Die Weise der welkenden Lilie (Caoimhe van Lilienhayn)
Verfasst: Samstag 24. November 2007, 16:21
Der Abschied – Erinnerungen
Seltsam leer, beinahe schon melancholisch einsam gähnte das offene Tor in die matschige, halbgefrorene Straße hinein, welche hinter den dicken Trutzmauern aus Sandstein und Lehm lag. Unbewusst fuhr die kleine, knochige Hand über das massive Eichenholz der Torflügel, welche einst in lebendigem Dunkelbraun mit den kupfernen Scharnieren um die Wette glänzten. Jetzt hatten Kälte und Witterung dünne Risse in das alte Holz gesprengt und die verbündete Macht von Regen und Sonne vermachte dem Tor seinen jetzigen, ausgebleichten Graustich, den nur das Moos mit einigen Grünflecken gnädig aufzuhellen versuchte. So viele Jahre hatte dieses alte Burgtor gesehen, unzählige Massen von Menschen waren im Laufe der Zeit hindurchgeschritten, geritten und, in edlen Kutschen, gefahren. Einige hatte es im Inneren der Burg aufgenommen, andere in die weite Welt ziehen lassen und nie wieder zurückkommen sehen.
Den letzten Abschied hatte das knarrende Tor erst vor wenigen Augenblicken erlebt und obwohl nur noch die Radspuren und Hufabdrücke im lockeren Erdboden von dem Auszug der jungen Herrin Muireall van Lilienhayn kündete, so spähte das noch immer offene Tor dem nunmehr leeren Pfad hinab ins Tal entlang.
Neben dem alten Burgtor, die bleiche Hand noch immer sanft auf dem Holz ruhend, blickte noch eine weitere Gestalt wortlos und nachdenklich in die vorwinterliche Landschaft des Gutes Lilienhayn.
Hellgrüne, große Augen, die Sehnsucht nach dem Frühling in der Seele weckten, wanderten blicklich über die Straße, stockten kurz bei einem Haselästchen, an dem eine dünne Strähne rotgüldenes Haar im Winde wehte und lugte dann wieder ins Tal herab. Längst war der Zug im feinen Herbstnebel verschwunden und auch das Kutschradrattern sowie Hufgeklapper drang nicht mehr bis zur Burg hinauf, dennoch verhielt sich die kleine Gestalt stoisch ruhig und abwartend, während die Gedanken auf Reisen geschickt wurden.
Zuerst hatte ihr hoher Herr Vater den Bruder ausgesandt, war es doch in seinen Augen eine Schande, dass über die letzten Jahre keiner der van Lilienhayns dem Alka nahe genug zur Seite stand und die Waffe tapfer im letzten Krieg hatte schwingen können. Sobald die schulische Ausbildung des Sohnes vollendet war, hatte Adhamh van Lilienhayn nicht gezögert und den Erstgeborenen nach Rahal geschickt um dort den alten Familiennamen, der Lilie gleich, wieder majestätisch aufblühen zu lassen. Mit Stolz hatte er nur wenige Mondläufe später den Fortschritt seiner älteren Tochter im Umgang mit dem Schwerte beobachtet. Er hatte schon immer geahnt, nein gewusst, dass seine Erziehung und die Kraft, welche der Panther ihrem noblen Hause zukommen ließ, nur Kinder hervorbringen konnte, von denen man Großes erwarten musste.
Muireall würde er als nächstes entsenden, auch wenn sie doch erst in einigen Wochen das einundzwanzigste Jahr erreichen sollte. Ihr Wille, ihre Fähigkeit und nicht zuletzt der brennende Ehrgeiz verlangten nach einem besseren Lehrmeister, als es ihr der alternde Schwertmeister der Burg war. Sein jüngerer Bruder Airleas hatte geprahlt, dass er seine Älteste eines Tages in die Obhut eines Ritters des Einen geben würde… ein fast schadenfrohes, wenngleich sehr kurzes, kaltes Lächeln erhellte die Adhamhs Züge – nun würde Muireall wohl vor Fainne diesen Weg beschreiten, wenn er sie nur rasch genug losschickte…
… und so war der Tag gekommen, an dem nur noch eines seiner Kinder an die Burg gebunden war und dieses eine, seine Jüngste, Caoimhe van Lilienhayn, würde wohl nie in den kriegerischen Dienst unter der Pranke Alatars treten können.
