Nachtwind, die Seele des Holzes
Verfasst: Mittwoch 30. Januar 2008, 18:48
Das Feuer flackerte ruhig im Kamin der Hütte, während draußen der Wind heulte. Für Shaja war es immer noch eine "Höhle mit Löchern durch die das Licht fiel", oder eben kurz "Hütte".
Sie hatte das verfallene Gebäude in den letzten Tagen einigermaßen auf Fordermann gebracht, war etwas näher an die Menschen gerückt, weg aus der relativen Einsamkeit des Elfenwaldes.
Der Umbruch hinterlies seine Spuren.
Aus schlichter Angst vor dem Unbekannten und innerer Aufregung, war Ruhe hervorgegangen, nachdem es vollzogen war.
Nebenan standen weitere verlassene Gebäude, nur aus einem schien noch Licht. Nette Menschen, Bekannte, Shaja hatte Glück gehabt.
Für die Menschen im allgemeinen war das hier immer noch das Ende der Welt. Sie nannten das winzige Dorf im Wald "Wegsend", weil es eben genau da lag. Am Ende des Weges.
Für Shaja war es der Berührungspunkt mit dem, was Menschen "Gesellschaft" nannten. Das bis hierhin Äusserste, was sie an Kontakt zu ertragen bereit war.
Ihr Blick ruhte auf der länglichen Ledertasche auf dem Regal. Eine Erinnerung, ein Überbleibsel aus ihrem bisherigen Leben.
Als Lukan letzten Sommer die Lande verlassen hatte, war er in Shajas Höhle hinabgestiegen und hatte sich mit diesem letzten Geschenk verabschiedet.
Lukan ... Shajas Gedanken verweilten kurz bei ihm.
Der Druide hatte ihr ein schlichtes Stück Holz vermacht. Schlicht in seiner Perfektion und perfekten Eleganz.
Der dicke Ast war gerade, die Maserung am Schnitt gleichförmig. Keine Wellen, keine Astlöcher.
"Falls du einmal etwas wirklich besonderes schnitzen willst." hatte er gesagt.
Der Wald hatte diesen Ast nur zu einem Zweck hervorgebracht. Er schrie förmlich danach von geschickter Hand bearbeitet zu werden und Lukan hatte das gewusst.
Shaja hatte immer gedacht, sie würde fühlen, wenn die Zeit reif war.
Soetwas würde sie nie wieder bekommen, und sie empfand sich geradezu verantwortlich für den Ast, nein ... man sollte es nicht überstürzen.
Innere Ruhe. Der Kopf sollte frei sein, wenn sie sich ans Werk machte. Die Spuren, die ihre Werkzeuge am Holz hinterlassen würden, waren nicht mehr rückgängig zu machen.
Jeder Handgriff sollte sitzen, inspiriert gar, jenseits einfacher Handwerkskunst. ... Nur ein Versuch.
Sie würde es einfach wissen, ob es richtig war, was sie tat,... wieviel der Ast abzulängen war, wie sie den Ast spalten würde, wo sie das Zieheisen ansetzen musste.
Ein Schauer lief ihr über den Rücken.
Innere Ruhe.
Sie erhob sich, trat an das Regal und öffnete die Schnüre der Ledertasche, bis das Licht auf die grobe Rinde des Eibenholzes fiel.
Es war schwer, länger als sie gross war und etwa drei Hand stark. Shaja stemmte das Werkstück mit dem einen Ende gegen die Hüttenwand und legte sich bäuchlings vor das Andere.
Sie musterte die Jahresringe, jeden einzelnen Übergang von hellem Sommer- zu dunklerem Spätholz und vor ihrem geistigen Auge sah sie mögliche Bogenrücken.
"Wo bist du ?" schien der Wind zu flüstern der die Nacht durchschnitt.
Wo bist du ? Ein starker Bogen sollte es werden. Shaja wusste, was sie ausziehen konnte und dieser Bogen sollte sie bis an die Grenze beanspruchen. Sie würde wenn, dann an ihm wachsen, nicht umgekehrt.
Kein laues Lüftchen, nein ... , stark wie der Wind, der gegen die Hüttenwand drückte sollte er sein.
Wenn die Wurfarme am Griff fast eine Hand breit ansetzen sollten, dann musste das Profil bei der stärke des Astes oval werden. Oval um dem Jahresring, der den Rücken bilden würde folgen zu können, ihn nicht zu beschädigen.
Wo bist du ?
