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Pantherlilien

Verfasst: Samstag 24. November 2007, 16:17
von Caoimhe van Lilienhayn
1.) Stolzlose Narren und närrischer Stolz

Sakrale Stille inmitten der dunklen Mauern, an welchen das Licht der Kohlebecken mystisch zurückgeworfen wurde und von segnender Reinigung erzählte. Keine Stimme wagte das urheilige Schweigen zu durchbrechen, nicht einmal ein Flüstern drang zischelnd an den Wänden voran. Hier, im Hause des Einen und Wahren, des weisen, allmächtigen Panthers, widmete man nicht nur seine Gedanken und Emotionen, sondern auch die Seele ganz ihm, öffnete sich vollends, dankbar einer seiner Schützlinge zu sein und ebenso verbunden erwartete man sein Urteil, ganz gleich wie es ausfallen möge.
Das kupferfarbene Haar trug sie unter einem violetten, hauchzarten Schleier, der an der Stirn fast bis zu ihren Augen reichte und mit einer winzigen Spange im Nacken zusammengebunden war. Früh hatte ihr die hohe Frau Mutter eigentlich beigebracht, wann und wo man den eigenen Stolz betreffend Äußerlichkeiten abzulegen hatte, wann man in Demut als Untertan und Diener seinen Platz zu suchen hatte. Ihr käsig bleiches Gesicht schimmerte aufgrund des diffusen Lichts beinahe gespenstisch weiß und die stets leicht bläulich verfärbten Lippen wirkten schon fast angemalt. Einst hatte sie sich deshalb beklagt und bei ihrer Schwester darüber echauffiert, dass ihr Mund so „wie der einer beschmierten Hure“ wirke. Tränen der Wut und Hilflosigkeit waren damals in den großen, von der Krankheit rötlich umrahmten, Augen gestanden, doch hatte sie nur den Ärger und Spott der Älteren geweckt. Sie sei ein dümmliches und zu Recht mit Schmerzen gestraftes Wesen, wenn ihr denn so viel an der vergänglichen Schönheit liegen würde und sie all ihre Kraft in Wehklagen stecken, statt dem stets drohenden Tod dem Kampf anzusagen, würde.
Bittere Worte, die sicherlich das Vertrauen der kleineren Schwester erschütterten, doch auf der anderen Seite einen weiteren Anstoß für das steife, dem Sterben trotzende Leben der Eiskönigin, zu welchem Caoimhe, die Jüngste des Hauses derer van Lilienhayns, langsam wurde. Mauer um Mauer zog das junge Mädchen hoch um ihre eigenen Tugenden und den persönlichen Platz im Leben zu finden: Berechnung statt Offenheit, Trotz der ewigen Krankheit, Kampf der baldigen Todesaussicht, Negierung des affektierten Stolzes.
Sanft und geräuschlos sank sie auf die kalten, harten Steinfließen des Tempelbodens herab und faltete die knochigen, bleichen Hände zum Gebet. Bevor jedoch ihr inbrünstiger Bittgesuch begann, sank die zarte, schwache Gestalt etwas mehr in sich zusammen, schloss die Augen, als Schamesröte die weißlichen Wangen verdunkelte und führte die Finger fast bis zu den bebenden Lippen. Dummheit musste man strafen und Narretei war es, die sie zu jenem Gewand der reumütigen Büßerin trieben. Eine Schande, wenn man bedachte, weshalb sie diesmal in seinen Hallen kauerte…

Mein Herr, mein Vater, mein kühlender Schatten im brennenden Feuer des Lichts,
ich, die ich mich dein Schützling, deine Tochter und treue Dienerin nennen möchte,
habe gesündigt in närrischen Gedanken, tölpelhaften Worten und blasphemischen Taten…


Die Erinnerung an den Abend in der kleinen Taverne Rahals schmerzte selbst jetzt schon schlimmer als die stetigen, blutigen Hustanfälle. Was hatte sie nur dazu gebracht derart Stolz und albern, wie ein dämliches Gör aus der Stadt der Geblendeten, ihre Familiengeschichte vor seiner Herrlichkeit breitzutreten, bis seine Worte und die ohnmächtige Scham im Blick der älteren Schwester, ihr endlich das Mundwerk verbieten konnten? Was hatte ihren Geist und ihre Auffassungsgabe derart getrübt, dass sie schlimmer noch als der schwachsinnige Bucklige, den Muireall sich hielt, gesprochen hatte? Warum nur war dies ihr, gerade ihr, Caoimhe van Lilienhayn, die selbsternannte Königin der Beherrschung, geschehen?

