Eine etwas andere ‚Hexengeschichte’
Verfasst: Mittwoch 5. Dezember 2007, 17:05
Immer wieder ertappte sich der größere Junge, wie er schräg über den Tisch, an dem die drei Kinder saßen, zum kleinen Mädchen blickte. Fünf Jahre alt, viel zu klein für dieses Alter, dünn, zerbrechlich und irgendwie ein wenig unheimlich. Vermutlich lag das an der unangenehmen Kombination von fast kränklich blasser Haut und den rabenschwarzen, langen Haaren. Oder aber an ihren seltsamen Augen? Groß waren sie, wie Kinderaugen nun mal so sind, doch mit langen, feinen Wimpern bekränzt und von dunkler Farbe. Der Knabe gestand sich ein, dass es ihm sehr schwer fiel, die Pupille vom Rest der Iris zu unterscheiden, so düster, beinahe schwarz erschienen ihm diese Augen. Als könne der eindringliche, bohrende Blick der Kleinen direkt in sein Herz blicken und dort all die Schandtaten finden, die er in seinen wenigen Jahren bereits gesammelt hatte. Unbewusst schüttelte er sich leicht und ermahnte sich selbst doch nicht so ein verdammter Angsthase zu sein. Vater hielt große Stücke auf ihn, den einzigen Sohn und auch die gleichaltrigen Kinder des Dorfes hatten Respekt vor ihm. Nicht weil er besonders stark oder weise war, sondern weil er wusste wie man die anderen manipulieren, einschüchtern, umgarnen, täuschen und betrügen konnte.
Ohja, sein durchtriebener, listiger Geist und die gute Portion Hinterlist, die ihm besagter Vater vererbt hatte, bescherten ihm viele Freunde und nur solche Feinde, die nicht wagten ihm offen etwas entgegenzusetzen. Schon mit 9 Jahren hatte er mehr Macht als viele ihr Leben über je besitzen können. Warum also sollte er sich vor einem Mädchen fürchten, die noch mal zwei Jahre jünger war als seine Schwester, die er nicht einmal für ganz „voll“ nahm?
Erneut wanderte sein Blick über die verdreckte Tischplatte und verglich kurz darauf die beiden Kinder. Verschiedener hätten die zwei Mädchen ja nicht sein können!
Eronnee, seine Schwester, war zwar auch gerade erst 7 geworden, doch von durchschnittlichem Wuchs und mit ihrer matten Sommerbräune, den azurblauen Augen und goldblonden Locken war sie jetzt schon sehr hübsch anzusehen. Das andere Mädchen hingegen…
„Vachardo? Warum starrst du sie dauernd so an? Geht dir die Geschichte von ihrer Mutter auch nicht aus dem Kopf?“
Die Worte seiner Schwester waren mit einer naiven Unschuld und neugieriger Intonation gesprochen, die ihn aufschrecken hatten lassen. Ein flaues Gefühl machte sich in seinem Magen breit, als er merkte wie das andere Mädchen nun vom ihrem Napf aufsah und ihn direkt anblickte. Wieder diese bohrenden Augen und er spürte wie die Zornesröte in sein Gesicht schoss.
„So ein Quatsch! Ich starre gar nicht…“, begann er zunächst leise, doch unterbrach Eronnee ihn rasch.
„Doch, hast du und du hast ganz ängstlich geschaut!“
„Hab ich nicht!“
„Hast du ja wooooohl…“
So kam er nicht weiter.
Der Blick von Gegenüber machte ihn unsicher und dennoch konnte er seine Augen nicht von der kleinen Gestalt wenden. Wut und brennender Hass schäumte plötzlich auf und eh er sich’s versah quoll ihm dieser in sprachlicher Form über die Lippen.
„Dieser… dieser Schmutzfink ekelt mich nur an. Wir müssen ja an einem Tisch sitzen mit der Tochter einer Sumpfhexe!“
Eronnee blickte ihn entgeistert an. Bestimmt nicht wegen seiner Boshaftigkeit, denn solche Ausbrüche war sie gewohnt. Eher wegen der neuen Information zu der Thematik, die sie beschäftigt hatte.
