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Frühling

Verfasst: Sonntag 2. März 2008, 18:47
von Luca
Zunächst verstrichen die Tage ohne besondere Ereignisse, niemand verließ den viel zu weit entfernten Weg, um sich dem Haus zu nähern. Einige Male hatte er geglaubt, jemanden zu erkennen, sicher gewesen war er sich aber nicht. Zumindest waren auch immer noch keine Hexer aufgetaucht...
Einzig die Zeit wurde ihm zu lang, sich allein zu beschäftigen gehörte zu den Sachen, die er nie gelernt hatte. Zur täglichen – eher nächtlichen – Routine im Haus hatte früher zunächst die Schimpferei von Tante, dann das Abendessen, Streit mit Karen, Raufen mit den Jungs und Schlafen gehört. Mehr Zeit war nie zu füllen gewesen, das erste, was die Hausherrin morgens tat, war, sie vor die Tür zu scheuchen. Da hatte immer genug Arbeit und ein ganzer Haufen von Gleichaltrigen, mit denen es nie langweilig wurde, gewartet. Gut, hin und wieder schon, doch das war – zum Leidwesen sämtlicher Städter – nie ein anhaltender Zustand gewesen.

Mittlerweile hatte er die Küche des Hauses ausgiebig erforscht, um die restlichen Kisten und Regale machte er eher einen Bogen, solang er nicht völlig sicher war, allein im Haus zu sein. Dann und wann siegte seine Neugierde und ließ ihn mit ausgestrecktem Finger einen Truhendeckel anheben oder über Buchrücken streichen, meist besah er sich all die Dinge jedoch nur mit den Händen hinter dem Rücken. Besser, niemand hielt ihn für einen Dieb. Eigentlich war die Vorstellung lächerlich, was würde es ihm nützen, sich die Taschen voll zu stopfen, wenn er das Haus ohnehin nicht verließ? Trotzdem, sicher war sicher.

Seine eigene Schatzkiste machte ihn noch immer glücklich, nach dem morgendlichen Gang in die Küche führten ihn seine Schritte immer sofort zu seinen Habseligkeiten. Er hatte nie so viele Dinge gleichzeitig besessen und genoss die Gewissheit, dass sie ihm keiner stehlen konnte.
Am größten war die Freude gewesen, als er vor einigen Tagen den Kleiderstapel auf der Truhe entdeckt hatte. Zuerst war sein Blick auf dem Weg durch den Raum einfach über ihn hinweggewandert, als er ihm dann ist Auge gesprungen war, hatte es aber kein Halten mehr gegeben. Eine Lederhose, eine dunkelblaue Stoffhose, gelbe, blaue, weiße und rote Hemden und Doublets, eine Mütze und sogar ein Ledermantel! Eine ganze Weile hatte er die Kleider einfach stumm angestarrt, dann aber mit einem johlenden „MEINS!“ an sich gerissen und nacheinander anprobiert.
Alles war neu, roch sauber und passte ihm haargenau. Für einen kurzen Moment hatte er sich regelrecht beherrschen müssen, nicht alles zu verstecken und wegzusperren, bevor jemand ins Haus kam. Was sie früher angeschleppt hatten, hatte Tante verteilt, das hieß meistens, dass alles, was annähernd seine Größe hatte und passabel aussah an Sehd wanderte und er sich mit dessen alten Sachen zufrieden zu geben hatte. Mit einem triumphierenden Lächeln betrachtete er die Sachen abermals; so feine Kleider hatte dort sowieso niemand gehabt. Er hatte sie sich auch nie wirklich gewünscht, wenn man den ganzen Tag draußen war, sahen sie abends sowieso reichlich lumpig aus. Niemand war neidisch auf die Kinder gewesen, die abends verdroschen wurden, weil sie sich schmutzig gemacht oder die Hemden eingerissen hatten. Außerdem ließ sich mit teuren Anziehsachen kaum vernünftig betteln, hier wetteiferten dann alle darum, ein klein wenig schäbiger auszusehen als die anderen. Mit der Lederhose, dem blauen Doublet und dem feinen weißen Hemd besaß er nun ziemlich genau die Kleider, die er an Bo bei ihrem kurzen Treffen bewundert hatte – nur eben noch einige mehr. Der Gedanke ließ ihn kurz grinsen, letzten Endes entschied er sich dann für die Stoffhose, das dunkelrote Hemd und das goldgelbe Doublet. Seine Lieblingsfarben, dazu reichlich königlich...

Ein wenig fragte er sich, ob ihn Leute, die ihn von früher kannten, überhaupt noch erkennen würden. An die vor einer ganzen Weile einmal selbst geschnittenen Haare hatte er noch niemanden herangelassen, allerdings sahen sie ordentlichgekämmt und ohne die ständig kratzende Hand ziemlich anders aus. Die alten Fetzen hatte wenige Tage nach seiner Ankunft auf der Insel irgendjemand verbrannt und gegen neue getauscht, mit dem stets gewaschenen Gesicht sag er viel eher wie einer der feinen Pinkel aus, die sie früher vergnügt durch die Straßen gejagt hatten... Der Gedanke ließ ihn kurz die Nase rümpfen, allerdings verflog das Gefühl, kaum dass er sich auch an den nie eingestandenen Neid erinnerte.

