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Die Geburt einer Schneekönigin
Verfasst: Donnerstag 6. Dezember 2007, 23:30
von Shanna Llastobhar
Etwas knirschte… Ein mahlendes, vibrierendes Geräusch, welches die gesamte Wirklichkeit einzunehmen schien. Dann ein Atemzug Stille, eine angespannte, kraftvolle Stille. Es klirrte und zerbrach. In tausenden und abertausenden glitzernden Scherben, gleich schimmernden Regentropfen, fiel die Kugel zu Boden. Der goldene Schlüssel in seiner Mitte verblasste und fiel in die Dunkelheit.
Mit einem Schrei fuhr Shanna aus dem Hause Llastobhar aus ihrem Schlaf auf. Bereits zum achten Male in dieser Nacht erkannte sie die schemenhaften Umrisse ihres Zimmers in der Dornenfeste. Dunkle Ringe lagen unter den Augen der jungen Frau und auf ihrer Stirn glänzten Schweißperlen. Ihre ganze Gestalt war von Krankheit gezeichnet, ihre Haut gräulich verfärbt, ihre Lippen ohne Farbe, ihre langen schneeweißen Haare hingen in Strähnen um das gespensterhaft blasse Gesicht.
Wie schon siebenmal zuvor in dieser Nacht starrte Shanna in die Dunkelheit und fragte sich für wenige Augenblicke, was eigentlich los war. Warum ihr so heiß war und sie dennoch zitterte. Mit der Plötzlichkeit eines Faustschlages traf sie die Erinnerung, der Schmerz, und presste ihr jegliche Luft aus den Lungen. Sie war verraten worden, belogen. Keinem anderen Menschen außerhalb der Familie hatte sie jemals so vertrauen können, Niemandem so vieles erzählt und bei Niemandem hatte sie sich so geborgen gefühlt wie bei ihm. Ein Name, welcher der geschwächten Frau augenblicklich die heißen Tränen in die Augen trieb, ein Name, welcher ihr Herz so schmerzlich verkrampfte, dass es schien als würde ihr Brustkorb nach innen gezogen werden – Lucenius van Sareth.
Damals, als sie zurück nach Gerimor gekommen war, war sie schwach gewesen. So wie jetzt, krank und verletzt. Viele Monde der Ruhe und Geborgenheit der Familie hatte es gedauert bis Shanna freier atmen konnte, ruhiger schlafen und sich sicherer gefühlt hatte. Doch ihr Inneres lag noch immer in Scherben und so wand sie sich an einen Priester, um das Licht Temoras wieder in sich spüren zu können. Er war es gewesen, welcher sich ihrer angenommen hatte, lange Stunden mit ihr gesprochen, sie gestützt und ermutigt. So unterhielt er sich mit ihr nicht nur über die Lichtbringerin, sondern auch über Shannas Vergangenheit, Alpträume und Ängste. Sie erzählte ihm vieles darüber, fast alles, das meiste davon wusste nicht einmal ihre Schwester Sorcha. Shannas Vertrauen in Lucenius wuchs mit jedem Tag, mit jedem seiner Worte, mit jedem Gebet zu Temora. Und eines Tages hatte Shanna erschreckt festgestellt, dass sie sich um ihn sorgte, dass sie mehr für ihn empfand als eine junge Frau für ihren Priester, dass sie sich in ihn verliebt hatte. Zunächst wusste sie gar nicht mit ihren Gefühlen umzugehen, sondern mied den Priester. Doch auch dies ließ sich nicht lange aufrechterhalten, schon allein weil Sorcha als Adlerritterin die meiste Zeit im Kloster wohnte. Shanna schwor sich mit niemandem, vor allem nicht mit Lucenius, über ihre Gefühle zu sprechen. Sie wusste sie war noch nicht stark genug, um zurückgewiesen zu werden. Aber wieder einmal kam alles anders als geplant…
Es war die hohe Baronin von Stolzenfels, Felicitas gewesen. Shanna war bei ihr zum Essen geladen gewesen und sie genoss die seltenen Momente, in denen sie nicht über ihre Pflichten in der Familie nachdenken musste. Irgendwie waren sie auf das Gesprächsthema Liebe gekommen und schon fühlte sich Shanna unwohl, ja fast schon ertappt. Shanna hatte zu ihr gesagt, sie glaube, sie könne sich die Liebe nicht leisten. „Was lässt Euch das glauben?“, fragte die Baronin. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Preis bereit bin zu zahlen. Ob es das wert ist.“, hatte Shanna geantwortet. „Die Frage ist, was glaubt Ihr müsst Ihr dafür bezahlen?“ Shannas Antwort kam rasch: „Mein Herz.“ „Und Ihr glaubt nicht, dass Ihr Euer Herz jemand anderem schenken könntet?“, Felicitas blickte Shanna nun überrascht an. Es dauerte einige Augenblicke, ehe sie ihr antwortete: „Nun, doch vielleicht schon. Aber ich fürchte, dass ich es dann nur zerbrochen zurückerhalte.“ Felicitas nächste Frage erschütterte Shanna zutiefst und brachte alles auf den Punkt worüber sie sich zuvor immerzu nachgedacht hatte: „Wäre er es denn wert?“ War er es wert? Während ihr Kopf noch darüber nachdachte, schrie ihr Herz schon die Antwort heraus. „Ja, ich denke schon.“, hatte sie leise geantwortet.
