Winter
Verfasst: Montag 18. Februar 2008, 19:57
Wann würde der verfluchte Schnee endlich verschwinden?
„Als ob der Schnee irgendwas damit zu tun hätte“ kommentierte das herablassende innere Stimmchen, das sich eigentlich eher über Dritte ausließ, seine Gedanken.
Tatsächlich machte sein Wunsch, es möge endlich tauen, nicht all zu viel Sinn. Früher hatte es wirklich am Schnee gelegen, wenn er sich nicht aus dem Haus getraut hatte. Der Hunger machte die Diebe in den Straßen zu Räubern und ließ ihn auch einen Bogen um Leute machen, denen er sonst vertraute. Weiter waren seine Sachen nie wirklich warm genug gewesen, außerdem – und das war entscheidend – hatte er stets beunruhigt bezweifelt, dass seine Tante ihn abends ganz selbstverständlich wieder ins Haus lassen würde. Besser man stand im Winter nicht auf der falschen Seite der Tür...
Hier war allerdings alles anders. Die Lady hatte versprochen, ihn nicht fortzujagen – und auch wenn er sie ihr Wort lieber einmal zu oft als zu wenig erneuern ließ, glaubte er nicht, dass sie es brechen würde. Dazu hatte er den Schlüssel und sobald Amelie ihn besuchte, würde er auch mehr warme Kleider haben, als man auf einmal übereinander ziehen konnte.
Nein, der Winter war kein Grund mehr, im Haus zu bleiben. Solange man von der unverschämten Gemütlichkeit absah, dass es bot... allerdings hatte er sich daran tatsächlich mittlerweile gewöhnt und sehnte sich eher nach dem, was früher alltäglich war und hier gänzlich fehlte. Stimmengewirr auf dem Markt, Gelächter in der Taverne, Feilscherei, in die feinsten Taschen langen und vor den anderen mit der Beute prahlen... raufen, Pläne schmieden, zusammen die Bande aus der anderen Ecke der Stadt verdreschen, das Versteck weiter zur Festung ausbauen... mit der Schleuder um die Wette schießen, die Hunde gegeneinander kämpfen lassen, unter dem Gejohle der Älteren ein Messerturnier gewinnen... heimlich in Karens Sachen wühlen, mit Sehd versuchen das Schloss der Vorratskammer zu knacken, mit Bo über Tante fluchen... abends mit Händen und Füßen um die Decke kämpfen, nur um dann doch eng aneinandergekuschelt einzuschlafen.
Damals hatte es keine Wochen – nicht einmal einzelnen Tage – gegeben, in denen ihn niemand gedrückt, umarmt, geknufft, geboxt oder wenigstens verdroschen hätte.
Hier? Die Lady war zweifelsohne zu wichtig, um angefasst zu werden, zum unauffälligen Näherrutschen waren die Mahlzeiten meist zu kurz... Savea schien ihn nicht leiden zu können oder noch nicht wieder ganz beisammen zu sein, Shaya war zu zurückhaltend und auch selten allein zu erwischen. Mit Viola sah es schon wieder ganz anders aus, sie hätte genauso gut aus seiner alten Nachbarschaft stammen können... Allerdings war sie ein Mädchen, da blieb nicht aus, dass sie sich hin und wieder aufregte und dann beleidigt nichts mehr von ihm wissen wollte. Noch dazu eins, das sich einen Kerl angelacht hatte, zu dem sie gern mal verschwand...
Er kam nicht umhin, ärgerlich die Nase zu rümpfen. Sicher hatte er selbst versucht, sie von der Notwendigkeit eines Beschützerfreundes zu überzeugen – aber damals hatte er versäumt, sich darüber Gedanken zu machen, in wessen Bett sie wohl lieber schlafen würde, wenn sie erst einen gefunden hatte.
Das war das Problem mit Frauen, alle viel zu wechselhaft. Heute nett und morgen launisch, was hier fehlte waren Männer. Alles war viel unkomplizierter, wenn man sich bei Meinungsverschiedenheiten ordentlich prügelte und danach wieder prächtig verstand. Für all seine gnadenlos klugen Ideen gelobt wurde. Nicht jedes Wort sorgsam auswählen musste. Rotz gedankenlos hochziehen, runterschlucken oder wegspucken konnte...
