Schlaflos in Varuna
Verfasst: Samstag 26. Januar 2008, 06:02
Nein, die Gardisten Orbert und Greger würden einen Dämon tun, seine Hoheit zur Umsetzung seiner Drohung herauszufordern: "Jegliche dumme Bemerkung oder Gerede und ich werde davon hören... Sie wird mit 10 Strafschichten bestraft und einem sehr persönlichen Gespräch mit mir und Lady Darna. Wir haben uns sicher verstanden."
Die einzige kurze Diskussion belief sich lediglich darauf, mit wem von beiden das "sehr persönliche Gespräch" dann schlimmer wäre. Und, ob die Lady, die von seiner Hoheit stützend fast schon hereingetragen wurde, besoffen oder am einschlafen gewesen war. Diese zweite Frage fand schneller Klärung: die immer dunkler werdenden Augenringe der letzten Tage sprachen für sich.
Inzwischen machte es im Regiment durch die Schloßwachen sicher trotzdem zuverlässig die Runde, daß seine Hoheit sich wie seit jeher um Lady Darnas Wohl bemühte - aber etwas daran trotzdem anders war.
Spätestens, seit Sir Rafael selbst an offen zugänglichen Orten wie zum Kaminzimmer vorher gegen ein Regal klopfte, wenn er die beiden beieinander wusste.
Heute morgen hatte es ganz den Eindruck gemacht, Darna hätte es sogar nicht mal mitbekommen, wenn Adrian ihr singend auf dem Flur einen Heiratsantrag gemacht hätte. Mit einem Buch "Legenden über Schwüre und Eidbrüche" unter dem Arm schlurfte sie in den Speisesaal und hatte sich mit etwas zu essen eigentlich nur ins Kaminzimmer verkrümeln wollen. Daß Adrian dort saß, merkte sie, als er sie ansprach. Sich Frühstück zusammenzusuchen, geriet zu einer Odyssee aufgrund mangelnder Konzentration: es schien zuerst Brot werden zu sollen, bis sie eine Menge Erdbeeren entdeckte, überlegte, Milch zu suchen anfing, mit einem Glas davon dann vor den Erdbeeren stand, den Kopf schüttelte, eine Schüssel suchte, sich Erdbeeren mit Milch machte und ein paar Momente mit der halb beschmierten Brotscheibe überfordert schien, ehe da doch endlich Schinken drauf landete.
"Wünschen die Dame eine Frühstücksberatung?"
Stimmt, hier saß ja noch Adrian... sie wär mit dem Frühstück gerade fast zum Kaminzimmer gegangen.
"Langsam beginne ich mir Sorgen zu machen", kommentierte Adrian, "Ich weiss ja, dass du einiges im Schlaf hinbekommst... aber wenn nicht einmal das - nein, ich bin lieber still."
"Ich bin wohl über den so genannten 'toten Punkt' hinaus, und wenn ich dann nicht schlafen kann, kann ich wenigstens was tun", erklärte sie möglichst bestimmt, ruhig und leicht frustriert.
"Das ist das Problem dabei. Solang du ständig mit den Gedanken dabei bist, was du tun kannst, wirst du nie die Ruhe finden."
Das war fast genau ins Schwarze. Trotzdem stand sie vor Problemen. Wenn sie in der letzten Zeit einschlief, wachte sie von dem Gefühl auf, jemand hätte sie gerufen oder irgendwas würde nicht stimmen. Oder daß sie etwas Wichtiges vergessen hatte oder noch zu erledigen hätte. Damit war an mehr außer Erschöpfungsschlaf dann nicht mehr zu denken.
Genau das Gleiche jetzt: sie konnte eh nicht schlafen, dann konnte sie mit Adrian auch Dinge bereden, die noch wichtig waren...
Die Anguren
"Was soll ich machen, die Anguren etwa nach Paragraph 3.3 wegen Menschenraub verklagen, nachdem ich dafür gesorgt habe, daß sie in Varuna Gastrecht erhalten? Das käme mir wie Verrat vor." Schon bei dem Gedanken fühlte sie sich schlecht, aber genau das lag weltlich gesehen vor: die Anguren hatten Bürger der Grafschaft und weitere Menschen entführt, und waren nun hier.
"Wie geht es Savea und Shaya?"
"Sie wirken, wie aus einem Traum aufgewacht. Aber heute Nacht musste ich sie wieder vom Fell auf dem Boden in ihre Betten legen."
"Hmm nunja wer bin ich? ber Glauben weisst du gewiss mehr auszusagen... Aber sag wie ist es mit dem Mitgefühl, gilt der nur für Nahestehende und nicht für irgendwelche halb verhungerten auf irgendeiner entfernten Insel?"
Darna brummte auf. "Das brauchst du mir nicht erklären."
"Oh ich erkläre gar nichts, ich bin ein dummer Graf, ich frage nur."
Sie hasste ihn, wenn er so redete. "Sie haben einen schwerwiegenden Fehler begangen, der nicht nur den Gefangenen, sonder auch sie selber fast das Leben kostete - ohne die Entführungen wäre all das nicht passiert. Betrachtet man nur die Gefangenen, war bislang die einzige Konsequenz für die Anguren, daß sie sich selbst aus ihrem Clan geworfen haben, na Wahnsinn... das ist nach ihrem Ehrgefühl härteste Strafe.
Ich hätte kein Problem damit, zu sagen, sie sind gestraft genug - aber ich musste auch nicht in diesem Lager da leiden. Ich überlege selber an Konsequenzen, damit Shaya und Savea es nicht auf eigene Faust tun."
"Hmm die Frage ist, bringt es viel, sie nach unseren Gesetzen zu strafen, die sie zweifelsohne nicht einmal wirklich kennen, und dann vielleicht nicht
einmal als angemessen anerkennen."
"Nein, bringt es nicht", erwiderte sie recht prompt.
"Oder wäre es besser, ihnen deutlich zu machen, was sie anhand unser Gesetze taten und dann zu sehen, wie man sie strafen kann, dass es ihrem Verständnis entspricht."
"Ich überlege, sie in irgend einer Art und Weise dafür zu fordern", meinte sie ernst scheinbar als halblaute Zustimmung zu seinen Worten. Adrian betrachtete sie eingehender. "Es müsste für sie nachvollziehbar sein, gerade weil Savea und Shaya 'meine Leute' sind. Du hättest damit dann nicht unbedingt was zu schaffen und würdest nicht das Gastrecht verletzen."
"Du meinst, sie dürfen sich in Freifrau-Weitwurf üben?", fragte er recht zynisch.
"Nur, weil das zwei Meter große Muskelpakete sind, brauchen die nicht zu glauben, sie könnten mich in den Boden stampfen", schnaubte sie leicht.
"Nicht, wenn du immer wieder um sie herumrennst, dann stünden die Chancen vielleicht gut."
"Für was hälst du mich?", fragte sie grantiger, "Für einen florettfechtenden Gecken, der sich was einbildet?"
"Verzeih ich weiss, was du kannst und zweifle nicht daran. Ich weiss dass ich mich in friedlichem Zusammensein mit ihnen gemessen hab, und ich halte mich auch nicht für einen schwächlichen Adelsgecken... sie sind nicht zu unterschätzen Darna."
"Das ist mir klar", meinte sie mürrisch, "Ansonsten wäre eine Forderung auch wertlos."
Versprich mir nur eines wenn du dies in Betracht ziehst... Schlafe ausreichend. Normalerweise müsste ich das wohl nicht betonen.. aber im Moment scheinst du das doch zu vergessen."
Im nächsten Moment war ihrem Blick zu entnehmen, daß sie ein Kissen gerade selber zum Werfen benutzt hätte, statt zum schlafen. Ohne ein weiteres Wort ging er in sein Büro und holte den kleinen Wurfapfel aus Stoff, den sie ihm extra dafür zum Geburtstag geschenkt hatte, doch als er wieder raus kam, sah er sie gerade noch Richtung Kaminzimmer verschwinden, das Buch unterm Arm.
Zwei Seiten des gleichen Problems
Nach wenigem hin und her, wer nun schuld für wessen schlechte Laune war, näherten sich Schritte dem Kaminzimmer, verstummten und jemand klopfte an das Regal. Adrian beendete abrupt die begonnen Schultermassage und Darna wechselte den Sessel, als sie registrierte, daß sie sich einfach in den an der Stirnseite des Tisches geworfen hatte - der gebührte allerdings Adrian.
"Guten Morgen. Panisch?", fragte Rafael nur, als er sich dann zu ihnen gesellte. Rafael... das war gut, daß sie ihn endlich sah. Eigentlich hatte sie ein kompliziertes Thema auf dem Herzen, das sie schon lange in vertrauterer Runde mit ihm hätte ansprechen, ihn um Rat fragen wollen... aber das bot sich gerade nicht an, und schon gar nicht, wenn Adrian dabei war. Aber etwas anderes, das schon seit Tagen wichtig war:
"Ich wollte dich ganz was anderes fragen... Was ist mit Luca? Liefert ihr einfach so einen Jungen für eine Nacht jetzt bei mir ab und überlasst es dann meiner Gutmütigkeit, mich unabsehbar länger um ihn zu kümmern?"
"Luca...", erwiderte Rafael, "Ich war zwei mal nun bei euch gewesen aber da war weder er noch du da und... nun ja, er hat doch einen Schlüssel fürs Haus, er hätte jederzeit zurück kehren können."
"Er hat jetzt einen Schlüssel für mein Haus, und scheint es nicht wirklich eilig damit zu haben, zurückzukommen", erwiderte sie ärgerlich, "Zu wem auch überhaupt? Er scheint sich bei Zoe Zuhause zu fühlen, aber da kann von kurzfristigen Lösungen ja kaum eine Rede zu sein, und Rahel scheint irgendwie überhaupt kein Thema. Kannst du dir vorstellen, daß ich bis heute nicht einmal weiß, wo er _wirklich_ wohnt??"
"Er wohnt bei Rahel ... Aber ich weiss nicht, ob du weisst, daß Rahel ihre zwei Kinder verloren hat, und begann, den Jungen wirklich lieb zu gewinnen und er bricht ihr jedesmal aufs neue das Herz."
"Dann soll sie das lassen", sagte sie mit ungewohnt scharfem Ton, "Ich sehe da jedenfalls ein Kind, das hin und her gereicht wird." Einiges an Frust der letzten Tage schien sich gerade zu entladen, doch schien auch bei Rafael ein wunder Punkt berührt, auch sein Ton wurde schärfer:
"Greif sie nicht an, Darna. Sie hat wirklich alles für den Jungen getan, und er ist es, der genau immer dort ist wo er es will, die Menschen sitzen lässt und damit verletzt. Sie hat wirklich alles für ihn getan, und er dankt es ihr nicht."
