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Gehorsam und Zweifel

Verfasst: Montag 18. Februar 2008, 13:10
von Helena Velheyn
Das leise Rascheln der Efeublätter war es, welches sie verriet. Denn ansonsten musste man schon ganz genau hinsehen, um das schmale Persönchen in der gewaltigen Hecke überhaupt zu sehen. Zwar leuchtete das Rotblond ihrer Haare mit dem dunklen Grün um die Wette, doch war sie schon so weit mit ihrer Leiter in der Efeuhecke verschwunden, dass nur weniges auf ihre Anwesenheit hindeutete.
An der zweitobersten Sprosse der Leiter hatte sie ihr kleines Weidenkörbchen festgebunden, mit dem man sie andauernd sah, in welches sie nach und nach einige der Blätter fallen lies. Nachdenklich, ihr Schälmesser zwischen den Zähnen haltend, fummelte sie mit bloßen Händen einige Triebe auseinander. Die schönsten und saftigsten Blätter hatten sich wieder einmal vor ihr versteckt, ganz als ahnten sie was mit ihnen passieren würde. Es würde eine ganze Menge Arbeit werden, denn um die Efeuhecke der Burg hatte sich anscheinend schon länger niemand mehr gekümmert. Irgendwann gaben die festen Triebe dem stärker werdenden Ruck nach und ließen die Mauer endlich los.

„Und wenn der Fürst dir befiehlt Frauen und Kinder zu töten, würdest du es tun?“
Die Frage hallte seit dem gestrigen Tag durch ihren Kopf und erzeugte ein widerwärtiges Echo. Sie hatte das Gespräch zwischen Keldaron und Fürst Deslon vernommen, und nagte schwer an dessen Worten. All die anderen Fragen hatten sich ihr durchaus erschlossen und keinen Anlass gegeben in geistige Starre zu fallen. Und dann die Frage, ob er es tun würde.
„Sag nein, Keldaron!“, dachte sie sich immer wieder und schüttelte leicht den Kopf. „Sag nein, gebrauche deinen Verstand. So denke doch wenigstens nach, bevor du leichtfertig antwortest…“
Aber Keldaron hatte nicht nein gesagt. Er hatte geantwortet, ohne überhaupt zu zögern. Einen Zweifel, einen Moment der Hemmung hatte sie nicht finden können. Ob er sich darüber schon einmal vorher Gedanken gemacht hatte? Oder ob er es nicht sogar schon einmal längst getan hat? Helena schüttelte den Kopf. In dubio pro reo musste sie wohl davon ausgehen, dass er einfach nicht nachgedacht hatte. Es fiel ihr schwer eine solche Einstellung zu respektieren. Und wenn man ihn fernab von diesem Gespräch gefragt hätte?
Es musste wohl so sein, dass den anderen Menschen nicht mehr viel am Leben lag. Das hätte zumindest einiges erklärt. Aber es wäre schade.

„Aua!“
Helena schaute auf ihren Finger, von dem nun warmes Blut herunter rann und auf ihre Schürze tropfte. Da passte man einen Moment lang nicht auf, und schon verstümmelte man sich selbst mit einem Schälmesser. Sie seufzte. Das konnte alles nicht wahr sein.
Langsam lehnte sie sich an die kühle Mauer und bettete ihren Kopf in das Blätterwerk. Ihr Finger pulsierte leicht, aber wenigstens hatte er sie einen Moment aus ihren Gedanken gerissen. Ein kurzer Kontrollblick nach unten bestätigte, dass der Finger noch dran war, und es gab Anlass zur Hoffnung, dass sie es wohl überleben würde. Zumindest, wenn es nicht möglich war, an der eigenen Zimperlichkeit zu sterben. Wenige Momente später hatte sie sich wieder gefasst, schnitt das Körbchen los und lies es in den Schnee fallen.
„Und als nächstes stürze ich von der Leiter und breche mir das Genick…“, murrte sie in Gedanken und stieg langsam die Sprossen hinab. Unten angenommen legte sie die Blätter, die beim Fall aus dem Körbchen geflogen waren, zurück in jenes, und machte sich damit auf den Weg. Irgendwo musste sie Verbandszeug haben, wahrscheinlich im Gasthaus.