Treues Dunkel, weiser Panther, ew’ges Angesicht der göttlichen Nacht,
meine Zunge ward lose, meine Lippen redselig und mein Verstand in geistiger Finsternis,
doch ist dies keinerlei Entschuldigung recht, lediglich verdorbenes Samenkorn, welches die Saat namens Schande und Sünde trägt, die dein güldenes Auge nicht sehen mag.


Dröhnend hallten nun bald Muirealls Worte in ihrem Kopf nach und bohrten, einer Drahtspitze gleich, ihre Wege dünn, doch schmerzhaft, durch Caoimhes Hirn.

„Ein Narr ohne jeglichen Stolz oder Ehre ist etwas äußerst bedauerliches, kleine Schwester… doch wisse, dass närrischer Stolz nicht nur traurig, sondern verabscheuungswürdig und in seinem Angesicht, blanke Sünde ist! Büße, bereue in seinem Hause, unter seinem Dach und hoffe auf die Geduld Alatars.“

Ein weiteres Mal stehe ich in den Hallen, welche man Dir geweiht hat,
oh du mein einzig’ fester Halt, dessen Pranke mir den Weg stets gewiesen hat.
Ich bereue bitterlich, ich brenne vor Scham und Schande, ich winde mich in eigener Schuld
und weiß doch, dass es nur meine Taten sein werden, die in dunklen Fluten jene Schande reinwaschen werden.


Ein Ruck ging durch den schmächtigen Mädchenkörper und langsam hob sich das Kinn, flatternd öffneten sich ihre Lider, als sie das plötzliche, dumpfe Beben in ihrer Brust spürte.
Er war hier, oh, er war stets da, doch diesmal ruhte sein Blick auf ihr mit Interesse.
Ihre hellgrünen Augen weiteten sich, als diese, durch die dunkle Nische in der Tempelfront hinweg, ihren Kontakt mit den gelblich glimmenden Pupillen der Pantherstatuette suchten.
Es ward ihr beinahe, als wären es nicht allein ihre Worte, die das Gebet diesmal beendeten:

Tiefe, verwurzelte Treue werde ich ewig dir geloben, dunkler Herr mein,
mein Herz sei dein, mein Geist dir immer offen und meine Seele dir geschenkt.
So schwöre ich beim Blute, welches dein Hauch durch meine Adern treibt,
dass ich mir eher die Zunge herausreißen würde als je wieder den närrischen Stolz zu zeigen!



[img]http://www.reconnections.net/panther_eyes.gif[/img]

Verfasst: Montag 26. November 2007, 20:13
von Muireall van Lilienhayn
2.) Schwarzer Panther, weiße Wölfe

Der Regen fiel in dichten Bahnen, fast einem Schleier gleich senkte er sich im Spiel mit der Dunkelheit der Nacht auf die Erde herab. Das rotgelbe Licht der Straßenlaternen spiegelte sich in den Pfützen und tanzte bei jedem Tropfen, welcher sich in diesen ergoss. Schwarz glänzten die Gassen und Dächer der Stadt des Einen, als Muireall aus dem Hause derer van Lilienhayn sich ihren Weg zum Gasthaus bahnte. Ihre Schritte waren leise, aufgrund des Regens kaum von dem üblichen Tröpfeln zu unterscheiden. Rasch ging sie, doch ruhig und ohne Hast in den Bewegungen…
Ihr offenes kupferrotes Haar hing ihr in Strähnen über die Schultern und auch in diesen glitzerten die Wassertropfen. Ihre Kleidung war fast vollkommen durchnässt, dennoch konnte man der Gestalt, die mit erhobenem Kopf und gestrafften Schultern ihren Weg machte, eine gewisse Erhabenheit nicht absprechen. Muireall war für eine Frau recht hoch gewachsen; mit einer Größe von 178 fingerbreit überragte sie die meisten Frauen und auch so manchen Mann. Auf einen ersten, ungenaueren Blick mochte man sie für ihre Größe als zierlich ansprechen, doch bei genauerer Betrachtung mochte auffallen, dass die Muskulatur jener jungen Frau durchaus als trainiert bezeichnet werden konnte. Dem geübten Beobachter schließlich konnte wohl auch kaum entgehen, dass Muirealls Bewegungen sehr bewusst ausgeführt wurden und sich einer allgemeinen Präzision und Weichheit erfreuten, was wohl nur auf eine hohe Körperbeherrschung zurückzuführen war.