Dennoch verweilte sie noch eine lange Zeit beim Schweigen, doch irgendwann konnte sogar der Priester selbst sehen, dass irgendetwas mit Shanna nicht stimmte. Er fragte sie danach und sie bemühte sich seinen Fragen auszuweichen. „Was hindert Euch denn daran Euren Gefühlen zu folgen, Fräulein Llastobhar?“, hatte er sie gefragt, nicht wissend, dass diese „Gefühle“ ihr nur eine Richtung zeigten. „Ich denke, Furcht.“, antwortete Shanna tonlos. „Ihr fürchtet Euch vor dem, was Euer Herz Euch sagt?“ Fast schon wütend hatte sie ihre Stimme erhoben: „Wie sollte ich auch nicht? Vieles hat mein Herz mir gesagt und hat mich in gefährliche, überdies tödliche Gefahren gebracht. Wie sollte ich da so etwas wankelmütigem wie seiner Sprache folgen?“ „Fräulein Llastobhar“, begann er erneut in ruhiger Tonlage, „Ihr seid eine Frau mit gutem Herzen. Wie kann es Euch etwas Falsches sagen? Vielleicht verratet Ihr mir, was Euer Herz Euch sagt, dann können wir erkennen, ob Ihr Euch davor fürchten müsst. Wenn Ihr es immer nur flüstern lasst und ihm nicht antwortet oder folgt, dann wird es Eure Stimmung immer mehr in Nachdenklichkeit versinken lassen. Wenn Euch eine solche Last auf dem Herzen liegt, dann solltet Ihr es davon befreien.“ Shanna hatte sich erhoben und nach einem lang gezogenen Seufzer, nicht ohne Sarkasmus in der Stimme, zu sprechen begonnen: „Gut. Wir können dann ja gerne darüber diskutieren, ob ich Grund habe meinem Herzen nicht folgen zu wollen.“ Nach einem Augenblick der Stille schließlich, wand sie sich zu ihm um und sprach aus, was sie nun seit vielen Monden schon in ihrem Geist bewegt hatte: „Ihr seid es! Ihr seid, was mir auf dem Herzen liegt!“ Es war das erste Mal, dass Shanna den sonst so gefassten Priester verblüfft, ja sogar verwirrt sah. Als sie erkannte, dass er verstand, meinte sie bitter: „Was sagt Ihr, ist es Recht dem Herzen zu folgen?“ Er wusste nichts darauf zu sagen, er erklärte ihr, dass er niemals gedacht hätte, dass eine Frau für ihn derartige Gefühle entwickeln könnte. Shanna schloss für einen Augenblick ihre Augen und meinte dann tonlos: „Versteht ihr meine Furcht? Alles hat Folgen. Taten, Worte, Gefühle… Ich fürchte nicht, was mein Herz mir sagt, ich fürchte darauf zu hören, ich fürchte die Folgen. Die Folge hiervon ist, dass nichts mehr ist wie es war. Ich werde gehen, das ist alles.“ Und sie war gegangen, doch war es nicht alles gewesen.
Wenige Tage später war er zur Dornenfeste gekommen. Lange hatten sie sich unterhalten. Es war das Schwierigste, was Shanna je getan hatten, immerzu rang sie um Ruhe und Beherrschung. Schließlich hatte er seine Hand unter ihr Kinn gelegt und leise zu ihr geflüstert: „Ich werde gerne Eure Nähe suchen, so Ihr es zulasst.“ Vieles war an jenem Abend noch gesagt worden, doch alles verblasste gegen diesen einen Satz, der Shanna seit jenem Tag mit Vertrauen und Zuneigung durchflutet hatte.
Ein weiteres Mal wallten in Shanna diese unsäglichen Schmerzen auf, als sie an jenen Abend dachte. Sie schlug sich mit einer Faust auf die linke Brust, sie wollte schreien. Ihr betrügerisches Herz! Wie immer zuvor, wenn sie auf es gehört hatte, hatte es sie in die Dunkelheit geleitet. Sie wünschte sich es herausreißen zu können, damit sie niemals wieder von ihm versucht wurde, damit diese Schmerzen endlich aufhörten. Und all dies lag nur an einem Satz, den eine ihr bis dahin Fremde gesagt hatte: „Lucenius? Ja, ich kenne ihn. Er ist mein Geliebter.“ Dann war Shanna in die Dunkelheit gestürzt, in eine Dunkelheit ohne Boden. Nichts danach hatte sie wirklich wahrgenommen. Als sie in die Burg zurückkehrte, wartete ihr kleiner Bruder Niall auf sie. Auch auf seine Worte reagierte sie nicht, er weinte, er sagte er wolle denjenigen verhauen, der ihr das angetan habe. Wie damals als Shanna vierzehn gewesen war und sie ihre Mutter, ihre Schwester und den neugeborenen Niall verlassen hatte, umfasste er mit der Hand ihren Finger und diesmal vermochte sie nicht zu gehen. Sie lief nicht davon, sie blieb.
Verfasst: Freitag 7. Dezember 2007, 11:31
von Niall Llastobhar
"Ein Mann, dem sie sehr vertraut hat und der Sorcha fragte, ob er um Shanna werben darf, hat sie betrogen und ihr damit wehgetan..."
Cathals Worte hatten ihn nicht nur getroffen, sondern vielmehr verwirrt.
Wieso warb man um eine Frau und sprach bei deren Familie vor um dann rasch in das nächstbeste Bett zu steigen? Wolllust, Begierde, Triebhaftigkeit waren Konzepte, die der kleine Junge nicht kannte und noch nicht in seine Überlegungen einbinden konnte.
In seiner Welt gab es Liebe, eine besondere Tugend, die seine noch immer bildschöne Mutter davon abhielt, sich auch nach all den Jahren der Einsamkeit nach dem Tod des Vaters, einen neuen Gefährten zu suchen. Die Tugend die Cathal dazu antrieb der schönen Ariana die Treue zu halten, auch wenn sie kaum einander sahen. Die Tugend, die seinen "Onkel" Feoras dazu trieb, alle Monate den weiten Weg nach Tiaresh zu machen um seine Verlobte, Una, zu besuchen.
Liebe war ewig, rein und nicht austauschbar. Zumindest nicht, solange nicht etwas Schlimmes zwischen den Herzen passiert war.
Unruhig drehte er sich in seinem Bettchen und stieß die Decke davon, nur um sie, wegen der bitteren Kälte, kurz darauf wieder zu sich zu ziehen.