Verfasst: Montag 3. März 2008, 04:35
von Luca
Es waren Tage, in denen er sich wohl fühlte. Selissa interessierte sich für seine Geschichten und schien ihm wirklich kein bisschen mehr nachzutragen, dass er damals in der Taverne Vincents Version der Geschichte bestätigt und ihr damit Unrecht gegeben hatte. Nur, dass sie bei Bos Namen ins Grübeln geriet, beunruhigte ihn... War es besser, gleich das Thema zu wechseln oder konnte sie etwas über seinen Verbleib wissen? Sicher war er sich nicht. Trotzdem genoss er ihre Gesellschaft, ebenso die Shayas. Auch wenn er sie für seinen Geschmack zu selten ohne Savea antraf, – ganz zu schweigen von der Geborgenheit, wieder bei jemandem im Bett schlafen zu dürfen – entspannte es ihn, ohne Vorsicht mit ihr zu reden.. In Gegenwart der Lady beschränkte er sich lieber auf das Allernötigste, er sorgte sich noch immer ständig, sein neugewonnenes Glück mit einem unbedachten Wort zunichte zu machen. Wie anders wichtige Leute darüber dachten, was man sagen durfte und was nicht, hatte er in seinen ersten Monaten auf der Insel gelernt.
Gänzlich unverhofft überraschte ihn schließlich Aranors Besuch, jedes bekannte Gesicht ließ ihm die Außenwelt ein wenig näher erscheinen. Es tat gut, über Bekannte zu reden und Neuigkeiten zu erfahren, außerdem war so wieder ein Paar Augen und Ohren für die Suche nach Bo gewonnen.

Verfasst: Montag 3. März 2008, 04:37
von Luca
Beunruhigen tat ihn die ganze Zeit über etwas anderes, und das waren die Andeutungen der Lady über Heiratspläne. Er hatte sich damals redlich Mühe gegeben, sie von den Vorteilen einer romantischen Sommerhochzeit zu überzeugen; auf einen Wunschtermin in ferner, ferner Zukunft schwören lassen konnte er sie allerdings freilich kaum. Traf sie sich mit ihm, wenn sie Außerhaus war? Anzunehmen... Jeden Tag nagte die Sorge an ihm, sie könne sich gerade jetzt von dem mysteriösen Fremden auf’s Bett – nein, in ihrem Fall eher vor einen Priester, korrigierten seine Gedanken – zerren lassen und ihn abends vor vollendete Tatsachen stellen. Was er tun sollte, wenn es so weit war, war ihm schleierhaft.

Zwar vermisste er Elina und Spjall, dass Grimwould auf Dauer kein Ort für ihn sein würde, fühlte er aber. Es viel ihm viel zu schwer, keine gepfefferte Antwort zurückzugeben, wenn Arnfinn sich über die Städter ausließ... über kurz oder lang würde es wohl damit enden, dass ihn einer der Erwachsenen wegen einer Beleidigung, die den ganzen Clan traf, erschlug. Darüber hinaus war ihm das Leben in der Wildnis so fremd, er konnte sich nicht vorstellen, wie es sein sollte, nie durch volle Straßen zu laufen und auf einfach alles zu verzichten, was sein bisheriges Leben ausgemacht hatte.

Zu Winterbeginn hatte er es für das beste gehalten, Leandros Angebot anzunehmen – oder ihn dazu zu bringen, die Idee schonend seinen Brüdern beizubringen –; die Familie war ihm sympathisch. Ein volles Haus, dazu noch Gor, der ihn saufen ließ und mit Waffen versorgte. Nach der Entführung war er sich allerdings nicht sicher, ob er Bajard überhaupt noch betreten würde, direkt dort zu leben, wo die Hexer die Luft aufgerissen und ihn mitgenommen hatten, schied aus. Genaugenommen war ihm in der Gegend schon einiges passiert, was auch ein weniger gutes Ende hätte nehmen können... je mehr er sich an den Reichtum der Insel gewöhnte, desto weniger blendete er ihn. Klarer als in jener Nacht hätte ihm nicht werden können, dass auch hier genug Gefahren lauerten; gänzlich andere als er bisher gekannt hatte.