<< Fast einen Mondlauf zu früh, im Spätherbst, so wie jetzt, erblickte das Kind vor sechzehn Jahren das Licht der Welt im dunklen Glanze des Panthers. Doch ach, kein kräftiger Schrei drang von den fast bläulichen Lippen und nur matt hob und senkte sich die dürre Brust des Babys, unter deren heller Haut man die Rippenknochen hervorstehen konnte.
„Der Eine muss mit Euch zürnen, mein Herr, denn Eure hohe Frau Gemahlin hat eine Todgeburt zur Welt gebracht.“, raunte einer seiner Priester. Ein törichter, doppelzüngiger Mann, der wenige Tage später für seine Dreistigkeit aus dem Burghof gejagt wurde. Sie war noch nicht tot. Mit barschem Ton befahl er, dass man ihm das schwächliche, kranke Neugeborene bringen solle. Zögerlich versuchten ihm Hebamme und Mägde zu erklären, dass das Kind in einer zu matten Verfassung sei und die letzten Stunden wohl lieber in einem sauberen, stillen Bettchen verbringen sollte. Erst als er eine von ihnen mit geballten Fäusten schlug, hastete die Weibermeute wimmernd los und brachten ihm wenige Augenblicke später das schlaffe Bündel.
„Lasst mich mit meiner Tochter alleine!“
Diesmal folgten sie seiner Anweisung ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Gutes Personal brauchte eine starke Hand, im wahrsten Sinne des Wortes.
Als sich die prunkvolle Türe zu seinem Ratszimmer geschlossen hatte, blickte er seufzend auf das zitternde, jappsend atmende Kindlein, schüttelte unzufrieden das edle Haupt und trug die Kleine sanft in seinen Armen bis zum einzigen Fenster im Raume. Von dort hatte man einen prächtigen, erhabenen Ausblick in den Burghof und konnte so beobachten, überwachen und agieren. Still hielt er das Kind näher an die etwas milchige Scheibe – echtes Glas, eine wahre Kostbarkeit. Stumm starrten Vater und Tochter in die herbstlich trübe, graue Welt hinaus.
Mitten auf dem Burghof mühte sich ein kleines Mädchen, kaum 5 Jahre alt, die rotgüldenen Haare zu festen Zöpfen geflochten, im Holzschwertkampf gegen einen älteren Jungen ab. Beide Kinder schwitzten trotz der Kälte und man glaubte den keuchenden Atem der beiden bis in das hohe Zimmer zu vernehmen, so entkräftet und überfordert wirkten beide. Dennoch brannte eine Glut in den fliederfarbenen Augen der Kleinen und den des heranwachsenden Knaben. Keiner der beiden dachte auch nur im Ansatz daran, die Waffe zu senken und die Übung zu beenden, ehe man sie dazu aufforderte.
„Sieh genau hin, mein Kind.“, begann der Vater nun zu seinem neugeborenen Kindlein, als könne es ihn vollends verstehen, „Das sind deine Geschwister, wahre Kinder des noblen Hauses van Lilienhayn, echte Streiter des dunklen Panthers. Keiner der beiden würde je verzagen und aufgeben, keiner würde den einen Gott enttäuschen und das Leben, welches seine Mutter gab und er in die rechte Richtung lenkt, verwirken, verstehst du? Caoimhe, du bist mein Fleisch und Blut, deshalb erwarte ich Gehorsam und werde dir dies nur ein einziges Mal sagen: Kämpfe!“ Er schüttelte den kleinen Körper leicht und plötzlich öffnete das Kind die blauen Lippen und gab einen hellen, protestierenden Schrei von sich.