Längst sollte er schlafen, doch es verfolgte ihn Shannas kreidebleiches Gesicht. Er hatte es nicht "sehen" können, war ihm doch das Augenlicht noch immer nicht mehr als wabernde Schatten, doch träumte er davon und irgendetwas sagte ihm, dass dies der Wirklichkeit mehr als nahe kam: Weit aufgerissene Augen, in welchen plötzliche Leere gähnte, als habe man die eigentliche Shanna aus dem Körper herausgerissen. Fast weiße Lippen, leicht bebend und zitternd. Das Haar wirr im Gesicht, als versuche es einen gütigen Schleier zu bilden, welcher ihr fremde Blicke vom Leib hielt. Aber sah sie denn überhaupt andere?
Langsam war ihr Zustand kritisch.
Sie aß nicht, trank kaum und weigerte sich noch immer recht zu sprechen. Cathals Stimme hatte einen müden Beiklang bekommen, Keara vergrub sich unter einem Stapel Heilbücher um wohl ein "Wundermittel" zu finden und Viljo ging immer öfters unruhig im Gang auf und ab.
"Ganz ruhig, Niall. Sorcha und Cathal werden mit dem Herren schon nochmal reden, denn uns alle interessiert was das sollte."
So seine freundlichen Worte. Doch war dem Kind die Sorge in der sanften Stimme des lieben Großonkels nicht entgangen.
Er schlang die Bettdecke fester um den Körper und entsann sich wieder der wundersamen Begebenheit in der Kapelle, als er Eluive um Hilfe bat. Ein weiteres Mal faltete er die Hände und begann wortlos seine Gedanken an die Schöpfungsmutter zu senden.
Hätte er gewusst, dass es ein Priester war, der Shanna so verraten hatte, ein Priester, der dem Drang seiner Lenden nicht widerstehen konnte, so wäre eine weitere Welt für den Kleinen zusammengestürzt.
[img]http://home.arcor.de/llastobhar/Llastobhar/Diverse/Eluive.JPG[/img]
Verfasst: Samstag 8. Dezember 2007, 13:42
von Shirina Arbryn
Ihre Hände hinter dem Rücken gefaltet, stand sie in Shannas Schlafzimmer am Fenster und blickte hinaus in die dunkle Nacht. Einmal mehr hatte es wieder recht lange gedauert, bis ihre Freundin Ruhe fand und einschlief.
Seit dem ersten Tag nun, als Shanna jene schlimme Botschaft erfuhr – war sie bei ihr gewesen. Nur sehr langsam und mühsam schien sie sich von diesem Schrecken zu erholen. Leicht dunkle Augenränder hatte Shirina inzwischen bekommen, ausgeschlafen hatte sie seither nicht ein einziges mal, da ihre beste Freundin oft Nachts schreiend aufwachte, oder einfach wie Espenlaub zu zittern begann und ihren Beistand brauchte.
Der Mond warf heute Nacht ein eigenartiges Licht in das Schlafzimmer. Wie sollte das nur weiter gehen, würde Shanna irgendwann wieder Lachen können? So war es also, so lief das Spiel der Liebe, welches sie selbst noch nicht verstanden hatte.
Warum sind Menschen so zueinander, warum verletzen, töten sie manchmal einander?
Lucenius Dieser Name hatte sich für alle Ewigkeiten in ihr Gedächtnis eingebrannt. Immer wenn sie an diesen Mann dachte, sah sie die Augen ihrer Freundin von sich, glasig – so als ob sie gar nicht anwesend wäre. Wenn sie doch nur den Grund dafür wüsste, warum er solch etwas getan hatte. Und das noch als Priester – Eluvie würde solches Verhalten niemals dulden! Sie hoffte, nein betete zu jener Göttin an diesem Abend, das sie jenen Mann strafen sollte für diese Tat.
Die letzte Kerze blies sie noch aus, ehe sie sich zu Shanna ins Bett legte. Wohl wissend, das sie nur wenige Stunden Schlaf bekommen würde, bis ihre Freundin wieder der Schrecken einholte.
Verfasst: Donnerstag 13. Dezember 2007, 15:10
von Niall Llastobhar
In stiller Langeweile und noch immer getrübter Stimmung hatte er heimlich die Burg verlassen. Obwohl er blind war, kannte der kleine Junge nun schon fast jeden Stein in der Nähe des Burgeländes und so war es ihm ein leichtes, sich zumindest bis zur Brücke zu "tasten".
Es betrübte ihn, zu wissen, dass die geliebte Schwester nun zwar wieder halbwegs auf den Beinen war, aber ihre Freude am Leben nicht recht zurückkommen wollte. Rasch hatte dies auf seine Stimmung abgefärbt und so fand er sich alsbald gefährlich nahe am Ufer und trat gen Erdbrocken und Steinchen, nur um kurz darauf ein lautes "Platsch" zu vernehmen und einige Spritzer salziges, kaltes Meerwasser auf der Haut zu spüren. Missmutig schmollte er dem seltsam milden Küstenwinter entgegen und ballte die Händchen so lange zu Fäusten, bis es ihn schrecklich fror und er sie lieber in den warmen Taschen vergrub.
Wieso geschah das alles jetzt?
Warum konnten sie nun, nachdem auch der letzte Maurer die Burg verlassen hatte, nicht endlich einmal in Ruhe das Familienleben genießen?
Seufzend glitt er in die Knie und tastete das hohe, drahtige Ufergras ab, denn die aufgewärmten Hände wollten nun selbst ihrem Unmut Luft machen und etwas anderes als "Steinchen ins Wasser werfen" kam ich gerade dafür nicht in den Sinn. All die schönen Spiele, die er sich in der Burg ausgedacht hatte, waren nun längst von einem ätzenden, drückendem Graunebel überzogen, seit Shanna ihre Freude verloren hatte. Fast so, als müsste auch der kleine Junge daran leiden.
