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Geschichten vom Efeumündel Miyon

Verfasst: Mittwoch 14. November 2007, 22:33
von Miyon Lill Palerim

1.) Ein unabschlagbares Angebot


Schon eine geraume Weile, mit nachdenklich gerunzelter Stirn, schmal gepressten Lippen und Grübelfältchen um die klugen Augen, beobachtete Stephen, Gastwirt der Taverne zu Tirell, seine einzige Angestellte.
Das junge Mädchen stand nun seit mehreren Momenten mitten im Schankraum an einem Tisch und fuhr mit einem Putzlumpen, ganz und gar in ihrem Gedankenkonstrukt verstrickt und verloren, immer wieder über dieselbe Stelle der Holzplatte. Auch als er mit gestrenger Geste seine kräftigen Arme vor der breiten Brust verschränkte und sich zu räuspern begann, registrierte sie ihn nicht, sondern ließ den Blick ihrer ebenholzfarbenen Augen auf dem Tisch ruhen. Versonnen erschien sie ihm und das, seit dieses rothaarige, mysteriöse Weib am gestrigen Abend aufgetaucht war und nach ihr gefragt hatte. Eine Menge bequatschten diese beiden Küken kurz danach miteinander und mit steigender Verwunderung musste der Außenstehende mitansehen, wie zeitweise die dunklen Mädchenaugen glühten oder die fahlen Wangen plötzlich Röte aufwiesen. Was auch immer die beiden Weiber untereinander getuschelt hatten, es hinterließ selbst jetzt noch sichtbare Spuren an seiner „Aushilfe“, der kleinen Miyon – und diese beunruhigten ihn zunehmend.
Doch da er zugeben musste, dass ihrer trostlosen, verlorenen und wilden Gestalt ein bisschen lodernde Freude ganz gut tat, ließ er seufzend die Arme wieder sinken und tastete lieber nach einem schmutzigen Becher und einem Wischtuch um, zumindest heute, sein Inventar selbst zu reinigen.
Sowieso war es längst an der Zeit, dass er wieder seine Arbeiten alleine verrichtete, der Gasthof war ja auch bei weitem kein Waisenhaus… nur wo sollte die Kleine dann hin?
Er würde es nie übers Herz bringen das Mädchen einfach wieder vor die Türe zu setzen, ohne auch nur irgendeine Perspektive. Schon gar nicht im nahenden Winter, der ihren sicheren Tod bedeuten würde!
Brummelnd schüttelte er den schweren Kopf und fuhr sich über den Bart. Sollte sie ruhig erst einmal bleiben, zur Last fiel sie ihm noch nicht und schien tüchtig genug um ihren weiteren Weg schon zu finden. Ja wirklich, sehr tüchtig… sie machte ja kaum eine Pause um ihrem blassen Gesichtchen mal frische Luft zu gönnen. Entschieden klopfte er auf die Theke. Ein Geräusch, welches ihre Aufmerksamkeit augenblicklich gewann.

„Miyon, du hast genug sauber gemacht und ich brauch’ zudem n bisschen Ruhe, ehe die ersten Gäste auftauchen. Magst du dir nicht ein wenig draußen die Beine vertreten?
Na los, husch…“

Ein warmes, schwach amüsiertes Lächeln umspielte die Mädchenlippen. Sie hatte ihn wohl verstanden. Mit einem Nicken hastete sie zur Türe und haschte an der Garderobe nach ihrem roten Mäntelchen. Wenige Lidschläge später klapperte die Türe und ließ Stephen mit seliger Stille zurück.

