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Geschichten, die das Leben schrieb - Der Barden Spottgesang
Verfasst: Dienstag 27. November 2007, 06:45
von Niana Kytarr
Wie immer hatte man sich an wohlvertrauten Orten getroffen, den Lagerfeuern, den Tavernen, die ihnen so viel bedeuteten. Man frischte alte Bekanntschaften auf, tauschte die neuesten Geschichten aus, erneuerte alte Schwüre. Man war sich einig.
Das Gesetz, das sie alle verband war so alt wie ihre Zunft und gleich wie unbeständig ihrer aller Leben waren, man hielt daran fest. Ausnahmen gab es nicht. Übertrat jemand, irgend jemand, sei es Wanderbarde, sei es Bettler, sei es Adelsmann dieses Gesetz, dann war man sich einig so wie man es seit jeher stets gewesen ist. Das Gesetz schützte die, die das Gesetz schützen, es lebte fort in jedem Wort, jeder Silbe, jedem Ton, der ihre Kehlen und Instrumente verließ. Der Fall war eindeutig und auch, was das Gesetz hierzu vorschrieb.
So zerstreute man sich bald schon in alle Winde, trug seine Ausläufer hinfort in alle Herbergen und Tavernen zwischen Berchgard und Bajard, selbst auf Lameriast und im Hafenviertel sollte das Gesetz Anwendung finden, bis auch der letzte Bauer auf der Feldarbeit die Melodie summte und die Spatzen das Lied von allen Dächern pfiffen. Das Lied von Hanno, dem Schmied.
Hanno der Schmied
An Maulhelden und Versagern hat dieses Land wahrlich schon genug gehabt,
Doch gibt es auch unter solchen jene, die sind im Vergeigen mehr als begabt.
Über Streuner, Tagediebe, Lumpenpack gibts es reichlich Geschichten,
Und von einem besonders mißratenen Exemplar will ich Euch berichten,
Von Hanno, dem Tunichtgut, dem Taugenichts, den der eigene Vater verstieß,
Weil er bei allem was er tat schwach anfing und dann stark nachließ.
Hanno hatte von Arbeit keinen Plan, hat nie im Leben etwas gelernt,
Hielt sich stets eher an den Rum, aber von Tugenden meilenweit entfernt,
Bis sein Vater in dem fatalen Glauben, sein Sohnemann sei aufgeweckt
Ihn an Arsch und Kragen gepackt und zu einem Schmied in die Lehre gesteckt.
Heute weiß niemand mehr so recht, welcher Dämon den Vater damals geritten,
Doch munkelt man, er sei von Kindesbeinen an mit Hanno und Meister zerstritten.
Chorus:
Oh Hanno, häng den Hammer an den Nagel dran,
Denn Hanno, es gibt Dinge die ein Hanno nun mal nicht kann,
Oh man, oh man, oh omannomann! Oh Hanno, was hast Du getan?
Das Schmiedehandwerk, das ist hart und schwer
Und was der Hanno dort verpfuscht, das rettet kein Schmied mehr.
Drum beschleunige ich meinen Schritt wenn ich bei ihm vorbei geh'
Mit Tränen in den Augen, wenn ich Hannos Werke seh'.
Oh je, oh je, ohjemine! Oh Hanno, das tut weh.
Hanno war geboren mit zwei gänzlich linken Händen nur
So war er schon immer eine ausgesprochen mutige Laune der Natur,
So ists wohl auch kein Wunder, daß ihm auch nach Jahr und Tag
Von früh bis spät kein rechtes Werk so recht von der Hand gehen mag.
Seine Schwerter waren krumm und schief, dafür waren die Säbel gerade
Und seine Rüstungen hielten mit viel Glück vielleicht zwei Tage.
Gleich nach dem Aufstehen gabs zum Frühstück Maulschellen
Nur auf Verdacht, etwas würde er schon wieder anstellen,
Denn für schlechte Arbeit ist Dresche der gerechte Lohn
Und so zerbrach der Meister auf Hanno so manchen Rohrstock schon,
Aber mit dem Brechen brachen für den der Rohrstöcke schnitzen kann
Seit Hanno Schmiedelehrling war gar behaglich goldene Zeiten an.
Chorus
So zogen die Jahre immer weiter hinein ins Land
Und unserm Hanno ging noch immer nichts recht von der Hand.