Je länger er darüber nachdachte, desto lieber wäre er direkt aus dem Fenster geklettert und in die Stadt gerannt, um sich auf die Suche nach Bo oder zumindest irgendwelchen anderen Jungen zu machen.
Einen Monat lang hatte er nun jeden Tag am Fenster gesessen und hinausgesehen, nicht selten von der Morgen- bis zur Abenddämmerung. Bis auf den alten Frosthexer hatte sich dem Haus niemand schlechtes genähert... Hieß das, dass sie ihn nicht suchten oder nur nicht fanden? Sicher war er sich da nicht. Vielleicht war es nur der Haussegen und nicht das Amulett. Dann wäre es Selbstmord, hinauszugehen. Und sonst? Ziemlicher Unfug, hier sitzen zu bleiben.
Er traute sich mittlerweile, die Tür zu öffnen – statt nur wartend hinter ihr stehen zu bleiben – wenn einer der Bewohner heranritt. Mit der Lady war er zweimal im Kloster und zweimal in Varuna gewesen. Mit dem Pferd war es wirklich nicht sonderlich weit... Nie schien sie jemand verfolgt zu haben, allerdings waren sie auch zu schnell gewesen, als dass er sich wirklich hätte umschauen können. Vielleicht hatten die auch nur die Zauberei der Lady gespürt und beschlossen, zu warten, bis sie ihn allein erwischten. Sicher konnte man da nicht sein...
In Varuna war es ganz in Ordnung gewesen. Immerhin waren da viele Wachen und zu passieren schien auch nichts, immerhin liefen lauter hübsche unversehrte Frauen herum und nicht einmal der Graf trug eine Rüstung... Außerdem waren so viele Leute dort, keiner würde ihn einfach unbemerkt fortreißen können... außer durch einen Luftriss, merkte ein leises Zweifeln an. Oder, weil es einfach niemanden kümmerte... Nein, das war Unfug, die meisten konnten ihn leiden. In Bajard hatten sie ihn auch weggelockt – verhext zum Mitgehen gezwungen, korrigierten Ego und Gewissen –, einen offenen Kampf in der Menge schienen sie zu scheuen... Und damals war es dunkel gewesen, vielleicht verkrochen sie sich tagsüber ja immer in ihren Kerkern. Dagegen sprach, dass sie mit ihm auch im Hellen draußen gewesen waren...
Kurz bevor er an Saveas ketzerischem Lied und der Verständnislosigkeit der Lady verzweifelt war, hatte sich Rothgar endlich wieder sehen lassen. Sein Schwert bewundert, seinen Heldentaten gelauscht und mit ihm geübt – kurz: seinen Abend gerettet. Genaugenommen hatte er ihm nur zwei Paraden beigebracht,
Luca sah sich jedoch nicht mehr allzu weit vom unbesiegbaren Schwertkämpfer entfernt – dem Ziel ungefähr so nah wie dem des Lesenkönnens, nachdem die Lady ihm gezeigt hatte, wie sich sein Name schrieb. Sir Rafael war sich ziemlich sicher, dass man die Hexer erschlagen konnte, wie jeden anderen auch. Die Lady und Rothgar schienen der gleichen Meinung, also konnte es nicht schaden, sich ranzuhalten... Dem Frosthexer hatte er fast die Finger abgeschnitten, warum sollte er nicht auch die anderen erstechen können? Er musste sich langsam wirklich einigermaßen beherrschen, Rothgar nicht einfach aus dem Bett zu zerren, um weiterzuüben.. Hoffentlich meldete sich Victoria bald, hoffentlich hatte sie seine großzügige Spende in der Kirche nicht übersehen. Dumm, dass der Kerl vor ihm fast noch demonstrativer seinen ganzen Geldbeutel in die Kiste geleert hatte, daneben sahen seine paar Münzen nicht mehr all zu grandios aus... Egal, sie schien nett und würde ihm sicher auch so helfen. Nein, Savea würde ihn nicht mit dem Unglück beschmieren, das sie durch ihre lose Zunge heraufbeschwor. Sollte der Brudermörder sie allein holen, er würde sich kein Bein mehr ausreißen, um ihr zu helfen, sondern sich im Schutz neuer Amulette auf ein „Ich hab’s dir ja gesagt!“ beschränken... Die Vorstellung ließ ihn flüchtig grinsen und wieder hinausschauen. Vielleicht könnte er sich tatsächlich bald wieder in die Stadt wagen...