„So ist es richtig.“, raunte er nur und hob das Neugeborene näher, so dass sein großes, edles Gesicht in das kleine, bleiche Antlitz blickte. Ihr beider Augenmerk traf sich für wenige Momente. Helle, grünliche Augen, die wie der junge Frühling strahlten, waren ganz auf den Vater gerichtet und tief in den dunklen Pupillen sah er das Feuer brennen, die Flammen, welche den Kampfgeist der van Lilienhayns entfachten.
Zufrieden nickte er und wusste, seine jüngste Tochter würde nicht sterben, sondern ihren Weg unter dem behütenden Schatten Alatars finden. >>
Ein kalter Windhauch zog vom Tal aus den Berg hinauf und blies das letzte, gefallene Laub vor sich her. Der rotbraune Farbwirbel klatschte feuchtnass gegen die Burgmauer und das alte Eichentor. Mit kaltem, grimmigem Zorn, geboren aus dem ersten Winter, riss die Bö am einfachen Wollkleid und den kupferroten Locken der schmalen, schmächtigen Gestalt im Torbogen. Steif, mit gerader Haltung trotzte diese dem Wind, als gäbe es ein Duell um das Vorrecht an der Burg und hob das noch etwas rundliche, weiche Kinn stolz an. Nur für kurze Zeit funkelte sie so der kühlen Luftwand entgegen, ehe plötzlich etwas im zarten, schwachen Körper zu brechen schien und sie, bebend etwas in sich zusammensank. Die blasse, knochige Hand fand gerade noch Halt an einem der Torscharniere, während die restliche Gestalt, von einem dumpfen, bronchialen Husten geschüttelt, eher gen Boden ging. Der Anfall bog den gesamten Leib wie die Winterbö die jungen, gertenschlanken Bäume. Als der eigene Hustatem von einem hellen, kehligen Pfeifen untermalt war, presste sie die noch freie Hand mit rascher, bestimmender Geste auf die Lippen, zwang sich, ausreichend Luft durch die Nase zu ziehen um einer hysterischen Krampfattacke zu entgehen und schloss für wenige Momente die Augen. Langsam ebbte das Husten an und alsbald drangen Stimmen aus dem Burginneren hinter ihr zu der jungen Frauengestalt heran:
„Junge Herrin?! Ist Euch etwas passiert? Oh, soll ich den hohen Herren rufen?“, Panik in der Weiberstimme, schrill und unangenehm durch das Pochen im Kopfe. Mühsam beherrscht streckte sie die Rückenwirbel durch und zwang sich wieder in eine gerade, beinahe stockartige Haltung. Dann erst löste sie die Finger vom eisernen Scharnier und vollführte einen gebieterischen, einhaltenden Wink.
„Wenn du es auch nur wagst meinen hohen Vater mit einer derartigen Lappalie zu belasten, dann werde ich dafür sorgen, dass du dir diesen Winter einen Schlafplatz in einem der Bettelhäuser der Stadt suchen darfst.“
Sie hatte nicht sehr laut gesprochen und nicht einmal den Ansatz gezeigt sich zur Gesprächspartnerin umzudrehen. Doch der zittrige Unterton in der Frauenstimme hinter ihr, zeigte doch, dass ihre eisigen Drohworte die Wirkung nicht verfehlt hatten.
„Sicher, junge Herrin. Ich werde ihn bestimmt nicht damit belasten, wenn Ihr das nicht wünscht…“, sie stockte wohl, „… jedoch solltet Ihr Euch bald in die Wärme begeben. Es ist so kalt und in Eurem Zustand…“
„SCHWEIG!“, Wut hatte ihre Worte angefacht und Zorn spann den Satz weiter, „Wer bist du, dass du dir anmaßen kannst mich wie ein Kind ins Haus zu schicken? Ich weiß sehr wohl was ich mir wann zumuten kann und du solltest wissen wann es am besten ist, ohne auch nur ein weiteres Widerwort zu verschwinden!“
Ein kurzer, verzweifelter Wimmerlaut drang hinter ihrem Rücken hervor, doch die sich rasch entfernenden Schritte zeugten ein weiteres Mal vom Erfolg der jungen Frau.