So wäre er wohl auf ewig stümperhafter Lehrling geblieben,
Hätt' er seinen Meister nicht in Wahn und Grab getrieben.
Seitdem versorgt er persönlich die Reichstruppen in seinem Haus
Und seitdem kommt man in Rahal auch aus dem Lachen nicht mehr raus,
Denn seit des Meisters Tod nennt er sich ohne Fug und Recht Geselle
Und statt vom Meister gibts nun von den Kunden die Maulschelle,
An die er sich seit Lehrlingszeiten schon so sehr gewöhnt hat,
Daß es seiner gewohnt miesen Arbeit keinen Abbruch tat.
Drum Hanno: Werd Schneider, werd Bauer oder dreh krumme Dinger
Doch von Hammer und Amboß, Hanno, da lass besser die Finger.
Chorus
Verfasst: Dienstag 27. November 2007, 17:14
von Heinrich
Des Abends sass Hanno in der Taverne zu Bajard und genehmigte sich zum wohl verdienten Feierabend ein Bierchen. Ein Barde machte sich gerade daran aufzuspielen und Hanno lehnte sich gemütlich zurück. Als er jedoch vernahm was der Musikus da von sich gab entgleisten ihm zuerst die alten faltigen Gesichtszüge und er verschluckte sich. Kurz wanderte sein Blick über die anwesenden Gäste die ebenfalls dem Spiel des Barden lauschten. Jeh länger er dem Gesang lauschte desto breiter wurde jedoch sein Schmunzeln. Als der Barde geendet hatte erhob sich Hanno mühsam und ging zu dem Hut rüber den der Musikus vor sich auf den Boden gelegt hatte. Hanno warf klimpernd eine Hand voll Reichskronen in den Hut. " So an jutes Liedche mus belohnt werde...hest dett selber jeschriebe?!" meinte er gewohnt brummig die alten Augen auf den Musikus richtend. Als jener jedoch verneinte und sagte er habe es ebenfalls nur aufgeschnappt nickte Hanno. " Ich find dett Lied jedenfalls schee...spielstes nochmoal nech?! Hanno warf abermals ein paar Münzen in den Hut und bequemte sich zurück an seinen Tisch. Dort angekommen griff er in seine Tasche und zog ein altes abgegriffeltes Notizbuch hervor sowie einen Kohlestift. Der Barde liess sich nicht lumpen und spielte abermals das Lied auf seiner Laute das er mit den dazu gehörenden Strophen sang. Hanno notierte eifrig mit.....
Als sich der Abend dem Ende zu neigte und der Musikus seinen Hut genommen und die Taverne verlassen hatte , erhob sich Hanno ebfalls.
Vor der Tavernentür angekommen zog er den Atem tief ein. Dem Verfasser würde er eine Lehre erteilen. "Sicher war es aner von Konkurrenz oder aber an Kunde den er raus geworfen hatte. Kurz glitten seine Gedanken zurück an den letzten Tag wo er ein junges Ding aus dem Laden geworfen hatte. Wollte das kleine Mädchen ihm doch tatsächlich etwas vom Schmiedehandwerk erzählen. Besserwisserisch hat sie sich aufgeführt....nicht zuletzt frech gegenüber dem Alter und vorallem verhöhnte sie das Schmiedehandwerk. Hannos Blick verfinsterte sich einen Augenblick lang. Ja Leute verärgert hatte er wohl genug...es könne wohl jeder sein. Aber er war es schlicht satt sich von derlei frechen Personen wie sie Tag ein Tag aus im Laden anzutreffen waren auf der Nase herum tanzen zu lassen. Wenn zuletzt sie auch noch mit Unwissen einhergingen.
Der Mond stand schon hoch am Fimament als man eine leicht gebeugte Gestalt in die engen dusteren Gassen eines deutlich herunter gekommen Viertels schlendern sah. Sie schaute sich aufmerksam um und ging dann langsam auf eine schief in den Angeln hängende Tür zu, unter deren Schwelle matt der Schein einer Öllaterne hindurchschien. Dreimal wurde angeklopft. Zweimal schnell und das dritte mal mit einer längeren Verzögerung nach den ersten beiden malen. Als sich leise knarzend die Tür öffnete konnte man ein brummiges " Meyn Gruss Jungche" vernehmen. Die Gestalt wurde herein gebeten und die Tür wieder verrammelt.
