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Treibsand - Gefangen und verschlungen.

Verfasst: Montag 14. Januar 2008, 13:36
von Raniya Sahar
Es war dieses Gefühl in der Magengegend, welches ihr keine Ruhe lies.
Irgendwas bahnte sich an oder passierte bereits.
Sie konnte es sich nicht erklären. Vielleicht war es auch nur die Aufregung, schließlich wurde ihr an ihrem Hochzeitstag speiübel und das Gefühl heute, kam jenen, an ihren wichtigsten Tag sehr nahe.
Aufregung vor dem Abend. Heute sollten endlich mal die Kinder der Bashir zusammen kommen, der erste Besuch in ihrem neuen Heim.
Wahrlich, es war vermutlich nur die Aufregung ob alles gut gehen würde.
Aber wieso Sorgen machen? Es war schließlich ihre Familie.
Ihr Blick schweifte nochmals durch das Haus, ehe sich die junge Menekanerin in der Küche besah und nochmals die Speisen überprüfte.
Zum Glück war Munaya gut im Kochen. Zum Glück blieb soviel noch von der Hochzeitsfeier über, das der Gedanke, Raniya müsste in der Küche stehen und kochen, somit verworfen werden konnte.

Frische Luft schnappen, sich in die Arbeit stürzen, vielleicht die ein oder andere Behausung ein wenig mehr begutachten, waren die gelungene Abwechslung.
Die Füße der jungen Frau führten sie ziellos durch die Gassen Menek'urs, ehe schemenhaft, im rechten Winkel eine Kleinigkeit ihren Blick störte und ihre völlige Aufmerksamkeit erhaschte.
Schnell flogen die braunen Augen über den angebrachten Schrieb, ruckartig erhoben sich die Hände, rissen das Schriftstück von der Tür und mit einem Hechtsprung, berührten die Fußsohlen die warmen Steinböden Menek'urs und liefen von einer Gasse in die Nächste, bis der Schatten der jungen Menekanerin aus der Sicht war.

Munaya wollte Ibraheem suchen.
Sie wusste doch, das ihn zu suchen völliger Wahnsinn war.
Sie wusste doch, das sie nicht alleine in die Wüste sollte.
Sie wusste doch, das es aussichtslos war, ihn zu finden.
Ach Munaya, du wusstest es doch und setzt deinen Dickkopf dennoch durch.
Wahrlich eine Bashir.

Der Kopf Raniyas huschte von einer Seite zur anderen. Es war ihr egal, das die Wachen ihr nachriefen, sie sollte sich etwas anderes anziehen um die Wüste zu besuchen oder das sie nicht jeden umrennen sollte.
Alles Gewäsch.
Wo konnte sie nur sein.
Der besorgte Blick tanzte von einer Stelle zur anderen.
Die weiten der Wüste schienen heute um einiges länger zu sein, als es ihr lieb war.
Es war Irrsinn Ibraheem zu suchen.
Es war Irrsinn, gab es keinen Ansatzpunkt wo sie hätte sein können.

Ahnengrab, Salzmine, Ruinen, das Lager, es gab einfach zu viele Möglichkeiten und die Zeit, sich jenes nun zu besehen, zu überprüfen ob sie da ist, hatte Raniya nicht.
Ihr Magen schien die Aufregung, die Sorgen mit Genuss aufzunehmen, waren jene Gefühle eine Seltenheit bei der jungen Frau und die Weisheit, höre auf dein Bauch, schien in Angesicht der Lage wahrlich lächerlich oder nicht?
Ohne sich weitere Gedanken an den Ort und die Möglichkeiten, welche es noch gäbe, zu machen, rannte sie einfach drauf los.
Süden. Immer in Richtung Süden.
Der Kopf sprang von rechts nach links, die Hand wurde erhoben um den Augen einen Moment Schutz zu bieten und abermals über die Meilen an heißen Sand zu blicken.

