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Der gebrochene Flügel

Verfasst: Freitag 4. Januar 2008, 16:31
von Arsen Talmar
Der Wind pfiff mit Eiseskälte vom Meer her durch die engen Gassen Bajards. Ich hätte ohne zu überlegen einige Orte nennen können an denen ich lieber gewesen wäre und die Wache Bajards dachte wohl ebenso, denn ich hatte in der ganzen Zeit, die ich hier in einem einiger Maßen windstillen Platz im Schatten verbrachte, nicht einen einzigen der Kerle gesehen. Selbst so ein Wetter hatte gewisse Vorteile, dass gab ich gerne zu, natürlich nicht Selina gegenüber. Während ich mein Gewicht verlagerte damit meine Muskeln nicht verkrampften musste ich unwillkürlich Schmunzeln, denn nach heute Nacht wird es mir schwer fallen eine Ausrede zu finden um vor dem Kamin bleiben zu können. „Wer sich nachts im Schnee herumtreibt, kann es auch tagsüber“, wird sie mir sagen um gleich danach zu fragen „Wo warst du?“

Werde ich ihr die ganze Wahrheit sagen? Ich glaube nicht, sie selbst hatte mir gesagt gewisse Einzelheiten wollte sie gar nicht wissen und dass ich das dunkle, grüne, ja fast schwarze Leder der Falken wieder trug würde ihr genug sagen. Nur den Grund, ja den Grund würde sie wissen wollen und den würde ich ihr auch sagen. Ich würde ihr von dem Fremden erzählen welcher in Bajard von Bord eines Schiffes ging und begonnen hatte sich nach mir zu erkundigen. Nun war es eigentlich nichts Ungewöhnliches daran, wenn sich jemand nach der Akademie zu Schwert und Kunst fragte, es kamen in letzter Zeit viele Briefe dort an, aber wenn sich jemand nach meiner Vergangenheit erkundigt, dann wurde ich hellwach. So etwas konnte nur Ärger für mich bedeuten schließlich war ich genug Leuten auf die Zehen getreten und alle hatten einen Grund mir einiges davon zurückzuzahlen.

Außerdem hatte es lange genug gedauert um den Schein des „ehrbaren“ Arsen Talmar aufzubauen, so lange dass ich mir selbst die Frage stellte ob der Falke das Fliegen verlernt hatte. Selinas Antwort war ein leises „Du hast das Fliegen nicht verlernt, du hast dir nur den Flügel gebrochen“ Sie merkte am besten wie mir mein altes Leben fehlte, sie bekam meinen Missmut ja fast täglich zu spüren, dass es schon an ein Wunder grenzte wie ruhig sie geblieben ist. Und was hatte es mir gebracht? Die arrogante Verachtung jener „Nymphen“, die sich selbst Gefährtinnen des Waldes nannten, die wohlwollende Duldung der Clans, die mich manchmal an ihren derben Späßen teilhaben ließen .. alles wie ich es beabsichtigt, geplant hatte. Allein Khazkal begann hinter die Maske zu sehen aber auch nur soweit wie ich ihn ließ.

Das jedenfalls war der Grund weshalb ich nun hier im Schatten kauerte und meinen Blick nicht von der Taverne in Bajard ließ. Dort drinnen saß das Ärgernis und versuchte wohl mehr über mich zu erfahren, selbst wenn nicht er saß im Warmen und ich hier in der Kälte, was meinen Unmut ihm gegenüber noch beträchtlich steigerte. Nun fiel mir auch noch Schnee in den Kragen und während ich die Kapuze über den Kopf zog galten einige leise Flüche diesem neugierigen Fremden. Das Fluchen schien Erfolg zu haben denn im selben Moment trat der Kerl grölenden, eine Flasche schwenkend, aus der Taverne. Wollte er es mir wirklich so leicht machen? Misstrauisch blieb ich im Schatten verborgen und ließ den Mann nicht aus den Augen, der scheinbar völlig betrunken die Strasse entlang wankte. Er spielte seine Rolle gut, sehr gut sogar, doch als Schnee von einem Baum herab fiel wich er schnell aus, so schnell wie es kein Betrunkener könnte. Pech, mein Guter, nun wusste ich was ich wissen wollte.