" Ich heb hier moal wieder wett für dich" klimpernd wurde ein dicker Sack auf den Tisch geschoben der mehr zweckdienlich denn schön gefertigt war. Dann wurde ein kleines speckiges Notizbuch auf den Tisch gelegt. " Irjend an Spassbold het sich die Ehre jegeben mir an Liedche zu schreyben. Ich muss zujebe wäres ney so lausig würd ich mir jeehrt fühlen. Ich will dett du den oder die Person findest, koste es wettet wolle. Du hest mir mit dane Jungs ja schon inne Verjangenheyt jute Dienst jeleystet es soll ney deyn Schaden seyn." Die gebeugte Gestalt deutet auf den Sack. " Dett sey ane Anzahlung wenners se hebt jibts nochmoal so viel und wenn dett ney reecht noch mehr." Dann griffelte die Gestalt abermals an die Umhängetasche und zog ein Schüreisen hervor an dessen Kopf ein H zu sehen war. " Ich will dett ihr die Person uttfindig mecht. mecht mittem wette wollt..du weest selbst em besten wett men so mecht. Aber wers son Schund schreybt darf ruhig meyn Siejel uffe Zunge jebrannt kriejen, denn sey derjenige dett wenichstens Wert sowett zu verfasse" Der Mann ihm gegenüber nickte nur leicht und verstaute den Goldbeutel sowie den Schürhaken.
Die gebeugte Gestalt erhob sich daraufhin schwerfällig " Jut wenn dus weest wers war lasset mich wissen , ensonst sey dir wie immer freye Hand jelasse!..:Ach und bevor ichs verjesse...sollten du und daane Leude Waffe oder Rüstunge dafür brooche dies ihr ney hebt kimmters vorbey.....dett jehört zur Bezahlung nech?!
Dann verliess die Gestalt die runter gekommen Kaschemme in dem noch runter gekommeneren Viertel und verlor sich in den Gassen
Zehn kleine Räuberlein...
Verfasst: Montag 3. Dezember 2007, 12:20
von Niana Kytarr
Es gab Leute, die beantworteten Fragen richtig und solche, die sie falsch beantworteten. Es gab auch welche, die die richtigen Fragen auf eine völlig falsche Weise stellten. Und es gab solche, die einfach nur ungeschickt waren.
Es gab einige Dinge, die sie nicht leiden konnte und ihr nach zu stellen gehörte eindeutig dazu. Es hatte so etwas anmaßendes an sich. 'Wir können besser hören und schleichen als Du.' Na wenn sie denn meinten.
Sie hatte sich einen Blick auf die drei gegönnt, auf den ersten Blick einfache Strauchdiebe auf der Suche nach Beute oder einer Frau allein im Wald. Na wenn ihr Euch da mal nicht übernommen habt.
Gemächlich setzte sie ihren Weg durch den dunklen Wald zwischen Varuna und Bajard fort, pfiff sogar eine Melodie und achtete darauf, daß auch ja ab und an ein Ast unter ihren Füssen knackte, ehe sie mit zwei kurzen Sprüngen und einigen Schritten im Unterholz verschwunden war.
Es dauerte nicht lang bis ihre drei Begleiter auf der kleinen Lichtung auftauchten.
Kurz sahen die drei sich ratlos um ehe sie sich entschlossen, sich auf zu teilen. Eine Spurensuche ohne Fackeln hatte in dieser Dunkelheit keinen Wert und zumindest so viel Aufmerksamkeit wollten die drei wohl auch nicht auf sich lenken. Sie grinste kurz auf und heftete sich an die Fersen des kleinsten der drei. Von Baum zu Baum huschend wartete sie auf ihre Gelegenheit, den Augenblick, an dem er inne hielt um sich um zu sehen. Sicherlich - sie hätte sie alle einfach mit ihrer Handarmbrust erledigen können, aber wo blieb denn dort der Spaß? Aus der Ferne zu töten war leicht, unpersönlich und genau das fehlte ihr dabei. Die persönliche Note. Einen letzten, kurzen Blick in die Augen werfen zu können, bevor das Leben aus ihnen wich und die Seele den Körper verließ, das letzte Aufbäumen, das letzte Zucken, wenn die Drahtschlinge den Adamsapfel zermalmte und warmes Blut die Lunge hinunter lief und das Atmen für alle Zeit unmöglich machte, während der Schlamm in den man den Unglückseeligen drückte jegliche Geräusche bis auf ein feines Blubbern erstickte. Sie liebte diesen Augenblick.
