Sache gewonnen werden, ehe es zu spät war, und ihre Pläne im Sande verliefen. Sie beging bereits einen Fehler, ein zweiter dürfe ihr nicht wiederfahren, nicht nach all dem Aufwand, den ganzen Spielchen, die sie spielen musste.
Der Feind war besänftigt gewesen, doch der Preis war sehr hoch. Ja beinahe wäre alles gescheitert. Doch dies dürfe nicht nochmals passieren.
Bald würde es beginnen, die Zeit war nahe, das wusste die Nekromantin nur zu gut. Sie war vermutlich die Letzte aus alten Tagen, die das uralte Wissen in sich trug, doch ihr Vorhaben barg mehr als bloßes Wissen.
Die Zeit war beinahe gekommen...

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Lyta merkte von alledem nichts. Sie war lediglich in Gedanken versunken, erst als ihr so war als würde ein paar Flügel sehr dicht über ihrem Kopf hinwegfliegen hob sie den Kopf an. Ein krächzender Rabe flog nach Osten davon, in die Einsamkeit. War es ein gewöhnlicher Rabe so wunderte sich lyta höchstens, wieso er mitten in der Nacht von dannen flog.
Er beschrieb in weiter ferne, schon beinahe aus Lytas Gesichtsfeld heraus einen Bogen und flog erneut, diesmal höher über sie hinweg, diesmal nach Westen, auf die Bergkette zu, in Richtung jenes unheilvollen Turmes, den sie in ihren Träumen gesehen und von dort den Ruf vernommen hatte.
Ein neuer Schauder glitt über Lytas blassen Rücken, als sie sich eilends umwandte und wieder nach unten in die Wärme der Burg tappste.
Dieser Albtraum würde wohl nie mehr enden, damit sollte sich Lyta langsam abfinden.