Als sie den Gasthof erreichte, öffnete sie sachte die Tür und trat ein. Zu so später Stunde befand sich kein Gast mehr in der Schankstube und so trat Muireall sogleich die Treppen zu dem kleinen Gastzimmer hinauf, welches sie zurzeit noch mit ihrer jüngeren Schwester bewohnte. Kleine Pfützen markierten ihren Weg.
Caoimhe schlief bereits, ihr blasses Gesicht leuchtete in dem düsteren Zimmer. Mit besorgter Miene beugte sich die Ältere über deren Gestalt, eine Gefühlsäußerung, welche sich Muireall nur aufgrund der Dunkelheit und dem Schlaf ihrer Schwester erlaubte. Abermals fragte sie sich, ob Caoimhe schon bereit war für die Herausforderungen, welche ihr in Rahal bevorstehen würden. Ihr hoher Vater, Adhamh aus dem Hause derer van Lilienhayn, hatte ihr das Kommen der Jüngsten der drei Geschwister in einem Brief angekündigt, ihr geschrieben Caoimhe solle eine Ausbildung als Heilerin und Trankkundige bei einem angesehenen Meister in Rahal beginnen. Noch immer verstand Muireall nicht seine Formulierung: „Wer Selbstständigkeit fordert, soll Selbstständigkeit beweisen!“. Es war nicht an ihr die Entscheidungen ihres Vaters zu hinterfragen, doch war es kaum zu übersehen, dass Caoimhe hier überfordert war: Zu geschwächt von ihrer Krankheit, die sich durch ihr Fleisch und ihren Geist fraß, zu jung und ungereift. Doch war sich Muireall durchaus bewusst, dass Caoimhe, würde sie jener mit Mitgefühl und Sanftheit zur Seite stehen, nur schwächer und unselbstständiger geraten würde. Nur jene, die darum gekämpft haben, erlangen Durchhaltungsvermögen, Selbstbeherrschung und Stärke. Der Panther würde ihr den Weg weisen, wenn sie bereit war…