Sie rollte den Draht wieder zusammen und blickte sich um. Dann wandte sie zwei Fäden um seine beiden Zeigefinger, reihte eine Vielzahl von gerade mal handgroßen Armbrüsten mit kleinen Abzügen und kurzen Bolzen in Gestrüpp und Geäst auf, richtete jene noch kurz aus und kletterte dann einen Baum hinauf, um es sich im Geäst bequem zu machen und das kommende Schauspiel zu genießen. Ein gellender Schrei ihrerseits reichte um die anderen beiden an zu locken. Nahezu zeitgleich trafen sie gehetzt ein, wohl in Erwartung, sie vor zu finden, doch alles, was sie fanden war ihr toter Kumpan.
Einer der beiden rannte noch auf ihm zu, um ihm zu helfen oder um seine Leiche zu fleddern, nun, das sollte sein Geheimnis bleiben, als er den Körper auf den Rücken drehte und der Zug von Fäden und Umlenkrollen die Abzüge der Armbrüste betätigten und seinen Körper mit einem wahren Hagel an Bolzen eindeckte, ihn in einem makaberen Tanz mal hierhin, mal dorthin schleuderte und zuletzt mit einem letzten Röcheln entweichender Luft gen Boden sacken ließ.
Der dritte schien etwas mehr Verstand inne zu haben als seine beiden Vorgänger, zumindest griff er selbst zur Armbrust und mied die Stelle, die seinen beiden Kumpanen den Tod gebracht hatte weiträumig.
Sie stieß ein helles Lachen aus und schwang sich in den nächsten Baum. Unter ihr schoß der Dritte blindlings nach den Geräuschen um ihn herum, während sie immer mal wieder trocken auflachte oder Dinge in andere Bäume oder auf den Boden warf, nur um im nächsten Moment völlig ruhig zu kauern und zu warten, bis er geschossen hatte und seine Waffe nachspannen mußte. Sie wartete geduldig, spielte Katz und Maus, wartete, bis seine nervösen Finger abglitten und das Spannen der Armbrust mißlang, die Sehne vorschnellte und erneut mühsam gezogen werden mußte. Er verausgabte sich zu schnell. Ein kurzer, rascher Wurf und eines ihrer Messer fand seinen Weg hinter den Geißfuß der Armbrust hinein in den Stiefel des Mannes.
Ein spitzer Aufschrei sagte ihr, daß das Messer seinen Weg durch das Leder gefunden hatte. Der Mann fiel rücklings und zog sich das Messer aus dem Fuß. Er versuchte noch auf zu stehen, aber das rechte Bein schien ihn nicht mehr tragen zu wollen. Zeit, es zuende zu bringen.
Leise kletterte sie den Baum hinab, nur ein leichtes Rascheln verursachend, aber ohne die Gefahr einer gespannten Armbrust sah sie dem gelassen entgegen. Daran würde sie ein anderes mal üben.
Ihre linke Hand schloß sich um den Griff des Coeliumfloretts, langsam, Schritt um Schritt, Baum um Baum näherte sie sich dem Mann, der sie lauthals verwünschte und sie aufforderte, sich zu stellen. Nun, das konnte er haben.
Mit zwei Seitenschritten war sie halbseitlich hinter ihm und stach seitlich in seinen Hals, Haut und Blut gefroren nahezu augenblicklich unter der Berührung des eisigen Metalles und zersprangen wie gar zu trockene Haut, als die scharfe Schneide in der Wunde gedreht wurde.
Sie zog die Klinge zurück, sah noch zu, wie der Mann seitlich weg kippte und drehte ihn mit einem Tritt gegen die Schulter auf den Rücken. Gemächlich ging sie in die Hocke, holte ein feines Spitzentuch hervor und wischte damit über die Klinge des Floretts, es anschließend scheidend, während sie den Mann betrachtete.
"Guten Abend.", kam es über ihre Lippen.
Der Mann schien ihr noch etwas sagen zu wollen, wahrscheinlich weitere Verwünschungen oder Schwüre, sie um zu bringen, aber es ging im Gegurgel von Blut unter. Ein letztes mal versuchte er noch nach ihr zu stechen, mit ihrem eigenen Messer, doch ohne das Blut, das strömend seinen Körper verließ fehlte ihm dazu jegliche Kraft, es zu mehr als einem Deuten zu machen.