Erst als es schon längere Zeit still hinter ihr geworden war, führte sie, nun selbst zitternd, die Hand, welche beim Anfall den Mund geschützt hatte, langsam näher an das Gesicht. Der Herzschlag schien ihr in diesem Moment wahrlich noch im Halse zu erbeben und grässlich lang war die erste Schrecksekunde, ehe sie im Halbdunkel des Abends einen klaren Blick in die bleiche Handfläche hatte.
Wenige und winzige, tiefrote Blutbröckchen malten sich grausam deutlich auf der weißlichen Haut ab und mit geschlossenen Augen tastete sich nach einem Leinentuch der Tasche des Wollkleides, während sie sich zwang tief durchzuatmen. Also hatte sie den unangenehmen süßlich-metallenen Geschmack auf der Zunge richtig gedeutet. Mit dem dröhnenden, keuchigen Husten war einmal wieder noch etwas Lebenssaft aus der Lunge herausgeschleudert worden – es wurde also wieder schlimmer und die Zeit drängte langsam. Nur wie konnte sie ihren Vater jetzt dazu bewegen auch sie ziehen zu lassen, wenn doch gerade erst ihre ältere Schwester den Weg nach Rahal angetreten hatte? Ein beinahe unmögliches und recht unrealistisches Unterfangen, zudem sie nicht vorhatte ihn mit ihrem genaueren Wissen und dem Stande der eigenen Krankheit, der Schwindsucht, zu belasten. Er glaubte noch immer, dass seine Hofärzte und der armselig einfältige Heiler des nächsten Dorfs ihr sowohl gute Lehrer als auch Heilung waren und ahnte nicht, dass sie selbst in den letzten Jahren mehr gelernt hatte, als diese beiden Tölpel zusammen je wissen würden. Es dürstete sie nach einer wahren Ausbildung und ihr letztes bisschen Zeit drängte sie in diese Richtung, doch wie sprach man darüber mit dem Vater ohne ihn zu drängen? Wie nur klärte man ihn über die Versager von Ärzten auf ohne ihm selbst Versagen bezüglich deren Einstellung zu unterstellen? Wie nur…
Schweigend verharrte sie noch wenige Augenblicke am Tor und ließ den Gedanken so lange freien Lauf, bis die Dunkelheit die Umgebung der Festung so sehr in Besitz genommen hatte, dass man kaum noch drei Schritte vom eigenen Standpunkt aus blicken konnte ohne gegen die Nachtschwärze zu prallen. Mit sanftem Seufzen löste sie den Blick von der Straße, welche ihre Schwester mit sich geführt hatte und wendete den steifen Körper der Burg zu. Mit beinahe feenhaft schwere- sowie lautlosen Schritten durchquerte sie den Burghof und wollte schon die Hand an die Türe zu den Hallen legen, als ein leises Geräusch ihre Bewegung stoppte und sie rasch umblicken ließ:
Ein dumpfes, feuchtes Schniefen, untermalt von einem schwach unterdrückten Husten.
Rasch entdeckten die hellen Augen einen mageren Stallknecht, welcher den Pferdemist, den die Tiere kurz vor der Abreise im Wimmelchaos auf dem Hof verteilt hatten, zusammensammelte und in einen Blecheimer warf. Seine Kleidung bestand nur aus dünnen Schuhen, einer einfachen Hose und einem Leinenhemdchen, welches an vielen Stellen schon geflickt war. Hüstelnd griff er nach dem Eimer, wischte sich fahrig über die Stirn und verschwand im Stall.
Noch kurz stand sie stirnrunzelnd am Hauseingang, ehe sie mit einem Ruck am Knauf zog und die Hallen betrat.
„Bekka! Sorge dafür dass die Knechte und Mägde langsam passender warm zum Trotz der Winterwitterung angezogen sind!“´, gellte ihr Ruf an die Haushälterin bald durch die Flure.