"Dann soll sie es lassen", fuhr sie nochmal dazwischen, wenn auch ruhiger und beherrschter. Rafael sprach weiter:
"Er macht genau das, was ihm gefällt, ohne Rücksicht auf irgendwen zu nehmen."
"Dann wird er kaum lange bei Darna bleiben...", kommentierte Adrian leise.
Sie klappte das Buch zu. "Aber faselt mir nicht was vor, er soll bei mir eine Nacht bleiben, wenn ihr in Wirklichkeit nicht wisst, wohin mit ihm."
"Ich rede allgemein und zieh Rahel nicht immer mit hinein! Sie hat ihm wirkich ein Heim geboten. Wenn er es nicht will, ist es seine Sache. Du hast selber gesehen, wie fertig sie war. Sie würde ihn ja wieder nehmen, aber er will nicht. Er fühlt sich bei dir wohl ... solange bis er wieder wen anderen hat. Er will gar nicht zurück Darna."
"DU erzählst mir hier doch gerade, daß sie mit ihm überfordert ist! Herrintemora nochmal, dann soll sie das sagen und nicht rumheulen, an was sie versagt!"
"Darna, du gehst zu weit!"
"Ruhig Blut ihr beiden", versuchte Adrian zu schlichten. Rafael schlug mit der Faust auf den Tisch, und Darna funkelte ihn zornig an. "RAFAEL! Setz dich und rede vernünftig mit ihr oder geh frühstücken." Es schien zu spät, Kronritter und Paladin, die beiden Freunde waren aneinandergerasselt.
"HImmel nochmal, sie hat ja keine Ahnung, verdammt nochmal! Rahel musste mit ansehen, wie ihre zwei Kinder elendig verbrannten! Jetzt hat sie begonnen, ein Kind lieb zu haben, bietet ihm ein Haus, will es sogar für ihn umbauen, damit er sein eigenes Zimmer bekommt, aber er sagt ihr nur immer wieder, daß er lieber woanders ist, haut dauernd ab, und verletzt sie mit seinem Tun. Entschuldigt bitte, wenn ich verstehe, daß sie dann ein Problem mit ihm hat."
"Was erwartet sie auch bei einem Kind, das seit ein paar Jahren klar denken kann und so gut wie sie weiß, daß sie nicht seine Mutter ist?", schoß sie unbarmherzig zurück.
"Das will sie gar nicht sein. Sie will ihm nur ein Heim bieten."
"Na und? Wo ist das Problem? Viola kurvt auch bis heute herum, wo sie will", meinte sie mürrisch, "Und würde sie gehen wollen, dann geht sie eben. Dann kann sie es sich abschminken, daß sie noch mein Mündel wäre, aber das ist ihr klar."
"Ja und? Ist das ein Grund? Du liebst sie ja auch nicht oder siehst sie als deine Tochter an."
...
Etwas in ihrem Bauch sackte wie Eis nach unten. "Ich tue sie WAS nicht?!" Sie stand auf. Adrian rieb sich die Schläfen. "Würdet ihr euch langsam beruhigen?" "DAS nimmst du SOFORT zurück!", brüllte sie Rafael an, ohne auf Adrian auch nur zu achten.
"Werde du erst einmal Mutter, Darna, dann weisst du was ich meine!!!", brüllte er zurück. Das saß. Sie wurde blass. Adrian wusste, welcher Nerv getroffen war, und nach einem weiteren Lidschlag hatte Rafael das Apfelkissen von ihm im Gesicht, das er auch komplett auf Darna fixiert sauber abbekam. "Au!"
"Das hast du verdient", sagte nun selbst Adrian eisig. "Ich wünschte, es wäre härter gefüllt. Du wirst dich sofort bei ihr entschuldigen oder du kannst das Schloss verlassen bis du dir überdacht hast, was du von dir gibst!"
Darna starrte ihn immer noch an, als höre sie die Worte gar nicht, knirschte mit den Zähnen. "Ich entschuldige mich, Lady Darna." Sie hörte ihn nicht - nein, wollte ihn nicht hören.
"Es reicht", entfuhr es ihr kalt, "Ich will nichts mehr hören. Und ich hab genug gesagt. Geh Rahel mit gutem Recht trösten, ich kümmer mich um das verzogene Kind, kann ja nur schiefgehen."
"Darna...", klang es ihr von Adrian hinterher, und:
"Ich bin eh ab heute Abend fort", von Rafael. Das Blut rauschte ihr in den Ohren. Sie, unfähig, Viola wie ein eigenes Kind zu lieben, Luca zu erziehen, weil sie keine eigenen Kinder hatte, keine... bekommen wollte... - wollte sie nicht, nicht wahr? Neun Monate hilflos und von allen Seiten begafft und betüddelt ihrer Verpflichtung vor Temora nicht nachkommen zu können, und danach auch noch mit etwas konfrontiert zu sein, das noch viel hilfloser war als sie und das sie schützen musste...
Sie knirschte mit den Zähnen. Wie hielten Mütter das aus? Aber die meisten wollten sich auch nicht mit dem Schwert in der Hand an Dämonen und den Rittern des Brudermörders messen... sämtliche Gedanken schossen ihr wieder durch den Kopf, die sie als Für und Wider gegenüber Kindern hegte. Wie sauber Rafael das getroffen hatte, an dem sie selber gerade nagte.
"Wir schützen zwei Seiten des gleichen Problems, oder?", sollte sie erst etwas später zu Rafael sagen, noch immer mit scharfem Unterton, außerhalb des Kaminzimmers neben den Bücherregalen stehend. Er schützte Rahel, sie Luca...
"Auf verschiedene Art und Weisen, ja", entgegnete er.
"Geh Rahel auf die Beine bringen. Und wage nicht nochmal, mir solche Dinge zu unterstellen."
"Das vermag ich incht mehr zu tun...", lautete die Antwort, "Ich reise heute ab!" - Rahel also sich selbst überlassen. Sie legte eine Hand vor's Gesicht. Konnte es schlimmer kommen?
dann auch noch Adrian
"Darna...", hatte Adrian sie neben dem Kaminzimmer zu beschwichtigen versucht, "Ich weiss, ich vermag viel Unsinn von mir zu geben, er ebenso, aber er weiss doch nicht einmal, was er da von sich gibt und warum es so saß."
Oh ja, und wie es gesessen hatte. Sie zwang ihre linke geballte Faust neben dem Schwertgurt zitternd runter. Er legte seine Hand auf die ihre als wollte er ihr Einhalt gebieten.
"Ich bin wahrlich auch nicht nett gewesen", meinte sie mit knurrendem Unterton, "aber muß ich diesem Weib erst erklären, wie sie dem Tumult in ihrem eigenen Haus entgeht, um hinterher zu hören, sie hat meinem Rat doch offenbar nicht gefolgt, beschwert sich aber weiter, und ich kann dann zusehen, wie nicht nur ihr nicht geholfen ist, sondern werde auch noch auf ihrem Berg von Problemen sitzen gelassen und das alles auf Kosten eines Jungen, der", sie wurde wieder lauter, "wegen götterverfluchten Arkorithern nicht mal mehr seinem eigenen Schatten traute? Schwierig?! Ja, verdammt, er IST schwierig! Und erkundigt sich nach einem strahlenden Ritter, der ihn abgeliefert hat und verschwunden ist!"
"Setzt endlich diesen Jungen vor vollendete Tatsachen und in eine angemessene Erziehung", meinte Adrian fast ungewohnt streng und sachlich, "Er wird solang mit diesem Spiel weitermachen wie man ihn lässt, und gewiss ist es seinem Wesen sehr zuträglich, ihn weiterhin machen zu lassen was er will und sich die Rosinen herauszupicken. Die Frage ist, wer zeigt es ihm auf, dass es so nicht weiter geht, du oder Rahel."
"Ich werde ihn nicht auch noch rauswerfen oder abschieben", meinte sie grantig, "Er reißt sich ein Bein aus, im Haus zu helfen, und ohne ihn hätt ich manchmal nicht mal Savea oder Shaya alleine lassen können, fast hat er sie selber zurück zur Vernunft gebracht!
'Schwierig'...", sie schnaubte.
"Ich würde empfehlen, du schläfst dich aus, bis du weniger gereizt bist und erörterst das Thema dann in Ruhe mit Rahel."
"Um mir ihre Sorgen auch noch anzuhören", giftetet sie ihn an.
"Ja, verzeih wenn ich mich irrte - die Sorgen der Menschen sind ja Dinge, die eine Frau Paladin nun wirklich nicht betreffen."
Sie hielt inne und der Blick glitt tödlich langsam zu ihm. Der zweite Treffer, und diesmal von Adrian. Im Kaminzimmer nahm Rafael unbemerkt das Kissen und pfefferte es in den Kamin.
Gefährlich leise zischte sie Adrian zu: "Falls du dich fragst, warum ich ausschlafen müsste und es nicht kann..." Er blickte zu ihr, völlig ruhig, wenngleich er offenbar abwartete, sich notfalls ihre Faust einzufangen. "...dann sag mir sowas nochmal, und der Handschuh vor deinen Füßen wird golden sein, verlass dich drauf." Die Worte endeten eisig.
Adrian presste die Lippen knapp aufeinander. "Kein Morgen wie ich ihn erhofft hätte, wahrlich nicht. Aber nun gut, ich weiss daraus die Konsequenzen zu ziehen und zu erkennen was mir nun daraus erwächst." Seine Stimme wurde sehr leise: "Ich liebe dich, aber ich erkenne, dass ich mein Recht eben verwirke...", fuhr lauter fort, "Ich wünsche einen wohlen Tag."
Sie starrte ihm nach, wusste mit den Worten irgendwie nicht mal recht was anzufangen. Was sollte das jetzt? Seine übliche Selbstmitleidstour. Sie wollte ihm nicht hinterher. Es tat ihr leid. "Holz-kopf", grollte sie ihm gerade noch so in Zimmerlautstärke nach.
Adrian erfuhr etwas später im Kaminzimmer von Rafael, wo das Wurfkissen gelandet war und war überhaupt nicht begeistert. Darna nahm es mit der Gleichmut zunehmender Erschöpfung hin. Für Adrian... schien es irgendwie mehr. Er trug die verkohlten Reste des Kissens weg, als wolle er es nach unten in die Familiengruft bringen.
