Man erzählt sich am Feuerschein...
Verfasst: Sonntag 25. November 2007, 17:24
Ein leises Knistern ging von der Feuerstelle aus. Obwohl der Raum von angenehmer Wärme erfüllt war, zog die alte Frau ihr wollendes Tuch ein wenig fester um die Schulter. Sie tat dies mehr aus Gewohnheit, denn um Kälte abzuwehren. Ihr Blick glitt durch den Raum. Hinten spülte ihre Schwiegertochter die Suppenschalen, ihr Sohn saß auf seinem Schemel und schnitzte an einer der Figuren, die er auf den Märkten des Landes feilbot. Zu ihren Füßen hatten die Kinder sich in einem Halbkreis niedergelassen und schauten erwartungsvoll zu ihr auf.
"Eine Geschichte also?" fragte sie sachte lächelnd. Natürlich war ihr die Antwort bekannt, doch leitete diese Frage ein allabendliches Ritual ein, das der ganzen Familie ein wohliges Gefühl des Miteinanders vermittelte.
Schon nickten die Kinder eifrig und auch ihr Sohn -Vater von drei Mädchen und vier Buben und doch selber immer Kind geblieben- legte sein Schnitzwerk beiseite.
"Und welche wollt ihr hören?"
Ihr Blick glitt über die Gesichter und bei ihrem zweitjüngsten Enkel blieb er schließlich haften. Der unausgesprochenen Aufforderung sofort folgend, platzte er förmlich heraus: "Erzähl uns von Marie!"
Sofort nickten wieder sieben kleine und ein großer Kopf.
"Von Marie also. Nun gut. So hört, was ihr geschah..."
Die Alte zog das Tuch noch ein wenig fester und begann ihre Geschichte:
Einst, vor langer langer Zeit, lebte nicht weit von hier ein Mädchen. Ihr Name war Marie. Ihre Eltern waren früh von einer Krankheit dahingerafft worden und so kam es, dass Marie auf einem Bauernhof als Magd dienen musste, um ihr täglich Brot zu verdienen. Sie war recht zufrieden mit ihrer Anstellung, hatte sie doch einen vernünftigen Lohn und durfte zudem in einer kleinen Kammer wohnen, die sie stolz ihr Reich nannte.
Trotz ihres Verlustes hatte sie ein sonniges Gemüt, lachte oft und hatte für jeden Menschen ein freundliches Wort.
Doch eines Tages veränderte sie sich. Ihr Lächeln verschwandt und die sonst so lebenslustige Marie und wurde still und menschenscheu. Immer wieder fragten die guten Bauersleute, was denn mit ihr sei, doch sie wich Fragen geschickt aus, verweigerte jede Antwort. Die Leute wussten sich keinen Rat und so ließ man sie schließlich einfach in Ruhe. Wahrscheinlich war es das Alter. Diese jungen Leute werden immer seltsamer, dachten sie die Bauersleut.
Doch niemand ahnte die Wahrheit. Niemand konnte die Verzweiflung in Maries Augen erkennen. Und wenn Marie es ihnen verraten hätte, ihren Worten hätte niemand glauben geschenkt. Das wusste sie und so schwieg sie.
Die Großmutter machte eine bedeutungsvolle Pause. Alle Augenpaare waren gebannt zu ihr gerichtet, auch ihre Schwiegertochter hatte mittlerweile ihr Nähzeug genommen und sich niedergelassen. Wenn man sie alle so sah, hätte man denken können, sie hörten etwas vollkommen Neues und keine Geschichte, die der Volksmund wieder und wieder erzählte. Ein Schlückchen Wasser, dann fuhr sie fort.
Am Ende der Straße, in einem der wenigen Steinhäuser des Dorfes, lebte der Kaufmann. Ein reicher Mann, immer in teure Pelze gewandet, an seinem Hals hing eine Goldkette und er trug sogar einen Ring mit einem echten Edelstein! Jede Woche ließ er sich vom Bauernhof Waren liefern: Eier und Gemüse, hin und wieder ein paar Sack Mehl.
