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Die kalte Einzelgängerin und ein Diebstahl

Verfasst: Montag 10. Dezember 2007, 14:33
von Viola Ser´Rhal
Der Winter kam, die Tage wurden kälter und die Nächte waren es. Varuna war da keine Ausnahme und der heutige Tag schien bereits an seine Grenzen zu stoßen. Überall liefen die Leute in Mänteln umher, eingehüllt in warme Sachen und gingen ihrem Tagwerk nach. Eine Gestalt lief ebenfalls recht hastig durch die Hauptstraße Varunas, verließ diese jedoch nach einer Weile und verschwand in einer der vielen kleinen Seitengassen. Ein Fremder hätte sich in den Seitenstraßen sicher nicht ausgekannt aber die junge Frau schritt ohne zu zögern immer tiefer in die Gassen der Stadt um sich dem Viertel zu nähern, das allgemein vom einfachen Volk gemieden wurde; dem Armenviertel.

Ihre Schritte beschleunigten sich etwas, sie fing an den Blick starr geradeaus zu richten und ging vorwärts. Nur ab und huschten die Augen zur Seite auf die Gestalten die dort kauerten, einige ausgestattet mit Überresten von Decken oder dergleichen. Es war auf eine Art und Weise bedauernd wie wenig Hilfe hier nutzte, gab man einem etwas Warmes zum Anziehen kam der nächste und nahm es ihm weg und so ging es immer weiter, das Gesetz der Straße. Eine Gestalt kam näher auf sie zugelaufen, die Haltung gebückt und zwei hoffnungsvolle Augen auf sie gerichtet. „Habt ihr eine Münze MyLady? Nur eine …“ aber zu mehr kam er nicht ehe sie ausholte und mit dem rechten Stiefel zutrat, so dass der Mann ächzend zu Boden ging. Die Schritte beschleunigten sich, sie hielt nicht an um nach ihm zu sehen, nicht hier. Hätte sie ihm eine Münze gegeben wäre sie niemals vorangekommen, es wären weitere gekommen; hier zählte nur die Lebensweise die sie früher ebenfalls zu spüren bekam und die sie auch auslebte und immer wenn Viola dieses Viertel betrat war es so als würde etwas Altes in ihr aufwachen, etwas Kaltes und Egoistisches.


Der Weg führte sie immer weiter bis sie in eine Sackgasse einbog um zielstrebig an deren Ende zu gehen und da erblickte sie ihn schon. Ein kleiner Verschlag, notdürftig aus Holz zusammengebaut, nicht mehr als ein Windschutz in welchem etwas Stroh lag. Sie trat ruhig näher und betrachtete jenen genauestens, es schien noch alles heil zu sein aber was war das? Flaschen? Eine Stück alter Stoff? Viola runzelte die Stirne nur um sich dann umzudrehen als sie Schritte vernahm. Ein junger Bursche stand vor ihr, vielleicht zehn oder zwölf Jahre alt, die rechte zur Faust geballt. „He! Hau ab! Das ist mein Versteck!“ Viola verengte die Augen und trat auf den Jungen zu. „Dein Versteck? Hast du es gebaut? Nein, ich denke nicht du kleiner Schmarotzer! Also sieh zu dass du deinen Plunder mitnimmst und hier nie wieder auftauchst, das ist mein Verschlag!“ keifte sie ihn an und wie sie erwartet hatte zeigten die barschen Worte mehr als genug Wirkung. Der Junge rannte zu dem Verschlag, packte das Stück Stoff und die zwei Flaschen und rannte davon so schnell er konnte. Viola sah ihm nicht lange nach, der Blick richtete sich wieder auf den Holzverschlag, ihr altes Versteck. Vor ihrem geistigen Auge konnte sie noch immer sehen wie sie jeden Tag als kleines Kind hergekommen war, sich so gut es ging mit Stroh zugedeckt und gehofft dass die Nacht nicht zu kalt werden würde, dieser Verschlag war Zeuge ihres täglichen Überlebenskampf in den Gassen gewesen.


Heute war er eine Erinnerung die sie erneuerte, aber wieso? Warum ließ sie dieses Stück Holz nicht einfach vergammeln oder überließ es anderen wie diesem Jungen? Weil es ein Teil von ihr war. Dieser Ort würde immer symbolisieren dass sie überlebt hatte, dass sie stark genug war und sich nicht aufgegeben hatte wie viele der Leutedamals die betteln gingen und jammerten. Dies war eines der Dinge welches die alte Viola noch willkommen hieß und wenn sie an diesem Ort war fühlte sie sich auch wieder so wie damals. Mürrisch blickte sie sich um, sich vergewissernd dass sie auch wirklich alleine war und band dann ihren Rucksack los, holte einen kleinen Korb zu Tage und fünf Decken, welche sie von Darna zuhause „geliehen“ hatte. Der Korb beinhalte ein paar Laibe Brot und etwas Wurst, sowie einige Brocken, großzügige Spenden aus der Hausküche von denen die beiden Hausmägde nichts wussten und sicher bald feststellen würden dass sie fehlten, denn wenig war es nicht was sie in dem größeren Korb mitschleppte. Sie legte die Decken in den Verschlag und auch den Korb, sie machte sich nicht die Mühe die Sachen großartig zu verstecken, sie würde nur dafür sorgen dass man sie nicht sehen würde.


Als sie aus der Gasse rausschritt besah sie jeden Entgegenkommenden mit einem eisigen Blick an und verließ das Viertel. Sie wusste dass es nicht lange dauern würde bis irgendwer über die Sachen stolpern würde, einige wenige würden sie finden und sie würden ihr den Korb und auch die Decken ohne Skrupel klauen, aber dafür waren jene auch gedacht. Es war nicht viel, es würde einigen wenigen Personen dort helfen aber jene würden die Sachen wenigstens behalten können, als wenn sie es offenkundig im Viertel verteilt hätte. Und außerdem wollte sie nicht dass man im Armenviertel auf die Idee kommen würde, sie wäre weichherzig geworden.


Als sie Varuna verließ und wieder nach Hause stiefelte lächelte sie kurz schmal nur um sich dann wieder in ihr Zimmer zu stehlen, sie würde bald wahrscheinlich eh auf das verschwundene Essen und die fehlenden Decken angesprochen werden, immerhin gehörten drei der fünf Decken Selissa, Darna und ihr selbst …