Um Zoe machten seine Gehdanken noch immer einen großen Bogen. Er hatte nie gelogen, wenn er sie seinen zweitwichtigsten Menschen nannte. Das tiefe Gefühl von Zuneigung und Vertrauen, dass er empfunden hatte, was ansonsten nur für Bo reserviert und lange genug hatte er wirklich geglaubt, dass sie ihm bleiben würde. Ihre beunruhigenden Geständnisse hatte er verdrängen können, der nahe Wahnsinn nach Jarrefs Tod hatte ihn jedoch tief verunsichert. Auch wenn jeder Außenstehende wahrnehmen mochte, dass ihr Zustand ihn überforderte, hatte er zu dieser Zeit noch geglaubt, alles retten zu können, wenn er sie nur beschützte. Erst, dass sie sämtliche Schwüre und Versprechen brach und ihn gänzlich machtlos zurückließ, riss ihm den Boden unter den Füßen weg. Er war mit grimmiger Entschlossenheit bereit gewesen, mit ihr fortzugehen, trotz allen Übels, was da warten mochte. Hatte sich in den Arm geschnitten, um sie zu erpressen, in sicherer Umgebung zu bleiben und sich sogar gegen die hohen Krieger des Reiches aufgelehnt; aller Angst, Mortys könnte ihn erschlagen oder – beinah schlimmer – Rafael ihn hassen, zum Trotz. Einzusehen, dass er rein gar nichts dagegen tun konnte, dass sie fortlief, war das eigentlich schreckliche gewesen. Angst zu haben, zu hoffen, bei einem Wiedersehen für wenige Stunden erleichtert zu sein, nur um dann doch wieder enttäuscht zu werden, war zuviel gewesen; dazu die ständige Frage, warum sie ihn aller angeblichen Gefühle zum Trotz allein zurückließ...
Nichts war schwerer gewesen, als sich damit abzufinden, sie nicht halten zu können, trotzdem hatte es ihm gelingen müssen, nicht mehr an sie zu denken und sie nicht mehr so tief zu vermissen. Nachdem es ihm gelungen war, blieb dumpfer Schmerz, trotzdem gab es nun etwas, was ihn mehr traf als ihr Verlust: Sich bei jedem Auftauchen wieder jäher unsicherer Hoffnung ausgesetzt zu sehen. Auch wenn er sich in den Wochen zuvor nichts sehnlicher gewünscht hatte, fühlten sich die Wiedersehen mit der – vielleicht, vielleicht aber auch nicht – genesenden Zoe an, als würde jemand versuchen, ihm mit aller Kraft das Herz aus der Brust zu reißen. Zweimal war er im Streit überfordert hinaus in die Winterkälte gelaufen, die letzte Flucht hatte im Kerker der Arkorither geendet.
Wenn es etwas gab, wovor sein Verstand ihn schützte, dann war es, all dies erneut durchzumachen oder auch nur zu deutlich daran erinnert zu werden.

Keinen geringeren Schlag hatte die Zeit bei Rahel seinem neu entdeckten Gefühl des Vertrauens versetzt. „Sie hat angeboten, dass du bei ihr schläfst. Sie findet, jeder braucht ein Heim aus dem ihn niemand vertreibt, egal was geschieht.“
Nachdem der Winter vor der Tür gestanden hatte und klar gewesen war, dass die Fehde mit den Waldläufern Lilianas Geduld bald aufgezehrt haben würde, hätte Zoe keine bessere Nachricht für ihn haben können. Leise Zweifel hatten sich schon damals geregt. Den besten Start hatten Rahel und er nicht eben gehabt, außerdem hatte ihm das Vorhergegangene gerade erst bewiesen, wie viel von Versprechen zu halten war, die zu schön um wahr zu sein schienen. Aber sie hatte ihre Kinder verloren, möglich, dass die übriggebliebenen Muttergefühle die Sache änderten. Varuna war von allen Orten, an denen man hier leben konnte mit Sicherheit der beste, gleich wie viele feine Leute es hier gab. Es war eine Stadt mit Markt, Taverne und Menschen und das nötige heimische Klima konnte man sich ohne Zweifel per Kutsche in Bajard oder Rahal verschaffen...
Auch wenn ihm Zoe fehlen würde, war es nicht weit und auch wenn er viele schlaflose Nächte allein in dem Zimmer – das zweimal so groß wie die Hütte seiner Tante war – verbrachte, war es ein gutes, sicheres Heim. Die Art der Zuwendung, die die junge Frau ihm entgegenbrachte, war eine gänzlich neue gewesen. Er hatte gespürt, dass es das nie gekannte Mütterliche sein musste und ließ sich darauf ein, auch wenn es reichlich ungewohnt war. Gekämmt, gebadet, fast parfümiert und mit allerhand Kosenamen bedacht zu werden hatte ihm ebenso wie Waffen-, Trink- und Ausgehverbote ab und an das Gefühl gegeben, er würde in ein zweijähriges Mädchen verwandelt, allerdings war all das ein geringer Preis für liebevolle Umarmungen, Essen und einen warmen Schlafplatz.
Wie zynisch, dass es die selben Gefühle waren, die ihm all das beschert und wieder genommen hatten. Die Übergänge waren schleichend gewesen, er hätte nicht mehr gewusst, über welches nette Wort er sich gefreut und welches Hätscheln ihn befremdet hatte.
Dass etwas im Argen lag, hatte er erst gemerkt, als sie ihn vor die Wahl zwischen sich und Zoe stellte. Er hatte nicht verstehen können, wieso sie nicht sah, dass ihre Cousine in Lebensgefahr schwebte und er der einzige war, der zu ihr durchdringen und sie beschützen konnte. Es hatte mit dem Angebot eines Schlafplatzes gegen das Erfrieren im Winter angefangen und endete damit, dass er sich von seiner wichtigsten Bezugsperson fernhalten sollte. So vereinnahmt zu werden, hatte ihn verstört. Sie hatte ihm vorher nie gesagt, welche Erwartungen sie an ihn stellte und ihre Eifersucht auf Zoe beunruhigte ihn. Sich einzig und allein auf einen Menschen zu verlassen widersprach jeder Logik, die er aus seinem bisherigen Leben kannte. Freunde waren immer wichtig, eben so Plan B, C und D für Schlafen, Essen, Schutz und was man sonst noch brauchte. Was würde passieren, wenn er sich fügte und von allen anderen Menschen löste, sie ihn aber entgegen aller Versprechen doch verstieß? Der Heftigkeit ihrer positiven Gefühle zum Trotz war sie eine Fremde, die er nur von wenigen Treffen kannte. Die ihn kaum kannte. Wie um alles in der Welt hätte er beruhigt annehmen sollen, dass es irgendetwas gab, was ihm die Sicherheit verschaffen könnte, sie würde zu ihrem Wort stehen? Auch Liliana und Zoe hatten versprochen, er dürfte für immer bleiben, würde nie geschlagen... lange hatten die guten Vorsätze nicht gehalten. Sie hatte doch damals schon begonnen, ihm Vorwürfe zu machen und seine vermeintlichen Gedanken zu kritisieren. Dass er ihr nicht genügend vertraue, lieber ganz woanders wäre oder ihr durch Zoes Worte im Streit von nun an stets misstrauen würde. Jegliche Gegenrede war erfolglos geblieben, immer deutlicher hatte sich abgezeichnet, dass er nicht an der Konstruktion ihres Bildes von ihm beteiligt war. Phasen, in denen sie ihn wie ein eigenes Kind behandelte, wechselten sich mit jenen ab, in denen sie bemerkte, dass er eben nicht ihr toter Sohn war.
Seine Überlegungen, wie lange es gut gehen konnte, waren von der Entführung unterbrochen und beantwortet worden. Vielleicht hätte es keine deutlichere Zerreißprobe geben können. Er war in diesen Tagen ohne jeden Zweifel nicht das Kind gewesen, das man mit einem Lied in den Schlaf summen und dank „Urvertrauen“ davon überzeugen konnte, dass keine Ungeheuer vor dem Haus lauerten. Er war der Junge gewesen, der auf einmal panische Angst vor dem Bad hatte, sich vor dem Dunkel hinter den Fenstern fürchtete, wann es möglich war in der hintersten Ecke unter ihrem Bett verkroch, nachts schreiend aufwachte, mit huschendem Blick und Küchenmesser vor dem Kamin kauerte und es nicht allein in seinem Zimmer aushielt.
Und sie war verschwunden. Geflüchtet, als er sie wirklich gebraucht hätte. Zunächst zur Arbeit, dann immer länger ins Schloss und schließlich auch über die Nacht in die Herberge. Hatte ihn mit Fieber, Husten und allen grauenhaften Bildern und Ängsten allein gelassen und schließlich gegen alles Winseln und Betteln „für eine Nacht“ hergebracht. So gut es ging schob er die Erinnerung mit denen an die Nächte seiner Gefangenschaft weit weg. Dass es kein Zurück gab, war klarer als klar. Von Zeit zu Zeit überlegte er, ob sie jemals vorgehabt hatte, ihn am nächsten Morgen wieder zu holen, ob ihr etwas zugestoßen war oder wie sie einfach verschwinden konnte. Meistens beendete ein schmerzliches Ziehen im Bauch die Überlegungen....