Die Schatten der Häuser gaben genug Deckung um ihm unentdeckt folgen zu können auf seinem Weg zur Kutschstation, wo er fluchend feststellte, dass die Kutsche noch nicht angekommen war. ‚Schade dass du die Ankunft nicht mehr erleben wirst’, huschte es durch meine Gedanken, dann verließ der Pfeil leise sirrend die Sehne des Bogens. Meine Schüler, welchen ich in der Akademie den Umgang mit dem Bogen lehrte, wären wohl etwas erschüttert gewesen wenn sie wüssten, welche Beute ihr Lehrmeister zu jagen pflegte. Vielleicht hatte der Fremde das Sirren gehört oder war es lediglich eine Ahnung der Gefahr, jedenfalls drehte er sich schnell um, aber es würde schon genügen wenn der Pfeil seine Haut streifte, das Gift würde dass Seine dazu tun ihn zur Strecke zu bringen. Doch der Pfeil fand sein Ziel, bohrte sich in die Schulter des Fremden und schickte das Gift in dessen Adern, ihm einen verwunderten Ausdruck ins Gesicht zaubernd. Es dauerte einige Zeit bis die Erkenntnis eintrat aus dem Hinterhalt heraus getroffen worden zu sein und er versuchte, das Übel aus der Wunde zu zerren. Er schien nur unbedeutend verletzt, doch da, er begann bereits zu wanken, das Gift wirkte und je mehr Zeit verging umso unsicherer wurde sein Schritt bis er schlussendlich zusammenbrach. Ich hatte Zeit, ich wartete und dann hörten auch die letzten Zuckungen auf. Nun war er tot, der Jäger, der längst zur Beute geworden war.

Als ich geraume Zeit später mit dem leblosen Körper über der Schulter durch den Schnee stapfte musste ich schnell feststellen, der Kerl war gut genährt gewesen, selbst als Leichnam machte er es mir noch ganz schön schwer. Zum Glück war die versteckte Bucht nicht weit entfernt, in welcher das Beiboot auf mich wartete sonst wäre ich doch tatsächlich unter der Last zusammen gebrochen. Die Seeleute stellten keine Fragen, ich kannte sie gut genug um zu wissen, dass ich ihnen Vertrauen kann weil ich ihnen lebend mehr Gold in die Taschen spülte. Sicher, eines Tages würde ihr Schiff durch einen dummen Zufall mitten auf dem Meer in Flammen aufgehen und ohne einen Überlebenden auf Grund sinken, aber noch waren sie mir von Nutzen. Einstweilen verschwand nur der Leichnam des Fremden in den eisigen Fluten. Wieder ein Ärgernis weniger, vorläufig zumindest!

Der Morgen graute schon fast als sie mich an Land brachten um dann selbst den schützenden Hafen von Neuhaven anzulaufen, für heute hatten sie genug Gold verdient. Als ich mich unserem Haus näherte spürte ich eine innere Ruhe und Zufriedenheit wie schon lange nicht mehr, ja meine Stimmung war fast überschwänglich. Vorbei waren die Zweifel, die mich gequält hatten, die Rastlosigkeit in mir, dafür nahm ich auch gerne die blitzenden Augen Selinas in Kauf, die mich zusammen mit einer Standpauke dort hinter der Tür erwarten würden. Ein spöttisches Grinsen legte sich auf meine Lippen und als ich die Tür öffnete erinnerte ich mich an die letzten Zeilen eines Gedichtes, welches ich einst las:

Und heil ward geborstener Flügel mit der Zeit
Und die Schwingen trugen den Falken zurück in die Lüfte….