*****
Trotz der Kälte und der nun so früh hereinbrechenden Dunkelheit tänzelte Miyon vergnügt durch das Unterholz des nahen Waldes. Mit einem Zwinkern begrüßte sie die alten Eichen und lehnte den Kopf an eine Birke um an deren weißlicher Rinde entlang in das Zwielicht zu blicken, welches sich im Geäst versteckte, als wolle es noch nicht so früh vom Angesicht der Erde ziehen. Noch immer war das selige Schmunzeln in ihre Züge eingebettet und die Gedanken kreisten unentwegt um ein wundersames Gespräch, welches in einem verlockenden Angebot geendet hatte…

Die junge, sehr schöne Frau mit den langen, fast dunkelroten Haaren, war ihr gänzlich unbekannt und so fiel es Miyon zunächst schwer nicht gleich in Panik zu verfallen, als diese sie plötzlich nach ihrem Namen fragte und dann, als sie stammelnd Antwort gegeben hatte, auch noch verkündete, dass sie nach ihr, Miyon Lill Palerim, gesucht hatte.
Das Herz des Mädchens schlug laut und ein Anflug von Angst ließ sie zuerst an Nyme und Ian, dann aber auch an die Lonadiers denken und plötzlich fühlte sich ihre Kehle unangenehm zugeschnürt an, so als habe ihre Weste einen weiteren, zu hohen Knopf. Erst Stephens stiller, wachsamer Blick, welcher sie nicht aus den Augen verlor, gab ihr genug Sicherheit zurück um sich der Unbekannten zu stellen.
Allerdings stellte sich nach wenigen Augenblicken heraus wie albern und falsch ihre Vermutungen waren, denn die freundliche Dame, die sich als Trisha vorstellte, war im Grunde nur die Botin, welche Miyons lang ersehnten, scharlachroten Umhang von der Schneiderei brachte. Bestürzung verwandelte sich in Windeseile zur blanken Erleichterung und belustigt über sich selbst, nahm das Mädchen kurz darauf sogar mit der jungen Frau an einem Tische Platz. Nur allzu schnell fand Miyons Neugierde ein Ziel: Trishas Leben – und diese berichtete sehr bereitwillig, dass sie dem Gewerbe der Wanderbardin nachging und ihre Berufung nicht mehr missen wollte. Allerdings wendete sich das Blatt in dieser Plauderei allzu rasch gegen die Jüngere und bald sah Miyon sich gezwungen, ihr eigenes Leben zu erklären. So auch die Tatsache, dass Stephen sie aus Mitleid aufgenommen hatte und sie eigentlich selbst im Moment auf gewaltig unsicheren Beinen stand, so fremd in den Landstrichen und noch dazu ohne fertige Ausbildung.
Auf genauere Fragen hin wich sie aus. Vermied Ians oder Nymes Namen zu nennen, die beiden nur irgendwie weiter als zu gesichtslosen ‚Lehrmeistern’ in ihrer Geschichte werden zu lassen, um alte Wunden nicht noch weiter aufzureißen.
Trisha hingegen lauschte irgendwann nur noch und wurde einsilbiger. Sie begann über etwas zu brüten und platzte urplötzlich direkt damit in Miyons Richtung heraus.

„Hör mal, Mädel, ich mach’ dir ein Angebot: Wenn ich mir nun ein Zelt kaufe und einrichten lasse, dann kannst du gern erst einmal bei mir wohnen. Ich würde dich unterrichten, dir Nützliches beibringen und du hättest ein Dach überm Kopf, erwarte aber keinen Luxus oder ein leichtes Leben…“

Was brauchte sie mehr zu wissen? Wieder einmal waren die Würfel gefallen, wieder einmal hatte sich das Schicksalsrad, welches auf den bunten Karten in Stephens Wirtschaft so schön aufgezeichnet war, gedreht und ein neuer Wind blies Miyon in eine ihr bislang unbekannte, doch nicht unangenehme Richtung.


Blinzelnd schreckte sie auf, als etwas kaltes, feuchtes sie an der Nasenspitze berührte.
Leicht und zart, wie feinste Daunenfedern und dennoch reich und mythisch glitzernd, so wie ein gewebter Traum, fielen kleine, feste Flocken vom Himmel, benetzten die Arme, das Gesicht und die geöffneten Hände des Mädchens.
Ein Glucksen bildete sich in ihrer Brust und kletterte eifrig durch den Hals, dehnte sich im Mund aus und sprudelte kurz darauf über ihre Lippen.
Das Efeumündel lachte dem ersten Schnee voller jubilierender Freude entgegen.