Wie so oft war Marie mit ihrem Weidekorb zu seinem Anwesen gegangen. Doch an jenem Tag hatte er sie nicht gleich wieder weggeschickt. Unter einem Vorwand hatte er sie in die Stube gelockt. Dort hatte er erst versucht ihre Gunst zu erwerben, doch als die scheiterte... nun, da hat er ihr weh getan. Anschließend drohte er unserer Marie. So sie auch nur ein Wort sagen würde, käme sie das teuer zu stehen. Als er dies aussprach, wusste Marie bereits, dass er recht hatte.
Die junge Frau litt fürchterlich. Des Nachts sah sie immer wieder das Gesicht des Kaufmannes und wenn sie ihm auf der Straße begegnete, gefrohr ihr das Blut in den Adern.
Eines Nachts, als der Mond hell ihre Kammer erleuchtete und Marie wieder kein Auge zutun konnte, schlich sie sich in den Wald. Sie wanderte zu dem kleinen Bach und ließ sich dort ins Gras sinken. Das leise Plätschern des Wassers und das sanfte Rascheln der Baumkronen wirkte wie eine wohltuende Melodie. Es war, als säße ihre Mutter bei ihr, als warte sie leise summend darauf, dass Marie ihren Kummer berichten würde. Ohne wirklich darüber nachzudenken, begann Marie zu sprechen. Leise, kaum mehr als ein Flüstern. Sie erzählte, fasste Schmerz und Kummer in Worte, sprach ihre Angst aus. Nachdem sie geendet hatte, war ihr ein wenig leichter ums Herz, doch Marie wusste, dies würde nicht von Dauer sein. Schon begannen die Grübeleien auf ein Neues.
Dann, ein leises Knacken, das Brechen eines Zweiges unter einem Fuß.
Marie wirbelte herum und starrte auf die dunkle Wand aus Bäumen und Strauchwerk, suchte nach dem Auslöser, auf den Lippen ein stummes Gebet, einen Hirsch zu erblicken.
Ihre Augen richteten sich auf einen Busch, der sich unter leisem Rascheln teilte, dann trat eine alte Frau in das silberne Mondlicht. Marie schnappte nach Luft, starrte die Alte an, unfähig ein Wort zu sagen. Panik presste ihr die Kehle zu. Die Frau hob beruhigend die Hände und machte einen langsamen Schritt auf Marie zu.
"Ruhig, Kind. Hab keine Angst." Trotz der sanften Stimme, dem milden Tonfall wich Marie ein wenig nach hinten.
"Sieh mich an, Mädchen. Ich bin alt, ich bin dürr. Glaubst du wirklich, ich sei eine Gefahr. Komm, setz dich wieder."
Marie musterte die Frau unsicher. Sie war von dürrer Gestalt, der Rücken von den Jahren bereits gebeugt. Unter dem dunklen Tuch hatten sich ein paar silberweiße Haarsträhnen gelöst und fielen wirr an ihrem Gesicht entlang auf die Schultern. Die Haut war faltig, doch trotz allem strahlten ihre Augen, wie einst die von Marie. Nun stellte die Alte ihren Korb ab, in dem Marie ein paar Wurzeln und Pflanzen erkennen konnte und ließ sich auf einem Baumstumpf nieder.
Zögerlich sank Marie wieder in das Gras. Schweigend blickten die beiden Frauen auf den kleinen Bach, beobachteten, wie das Wasser seinen Weg ging.
Die Stimme der Frau war leise und doch war es Marie, als würden sie ihren ganzen Kopf erfüllen, als diese schließlich die Stille durchschnitt: "Geh nun Heim, Marie. Du musst schlafen Kind. Deine ganze Energie wirst du brauchen. Morgen, wenn der erste Strahl der Sonne den Tag ankündigt, nimm dir einen Besen. Kehre deine Stube und mit dem Staub kehre deinen Kummer hinaus. Über deine Türe hänge einen Zweig weißen Flieders. Sein Duft wird dir neuen Auftrieb schenken. Aber verliere zu niemandem ein Wort. Dies hier hat nie stattgefunden, hörst du?"