Sir Rafael? Er hätte anfangs gar nicht gewagt anzunehmen, jemand so wichtiges könnte ihn aufnehmen, konnte er doch schon sein Glück, überhaupt angesprochen zu werden, kaum fassen. Vielleicht hatte er ab und an unbewusst davon geträumt oder darüber nachgedacht, dass der Ritter zumindest der Haarfarbe nach gut der Vater der beiden Brüder hätte sein können und wie es gewesen wäre, bei jemandem wie ihm statt bei Tante aufzuwachsen. Reale Hoffnungen hatte er sich nicht gemacht und Rahels Mahnung in diese Richtung hatte ihn damals mehr überrascht als enttäuscht.

Ansonsten gab es eine Zahl von Menschen, mit denen er gut auskam. Er zweifelte nicht daran, hier und da für eine Weile unterkommen zu können, viel eher wusste er, dass er bei keinem von ihnen sicher gewesen wäre. Auch wenn er sich redlich Mühe gab, dem neuen Amulett zu vertrauen – die Angst vor den Arkorithern saß tiefer.

Verfasst: Montag 3. März 2008, 04:41
von Luca
„Du glaubst allen Ernstes, so etwas könnte passieren?“ hatte die Lady gefragt, als er nach langem hin und her eingestanden hatte, dass er sich davor fürchtete, pünktlich zu ihrer Hochzeit vor die Tür gesetzt und von den Hexern geholt zu werden.

Die bessere Frage wäre gewesen, wie sie glaubte, er könnte glauben, es würde nicht passieren.
Aus Mitleid hier... Saveas Worte hatte er nicht vergessen, und gleich ob sie die ganze Wahrheit waren oder die Lady ihn wirklich mochte, wie Viola behauptet hatte – einem Fremden würde das herzlich egal sein.
Höchstens sieben war er gewesen, als einer der Freier seiner Tante ihn für etwas mehr Privatsphäre mit ihr zum ersten Mal mitten in der Nacht raus auf die Straße geschleift und ausgesperrt hatte. Sie hatte damals keinen Zweifel daran gelassen, wer die höhere Daseinsberechtigung genoss und darüber hinaus kannte er genug Kinder, die nach neuer Heirat ihrer verwitweten Mütter zu sehen hatten, wo sie unterkamen. Die Zahl der unnötigen Esser zu beseitigen war Naheliegenderweise das erste, was Männer im Haus taten.

Möglich, dass es dort, wo alles im Überfluss vorhanden war, anders aussah...
Dennoch. Sollte er die Lady in sein Haus holen, hatte er nicht den geringsten Grund, sich auch noch einen Jungen aufzuhalsen, der nicht einmal ihr Sohn war. Ebenso wenig schien sie einen Grund zu haben, darauf zu bestehen. Selbst die, die ihn eingeladen und freiwillig aufgenommen hatten, hatten ihn nicht lang behalten wollen... und dort war er nicht einmal ohne Vorwarnung mitten in der Nacht abgeladen worden...