„Der Fürst.. er befiehlt Frauen und Kinder töten zu lassen?“
Es hatte Helena ein wenig enttäuscht, dass man ihre Bedenken nicht verstanden hatte. Zumindest Synessia hatte ebenso flink geantwortet, wie Keldaron.
„Was der Fürst tut ist Recht. Was der Fürst sagt ist Gesetz.“
Auch hier keine Spur von Zweifel. Helena hatte sich gar nicht mehr getraut weiter nachzufragen. Sie war sich sicher, jede Antwort hier würde gleich ausfallen. Sie dachte nicht direkt, dass der Fürst dergleichen je befehlen würde. Wobei… kannte sie ihn überhaupt? Und wenn er es nun tat, nur um eine Probe aufs Exempel zu machen? Es hatten ohnehin alle den Eid geschworen, bis in den Tod zu dienen.

Würdest du den Eid schwören?
Helena starrte in das Wasserbecken in dem sie ihre Hände reinigte. Die Burg war eine solide, geschlossene Gemeinschaft. Wenn sie hier war, hatte sie nicht so sehr das Gefühl alleine zu sein, wie sonst. Konnte sie einen Eid schwören der sie zu Gehorsam verpflichtete? Würde sie einem solchen Befehl dienen können? Konnte sie ihr Leben einer anderen Person darbieten, als sei es nur ein Körbchen voller Pilze?

Mir wird schlecht…
Sie schloss die Augen. Nein, das konnte sie nicht.
Ich kann nicht töten.
Ich kann mein Leben nicht hergeben, denn ich lebe viel zu gerne.
Ich kann nicht bedingungslos dienen, denn ich liebe die Freiheit, die mein Leben mit sich bringt.


Niemand zwang sie, den Eid zu schwören. Sie war nur jemand, der sich um die Hecke kümmerte und Kräuter brachte.

Das alles hat nichts mit mir zu tun.
Das alles geht mich nichts an.


Und wenn es jemanden gab, der sie verstand? Jemand, der die gleichen Zweifel hatte?

Worte als Wundbalsam

Verfasst: Mittwoch 20. Februar 2008, 20:29
von Helena Velheyn
„Ganz ehrlich.. ich hätte auch nein gesagt. Ich weiss nicht, was der Fürst mit dieser Frage bezweckte, aber wenn es je einmal zu einem solchen Befehl gekommen wäre, da hätte ich mich quer gestellt.“

Danke.
Helena lehnte sich an die Vitrine und streckte die Beine aus. Endlich, er hatte es gesagt. Er hatte gesagt, was sie gehofft hatte. Der Tribun, höchster Diener des Fürsten, hatte tatsächlich die Antwort gegeben, die ein jeder in ihren flehenden Augen hätte ablesen können. Die Wangen erröteten leicht, als sie den Kopf hängen lies. Einen Moment lang tat es gut, dass nun die rotblonde Haarpracht die Sicht verdeckte. Und nur die Erleichterung war es, die diesen Moment schöner machte. Es hatte sich gelohnt, die entscheidende Frage zu stellen. Und es hatte sich auch gelohnt, einmal den Mut aufzubringen und dem stillen Zweifel mit fester Stimme Klang zu verleihen.

„Wisst Ihr… ich hatte Angst. Ich hatte Angst davor, dass ich eines Tages einen Eid schwören könnte, der mich töten wird. Denn der Ungehorsam, so hies es, führt nirgendwo anders als dort hin. Und bedingungslos dienen, ohne eigene Entscheidung, das… das könnte ich nicht.“

Der Tribun schüttelte leicht mit dem Kopf. Wahrscheinlich hielt er sie in gerade diesem Augenblick für ein Dummchen, das wusste sie aber nicht so genau. Und selbst wenn, es hatte ihr vollkommen gereicht jemanden zu finden, zu dem sie vertraulich sprechen konnte. Jemand, dem sie ehrlich sagen konnte, was sich in einer Nacht unruhigen Schlafes angestaut hatte. Da war es egal, ob er sie für naiv hielt, solange er sie ernst nahm und ihr zuhörte.
Vielleicht war sie ja auch einfach naiv. Naiv und ängstlich, ein wenig feige und manchmal schüchtern, oft vorschnell und – wenn auch nicht voreingenommen – sehr flink in ihren Schlüssen. Nur musste sie sich dieses Mal eingestehen: der Schluss war falsch.
„Ich glaube, ich habe der Legion und Euch – und dem Fürsten! – Unrecht getan, mit dem was ich dachte. Es tut mir Leid, wirklich.“
„Ich denke aufgrund Eurer Unwissenheit werde ich es Euch verzeihen können.“
Der Tribun lächelte sacht.