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Verfasst: Dienstag 20. November 2007, 20:43
von Miyon Lill Palerim
2.) Feuertaufe

Wohlige Dunkelheit hatte sie, wie eine dumpfe, warme Decke aus Wolle, eingehüllt. Wenn sie ihr bleiches, dürres Ärmchen streckte, dann griff sie ins schwarze Nichts, als würde man mitten in einem riesigen, durchweg konturlosen Raum stehen. Kess und nervenreizend erwachte ihre Neugierde und schob sie förmlich voran. Angespannt, doch ohne das alarmierende Gefühl der Gefahr im Nacken, setzte das Mädchen einen Fuß vor den anderen um in kleinen, stetigen Schritten die Schwärze zu ergründen. Das Tappen von nackten Fußsohlen auf hartem, glattem Untergrund hallte seltsam lange nach und ließ das neugierige Kind innehalten. Ein schabendes Kratzgeräusch, als würden Krallen oder Fingernägel über Stein scharren, weckte ihre Aufmerksamkeit, doch keine Angst. Mutig fragte ihre weiche, junge Stimme in das Dunkel hinein:

„Hallo? Wer ist denn da…?“

Statt einer Antwort ertönte das Geräusch ein weiteres Mal und trotzige Ungeduld regte sich im Inneren des Mädchens.

„Heda! So sprich doch mit mir!“

„Mit mir?“, eine nur allzu bekannte Stimme alberte sie höhnend nach. Die Knabenstimme im hellen Tenor eines heranwachsenden Jünglings. Boshaft belustigt gackerte sie rasch weiter.
„Mit mir, mir, mir. Sprich doch, sprich. Halloooooo?“

Vachardo! Hass, geboren aus dem Nichts, genährt von Erinnerungen an düstere Ereignisse und harte, gemeine Worte, loderte so grell in ihr auf, dass sie die rote Aura um sich selbst beinahe spüren oder sehen konnte. Sprühende Funken, die so schnell kräftiger wurden, dass sie vernehmlich zu knistern begannen. Die Stimme hingegen kümmerte sich nicht darum, verzerrte sich bizarr und meckerte:

„Sprich, sprich… sag, sag mir, sag mir, wer ist denn da? Wer ist denn da und wer, wer, ja WER IST MEINE MAAAH? HURENKIND!!!“

In diesem Moment entlud sich ihre ohnmächtige Wut mit einem tosenden, brüllenden Rauschen – FEUER!

Die rabenschwarze Nacht verwandelte sich in eine tosende, grellrote, züngelnde Flammenhölle und obwohl die Hitze Miyon kein bisschen zu schaden schien, so schrie diese dennoch erschrocken und panisch hell auf. Ihr Schrei erklang gedehnt, schwoll in einem mächtigen Crescendo an und wurde schmerzerfüllt erwidert.
Vachardos Stimme gellte gepeinigt kindlich unschuldig auf, voller Qual und Todesangst, doch die Feuerzungen leckten hierauf nur noch gierender höher und steigerten das Schmerzgekreische ins Unermessliche. Wimmernd presste Miyon, inmitten des brüllenden, feurigen Meeres, die Hände auf die Ohren, doch das gepeinigte Schrillen drang noch immer zu ihr durch, weckte Erinnerungen und riss dunkle Momente aus den Tiefen ihres Bewusstseins blitzschnell nach oben.
Dann erklang das Flüstern, welches trotz dem dröhnenden Hintergrund so klar und deutlich war, als wispere man mitten in ihrem Kopf und die Botschaft ließ sie erstarren.

„Was willst du? Das alles ist dein Werk. Du bist Feuer, du bist Schmerz, Dämonenbrut!“

Keuchen.
Ein Ruck.
Sie saß förmlich im Bett und verharrte nur kurz, jappsend atmend, ehe sie zitternd, nein regelrecht bebend, ihre schwere Leinendecke um die Schultern und zuletzt sogar halb über den Kopf zog. Still, nur verräterisch unregelmäßig nach Luft schnappend, hockte sie nun inmitten ihrer selbstgebauten „Höhle“ aus Stoff und nur die dunklen, weitaufgerissenen Augen starrten als einziges Licht aus dem Höhleneingang heraus in den nachtdunklen Raum.
Ab und an durchzog ein Schauder den kleinen, dürren Körper und schüttelte sie leicht. Trotz aller Selbstbeherrschung fiel es dem Mädchen schwer nicht mehr Kind, sondern heranwachsende Frau zu sein und die verzweifelt gesuchte innere Ruhe schien verschollen. Sie brauchte nur einen winzigen Moment lang an den Traum zu denken, einige Bilder hervor beschwören, um den eigenen Herzschlag dröhnend lauter in der Brust zu spüren. Angst, Unsicherheit, ein Gefühl sich in der Überforderung zu verlieren.