Bei ihren letzten Worten löste die Alte schließlich ihren Blick von dem Bach und starrte Marie eindringlich an. Irgend etwas in diesen Augen ließ Marie wortlos aufstehen und nach einem kurzen Nicken ihren Heimweg antreten. Woher die Frau ihren Namen kannte, was diese seltsamen Worte zu bedeuten hatten... all das war auf einmal unwichtig.
Erneut unterbrach die Großmutter ihre Erzählung, um ihre Kehle ein wenig zu befeuchten.
Marie tat, wie ihr geheißen. Als sie aber den Zweig aufhing und der Duft des Flieders in ihre Nase stieg, war es, als könnte sie das erste Mal wieder richtig amten. Zwar lag ihre Sorge immer noch schwer auf ihren Schultern, doch nahm sie das erste Mal wieder das leise Zwitschern der Vögel war. Der Tag verging und auch der nächste war nicht erwähnenswert. Dann aber, zwei Nächte nach dem sonderbaren Treffen, bei dem Marie schon dachte, es sei ein Traum, gellte in den frühen Morgenstunden ein markerschütternder Schrei durch die Straße. Einen Moment herrschte Stille, dann rannte die alte Haushälterin des Kaufmannes hysterisch kreischend auf der Straße entlang. Sofort stürmten Männer herbei, hielten sie und verzweifelten fast daran, aus ihr ein vernünftiges Wort heraus zu bekommen. Immer wieder stammelte sie wirres Zeug. Marie verstand nur "der Herr" und "Schemel". Der Rest ging in dem Geschluchze der Frau unter. Der Schmied schließlich stappfte in das Haus, um den Auslöser herauszufinden. Als er heraus kam, war er kreidebleich im Gesicht, dann schob die Bäuerin Marie in die Küche zurück.
Am Abend wurde die Leiche des Kaufmannes zur Feuerstelle getragen, um seine Seele dem Feuer zu übergeben. Er hatte ein Buch aus dem obersten Regal ziehen wollen und war auf einen Schemel gestiegen. Dieser hatte das gewaltige Gewicht nicht tragen können. Bei dem Sturz hatte er sich das Genick gebrochen.
Marie stand mit allen anderen Dorfbewohnern am Straßenrand. Einen letzten Blick wollte sie noch auf ihren Peiniger werfen. Dann, als man ihn an ihr vorbeitrug, stockte ihr einen Moment der Atem. Auf seiner Brust, zwischen die starren Finger geklemmt, ruhte ein Zweig weißen Flieders.
Kaum war der Mond am Himmel erschienen, huschte Marie aus ihrer Stube und machte sich auf den Weg in den Wald. Sie blieb, bis fast die Sonne aufging, doch nichts geschah. Auch in den folgenden Nächten tat sich nichts. Einige Nächte blieb Marie im Bett, doch als der Mond wieder eine volle Kugel war, versuchte sie es erneut. Die Lichtung war in silbernes Licht getaucht, so konnte Marie auf den ersten Blick sehen, dass sie alleine war. Leise seufzend wollte sie sich schon abwenden, als sie den Zweig erblickte. Weißer Flieder. Das konnte kein Zufall sein. Behutsam nahm sie ihn an sich, drückte ihn an die Nase und genoß den Duft der Blüten. Dann erst sah sie die kleine Pergamentrolle, kaum länger als ihr Daumen. Behutsam rollte sie es auf und las die Zeilen. Kaum damit fertig, zerfiel das Schreiben zu Staub. Kein großer Knall, kein Rauch, kein Funkeln. Es zerbröstelte einfach in ihren Fingern.
Die Jahre vergingen. Marie lernte wieder zu lachen. Ein junger Mann trat in ihr Leben, schenkte ihr viele glückliche und wenig traurige Stunden. Die Krönung ihrer Liebe war eine kleine Tochter, die unter der liebevollen Führung ihrer Eltern zu einer schmucken jungen Frau heranwuchs.