Er hatte den ersten, flachen Kieselstein in der Hand, als der das Geräusch hörte. Ein bisschen wie ein mattes Krächzen oder Schreien und so hilflos, dass es sein Herz sofort rührte. Die blinden Augen fassten nur seltsame Schatten und so musste er sich weitertasten, auf die Ohren vertrauen und dem Geräusch folgen. Der kleine Junge ahnte bald, was ihn erwartete und als seine Finger das Federkleid eines zitternden, im Gras kauernden Vogels berührten, da ward seine Sorge bestätigt. Das Tierchen war schwach, von einer Katze oder sonst einem Jagdtier wohl am Flügel verletzt, denn obwohl es aufgrund seiner Berührung protestierte, konnte es nur etwas von ihm forthüpfen. Rasch besann sich Niall und fing das Tierchen ein. Ein schwieriges und langes Unterfangen aufgrund seiner Blindheit! Dann trug er es still und heimlich zurück zur Burg.
Dort angekommen klaute er einige Getreideflocken und Körner aus der Speisekammer, welcher er dem Vogel anbot. Als das Tier trotz seiner Angst aß, wusste er wie hungrig der Kleine gewesen sein musste und mild lächelte er dem Vogel entgegen.
"Du darfst während dem Winter gern hierbleiben, ja? Ich geb dir Körner, such Insekten unter Rinde und Holz und dafür singst du Shanna ein paar Liedchen, gut?"
Er erntete ein grelles Krächzen, welches der Kleine als Zustimmung deutete.
"Freudenklang werd ich dich nennen und gemeinsam werden wir Shanna und den anderen die schönsten Lieder singen..."
Wäre Niall nicht blind gewesen, dann hätte er gesehen, dass es sich bei dem Vogel nicht gerade um eine Nachtigall, sondern um eine Krähe handelte, doch vermutlich hätte der kleine Junge dennoch gehofft, dass diese Shannas Laune heben würde.
[img]http://home.arcor.de/llastobhar/Llastobhar/Diverse/Niallfreudenklang.JPG[/img]
Verfasst: Mittwoch 19. Dezember 2007, 13:12
von Shanna Llastobhar
Die Tage kamen und gingen, Licht und Dunkelheit. In der ersten Zeit hatte Shanna den Wechsel kaum bemerkt, zu sehr war sie in ihrer eigenen Dunkelheit gefangen gewesen. Nun jedoch saß sie aufrecht im Bett und betrachtete die rote Morgensonne wie sie sich langsam über den Rahmen des Fensters schob. Einzelne Schneeflocken tanzten hinter dem Glas vorbei und glitzerten in ihrem Schein golden. Fast jeder in der Burg ruhte noch und Stille herrschte in dem Gemäuer. Ihre Freundin Shirina schlief tief und fest an ihrer Seite, Shanna wollte sie nicht wecken. Shirina hatte sich die letzten Tage und Wochen aufopferungsvoll um sie gekümmert und war erschöpft. Auf einer kleinen Stange nahe dem Fenster hatte die Krähe ihren Kopf unter den Flügel gesteckt und war ausnahmsweise still. Ein sanftes Lächeln umspielte Shannas Lippen, als sie den Vogel betrachtete. Niall hatte ihn ihr vor wenigen Tagen gebracht und ihn als Freudenklang vorgestellt, damit er Shanna etwas vorsingen könne. Gesungen hatte der Vogel seither nicht, doch von Zeit zu Zeit stieß er ein kräftiges Krächzen aus und eilte dann auf seiner Stange aufgeregt von einer Seite auf die andere. Shanna genoss es das Tier zu beobachten, es erinnerte sie an längst vergangene Zeiten. Zeiten, die nie würden wiederkommen können…
„Papa, wie lange müssen wir hier noch warten?“, raunte das weißhaarige Mädchen zur Seite. Der hünenhafte Mann hielt seinen Blick weiter gespannt auf die vom Morgennebel durchzogene Waldlichtung, als er leise antwortete: „Schhh, Shanna, wir müssen leise sein, sonst kommen sie nicht. Es dauert nicht mehr lange!“. Shanna erschauderte. Es war kalt am frühen Morgen und der letzte Schnee war erst vor wenigen Wochen geschmolzen. Stolz blickte das Mädchen zur Seite und betrachtete ihren Vater Bennar. Er war durchaus kräftig gebaut und von hohem Wuchs, doch in den Augen der Tochter war er der stärkste und größte Mann der Welt. Er war der Wildhüter des Waldes und schon oft hatte er Shanna mit auf seine Rundgänge genommen, manchmal waren sie tagelang von zu Hause fortgeblieben, hatten am Abend erjagte Vögel über einem kleinen Feuer gebraten und im Unterholz der Bäume übernachtet. Wenn sie nach Tagen schmutzig nach Hause zurückkehrten, hatte Shannas Mutter nur gelacht und gesagt: „Du kommst wahrlich nach deinem Vater, Shanna!“.