Was hatte dieser Alptraum zu bedeuten?
Draußen jaulte der bittere Winterwind ums Haus und sorgte mit seinem schrillen, unheimlichen Katzenjammer dafür, dass Miyon in dieser Nacht keinen Schlaf mehr fand.

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Verfasst: Samstag 24. November 2007, 23:15
von Miyon Lill Palerim
3.) Der Weg in den Wald


Noch lange Zeit nach dem Ende ihrer ehrlichen, rührselig liebenswürdigen und kindlichen Rede, die sie mit festem Blicke ihm entgegengebracht hatte, ruhte sein Augenmerk auf der kleinen, mageren Mädchengestalt. So jung und unschuldig, so schutzbedürftig und zerbrechlich. Obwohl sie beide doch immer gewusst hatten, dass sie nicht lange unter seinem Dach wohnen und das Hausmädchen spielen konnte, so bemerkte er nun bitter, dass es ihm schwer fiel seinen „Sumpffund“ wieder ziehen zu lassen. Vor noch nicht einmal zehn Tagen hatte er sie erst wieder in altbackener Strenge ermahnt, dass sie zwar ein gern gesehener Gast war, er aber nicht die Möglichkeiten hatte, eine mittellose Heranwachsende wie sein eigen Fleisch und Blut aufzuziehen. Nachdenklich und ein klein wenig verletzt hatten ihre großen, fast schon schwarzen Augen ihn mit flehendlichen Blicken traktiert und hastig hatte er damals hinzugefügt, dass er ihr eine Schonfrist natürlich noch einräumen und sie bestimmt nicht aus dem Hause werfen würde. Wie also sollte er ihr jetzt einen Vorwurf daraus machen, dass sie seine Worte ernst genommen und nach einem alternativen „Zuhause“ gesucht hatte?
Ein weiteres Mal glitt sein Blick stumm, noch nicht gewillt ihr irgendwie Antwort zu geben, an dem Kind herab und die harte Erkenntnis traf ihn wie ein gut anvisierter Schlag in die Magengrube: Sie hatte nie eine Art Zuhause gehabt!
Schwerfällig und nur langsam hatten sich die Informationen, welche er doch eigentlich längst aus gemeinsamen Gesprächen gewonnen hatte, zu einem großen Ganzen zusammen. Was wusste er alles über sein Mündel? Nun, die Mutter hatte der eigenen Tochter keine Heimat geben können oder wollen, wenn er die vagen Andeutungen der Kleinen recht verstand. Danach zog sie mit der alten Kräuterfrau, die sich ihrer angenommen hatte, von Gasthaus zu Gasthaus, stets ruhelos und ohne festes Zuhause. In einem solchen, schmuddeligem Tavernenhof war das arme Mütterlein dann letztendlich gestorben und hatte den einzigen Hauch Heimat mit ihrem letzten Atemzug ausgeblasen und das kleine Kind in jener grässlichen, unfreundlichen Umgebung zurückgelassen, in es zu einem Sklavendasein degradierte. Sicherlich, solche Tragödien gab es zuhauf und auch er hatte im Laufe ihrer stockenden Erzählung keine Träne geweint, waren ihm derartige Kinderschicksale bald schon eher „normal“ als die märchenhaften Erzählungen von Adelsbälgern, die ihr Lebtag nur umsorgt und verhätschelt wurden. Jetzt erst, nachdem er seinen seltsamen Fund im Sumpf, das Mädchen mit dem klangvollen Namen Miyon Lill Palerim, besser kannte und sie dem ruppigen Gastwirt ans Herz gewachsen war, tat ihm dieses Wissen um ihre Vergangenheit weh. Auch was danach, bei ihrem so genannten Lehrmeister geschehen war, erfüllte ihn eher mit Argwohn statt Wohlgefallen. Über diese Zeit schwieg sie meist und es war schwer auch nur irgendetwas darüber aus dem wilden Mädchen zu bekommen, welches im Schlimmstfall nur die Lippen zusammenpresste und ihn mit den ebenholzfarbenen Augen geradezu anfunkelte, sollte er weiterbohren. Aber das genügte ihm, hatte er doch genug gelernt und gesehen und erlebt um einen Verrat meilenweit zu wittern. Betrug und Enttäuschung, so bitter, dass sie nicht darüber reden wollte oder gar konnte, hatte sein Mündel am letzten Ort, welchen sie Heimat genannt hatte, erlebt und wieder war ihre feste Stellung im Leben zusammengebrochen. Geschmolzen, wie eine eisige Platte unter den Füßen.
Auf der letzten, hauchdünnen Eisscholle balancierte das verwirrte Kind nun tapfer und versuchte ein heimatliches Ufer zu finden. Wie also konnte er ihr einen Vorwurf zum neuen Entschluss der unabhängigen Freiheit und der Suche machen?