Verfasst: Freitag 4. Januar 2008, 19:46
von Selina Talmar
Hoch stob der Schnee auf, als das Pferd mit hoher Geschwindigkeit durch den Wald preschte. Die Zügel des Pferdes hingen locker herunter und lagen ebenso locker in den Händen der Reiterin, welche tief über den Hals des Pferdes gebeugt war. Die dunkle Kapuze war ihr vom Kopf gerutscht und gab einen leuchten Blonden Haarschopf frei, der durch den Wind und die Geschwindigkeit zersaust waren und wirr um das Gesicht der jungen Frau flogen. Das Gesicht der Reiterin war verschlossen und durch die Kälte gerötet. Nur ihre Augen blitzen lebhaft auf, während sie das Tier stumm weiter antrieb. Schneller und schneller sollte das Tier laufen. Und der graue Schimmel schien zu verstehen und preschte die Ohren angelegt und den Kopf gesenkt schneller weiter. Hier und da flog ein Vogel auf oder stob ein anderes Tier zur Seite. Doch nicht einmal der Schnee, der von den Bäumen auf sie herunter fiel, löste eine Regung aus.
So stoben die Hufe des Tieres stundenlang durch den Schnee, bis der Schritt des Tieres langsamer wurde und die Gestallt der Reitern nicht mehr angespannt war, sondern in sich zusammen fiel. Und noch immer lies sie das Tier durch den Wald traben. Bis sich die Sonne langsam verabschiedete und rote Strahlen auf den Schnee warf. Erst dann lenkte sie die Schritte des Tieres zum nördlichen Gebirge der Insel und auf den schmalen Holzsteg zu. Vor einem kleinem Holzhaus angelangt band sie das Tier an einen der Pfosten und hielt ihm Hafer hin. Zitternd stand sie vor dem Haus und wartete bis das Tier aufgefressen hatte. Dann öffnete sie die Tür in freudiger Erwartung auf einen warmen Tee und einem fröhlich knisterndem Feuer.
Sie hatte schon ein Lächeln auf den Lippen als sie die Tür öffnete und mit einer Welle aus Schnee und Kälte das Haus betrat. Doch der Gruß und das Lächeln erstarben auf ihren Lippen. Sie hatte sich an den Anblick ihres Gattens gewöhnt, wie er vor dem Kamin saß und las, dafür sorgte, dass sie etwas warmes zu trinken bekam. Doch heute begrüßte sie kein Geruch nach Tee und nur ein mäßiges Feuer. Sie war verwirrt weil sie Arsen nicht sah, da sie wie immer erst zum Kamin geschaut hatte. Als sie ihr Erstaunen heruntergeschluckt hatte, sah sie sich mit geübtem Blick um. Abgesehen von dem Feuer und dem fehlendem Tee, stach ihr direkt etwas ins Auge. Unter dem Bett lugte eine Ecke einer schmalen Schatulle hervor. Und Arsen war nicht da. Sie stand einen Moment völlig verwirrt in der Tür, nicht merkend, dass diese immer noch offen war. Erst als ein eisiger Wind ins Haus pfiff und die Flammen durch den plötzlichen Windstoß aufloderten. Schnell zog sie die Tür zu und ihren Umhang und Handschuhe aus.
Murrend schürte sie das Feuer und setzte einen Kessel mit Wasser darauf.
Grübeln wärmte sie nicht auf. Erst als sie den dampfenden Becher in der Hand hielt und behaglich am Kamin saß, begann sie zu grübeln.
Sie war heute lange ausgeritten, nur war der Ritt nicht entspannend so wie sonst, sie hatte das Tier regelrecht gehetzt um ihren Gedanken zu entfliehen, doch weder die Kälte noch die Geschwindigkeit, brachten sie von ihren Gedanken. Und jetzt allein im Haus, nagten sie wieder an ihr.

Was war los mit ihm?