Kurze Zeit später meldete ein Gardist Rafael, daß seine Hoheit das Schloß zu Pferde verlassen habe. Die beiden sahen einander an. "Reiten wir ihm nach? Ich vermute .. den Baum. Oder willst du alleine?" Sie sah an die obere Regalkante, als läge da irgendwo Hilfe herum. "Ich vermute auch den Baum... aber komm mit, bitte, ich bin langsam kaum noch mehr zurechnungsfähig, glaub ich."
Ich will keinen Schwächling
Sie ritten auf die Dornenfeste zu, bislang deutete alles darauf hin, daß Adrian an die bestimmte Stelle im berchgarder Hinterland geritten war. "Du bist sicher, daß du nicht alleine mit ihm reden willst?", fragte Rafael erneut. "Wenn er da ist...", erwiderte sie, als wolle sie sich unsicher sein. Denn irgendwie verstand sie ihn nicht mehr. "Außerdem kann ich nicht ganz nachvollziehen, was er gerade ernsthaft haben mag."
"Nicht?", fragte Rafael perplex, "Darna, wirklich nicht?"
"Hab ich was verschlafen?", fragte sie besorgt, während er sein Pferd zügelte und auch sie hielt.
"Wohl sehr erheblich was verschlafen."
"Er faselte irgendwas von zurückziehen, aber damit unkt er so oft..."
"Ja, weil er Angst hat. Angst vor seinene eigenen Gefühlen. Männer sind manchmal so dumm." Darna atmete schnaufend aus - nicht nur Männer. "Glauben, daß es besser wäre sich zurück zu ziehen von der Frau die man liebt .. um ihr nicht weh zu tun ... oder sich selber, wenn man sich nicht sicher ist, daß die Frau einen auch liebt. Bevor man sich zu sehr in dem Gefühl verliert."
"Waren wir über diese ersten Schritte nicht schon längst hinaus?", fragte sie sich müde in Gedanken und meinte laut und abschätzig: "Was erwartet er denn in solchen Momenten, daß ich ihm sage 'aber ich will von Dragenfurt doch gar nicht!' und mich ihm an den Hals werfe? Sowas verlangt nach einer Antwort, und die hat er sich noch nicht verdient - so erst recht nicht."
"Ich werde schon wieder so ungnädig, was ist nur los heute?", geisterte es ihr durch den Sinn, aber es entspannte irgendwie ungemein.
"Nein, das erwartet er bestimmt nicht", widersprach Rafael.
"Und ansonsten wäre das Ganze ohnehin nur eine Farce, was soll das?"
"Eine Farce? Darna, würde er Signale geben, würden sich ihm zig Frauen an den Hals werfen. Er hat lange mit sich gerungen ... überhaupt sich selber zuzugeben, wieder zu lieben. Dazu eine Frau, die er seit langem als gute Freundin kennt."
"Es geht aber leider nicht allein um ihn", sie verengte die Augen, "Es könnte leichter sein, würde nur er um mich werben, aber das ist nun mal nicht der Fall."
"Sagtest du nicht, daß du allein entscheidest, wem du dich zuwendest?"
"Ja - dennoch soll mein Vater die nötigen Traditionen pflegen", erwiderte sie reserviert, "Und auf welcher Basis soll ich urteilen, wenn von Dragenfurts Werben bei zwei Versuchen, mich zu besuchen blieb, die beide unterbrochen wurden, weil mal wieder 'wichtiges' dazwischen kommt?" Silvan hätte ihr fast leid tun können, aber zunehmend kam sie sich auch umso unfairer vor, je mehr Zeit sie mit Adrian zubrachte. Gleichzeitig wurde ihr Silvan zunehmend gleichgültiger.
"Auf welcher Basis?", echote Rafael verblüfft, "Willst du wirklich mit dem Verstand urteilen, wem du dich zuwendest, oder einfach mal auf dein Herz hören? In der Liebe... sollte man aufhören, zu denken, Darna!"
"Der Kronrat pfeift auf mein Herz, wenn ich einem Werber eines etablierten Adelsgeschlechtes nach einem Witz von Werbung den Laufpaß gebe, Rafael", entgegnete sie ruhig und schärfer.
"Das mag sein", musste er zugestehen, "Aber Adrian zerreisst diese Ungewissheit. Du kennst ihn und seinen Pessimissmus."
"Ich will ihn nicht aus Mitleid lieben", lehnte es sich in ihr auf. "Dann muß er stärker sein", kamen die Worte nüchtern und leicht bedauernd, "Wenn er bei jedem kleinen Anflug von etwas Negativem gleich das Ende aller Dinge sehen will, dann kann ich ihn nicht so oft auffangen, wie er fallen möchte, Rafael..."
"Dann warst du in letzter Zeit nicht sehr aufmerksam, was ihn anght. Er ist in einem ziemlichen Loch Darna, und wir versuchen ihn seit langem da heraus zu ziehen, was immer nur für Momente gelingt. Er braucht seine ... Freunde, Darna. Er braucht es, mal lachen zu können."
"Denkst du, das weiß ich nicht? Denkst du, es erhellt mir nicht selber den Tag, wenn ich auf ein verschmitztes Schmunzeln von ihm sehe? Glaubst du, ich vermisse nicht den silberhaarigen Löwen, als der er bewundernswert war?"
"Er besitzt Stärke, Rafael." Sie richtete sich etwas im Sattel auf, eine Spur stolzer, erhabener. "Ansonsten hätte ich mich auch schwerlich in ihn verliebt. Aber ich bin auch ehrlich gesagt nicht willens, mich anspruchslos an ihn zu verschenken, in der blanken Hoffnung, ob er dann gnädigerweise wieder auf die Füße kommt. Ich will ihn in Zeiten der Not gerne stützen - aber er sollte mich nicht glauben lassen, er könne gar nicht mehr selber laufen, sondern nur noch jammern und versinken, egal wie oft man ihm raushilft." Sie klang grimmig und bedauernd zugleich. "Und wenn es das ist, was er begreifen muß, dann sagst besser du ihm das."
"Wie könnte ich ihm auch das sagen? 'Adrian, wenn du untergehen willst, dann lass ich dich alleine.' Alleine untergehen."
Rafael scherzte etwas, sie konnte darüber nicht mal mehr schmunzeln. Still ritten sie den Rest des Weges. Vor dem Mandelbaum starrte tatsächlich Adrian zum Meer.
letztes Aufbäumen
Er schien auf die Geräusche der Pferde nicht zu achten. Darna beobachtete, wie Rafael näherritt und abstieg, sie blieb einen Moment distanziert sitzen. "Jetzt auch noch auf ihn einreden... Wieder mit Engelszungen... Ich kann nicht mehr." Ihre Miene wurde düster und verschlossen. Rafael legte ihm die Hand auf die rechte Schulter. Sie seufzte im Stillen, als sie die leere linke Seite sah. Die alte Geste, sie beide hinter ihm stehend... "Es braucht dich. Er braucht dich. Mehr, als du je zuvor hättest geben können. Würde 'Freundschaft' jetzt überhaupt noch reichen? Ich glaub es nicht. Aber es ist ja auch nicht mehr nur das. Erfüllst du selbst dann noch eine Pflicht, wenn du liebst?" Sie stieg vom Pferd, und das Gefühl widerte sie an, eine Pflicht zu erfüllen. Einzig die Leichtigkeit, mit sie auch sanft über die Schulter streichelte, als sie ihre Hand darauf legte, wischte das Widerstreben beiseite.
"Traue nie dem Glück der Sterne, Sterne glühen und vergehen ...
Traue nie dem Duft der Rosen, Rosen blühen und vergehen ...
Traue aber einem Menschen, der es ehrlich mit dir meint ....
der im Glücke mit dir jubelt und im Schmerze mit dir weint",
zitierte Rafael leise. Darna sah fast finster in Adrians Miene. Wollte sie das alles? Konnte sie das alles? Und wollte Adrian ihr trauen?
"Manchem ist es nunmal gegeben, besser den Schmerz allein herauszuweinen und anderen nicht das Glück zu nehmen, das sie verdienen", meinte er leise.
"Das erste könntest du grad hinkriegen, das zweite nicht, wenn du so weitermachst", entfuhr es ihr ebenso leise, aber schon wieder schärfer. Sein Blick ruckte zu ihr herum.
"Denkst du denn ich wüsste nicht, dass meine Worte zu allem geeignet sind, nur ganz gewiss nicht dein Herz zu halten? Ich erkenne meine Schuld und meine Pflicht hieraus."
Beiläufig nahm sie die Hand runter. "Willst du mir das Traumschloß vorlügen, du würdest mir immer nur eitel Sonnenschein bieten können? Lügner. Du wirst dann nur an deinen eigenen Ansprüchen scheitern und tust es schon jetzt." - es widerte sie an.
"Adrian, hörst du jetzt mal auf!!!", fluchte selbst Rafael. Darna beobachtete mit kritisch gehobener Braue und reservierter Lehrermiene, wie Adrian sich wieder zum Baum wandte, eine Mischung aus Zorn und Trauer in seinen Augen. "Jemand sollte dich wirklich langsam mal übers Knie legen", schimpfte sein Freund weiter.
"Ich hab dir gesagt, er wird nicht damit aufhören", war ernüchtert und verärgert ihre Stimme zu hören. "Und wenn er damit alles kaputt machen will, bitte."
"Habe ich nicht längst schon alles... und sollte ich dies nicht einsehen?"
Rafael und sie antworteten fast gleichzeitig: "Nein hast du nicht, aber wenn du so weitermachst."
"Nein, Adrian - du fängst in Momenten wie diesem erst mit dem kaputtmachen an."
Sie ging. Rafael fuhr bald aus der Haut:
"Hat das Wort 'Hoffnung' für dich denn überhaupt keine Bedeutung mehr? Hast du verlernt, zu kämpfen? Wenn du etwas willst, dann kämpfe gefälligst darum!"
Er schien kaum zuzuhören, sah ihr nach. "Bitte bleib." Sie wandte den Kopf, ohne zurückzukommen. "Ich weiss nicht was ich verloren habe, oder wann und wo... Ich weiss nur, du bist so viel für mich und doch wähle ich nur Worte, die dich forttreiben."
"Na und?", erwiderte sie fast trotzig, "Glaubst du, das würde sonst nie..." - er trat sehr nahe zu ihr und versuchte, ihr einen Kuß auf die Stirn zu geben. Diesmal war sie nicht willens und trat tatsächlich einen Schritt zurück. "Ich bin mit dir noch nicht fertig."