"Danke, sehr aufmerksam.", meinte sie noch, als sie sein Handgelenk ergriff, das Messer aus seinem Griff wand und dann ebenso abwischte und in einer kleinen Halterung am Handgelenk verschwinden ließ.
Ein leises Aufstöhnen. Das Winden war alles andere als angenehm gewesen, auch wenn das in diesem Augenblick sein geringstes Problem war.
"Was sagst Du, ich verstehe Dich so schlecht?"
Ein Gurgeln.
"Ja, da bin ich ganz Deiner Meinung."
Sie tätschelte noch einmal seine Wange, wartete, bis seine Haut fahl und der Blick gebrochen trüb wurde, sah sich um und verschwand nachdem sie ihre Armbrüste eingesammelt hatte und sich etwas arrangiert hatte in Richtung Bajard. Die nächsten Tage versprachen sehr interessant zu werden.
Am nächsten Morgen fand man auf der kleinen Lichtung folgendes Bild vor:
Auf der Lichtung liegen drei tote Männer in Lumpengewändern. Alle drei sind bewaffnet, aber die Qualität ist eher mies. Einer der drei wurde wie ein gerader, roter Strich am sonst fahlen Hals überdeutlich zeigt stranguliert, einer von insgesamt vierzehn Bolzen völlig durchlöchert und der dritte wurde erstochen, wobei der Stichkanal ausgesprochen fein ist und dessen Ränder stark violett verfärbt, eine Eigenart, die sonst eigentlich nur denen die erfroren sind zueigen ist.
Dem Mann, der offensichtlich erschossen wurde fehlen beide Füsse, deren Verbleib fürs erste nicht weiter zu klären sind.
Posthum, wie dem geschulten Auge an Ausfransungen und geringem Blutfluss sowie nur leichten Verfärbungen zu erkennen ist, wurde dem Mann "5" in die Stirn geritzt. Die beiden anderen Leichen sind - von den offensichtlichen Verletzungen abgesehen - unberührt und wurden allem Anschein nach auch nicht gefleddert.
Sieben kleine Räuberlein
Verfasst: Dienstag 18. Dezember 2007, 14:29
von Niana Kytarr
Bist Du in Rahal, gib Dich wie ein Rahaler. Sie wußte nicht, wie vielen sie diesen Ratschlag schon gegeben hatte in all den Jahren und noch immer hatte dieser Satz an Bedeutung nur dazu gewonnen. Gerade hier im Hafenviertel.
Es hatte seine eigenen Regeln und Gesetze. Rahaler zu sein reichte hier nicht im mindesten aus, wie einige wenige Leichtgläubige schon feststellen mußten. Und doch war es einfach, hier geduldet zu werden.
Hier verkehrten nur zwei Arten von Menschen. Die Seefahrer und -räuber zum einen, die Dirnen und Gesellschafter die diesen die Zeit versüßten zum anderen. Eine Seefahrerin war sie nicht, aber sie verstand einiges davon, die Leute zu unterhalten. So saß sie auf dem Schoß des jüngeren Seemannes und sang ihre Seefahrerlieder, die man hier soweit schätzte um sie so lang zu dulden wie sie bleiben wollte.
Eigentlich hätte es ein ganz gemütlicher Abend werden können. Eigentlich. Bis die Tür aufflog und dieser Hüne eintrat.
Der Gewandung nach zu urteilen ein Söldner oder Wegelagerer, was nicht unbedingt gegen ihn sprach in Rahal, aber an diesem Ort war er so fremd wie sie auch. Der Mann kam auf sie zu und packte sie am Arm.
"Los, mitkommen."
Ihr Gesang endete abrupt. "He. Lass mich los Du Rind..."
"Mitkommen hab ich gesagt." Er zerrte sie auf die Füsse.
Ihr Blick ging zu dem Seefahrer, auf dessen Schoß sie gerade eben noch gesessen hatte. Angetrunken, aber auch verärgert sah er zurück und fixierte dann den Hünen. In der plötzlichen Stille der Taverne knackte es metallisch, als er seine Pistole spannte und auf den Hünen richtete.
"Du hasses jehört. Se will lieba bey mich bleib'n als bey Dich jehen, also lasse los."
Dem Knacken folgten unzählige weitere. Der Hüne blickte sich um. Zwei Dutzend gespannte Pistolen waren auf ihn gerichtet. Überrascht ließ er die Frau los, die sofort in den hinteren Winkeln der Hafenkneipe verschwand.