Weiter, immer weiter, ziellos drauflos, untermalt von Rufen, erklangen die Namen von Munaya und Ibraheem in der trockenen Luft.
Nichts.
Stille.
Verdammt nochmal, wo waren sie nur. Die Hände fanden ihren Platz in den Seiten Raniyas, welche nach Luft rang und die Pause kurz nutzte um sich erneut umzublicken.
Die Augenlider klappten aufeinander, blinzelten um sich am Ende zu schlitzen zu verengen.
Dort war etwas.
Erst langsam, Fuß vor Fuß gesetzt ging Raniya im heißen Sand auf das Erblickte zu.
Die Schritte wurden zunehmend schneller, als sie nach und nach mehr die Konturen erkannte.
Das Schrittempo wechselte in Sekunden um in einen Wettlauf gegen den eigenen Schatten.
Die Schemen verrierten beim näherkommen, das es weder ein Tier noch eine Pflanze war, welches sich in den Blick Raniyas eingebrannt hatte.
Es ist schwer zu sagen was sie in diesem Moment verspürte. Freude sie gefunden zu haben. Erleichterung, ehe die Situation ein Gesamtbild ergab und der Schock, das blanke Entsetzen sich auf ihre Züge einspielte.

Ein dumpfer Laut erklang in der Luft, der Körper der jungen Menekanerin küsste den warmen Wüstensand, während sich die Arme, gar die Finger ausstreckten um jeden Millimeter mehr an Munaya heranzukommen.
Ein Schauer lief ihr über den Rücken als ihre Blicke sich trafen. Die Erkenntnis, was die Augen von Munaya preisgaben, ließen Raniya einen Moment erstarren ehe sie sich wieder fang und mit aller Kraft und Mühe versuchte, nicht selber ein Teil des Wüstensandes zu werden, die zarten Finger um die Handgelenke ihrer Schwägerin legte, um sie hinaus zu ziehen.
Sie war eine Bashir. Bashirs gaben nie auf, sie kämpften immer bis zum Schluss. Mehrfach huschten die Worte über ihre Lippen, während die Anstrengung, gegen den Strudel zu kämpfen immer mehr ihre Kräfte beraubten.
Halt dich fest. Nicht loslassen. Wir holen dich hier raus. Nicht aufgeben Munaya..
Immer wieder halten die Worte durch ihr Ohr, während ihr Leib regungslos im Sand lag, die Arme noch immer ausgestreckt zur Mitte des Sandschlundes ruhten.
Der Wind streifte über ihre Haut, flüsterte ihr leise etwas zu, doch keine Regung zeichnete sich auf dem Antlitz der Menekanerin ab.
Es war zu spät.

Der Entsetzte, mit angsterfüllte Blick von Munaya, als die stärke und kraft des Treibsandes immer mehr nach ihrem Leib verlangte, bekam Raniya nicht mehr aus dem Kopf.
Es ging zu schnell.
Mit aller Mühe versuchte sie ihre Schwägerin heraus zuziehen.
Ja festhalten sollte sie sich. Den Griff der Hände nicht lösen. Sie würden es schaffen und trotzdem entzogen sich die schmalen Finger Munayas aus dem Griff Raniyas.
Es ging zu schnell, sie konnte nicht einmal mehr zulangen, als Munaya nach und nach mehr in den Sand der Wüste eintauchte.
Regungslos lag sie nun da.
Hoffnung schien keinen Platz auf ihrer Mimik zu finden.
Hoffnung war es nicht, die noch eine Weile auf den Punkt blickte, wo bis eben noch Munaya ruhte.
Sie war fort und zurück blieben nur die junge Menekanerin und das Abschiedsgeschenk von Munaya in ihrer Hand.
Es war der Siegel der Bindung. Es war das Band was zwei Seelen zusammen band.
Der Ehering von Munaya und Ibraheem.

Verfasst: Dienstag 15. Januar 2008, 09:30
von Jahwarah Bashir
Hüte dich, mein kleines Juwel, hüte dich vor dem Sand.
Sei immer wachsam, überlasse ihm niemals die Führung.

Er ist Gewohnheit, er ist Freund.
Wohin du auch blickst, er ist immer da.

Doch lasse ihn für eine Sekunde aus den Augen,
schenke ihm einen Augenblick Unachtsamkeit,
und er wird garstige Untiere speien,
deine Sohlen verbrennen oder dich mit sich reißen.