„Du denkst ihre Mutter war eine Hexe aus dem Sumpf, ja?“, flüsterte sie, die Wangen vor Aufregung ganz rosig.
Als der Knabe den verletzten, entsetzten Blick des kleinen Mädchens am anderen Tischende bemerkte, wandelte sich sein Hass in Genugtuung und wärmende Zufriedenheit durchströmte ihn. Das Blatt hatte sich gewendet und er gönnte sich ein kleines, höhnendes Lächeln, ehe er im Erklärton zu erzählen begann:
„Ich denke ihre Mutter ist eine Hexe aus dem Sumpf, denn solche Wesen sterben nie. Sie werden zwar immer älter, bis sie nur noch ein Gestell aus fauliger Haut und dicken Warzen sind, aber sie haben einen unheiligen Pakt mit dem Seelenfresser und der sorgt dafür, dass sie nicht sterben, sondern sich sogar in wunderschöne Weiber verwandeln können.“
„Oh… oh, wie kann man dann nur wissen ob man da eine ganz normale, gute Frau vor sich hat oder ein boshaftes Hexenweib?“ Eronnee war etwas blasser geworden.
„Nun, das ist sicher schwierig aber wenn man gut aufpasst, dann kann man eine Hexe überführen und wird nicht getäuscht“, gab ihr Bruder gnädig zurück und beeilte sich eine Erklärung zu liefern, „Sie sind ja Geschöpfe des Bösen und Dunklen, ja wahre Dämonen! Deshalb aber verfallen sie auch sündhaften Trieben wie kein anderes Wesen. Sie stehlen gerne glitzernde Ware, betrügen ihre Geschäftspartner, sind eitel, kokett und verlieren sich in fleischlichen Gelüsten. Ich glaube Hexen sind meist Huren und Dirnen nebenher…“
Er nickte weise, wie der Dorfpriester nach einem besonders inbrünstigen Gebet und wagte einen kleinen Blick in die Richtung seines Opfers. Doch was er sah brachte seine Sicherheit wieder ein wenig ins Wanken und gefror das boshafte Lächeln auf den feinen Knabenzügen.
Die Kleine hatte nicht, wie erwartet Tränen im Gesicht und ein Wimmern auf den Lippen. Stattdessen waren die Lippen zusammengepresst, die dunklen Augen geweitet und mit einem zornigen Funkeln versehen. Sie blinzelte nicht einmal, sondern fixierte ihn nur wortlos.
„Papa hat doch mal gesagt, dass das Kräuterweiblein, welches Miyon in unser Haus gebracht hat, eine Hexe sei. Die war aber weder faulig noch schön. Nur einfach… alt.“
Eronnees Einwurf hatte ihm wieder den festen Boden unter den Füßen gesichert, denn kreativ und rasch erfand er eine passende Antwort und spann die Erzählung weiter.
„Nein, die war keine Hexe, sondern wirklich nur alt. Vater ist eben besonders vorsichtig und da viele Hexen, mit ihrem angeblichen Wissen über Heilung und so weiter, versuchen, leichtgläubige Menschen in ihre Hütten zu locken um sie da wahlweise zu verführen oder auch direkt dem Seelenfresser zu opfern… ah oder auch manchmal dem Panther, hat Vater eben darauf getippt, weil die Alte ja so mit ihrem Wissen über Kräuter prahlte. Doch mach dir keine Sorgen, liebste Schwester, nur wenig Heilkundige sind Hexen, denn die verstehen im Grunde gar nichts von der Medizin und nutzen das nur als Lockmittel.“
Diesmal hielt er ihrem Blick kurz stand und spielte dann seine Triumphkarte aus.