„Die Waldläufer sagtest du also?“, fragte er brummig nach und erntete ein stummes Nicken.
„Nungut, Miriam ist eine sehr gute Bekannte, die ich wirklich wertschätze. Auch der Fuchs und die anderen…“, er brach ab, war ihm doch der etwas trübe Blick des Mädchens nicht entgangen und ein Seufzer entwich seinen Lippen, dann drehte er sich ab um rasch die unangenehme Feuchtigkeit aus seinen Augen zu blinzeln.
„Mir soll’s recht sein. Hab dir ja gesagt, dass du nicht ewig hier bleiben kannst, nech? Aber, Miyon, dein Strohsack und die Leinendecke in der kleinen Kammer neben der Küche bleiben, damit du wirklich nie nach ’nem Bett suchen musst…“
Jappsend schnappte er nach Luft, als ihre beiden dürren, blassen Ärmchen ihn umfassten und ungewohnt fest drückten.
„Danke dir, Stephen, danke…“, kaum mehr ein tränenersticktes, kindliches Flüstern.
Sanft lächelnd drehte er sich zu dem Mädchen um, welches das Gesicht fest in seine Weste drückte um das vom Heulen rotgegreinte Gesicht zu verstecken.
Schmunzelnd hob der alternde Gastwirt seine kräftige Hand, die einst nach ihr im tiefen Schlick des Tireller Sumpfes gefischt hatte, und strich zärtlich über das wuschelige, stets gefiederartig abstehende, rabenschwarze Haar.
Diese kleine Nebelkrähe, das Efeumündel, das Mädchen mit dem roten Käppchen fand nun also den Weg in den Wald um dort mit Füchsen, Bären und Wölfen zu wohnen. Irgendwann hatte er doch schon einmal von einer Geschichte gehört, die ganz so ähnlich begann…

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Verfasst: Dienstag 27. November 2007, 22:52
von Miyon Lill Palerim
4.) Entscheidungen und Emotionen