Langsam wand sich Muireall von dem Bett der Jüngeren ab und schritt zu dem Fenster des kleinen Zimmers. Noch immer prasselte der Regen unablässig gegen die Scheiben und ein heftiger Wind rüttelte an seinem Rahmen. Ihre Gedanken kehrten zu einem Ereignis zurück, welches nun schon einige Tage zurücklag und geistesabwesend strich sie sich über ihren linken Arm.
Sie war gerade auf dem Weg zu einem in Rahal angesehenen Heiler gewesen, um sich bei jenem über eine Ausbildung für Caoimhe zu erkundigen. Schon hatte sie an dessen Tür geklopft, als eine rasche Bewegung aus dem Augenwinkel sie herumfahren ließ. Muireall gegenüber stand ein großer, schneeweißer Wolf und knurrte sie an. Das Licht des Mondes fing sich in seinem Fell und schien ihn zugleich zum Leuchten zu bringen. Ein Wolf? Ein Wolf hier in Rahal? Nicht Angst, sondern Verwunderung war wohl zunächst in ihren Zügen zu lesen gewesen. Achtsam strich das Tier an sie heran, in seinen Augen war zu erkennen, dass er Beute gewittert hatte. Sich von dem ersten Schreck erholend, reagierte Muireall wie sie es gelernt hatte. Langsam fuhr ihre Rechte unter den Umhang und umfasste den Griff ihres Schwertes. Nicht ziehen, nicht ziehen, solange er nicht angreift… Langsam wich Muireall an die Mauer des Hauses zurück, um den Wolf daran zu hindern sie zu umkreisen und ihr in den Rücken zu fallen. „Einen Augenblick noch!“, erklang aus der Heilerstube die Stimme eines Mannes. Eine weitere Bewegung zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Um die Ecke des Hauses schlich sich ein zweiter Wolf heran, doch rasch schnellte Muirealls Blick auf den ersten Wolf zurück. Ein Heulen erklang von weiter entfernt und mehrere Wölfe antworteten. Ein ganzes Wolfrudel in der Stadt? Was zur…? Der erste Wolf schritt nun auf sie zu, doch trotz der hochgezogenen Lefzen machte er nicht den Eindruck als wolle er sie angreifen. Gerade als Muireall ihr Schwert zog, wanderte der Wolf durch sie hindurch. Entsetzt sprang Muireall zur Seite. Von der plötzlichen Bewegung angestachelt, machte der zweite Wolf einen Sprung und schnappte nach ihr, doch verfehlte sie um Zentimeter. Was geht ihr vor? Alatar steh mir bei! Mit nun gezogenem Schwert stand Muireall den beiden Geisterwölfen gegenüber, welche sie noch immer mit drohender Gebärde und leuchtend gelben Augen angingen. Schritte, Schritte von Menschen waren aus der Gasse hinter ihr zu vernehmen und augenblicklich ließen die Wölfe von ihr ab, um sich ihrem neuen Opfer in den Weg zu stellen. Als sie sich umwand, erkannte sie im Schimmer des Mondlichtes zwei schwarz gekleidete und verhüllte Gestalten, ohne Zweifel Mitglieder des Ordens der Arkorither. Jene wurden bereits von zwei weiteren Wölfen verfolgt. Einer der beiden Arkorither führte mit dem Dolch einen Schlag gegen einen der Wölfe, dessen getroffene Pfote sich auflöste, doch sich kurz darauf wie aus Nebel wieder zusammensetzte. Sogleich sprang Muireall mit gezogenem Schwert den Magiern zu Hilfe, die nun unablässig von den Wölfen attackiert wurden. Geschickt versuchten die Arkorither sich um die Wölfe herumzuschleichen und in diesem Augenblick wurde die Tür zum Hause der „Alatar Apotheke“ geöffnet. Danach war alles sehr schnell gegangen. Die Arkorither nutzten die Gelegenheit, um an den Wölfen vorbeizueilen und Muireall ließ sich langsam in Richtung der Tür zurückfallen. Als sich die Tür schließlich schloss, war es einem der Wölfe doch noch gelungen sie in ihren linken Arm zu beißen. Der Biss war schmerzhaft, doch als Muireall ihr Hemd hochkrempelte, stellte sie erstaunt fest, dass sie keine offene Wunde, ja nicht einmal eine Quetschung oder einen Abdruck davongetragen hatte. Geisterwölfe…
Noch immer rätselnd blickte Muireall mit zusammengezogenen Augenbrauen auf die schwarzen Gassen. Nach jenem Ereignis waren die Wölfe so rasch wieder verschwunden wie sie gekommen waren. Bisher jedoch hatte ihr keiner eine Erklärung für die Geschehnisse geben können. Bei Gelegenheit würde sie die ehrenwerte Ritterin des Einen Sharay Lessard fragen, ob sie ihr diesbezüglich etwas berichten könne.

Muireall strich ihre Kleidung glatt und griff abermals zu ihrem nassen Umhang. Zwar war die Nacht schon weit fortgeschritten, doch der Tempel Alatars war für seine Gläubigen stets geöffnet. Muireall ging, um zu beten.

Verfasst: Freitag 14. Dezember 2007, 11:18
von Caoimhe van Lilienhayn
3.) Feuerproben und Triumphbäder