Der Pirat drückte sich hoch und schob die Spitze des Laufes seiner Pistole in das linke Nasenloch seines gegenübers.
"Da hasses, jetz haste ihr Angst jemacht." Er pausierte kurz. "Tja un' wat machich nu mit Dich? Kimmst hier her nech, in unsa Viert'l un' meynste wohl Ägga mach'n zu kenn'n wat?"
"Lechn wa'n um!", tönte eine Männerstimme aus den hinteren Reihen.
"Ers mach'n wa ihm die Tasch'n leer!" Eine Frauenstimme.
"Aye abba ich will sein'n Mant'l."
"Ick haff'n zuerst jeseh'n, dat iss meena!" Eine andere Männerstimme.
"Umlechn sach ick!"
"Ney, keene Lechers in meyn'n Mant'l."
"Deyner? Dat ick nech lach'n tu!"
"Ick hau Dich gleych so lang uffe Fresse bisse lach'n tus Du halbet Jereck! Un' danach weile lachs."
"Sachter der er kaum noch steh'n kann. Komma hier Du Süsswassamatros'n!"
Der Seeräuber vor dem Hünen hob die freie Hand an. Es wurde still.
"Dat sinn allet janz tolle Vorschläche, finnze nich ooch, Jroßa?", meinte er ruhig zum Hünen.
Jener setzte noch zu einer Erwiderung an, als sich aus den hinteren Reihen ein Schuß löste. Sofort drückten alle anderen mit ab. Von Dutzenden von Kugeln getroffen zuckte der Körper des Hünen umher, drehte sich halb und flog sich noch immer drehend gegen ein Fenster, hindurch und blieb halb darin hängen.
Verärgert sah der Seefahrer sich in der Taverne um.
"Wer hattn hier wat vun schieß'n jesacht? Dat jute Pulva."
Die Piraten sahen einander an, bis ihr Blick auf einen fiel, der mit dem Kopf auf dem Tisch trotz des Lärmes seelig seinen Rausch ausschlief. Die Pistole in seiner Hand qualmte.
Erst lachte einer von ihnen, dann noch einer, bis alle in das Gelächter mit einstimmten. Schon machten sich die ersten daran, die Leiche zu fleddern und dann ganz nach draußen zu schmeißen.
Vor der Taverne zuckte der Kumpan des Hünen merklich zusammen als er die Schüsse in der Taverne hörte und noch mehr als er sah wie jener durch das Fenster barst. Er hatte doch gesagt, daß es keine gute Idee war, hierher zu kommen. Man hätte warten sollen, bis die Spielfrau das Viertel verlassen hatte. Aber Geduld war noch nie des Großen Stärke gewesen.
Sich rasch umsehend nahm er die Beine in die Hand. Hier wollte er nicht länger verbleiben.
Nur ein Haus weiter lungerte sie hinter der Ecke. Es war nicht schwierig gewesen, sich im Pulverdampf durch den Hinterausgang zu verabschieden, nachdem sie dem schlafenden Piraten dessen Pistole in die Hand gedrückt hatte. Dieselbe Pistole mit der sie erst kurz davor in den Fußboden geschossen hatte.
Sie lauschte den rasch näher kommenden Schritten und schob im rechten Moment den linken Fuß vor. Der Mann fiel zu Boden, seinen Fall noch mit den Händen aufhaltend, aber nur kurz, dann traf ihre Flasche ihn am Hinterkopf und schickte ihn ins Reich der Träume.
Sie drehte ihn auf den Rücken, entkorkte die Flasche und schüttete ihm den gesamten Inhalt in den Mund, wo die beißende Flüssigkeit sich ihren Weg die Speise- und vor allem die Luftröhre hinab bahnte. Sich noch einmal umsehend hob sie den Mann hoch, trug ihn zum Kai und warf ihn dort ins Wasser.
Dann zückte sie ein Messer und begab sich gen Taverne. Sie hatte noch etwas zu erledigen.
Am nächsten Morgen fand man wie schon so häufig Tote im Hafenviertel. Der eine trieb leblos im Hafenbecken, der andere lag von unzähligen Kugeln durchsiebt auf dem Müll. Zusätzlich zu der Vielzahl der Einschüsse mochte verwirren, daß dem sonst intakten Kopf beide Augen entfernt wurden. In die Stirn wurde posthum wie man anhand der kaum vorhandenen Blutung und fehlenden Heilung eine "1" geritzt.