Ihre Augen lagen schon die ganze Zeit auf dem rechten Ausschnitt. Ohne den Blick abzuwenden griff sie zum leichten Schnitzmesser und kerbte das Holzende entlang der gedachten Spaltlinien ein, die das Holz vierteln sollten, genauso dass "er" nicht verletzt würde.
Entschlossen und mit Gewissheit, das richtige zu tun, nahm sie den Spaltkeil, setzte ihn mit leichten Schlägen des Axtrückens an den Markierungen an, und hieb dann kräftig auf das am Boden liegende Ende, dass sich mit einem Krachen das Holz mittig der ganzen Länge teilte.
"Gütige, wie gerade !". Aus der Ahnung, dass der Druide gutes Holz ausgesucht hatte, wurde Gewissheit. Keine Wellen, nicht verdreht.
Es war ein besonderer Moment. Liebevoll fuhren Shajas Finger über das Astviertel indem "Er" steckte. Fünf Ringe unter der Außenhaut.
In den nächsten Wochen würde sie den Rohling mit aller Vorsicht aus dem Holz arbeiten. Zuerst das Grobe mit dem Zieheisen, später die Feinarbeit mit Messern und Schleifwerkzeugen. Immer darauf bedacht den Ring des Bogenrücken nicht zu verletzen, damit er nicht brach, wenn sie ihn zum ersten mal auszog.
Sie würde den Rohling unter Hitze biegen, ihn in eine Form ...seine Form... spannen, auskühlen lassen, ein kunstfertiges Handstück schnitzen, einfach alles Holz entfernen, das nicht zu "ihm" gehörte.
Dann das trimmen. Dieser letzte Schritt, der über Bogen oder Brennholz entscheiden würde. Das hauchdünne entfernen von Holz am Bogenbauch, das dem Bogen die gleichmäßige Rundung gab, wenn man ihn spannte. Die optimale Lastverteilung über die Wurfarme, die zum perfekten Schuss führen sollte.
Genau das würde sie tun, ... wie immer, nur diesmal besser.
Es kam sicher selten vor, daß einem schlichten Stück Holz solche Aufmerksamkeit zuteil wurde, aber in Shajas Brust regte sich wohlige Freude. Das Besondere war gegenwärtig, und das Pfeifen des Nachtwindes, der sich unsichtbar an den Ecken der Hütte brach unterstrich diesen Anspruch.
"Nachtwind,... ein schöner Name", dachte Shaja als sie den viertel Ast zwischen die Beine nahm und das Zieheisen sanft anlegte.
Sie hatte das verfallene Gebäude in den letzten Tagen einigermaßen auf Fordermann gebracht, war etwas näher an die Menschen gerückt, weg aus der relativen Einsamkeit des Elfenwaldes.
Der Umbruch hinterlies seine Spuren.
Aus schlichter Angst vor dem Unbekannten und innerer Aufregung, war Ruhe hervorgegangen, nachdem es vollzogen war.
Nebenan standen weitere verlassene Gebäude, nur aus einem schien noch Licht. Nette Menschen, Bekannte, Shaja hatte Glück gehabt.
Für die Menschen im allgemeinen war das hier immer noch das Ende der Welt. Sie nannten das winzige Dorf im Wald "Wegsend", weil es eben genau da lag. Am Ende des Weges.
Für Shaja war es der Berührungspunkt mit dem, was Menschen "Gesellschaft" nannten. Das bis hierhin Äusserste, was sie an Kontakt zu ertragen bereit war.
Ihr Blick ruhte auf der länglichen Ledertasche auf dem Regal. Eine Erinnerung, ein Überbleibsel aus ihrem bisherigen Leben.
Als Lukan letzten Sommer die Lande verlassen hatte, war er in Shajas Höhle hinabgestiegen und hatte sich mit diesem letzten Geschenk verabschiedet.
Lukan ... Shajas Gedanken verweilten kurz bei ihm.
Der Druide hatte ihr ein schlichtes Stück Holz vermacht. Schlicht in seiner Perfektion und perfekten Eleganz.
Der dicke Ast war gerade, die Maserung am Schnitt gleichförmig. Keine Wellen, keine Astlöcher.
"Falls du einmal etwas wirklich besonderes schnitzen willst." hatte er gesagt.
Der Wald hatte diesen Ast nur zu einem Zweck hervorgebracht. Er schrie förmlich danach von geschickter Hand bearbeitet zu werden und Lukan hatte das gewusst.
Shaja hatte immer gedacht, sie würde fühlen, wenn die Zeit reif war.
Soetwas würde sie nie wieder bekommen, und sie empfand sich geradezu verantwortlich für den Ast, nein ... man sollte es nicht überstürzen.