Seltsam leer, beinahe schon melancholisch einsam gähnte das offene Tor in die matschige, halbgefrorene Straße hinein, welche hinter den dicken Trutzmauern aus Sandstein und Lehm lag. Unbewusst fuhr die kleine, knochige Hand über das massive Eichenholz der Torflügel, welche einst in lebendigem Dunkelbraun mit den kupfernen Scharnieren um die Wette glänzten. Jetzt hatten Kälte und Witterung dünne Risse in das alte Holz gesprengt und die verbündete Macht von Regen und Sonne vermachte dem Tor seinen jetzigen, ausgebleichten Graustich, den nur das Moos mit einigen Grünflecken gnädig aufzuhellen versuchte. So viele Jahre hatte dieses alte Burgtor gesehen, unzählige Massen von Menschen waren im Laufe der Zeit hindurchgeschritten, geritten und, in edlen Kutschen, gefahren. Einige hatte es im Inneren der Burg aufgenommen, andere in die weite Welt ziehen lassen und nie wieder zurückkommen sehen.
Den letzten Abschied hatte das knarrende Tor erst vor wenigen Augenblicken erlebt und obwohl nur noch die Radspuren und Hufabdrücke im lockeren Erdboden von dem Auszug der jungen Herrin Muireall van Lilienhayn kündete, so spähte das noch immer offene Tor dem nunmehr leeren Pfad hinab ins Tal entlang.
Neben dem alten Burgtor, die bleiche Hand noch immer sanft auf dem Holz ruhend, blickte noch eine weitere Gestalt wortlos und nachdenklich in die vorwinterliche Landschaft des Gutes Lilienhayn.
Hellgrüne, große Augen, die Sehnsucht nach dem Frühling in der Seele weckten, wanderten blicklich über die Straße, stockten kurz bei einem Haselästchen, an dem eine dünne Strähne rotgüldenes Haar im Winde wehte und lugte dann wieder ins Tal herab. Längst war der Zug im feinen Herbstnebel verschwunden und auch das Kutschradrattern sowie Hufgeklapper drang nicht mehr bis zur Burg hinauf, dennoch verhielt sich die kleine Gestalt stoisch ruhig und abwartend, während die Gedanken auf Reisen geschickt wurden.
Zuerst hatte ihr hoher Herr Vater den Bruder ausgesandt, war es doch in seinen Augen eine Schande, dass über die letzten Jahre keiner der van Lilienhayns dem Alka nahe genug zur Seite stand und die Waffe tapfer im letzten Krieg hatte schwingen können. Sobald die schulische Ausbildung des Sohnes vollendet war, hatte Adhamh van Lilienhayn nicht gezögert und den Erstgeborenen nach Rahal geschickt um dort den alten Familiennamen, der Lilie gleich, wieder majestätisch aufblühen zu lassen. Mit Stolz hatte er nur wenige Mondläufe später den Fortschritt seiner älteren Tochter im Umgang mit dem Schwerte beobachtet. Er hatte schon immer geahnt, nein gewusst, dass seine Erziehung und die Kraft, welche der Panther ihrem noblen Hause zukommen ließ, nur Kinder hervorbringen konnte, von denen man Großes erwarten musste.
Muireall würde er als nächstes entsenden, auch wenn sie doch erst in einigen Wochen das einundzwanzigste Jahr erreichen sollte. Ihr Wille, ihre Fähigkeit und nicht zuletzt der brennende Ehrgeiz verlangten nach einem besseren Lehrmeister, als es ihr der alternde Schwertmeister der Burg war. Sein jüngerer Bruder Airleas hatte geprahlt, dass er seine Älteste eines Tages in die Obhut eines Ritters des Einen geben würde… ein fast schadenfrohes, wenngleich sehr kurzes, kaltes Lächeln erhellte die Adhamhs Züge – nun würde Muireall wohl vor Fainne diesen Weg beschreiten, wenn er sie nur rasch genug losschickte…
… und so war der Tag gekommen, an dem nur noch eines seiner Kinder an die Burg gebunden war und dieses eine, seine Jüngste, Caoimhe van Lilienhayn, würde wohl nie in den kriegerischen Dienst unter der Pranke Alatars treten können.