An diesem Morgen war Bennar zu seiner Tochter gekommen, als es noch dunkel war und die Sterne noch blass schimmernd am Firmament hingen. „Komm, Shanna, ich möchte dir etwas ganz besonderes zeigen!“, hatte er ihr leise gesagt, um Sorcha nicht zu wecken. Noch zwei Stunden waren sie durch den schwarzen Wald gewandert, doch fanden beide ihren Weg ohne Schwierigkeiten. Lange Zeit knieten sie bereits hinter einer hohen Wurzel, sehr langsam hatte die Sonne angefangen über den Horizont zu schieben, doch erreichte ihr Licht noch nicht das innere Dickicht des Waldes. Auch Shanna hatte ihren Blick wieder auf die neblige Waldlichtung gerichtet und wartete. Nochmals verging eine lange Zeitspanne und der dichte Nebelvorhang auf der Lichtung wurde zu feinen Nebelfetzen, die beharrlich den Boden bedeckten. Gerade als Shanna sich abermals an ihren Vater wenden wollte, vernahm sie ein leises Geräusch von der anderen Seite der Lichtung. Ein stolzer Hirsch stieg über die Erhebung und blickte aufmerksam durch die Bäume. Regungslos verharrte Shanna, gebannt von seiner Anmut. Hinter ihm traten einige Rehe aus dem Wald, junge Kitze folgten ihren Müttern. Schließlich schritten sie auf die Lichtung und begannen das spärliche Gras unter den Nebelschwaden zu verzehren. Der Hirsch verweilte in seiner Haltung, den Wald weiterhin gespannt beobachtend. Fünf Kitze waren es, die in der Zeit fröhlich um ihre Mütter trabten, doch eines unter ihnen war besonders: Schneeweiß war sein Fell, ein Albino. Shanna war ganz erfüllt von dem Schauspiel. Noch nie, glaubte das Mädchen, hatte sie etwas derartig schönes gesehen. Nur kurz blieb die Herde auf der Lichtung, dann verschwanden sie ebenso lautlos zwischen den Bäumen wie sie gekommen waren. Shanna hob den Blick zu ihrem Vater und sah, dass er lächelte. „Papa, das war wunderschön! Danke, dass du mir das gezeigt hast!“, flüsterte das Mädchen, als wolle sie die heilige Stille des Waldes nicht durch laute Worte unterbrechen. Nun, endlich, blickte Bennar auf seine Tochter herab und sprach feierlich: „Fünf Kinder werden dieses Jahr im Dorf geboren werden, doch eines wird ein ganz besonderes sein.“. Dann küsste er sie sanft auf die Stirn und gemeinsam traten sie den Rückweg an.
Tränen standen in den Augen der jungen Frau, als sie sich an jenen heiligen Morgen erinnerte. Ihr Vater hatte Recht behalten, vier Kinder waren geboren worden, vier Kinder und Niall. Doch hatte er selbst die Geburt seines Sohnes nicht mehr erlebt… Grausam ist das Schicksal zu denen, die lieben!
Lautlos erhob sich Shanna und trat an das Fenster, welches am Rand von Eiskristallen bedeckt war. Im Hof lag eine dünne Schicht Schnee und Frost wie auf ihrem Herzen.
Verfasst: Donnerstag 10. Januar 2008, 13:39
von Shanna Llastobhar
Abermals gingen einige Tage ins Land. Shanna unterdrückte ihre Trauer, ihr schmerzendes Herz so gut es ihr möglich war. Stattdessen stürzte sie sich in die Arbeit, beantwortete Schreiben von Bewerbern, die um eine Anstellung im Hause Llastobhar baten, übte sich wieder im Umgang mit dem Bogen. Schnell war ihr bewusst geworden, dass ihr Körper nun nicht dieselbe Kraft und Schnelligkeit mehr besaß wie vor ihrer Krankheit. Abgemagert war sie, entkräftet und ungelenk waren ihre Bewegungen. Oftmals musste sie um Atem ringen und wurde dann von Hustanfällen geschüttelt. Es würde wohl noch einige Monde dauern bis sie ihre alte Form wieder erlangen würde. Doch Shanna hatte sich geschworen härter als je zuvor dafür zu arbeiten!
Eines Morgens erwachte Shanna in ihrem Bett und gerade als sie aufstehen wollte, stellte sie überrascht fest, dass sie nichts fühlte. Sie fühlte nichts, gar nichts. Weder spürte sie die Wärme der Decke, welche sie umgab, noch die Kühle der Luft, die ihr Gesicht berührte. Ihre rechte Hand hob sich unvermittelt auf ihre linke Brust, um ihr Herz zu fühlen. Es schlug kräftig und gleichmäßig und doch war es still. Kein Schmerz verkrampfte ihr Herz als sie Lucenius gedachte, keine Träne feuchtete ihre Augen als sie sich des Verrats erinnerte, nichts. Verwundert schloss Shanna die Augen und atmete einige Male tief durch. Was war nur geschehen? Noch gestern war alles eine Qual gewesen, jede Bewegung, jeder Gedanke, jedes Gefühl. Langsam erhob sie sich und wartete bis die Kälte des Zimmers sie eingehüllt hatte, dann trat sie an das vereiste Fenster und blickte in den von Schnee bedeckten Hof. Konnte es sein, dass das Leiden endlich zu Ende war? Obwohl Shanna versuchte daran zu glauben, konnte sie sich des Bewusstseins nicht erwehren, dass alles anders war als vor und während ihrer Krankheit. Sie war voller Gefühle gewesen, zuerst Liebe, Vertrauen und Geborgenheit, Mitgefühl, Zweifel, Furcht, später dann Schmerz, Misstrauen und Schwäche. All das war fort…
Alles in ihrem Geist und Körper, was zuvor von überschäumenden und viel zu vielen Gefühlen überschwemmt gewesen war, war nun erfüllt von einer angenehmen Stille. Erst als Shanna das Tropfen hörte, merkte sie, dass ihre Hand blutete. Eine der unzähligen Narben in ihrer Handfläche war abermals aufgerissen und das dunkelrote Blut rann über ihre Finger herab und fiel in kleinen Tropfen auf den Boden herab. Eher irritiert als erschreckt betrachtete die junge Frau ihre blutige Hand. Dies war jener Augenblick als ihr bewusst wurde, dass sie schon einmal in jenem Zustand gewesen war, zu der Zeit als sie diese Narben erhalten hatte. Shannas Gedanken eilten zurück in jene Zeit, eine Erinnerung, die sie sonst mit Schrecken erfüllte, doch nicht heute.
Man brachte sie in einen Kellerkerker, wo ihr der Sack und die Fesseln abgenommen wurden und man sie allein ließ.