„Dann hast du wenig von diesem Haus begriffen...“
Nein, er zweifelte nicht an ihrem guten Herz. Er wusste es einfach besser. Für einen winzigen Augenblick hatte er Lust, es ihr entgegen zu brüllen und aufzuzählen, wie viele andere Leute genauso geredet hatten, bevor sie ihre Meinung änderten. Es würde sie nicht davon abhalten, genauso wie eben jene weiterhin auf ihren guten Vorsätzen zu beharren und wäre wohl der schnellste Weg gewesen, das neue Heim sogar noch früher als nötig zu verlassen. Die Resignation ersparte ihm, sich beherrschen zu müssen.

„Manchmal erschrickt es mich selber, wie unterschiedlich wir sind, du und die Leute hier.. nichts und niemandem vertrauend... "
Er hörte das Kind förmlich in den Brunnen fallen. Du vertraust uns nicht. Du bist anders. Damit konnte ja niemand rechnen. So hatte es jedes Mal angefangen.
Warum hatte er sich so leichtfertig in die Falle locken lassen? Ziel war nur gewesen, ihr einen vagen Termin zu entlocken um eine verlässliche Schonfrist zu haben. Und nun?

„Im Grunde weiß ich auch nicht, was ich von dir zu erwarten habe. Als was siehst du dich hier, Luca?“

Verfasst: Donnerstag 6. März 2008, 03:45
von Luca
Noch waren die Tage kurz und so war es am frühen Abend bereits wieder zu dunkel für das Fenster. Stattdessen lag Luca auf dem Bett und starrte vor sich hin, während seine Gedanken sich wieder um das Gespräch drehten.
Als was er sich sah? In den letzten Monaten hatte er genug darüber nachgedacht, weshalb er hier war und wie lange es dabei bleiben würde; zu einem Ergebnis war er nicht gekommen. Es fiel ihm schwer, die Leute auf Gerimor einzuschätzen.

Für seine Tante waren er und Bo die Söhne ihres Bruders gewesen. Kein Grund die beiden zu lieben; nachdem sie seinen Nachlass verschachert hatte aber zumindest einer, die Jungen nicht so schnell wieder vor die Tür zu setzen, dass es den Unmut des Viertels auf sich zog. Aller Abneigung zum Trotz war sie eben Familie gewesen, dort hatte er hingehört. Und gewusst, dass ihm dies blieb, solang er nach ihren Regeln spielte. Einige waren leicht einzuhalten gewesen, andere weniger und bei manchen wäre er nicht einmal auf die Idee gekommen, es zu versuchen. Trotzdem hatten klare Verhältnisse geherrscht. Über das, was er an Essen und „Einnahmen“ nach Hause geschleppt hatte, war es ihm immer möglich gewesen, seinen Wert ziemlich genau abschätzen und sich recht sicher zu sein, dass sie nicht so rasch auf ihn verzichten wollen würde. Weiter hatte sie es nicht für sich behalten, wenn sie irgendetwas, das er tat – oder nicht tat – verstimmt hatte. Es war nicht nötig gewesen, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob sie gut oder schlecht von ihm dachte. War der Teller voll, war sie offenkundig zufrieden, nahm sie Gegenstände zur Hilfe um ihn zu verprügeln, war Vorsicht geboten. Alles dazwischen hatte einen verlässlichen Maßstab für ihre Laune und mögliche Konsequenzen gegeben. Keine rosigen Versprechungen aber auch keine bösen Überraschungen, für die es rein gar keine Anzeichen gegeben hätte...

Erst auf der Insel hatte er das sichere Gespür dafür, welche Worte oder Handlungen Ärger einbrachten und welche eben nicht, verloren. Damit einhergehend verschwand die Sicherheit, er war wesentlich vorsichtiger geworden ohne jedoch jemals so recht zu wissen, was um ihn herum an Fettnäpfchen lauerte. Ständig umsichtig und zuvorkommend zu sein, erwies sich als reichlich anstrengend und zehrte an seinen Nerven...

Im Augenblick lief es recht gut. Die Lady mochte sein Rotzen nicht sonderlich, war bisher aber kein einziges Mal ernstlich wütend auf ihn gewesen. So lange es gelang, nicht allzu sehr mit Savea oder Viola aneinander zu geraten, schien in dieser Richtung nicht viel Gefahr zu lauern. Beide hatten ihn schon daran erinnert, dass „Gast“ ein wesentlich wackeligerer und befristeterer Status als „Bewohner“ war, und er sich besser nicht zu mit ihnen anlegte. Leicht fiel es ihm nicht, wenn es um Alatar oder biestige Freundinnen ging; dazu die Befürchtung, sie könnten die Wahrheit verdrehen und ihn damit rasch in Ungnade fallen lassen. Shayas beruhigende Worte hatten nicht allzu viel geholfen, da einfach zu viel auf dem Spiel stand. Aber Savea konnte er aus dem Weg gehen und das Gezanke an Viola erinnerte ihn eher an Auseinandersetzungen mit Karen oder Bo. Durchaus hässlich aber nach einer Weile wieder aus der Welt, weil man sich eben doch mochte und ein bisschen Streit irgendwie zum Leben gehörte.