Innere Ruhe. Der Kopf sollte frei sein, wenn sie sich ans Werk machte. Die Spuren, die ihre Werkzeuge am Holz hinterlassen würden, waren nicht mehr rückgängig zu machen.
Jeder Handgriff sollte sitzen, inspiriert gar, jenseits einfacher Handwerkskunst. ... Nur ein Versuch.
Sie würde es einfach wissen, ob es richtig war, was sie tat,... wieviel der Ast abzulängen war, wie sie den Ast spalten würde, wo sie das Zieheisen ansetzen musste.
Ein Schauer lief ihr über den Rücken.
Innere Ruhe.
Sie erhob sich, trat an das Regal und öffnete die Schnüre der Ledertasche, bis das Licht auf die grobe Rinde des Eibenholzes fiel.
Es war schwer, länger als sie gross war und etwa drei Hand stark. Shaja stemmte das Werkstück mit dem einen Ende gegen die Hüttenwand und legte sich bäuchlings vor das Andere.
Sie musterte die Jahresringe, jeden einzelnen Übergang von hellem Sommer- zu dunklerem Spätholz und vor ihrem geistigen Auge sah sie mögliche Bogenrücken.
"Wo bist du ?" schien der Wind zu flüstern der die Nacht durchschnitt.
Wo bist du ? Ein starker Bogen sollte es werden. Shaja wusste, was sie ausziehen konnte und dieser Bogen sollte sie bis an die Grenze beanspruchen. Sie würde wenn, dann an ihm wachsen, nicht umgekehrt.
Kein laues Lüftchen, nein ... , stark wie der Wind, der gegen die Hüttenwand drückte sollte er sein.
Wenn die Wurfarme am Griff fast eine Hand breit ansetzen sollten, dann musste das Profil bei der stärke des Astes oval werden. Oval um dem Jahresring, der den Rücken bilden würde folgen zu können, ihn nicht zu beschädigen.
Wo bist du ?
Ihre Augen lagen schon die ganze Zeit auf dem rechten Ausschnitt. Ohne den Blick abzuwenden griff sie zum leichten Schnitzmesser und kerbte das Holzende entlang der gedachten Spaltlinien ein, die das Holz vierteln sollten, genauso dass "er" nicht verletzt würde.
Entschlossen und mit Gewissheit, das richtige zu tun, nahm sie den Spaltkeil, setzte ihn mit leichten Schlägen des Axtrückens an den Markierungen an, und hieb dann kräftig auf das am Boden liegende Ende, dass sich mit einem Krachen das Holz mittig der ganzen Länge teilte.
"Gütige, wie gerade !". Aus der Ahnung, dass der Druide gutes Holz ausgesucht hatte, wurde Gewissheit. Keine Wellen, nicht verdreht.
Es war ein besonderer Moment. Liebevoll fuhren Shajas Finger über das Astviertel indem "Er" steckte. Fünf Ringe unter der Außenhaut.
In den nächsten Wochen würde sie den Rohling mit aller Vorsicht aus dem Holz arbeiten. Zuerst das Grobe mit dem Zieheisen, später die Feinarbeit mit Messern und Schleifwerkzeugen. Immer darauf bedacht den Ring des Bogenrücken nicht zu verletzen, damit er nicht brach, wenn sie ihn zum ersten mal auszog.
Sie würde den Rohling unter Hitze biegen, ihn in eine Form ...seine Form... spannen, auskühlen lassen, ein kunstfertiges Handstück schnitzen, einfach alles Holz entfernen, das nicht zu "ihm" gehörte.
Dann das trimmen. Dieser letzte Schritt, der über Bogen oder Brennholz entscheiden würde. Das hauchdünne entfernen von Holz am Bogenbauch, das dem Bogen die gleichmäßige Rundung gab, wenn man ihn spannte. Die optimale Lastverteilung über die Wurfarme, die zum perfekten Schuss führen sollte.
Genau das würde sie tun, ... wie immer, nur diesmal besser.
Es kam sicher selten vor, daß einem schlichten Stück Holz solche Aufmerksamkeit zuteil wurde, aber in Shajas Brust regte sich wohlige Freude. Das Besondere war gegenwärtig, und das Pfeifen des Nachtwindes, der sich unsichtbar an den Ecken der Hütte brach unterstrich diesen Anspruch.
"Nachtwind,... ein schöner Name", dachte Shaja als sie den viertel Ast zwischen die Beine nahm und das Zieheisen sanft anlegte.