Ja sie hatte seine schlechte Laune gemerkt, sie hatte gespürt, wie sehr er mit sich selber rang. Selina wusste sehr genau, was ihren Mann beschäftigte und doch war sie vorsichtig ihn anzusprechen. Denn eigentlich wollte sie nicht, dass er seinem Tage, besser gesagt Nachtwerk nachging. Aber sie verbot sich selber, ihm das zu sagen.
Sie wollte nicht, dass er ihretwegen im Haus blieb und den braven Gatten und ehrsamen Leiter der Akademie spielte. Denn sie wusste, dass Arsen in so einem Leben eingehen würde, er war dafür nicht bestimmt.

Aber bin ich es? Und wer sagt dir, dass er deswegen weg ist, vielleicht war irgendetwas während du durch den Wald gejagt bist.

Wieder glitt der Blick durch den Raum. Dann tat sie etwas, was sie nie getan hatte. Denn irgendwie war das etwas, was unausgesprochen zwischen ihnen stand. Sie ging durch den Raum und zog die Schatulle unter dem Bett hervor. Sie war nachlässig darunter geschoben, und wie sie feststellte kurz vorher geöffnet worden, denn der Deckel lag nur locker auf und der Staub, war fast liebevoll heruntergewischt worden. Zögernd hielt sie die Schatulle in den Händen, es kam ihr wie ein Verrat vor ihm nachzuspionieren, doch die Ungewissheit überzeugte sie. Der Deckel wurde entschlossen zur Seite geschoben und das Innere offenbart.
Doch das einzige was sich ihr zeigte, war der dunkelgrüne Stoff, mit dem die Schatulle ausgelegt war. Nichts war mehr drin. Und sie wusste, dass der Falke dabei war, seinen gebrochenen Flügen zu heilen. Vielleicht war er schon geheilt und wurde nun getestet, ob er wieder so gut war wie früher.
Ihr entglitt die Schatulle und sie ließ sich wieder auf die Felle vor dem Kamin nieder. Sie drehte den leeren Becher in der Hand und starrte auf die am Boden liegende Schatulle. Er war also wieder unterwegs. Sie sollte sich freuen, doch irgendwie stellte sich keine Freude bei ihr ein. Viel eher umschlich Angst ihr Herz.

Was hatte ihn dazu getrieben? War es einfach, weil es sein Leben war, oder weil jemand von Früher aufgetaucht war, oder gab es einen ganz anderen Grund?

Doch wie sie es auch drehte, sie wusste keine Antwort darauf.
Wieder kamen ihre Gedanken vom Tag hoch.
Sie hatte sich gerade damit angefreundet ein normales Familienleben zu führen, auch wenn ihr das immer wieder merkwürdig vorkam. Sie konnte sich weder sich noch Arsen als Eltern vorstellen. Doch hatte sie immer mehr das Gefühl, dass Arsen sich von seinem früheren Leben entfernte.
Doch war er noch schweigsamer, wenn das Thema auf Kinder zusprechen kam. Instinktiv wusste sie, dass er sich darüber keine Gedanken machte, wenn es passierte, passierte es halt, aber mehr Gedanken würde er an Kinder nicht verschwenden.