Marie wurde Großmutter und schließlich Witwe.
Irgendwann war dann auch ihre Zeit auf dieser Welt dem Ende nahe gekommen. Sie versammelte ihre Lieben und nahm einzeln Abschied. Dann schickte sie alle hinaus. Nur ihre Tochter wollte sie bei sich haben.
"Nimm dir einen Stuhl, mein Kind", flüsterte Marie.
"Bitte, Mutter, nicht sprechen, du musst dich schonen..."
Marie schnaubte ärgerlich. "Still, Kind. Meine Zeit ist gekommen. Ich brauche mich nicht zu schonen. Aber ich muss dir noch etwas sagen..."
Und so berichtete sie ihrer Tochter, was zuvor nie ein Mensch erfahren hatte. Als sie geendet hatte, sah sie ihrem einzigen Kind fest ins Gesicht. Ein Atemzug und noch einer, dann fuhr sie fort.
So du jemals in Not bist, so großer Not, dass nichts und niemand auf dieser Welt dich mehr retten kann, wenn dein Herz zugeschnürt ist vor Sorge und Kummer, gehe im Morgengrauen in den Sumpf und schneide mit einem Dolch eine Blume der Dotterblume. Trockne sie behutsam, sie darf nicht beschädigt werden. Am nächsten Vollmond nimm einen Spiegel und lege einen Bogen Pergament darauf. Mit dunkler Tinte schreibe deine Sorgen auf. Unterschreibe mit deinem vollen Namen und träufle einen Tropfen Blut aus deinem linken Ringfinger darauf. Lasse alles trocken, dann rolle das Pergament und stecke es in einen Beutel aus Ziegenleder. Schnüre diesen mit einer blauen Kordel. Dann nimm eine Kerze aus Bienenwachs und zünde sie an. Gib etwas Wachs davon auf die Stelle, wo die Enden der Kordel zusammentreffen. Nun drücke die Blüte der getrockneten Blume in den Wachs. Dann schließe die Augen und sage folgenden Spruch:
Mit dem Schnitt der Dotterblume
schon erwacht die Hexenmuhme.
Dunkle Schrift auf spiegelnd Grund
tut der Alten Sorge kund.
Tropft darauf dein frisches Blut,
weckst du alter Mächte Glut.
Wenn das Bienenwachs heiß siegelt,
sie ihr Hexenross frisch strigelt.
Ist das Band noch angebracht,
fliegt die Hexe durch die Nacht.
Im vollen Mond die Eiche knarrt
donnernd, wenn die Hexe naht.
Mit dem nächsten Hahnenschrei
ist der ganze Spuk vorbei.
Doch, wenn du die Zeichen liest
und befolgst, du Wirkung siehst...
Nun mache dich schweigend auf den Weg. Suche die Donnereiche und binde an ihre Äste den Beutel. Dazu musst du ein Band aus rotem Leinen nehmen. Dann drehe dich um und und gehe schweigend nach Hause. Sieh nicht zurück, egal, was geschieht.
Daheim zünde die Kerze an und lege dich schlafen.
Doch sei gewarnt. Tue es niemals leichtfertig. Die Mächte, die du um Hilfe bittest sind stark. Sie sind grausam und wenn du sie missbrauchen willst, werden sie dich hart strafen....
Ein heftiger Hustenanfall ließ Marie unterbrechen. Ihre Tochter hielt ihre Hand, doch als Marie wieder zu Atem kam, konnte sie noch immer das Erstaunen ihrer Tochter in deren Augen lesen. Sie versuchte noch etwas zu sagen, doch diese Kraft fehlte. So begnügte sie sich, ihre Tochter aus liebevollen Augen anzusehen, ehe sie die Augen für immer schloss.
Die Großmutter atmete tief durch. Diese Geschichte wurde allmählich zu lang für sie. Aber dieses ergriffene Funkeln in den Augen ihrer Enkel war die Anstrengung wert. Aus dem Augenwinkel erkannte sie, dass ihre Schwiegertochter sich eine Träne fortwischte.