Weniger als die Vorstellung, die Lady könnte einen Grund bekommen, ihn fortzuschicken, beunruhigte ihn die, ihr könne auffallen, dass sie keinen hatte, ihn weiter bleiben zu lassen. Ohne Zweifel gab er sich Mühe, nützlich zu sein – aber „nützlich“ war eben nicht „nötig“ und schon gar nicht „unentbehrlich“.
Was er im Haushalt tat, mochte Shaya und Savea den einen oder anderen Handgriff ersparen, würde jedoch mindestens ebenso zufriedenstellend von ihnen erledigt werden, sollte er es lassen. Solange zwei Wachen vor der Tür standen und Rothgar da war, wurde auch nicht unbedingt ein Mann im Haus gebraucht; er bezweifelte ohnehin, dass die Lady den Schutz von irgendjemandem nötig haben würde. Zumindest im Ausschauhalten war er gut, aber wen musste bei dicken Steinmauern schon wirklich scheren, was draußen vor der Tür geschah?
Es blieb dabei: Sie war nicht auf ihn angewiesen und hatte ihn nie gebeten, herzukommen. Rafael hatte sie zugesagt, ihn eine Nacht zu behalten, aber die war vor einigen Monaten zuende gegangen. Ihm selbst hatte sie versprochen, ihn ganz bestimmt nicht im Winter fortzujagen. Nun taute es draußen, was er plötzlich ebenso wie den Schnee zuvor verfluchte. Allerdings hatte sie auch gesagt, er müsse sich nicht sorgen und könne bleiben, solange es das Beste sei... was auch immer das heißen mochte. „Woanders ist es besser für dich“ war eine beliebte Formulierung feiner Leute für „Besser du gehst“, soviel glaubte er gelernt zu haben. „Bis es geklärt wäre“, hatte sie gesagt. Damals war es um Rahel und Zoe gegangen... Dann hatte sie mit ihm reden wollen.. aber versichert, dass das nicht hieß, er müsse fort. Dass er sicher nicht verjagt würde, solange er bleiben wollte. Trotzdem hatte damals etwas in der Luft gelegen...

Im Grunde war es auch egal. Was Leute irgendwann versprachen, hatte wenig damit zu tun, was sie erst einmal tun würden, wenn genug Zeit vergangen war. Dass Tante sich hatte schwängern lassen, hatte auch alles geändert und ihn und Bo schließlich auf der Straße enden lassen. Veränderungen waren nie gut, vor allem nicht, wenn sie an höhere Gewalt grenzten. Vom Vater verheiratet zu werden gehörte eindeutig zu den besseren Gründen für die Annullierung eines Versprechens...

Dennoch... je länger er darüber nachdachte, desto seltsamer hatte sie sich eigentlich benommen. Welche Annahme hatte sie überrascht? Die, die Hexer würden ihn wegfangen, sobald er vor die Tür gesetzt worden wäre oder die, sie könnte letzteres überhaupt tun? Bisher war er davon ausgegangen, dass es mit vollkommener Selbstverständlichkeit geschehen würde. Weshalb fragte sie dann allerdings noch, ob er vorhätte, fortzugehen? Nicht aus Sorge, er könne etwas stehlen, das hatte sie versichert. Seine Gedanken begannen wieder ratlos hin und her zu springen, hatte Rafaels Frau ausgerechnet in dieser Nacht auftauchen und dazwischenplatzen müssen? Mittlerweile war er gar nicht mehr so überzeugt davon, dass die Unterbrechung glücklicherweise das Schlimmste verhindert hatte.

Konzentrieren! Über das Amulett hatte sie kein Wort verloren. Nur über das Haus und die Leute. Beide hatten reichlich wenig damit zu tun, ob man ihn wieder entführen würde oder nicht, wenn er erst fort war. Sie hatte gefragt, ob er hier sein wollte und sich wohlfühlte – zwei ungefähr gleich dumme Fragen, wie er immer noch fand.. auch, ob ihn interessierte, was die anderen von ihm hielten, das war schon wieder eine Spur gefährlicher... Allerdings hatte sie selbst gefragt, warum das wichtig wäre.
Woher sollte er das wissen? Unterhaltungen, in denen „fühlen“ oder „mögen“ vorkam, waren eindeutig Frauenkram, da kannte er sich nicht aus. Das Ganze schien kein Thema zu sein, dem er mit Nachdenken allein auf den Grund gehen konnte.

Hoffentlich tauchten Viola und Shaya bald wieder auf... weshalb mussten sie immer genau dann fort sein, wenn er eine wichtige Frage hatte?

Verfasst: Montag 10. März 2008, 23:50
von Luca
Das Gespräch mit Viola hatte ihn beruhigt. Wie nah die Lady und sie sich standen, wusste er, und wenn sie sich sicher war, dass jene ihn mochte, musste wohl etwas dran sein.
Nur von seinen Bedenken bezüglich Heirat konnte er schlecht sprechen, sollte sie noch nichts davon wissen, wäre es wohl der einfachste Weg, die Lady doch noch zu verärgern. Zwar nahm er nicht an, dass ihm hier irgendjemand etwas sagte, was der Rest des Hauses nicht ohnehin schon wusste – oft genug geschah es jedoch, dass Leuten in seiner Gegenwart Sachen rausrutschten, die sie eigentlich nicht hatten preisgeben wollen. Viola nur vorsichtig auf den Zahn zu fühlen war sicherer, auch wenn es zu nichts führte und er sich damit begnügen musste, diese Sorge nicht mit ihr zu teilen. Trotzdem versprach sie, mit Darna zu sprechen und seine Bedenken auf diesem Weg zu zerstreuen.