Bei dieser Erkenntnis wanderte der Becher an die Wand, und zersprang klirrend. Und es war typisch für ihn, von ihr verlangte er sich zu melden, damit er bescheid weiß, wo sie ist und er geht einfach los und sagt kein Ton. Sie wusste nicht einmal ob er länger wegbleiben wollte oder in der Nacht wiederkam.
Er machte sich darüber keine Gedanken. Warum auch?
Er war ja dafür ausgebildet worden. Aber so war es immer gewesen.
Aber sie musste sich eingestehen, sie hatte ihn immer dazu ermutigt, weiter zu machen, sie hatte ihn hin und wieder sogar richtig getriezt und nun musste sie mit seiner Entscheidung leben. Doch sie selber musste nun ebenso eine Treffen.
Etwas was sie ihm noch nicht gesagt hatte und nun war sie froh es nicht erwähnt zu haben, da es sich erledigt hatte. Fast schon hatte sie sich gefreut, aber nur fast, denn sie stellte sich direkt die Frage, was passiert wenn?
Sie hatte ihre Mondblutung nicht pünktlich bekommen und scherzhaft hatte sie ihn damit geneckt, er könne sich die Langeweile ja beim Kindererziehen vertreiben. Doch er war nur auf den Scherz eingegangen mehr nicht. Vielleicht war es gut so, denn es hatte sich erledigt. Nun war sie erleichtert, dass sie doch nicht schwanger war.
Mittags war sie noch enttäuscht gewesen, sie hatte Enttäuschung und Zweifel in dem Ritt begraben. Doch irgendwie hatte sie gespürt, dass sich seit dem Gespräch etwas in Arsen geändert hatte. Und es war nicht nur Zweifel gewesen sondern auch Angst, das wusste sie. Und sie hatte versucht all das in dem halsbrecherischem Ritt hinter sich zu lassen, sie vertraute Arsen, und dennoch hegte sie Zweifel.
Zu lang war es her, dass ihr Leben in diesen Bahnen verlief, früher war es ganz normal gewesen.
Sollte sie sich vielleicht lieber fragen, was los mit ihr war?
Nein sie wusste, sie hatte sich einfach daran gewöhnt, dass Arsen da war, das er im Haus auf sie wartete und sie umsorgte. Sie genoss es und wollte es nicht missen. Doch auch damit würde sie leben können.
Sie blickte sich in dem Raum um.
Der Zorn, der den Becher an die Wand befördert hat war verraucht, zumindest fürs Erste, sie wusste er würde wieder kommen, wie er immer wieder kam, wenn er sie im ungewissen ließ.
Leise grummelnd sammelte sie die Scherben auf. Doch das leise grummeln hielt nur kurz an. Fluchend warf sie die Scherben wieder weg, und steckte ihre Hand in den Mund. Auf dem Boden bei den Scherben sah sie direkt einige Tropfen Blut, dann spürte sie auch schon den Geschmack von Eisen auf ihrer Zunge.
Mit einer Hand suchte sie etwas zum verbinden. Nachlässig verband sie die Hand, so dass es gerade ausreichet die Blutung zu stillen.
Sie ließ die Scherben liegen, sollte Arsen doch sehen, dass sie wütend war.
Und er hatte ihr zwei Tage vorher noch eine Szene von Eifersucht geliefert, weil er nicht wusste wo sie war und sich Sorgen gemacht hatte.
Oh er sollte nur nach hause kommen, diesmal hatte sie genug um ihren Zorn am Leben zu halten.
Sie nahm ein Buch zur Hand und setzte sich wieder vor den Kamin und wartete.
Doch lesen konnte sie nicht. In ihr brodelte es. Insgeheim hoffte sie, Arsen käme erst nach Hause, wenn sie der Schlaf übermannt hatte, doch es sollte anders kommen. Der Schlaf übermannte sie nicht, der Zorn hielt sie wach.
Als sich die dunkle Nacht langsam in fahles grau wandelte, hörte sie die leisen Schritte vor dem Haus, so beschwingt wie schon lange nicht mehr. Und sie wusste ehe sie ihn sah, dass er erfolg gehabt hatte. Bei was auch immer.
Sie blickte zur Tür und wusste ihre Augen schillerten vor Zorn. In dem Moment als sich die Tür öffnete, flog das Buch in die Richtung. Doch er wich schnell aus.
Sie stand auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie musste einen merkwürdigen Anblick liefern. Einen Anblick, von dem sie wusste, dass er ihm kaum wieder stehen konnte. Sie hatte die Haare gelöst über den Rücken hängen, ein knappes Brustier und einen sanft fließenden Rock an.
Sie sah, das sich sein Blick entzündete und ein Funkeln in seine Augen trat, als er sie sah, doch der Blick wurde schnell gelöscht, als seine Augen den ihren begegneten.
Sie stand einfach da, kein Wutausbruch, keine Anschuldigungen, einfach schweigend.
Zu ihren Füßen ein Beutel mit Kräutern, die sie Morgens gesammelt hatte. Ein beißender Geruch ging von ihnen Aus, da sich der Beutel mit ihrem Aufstehen geöffnet hatte. Lange hatte er diese Kräuter nicht im Haus gerochen. Doch wusste sie nicht ob er es bemerkt hatte.
Sie sah ihn an und all ihre Worte blieben ihr im Hals stecken.
Die Nacht hatte ihn verändert. Er hatte wieder Freude, er war erregt und das hatte nichts mit ihr zu tun, sondern mit seiner eben vollbrachten Tat.
Er war lebendig und sie spürte es. Doch sie war nicht bereit beizugeben.
Sie funkelte ihn weiter an ehe sie sich umdrehte und zum Bett ging.