Der eisige Atem bitterer Winterkälte hatte das regnerische Unwetter der letzten Nacht mit kühlem Hauch gestreift und Wassertropfen in Frost und Schnee verwandelt. Sie glitzerten an blattlosen Ästen, braungrünen Grashalmen und den hölzernen Balken der alten Laube, unter welcher sie noch immer nachdenklich kauerte und trotz der Pferdedecken sowie Mäntelchen bitterlich fror. Wieder einmal glich sie einem kleinen Raben, als sie die bläulich verfärbten Lippen und die kalte Nasenspitze tiefer in die Decke sinken ließ, so dass nur noch die kohleartig dunklen Augen im bleichen Gesicht und ihre gefiederhaft abstehenden, schwarzen Struppelhaare zu sehen waren.
Blinzelnd starrte das Rabenkind durch den Morgennebel und stellte mürrisch knurrend fest, dass ihre Lider nicht mehr gehorchen und lieber zufallen wollten. Dies konnte sie nicht zulassen, denn noch wuselten beunruhigende Gedanken durch ihren Flausenkopf und hätten sie den aufwallenden Träumen lediglich heimgesucht. Sie schüttelte sich schaudernd und hauchte warmen Atem in die Deckenfalten. Dann erst versuchte sie ein wenig Ordnung in ihr emotionales Chaos zu bringen. Missmutig und unzufrieden erinnerte sie sich, dass man in der nächsten Zeit nicht nur einfach Ja-Nein Entscheidungen, sondern ganze Problemlösungen von ihr erwartete und obwohl alle Welt ihr stets versicherte, dass sie sich nicht gedrängt fühlen sollte, so übten andere Gegebenheiten immensen Druck auf die junge Seele aus. Das Mädchen fühlte sich teilweise überfordert und überrumpelt, als hätte man ihre Zeit plötzlich zu schnell gedreht und ganze Entwicklungen übersprungen um das Leben mit langen Schritten an ihr vorbeizujagen. Sie blickte treudumm hinterher und wurde vom Echo ihrer Untätigkeit gewaltsam platt gedrückt. Mit dieser Erkenntnis war dann irgendwann die Angst gekommen und drohte gleichermaßen sie zu ersticken. Ein Brocken, Klumpen in der Brust der langsam an Festigkeit gewann und schwerer wurde während er versucht durch die Luftröhre nach oben zu wandern… als müsste er heraus.

Ein weiteres Mal schüttelte sie sich emsig, wenngleich es diesmal dazu dienen sollte diese lästigen Gedanken los zu werden. Ihre Umwelt nahm natürlich keine Rücksicht auf die noch kindlichen Verwirrungen, die sich mit dem Denken der Erwachsenen nicht immer vereinbaren ließen, warum auch? Im Endeffekt wurde jeder selbst mit diesem Prozess, in welchem man der Kindheit entwuchs, selbst fertig und dies würde alsbald auch ihre Aufgabe werden. Wie die Mineralplättchen in einem Stück Kohle, so glitzerten nun auch kleine Funken in ihren dunklen Augen auf, als sich ein rebellischer Gedanke in ihrem Kopf manifestierte:

Wenn denn schon alle von ihr erwarteten, dass sie erwachsen werden würde und dann Entscheidungen mit kühlem Kopf treffen und Emotionen mit innere Ruhe bewältigen könnte, so würde dies einfach ganz in ihrem persönlichen Tempo geschehen!

Für den Moment wollte sie Kind bleiben und wie ein Kind reagieren dürfen ohne sich über ganz andere Sachen den Kopf zu zerbrechen, die sie nur innerlich aufwühlten und in eine Sackgasse ohne Musterlösung führten, zu müssen.
Stolz, die scheinbare Weisheit, das „Gold im Munde der Morgenstunde“, eingefangen zu haben, nickte sie den ersten, kräftigeren Sonnenstrahlen entgegen und bemerkte entspannter, wie diese auf der halb gefrorenen Nasenspitze angenehm kitzelten. Mit einem ächzenden Seufzer gab sie dem inneren Druck auf dem Herzen nach und ließ diese Entspannung durch ihren steifen, schmalen Mädchenkörper gleiten, nur um im nächsten Moment erstaunt aufzukeuchen.
Die Arme schmerzten ja immer noch!
Wohl vom Tragen der schweren Holzbalken für den Fuchsbau etwas überarbeitet, brannte ein dünnes Stechen von den Schultern durch die Ellbogen bis hin zum Handteller. Schnaubend rieb sie sich heftig über die Oberarme und wollte die kleine Pein mit Nachdruck erneut von sich schieben, als sie wie versteinert innehielt – es begann nun auch in den Knöcheln und arbeitete sich blitzschnell nach oben, dehnte sich aus und nahm dann erst neue Gestalt an. Es kitzelte, krabbelte, erwachte, wie ein eingeschlafener Fuß, nur im gesamten Körper.
Irgendetwas kribbelte durch alle Glieder und schien in Armen, Beinen, Kopf und Magen regelrecht zu vibrieren. Jappsend schnappte sie nach Luft und merkte noch wie das eben noch idyllische Bild des jungen Morgens voller Sommerstrahlen vor ihren Augen zu verschwimmen schien. Ein Summen erfüllte die Luft und stieg rasend schnell in ihre Ohren, wo es Nährboden fand und sich festzusetzen schien. Nun beflügelte Angst ihre Bewegungen und riss den kalten Körper förmlich vom Platz unter der Laube hoch. Dies war wohl zu rasch und einfach zu viel für den vorher vor sich hindösenden Kreislauf, welcher unter dem Schreck erst einmal zusammenklappte. Das Rauschen in den Ohren wandelte sich mit einem formidablen Crescendo zum trommelnden Klangwerk, während die nun silbrig wabernden, flirrenden Schleier vor ihren Augen Form annahmen. Strahlend und lebendig wie flüssige Silberfäden tanzten sie zur überirdischen Musik. Mit einem seligen Lächeln vor Freude über solche Schönheit brach das Mädchen zusammen und blieb beinahe regungslos auf dem Boden liegen…