„Die Mutter von diesem Schmutzfink muss eine der Sumpfhexen gewesen sein, die sich mit Echsenwesen und Schlimmerem paaren, denn sonst wäre ihrem Schoß nicht eine solch hässliche, dürre, kleine Natter entsprungen. Sogar so grässlich, dass die Hexe sie wieder loswerden wollte und wie Lumpen in den Sumpf gew…“
Mit einem lauten Krach zerschellte ihr Tonnapf voller Haferbrei an seiner Stuhllehne, nur wenige Fingerbreit von seinem Kopf entfernt. Eronnee sog scharf die Luft ein und er wischte sich stumm die klebrigen Spritzer von der Wange. Sie hatte sich scheinbar kein Stück bewegt, doch öffnete sie jetzt die blassen, vollen Kinderlippen und begann mit bebender Stimme:
„Meine Mutter war keine Sumpfhexe!“
Nun schmale, azurblaue Knabenaugen fochten ein stummes Duell mit schwarzen Mädchenblicken. Sie gewann und eröffnete damit die Blutfehde.
„Vaaaaaater, dieser Schmutzfink hat versucht mich umzubringeeeeen!“
Ohja, sein durchtriebener, listiger Geist und die gute Portion Hinterlist, die ihm besagter Vater vererbt hatte, bescherten ihm viele Freunde und nur solche Feinde, die nicht wagten ihm offen etwas entgegenzusetzen. Schon mit 9 Jahren hatte er mehr Macht als viele ihr Leben über je besitzen können. Warum also sollte er sich vor einem Mädchen fürchten, die noch mal zwei Jahre jünger war als seine Schwester, die er nicht einmal für ganz „voll“ nahm?
Erneut wanderte sein Blick über die verdreckte Tischplatte und verglich kurz darauf die beiden Kinder. Verschiedener hätten die zwei Mädchen ja nicht sein können!
Eronnee, seine Schwester, war zwar auch gerade erst 7 geworden, doch von durchschnittlichem Wuchs und mit ihrer matten Sommerbräune, den azurblauen Augen und goldblonden Locken war sie jetzt schon sehr hübsch anzusehen. Das andere Mädchen hingegen…
„Vachardo? Warum starrst du sie dauernd so an? Geht dir die Geschichte von ihrer Mutter auch nicht aus dem Kopf?“
Die Worte seiner Schwester waren mit einer naiven Unschuld und neugieriger Intonation gesprochen, die ihn aufschrecken hatten lassen. Ein flaues Gefühl machte sich in seinem Magen breit, als er merkte wie das andere Mädchen nun vom ihrem Napf aufsah und ihn direkt anblickte. Wieder diese bohrenden Augen und er spürte wie die Zornesröte in sein Gesicht schoss.
„So ein Quatsch! Ich starre gar nicht…“, begann er zunächst leise, doch unterbrach Eronnee ihn rasch.
„Doch, hast du und du hast ganz ängstlich geschaut!“
„Hab ich nicht!“
„Hast du ja wooooohl…“
So kam er nicht weiter.
Der Blick von Gegenüber machte ihn unsicher und dennoch konnte er seine Augen nicht von der kleinen Gestalt wenden. Wut und brennender Hass schäumte plötzlich auf und eh er sich’s versah quoll ihm dieser in sprachlicher Form über die Lippen.
„Dieser… dieser Schmutzfink ekelt mich nur an. Wir müssen ja an einem Tisch sitzen mit der Tochter einer Sumpfhexe!“
Eronnee blickte ihn entgeistert an. Bestimmt nicht wegen seiner Boshaftigkeit, denn solche Ausbrüche war sie gewohnt. Eher wegen der neuen Information zu der Thematik, die sie beschäftigt hatte.
„Du denkst ihre Mutter war eine Hexe aus dem Sumpf, ja?“, flüsterte sie, die Wangen vor Aufregung ganz rosig.
Als der Knabe den verletzten, entsetzten Blick des kleinen Mädchens am anderen Tischende bemerkte, wandelte sich sein Hass in Genugtuung und wärmende Zufriedenheit durchströmte ihn. Das Blatt hatte sich gewendet und er gönnte sich ein kleines, höhnendes Lächeln, ehe er im Erklärton zu erzählen begann:
„Ich denke ihre Mutter ist eine Hexe aus dem Sumpf, denn solche Wesen sterben nie. Sie werden zwar immer älter, bis sie nur noch ein Gestell aus fauliger Haut und dicken Warzen sind, aber sie haben einen unheiligen Pakt mit dem Seelenfresser und der sorgt dafür, dass sie nicht sterben, sondern sich sogar in wunderschöne Weiber verwandeln können.“
„Oh… oh, wie kann man dann nur wissen ob man da eine ganz normale, gute Frau vor sich hat oder ein boshaftes Hexenweib?“ Eronnee war etwas blasser geworden.