"Vergib einem Narren wenn du kannst, oder laufe fort und lass ihm nur den Handschuh..."
"Das ist Erpressung, vergiss es. Ich vergebe dir nicht, und ich laufe nicht weg - aber meinen Handschuh kannst du kriegen."
Er nickte knapp bei ihrer Reaktion, seine Mimik verhärtete sich wieder. Na bitte, da war die Wand aus Verletztheit, die sie einzureißen gedachte!
"Glaubst du, zwischen uns dürfte es nur eitel Sonnenschein und immer liebe Worte geben?" Aus schmalen Augen musterte sie ihn. "Dann trete ich zurück, denn so großmütig, wie ich auch sein will, weiß ich, daß ich das nicht immer schaffen werde. Jetzt zum Beispiel nicht." Energisch ging sie in die Offensive, längst jenseits der Grenze von gut und böse.
"Ich bin kein vollendiger Narr das zu glauben, aber offenbar bin ich besser darin, dir Beleidigungen an den Kopf zu werfen denn Rosen, welche Art werben soll dies sein?"
"Ich will keine Rosen. Hör mit dem Geschwafel auf."
Sie fegte seine Worte weg. Er hatte noch immer nicht begriffen. "Ich bin am Ende, Adrian, und wenn du tatsächlich für mich da sein willst, dann brauch ich in solchen Momenten keinen Schwächling, der wegen ein paar scharfen Worten sonstwas von sich selber denkt, den Schwanz einzieht und jaulen geht!" Bissig griff sie seine Worte nun noch auf: "Ach, kann ich nicht mehr zählen? Daß du mich häufiger verletzt als mir geholfen hättest, wüsste ich aber."
"Ich gehe nicht jaulen, ich versuche mir bewusst zu sein, ob du noch nach diesen Worten überhaupt irgendetwas von mir hören willst - wenn du nachsinnen jedoch als Jaulen bezeichnen willst, bitte."
Die beleidigte Leberwurst. Sie registrierte selber nicht, wie Rafael hinter Adrian einen Schneeball formte und auf seinen Kopf zielte, es dann doch bleiben und den Schneeball fallen ließ.
"Dann würde ich es nicht so oft darauf anlegen, das erst von mir zu erfahren, indem ich dir hinterherlaufen muß. Wer flüchtet hier?! Das kannst du offenbar auch ganz gut."
"Oh ja, es ist sicherlich besser, die Schlosswände anzustarren. Darin war ich ja ohnehin schon immer Meister."
Sie sah zum Himmel. "Temora, lass... ... irgendwas runterfallen. Einen Hammer auf seinen Kopf."
"Mit diesem 'Ich weiß, was gut ist, ich zieh mich besser zurück' bist du also hier her geritten, nur um alleine und in Ruhe über den Quatsch nachzudenken, den du damit gesagt hast?"
"Willst du mich verarschen?" Er funkelte sie an:
"Du hieltest es also für besser, wir werfen uns im Schloss weiter Nettigkeiten an den Kopf, bis wirklich irgendein Handschuh fliegt und damit ohnehin alles begraben ist?"
"Wieso halten alle ein Duell immer für irgendeine Form von alles beendendem Mord?", dachte sie abgelenkt nach, "Ich hab mich mit dir noch nie geschlagen, vielleicht sollte ich das wirklich mal tun, gucken ob du wirklich so dusselig und unbedarft bist und dir gleich dazu ein paar Ohrfeigen verpassen, damit du aufwachst. Ich kann dich so doch nicht ernst nehmen, herrje. Wer soll regieren und dieses Land verteidigen?" Sie überhörte abwesend fast, was er sonst noch sagte, es kamen nur Reste bei ihr an:
"...fordere mich nur bis zum dritten Blut... es wäre mir ohnehin lieber ... zu sehen wie du und Silvan sich vor Glück anstrahlen."
"Was?!"
Sie sah ihn an und er musterte sie mit einem recht undefinierbaren Blick. "Ich hab irgendwas nicht mitbekommen. Das muß die Müdigkeit sein." "Was wär dir lieber?", hakte sie unsicher nochmal nach.
"Lieber sterbe ich ob dummer Worte durch deine Klinge, als dass ich ob dieser noch erlebe, dass du deshalb das Glück in seinen Armen wählst." Sie kaute den Satz in Gedanken nochmal durch. Es war frustrierend, daß sie sich gerade kaum konzentrieren konnte. Hoffentlich sagte sie jetzt keinen Mist, sie formulierte sehr bedächtig:
"Wenn er nicht aufpasst, kann er eine ganze Menge anderer Dinge tun, als zu erwarten, daß ich ihn als diesen arroganten Schnösel nehme, als der er sich in letzter Zeit zunehmend zu präsentieren scheint", stellte sie recht sachlich drohend fest. Adrian musterte sie nun mit erhobener Braue. "Du hast noch nicht gewonnen..." - sie fügte in gleicher Tonart, noch etwas bedächtiger an:
"Und wenn du nicht aufpasst, werd ich einen Dämon tun, dir mehr als eine nette Freundin zu sein, wenn ich dich bei jedem Fehltritt erst wieder aus einem Jammerteil der Selbstvorwürfe und des Selbstmitleids heraus holen muß."
"Es hat nichts mit...", brauste er kurz auf, verstummte jedoch schlagartig, als sie weiter sprach:
"Ich weiß selber, ich bin ein Ekelpaket heute. Ich bin müde. Ich bin fertig. Da musst du nicht immer ein Engel sein können, aber dann will ich hinterher dich nicht auch noch zu meinen Sorgen zählen müssen..." Sie atmete aus, scheinbar völlig erschöpft sackten die Schultern runter. "Das kann ich nicht... denn dir würde ich dann auch noch mehr Aufmerksamkeit widmen, als ich verkrafte."
Eine Weile starrte er sie mit leicht gerunzelter Stirn nur an. Und trat erneut auf sie zu. Sie wich nicht, sie schien mit ihrer Gardinenpredigt - und ihren Nerven, ihren Kräften - auch am Ende.
"Versteh das 'es tut mir leid' jetzt nicht falsch bitte..."
"Er hat begriffen?", flackerte in ihr ein Funke Hoffnung auf.
"Ich habe soviel vor mir selbst verschlossen, dass ich gar nicht merkte, welches Bild das alles machen muss auf die Welt um mich herum. Wahrscheinlich hast du recht - nein, ganz sicher sogar, ich sollte besser aufhören, alles auf Rahal und vergangenes zu schieben.. es liegt an mir.. nur ich kann es ändern."
Seine Leidenschaft für Selbstvorwürfe schien doch noch nicht ganz abgelegt. "Die Gründe...", murmelte sie müde, "darfst du auf sie schieben. Die haben sie dir geliefert, reichlich. Die Konsequenzen... bestimmst du."
"Ich werde mich bemühen, nicht auch noch ein Kraftrauber zu sein, in Ordnung?" Er legte eine Hand unter ihr Kinn, strich ihr kurz mit dem Daumen über die Wange. "Ich...", setzte sie an, atmete aus, lehnte den Kopf gegen seine Schulter. Als sie fühlte, daß er einen Arm wie eine Stütze um sie legte, tat das unendlich gut. "Ich könnt sofort einschlafen.
"Ich wünschte, ich hätte es anders sagen können...", meinte sie müde bedauernd.
"Manchmal hilft es wohl nur, wenn man es mitten ins Gesicht wirft, hm?"
"Kissen reicht bestimmt nicht immer. Kissen... Sie spürte, wie er ihr über den Rücken strich. "Oh, Kissen wäre... toll... Schulter reicht auch schon." Sie hörte jemanden murmeln, vermutlich sich selbst: "Nein, ich schlaf hier nicht ein, keine Sorge."
"Bitte kein Schlaflied summen. Ich sollte die Augen aufmachen. Dreck..."
"Und wenn, würde ich dich zur Not über die halbe Welt tragen." Sie hörte seinen schelmischen Unterton, atmete amüsiert aus. Auch wenn sie nicht wirklich wusste, was daran nun so lustig war. Egal.
"Natürlich würden dich die Gardisten zukünftig seltsam ansehen, aber du weisst dich ja zu wehren."
Ihr drängte sich die Vorstellung auf, rettungslos gegen übermächtige Gardisten anzutreten. "Sind ja..." "...keine angurischen Gardisten", hörte Adrian sie gerade noch so murmeln.
"So weit sind wir noch nicht, aber du hast seltsame Träume. Ich muss nicht doch wieder ein Schlaflied summen?"
Sie gähnte, hob den Kopf an. "Nein..." "Oh bitte nicht." "...das wär gemein, ich könnt mich wohl nicht dagegen wehren."
"Hmm das gäbe auch feines Gespött: Der Herr Graf wirkt derart einschläfernd, sie sackte in seinen Armen in ihre Träume."
Schlafen. "Das wär grad schön."
"Ich werde wirklich alt, ich hatte auch schon mehr Wirkung als das.."
"Mehr Wirkung? Warum? Ist doch schön angenehm. Einschlafen reicht völlig. Ich hab irgendwas nicht mitgekriegt. Ich muß nach Hause." Verspätet hob sie einen Mundwinkel und tastete nach den Zügeln von Aarentrutz und hätte fast aufjaulen können, als sie merkte, daß er sie nicht losließ. "Schlafen!" "Ich schlaf gleich im Stehen ein..."
"So, wirst du das?", neckte er sanft, "Gut, also wenn dich das einschläfert... glaube ich nicht mehr an mich..." - sie spürte, wie er sie küsste, küssen wollte, innig...
"Gemein! ... mh..." Sie seufzte resignierend wie wohlig, er zog sie noch enger an sich. "Nicht einschlafen. Das wäre wirklich... oh mann, schlafen... hinlegen, er hält dich... NICHT einschlaf...nnn...!"
Als er sich schließlich von ihr löste und sie ansah, war merklich jede Sekunde weiteren Haltens für ihren Wachzustand gefährlich, Frauenheld hin oder her. "Ich bring dich besser heim." Ja, wär besser. Aarentrutz schnaubte nervös, als dem klare Anweisungen und Führung gewohnten Tier die Befehle fehlten - schließlich siegte der Herdentrieb und er trottete diesem aufmüpfigen Fuchs hinterher, mit natürlichem Instinkt noch den nassen Mehlsack auf dem Rücken balancierend.