An die darauf folgende Zeit erinnerte sich Shanna später nur noch schemenhaft. Sie musste wohl etwa zwei Jahre an jenem Ort gewesen sein. Von Zeit zu Zeit wurde sie aus ihrer Zelle geholt und ihr wurden Arbeiten aufgegeben, aber das geschah eher selten. Ohne besonderen Grund wurde sie an die Wand gekettet und ausgepeitscht, aber manchmal vernahm Shanna amüsiertes Lachen. Sie konnte sich erinnern auf einem Tisch gefesselt gewesen zu sein, worum einige vermummte Gestalten standen und leise flüsterten und Sätze sprachen, die sie nicht verstand. Ihre Tage bestanden aus Schmerzen, Demütigungen, doch sie befand sich die meiste Zeit in einem Zustand geistiger Umnachtung. Nachts schienen die Wände ihrer Zelle näher an sie heran zu kriechen und sie zu umdrängen, manchmal schrie sie, manchmal weinte sie, doch die meiste Zeit schwieg sie in stiller Agonie ohne Gefühl, ohne Erinnerung.
Noch immer starrte Shanna auf ihre Hand, eigentlich hätte sie diese Erkenntnis schockieren müssen, doch nur ein schwaches Seufzen drang über ihre Lippen. In dem angenehmen Schweigen ihrer Gefühle wusch sie sich und kleidete sich an. Ohne ihre Hand zu säubern oder zu verbinden, zog sie sich den Handschuh darüber. Dann ging sie hinaus in den Winter.
Wie erweicht man eine Schneekönigin? Wie taut man ein gefrorenes Herz?
Verfasst: Montag 12. Mai 2008, 19:41
von Shanna Llastobhar
Als wäre keine Zeit vergangen, war der Schnee geschmolzen, bunte Blumen zierten bereits die Wiesen und im weißen Blütenkleid standen die meisten Bäume. Die laue Luft Eluviars strich über ihre Wipfel und liebkoste ihre jungen Blätter. Zum ersten Mal in diesem Jahr hob Shanna den Kopf und betrachtete die Schönheit der frisch erstandenen Natur. Seit bereits vier Monden war sie von dem Zustand der Empfindungslosigkeit betäubt. Obwohl sie nicht sagen konnte, dass sie dies genoss, empfand sie es dennoch als ein solch angenehmes Schweigen, eine vollkommene Stille, eine makellose Ruhe, dass sie sich ihr Leben mit all jenen Gefühlen, mit dem Lärm und Chaos kaum noch vorzustellen vermochte. Doch nun hatte sie etwas aufgerüttelt, hatte die Perfektion der Geräuschlosigkeit angekratzt. Seit jenem Gespräch mit der Heilerin Zoe de Velgy vor wenigen Stunden jagten Gedanken wie Lichtblitze durch die vorherige schweigende Dunkelheit ihres Geistes.
Du kannst nicht die ganze Welt und alle Gefühle ausschließen…(Cathal Llastobhar)
Vor einigen Tagen hatte Cathal begonnen Shanna zu bedrängen, endlich einen Heiler aufzusuchen. Auch ihm war die Veränderung in Shannas Wesen nicht entgangen und nachdem er ihre Hände gesehen hatte, welche im Laufe der letzten vier Monde immer wieder aufgerissen waren und mittlerweile von Schorf und Eiter überzogen waren, suchte er mit ihr zusammen gleich am nächsten Morgen Ihre Hochgeboren von Drachenfels auf. Sie behandelte ihre Hände gewissenhaft und verband sie ordentlich, konnte Shanna aber in Bezug auf ihren Zustand nicht weiterhelfen. Eigentlich war Shanna dies auch recht, denn warum sollte sie je wieder zum Getöse und Tumult ihres Inneren zurückkehren wollen? Mit dem Versprechen in zwei Tagen zu Ihrer Hochgeboren von Drachenfels zurückzukehren, um die Verbände wieder abzunehmen, kehrte sie an jenem Abend zur Dornenfeste zurück.
Auch nach drei Tagen konnte sie Liliana von Drachenfels nicht in ihrer Heilerstube antreffen, weshalb Shanna die einzige andere Heilerin, die sie kannte, aufsuchte: Zoe de Velgy.
Unbewusst wollt Ihr Hilfe, um dieses Chaos zu beseitigen. Auch wenn Ihr das nicht fühlt. (Zoe de
Velgy)
Shanna fand Zoe de Velgy in Varuna und jene erklärte sich sofort bereit sich ihrer Hände anzunehmen. So folgte Shanna ihr in die kleine Varuneser Heilerpraxis. Während Zoe Shannas Hände von den Bandagen befreite und begutachtete, stellte sie ihr viele Fragen, zunächst die Narben in ihren Handflächen betreffend, dann über den Auslöser und den Zeitpunkt ihrer Entstehung und den Umstand ihres erneuten Aufbrechens. Shanna kam nicht umhin ihr von jenem Verrat und ihrer Krankheit zu erzählen, auf welche dann die Gefühllosigkeit folgte. „Nach… Eurer Genesung habt Ihr auch dann wieder über das Geschehene geredet, geweint… gefühlt?“, fragte sie die junge Heilerin. „In der ersten Woche nach der Genesung habe ich getrauert, aber ich vermied es mit anderen darüber zu sprechen.“, antwortete Shanna wahrheitsgemäß, „Ich muss sagen, dass die einsetzende Gefühllosigkeit eine Erlösung war für mich. Zuvor war in meinem Kopf nur Chaos, Lärm und Schmerz und dann folgte endlich diese Ruhe.“ Zoes Reaktion auf diese Offenbarung, erstaunte Shanna: „Ich kenne das. Aber wenn Ihr wollt, dass es Euch besser geht, Ihr wieder mit allen Sinnen fühlen könnt, müsst Ihr Euch nochmals intensiv auf den Schmerz und das Geschehene einlassen!