Nein sie würde keinen streit anfangen. Nicht in diesem Moment, nicht da er das tat, was ihn am leben hielt, nicht wenn er damit ausgeglichener war, denn genau das hatte sie gespürt, als sie sich gegenüberstanden. Sie konnte es nicht. Und doch, wieder regte sich Zorn in ihr.

Wieso konnte sie es nicht?
Sie hatte sich zerknautscht entschuldigt, nachdem sie Khazkal versorgt hatte und keine Nachricht geschickt hatte.
Sie strafte die Schultern und drehte sich vorm Bett zu ihm herum.
Sie hatte ihn wirklich verblüfft. Er hatte mit einem Wutausbruch gerechnet, nicht mit stummen Vorwürfen.
Er hatte die Scherben bemerkt und sich neidergebeugt um sie aufzuheben, so hatte sie ihn zu mustern.
Sie beschloss es bei stummen Vorwürfen zu lassen und ließ sich auf das Bett fallen.
Kurz danach stand er über sie gebeugt. Und sah sie an.

Verfasst: Samstag 5. Januar 2008, 11:53
von Arsen Talmar
Das erste was ich bewusst wahrnahm als ich die Türe öffnete war der Schatten eines fliegenden Buches, dem ich grade noch ausweichen konnte, dann fiel auch schon mein Blick auf sie. Wie sie so da stand hätte sie jede Göttin überstrahlt, so überirdisch schön erschien sie mir, aber als ich dann ihre Augen sah dachte ich, ich sehe in die kochenden Augen eines Rachedämons. Selina war sauer, nein der Ausdruck war viel zu schwach für ihr Gefühlsleben, sie schien regelrecht zu kochen wie die Lava in einem Vulkan. Wären mir Vasen oder Messer um die Ohren geflogen, nun damit hätte ich gut leben können, so kannte ich meine kleine Raubkatze, aber diese Stille war ungewohnt. Wenn sie so reagierte dann war Vorsicht geboten, dann war sie wirklich böse und tief getroffen, vermutlich sogar mit gutem Recht.

Ich erinnerte mich gut welche Vorhaltungen ich ihr erst wenige Tage zuvor gemacht hatte als sie die Nacht unterwegs war und ich vor Sorgen halb wahnsinnig geworden war. Herrje wir hatten früher doch nie so heftig reagiert, wie oft waren sie oder ich, na ja gut mehr sie, tage- und nächtelang nicht nach hause gekommen und nun? Wenn sie nur Stunden, ja Minuten die Tür hinter sich schloss wurde ich unruhig und wartete ungeduldig dass die Tür wieder aufging und sie zurückkam. Ging es ihr genauso dann war dieses Schweigen von ihr gerade noch verständlicher. Viele kleine Gesten und Blicke kamen mir in den Sinn die es zwischen uns gab, diese Gespräche ohne Worte, die es zwischen uns gab, konnte man sich noch näher sein als wir beide? Jeder war ein Teil des anderen geworden, wollte seinen Gegenpart nicht mehr missen, dass war der Unterschied zu früher und mit jedem kurzen Abschied schien es schlimmer zu werden. ‚Na toll, du Idiot, hast du fein gemacht!’ schalt ich mich in Gedanken selbst.