„Als ob der Schnee irgendwas damit zu tun hätte“ kommentierte das herablassende innere Stimmchen, das sich eigentlich eher über Dritte ausließ, seine Gedanken.
Tatsächlich machte sein Wunsch, es möge endlich tauen, nicht all zu viel Sinn. Früher hatte es wirklich am Schnee gelegen, wenn er sich nicht aus dem Haus getraut hatte. Der Hunger machte die Diebe in den Straßen zu Räubern und ließ ihn auch einen Bogen um Leute machen, denen er sonst vertraute. Weiter waren seine Sachen nie wirklich warm genug gewesen, außerdem – und das war entscheidend – hatte er stets beunruhigt bezweifelt, dass seine Tante ihn abends ganz selbstverständlich wieder ins Haus lassen würde. Besser man stand im Winter nicht auf der falschen Seite der Tür...
Hier war allerdings alles anders. Die Lady hatte versprochen, ihn nicht fortzujagen – und auch wenn er sie ihr Wort lieber einmal zu oft als zu wenig erneuern ließ, glaubte er nicht, dass sie es brechen würde. Dazu hatte er den Schlüssel und sobald Amelie ihn besuchte, würde er auch mehr warme Kleider haben, als man auf einmal übereinander ziehen konnte.
Nein, der Winter war kein Grund mehr, im Haus zu bleiben. Solange man von der unverschämten Gemütlichkeit absah, dass es bot... allerdings hatte er sich daran tatsächlich mittlerweile gewöhnt und sehnte sich eher nach dem, was früher alltäglich war und hier gänzlich fehlte. Stimmengewirr auf dem Markt, Gelächter in der Taverne, Feilscherei, in die feinsten Taschen langen und vor den anderen mit der Beute prahlen... raufen, Pläne schmieden, zusammen die Bande aus der anderen Ecke der Stadt verdreschen, das Versteck weiter zur Festung ausbauen... mit der Schleuder um die Wette schießen, die Hunde gegeneinander kämpfen lassen, unter dem Gejohle der Älteren ein Messerturnier gewinnen... heimlich in Karens Sachen wühlen, mit Sehd versuchen das Schloss der Vorratskammer zu knacken, mit Bo über Tante fluchen... abends mit Händen und Füßen um die Decke kämpfen, nur um dann doch eng aneinandergekuschelt einzuschlafen.
Damals hatte es keine Wochen – nicht einmal einzelnen Tage – gegeben, in denen ihn niemand gedrückt, umarmt, geknufft, geboxt oder wenigstens verdroschen hätte.
Hier? Die Lady war zweifelsohne zu wichtig, um angefasst zu werden, zum unauffälligen Näherrutschen waren die Mahlzeiten meist zu kurz... Savea schien ihn nicht leiden zu können oder noch nicht wieder ganz beisammen zu sein, Shaya war zu zurückhaltend und auch selten allein zu erwischen. Mit Viola sah es schon wieder ganz anders aus, sie hätte genauso gut aus seiner alten Nachbarschaft stammen können... Allerdings war sie ein Mädchen, da blieb nicht aus, dass sie sich hin und wieder aufregte und dann beleidigt nichts mehr von ihm wissen wollte. Noch dazu eins, das sich einen Kerl angelacht hatte, zu dem sie gern mal verschwand...
Er kam nicht umhin, ärgerlich die Nase zu rümpfen. Sicher hatte er selbst versucht, sie von der Notwendigkeit eines Beschützerfreundes zu überzeugen – aber damals hatte er versäumt, sich darüber Gedanken zu machen, in wessen Bett sie wohl lieber schlafen würde, wenn sie erst einen gefunden hatte.
Das war das Problem mit Frauen, alle viel zu wechselhaft. Heute nett und morgen launisch, was hier fehlte waren Männer. Alles war viel unkomplizierter, wenn man sich bei Meinungsverschiedenheiten ordentlich prügelte und danach wieder prächtig verstand. Für all seine gnadenlos klugen Ideen gelobt wurde. Nicht jedes Wort sorgsam auswählen musste. Rotz gedankenlos hochziehen, runterschlucken oder wegspucken konnte...
Je länger er darüber nachdachte, desto lieber wäre er direkt aus dem Fenster geklettert und in die Stadt gerannt, um sich auf die Suche nach Bo oder zumindest irgendwelchen anderen Jungen zu machen.