“ Alles in Shanna sträubte sich gegen eine Konfrontation, nicht nur, weil sie ihre Stille als angenehm empfand, da war noch etwas anderes, was Shanna nicht genau benennen konnte und dies gefiel ihr noch viel weniger. „Ich glaube nicht, dass ich das kann.“, gab sie also widerstrebend zur Antwort und fügte etwas gedämpfter an: „Ich schätze ich habe im Augenblick zu wenig Kraft, um abermals mit diesem Chaos fertig zu werden.“ Zoe musterte sie einige Momente, ehe sie leise meinte: „Das Chaos verschwindet vielleicht, so Ihr anfangt es zu beseitigen.“ Vielleicht etwas schroff platzte Shanna dann heraus. „Und wie sollte ich das anstellen?“ „Nehmt Euch einen Vertrauten, jemanden, dem Ihr alles sagen könnt, vor dem Ihr Euch nicht für Gefühle und eventuelle Ausbrüche schämen müsst… Ein Freund, Verwandter, Priester..“ Ein kalter Schauder kroch Shannas Rücken hinauf. „… Heiler. Und erzählt ganz von vorn, was geschehen ist, versucht zu fühlen, was damals war, denn es ist noch in Euch.“ Noch in mir? „Ihr könnt es natürlich so erzählen als würdet Ihr Eure Einkaufsliste vorlesen, aber das wird Euch nicht helfen. Es wird wehtun. Sehr sogar…“ Eine kurze Stille trat ein, ehe Zoe anfügte: „Aber danach wird es leichter.“ Als Shanna bemerkte wie die junge Heilerin ihren Blick verdrossen auf die Tischplatte gerichtet hatte, wusste sie, dass jene von einem verwandten Schmerz niedergedrückt wurde. „Das macht Angst.“, fuhr Zoe etwas tonlos fort, „Und am liebsten würde man einfach alles vergessen, nicht mehr daran denken. Aber es holt einen so oder so immer wieder ein.“ Dann hob die junge Frau den Blick an und sah Shanna fest in die Augen, als sie fast beiläufig anfügte: „Und sei es nur, dass Ihr Euch nachts die Hände aufkratzt.“ Im ersten Augenblick eher verwirrt als geschockt, stammelte Shanna: „Ich… ich tue das selbst?“ Prompt und aus voller Überzeugung erfolgte Zoes Antwort: „Ja. Zum größten Teil… Ich bin mir ziemlich sicher, wahrscheinlich im Schlaf. Ihr wollt, dass man sich um Euch kümmert, auch wenn es nur die Hände sind. Unbewusst wollt Ihr Hilfe, um dieses Chaos zu beseitigen. Auch wenn Ihr das nicht fühlt.“ Das gesamte Ausmaß von Zoes Worten und der darauf folgenden Erkenntnis überschwemmte Shanna wie eine Welle kaltes Wasser. Nicht nur das Erstaunen, auch der Schreck über die Tragweite ihrer Gefühllosigkeit und das Bewusstsein ihrer Selbstzerstörung rüttelten an ihrer Fassade. Schließlich war es die Stimme der jungen Heilerin, welche sie zurückrief und Shanna die Möglichkeit gab sich ihre Maske wieder aufzusetzen. „Das Gespräch hier ist nicht einfach, aber ein Anfang.“ Zoe nähte einige ihrer zu weit aufgerissenen Narben an den Händen und gab Shanna noch weitere Anleitungen wie sie ihre Hände in den kommenden Tagen behandeln solle. „Kommt am besten in drei bis fünf Tagen wieder.“, sagte sie am Ende ihrer Behandlung und entließ Shanna.
Auf dem Rückweg zur Dornenfeste dachte Shanna über Zoes Worte nach, von Zeit zu Zeit hinab blickend auf ihre abermals weiß bandagierten Hände. Sie versuchte jene Gedanken abzuschütteln, weigerte sich innerlich dagegen die Grenzen, die wohl aufgerichteten Mauern, ihren einzigen Schutz niederzureißen und das Chaos wieder in ihr Herz zu lassen.
Dennoch wollte das Stimmlein, welches begonnen hatte sie in ihrem Hinterkopf zu rufen, nicht wieder vollkommen verstummen.
Verfasst: Dienstag 27. Mai 2008, 16:59
von Shanna Llastobhar
Wie geht man zurück? Wie fühlt man seine Vergangenheit? Wie berührt man sein Leben?
Gedankenverloren ließ Shanna ihren Blick zum Himmel schweifen. Sie erinnerte sich, dass ihr Vater immer gesagt hatte, ihre Augen hätten die gleiche Farbe wie der Himmel an einem klaren Frühlingstag. Sie versuchte sich an seine Stimme zu erinnern, an sein Lächeln, an die Farbe seiner Augen, doch vermochte sie es nicht. Fast neun Jahre waren seit seinem Tod vergangen…
„Meine Mutter liebte meinen Vater, Bennar war sein Name. Er war ein liebevoller Mann voller Leidenschaft für seine Arbeit. Er hatte ein großes Herz, er war treu und gut, beliebt in seinem Dorf, aber all dies waren Fähigkeiten, die in den Augen meiner Großeltern keinen Wert hatten.“, erzählte sie Zoe, welche ihr gegenüber auf einer kleinen Bank saß und ihr aufmerksam zuhörte.
Shanna hatte Zoe als Vertraute gewählt, obwohl ihr diese Wahl nicht leicht gefallen war. Viele hatten ihre Hilfe angeboten, Sorcha, Cathal, ja sogar Marlan Kabo, welchen Shanna gerade einmal wenige Tage kannte. Es hatte sich als unsäglicher Fehler für sie erwiesen Lucenius van Sareth alles anzuvertrauen, das Herz auf der Zunge zu tragen. Dennoch wusste Shanna, dass der einzige richtige Schritt für sie war wieder jemandem zu vertrauen, der nicht aus ihrer Familie stammte. Sie wollte nicht das Vertrauen in die Menschen aufgeben, nur weil einige von ihnen ihr Schmerzen bereitet hatten. Zudem fühlte sie sich mit Zoe auf gewisse Weise verbunden, trug sie doch einen verwandten Schmerz in sich, auch wenn Shanna nicht wusste, worum es sich dabei handelte.