"Sag Großmutter, gibt es wirklich Hexen?" Es war ihre jüngste Enkeltochter. Ein mildes Lächeln umspielte die Lippen der Alten.
"Wer weiß? Ich habe es nie gewagt, es zu versuchen. Doch munkelt man von einem Freund meines Vetters, der... aber das ist eine andere Geschichte...."
"Eine Geschichte also?" fragte sie sachte lächelnd. Natürlich war ihr die Antwort bekannt, doch leitete diese Frage ein allabendliches Ritual ein, das der ganzen Familie ein wohliges Gefühl des Miteinanders vermittelte.
Schon nickten die Kinder eifrig und auch ihr Sohn -Vater von drei Mädchen und vier Buben und doch selber immer Kind geblieben- legte sein Schnitzwerk beiseite.
"Und welche wollt ihr hören?"
Ihr Blick glitt über die Gesichter und bei ihrem zweitjüngsten Enkel blieb er schließlich haften. Der unausgesprochenen Aufforderung sofort folgend, platzte er förmlich heraus: "Erzähl uns von Marie!"
Sofort nickten wieder sieben kleine und ein großer Kopf.
"Von Marie also. Nun gut. So hört, was ihr geschah..."
Die Alte zog das Tuch noch ein wenig fester und begann ihre Geschichte:
Einst, vor langer langer Zeit, lebte nicht weit von hier ein Mädchen. Ihr Name war Marie. Ihre Eltern waren früh von einer Krankheit dahingerafft worden und so kam es, dass Marie auf einem Bauernhof als Magd dienen musste, um ihr täglich Brot zu verdienen. Sie war recht zufrieden mit ihrer Anstellung, hatte sie doch einen vernünftigen Lohn und durfte zudem in einer kleinen Kammer wohnen, die sie stolz ihr Reich nannte.
Trotz ihres Verlustes hatte sie ein sonniges Gemüt, lachte oft und hatte für jeden Menschen ein freundliches Wort.
Doch eines Tages veränderte sie sich. Ihr Lächeln verschwandt und die sonst so lebenslustige Marie und wurde still und menschenscheu. Immer wieder fragten die guten Bauersleute, was denn mit ihr sei, doch sie wich Fragen geschickt aus, verweigerte jede Antwort. Die Leute wussten sich keinen Rat und so ließ man sie schließlich einfach in Ruhe. Wahrscheinlich war es das Alter. Diese jungen Leute werden immer seltsamer, dachten sie die Bauersleut.
Doch niemand ahnte die Wahrheit. Niemand konnte die Verzweiflung in Maries Augen erkennen. Und wenn Marie es ihnen verraten hätte, ihren Worten hätte niemand glauben geschenkt. Das wusste sie und so schwieg sie.
Die Großmutter machte eine bedeutungsvolle Pause. Alle Augenpaare waren gebannt zu ihr gerichtet, auch ihre Schwiegertochter hatte mittlerweile ihr Nähzeug genommen und sich niedergelassen. Wenn man sie alle so sah, hätte man denken können, sie hörten etwas vollkommen Neues und keine Geschichte, die der Volksmund wieder und wieder erzählte. Ein Schlückchen Wasser, dann fuhr sie fort.
Am Ende der Straße, in einem der wenigen Steinhäuser des Dorfes, lebte der Kaufmann. Ein reicher Mann, immer in teure Pelze gewandet, an seinem Hals hing eine Goldkette und er trug sogar einen Ring mit einem echten Edelstein! Jede Woche ließ er sich vom Bauernhof Waren liefern: Eier und Gemüse, hin und wieder ein paar Sack Mehl.
Wie so oft war Marie mit ihrem Weidekorb zu seinem Anwesen gegangen. Doch an jenem Tag hatte er sie nicht gleich wieder weggeschickt. Unter einem Vorwand hatte er sie in die Stube gelockt. Dort hatte er erst versucht ihre Gunst zu erwerben, doch als die scheiterte... nun, da hat er ihr weh getan. Anschließend drohte er unserer Marie. So sie auch nur ein Wort sagen würde, käme sie das teuer zu stehen. Als er dies aussprach, wusste Marie bereits, dass er recht hatte.
