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Wer bin ich und wohin führt der Weg nun wirklich?

Verfasst: Donnerstag 13. Dezember 2007, 15:44
von Sarah Elisa Lydelle
Fröstelnd war sie wieder aufgewacht, mit zitternden Gliedern und Tränen in den Augen. Der Alptraum, diese Schreckensbilder vom Varuner Friedhof, verfolgten sie jede Nacht. Immer wieder und wieder hatte sie den armen Gardisten sterben sehen: vom Knochenspeer der Vermummten mit den eisig grünen Augen durchbohrt und immer wieder dann der Befehl, welcher durch Mark und Bein bis in ihr Herz gedrungen war:

"Geh und erzähle davon oder willst auch du frei werden wie er?"

Ab und an variierte der Traum ein bisschen und sie hörte eine unmenschlich kalte Stimme, die ihr emotionslos, doch mit Nachdruck erzählte, dass der Gardist ja wegen ihr gestorben war, hatte sie doch um Hilfe für ihn gebeten. Die Tortur des Nachts nahm nie ein Ende und jedes Mal, wenn sie am Abend allein die Augen schloß, wusste sie doch, was sie erwartete. Mit kleinen Aufschreien tauchte sie dann schon früh am Morgen aus dem Schreckensbilderbad auf und stets war die freundliche Heilerin des Hauses mit einem Baldriantee zur Stelle.
Gestern hatte diese ihr dann offenbart, dass man nun alles nur erdenkliche für sie getan hätte und, da sie wohl geistig wie physisch wieder zu Kräften kam, würde man sie am morgigen Tag Nachhause senden können. Als Sarh Elisa nicht so richtig reagierte, hatte die Heilerin verwirrt nachgeforscht:

"Freut ihr euch denn nicht? Ihr könnt endlich wieder Nachhause!"

Sarah Elisa hatte nur matt gelächelt und schließlich auch genickt. Wie sollte sie denn der gutherzigen Frau erklären, dass sie noch immer solche Angst hatte. Angst vor dem "alleine sein", Angst vor den Träumen in der Nacht, Angst die Vermummte mit dem Knochenspeer vielleicht in Bajard wieder zu sehen... außerhalb der schützenden Mauern der Großstadt, die sie doch eigentlich bisher eher unwohnlich fand.
Ihre Vernunft sagte ihr ja oft und lange, dass es Blödsinn war, so zu denken, denn sie hatte das Leben in Bajard so lieb gewonnen und gute Freunde bekommen. Doch konnte sie Lairja denn erzählen, was in Varuna vorgefallen war ohne damit ihrer Freundin ebenso einen großen Schrecken einzujagen. Sie waren beide einfache Leute und scheuten die weite, gefährliche Welt mit all ihren Intrigenspielchen und Gefahren, welche außerhalb des Lebens in Bajard auf Menschen wie sie nur lauerte.
Nein, vermutlich konnte sie mit gar niemandem in Bajard darüber reden!

Dennoch kam dieser Morgen, an dem sie nun heimgeschickt wurde und schweren Herzens verabschiedete sie sich von der freundlichen Heilerin und trat hinaus auf die Straßen Varunas. Ihren Weg beschritt sie hastig, mit gesenktem Blick. Doch als ein großes Gebäude einen kalten Schatten auf sie warf, blickte sie kurz auf: Die Kirche Temoras.
Unschlüssig hielt sie inne. Es war beinahe wie ein einladender Wink. Als müsse sie nur durch das Kirchentürchen schreiten, ihre Angst berichten, Sünden gestehen und alles war wieder gut. Zögerlich drehte sie sich schon zum Eingang, denn dieser Gedanke machte ihr Mut, dann aber fiel ihr Blick genauer auf das massive Eisenschloß der Türe und ließ sie erschaudern. Mächtig und erhaben erschien sie ihr so, die Kirche der Lichtbringerin, doch fast ebenso kalt und starr, wie die Augen der Seelenfresserdienerin. Als würde Temora selbst mit strafendem Blick auf die junge Frau herabsehen und sie auch für den Tod des Gardisten verantwortlich machen. Hatte sie zu lange mit der Dienerin Kra'thors geredet? Sich einlullen lassen? Vermutlich hätte sie sofort davonlaufen sollen, doch war sie geblieben und hatte um das Leben des Gardisten gefleht. Temora sah diese Sünde... sicher.

Eh sie sich versah, saß Sarah Elisa Lydelle bebend in der Kutsche, nun doch wieder fast froh Varuna, die Stadt des Lichts, zu verlassen, mit Angst im Herzen und im Nacken. Es war die warme, einfache Bajarder Kirche, in welcher sie etwas später Schutz und Vergebung finden wollte. Mit wem sonst konnte sie auch reden? Dieser wiederkehrende Gedanke hatte sie stutzig gemacht.
Sie hatte das Haus ihres Vaters verlassen, ihn, ihre Mutter und einen jüngeren Bruder verabschiedet um sich eine Ausbildung zur Schneiderin stehen zu lassen. Für welchen Preis nur? Wohin war sie nun gekommen... alleine in einem Dörfchen, gejagt von eigener Angst und Fehltritten und ohne auch nur irgendeine fertige Ausbildung!
Wann nur hatte sie den richtigen Pfad verlassen?
Was wollte sie überhaupt?
Wer war sie denn noch?