Einen Monat lang hatte er nun jeden Tag am Fenster gesessen und hinausgesehen, nicht selten von der Morgen- bis zur Abenddämmerung. Bis auf den alten Frosthexer hatte sich dem Haus niemand schlechtes genähert... Hieß das, dass sie ihn nicht suchten oder nur nicht fanden? Sicher war er sich da nicht. Vielleicht war es nur der Haussegen und nicht das Amulett. Dann wäre es Selbstmord, hinauszugehen. Und sonst? Ziemlicher Unfug, hier sitzen zu bleiben.
Er traute sich mittlerweile, die Tür zu öffnen – statt nur wartend hinter ihr stehen zu bleiben – wenn einer der Bewohner heranritt. Mit der Lady war er zweimal im Kloster und zweimal in Varuna gewesen. Mit dem Pferd war es wirklich nicht sonderlich weit... Nie schien sie jemand verfolgt zu haben, allerdings waren sie auch zu schnell gewesen, als dass er sich wirklich hätte umschauen können. Vielleicht hatten die auch nur die Zauberei der Lady gespürt und beschlossen, zu warten, bis sie ihn allein erwischten. Sicher konnte man da nicht sein...
In Varuna war es ganz in Ordnung gewesen. Immerhin waren da viele Wachen und zu passieren schien auch nichts, immerhin liefen lauter hübsche unversehrte Frauen herum und nicht einmal der Graf trug eine Rüstung... Außerdem waren so viele Leute dort, keiner würde ihn einfach unbemerkt fortreißen können... außer durch einen Luftriss, merkte ein leises Zweifeln an. Oder, weil es einfach niemanden kümmerte... Nein, das war Unfug, die meisten konnten ihn leiden. In Bajard hatten sie ihn auch weggelockt – verhext zum Mitgehen gezwungen, korrigierten Ego und Gewissen –, einen offenen Kampf in der Menge schienen sie zu scheuen... Und damals war es dunkel gewesen, vielleicht verkrochen sie sich tagsüber ja immer in ihren Kerkern. Dagegen sprach, dass sie mit ihm auch im Hellen draußen gewesen waren...
Kurz bevor er an Saveas ketzerischem Lied und der Verständnislosigkeit der Lady verzweifelt war, hatte sich Rothgar endlich wieder sehen lassen. Sein Schwert bewundert, seinen Heldentaten gelauscht und mit ihm geübt – kurz: seinen Abend gerettet. Genaugenommen hatte er ihm nur zwei Paraden beigebracht,
Luca sah sich jedoch nicht mehr allzu weit vom unbesiegbaren Schwertkämpfer entfernt – dem Ziel ungefähr so nah wie dem des Lesenkönnens, nachdem die Lady ihm gezeigt hatte, wie sich sein Name schrieb. Sir Rafael war sich ziemlich sicher, dass man die Hexer erschlagen konnte, wie jeden anderen auch. Die Lady und Rothgar schienen der gleichen Meinung, also konnte es nicht schaden, sich ranzuhalten... Dem Frosthexer hatte er fast die Finger abgeschnitten, warum sollte er nicht auch die anderen erstechen können? Er musste sich langsam wirklich einigermaßen beherrschen, Rothgar nicht einfach aus dem Bett zu zerren, um weiterzuüben.. Hoffentlich meldete sich Victoria bald, hoffentlich hatte sie seine großzügige Spende in der Kirche nicht übersehen. Dumm, dass der Kerl vor ihm fast noch demonstrativer seinen ganzen Geldbeutel in die Kiste geleert hatte, daneben sahen seine paar Münzen nicht mehr all zu grandios aus... Egal, sie schien nett und würde ihm sicher auch so helfen. Nein, Savea würde ihn nicht mit dem Unglück beschmieren, das sie durch ihre lose Zunge heraufbeschwor. Sollte der Brudermörder sie allein holen, er würde sich kein Bein mehr ausreißen, um ihr zu helfen, sondern sich im Schutz neuer Amulette auf ein „Ich hab’s dir ja gesagt!“ beschränken... Die Vorstellung ließ ihn flüchtig grinsen und wieder hinausschauen. Vielleicht könnte er sich tatsächlich bald wieder in die Stadt wagen...