Die junge Frau litt fürchterlich. Des Nachts sah sie immer wieder das Gesicht des Kaufmannes und wenn sie ihm auf der Straße begegnete, gefrohr ihr das Blut in den Adern.
Eines Nachts, als der Mond hell ihre Kammer erleuchtete und Marie wieder kein Auge zutun konnte, schlich sie sich in den Wald. Sie wanderte zu dem kleinen Bach und ließ sich dort ins Gras sinken. Das leise Plätschern des Wassers und das sanfte Rascheln der Baumkronen wirkte wie eine wohltuende Melodie. Es war, als säße ihre Mutter bei ihr, als warte sie leise summend darauf, dass Marie ihren Kummer berichten würde. Ohne wirklich darüber nachzudenken, begann Marie zu sprechen. Leise, kaum mehr als ein Flüstern. Sie erzählte, fasste Schmerz und Kummer in Worte, sprach ihre Angst aus. Nachdem sie geendet hatte, war ihr ein wenig leichter ums Herz, doch Marie wusste, dies würde nicht von Dauer sein. Schon begannen die Grübeleien auf ein Neues.
Dann, ein leises Knacken, das Brechen eines Zweiges unter einem Fuß.
Marie wirbelte herum und starrte auf die dunkle Wand aus Bäumen und Strauchwerk, suchte nach dem Auslöser, auf den Lippen ein stummes Gebet, einen Hirsch zu erblicken.
Ihre Augen richteten sich auf einen Busch, der sich unter leisem Rascheln teilte, dann trat eine alte Frau in das silberne Mondlicht. Marie schnappte nach Luft, starrte die Alte an, unfähig ein Wort zu sagen. Panik presste ihr die Kehle zu. Die Frau hob beruhigend die Hände und machte einen langsamen Schritt auf Marie zu.
"Ruhig, Kind. Hab keine Angst." Trotz der sanften Stimme, dem milden Tonfall wich Marie ein wenig nach hinten.
"Sieh mich an, Mädchen. Ich bin alt, ich bin dürr. Glaubst du wirklich, ich sei eine Gefahr. Komm, setz dich wieder."
Marie musterte die Frau unsicher. Sie war von dürrer Gestalt, der Rücken von den Jahren bereits gebeugt. Unter dem dunklen Tuch hatten sich ein paar silberweiße Haarsträhnen gelöst und fielen wirr an ihrem Gesicht entlang auf die Schultern. Die Haut war faltig, doch trotz allem strahlten ihre Augen, wie einst die von Marie. Nun stellte die Alte ihren Korb ab, in dem Marie ein paar Wurzeln und Pflanzen erkennen konnte und ließ sich auf einem Baumstumpf nieder.
Zögerlich sank Marie wieder in das Gras. Schweigend blickten die beiden Frauen auf den kleinen Bach, beobachteten, wie das Wasser seinen Weg ging.
Die Stimme der Frau war leise und doch war es Marie, als würden sie ihren ganzen Kopf erfüllen, als diese schließlich die Stille durchschnitt: "Geh nun Heim, Marie. Du musst schlafen Kind. Deine ganze Energie wirst du brauchen. Morgen, wenn der erste Strahl der Sonne den Tag ankündigt, nimm dir einen Besen. Kehre deine Stube und mit dem Staub kehre deinen Kummer hinaus. Über deine Türe hänge einen Zweig weißen Flieders. Sein Duft wird dir neuen Auftrieb schenken. Aber verliere zu niemandem ein Wort. Dies hier hat nie stattgefunden, hörst du?"
Bei ihren letzten Worten löste die Alte schließlich ihren Blick von dem Bach und starrte Marie eindringlich an. Irgend etwas in diesen Augen ließ Marie wortlos aufstehen und nach einem kurzen Nicken ihren Heimweg antreten. Woher die Frau ihren Namen kannte, was diese seltsamen Worte zu bedeuten hatten... all das war auf einmal unwichtig.