„Meine Mutter sagte sich von ihren Großeltern los und blieb bei Bennar. Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit… Ich verehrte meinen Vater geradezu, bestimmt ein Grund warum ich Schütze wurde.“, fuhr sie dann fort. Einige Ereignisse erschienen vor ihrem inneren Auge: Ihr Vater schenkte ihr ihren ersten Bogen, er erklärte ihr den Kreislauf der Natur, ihre Mutter erzählte ihr und Sorcha die Geschichte von der weißen Frau, ihre große Schwester Sorcha teilte die stibitzen Kekse mit ihr, der heilige Morgen mit ihrem Vater im Wald als sie die Rehe beobachtet hatten. Doch vor allem anderen erinnerte sie sich an Freude, Glück, an Lachen. War das wirklich sie gewesen, die so fröhlich, glücklich gewesen war? Eine Unendlichkeit schien all das schon vergangen, verloren.
„Was geschah mit Eurem Vater, Shanna?“, erkundigte sich Zoe sanft. „Er ist tot.“, gab Shanna ihr tonlos zur Antwort. Zoe nickte, wohl hatte sie das bereits geahnt. „Was geschah mit ihm?“ „Er wurde ermordet…“
Niemals würde Shanna wieder vergessen wie ein einzelner Tag ihr ganzes Leben auf solch grausame Weise gewandelt hatte. Einige Holzarbeiter trugen seinen leblosen Körper aus den Wäldern. Bereits bevor Shanna sein Gesicht sehen konnte, spürte sie den furchtbaren Schrecken, welcher langsam von ihren Füßen über ihre Beine hinauf wanderte, wie ein eisiger Schauer, der unter ihrer Haut seinen Weg fand, vorbei an Fleisch und Venen und schließlich ihr Herz und ihren Geist ergriff. Wie einer Marmorstatue stand das junge Mädchen auf dem Hofplatz, während die Leiche ihres geliebten Vaters an ihr vorbei zum Haus der Mutter getragen wurde. Durch dichten Nebel hörte sie die Schmerzensschreie ihrer Mutter, das herzzerreißende Schluchzen ihrer Schwester. Lange verweilte sie, unfähig sich zu bewegen, nur an dem Blinzeln ihrer Augen und einer einsamen Träne, welche ihr über die schneeweiße Wange rann, konnte man erkennen, dass sie noch lebte. Stunden vergingen. Sorcha trat zu ihr und sprach zu ihr, doch keines ihrer Worte fand den Weg in Shannas Geist. Erst spät in der Nacht kehrten ihre Gedanken in ihren Körper zurück und sie ließ sich übermannt von Schwäche und Schmerz zu Boden fallen. Ihre lauten Schreie hallten über den Hof, die nahen Häuser und drangen bis tief in den Wald.
Ihre eigenen Schreie klangen noch in Shannas Ohren, als sie sich Zoe wieder zuwandte. Tief in ihrem Inneren fühlte sie noch ihre Verzweiflung, regte sich der Schmerz, als drehe er sich im Schlaf. Wie im Traum erzählte Shanna Zoe wie sie ihre Mutter, ihre Schwester und ihren neugeborenen Bruder Niall verlassen hatte, um den Mörder ihres Vaters zu finden und seinen Tod zu rächen und wie sie herausgefunden hatte, dass ihr eigener Onkel Tuirean den Auftrag dazu gegeben hatte.
Erst spät an diesem Nachmittag verließ sie Zoes Heilerstube, doch würde sie gewiss bald zurückkehren. Eine Lebensgeschichte war nicht an einem Nachmittag erzählt…
Dunkelblau, seine Augen waren dunkelblau gewesen. Tief und schimmernd wie der Ozean, voller Sanftmut und Liebe. Ein sanftes Lächeln trat auf Shannas Lippen, als sie durch die Tore der Dornenfeste schritt.
Verfasst: Montag 8. September 2008, 21:49
von Shanna Llastobhar
Einige Möwen flogen schreiend über den von rosa Wolken durchzogenen Himmel. Die Schaumkronen erhoben sich weiß von den in schwarzen und purpurnen Farbenspiel gefangenen Wellen. Wie rotes Eis zerschmolz die Sonne langsam am fernen Horizont. Spielerisch fuhr die salzige Seebrise durch Shannas langes, schneeweißes Haar. Geradezu eine heilige Stimmung umgab die junge Frau, welche barfuss auf einem Kliff saß, den Blick in weite Ferne gerichtet. Shanna führte die Flasche Apfelwein an ihre Lippen und nahm einen großen Schluck daraus. Neun Monde, neun lange Monde konnte sie nun nichts mehr fühlen und seit vier Monden versuchte sie scheinbar erfolglos jenen Zustand zu überwinden. Ein paar kleine Erfolge hatte sie gegen die Schneekönigin, zu welcher sie mehr und mehr zu werden schien, erlangen können. Von Zeit zu Zeit berührte ein Bild ihr Herz, ein Wort, ein Windhauch, ein Gedanke, doch es war zu wenig. Flüchtige Emotionen, flüchtige Augenblicke. Nur ein Gefühl kehrte immer wieder zu Shanna zurück und schnürte ihr den Hals zu. Furcht, kalte Furcht. Sie hatte begonnen zu vergessen. Vergessen wie manches Gefühl sich anfühlen sollte. Jener Gedanke trieb die junge Frau weiter in die Furcht. Hätte sie das volle Ausmaß ihrer inneren Verzweiflung spüren können, wären Tränen unablässig über ihre Wangen geronnen. Seit vielen Stunden saß sie deshalb nun auf jenem Kliff und versuchte sich zu erinnern. Wie fühlt sich Freiheit an, Stärke, Mut?
Bereits einige Monde war ihr letzter Besuch bei Zoe her. Nichtsdestotrotz hatte sie seither viel darüber nachgedacht. Bei ihrem letzten Gespräch hatte sie sich der Gefühle erinnern können, ja, hatte sie sogar gespürt. Doch nun, nichts. Rasch leerte sie die Flasche und erhob sich. Sie musste zu Zoe zurück, musste versuchen zu jenen Emotionen zurückzukehren. Sie musste darum kämpfen, nicht zu vergessen.