Die Wachen sahen nach der Drohung Adrian noch das Haus verlassen und Darna selber die Türen schließen - sehr spät am Abend fand Shaya oben auf dem Bett Milady vor, komplett angezogen mitsamt Stiefeln und Schwert...
Die einzige kurze Diskussion belief sich lediglich darauf, mit wem von beiden das "sehr persönliche Gespräch" dann schlimmer wäre. Und, ob die Lady, die von seiner Hoheit stützend fast schon hereingetragen wurde, besoffen oder am einschlafen gewesen war. Diese zweite Frage fand schneller Klärung: die immer dunkler werdenden Augenringe der letzten Tage sprachen für sich.
Inzwischen machte es im Regiment durch die Schloßwachen sicher trotzdem zuverlässig die Runde, daß seine Hoheit sich wie seit jeher um Lady Darnas Wohl bemühte - aber etwas daran trotzdem anders war.
Spätestens, seit Sir Rafael selbst an offen zugänglichen Orten wie zum Kaminzimmer vorher gegen ein Regal klopfte, wenn er die beiden beieinander wusste.
Heute morgen hatte es ganz den Eindruck gemacht, Darna hätte es sogar nicht mal mitbekommen, wenn Adrian ihr singend auf dem Flur einen Heiratsantrag gemacht hätte. Mit einem Buch "Legenden über Schwüre und Eidbrüche" unter dem Arm schlurfte sie in den Speisesaal und hatte sich mit etwas zu essen eigentlich nur ins Kaminzimmer verkrümeln wollen. Daß Adrian dort saß, merkte sie, als er sie ansprach. Sich Frühstück zusammenzusuchen, geriet zu einer Odyssee aufgrund mangelnder Konzentration: es schien zuerst Brot werden zu sollen, bis sie eine Menge Erdbeeren entdeckte, überlegte, Milch zu suchen anfing, mit einem Glas davon dann vor den Erdbeeren stand, den Kopf schüttelte, eine Schüssel suchte, sich Erdbeeren mit Milch machte und ein paar Momente mit der halb beschmierten Brotscheibe überfordert schien, ehe da doch endlich Schinken drauf landete.
"Wünschen die Dame eine Frühstücksberatung?"
Stimmt, hier saß ja noch Adrian... sie wär mit dem Frühstück gerade fast zum Kaminzimmer gegangen.
"Langsam beginne ich mir Sorgen zu machen", kommentierte Adrian, "Ich weiss ja, dass du einiges im Schlaf hinbekommst... aber wenn nicht einmal das - nein, ich bin lieber still."
"Ich bin wohl über den so genannten 'toten Punkt' hinaus, und wenn ich dann nicht schlafen kann, kann ich wenigstens was tun", erklärte sie möglichst bestimmt, ruhig und leicht frustriert.
"Das ist das Problem dabei. Solang du ständig mit den Gedanken dabei bist, was du tun kannst, wirst du nie die Ruhe finden."
Das war fast genau ins Schwarze. Trotzdem stand sie vor Problemen. Wenn sie in der letzten Zeit einschlief, wachte sie von dem Gefühl auf, jemand hätte sie gerufen oder irgendwas würde nicht stimmen. Oder daß sie etwas Wichtiges vergessen hatte oder noch zu erledigen hätte. Damit war an mehr außer Erschöpfungsschlaf dann nicht mehr zu denken.
Genau das Gleiche jetzt: sie konnte eh nicht schlafen, dann konnte sie mit Adrian auch Dinge bereden, die noch wichtig waren...
Die Anguren
"Was soll ich machen, die Anguren etwa nach Paragraph 3.3 wegen Menschenraub verklagen, nachdem ich dafür gesorgt habe, daß sie in Varuna Gastrecht erhalten? Das käme mir wie Verrat vor." Schon bei dem Gedanken fühlte sie sich schlecht, aber genau das lag weltlich gesehen vor: die Anguren hatten Bürger der Grafschaft und weitere Menschen entführt, und waren nun hier.
"Wie geht es Savea und Shaya?"
"Sie wirken, wie aus einem Traum aufgewacht. Aber heute Nacht musste ich sie wieder vom Fell auf dem Boden in ihre Betten legen."
"Hmm nunja wer bin ich? ber Glauben weisst du gewiss mehr auszusagen... Aber sag wie ist es mit dem Mitgefühl, gilt der nur für Nahestehende und nicht für irgendwelche halb verhungerten auf irgendeiner entfernten Insel?"
Darna brummte auf. "Das brauchst du mir nicht erklären."
"Oh ich erkläre gar nichts, ich bin ein dummer Graf, ich frage nur."
Sie hasste ihn, wenn er so redete. "Sie haben einen schwerwiegenden Fehler begangen, der nicht nur den Gefangenen, sonder auch sie selber fast das Leben kostete - ohne die Entführungen wäre all das nicht passiert. Betrachtet man nur die Gefangenen, war bislang die einzige Konsequenz für die Anguren, daß sie sich selbst aus ihrem Clan geworfen haben, na Wahnsinn... das ist nach ihrem Ehrgefühl härteste Strafe.
Ich hätte kein Problem damit, zu sagen, sie sind gestraft genug - aber ich musste auch nicht in diesem Lager da leiden. Ich überlege selber an Konsequenzen, damit Shaya und Savea es nicht auf eigene Faust tun."
"Hmm die Frage ist, bringt es viel, sie nach unseren Gesetzen zu strafen, die sie zweifelsohne nicht einmal wirklich kennen, und dann vielleicht nicht
einmal als angemessen anerkennen."
"Nein, bringt es nicht", erwiderte sie recht prompt.
"Oder wäre es besser, ihnen deutlich zu machen, was sie anhand unser Gesetze taten und dann zu sehen, wie man sie strafen kann, dass es ihrem Verständnis entspricht."
"Ich überlege, sie in irgend einer Art und Weise dafür zu fordern", meinte sie ernst scheinbar als halblaute Zustimmung zu seinen Worten. Adrian betrachtete sie eingehender. "Es müsste für sie nachvollziehbar sein, gerade weil Savea und Shaya 'meine Leute' sind. Du hättest damit dann nicht unbedingt was zu schaffen und würdest nicht das Gastrecht verletzen."
"Du meinst, sie dürfen sich in Freifrau-Weitwurf üben?", fragte er recht zynisch.
"Nur, weil das zwei Meter große Muskelpakete sind, brauchen die nicht zu glauben, sie könnten mich in den Boden stampfen", schnaubte sie leicht.
"Nicht, wenn du immer wieder um sie herumrennst, dann stünden die Chancen vielleicht gut."
"Für was hälst du mich?", fragte sie grantiger, "Für einen florettfechtenden Gecken, der sich was einbildet?"
"Verzeih ich weiss, was du kannst und zweifle nicht daran. Ich weiss dass ich mich in friedlichem Zusammensein mit ihnen gemessen hab, und ich halte mich auch nicht für einen schwächlichen Adelsgecken... sie sind nicht zu unterschätzen Darna."
"Das ist mir klar", meinte sie mürrisch, "Ansonsten wäre eine Forderung auch wertlos."
Versprich mir nur eines wenn du dies in Betracht ziehst... Schlafe ausreichend. Normalerweise müsste ich das wohl nicht betonen.. aber im Moment scheinst du das doch zu vergessen."
Im nächsten Moment war ihrem Blick zu entnehmen, daß sie ein Kissen gerade selber zum Werfen benutzt hätte, statt zum schlafen. Ohne ein weiteres Wort ging er in sein Büro und holte den kleinen Wurfapfel aus Stoff, den sie ihm extra dafür zum Geburtstag geschenkt hatte, doch als er wieder raus kam, sah er sie gerade noch Richtung Kaminzimmer verschwinden, das Buch unterm Arm.
Zwei Seiten des gleichen Problems
Nach wenigem hin und her, wer nun schuld für wessen schlechte Laune war, näherten sich Schritte dem Kaminzimmer, verstummten und jemand klopfte an das Regal. Adrian beendete abrupt die begonnen Schultermassage und Darna wechselte den Sessel, als sie registrierte, daß sie sich einfach in den an der Stirnseite des Tisches geworfen hatte - der gebührte allerdings Adrian.
"Guten Morgen. Panisch?", fragte Rafael nur, als er sich dann zu ihnen gesellte. Rafael... das war gut, daß sie ihn endlich sah. Eigentlich hatte sie ein kompliziertes Thema auf dem Herzen, das sie schon lange in vertrauterer Runde mit ihm hätte ansprechen, ihn um Rat fragen wollen... aber das bot sich gerade nicht an, und schon gar nicht, wenn Adrian dabei war. Aber etwas anderes, das schon seit Tagen wichtig war:
"Ich wollte dich ganz was anderes fragen... Was ist mit Luca? Liefert ihr einfach so einen Jungen für eine Nacht jetzt bei mir ab und überlasst es dann meiner Gutmütigkeit, mich unabsehbar länger um ihn zu kümmern?"
"Luca...", erwiderte Rafael, "Ich war zwei mal nun bei euch gewesen aber da war weder er noch du da und... nun ja, er hat doch einen Schlüssel fürs Haus, er hätte jederzeit zurück kehren können."
"Er hat jetzt einen Schlüssel für mein Haus, und scheint es nicht wirklich eilig damit zu haben, zurückzukommen", erwiderte sie ärgerlich, "Zu wem auch überhaupt? Er scheint sich bei Zoe Zuhause zu fühlen, aber da kann von kurzfristigen Lösungen ja kaum eine Rede zu sein, und Rahel scheint irgendwie überhaupt kein Thema. Kannst du dir vorstellen, daß ich bis heute nicht einmal weiß, wo er _wirklich_ wohnt??"
"Er wohnt bei Rahel ... Aber ich weiss nicht, ob du weisst, daß Rahel ihre zwei Kinder verloren hat, und begann, den Jungen wirklich lieb zu gewinnen und er bricht ihr jedesmal aufs neue das Herz."
"Dann soll sie das lassen", sagte sie mit ungewohnt scharfem Ton, "Ich sehe da jedenfalls ein Kind, das hin und her gereicht wird." Einiges an Frust der letzten Tage schien sich gerade zu entladen, doch schien auch bei Rafael ein wunder Punkt berührt, auch sein Ton wurde schärfer:
"Greif sie nicht an, Darna. Sie hat wirklich alles für den Jungen getan, und er ist es, der genau immer dort ist wo er es will, die Menschen sitzen lässt und damit verletzt. Sie hat wirklich alles für ihn getan, und er dankt es ihr nicht."