Schon als Brys den schweren, dampfenden Holzkübel mit einem quiekenden Ächzen von der Schulter nahm, fühlte sie, wie eine entspannende Wärme durch ihre Glieder kroch und ihre Sinne mit dem Hauch eines Rausches umflog. Er setzte ihn auf den Rand des Zubers und hob ihn vorsichtig an, so dass der Schwall heißes Wasser sich, einem Wasserfall gleich, in die Wanne ergoss. Siebzehn mal ließ sie ihn laufen, Wasserkübel schleppen und umfüllen, ehe der Zuber ihrer Meinung nach adäquat für ein Vollbad gefüllt war. Rasch hob sie sowohl blasse Hand als auch ihre unterkühlte Stimme und richtete dem Knecht knapp ihre Dankbarkeit aus, ehe sie ihm befahl sie nun alleine zu lassen und zuzusehen, dass niemand ihr Bad stören möge… abgesehen von Muireall versteht sich, deren Weisungen sowieso immer Vorrang hatten.
Glücklich grienend und murmelnd über die barschen Dankesworte, humpelte Brys von dannen. Lediglich Caoimhes Stirnrunzeln begleitete ihn und auch dies hielt nur so lange an, bis er die Türe hinter sich geschlossen hatte. Dann allerdings sog sie tief die feuchte, schwere Luft ein und merkte wie sich auch ihre Lungen mit Wärme füllten. Ein wabernder Dampfnebel stieg vom Rand der Wanne auf, breitete sich im Raum milchig grauweiß aus und setzte sich in feinen, dünnen Tröpfchen an der verputzten Wand ab. Sie durfte nicht allzu lange umherstehen, staunen, warten und zulassen, dass ihr Badewasser all seine wohltuende Kraft noch verlor, ehe sie sich darin entspannen konnte. Hurtig wirbelte sie herum und steuerte auf ihr umfangreiches Gepäck zu. Zwischen all den Gläsern, Flaschen, Flakons, Beuteln und Büchern fand sie einen knisternden Papierbund, in welchem etwas sehr Leichtes, Rasselndes eingewickelt war. Mit nur wenigen Handgriffen hatte sie ihr kunstvoll verschlungenes Päckchen entwirrt und blickte zufrieden lächelnd auf die weißbeigen, verschrumpelten Blütenblätter in ihren Händen:

Wasserlilien…


So getrocknet waren sie zwar eher zur Tee-Zubereitung gedacht, hatte dieser dann doch eine berauschende und erfreulich lange Wirkung, doch hatte sie eins bemerkt, wie angenehm allein der Dampf einiger Kräuter in Verbindung mit einfachen Ölen und diesen Blüten im Bad waren. Vermutlich mochte es Einbildung sein, doch sogar ihre Haut schien sich danach geradezu samtweich anzufühlen.
Großzügig goss sie einen Auszug aus Kräutern und Öl in das Wasser und beobachtete, wie die Tropfen zu unzähligen Fettaugen mutierten, welche an der Oberfläche schwammen. Dann erst streute sie ein paar der kostbaren Blütenblätter hinein und realisierte erfreut, dass jene im Wasser zu neuem Leben erweckt wurden, ihre trockene Starre verloren und sich wohlig entfalteten. Ein paar wenige Handgriffe öffneten Ösen und Knöpfe ihres Morgengewands, welches an der schmalen, schwachen Gestalt problemlos herab glitt. Mit einem Fußtritt beförderte sie das Kleid vage in Richtung Taschen und Gepäck, würdigte es keines Blickes mehr und näherte sich sanft lächelnd der Wanne. Klein, feingliedrig und schmal, ohne die üppigen Rundungen der satten Weiblichkeit und nahezu elfenbeinhafter Haut, hätte Caoimhe wohl feengleich schön und unwirklich aussehen können, hätte sich nicht auch der Schatten der Krankheit an den jungen Körper geheftet, welcher ihre Augenränder etwas rötete, die Lippen stets in einen violetten Ton färbte, blutige Brocken in ihren Mund warf und ihr somit allgemein einen strengen, kritischen und kalten Zug verlieh. Zumindest letztere Problematik hatte sich nun aber gelöst, denn das selige Lächeln blieb bestehen, als sie sich mit einem erregten Aufseufzer tiefer in den Zuber gleiten ließ und das duftende, heiße Wasser ihren Körper sanft umspielte. Sie hatte all das, ihrer Meinung nach, verdient – im Grunde eigentlich sie alle drei: Caoimhe, Brys und selbstverständlich Muireall. Sie hatten eine Feuerprobe überstanden und auch wenn man sich auch den ersten Lorbeeren nicht ausruhen sollte, so konnte man sie wenigstens kurz genießen.