Ich trat in eine der Scherben, verbiss mir einen leisen Fluch und machte mich lieber stillschweigend ans Aufräumen. Sie schien also ihren Zorn doch Luft gemacht zu haben, wieso aber schwieg sie nun? War es wirklich nur mein heimliches Verschwinden in dieser Nacht oder gab es da noch mehr? Machte sie sich etwa selbst Vorwürfe dass sie mich wieder dazu gebracht hatte mein altes Leben zurückzuholen? Ich wusste dass sie dieses Leben hasste, die Angst hasste die sie ausstand wenn der Falke flog und ich verstand diese Angst, ich glaubte auch nicht das ich dieses Leben so noch einmal würde führen können. Sie hatte selbst gesagt mit dem was man mir gelernt hatte konnte der Falke auch fliegen ohne den Schnabel wieder jede Nacht in Blut zu baden. Ja vielleicht würde sie sogar an Teilen dieses Lebens gefallen finden, wenn sie es teilen durfte. Darüber hatten wir nie geredet und sobald sie wieder mit mir sprach würde ich das nachholen.

Nun wurde mir auch der Geruch bewusst, der mir die ganze Zeit zu vertraut vor kam, jener Geruch der die letzte Zeit aber nicht da gewesen war. Selinas Kräuter! Hatten ihre kleinen Spitzen wegen Kindern und Haus hüten doch mehr Bedeutung als ich gedacht hatte? War da in ihr vielleicht doch der Wunsch ein eigenes Kind im Arm zu halten so wie sie den kleinen Sohn von Ragenzo gehalten hat? Und nun dachte sie ich wollte keine Kinder? Dabei hatte ich mich mit den Gedanken nie beschäftigt weil unsere Leben nie so verlaufen war, dass Kinder einen Platz gehabt hätten. Aber nun waren wir sesshaft geworden, hatten ein eigenes Haus, hatten ein fast normale Leben geführt… dann ihr Blick als sie den kleinen im Arm hielt, wie sie sich dabei an mich gekuschelt hat. Ja ich konnte mir gut vorstellen dass sie daran gedacht hatte, und meine Reaktionen darauf waren wirklich nicht grade begeistert gewesen, aber irgendwie konnte ich mir uns beide als liebevolle Eltern nicht vorstellen, na ja wer konnte sich so was vorher überhaupt vorstellen.

Ich sah zum Bett hinüber, sah ihren Rücken den sie mir zeigte, sah aber auch dieses leichte Beben das eigentlich mit dem Auge gar nicht zu sehen ist, diese Mischung aus Zorn, Enttäuschung, Getroffenheit, Ungewissheit, Zweifel und Angst. Woher ich das wissen wollte? Weil es genau jene Empfindungen gewesen waren die mich dazu gebracht haben meine Frau an jenem Abend anzubrummen und mit unterschwelligen Vorwürfen zu belasten. ‚Arsen, gibt’s noch ein größeres Fettnäpfchen in das du hättest treten können?’ Die Selbstvorwürfe, die ich mir nun machte hätten nicht größer sein könne als sie ohnehin waren. Langsam ging ich zum Bett hinüber, setzte mich neben sie, mich dabei über sie beugend und sah sie lange an. In diesem Augenblick war der letzte Rest meiner Hochstimmung verflogen und ich hatte nur noch Angst, Angst Selina durch solch eine Unbedachtheit zu verlieren. Ich hauchte ihr einen Kuss auf die Wange und sagte leise.“ Tut mir leid, ich bin so ein Idiot!“

Ich schlüpfte aus der Lederhaut und legte sie und die Waffen in die Schatulle zurück, dann ließ ich mich seufzend am Kamin auf die Felle sinken. Selina wollte im Augenblick nicht mit mir reden, dass zeigte sie deutlich und ich wusste jetzt zu drängen würde alles nur noch schlimmer machen. Und so saß ich am Feuer, hing meinen Gedanken nach und wartete…