Ihre nächsten Worte einige Stunden später sollten ihm noch lang im Gedächtnis bleiben...
Sie will dich nicht wegschicken. Wirklich nicht. Willkommen zuhause, Luca.

Noch immer brannte er ungeduldig auf das angekündigte Gespräch, die drückende Furcht der letzten Wochen begann jedoch zu verschwinden.

Verfasst: Dienstag 11. März 2008, 00:46
von Luca
Die nächsten Tage im Haushalt erwiesen sich als äußerst turbulent. Zunächst tauchte endlich Rafael auf. Mit Rahel... Wie ihr Erscheinen einzuordnen war, wusste er nicht, allerdings machte sie es ihm einfach, sie zu ignorieren. Viel wichtiger war, dass der Ritter hier war und ihm endlich die Fragen beantworten konnte, die ihm wegen den Hexern auf der Seele brannten. Erst mal war allerdings die Schlacht am Turm interessanter, die Lady hatte schließlich nicht gezählt, wie viele Ungeheuer sein Held niedergestreckt hatte. Davon abgesehen war das andere Thema eher eines für vier Augen...

Ungeachtet dessen füllte sich das Haus jedoch rasch wieder. Das Duell zwischen der Lady und dem Frosthexers war reichlich blutig ausgegangen, und auch wenn sie gewonnen haben sollte, sah sie so gar nicht danach aus, als Shaya, Savea, Selissa, Zoe und der Graf sie zurückbrachten. Auf einen Sieg deutete allerhöchstens der Umstand hin, dass sie noch lebte. Obwohl ihm ehrliche Sorge zusetzte, gab es nichts was er tun konnte, so dass er mit den anderen im Erdgeschoss zurückblieb. Nach einer Weile traute er sich trotz Anwesenheit des Grafen an den Tisch und genoss den unerwartet vergnügten Abend. Die beiden – seiner Meinung nach – eindeutig wichtigsten Männer der Insel scherzten wie Jungs und als Leif dazustieß, machte er sich keine Sorgen mehr, unpassend aufzufallen.
Er mochte die unkomplizierte Art der Tiefländer. Das Ruppige war nichts, was ihm fremd gewesen wäre, und so blieben Freundlichkeit und die Gewissheit, so leicht keine ominöse Etikette zu verletzen. “Klau nichts, fass ihre Frauen nicht an und beleidige den Clan nicht.“ Viel mehr schien man sich nicht merken zu müssen. Mit einem Mal vermisste er es wieder, zwischen Spjall und Elina in den Fellen zu kuscheln; viel Zeit zum Nachdenken blieb ihm jedoch nicht. Der Abend war bunt, laut und lebendig, kurz: völlig nach seinem Geschmack. Wenn er sich nicht gerade beherrschen musste, bei Leifs Geschichten nicht seine Milch über den Tisch zu prusten, beobachtete er vorsichtig den Grafen. Er schien sich zu amüsieren, war freundlich und wurde von Rahel, Rafael und Leif nicht behandelt, als müssten sie befürchten, bei einem falschen Wort in den Stadtgraben geworfen zu werden. Genaugenommen war er ihm sympathisch und erinnerte kein bisschen an die „wichtigsten“ Leute, die er früher kennen gelernt hatte...

Auch wenn die Nacht viel zu früh endete, schlief er ruhig und gut. Shaya hatte ihn nicht in ihr Bett gelassen, aber die Stimmung des Abends hielt an und Zoe hatte ihm glaubhaft versichert, dass die Lady weder sterben, noch Gliedmaßen verlieren oder schwachsinnig werden würde, wahrscheinlich nicht verhext war und auch nicht einfach über Nacht verbluten könnte.

Das einzige, was an ihm nagte, war der Umstand, dass er nun doch noch warten musste, bis sie ihm die Richtigkeit von Violas Worten versichern konnte... dennoch, nur ein kleines Ärgernis.

Verfasst: Dienstag 11. März 2008, 20:14
von Luca
Seltsam, den Grafen im Haus zu wissen. Auf offener Straße hätte er die Nähe sofort genutzt, um ihn neugierig zu beobachten, vielleicht verstohlen zu berühren oder mit vollendeter Unterwürfigkeit anzubetteln, unter dem Dach der Lady schien es etwas komplizierter. Einmal konnte man im Zweifelsfall kaum flüchten, außerdem würde sie nicht begeistert sein, falls er sich danebenbenehmen sollte. Da zog er es vor, Shaya das Feld zu überlassen und nur aus dem Hintergrund zu beobachten. Immerhin war noch viel zu viel unklar. Was man sagte, zum Beispiel. Anbot oder nicht anbot, wo man besser nicht hinschaute oder stand... Eigentlich befürchtete er gar nicht mehr wirklich, beim kleinsten Fehler ersäuft oder erschlagen zu werden – der Argwohn saß einfach ein wenig tiefer, als gesundes Nachdenken für gewöhnlich grub.