Erst vor wenigen Tagen, an einem hektischen und katastrophal beginnenden Abend, hatte man die Familie van Lilienhayn endlich zur Bürgermeisterin, beziehungsweise deren junge Vertretung, vorgelassen. Der gestellte Antrag auf Bürgschaft in der Stadt des Einen, so versprach man, sollte diskutiert werden. Muireall hatte wenig Worte verloren um ihr erneut zu verdeutlichen, dass sie zu schweigen hatte und ihr das Reden überlassen musste, sofern sie nicht direkt gefragt war. Zuerst hatte die Jüngere diese Mahnung als unnötig abgetan und sich selbst versichert, dass es abwegig war zu glauben, sie würde sich einmischen, doch allein die Begrüßung im Ratshaus machten ihr klar, dass sie sich besonders zurückzunehmen hatte, denn der Stolz wurde schon in den ersten Augenblicken angegriffen und verwirrt. Die hohe Templerin des listenreichen Panthers, welche wohl all die Bittsteller, die sich in der Vorhalle drängten, jeweils abholte und geleitete, fragte zwar freundlich nach ihren Namen, als jedoch der Termin bei der Dame van Gwinheer, die Vertretung der Bürgermeisterin, genannt wurde, erklärte sie ruhig, dass ihr eine solche Dame keineswegs bekannt sei.
Hatte man ihren einen falschen Brief zukommen lassen und einen Spaß mit ihnen erlaubt?
Caoimhes Nasenflügel bebten bei dem Gedanken und ohne die Ruhe ihrer älteren, hohen Schwester, hätte sie schon jetzt an den Grenzen ihrer Beherrschung genagt. Jedoch fügten sich da die Scherben des scheinbar geplatzten Termins, einem Wunder gleich, zusammen. Ein weiterer hoher Templer des Wahren, welcher sich später als Auron Devertare vorstellig machte, bestätigte ihren Termin und führte sie in das große Besprechungszimmer des Rathhauses. Hier warteten sie: die Vertretung der Bürgermeisterin Frau van Gwinheer, eine noch junge, doch offenbar sehr fähige Dame, deren kratzender Federkiel die gesamte Unterredung begleitete, Sharay Lessard, hohe Ritterin des Panthers und nebst dem gesegneten Auron auch noch die ebenfalls mit seiner Weisheit gepriesene Templerin Laraanji. Letztere, sowie die Ritterin schienen im nun folgenden Gespräch eher als stille Zuhörer und Situationsbewerter zu fungieren, während der hohe Herr Devertare und die Dame van Gwinheer mit einer Befragung anfingen, die an ein Verhör erinnerte und Caoimhe erneut an Muirealls Worte erinnerte. Sie schwieg, sprach nur, wenn man sie dazu aufforderte und versuchte die innere Anspannung irgendwie zu verdrängen ohne unhöflich dabei zu wirken. Als Brys verspätet eintraf und das bisher gut verlaufene Gespräch störte, als auch das Misstrauen der Anwesenden weckte, sah sie sich allerdings gezwungen, seinen debilen, doch ungefährlichen Zustand so sachlich wie möglich zu erklären und stockte, als die Forderung des hohen Templers erklang. Brys sollte seine Hand in ein glühendes Feuerbecken legen und dumm, doch folgsam reagierte der Knecht artig, da auch seine Herrin Muireall den Befehl mit einem Nicken bestätigte. Wenig Mitleid war im jungen Herzen Caoimhes, wohl aber die Angst, dass Brys, somit verkrüppelt, seinem Handwerk nicht mehr nachkommen und an Wert für die Familie verlieren würde. Doch noch als er die Hand nach den glimmenden Kohlen ausstreckte, fing der hohe Templer sie ab. Eine Feuerprobe um den Gehorsam, das Vertrauen in die Weisung der irdenen Sprecher und Vertreter des Panthers ohne Verzagen, zu überprüfen. Hiermit hatten sie bestanden und etwas später konnte man sich Bürgschaftsanwärter nennen…

Nach einer derartigen, feurigen und vor allem bestandenen Probe war es wirklich nicht Zeit sich auf Lorbeeren auszuruhen, jedoch genehmigt sich in Lilien zu baden.

Verfasst: Dienstag 25. Dezember 2007, 23:52
von Muireall van Lilienhayn
4.) Ein Morgen im Nebel

Regungslos stand Muireall aus dem Hause derer van Lilienhayn am Fenster ihres Zimmers und blickte hinunter in die von Nebelschwaden durchzogenen Gassen der heiligen Stadt. Nur ein dünnes weißes Nachtgewand umgab den hochgewachsenen Körper der jungen Frau und die frostige Luft brachte ihre langen blassroten Haare zum Tanzen. Ihre Gestalt erschauderte kurz unter der kalten Brise, doch untersagte sie ihrem Körper zu zittern. Ihre schlanke Hand umfasste den silbernen Kelch, welcher auf dem Fensterbrett stand und sie nahm einen kleinen Schluck daraus. Muireall genoss den Augenblick da das eiskalte Wasser ihre Lippen benetzte und ihre Kehle hinunter rann. Abermals sah sie durch die nebelverhangenen Gassen, es war früh am Morgen, sehr früh. Noch kein Mensch war an diesem Tage durch die heilige Stadt gegangen, noch lag der gefrorene Tau unberührt auf den Pflastern der Wege.