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Die Unterredung mit dem Tribun, die allein schon eine ganze Weile gedauert hatte und sehr eindringlich verlaufen war, lag schon einige Stunden zurück. Außerhalb der Burgmauern war es finster geworden, und Helena saß in ihrem kleinen zugewiesenen Zimmer und schrieb in ihr Tagebuch. Als sie schrieb, musste sie häufig Pausen machen. Denn obwohl das Gespräch eine gar Überwältigende Klarheit gebracht hatte, waren noch immer gut tausend Gedanken in ihrem Kopf die alle nacheinander unkontrolliert hervorbrachen. Langsam aber sicher wurde es Zeit, Ordnung in den Kopf zu bringen.

Vierunddreißigster Eintrag

Unterredung mit dem Tribun um meine Zweifel fortzuschaffen. Ich habe mit ihm intuitiv wohl die richtige Person erwählt um mich anzuvertrauen, zumindest war er sehr bereitwillig darin, mir zuzuhören. Habe versucht meine Gedanken präzise darzustellen, scheine aber manchmal daran gescheitert zu sein. Nichtsdestotrotz hat er mich letztlich verstanden.

Alles in Allem ist es viel weniger dramatisch, als ich annahm.
Zunächst: Auch der Tribun, der allen voran dem Fürsten länger dient als jeder andere hier, würde einem solchen Befehl wie er der Frage an Keldaron entsprach nicht Folge leisten. Er sagte zudem er wisse zwar nicht, was es mit dieser Frage überhaupt auf sich habe, sei sich aber sicher dass es sich lediglich um eine Darstellung des Gehorsams handele. Wie dem auch sei, ich halte es für ein wenig überspitzt, verstehe aber worauf er hinaus will. Ich bin ohnehin viel zu erleichtert über das was ich hörte, als das ich mich nun aufmachen würde die Fragen des Fürsten zu diskutieren. Ich respektiere den Gehorsam den die Legionäre an den Tag legen und muss zugestehen, dass sie zumindest die Lehren ihres Tribuns gut verinnerlicht haben.

Ferner muss ich wohl zugeben, mit meinen Gedanken Unrecht getan zu haben. Denn das, was mich z.B. an Synessia verschreckte, ist lediglich der Grundpfeiler einer festen und soliden Gemeinschaft. Es ist eine starke Form der Treue, die den Dienern in jeder Faser ihres Körpers innewohnt. Es war wohl schlichtweg falsch, dies für einen blinden Gehorsam zu halten, der jedwede Skrupel und Eigenmacht tilgt.

Überreagiert habe ich vor allem – wohl in meiner Angst – bei dem Gedanken an Ungehorsam. Zwar sagte auch der Fürst er töte den Legionär, wenn dieser sich nicht anstrenge, aber scheinbar ist er mit derlei Handlungen nicht so schnell bei der Hand wie er sagt. Zumindest erklärte der Tribun, wie es sich in dieser Angelegenheit verhielt.

Zuletzt zweierlei:

1. Am meisten geirrt habe ich mich wohl über den Inquisitor. Ich hielt ihn – ich kenne ihn ja kaum – für einen gestrengen Mann, der den Richtlinien derartig getreu folgt, dass es keinerlei Abweichung vom Befehl gebe. Aber genau jenen führte der Tribun als einen Verfechter der Freiheit an. Ich muss ihn unbedingt einmal genauer kennen lernen, um herauszufinden wie es sich damit verhält. Allerdings scheint es, als sollte ich damit warten bis sich seine Stimmung gebessert hat. Ich glaube nicht, dass er in der Verfassung ist, mein manchmal endloses Geplaudere zu ertragen.

2. Der Tribun war der festen Ansicht, ich gehöre zur Burg. Zwar keinesfalls als Legionär, und offenbar wusste er auch nicht als was eigentlich, aber er fragte mich immerhin ob er alles Nötige in die Wege leiten solle. Ich lehnte dankend ab. Ich brauche Zeit um Nachzudenken.


 Helena J. Velheyn

Und wenn der Fürst dir dann die gleiche Frage stellt?

Dann muss ich kreativ sein. Oder nein sagen.