„Nun, das ist sicher schwierig aber wenn man gut aufpasst, dann kann man eine Hexe überführen und wird nicht getäuscht“, gab ihr Bruder gnädig zurück und beeilte sich eine Erklärung zu liefern, „Sie sind ja Geschöpfe des Bösen und Dunklen, ja wahre Dämonen! Deshalb aber verfallen sie auch sündhaften Trieben wie kein anderes Wesen. Sie stehlen gerne glitzernde Ware, betrügen ihre Geschäftspartner, sind eitel, kokett und verlieren sich in fleischlichen Gelüsten. Ich glaube Hexen sind meist Huren und Dirnen nebenher…“
Er nickte weise, wie der Dorfpriester nach einem besonders inbrünstigen Gebet und wagte einen kleinen Blick in die Richtung seines Opfers. Doch was er sah brachte seine Sicherheit wieder ein wenig ins Wanken und gefror das boshafte Lächeln auf den feinen Knabenzügen.
Die Kleine hatte nicht, wie erwartet Tränen im Gesicht und ein Wimmern auf den Lippen. Stattdessen waren die Lippen zusammengepresst, die dunklen Augen geweitet und mit einem zornigen Funkeln versehen. Sie blinzelte nicht einmal, sondern fixierte ihn nur wortlos.
„Papa hat doch mal gesagt, dass das Kräuterweiblein, welches Miyon in unser Haus gebracht hat, eine Hexe sei. Die war aber weder faulig noch schön. Nur einfach… alt.“
Eronnees Einwurf hatte ihm wieder den festen Boden unter den Füßen gesichert, denn kreativ und rasch erfand er eine passende Antwort und spann die Erzählung weiter.
„Nein, die war keine Hexe, sondern wirklich nur alt. Vater ist eben besonders vorsichtig und da viele Hexen, mit ihrem angeblichen Wissen über Heilung und so weiter, versuchen, leichtgläubige Menschen in ihre Hütten zu locken um sie da wahlweise zu verführen oder auch direkt dem Seelenfresser zu opfern… ah oder auch manchmal dem Panther, hat Vater eben darauf getippt, weil die Alte ja so mit ihrem Wissen über Kräuter prahlte. Doch mach dir keine Sorgen, liebste Schwester, nur wenig Heilkundige sind Hexen, denn die verstehen im Grunde gar nichts von der Medizin und nutzen das nur als Lockmittel.“
Diesmal hielt er ihrem Blick kurz stand und spielte dann seine Triumphkarte aus.
„Die Mutter von diesem Schmutzfink muss eine der Sumpfhexen gewesen sein, die sich mit Echsenwesen und Schlimmerem paaren, denn sonst wäre ihrem Schoß nicht eine solch hässliche, dürre, kleine Natter entsprungen. Sogar so grässlich, dass die Hexe sie wieder loswerden wollte und wie Lumpen in den Sumpf gew…“
Mit einem lauten Krach zerschellte ihr Tonnapf voller Haferbrei an seiner Stuhllehne, nur wenige Fingerbreit von seinem Kopf entfernt. Eronnee sog scharf die Luft ein und er wischte sich stumm die klebrigen Spritzer von der Wange. Sie hatte sich scheinbar kein Stück bewegt, doch öffnete sie jetzt die blassen, vollen Kinderlippen und begann mit bebender Stimme:
„Meine Mutter war keine Sumpfhexe!“
Nun schmale, azurblaue Knabenaugen fochten ein stummes Duell mit schwarzen Mädchenblicken. Sie gewann und eröffnete damit die Blutfehde.
„Vaaaaaater, dieser Schmutzfink hat versucht mich umzubringeeeeen!“