Dann knarzte die Tür unter ihr, ihre lavendelfarbenen Augen zogen sich zusammen und sie sah hinunter in die Gasse. Brys, ihr unglückseliger Knecht, machte sich auf den Weg in die Mine Rahals, um seiner Arbeit nachzugehen. Ein stolzes Lächeln huschte über Muirealls Züge, ihr Knecht war der erste auf den Straßen, sie hatte den Buckligen gut erzogen. Er mochte hässlich sein, geistesschwach und gesellschaftlich vollkommen unfähig, doch war er geschickt in seinem Handwerk, fleißig und treu. Er würde fast alles für sie tun, wahrscheinlich sogar in den Tod gehen für sie. Ihr Vater hatte keinen Fehler gemacht den missgebildeten Säugling auf ihrer Haustür aufzunehmen und großzuziehen, kein anderer ihrer Diener verfügte über eine derartig blinde Treue wie Brys, und keinen anderen hatte Muireall von dem Gut Lilienhayn mit nach Rahal genommen. Sie brauchte seine Treue, seine Zuverlässigkeit. Nur so konnte sie sich auf ihre eigenen Aufgaben konzentrieren...
Bis zu ihrem Fenster drang das unverständliche Gebrabbel des Buckligen und langsam zog Muireall sich in das Zimmer zurück. Es stand leer, abgesehen von den beiden Schlafmatten auf dem Boden. Eingerollt zwischen den Decken schlief Caoimhe, sie zitterte in der kalten Morgenluft. Dunkle Ringe lagen unter ihren Augen und ein dünner Blutrinnsal war aus ihrem Mundwinkel gelaufen und auf ihrer Wange getrocknet. Sie war so blass, dass sich ihre Hautfarbe von dem weißen Bettlaken kaum abhob. Muireall seufzte leise bei dem Anblick und schüttelte den Kopf. Wie nur sollte dieses schwache Wesen stärker werden und Ehre im Namen des Panthers erlangen? Es wurde Zeit, dass sie ein Mittel gegen diese Krankheit fand, welche sie mit Schwäche erfüllte. Muireall ballte die Hand zur Faust. Wäre doch auch Caoimhe von der selben Entschlossenheit ergriffen. Muireall wünschte ihr, dass das Feuer und die Stärke des Einen ihren Geist entflammen möge und ihr die nötige Kraft gebe, um die Krankheit zu bezwingen. Wann sie dazu fähig sein würde, würde nur die Zeit zeigen. Wenn nicht, würde Muireall sich etwas einfallen lassen müssen. Sie würde keine Schwäche dulden!

Muireall durchbrach mit dem Zeigefinger die dünne Eisschicht auf dem Wasser in ihrer Waschschüssel und wusch sich das Gesicht und ihre Hände. Nachdem sie sich angekleidet hatte, trat sie aus dem Schlafzimmer. Es war bereits einige Tage her seit Caoimhe, sie selbst und Brys die Bürgerschaft in der heiligen Stadt bewilligt bekommen hatten und dieses kleine Haus in Rahal mieten konnten. Es war viel zu klein, nicht angemessen für Mitglieder des Hauses derer van Lilienhayn. Doch ihre Lage machte es notwendig. Muireall störte es nicht, sie hatte sich daran gewöhnt unter widrigen Umständen zu leben. Eines Tages würden sie für ihre Mühen belohnt werden, auch wenn es noch viel Arbeit und einen langen Weg bedeuten würde. Ruhig trat Muireall hinunter in das Erdgeschoss und legte sich ihren Umhang um. Dann ergriff sie das Schwert in der Scheide, das Schwert, welches ihr die ehrenwerte Ritterin des Einen Sharay Lessard geschenkt hatte. Ein feines Lächeln lag bei der Erinnerung auf Muirealls Lippen, als sie aus dem Haus trat in den Nebel der Gassen.