Erneut unterbrach die Großmutter ihre Erzählung, um ihre Kehle ein wenig zu befeuchten.
Marie tat, wie ihr geheißen. Als sie aber den Zweig aufhing und der Duft des Flieders in ihre Nase stieg, war es, als könnte sie das erste Mal wieder richtig amten. Zwar lag ihre Sorge immer noch schwer auf ihren Schultern, doch nahm sie das erste Mal wieder das leise Zwitschern der Vögel war. Der Tag verging und auch der nächste war nicht erwähnenswert. Dann aber, zwei Nächte nach dem sonderbaren Treffen, bei dem Marie schon dachte, es sei ein Traum, gellte in den frühen Morgenstunden ein markerschütternder Schrei durch die Straße. Einen Moment herrschte Stille, dann rannte die alte Haushälterin des Kaufmannes hysterisch kreischend auf der Straße entlang. Sofort stürmten Männer herbei, hielten sie und verzweifelten fast daran, aus ihr ein vernünftiges Wort heraus zu bekommen. Immer wieder stammelte sie wirres Zeug. Marie verstand nur "der Herr" und "Schemel". Der Rest ging in dem Geschluchze der Frau unter. Der Schmied schließlich stappfte in das Haus, um den Auslöser herauszufinden. Als er heraus kam, war er kreidebleich im Gesicht, dann schob die Bäuerin Marie in die Küche zurück.
Am Abend wurde die Leiche des Kaufmannes zur Feuerstelle getragen, um seine Seele dem Feuer zu übergeben. Er hatte ein Buch aus dem obersten Regal ziehen wollen und war auf einen Schemel gestiegen. Dieser hatte das gewaltige Gewicht nicht tragen können. Bei dem Sturz hatte er sich das Genick gebrochen.
Marie stand mit allen anderen Dorfbewohnern am Straßenrand. Einen letzten Blick wollte sie noch auf ihren Peiniger werfen. Dann, als man ihn an ihr vorbeitrug, stockte ihr einen Moment der Atem. Auf seiner Brust, zwischen die starren Finger geklemmt, ruhte ein Zweig weißen Flieders.
Kaum war der Mond am Himmel erschienen, huschte Marie aus ihrer Stube und machte sich auf den Weg in den Wald. Sie blieb, bis fast die Sonne aufging, doch nichts geschah. Auch in den folgenden Nächten tat sich nichts. Einige Nächte blieb Marie im Bett, doch als der Mond wieder eine volle Kugel war, versuchte sie es erneut. Die Lichtung war in silbernes Licht getaucht, so konnte Marie auf den ersten Blick sehen, dass sie alleine war. Leise seufzend wollte sie sich schon abwenden, als sie den Zweig erblickte. Weißer Flieder. Das konnte kein Zufall sein. Behutsam nahm sie ihn an sich, drückte ihn an die Nase und genoß den Duft der Blüten. Dann erst sah sie die kleine Pergamentrolle, kaum länger als ihr Daumen. Behutsam rollte sie es auf und las die Zeilen. Kaum damit fertig, zerfiel das Schreiben zu Staub. Kein großer Knall, kein Rauch, kein Funkeln. Es zerbröstelte einfach in ihren Fingern.
Die Jahre vergingen. Marie lernte wieder zu lachen. Ein junger Mann trat in ihr Leben, schenkte ihr viele glückliche und wenig traurige Stunden. Die Krönung ihrer Liebe war eine kleine Tochter, die unter der liebevollen Führung ihrer Eltern zu einer schmucken jungen Frau heranwuchs.
Marie wurde Großmutter und schließlich Witwe.
Irgendwann war dann auch ihre Zeit auf dieser Welt dem Ende nahe gekommen. Sie versammelte ihre Lieben und nahm einzeln Abschied. Dann schickte sie alle hinaus. Nur ihre Tochter wollte sie bei sich haben.