"Dann soll sie es lassen", fuhr sie nochmal dazwischen, wenn auch ruhiger und beherrschter. Rafael sprach weiter:
"Er macht genau das, was ihm gefällt, ohne Rücksicht auf irgendwen zu nehmen."
"Dann wird er kaum lange bei Darna bleiben...", kommentierte Adrian leise.
Sie klappte das Buch zu. "Aber faselt mir nicht was vor, er soll bei mir eine Nacht bleiben, wenn ihr in Wirklichkeit nicht wisst, wohin mit ihm."
"Ich rede allgemein und zieh Rahel nicht immer mit hinein! Sie hat ihm wirkich ein Heim geboten. Wenn er es nicht will, ist es seine Sache. Du hast selber gesehen, wie fertig sie war. Sie würde ihn ja wieder nehmen, aber er will nicht. Er fühlt sich bei dir wohl ... solange bis er wieder wen anderen hat. Er will gar nicht zurück Darna."
"DU erzählst mir hier doch gerade, daß sie mit ihm überfordert ist! Herrintemora nochmal, dann soll sie das sagen und nicht rumheulen, an was sie versagt!"
"Darna, du gehst zu weit!"
"Ruhig Blut ihr beiden", versuchte Adrian zu schlichten. Rafael schlug mit der Faust auf den Tisch, und Darna funkelte ihn zornig an. "RAFAEL! Setz dich und rede vernünftig mit ihr oder geh frühstücken." Es schien zu spät, Kronritter und Paladin, die beiden Freunde waren aneinandergerasselt.
"HImmel nochmal, sie hat ja keine Ahnung, verdammt nochmal! Rahel musste mit ansehen, wie ihre zwei Kinder elendig verbrannten! Jetzt hat sie begonnen, ein Kind lieb zu haben, bietet ihm ein Haus, will es sogar für ihn umbauen, damit er sein eigenes Zimmer bekommt, aber er sagt ihr nur immer wieder, daß er lieber woanders ist, haut dauernd ab, und verletzt sie mit seinem Tun. Entschuldigt bitte, wenn ich verstehe, daß sie dann ein Problem mit ihm hat."
"Was erwartet sie auch bei einem Kind, das seit ein paar Jahren klar denken kann und so gut wie sie weiß, daß sie nicht seine Mutter ist?", schoß sie unbarmherzig zurück.
"Das will sie gar nicht sein. Sie will ihm nur ein Heim bieten."
"Na und? Wo ist das Problem? Viola kurvt auch bis heute herum, wo sie will", meinte sie mürrisch, "Und würde sie gehen wollen, dann geht sie eben. Dann kann sie es sich abschminken, daß sie noch mein Mündel wäre, aber das ist ihr klar."
"Ja und? Ist das ein Grund? Du liebst sie ja auch nicht oder siehst sie als deine Tochter an."
...
Etwas in ihrem Bauch sackte wie Eis nach unten. "Ich tue sie WAS nicht?!" Sie stand auf. Adrian rieb sich die Schläfen. "Würdet ihr euch langsam beruhigen?" "DAS nimmst du SOFORT zurück!", brüllte sie Rafael an, ohne auf Adrian auch nur zu achten.
"Werde du erst einmal Mutter, Darna, dann weisst du was ich meine!!!", brüllte er zurück. Das saß. Sie wurde blass. Adrian wusste, welcher Nerv getroffen war, und nach einem weiteren Lidschlag hatte Rafael das Apfelkissen von ihm im Gesicht, das er auch komplett auf Darna fixiert sauber abbekam. "Au!"
"Das hast du verdient", sagte nun selbst Adrian eisig. "Ich wünschte, es wäre härter gefüllt. Du wirst dich sofort bei ihr entschuldigen oder du kannst das Schloss verlassen bis du dir überdacht hast, was du von dir gibst!"
Darna starrte ihn immer noch an, als höre sie die Worte gar nicht, knirschte mit den Zähnen. "Ich entschuldige mich, Lady Darna." Sie hörte ihn nicht - nein, wollte ihn nicht hören.
"Es reicht", entfuhr es ihr kalt, "Ich will nichts mehr hören. Und ich hab genug gesagt. Geh Rahel mit gutem Recht trösten, ich kümmer mich um das verzogene Kind, kann ja nur schiefgehen."
"Darna...", klang es ihr von Adrian hinterher, und:
"Ich bin eh ab heute Abend fort", von Rafael. Das Blut rauschte ihr in den Ohren. Sie, unfähig, Viola wie ein eigenes Kind zu lieben, Luca zu erziehen, weil sie keine eigenen Kinder hatte, keine... bekommen wollte... - wollte sie nicht, nicht wahr? Neun Monate hilflos und von allen Seiten begafft und betüddelt ihrer Verpflichtung vor Temora nicht nachkommen zu können, und danach auch noch mit etwas konfrontiert zu sein, das noch viel hilfloser war als sie und das sie schützen musste...
Sie knirschte mit den Zähnen. Wie hielten Mütter das aus? Aber die meisten wollten sich auch nicht mit dem Schwert in der Hand an Dämonen und den Rittern des Brudermörders messen... sämtliche Gedanken schossen ihr wieder durch den Kopf, die sie als Für und Wider gegenüber Kindern hegte. Wie sauber Rafael das getroffen hatte, an dem sie selber gerade nagte.
"Wir schützen zwei Seiten des gleichen Problems, oder?", sollte sie erst etwas später zu Rafael sagen, noch immer mit scharfem Unterton, außerhalb des Kaminzimmers neben den Bücherregalen stehend. Er schützte Rahel, sie Luca...
"Auf verschiedene Art und Weisen, ja", entgegnete er.
"Geh Rahel auf die Beine bringen. Und wage nicht nochmal, mir solche Dinge zu unterstellen."
"Das vermag ich incht mehr zu tun...", lautete die Antwort, "Ich reise heute ab!" - Rahel also sich selbst überlassen. Sie legte eine Hand vor's Gesicht. Konnte es schlimmer kommen?
dann auch noch Adrian
"Darna...", hatte Adrian sie neben dem Kaminzimmer zu beschwichtigen versucht, "Ich weiss, ich vermag viel Unsinn von mir zu geben, er ebenso, aber er weiss doch nicht einmal, was er da von sich gibt und warum es so saß."
Oh ja, und wie es gesessen hatte. Sie zwang ihre linke geballte Faust neben dem Schwertgurt zitternd runter. Er legte seine Hand auf die ihre als wollte er ihr Einhalt gebieten.
"Ich bin wahrlich auch nicht nett gewesen", meinte sie mit knurrendem Unterton, "aber muß ich diesem Weib erst erklären, wie sie dem Tumult in ihrem eigenen Haus entgeht, um hinterher zu hören, sie hat meinem Rat doch offenbar nicht gefolgt, beschwert sich aber weiter, und ich kann dann zusehen, wie nicht nur ihr nicht geholfen ist, sondern werde auch noch auf ihrem Berg von Problemen sitzen gelassen und das alles auf Kosten eines Jungen, der", sie wurde wieder lauter, "wegen götterverfluchten Arkorithern nicht mal mehr seinem eigenen Schatten traute? Schwierig?! Ja, verdammt, er IST schwierig! Und erkundigt sich nach einem strahlenden Ritter, der ihn abgeliefert hat und verschwunden ist!"
"Setzt endlich diesen Jungen vor vollendete Tatsachen und in eine angemessene Erziehung", meinte Adrian fast ungewohnt streng und sachlich, "Er wird solang mit diesem Spiel weitermachen wie man ihn lässt, und gewiss ist es seinem Wesen sehr zuträglich, ihn weiterhin machen zu lassen was er will und sich die Rosinen herauszupicken. Die Frage ist, wer zeigt es ihm auf, dass es so nicht weiter geht, du oder Rahel."
"Ich werde ihn nicht auch noch rauswerfen oder abschieben", meinte sie grantig, "Er reißt sich ein Bein aus, im Haus zu helfen, und ohne ihn hätt ich manchmal nicht mal Savea oder Shaya alleine lassen können, fast hat er sie selber zurück zur Vernunft gebracht!
'Schwierig'...", sie schnaubte.
"Ich würde empfehlen, du schläfst dich aus, bis du weniger gereizt bist und erörterst das Thema dann in Ruhe mit Rahel."
"Um mir ihre Sorgen auch noch anzuhören", giftetet sie ihn an.
"Ja, verzeih wenn ich mich irrte - die Sorgen der Menschen sind ja Dinge, die eine Frau Paladin nun wirklich nicht betreffen."
Sie hielt inne und der Blick glitt tödlich langsam zu ihm. Der zweite Treffer, und diesmal von Adrian. Im Kaminzimmer nahm Rafael unbemerkt das Kissen und pfefferte es in den Kamin.
Gefährlich leise zischte sie Adrian zu: "Falls du dich fragst, warum ich ausschlafen müsste und es nicht kann..." Er blickte zu ihr, völlig ruhig, wenngleich er offenbar abwartete, sich notfalls ihre Faust einzufangen. "...dann sag mir sowas nochmal, und der Handschuh vor deinen Füßen wird golden sein, verlass dich drauf." Die Worte endeten eisig.
Adrian presste die Lippen knapp aufeinander. "Kein Morgen wie ich ihn erhofft hätte, wahrlich nicht. Aber nun gut, ich weiss daraus die Konsequenzen zu ziehen und zu erkennen was mir nun daraus erwächst." Seine Stimme wurde sehr leise: "Ich liebe dich, aber ich erkenne, dass ich mein Recht eben verwirke...", fuhr lauter fort, "Ich wünsche einen wohlen Tag."
Sie starrte ihm nach, wusste mit den Worten irgendwie nicht mal recht was anzufangen. Was sollte das jetzt? Seine übliche Selbstmitleidstour. Sie wollte ihm nicht hinterher. Es tat ihr leid. "Holz-kopf", grollte sie ihm gerade noch so in Zimmerlautstärke nach.
Adrian erfuhr etwas später im Kaminzimmer von Rafael, wo das Wurfkissen gelandet war und war überhaupt nicht begeistert. Darna nahm es mit der Gleichmut zunehmender Erschöpfung hin. Für Adrian... schien es irgendwie mehr. Er trug die verkohlten Reste des Kissens weg, als wolle er es nach unten in die Familiengruft bringen.