<< Fast einen Mondlauf zu früh, im Spätherbst, so wie jetzt, erblickte das Kind vor sechzehn Jahren das Licht der Welt im dunklen Glanze des Panthers. Doch ach, kein kräftiger Schrei drang von den fast bläulichen Lippen und nur matt hob und senkte sich die dürre Brust des Babys, unter deren heller Haut man die Rippenknochen hervorstehen konnte.
„Der Eine muss mit Euch zürnen, mein Herr, denn Eure hohe Frau Gemahlin hat eine Todgeburt zur Welt gebracht.“, raunte einer seiner Priester. Ein törichter, doppelzüngiger Mann, der wenige Tage später für seine Dreistigkeit aus dem Burghof gejagt wurde. Sie war noch nicht tot. Mit barschem Ton befahl er, dass man ihm das schwächliche, kranke Neugeborene bringen solle. Zögerlich versuchten ihm Hebamme und Mägde zu erklären, dass das Kind in einer zu matten Verfassung sei und die letzten Stunden wohl lieber in einem sauberen, stillen Bettchen verbringen sollte. Erst als er eine von ihnen mit geballten Fäusten schlug, hastete die Weibermeute wimmernd los und brachten ihm wenige Augenblicke später das schlaffe Bündel.
„Lasst mich mit meiner Tochter alleine!“
Diesmal folgten sie seiner Anweisung ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Gutes Personal brauchte eine starke Hand, im wahrsten Sinne des Wortes.
Als sich die prunkvolle Türe zu seinem Ratszimmer geschlossen hatte, blickte er seufzend auf das zitternde, jappsend atmende Kindlein, schüttelte unzufrieden das edle Haupt und trug die Kleine sanft in seinen Armen bis zum einzigen Fenster im Raume. Von dort hatte man einen prächtigen, erhabenen Ausblick in den Burghof und konnte so beobachten, überwachen und agieren. Still hielt er das Kind näher an die etwas milchige Scheibe – echtes Glas, eine wahre Kostbarkeit. Stumm starrten Vater und Tochter in die herbstlich trübe, graue Welt hinaus.
Mitten auf dem Burghof mühte sich ein kleines Mädchen, kaum 5 Jahre alt, die rotgüldenen Haare zu festen Zöpfen geflochten, im Holzschwertkampf gegen einen älteren Jungen ab. Beide Kinder schwitzten trotz der Kälte und man glaubte den keuchenden Atem der beiden bis in das hohe Zimmer zu vernehmen, so entkräftet und überfordert wirkten beide. Dennoch brannte eine Glut in den fliederfarbenen Augen der Kleinen und den des heranwachsenden Knaben. Keiner der beiden dachte auch nur im Ansatz daran, die Waffe zu senken und die Übung zu beenden, ehe man sie dazu aufforderte.
„Sieh genau hin, mein Kind.“, begann der Vater nun zu seinem neugeborenen Kindlein, als könne es ihn vollends verstehen, „Das sind deine Geschwister, wahre Kinder des noblen Hauses van Lilienhayn, echte Streiter des dunklen Panthers. Keiner der beiden würde je verzagen und aufgeben, keiner würde den einen Gott enttäuschen und das Leben, welches seine Mutter gab und er in die rechte Richtung lenkt, verwirken, verstehst du? Caoimhe, du bist mein Fleisch und Blut, deshalb erwarte ich Gehorsam und werde dir dies nur ein einziges Mal sagen: Kämpfe!“ Er schüttelte den kleinen Körper leicht und plötzlich öffnete das Kind die blauen Lippen und gab einen hellen, protestierenden Schrei von sich.