Den Nachmittag verbrachte er lieber damit, vor der Tür der Lady zu lauschen und bei jeder Gelegenheit flüchtige Blicke ins Zimmer zu werfen. Nachdem sie ins Haus gebracht worden war, hatte er sie nicht mehr gesehen. Sich zu sorgen machte ihn unruhig, auch wenn er sich dessen nicht bewusst war. Eher fiel ihm auf, dass er es nicht leiden konnte, außen vor zu bleiben... Auch wenn Shaya ihn erfolgreich vom Lauschen abzuhalten versucht, dachte er gar nicht daran, sich abwimmeln zu lassen und wurde letztendlich für seine Hartnäckigkeit belohnt. Für den Augenblick genügte der kurze prüfende Blick, den er auf sie werfen konnte, vollkommen.

Verfasst: Mittwoch 12. März 2008, 22:34
von Luca
Die nächste Überraschung folgte schon, während er noch damit beschäftigt war, sich die Haare zu kämmen um für die Lady ordentlich auszusehen und herausfand, dass Selissa tatsächlich mehr als ein Exemplar der Garderobe, in der er sie immer sah, besaß.
Draußen schien es zu poltern und Shaya und Selissa hatten wiedereinmal nichts besseres zu tun, als arglos ins Freie zu laufen um nachzusehen. Langsam wusste er nicht mehr, ob er sich aufregen, ihnen helfen oder einfach abwarten und später „Ich hab euch gewarnt!“ rufen sollte. Da er beide mochte und zu neugierig war, endete es doch jedes Mal damit, dass er zumindest von einem Fenster zum anderen huschte, um sie im Auge zu behalten und sie möglichst schnell wieder hineinzulocken. Selbstredend erfolglos...

Heute war etwas anders – auch wenn er sich das Grübeln nicht so recht erlaubte, kam ihm die fellige Vermummung des Fremden bekannt vor... allerdings hatte sie ihn zuallererst an den Frosthexer erinnert. Die Stimme ließ ihn schließlich ruckartig nach vorn rutschen und aufgeregt hinausstarren. Als auch noch sein Name fiel und Spjall sich den irritierten Frauen vorstellte, gab es kein Halten mehr. Auf dem Weg nach draußen polterten zwei Stühle zu Boden, Luca hätte es nicht einmal interessiert, wenn es ihm aufgefallen wäre. Stattdessen stürmte er nach draußen ohne zu bemerken, dass die 20 Meter die weiteste Strecke waren, die er bisher von der Haustür aus allein zurückgelegt hatte. Diese verdammten Masken, immer malte man sich wer weiß was für ein Ungeheuer aus... Nachdem er sich nun jedoch sicher war, dass dort vorn Spjall stand, gab es kein Halten mehr. Noch im Rennen sprang er ihn an und genoss es, sich nicht mit formellen Begrüßungen abzumühen, sondern einfach gedrückt zu werden. Dass der Tiefländer ihn seinen Welpen nannte, störte ihn nicht halb so sehr wie von anderen "Kind" genannt zu werden. Zum einen, weil offene Zuneigung dahinter steckte, zum anderen, weil es keine Schande war, neben einem zwei Meter großen Krieger klein genannt zu werden.

Endlich hören, dass beide noch lebten und es ihnen gut ging! Seit Trutta von den Orks erzählt hatte, hatte ein Teil von ihm um die zwei gebangt. Nun allerdings konnte ihn endlich jemand mit Zahlen versorgen, bewundernd lauschte er dem Bericht über zwei Dutzend erschlagener Ungeheuer. Dass sie sich wehren konnten, hatte er ja gleich gewusst! Es nochmals versichert zu bekommen, beruhigte allerdings ungemein...
Spjall schien ihm nicht übel zu nehmen, dass er sich damals nicht dazu durchgerungen hatte, ganz in Grimwould zu bleiben, und bewunderte stattdessen sein neues Heim. Durch die ausbleibende Ablehnung fühlte Luca sich mit einem Mal fast ein wenig mehr zuhause und zeigte wie immer stolz seinen Besitz her. Erleichternd zu wissen, dass es diesmal nicht hieß, sich entscheiden zu müssen.

Die Sätze sprudelten heraus wie sie ihm in den Kopf kamen und nichts war falsch daran – nach einer Weile entdeckte er sogar seine normale Lautstärke wieder, unter all den wichtigen Leuten hatte er sich in den letzten Monaten bereits eine vorsichtigere Zunge angewöhnt.
Der Abschied kam schließlich viel zu früh, schon bevor Spjall das Haus verließ, spürte Luca, dass ihm das Warten bis zum nächsten Wiedersehen nun erst recht schwer fallen würde.
Sollten sie die Orks nur schnell abschlachten, und wenn er dafür beten müsste! Selbst mit seinem Schwert nach Lameriast zu reisen um neben den anderen zu kämpfen war eine abenteuerliche Vorstellung, allerdings war er nicht so dumm, die Möglichkeit ernsthaft in Erwägung zu ziehen... Hoffentlich dachte sein Freund daran, ihm wenigstens eine reichlich männliche Trophäe mitzubringen. Zum Glück fiel ihm im letzten Augenblick doch noch ein, was er tun konnte. Seit er das neue Amulett gegen die Hexer besaß, lagen seine alten Talismane sorgsam gehütet aber dennoch ausgemustert in seiner Schatzkiste. Nun sollte der getrocknete Hühnerfuß Spjall und das Lederbeutelchen mit seinem geheimnisvollen Inhalt Elina beschützen.

Wäre das Haus nicht voller Menschen gewesen, hätte ihn das bevorstehende Ausharren sicher verrückt gemacht. So aber polterte er nur glücklich zurück nach oben, um nach der Lady zu sehen und seine gute Laune mit den anderen zu teilen.