"Nimm dir einen Stuhl, mein Kind", flüsterte Marie.
"Bitte, Mutter, nicht sprechen, du musst dich schonen..."
Marie schnaubte ärgerlich. "Still, Kind. Meine Zeit ist gekommen. Ich brauche mich nicht zu schonen. Aber ich muss dir noch etwas sagen..."
Und so berichtete sie ihrer Tochter, was zuvor nie ein Mensch erfahren hatte. Als sie geendet hatte, sah sie ihrem einzigen Kind fest ins Gesicht. Ein Atemzug und noch einer, dann fuhr sie fort.
So du jemals in Not bist, so großer Not, dass nichts und niemand auf dieser Welt dich mehr retten kann, wenn dein Herz zugeschnürt ist vor Sorge und Kummer, gehe im Morgengrauen in den Sumpf und schneide mit einem Dolch eine Blume der Dotterblume. Trockne sie behutsam, sie darf nicht beschädigt werden. Am nächsten Vollmond nimm einen Spiegel und lege einen Bogen Pergament darauf. Mit dunkler Tinte schreibe deine Sorgen auf. Unterschreibe mit deinem vollen Namen und träufle einen Tropfen Blut aus deinem linken Ringfinger darauf. Lasse alles trocken, dann rolle das Pergament und stecke es in einen Beutel aus Ziegenleder. Schnüre diesen mit einer blauen Kordel. Dann nimm eine Kerze aus Bienenwachs und zünde sie an. Gib etwas Wachs davon auf die Stelle, wo die Enden der Kordel zusammentreffen. Nun drücke die Blüte der getrockneten Blume in den Wachs. Dann schließe die Augen und sage folgenden Spruch:
Mit dem Schnitt der Dotterblume
schon erwacht die Hexenmuhme.
Dunkle Schrift auf spiegelnd Grund
tut der Alten Sorge kund.
Tropft darauf dein frisches Blut,
weckst du alter Mächte Glut.
Wenn das Bienenwachs heiß siegelt,
sie ihr Hexenross frisch strigelt.
Ist das Band noch angebracht,
fliegt die Hexe durch die Nacht.
Im vollen Mond die Eiche knarrt
donnernd, wenn die Hexe naht.
Mit dem nächsten Hahnenschrei
ist der ganze Spuk vorbei.
Doch, wenn du die Zeichen liest
und befolgst, du Wirkung siehst...
Nun mache dich schweigend auf den Weg. Suche die Donnereiche und binde an ihre Äste den Beutel. Dazu musst du ein Band aus rotem Leinen nehmen. Dann drehe dich um und und gehe schweigend nach Hause. Sieh nicht zurück, egal, was geschieht.
Daheim zünde die Kerze an und lege dich schlafen.
Doch sei gewarnt. Tue es niemals leichtfertig. Die Mächte, die du um Hilfe bittest sind stark. Sie sind grausam und wenn du sie missbrauchen willst, werden sie dich hart strafen....
Ein heftiger Hustenanfall ließ Marie unterbrechen. Ihre Tochter hielt ihre Hand, doch als Marie wieder zu Atem kam, konnte sie noch immer das Erstaunen ihrer Tochter in deren Augen lesen. Sie versuchte noch etwas zu sagen, doch diese Kraft fehlte. So begnügte sie sich, ihre Tochter aus liebevollen Augen anzusehen, ehe sie die Augen für immer schloss.
Die Großmutter atmete tief durch. Diese Geschichte wurde allmählich zu lang für sie. Aber dieses ergriffene Funkeln in den Augen ihrer Enkel war die Anstrengung wert. Aus dem Augenwinkel erkannte sie, dass ihre Schwiegertochter sich eine Träne fortwischte.
"Sag Großmutter, gibt es wirklich Hexen?" Es war ihre jüngste Enkeltochter. Ein mildes Lächeln umspielte die Lippen der Alten.
"Wer weiß? Ich habe es nie gewagt, es zu versuchen. Doch munkelt man von einem Freund meines Vetters, der... aber das ist eine andere Geschichte...."