„So ist es richtig.“, raunte er nur und hob das Neugeborene näher, so dass sein großes, edles Gesicht in das kleine, bleiche Antlitz blickte. Ihr beider Augenmerk traf sich für wenige Momente. Helle, grünliche Augen, die wie der junge Frühling strahlten, waren ganz auf den Vater gerichtet und tief in den dunklen Pupillen sah er das Feuer brennen, die Flammen, welche den Kampfgeist der van Lilienhayns entfachten.
Zufrieden nickte er und wusste, seine jüngste Tochter würde nicht sterben, sondern ihren Weg unter dem behütenden Schatten Alatars finden. >>
Ein kalter Windhauch zog vom Tal aus den Berg hinauf und blies das letzte, gefallene Laub vor sich her. Der rotbraune Farbwirbel klatschte feuchtnass gegen die Burgmauer und das alte Eichentor. Mit kaltem, grimmigem Zorn, geboren aus dem ersten Winter, riss die Bö am einfachen Wollkleid und den kupferroten Locken der schmalen, schmächtigen Gestalt im Torbogen. Steif, mit gerader Haltung trotzte diese dem Wind, als gäbe es ein Duell um das Vorrecht an der Burg und hob das noch etwas rundliche, weiche Kinn stolz an. Nur für kurze Zeit funkelte sie so der kühlen Luftwand entgegen, ehe plötzlich etwas im zarten, schwachen Körper zu brechen schien und sie, bebend etwas in sich zusammensank. Die blasse, knochige Hand fand gerade noch Halt an einem der Torscharniere, während die restliche Gestalt, von einem dumpfen, bronchialen Husten geschüttelt, eher gen Boden ging. Der Anfall bog den gesamten Leib wie die Winterbö die jungen, gertenschlanken Bäume. Als der eigene Hustatem von einem hellen, kehligen Pfeifen untermalt war, presste sie die noch freie Hand mit rascher, bestimmender Geste auf die Lippen, zwang sich, ausreichend Luft durch die Nase zu ziehen um einer hysterischen Krampfattacke zu entgehen und schloss für wenige Momente die Augen. Langsam ebbte das Husten an und alsbald drangen Stimmen aus dem Burginneren hinter ihr zu der jungen Frauengestalt heran:
„Junge Herrin?! Ist Euch etwas passiert? Oh, soll ich den hohen Herren rufen?“, Panik in der Weiberstimme, schrill und unangenehm durch das Pochen im Kopfe. Mühsam beherrscht streckte sie die Rückenwirbel durch und zwang sich wieder in eine gerade, beinahe stockartige Haltung. Dann erst löste sie die Finger vom eisernen Scharnier und vollführte einen gebieterischen, einhaltenden Wink.
„Wenn du es auch nur wagst meinen hohen Vater mit einer derartigen Lappalie zu belasten, dann werde ich dafür sorgen, dass du dir diesen Winter einen Schlafplatz in einem der Bettelhäuser der Stadt suchen darfst.“
Sie hatte nicht sehr laut gesprochen und nicht einmal den Ansatz gezeigt sich zur Gesprächspartnerin umzudrehen. Doch der zittrige Unterton in der Frauenstimme hinter ihr, zeigte doch, dass ihre eisigen Drohworte die Wirkung nicht verfehlt hatten.
„Sicher, junge Herrin. Ich werde ihn bestimmt nicht damit belasten, wenn Ihr das nicht wünscht…“, sie stockte wohl, „… jedoch solltet Ihr Euch bald in die Wärme begeben. Es ist so kalt und in Eurem Zustand…“
„SCHWEIG!“, Wut hatte ihre Worte angefacht und Zorn spann den Satz weiter, „Wer bist du, dass du dir anmaßen kannst mich wie ein Kind ins Haus zu schicken? Ich weiß sehr wohl was ich mir wann zumuten kann und du solltest wissen wann es am besten ist, ohne auch nur ein weiteres Widerwort zu verschwinden!“
Ein kurzer, verzweifelter Wimmerlaut drang hinter ihrem Rücken hervor, doch die sich rasch entfernenden Schritte zeugten ein weiteres Mal vom Erfolg der jungen Frau.