Kurze Zeit später meldete ein Gardist Rafael, daß seine Hoheit das Schloß zu Pferde verlassen habe. Die beiden sahen einander an. "Reiten wir ihm nach? Ich vermute .. den Baum. Oder willst du alleine?" Sie sah an die obere Regalkante, als läge da irgendwo Hilfe herum. "Ich vermute auch den Baum... aber komm mit, bitte, ich bin langsam kaum noch mehr zurechnungsfähig, glaub ich."
Ich will keinen Schwächling
Sie ritten auf die Dornenfeste zu, bislang deutete alles darauf hin, daß Adrian an die bestimmte Stelle im berchgarder Hinterland geritten war. "Du bist sicher, daß du nicht alleine mit ihm reden willst?", fragte Rafael erneut. "Wenn er da ist...", erwiderte sie, als wolle sie sich unsicher sein. Denn irgendwie verstand sie ihn nicht mehr. "Außerdem kann ich nicht ganz nachvollziehen, was er gerade ernsthaft haben mag."
"Nicht?", fragte Rafael perplex, "Darna, wirklich nicht?"
"Hab ich was verschlafen?", fragte sie besorgt, während er sein Pferd zügelte und auch sie hielt.
"Wohl sehr erheblich was verschlafen."
"Er faselte irgendwas von zurückziehen, aber damit unkt er so oft..."
"Ja, weil er Angst hat. Angst vor seinene eigenen Gefühlen. Männer sind manchmal so dumm." Darna atmete schnaufend aus - nicht nur Männer. "Glauben, daß es besser wäre sich zurück zu ziehen von der Frau die man liebt .. um ihr nicht weh zu tun ... oder sich selber, wenn man sich nicht sicher ist, daß die Frau einen auch liebt. Bevor man sich zu sehr in dem Gefühl verliert."
"Waren wir über diese ersten Schritte nicht schon längst hinaus?", fragte sie sich müde in Gedanken und meinte laut und abschätzig: "Was erwartet er denn in solchen Momenten, daß ich ihm sage 'aber ich will von Dragenfurt doch gar nicht!' und mich ihm an den Hals werfe? Sowas verlangt nach einer Antwort, und die hat er sich noch nicht verdient - so erst recht nicht."
"Ich werde schon wieder so ungnädig, was ist nur los heute?", geisterte es ihr durch den Sinn, aber es entspannte irgendwie ungemein.
"Nein, das erwartet er bestimmt nicht", widersprach Rafael.
"Und ansonsten wäre das Ganze ohnehin nur eine Farce, was soll das?"
"Eine Farce? Darna, würde er Signale geben, würden sich ihm zig Frauen an den Hals werfen. Er hat lange mit sich gerungen ... überhaupt sich selber zuzugeben, wieder zu lieben. Dazu eine Frau, die er seit langem als gute Freundin kennt."
"Es geht aber leider nicht allein um ihn", sie verengte die Augen, "Es könnte leichter sein, würde nur er um mich werben, aber das ist nun mal nicht der Fall."
"Sagtest du nicht, daß du allein entscheidest, wem du dich zuwendest?"
"Ja - dennoch soll mein Vater die nötigen Traditionen pflegen", erwiderte sie reserviert, "Und auf welcher Basis soll ich urteilen, wenn von Dragenfurts Werben bei zwei Versuchen, mich zu besuchen blieb, die beide unterbrochen wurden, weil mal wieder 'wichtiges' dazwischen kommt?" Silvan hätte ihr fast leid tun können, aber zunehmend kam sie sich auch umso unfairer vor, je mehr Zeit sie mit Adrian zubrachte. Gleichzeitig wurde ihr Silvan zunehmend gleichgültiger.
"Auf welcher Basis?", echote Rafael verblüfft, "Willst du wirklich mit dem Verstand urteilen, wem du dich zuwendest, oder einfach mal auf dein Herz hören? In der Liebe... sollte man aufhören, zu denken, Darna!"
"Der Kronrat pfeift auf mein Herz, wenn ich einem Werber eines etablierten Adelsgeschlechtes nach einem Witz von Werbung den Laufpaß gebe, Rafael", entgegnete sie ruhig und schärfer.
"Das mag sein", musste er zugestehen, "Aber Adrian zerreisst diese Ungewissheit. Du kennst ihn und seinen Pessimissmus."
"Ich will ihn nicht aus Mitleid lieben", lehnte es sich in ihr auf. "Dann muß er stärker sein", kamen die Worte nüchtern und leicht bedauernd, "Wenn er bei jedem kleinen Anflug von etwas Negativem gleich das Ende aller Dinge sehen will, dann kann ich ihn nicht so oft auffangen, wie er fallen möchte, Rafael..."
"Dann warst du in letzter Zeit nicht sehr aufmerksam, was ihn anght. Er ist in einem ziemlichen Loch Darna, und wir versuchen ihn seit langem da heraus zu ziehen, was immer nur für Momente gelingt. Er braucht seine ... Freunde, Darna. Er braucht es, mal lachen zu können."
"Denkst du, das weiß ich nicht? Denkst du, es erhellt mir nicht selber den Tag, wenn ich auf ein verschmitztes Schmunzeln von ihm sehe? Glaubst du, ich vermisse nicht den silberhaarigen Löwen, als der er bewundernswert war?"
"Er besitzt Stärke, Rafael." Sie richtete sich etwas im Sattel auf, eine Spur stolzer, erhabener. "Ansonsten hätte ich mich auch schwerlich in ihn verliebt. Aber ich bin auch ehrlich gesagt nicht willens, mich anspruchslos an ihn zu verschenken, in der blanken Hoffnung, ob er dann gnädigerweise wieder auf die Füße kommt. Ich will ihn in Zeiten der Not gerne stützen - aber er sollte mich nicht glauben lassen, er könne gar nicht mehr selber laufen, sondern nur noch jammern und versinken, egal wie oft man ihm raushilft." Sie klang grimmig und bedauernd zugleich. "Und wenn es das ist, was er begreifen muß, dann sagst besser du ihm das."
"Wie könnte ich ihm auch das sagen? 'Adrian, wenn du untergehen willst, dann lass ich dich alleine.' Alleine untergehen."
Rafael scherzte etwas, sie konnte darüber nicht mal mehr schmunzeln. Still ritten sie den Rest des Weges. Vor dem Mandelbaum starrte tatsächlich Adrian zum Meer.
letztes Aufbäumen
Er schien auf die Geräusche der Pferde nicht zu achten. Darna beobachtete, wie Rafael näherritt und abstieg, sie blieb einen Moment distanziert sitzen. "Jetzt auch noch auf ihn einreden... Wieder mit Engelszungen... Ich kann nicht mehr." Ihre Miene wurde düster und verschlossen. Rafael legte ihm die Hand auf die rechte Schulter. Sie seufzte im Stillen, als sie die leere linke Seite sah. Die alte Geste, sie beide hinter ihm stehend... "Es braucht dich. Er braucht dich. Mehr, als du je zuvor hättest geben können. Würde 'Freundschaft' jetzt überhaupt noch reichen? Ich glaub es nicht. Aber es ist ja auch nicht mehr nur das. Erfüllst du selbst dann noch eine Pflicht, wenn du liebst?" Sie stieg vom Pferd, und das Gefühl widerte sie an, eine Pflicht zu erfüllen. Einzig die Leichtigkeit, mit sie auch sanft über die Schulter streichelte, als sie ihre Hand darauf legte, wischte das Widerstreben beiseite.
"Traue nie dem Glück der Sterne, Sterne glühen und vergehen ...
Traue nie dem Duft der Rosen, Rosen blühen und vergehen ...
Traue aber einem Menschen, der es ehrlich mit dir meint ....
der im Glücke mit dir jubelt und im Schmerze mit dir weint",
zitierte Rafael leise. Darna sah fast finster in Adrians Miene. Wollte sie das alles? Konnte sie das alles? Und wollte Adrian ihr trauen?
"Manchem ist es nunmal gegeben, besser den Schmerz allein herauszuweinen und anderen nicht das Glück zu nehmen, das sie verdienen", meinte er leise.
"Das erste könntest du grad hinkriegen, das zweite nicht, wenn du so weitermachst", entfuhr es ihr ebenso leise, aber schon wieder schärfer. Sein Blick ruckte zu ihr herum.
"Denkst du denn ich wüsste nicht, dass meine Worte zu allem geeignet sind, nur ganz gewiss nicht dein Herz zu halten? Ich erkenne meine Schuld und meine Pflicht hieraus."
Beiläufig nahm sie die Hand runter. "Willst du mir das Traumschloß vorlügen, du würdest mir immer nur eitel Sonnenschein bieten können? Lügner. Du wirst dann nur an deinen eigenen Ansprüchen scheitern und tust es schon jetzt." - es widerte sie an.
"Adrian, hörst du jetzt mal auf!!!", fluchte selbst Rafael. Darna beobachtete mit kritisch gehobener Braue und reservierter Lehrermiene, wie Adrian sich wieder zum Baum wandte, eine Mischung aus Zorn und Trauer in seinen Augen. "Jemand sollte dich wirklich langsam mal übers Knie legen", schimpfte sein Freund weiter.
"Ich hab dir gesagt, er wird nicht damit aufhören", war ernüchtert und verärgert ihre Stimme zu hören. "Und wenn er damit alles kaputt machen will, bitte."
"Habe ich nicht längst schon alles... und sollte ich dies nicht einsehen?"
Rafael und sie antworteten fast gleichzeitig: "Nein hast du nicht, aber wenn du so weitermachst."
"Nein, Adrian - du fängst in Momenten wie diesem erst mit dem kaputtmachen an."
Sie ging. Rafael fuhr bald aus der Haut:
"Hat das Wort 'Hoffnung' für dich denn überhaupt keine Bedeutung mehr? Hast du verlernt, zu kämpfen? Wenn du etwas willst, dann kämpfe gefälligst darum!"
Er schien kaum zuzuhören, sah ihr nach. "Bitte bleib." Sie wandte den Kopf, ohne zurückzukommen. "Ich weiss nicht was ich verloren habe, oder wann und wo... Ich weiss nur, du bist so viel für mich und doch wähle ich nur Worte, die dich forttreiben."
"Na und?", erwiderte sie fast trotzig, "Glaubst du, das würde sonst nie..." - er trat sehr nahe zu ihr und versuchte, ihr einen Kuß auf die Stirn zu geben. Diesmal war sie nicht willens und trat tatsächlich einen Schritt zurück. "Ich bin mit dir noch nicht fertig."
"Vergib einem Narren wenn du kannst, oder laufe fort und lass ihm nur den Handschuh..."