Verfasst: Samstag 5. Januar 2008, 13:11
von Selina Talmar
Sie bleib mit dem Rücken zu ihm liegen und starrte die Wand an.
Sie nahm wohl den Kuss, als auch die Worte wahr, aber sie zeigte es mit keiner Regung. Ihre Augen hatten zwar in den letzten Minuten den Ausdruck von Zorn verloren, dafür blickten sie nun ausdruckslos nach vorn. Wenn sie jetzt etwas sagte, würde sie ihm vergeben und dann würden ihr die Tränen, die sie im Moment mühsam zurück drängte, unaufhaltsam über die Wangen laufen. Und weinen wollte sie unter allen Umständen nicht, denn dann konnte sie ihm nicht sagen was sie heute zornig gemacht hat, sie würde ihn einfach in die Arme schließen und schweigen.
Und damit wäre alles wieder vergessen, sie würde in seinen Armen versinken so wie stets. Diesmal konnte und wollte sie es nicht. Denn sie musste erst herausfinden, ob sie wirklich auf ihn zornig war oder auf sich und was sie wollte. Und dazu brauchte sie Ruhe.
Sie spürte wie Arsen sich erhob und hörte wie er seien Sachen wieder unter dem Bett verstaute und sich entfernte. Sie hörte wie er am Kamin platz nahm, aber sie glaubte zu spüren, wie er sie ansah. Sie vergrub das Gesicht in den Kissen und endlich konnte sie den Tränen freien lauf lassen, sie rannen ihr stumm über die Wangen.
Eine Weile vergrub sie einfach nur das Gesicht in den Kissen und ließ den Tränen freien lauf. Lange hatte sie nicht mehr geweint, hatte sie es die letzten Jahre überhaupt einmal?
Sie wusste es nicht mehr. Irgendwann waren die Tränen versiegt und fühlte sich leer und ausgelaugt. Doch noch immer fühlte sie sich nicht bereit zu Arsen herüber zu gehen. Es war mittlerweile heller Tag obwohl die Sonne noch nicht hoch am Himmel stand, glitzerte der Schnee draußen in den Strahlen der Sonne. Sie setzet sich auf und blickte sich im Raum um. Kurz zuckte sie zusammen als ihr Blick auf Arsen fiel. Er saß an den Kamin gelehnt, der Kopf war ihm auf die Brust gesackt, das Feuer war herunter gebrannt, doch hatte er keine Decke genommen oder ein Buch. Er saß einfach nur da. Der Anblick schnitt ihr ins Herz. Doch noch wollte sie ihn nicht wecken. Leise zog sie sich an. Sorgfältig schnürte sie die Stiefel, band einen Beutel an die Hüfte an dem alles drin war, was sie so brauchte, was sie alltäglich brauchte. Neben dem Beutel hing ein kleiner Dolch, den sie seit Jahren hütete nid der ihr gute Dienste geleistet hat. Als sie fertig war suchte sie rasch eine Decke hervor und warf sie über Arsen und schlich leise aus dem Haus.
Kurz tätschelte sie beide Pferde und ging dann jedoch zu Fuß weg, in der Hoffnung das Arsen verstehen würde, dass sie wieder kam, jedoch nur etwas Zeit brauchte.

Dann stromerte sie durch den Wald und ließ sich an den Küsten und auf dem Schiff den eisigen Wind um die Ohren wehen. Der Wind trocknete die letzten Tränen und wischte ihre Spuren weg. Sie wusste sie wäre wie eis wenn sie nach Hause kam, aber es war ihr egal. Sie würde dann schon wieder warm werden. Und hoffentlich würde Arsen da sein, sie wusste nicht ob er bleiben würde, oder ob ebenfalls das Haus verlassen würde. Vielleicht um sie zu suchen? Dann hoffte sie, würde er ihren Spuren folgen und nicht seinem Instinkt.