'Ein wenig Tante steckt in jedem Gericht' - Wijays Ende
Verfasst: Dienstag 12. Februar 2008, 18:31
Aurelia hatte nun Tage wie eine eingesperrte Raubkatze im Turm gelauert, um den günstigen Moment abzuwarten bei dem sie Loreen den tödlichen Dolchstoß versetzen würde und schließlich am einem gewöhnlichen Morgen war das Schicksal ihr wohlgesonnen. Für einen kurzen Moment nickte ihre ‚Tante’ im bequemen Lesesessel ein und dies war auch die Gelegenheit für Aurelia gewesen, Loreen einen tödlichen Knochensplitterhagel in den Rücken zu schleudern. Wie erwartet verpuffte der Angriffszauber wirkungslos an einer magischen Barriere, doch noch ehe sich ‚Tante’ Loreen zu einem Gegenangriff wappnen konnte, stieß Aurelia ihr einen blanken Zeremoniendolch in die Niere. Das anschließende Duell, bei dem sich die beiden Dienerinnen gegenseitig mit Knochensplitterhagel und tödlichen Schmerzwellen beschossen, dauerte gut eine Stunde an. Während Loreen zusehends durch die Wunde am Rücken geschwächt wurde, hatte Aurelia Schwierigkeiten mit der erdrückenden Überlegenheit von Loreens Offensivzauber, die ihre eigenen unausgereiften magischen Fähigkeiten deutlich in den Schatten stellten.
Und dennoch... ein unachtsamer Augenblick wurde Loreen zum Verhängnis....
Der mit aller Kraft geschleuderte Knochenspeer bohrte sich mit Leichtigkeit durch das weiche Fleisch von "Tante’s" Brustkorb und in diesem Moment stieß Aurelia einen leisen Jauchzer aus, bis Loreen langsam auf ihre Knie sackte. Dem tödlichen Stoß kaum standhaltend, erklang gut hörbar das leise Zischen von "Tante’s" Lungenflügel, als es sich zusammenfaltete wie ein ausgestochener Ballon.
Das helle aber nicht wenig grausame Lachen, das die Hallen des Turmes nun erfüllte, hätte vielleicht etwas unheimliches an sich gehabt, wenn das nachfolgende Krächzen der jungen Frau nicht so erbärmlich geklungen hätte. Das Duell hatte viel zu lange gedauert und ihre letzten Kräfte verzerrt...
Erschöpft sank sie in die Arme ihrer dahinscheidenden Tante- ein ersterbend leises Gebet ausstoßend:
‚Bei deiner Allmacht, Fürst des Totenreiches, flöße der Seele eines deiner Diener noch ein wenig Zeit auf dieser Welt ein, auf dass ihre Macht dir weiter dienen möge.’
Geflissentlich machte sie sich daran, das Seelentransferritual auszuführen. Ein mit Blut und Knochenstaub gezeichneter Bannkreis mit einem mittigen Pentagramm, in dem der kraftlose Körper Wijays ruhte.
Sie wusste dass ihre Unternehmung wenig Erfolg versprach und doch ließ sie sich kaum von aufkeimendem Zweifel irritieren. Mit akribischer Präzision versuchte sie jedes Detail nachzuahmen, an das sie sich erinnern konnte. Vikko’s Seelentransfer lag noch keine drei Wochen zurück und die frischen Erinnerungen flößten ihr Zuversicht ein.
Eine schlichte Saphirhalskette war das Einzige, was sie für das Ritual entbehren konnte. Schon jetzt trauerte sie dem Schmuckstück nach, das sie auf ihrer Reise nach Gerimor immerwährend begleitet hatte.
Qualmender Rauch, der nach Phosphor und Schwefel stank, hüllte den gesamten Kellerraum in einen nebeligen Dunst als das Ritual endlich vollendet war. Vollendet? Sie hatte keinen blassen Schimmer, ob sie das Ritual erfolgreich ausgeführt hatte. Nur das matte gelbliche Schimmern im Blau der Saphirhalskette ließ sie vermuten, dass das Ritual etwas verändert hatte.
Ihre ‚Tante’ Wijay Loreen war definitiv tot, denn ihr schlaffer regungsloser Körper hatte im Laufe des Rituals einige geschwulstartige Auswucherungen hinzugewonnen, von denen nicht wenige platzten und nun dunkles Blut vermischt mit Gewebefetzen aus ihnen hervorquoll..
Die Leiche von Loreen verscharrte sie in der Nähe des Turmes, doch nicht ohne vorher noch ein Stück von der eigenen ‚Tante’ im kleinen Weidenkörbchen zu verstauen.
"Ich wäre beinahe für dich draufgegangen, Tante.... und nun wirst du dem Herrn auf eine andere Weise dienen müssen..."
Die Saphirhalskette an Aurelias Hals färbte sich bei diesen Worten kurzweilig blutrot, als wollte die gefangene Seele Loreens ihre Empörung über den Verrat zum Ausdruck bringen.
Das beklemmende Gefühl in Aurelias Magen ließ sie nicht lange im Turm verweilen, sondern scheuchte sie hinaus in eine Welt, die für sie nun nicht weniger bedrohlich war als der Turm selbst.
Wenigstens hatte sie nun ein ‚herzhaftes’ Stück Schinken der Tante bei sich, welches später den Weg in einen wohlriechenden Eintopf fand....
... ein "herzlicher" Duft...
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