Erst als es schon längere Zeit still hinter ihr geworden war, führte sie, nun selbst zitternd, die Hand, welche beim Anfall den Mund geschützt hatte, langsam näher an das Gesicht. Der Herzschlag schien ihr in diesem Moment wahrlich noch im Halse zu erbeben und grässlich lang war die erste Schrecksekunde, ehe sie im Halbdunkel des Abends einen klaren Blick in die bleiche Handfläche hatte.
Wenige und winzige, tiefrote Blutbröckchen malten sich grausam deutlich auf der weißlichen Haut ab und mit geschlossenen Augen tastete sich nach einem Leinentuch der Tasche des Wollkleides, während sie sich zwang tief durchzuatmen. Also hatte sie den unangenehmen süßlich-metallenen Geschmack auf der Zunge richtig gedeutet. Mit dem dröhnenden, keuchigen Husten war einmal wieder noch etwas Lebenssaft aus der Lunge herausgeschleudert worden – es wurde also wieder schlimmer und die Zeit drängte langsam. Nur wie konnte sie ihren Vater jetzt dazu bewegen auch sie ziehen zu lassen, wenn doch gerade erst ihre ältere Schwester den Weg nach Rahal angetreten hatte? Ein beinahe unmögliches und recht unrealistisches Unterfangen, zudem sie nicht vorhatte ihn mit ihrem genaueren Wissen und dem Stande der eigenen Krankheit, der Schwindsucht, zu belasten. Er glaubte noch immer, dass seine Hofärzte und der armselig einfältige Heiler des nächsten Dorfs ihr sowohl gute Lehrer als auch Heilung waren und ahnte nicht, dass sie selbst in den letzten Jahren mehr gelernt hatte, als diese beiden Tölpel zusammen je wissen würden. Es dürstete sie nach einer wahren Ausbildung und ihr letztes bisschen Zeit drängte sie in diese Richtung, doch wie sprach man darüber mit dem Vater ohne ihn zu drängen? Wie nur klärte man ihn über die Versager von Ärzten auf ohne ihm selbst Versagen bezüglich deren Einstellung zu unterstellen? Wie nur…
Schweigend verharrte sie noch wenige Augenblicke am Tor und ließ den Gedanken so lange freien Lauf, bis die Dunkelheit die Umgebung der Festung so sehr in Besitz genommen hatte, dass man kaum noch drei Schritte vom eigenen Standpunkt aus blicken konnte ohne gegen die Nachtschwärze zu prallen. Mit sanftem Seufzen löste sie den Blick von der Straße, welche ihre Schwester mit sich geführt hatte und wendete den steifen Körper der Burg zu. Mit beinahe feenhaft schwere- sowie lautlosen Schritten durchquerte sie den Burghof und wollte schon die Hand an die Türe zu den Hallen legen, als ein leises Geräusch ihre Bewegung stoppte und sie rasch umblicken ließ:
Ein dumpfes, feuchtes Schniefen, untermalt von einem schwach unterdrückten Husten.
Rasch entdeckten die hellen Augen einen mageren Stallknecht, welcher den Pferdemist, den die Tiere kurz vor der Abreise im Wimmelchaos auf dem Hof verteilt hatten, zusammensammelte und in einen Blecheimer warf. Seine Kleidung bestand nur aus dünnen Schuhen, einer einfachen Hose und einem Leinenhemdchen, welches an vielen Stellen schon geflickt war. Hüstelnd griff er nach dem Eimer, wischte sich fahrig über die Stirn und verschwand im Stall.
Noch kurz stand sie stirnrunzelnd am Hauseingang, ehe sie mit einem Ruck am Knauf zog und die Hallen betrat.
„Bekka! Sorge dafür dass die Knechte und Mägde langsam passender warm zum Trotz der Winterwitterung angezogen sind!“´, gellte ihr Ruf an die Haushälterin bald durch die Flure.