Hüte dich, kleines Juwel.



Jahwarah hatte die mahnenden Worte ihrer Mutter Sanaya stets im Kopf. Auch nach all’ den Jahren, denen sie der Kindheit inzwischen entwachsen war, konnte sie die Stimme hören, den erhobenen Zeigefinger und die besorgten Fältchen um die Augen herum sehen. Es waren Worte, um die kein Kind Menek’urs herumkam, die eine jede Mutter ihrem Sprössling immer und immer wieder eintrichterte. Aus Angst, aus Furcht um das Leben des eigenen Fleisch und Blutes. Auch Munaya kannte diese Worte, sie musste sie gekannt haben! Und dennoch hatte sie sich benommen wie eine einfältige Närrin, deren Verstand von der Hitze der Wüste geschmolzen worden war. Munaya, wie konnte sie sich so gehen lassen?!

Jahwarah legte den Kopf in den Nacken und zog die Knie enger an ihren Körper heran. Die wollene Decke zurrte sie fester, packte sich darin ein so gut es nur ging. Doch die Kühle, nein, die Kälte der fortgeschrittenen Nacht fand immer wieder kleine Ritze durch die sie kriechen und den verkrampften Frauenkörper traktieren konnte. Egal wie Jahwarah sich auch setzte, der Gewinner stand bereits vorher fest. Und Jahwarah nahm an, in dieser Nacht würde sie nicht mehr kämpfen. Ihr Blick wanderte hinauf in den Himmel, versank in einem endlosen Meer aus dunkelblauer matter Seide. Funkelnde Diamanten strahlten ihr entgegen, klein und groß, silbern, golden, lachsfarben. Sie alle waren hervor gekrochen um zu trauern. Um ein Leben, das viel zu jung sein Ende fand.

Ein Treffen der Bashir hatte es werden sollen, zu dem Raniya Sahar gerufen hatte. Eine Feier im Kreise der kleinen Familie, um noch einmal den neuen Bund der Ehe zwischen Raniya und Ishaaq zu ehren. Doch nicht alle waren der Einladung gefolgt. Trotz dass die Bashir wohl die kleinste aller Familien auf Menek’ur waren, erwies es sich als ungeheuer schwer alle Söhne und Töchter zusammenzutrommeln. Und seltsamerweise fehlte auch Raniya, die Gastgeberin. Eine leise Vorahnung hatte sich in Jahwarah breit gemacht, sie kannte ihre Cousine. Zu einer Feier laden und dann selbst nicht auftauchen, das war kein eigens herbei geführtes Vergehen, niemals! So hatte sie den frisch gebackenen Ehemann ins Visier genommen, hatte ihn aushorchen wollen, doch selbst er vermochte sich das Fehlen seiner Raniya nicht erklären. Ein Glas Kaktusschnaps sollte die Anwesenden über die Wartezeit hinweg trösten, doch die Gedanken Jahwarahs konnte es nicht verwischen.

Und schließlich war sie kommen, Raniya Sahar. Das Lächeln versieht, der Blick stumpf, der Worte nicht mächtig. Das Kleid voller Sand, verkrustet und verklebt und mit wirren Falten verkrumpelt. Die Fäuste geballt, so dass weiße Knöchel sich zwischen gebräunte Haut schoben. Ein Glas Kaktusschnaps, zwei Gläser, ein Drittes. Die angebrochene Nacht hatte die bittere Nachricht von Tod und Verzweiflung im Gepäck.

Ein leises Seufzen perlte von Jahwarahs Lippen und verklang in der Stille der Nacht. Es war ihr nicht danach ins eigene Heim zurückzukehren, sie brauchte die Näher ihrer Cousine in dieser Nacht. Beide waren sie gebrochen und in beißende Qualen gestoßen worden. Munaya, keine Närrin, sondern verzweifelte Ehefrau. Blind vor Sorge und Angst, der Ruf nach ihrem Manne seit Wochen und Tagen unbeantwortet. Aufgebrochen um seine Nähe wieder zu spüren fand sie den Tod.

O Eluive, warum?