"Das ist Erpressung, vergiss es. Ich vergebe dir nicht, und ich laufe nicht weg - aber meinen Handschuh kannst du kriegen."
Er nickte knapp bei ihrer Reaktion, seine Mimik verhärtete sich wieder. Na bitte, da war die Wand aus Verletztheit, die sie einzureißen gedachte!
"Glaubst du, zwischen uns dürfte es nur eitel Sonnenschein und immer liebe Worte geben?" Aus schmalen Augen musterte sie ihn. "Dann trete ich zurück, denn so großmütig, wie ich auch sein will, weiß ich, daß ich das nicht immer schaffen werde. Jetzt zum Beispiel nicht." Energisch ging sie in die Offensive, längst jenseits der Grenze von gut und böse.
"Ich bin kein vollendiger Narr das zu glauben, aber offenbar bin ich besser darin, dir Beleidigungen an den Kopf zu werfen denn Rosen, welche Art werben soll dies sein?"
"Ich will keine Rosen. Hör mit dem Geschwafel auf."
Sie fegte seine Worte weg. Er hatte noch immer nicht begriffen. "Ich bin am Ende, Adrian, und wenn du tatsächlich für mich da sein willst, dann brauch ich in solchen Momenten keinen Schwächling, der wegen ein paar scharfen Worten sonstwas von sich selber denkt, den Schwanz einzieht und jaulen geht!" Bissig griff sie seine Worte nun noch auf: "Ach, kann ich nicht mehr zählen? Daß du mich häufiger verletzt als mir geholfen hättest, wüsste ich aber."
"Ich gehe nicht jaulen, ich versuche mir bewusst zu sein, ob du noch nach diesen Worten überhaupt irgendetwas von mir hören willst - wenn du nachsinnen jedoch als Jaulen bezeichnen willst, bitte."
Die beleidigte Leberwurst. Sie registrierte selber nicht, wie Rafael hinter Adrian einen Schneeball formte und auf seinen Kopf zielte, es dann doch bleiben und den Schneeball fallen ließ.
"Dann würde ich es nicht so oft darauf anlegen, das erst von mir zu erfahren, indem ich dir hinterherlaufen muß. Wer flüchtet hier?! Das kannst du offenbar auch ganz gut."
"Oh ja, es ist sicherlich besser, die Schlosswände anzustarren. Darin war ich ja ohnehin schon immer Meister."
Sie sah zum Himmel. "Temora, lass... ... irgendwas runterfallen. Einen Hammer auf seinen Kopf."
"Mit diesem 'Ich weiß, was gut ist, ich zieh mich besser zurück' bist du also hier her geritten, nur um alleine und in Ruhe über den Quatsch nachzudenken, den du damit gesagt hast?"
"Willst du mich verarschen?" Er funkelte sie an:
"Du hieltest es also für besser, wir werfen uns im Schloss weiter Nettigkeiten an den Kopf, bis wirklich irgendein Handschuh fliegt und damit ohnehin alles begraben ist?"
"Wieso halten alle ein Duell immer für irgendeine Form von alles beendendem Mord?", dachte sie abgelenkt nach, "Ich hab mich mit dir noch nie geschlagen, vielleicht sollte ich das wirklich mal tun, gucken ob du wirklich so dusselig und unbedarft bist und dir gleich dazu ein paar Ohrfeigen verpassen, damit du aufwachst. Ich kann dich so doch nicht ernst nehmen, herrje. Wer soll regieren und dieses Land verteidigen?" Sie überhörte abwesend fast, was er sonst noch sagte, es kamen nur Reste bei ihr an:
"...fordere mich nur bis zum dritten Blut... es wäre mir ohnehin lieber ... zu sehen wie du und Silvan sich vor Glück anstrahlen."
"Was?!"
Sie sah ihn an und er musterte sie mit einem recht undefinierbaren Blick. "Ich hab irgendwas nicht mitbekommen. Das muß die Müdigkeit sein." "Was wär dir lieber?", hakte sie unsicher nochmal nach.
"Lieber sterbe ich ob dummer Worte durch deine Klinge, als dass ich ob dieser noch erlebe, dass du deshalb das Glück in seinen Armen wählst." Sie kaute den Satz in Gedanken nochmal durch. Es war frustrierend, daß sie sich gerade kaum konzentrieren konnte. Hoffentlich sagte sie jetzt keinen Mist, sie formulierte sehr bedächtig:
"Wenn er nicht aufpasst, kann er eine ganze Menge anderer Dinge tun, als zu erwarten, daß ich ihn als diesen arroganten Schnösel nehme, als der er sich in letzter Zeit zunehmend zu präsentieren scheint", stellte sie recht sachlich drohend fest. Adrian musterte sie nun mit erhobener Braue. "Du hast noch nicht gewonnen..." - sie fügte in gleicher Tonart, noch etwas bedächtiger an:
"Und wenn du nicht aufpasst, werd ich einen Dämon tun, dir mehr als eine nette Freundin zu sein, wenn ich dich bei jedem Fehltritt erst wieder aus einem Jammerteil der Selbstvorwürfe und des Selbstmitleids heraus holen muß."
"Es hat nichts mit...", brauste er kurz auf, verstummte jedoch schlagartig, als sie weiter sprach:
"Ich weiß selber, ich bin ein Ekelpaket heute. Ich bin müde. Ich bin fertig. Da musst du nicht immer ein Engel sein können, aber dann will ich hinterher dich nicht auch noch zu meinen Sorgen zählen müssen..." Sie atmete aus, scheinbar völlig erschöpft sackten die Schultern runter. "Das kann ich nicht... denn dir würde ich dann auch noch mehr Aufmerksamkeit widmen, als ich verkrafte."
Eine Weile starrte er sie mit leicht gerunzelter Stirn nur an. Und trat erneut auf sie zu. Sie wich nicht, sie schien mit ihrer Gardinenpredigt - und ihren Nerven, ihren Kräften - auch am Ende.
"Versteh das 'es tut mir leid' jetzt nicht falsch bitte..."
"Er hat begriffen?", flackerte in ihr ein Funke Hoffnung auf.
"Ich habe soviel vor mir selbst verschlossen, dass ich gar nicht merkte, welches Bild das alles machen muss auf die Welt um mich herum. Wahrscheinlich hast du recht - nein, ganz sicher sogar, ich sollte besser aufhören, alles auf Rahal und vergangenes zu schieben.. es liegt an mir.. nur ich kann es ändern."
Seine Leidenschaft für Selbstvorwürfe schien doch noch nicht ganz abgelegt. "Die Gründe...", murmelte sie müde, "darfst du auf sie schieben. Die haben sie dir geliefert, reichlich. Die Konsequenzen... bestimmst du."
"Ich werde mich bemühen, nicht auch noch ein Kraftrauber zu sein, in Ordnung?" Er legte eine Hand unter ihr Kinn, strich ihr kurz mit dem Daumen über die Wange. "Ich...", setzte sie an, atmete aus, lehnte den Kopf gegen seine Schulter. Als sie fühlte, daß er einen Arm wie eine Stütze um sie legte, tat das unendlich gut. "Ich könnt sofort einschlafen.
"Ich wünschte, ich hätte es anders sagen können...", meinte sie müde bedauernd.
"Manchmal hilft es wohl nur, wenn man es mitten ins Gesicht wirft, hm?"
"Kissen reicht bestimmt nicht immer. Kissen... Sie spürte, wie er ihr über den Rücken strich. "Oh, Kissen wäre... toll... Schulter reicht auch schon." Sie hörte jemanden murmeln, vermutlich sich selbst: "Nein, ich schlaf hier nicht ein, keine Sorge."
"Bitte kein Schlaflied summen. Ich sollte die Augen aufmachen. Dreck..."
"Und wenn, würde ich dich zur Not über die halbe Welt tragen." Sie hörte seinen schelmischen Unterton, atmete amüsiert aus. Auch wenn sie nicht wirklich wusste, was daran nun so lustig war. Egal.
"Natürlich würden dich die Gardisten zukünftig seltsam ansehen, aber du weisst dich ja zu wehren."
Ihr drängte sich die Vorstellung auf, rettungslos gegen übermächtige Gardisten anzutreten. "Sind ja..." "...keine angurischen Gardisten", hörte Adrian sie gerade noch so murmeln.
"So weit sind wir noch nicht, aber du hast seltsame Träume. Ich muss nicht doch wieder ein Schlaflied summen?"
Sie gähnte, hob den Kopf an. "Nein..." "Oh bitte nicht." "...das wär gemein, ich könnt mich wohl nicht dagegen wehren."
"Hmm das gäbe auch feines Gespött: Der Herr Graf wirkt derart einschläfernd, sie sackte in seinen Armen in ihre Träume."
Schlafen. "Das wär grad schön."
"Ich werde wirklich alt, ich hatte auch schon mehr Wirkung als das.."
"Mehr Wirkung? Warum? Ist doch schön angenehm. Einschlafen reicht völlig. Ich hab irgendwas nicht mitgekriegt. Ich muß nach Hause." Verspätet hob sie einen Mundwinkel und tastete nach den Zügeln von Aarentrutz und hätte fast aufjaulen können, als sie merkte, daß er sie nicht losließ. "Schlafen!" "Ich schlaf gleich im Stehen ein..."
"So, wirst du das?", neckte er sanft, "Gut, also wenn dich das einschläfert... glaube ich nicht mehr an mich..." - sie spürte, wie er sie küsste, küssen wollte, innig...
"Gemein! ... mh..." Sie seufzte resignierend wie wohlig, er zog sie noch enger an sich. "Nicht einschlafen. Das wäre wirklich... oh mann, schlafen... hinlegen, er hält dich... NICHT einschlaf...nnn...!"
Als er sich schließlich von ihr löste und sie ansah, war merklich jede Sekunde weiteren Haltens für ihren Wachzustand gefährlich, Frauenheld hin oder her. "Ich bring dich besser heim." Ja, wär besser. Aarentrutz schnaubte nervös, als dem klare Anweisungen und Führung gewohnten Tier die Befehle fehlten - schließlich siegte der Herdentrieb und er trottete diesem aufmüpfigen Fuchs hinterher, mit natürlichem Instinkt noch den nassen Mehlsack auf dem Rücken balancierend.
Die Wachen sahen nach der Drohung Adrian noch das Haus verlassen und Darna selber die Türen schließen - sehr spät am Abend fand Shaya oben auf dem Bett Milady vor, komplett angezogen mitsamt Stiefeln und Schwert...