Als Stephen nur wenige Momente später die schwere Tür seiner Tavernenstube öffnete um frisches Wasser zu holen, fand er seine Küchenhilfe in der gnädigen Umarmung der Ohnmacht, inmitten der Wiese des Tireller Gasthofes – offensichtliche Zeichen der Überarbeitung, oder?

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Verfasst: Dienstag 4. Dezember 2007, 22:11
von Miyon Lill Palerim
5.) Mond, Mond und nochmals Mond

Sie lebte gerade einmal acht oder vielleicht neun Tage bei den Männern und Frauen in grüner Gewandung, die sich selbst die Überbezeichnung „Waldläufer“ gaben, und dennoch hatte man sie nie zuvor derart mit Geschenken und Gefälligkeiten überhäuft. Sicher lag dies unter anderem auch daran, dass, abgesehen von Nyme und Nîn, keiner ihrer alten Freunde oder Bekannte, ausreichend Reichtum und Besitz sein eigen nannte, um überhaupt sich selbst zufrieden zu stellen. Nun, Ians Apotheke hatte zwar genügend Ertrag gebracht um den Haushalt vorsichtig aufbauen zu können, doch selbst er konnte seiner jungen Gehilfin keine größeren Wünsche erfüllen – vermutlich einer der Gründe, warum sie ihn diesbezüglich auch wohlwissentlich im Dunkeln ließ und keine Bitten äußerte.

Hier, obwohl man doch eigentlich fernab der Zivilisation, möglichst weit entfernt von grauen Städten und wuselnden Menschenmassen, mitten im Walde wohnte, war plötzlich alles anders.
Sie nannte nun ein Zimmer ‚ihr Eigen’, welches von stattlichen, samtigen Vorhängen geziert war und nebst einer kunstvoll gefertigten Kommode und einem robusten Schrank auch eine Art Felllager als Schlafplatz vorweisen konnte. Öffnete man die Schranktüre, so fand man eine Anzahl schlichter, doch kleidsamer Gewandungen, welche in ihren Lieblingsfarben leuchteten und geradezu wie angegossen am schmalen Mädchenleib saßen. Miriam hatte zwar nie ihre Maße genommen, doch hatte das Augenmerk der jungen Schneiderin scheinbar vollkommen ausgereicht um sowohl Größe als auch Statur der neuen Mitbewohnerin richtig einzuschätzen.

Viel mehr, als derartige Präsente und Aufmerksamkeiten, rührte das Kind allerdings das unbezahlbar gütige Vertrauen, welches man ihr ohne mit der Wimper zu zucken, entgegenbrachte. Im Grunde, das war ihr nur allzu bitter bewusst, kannte man sie nicht wirklich und theoretisch müsste man sie gar als „Eindringling“ in eine bereits bestehende Gemeinschaft sehen… doch jeder hier behandelte sie, als habe sie von Kindesbeinen an mitten unter ihnen geweilt und gemeinsam gute wie schlechte Zeiten überwunden.
Es trieb ihr kurz Tränen in die Augen, als sie sah wie der Fuchs ihren Badetag in sittlicher Entfernung, den Rücken zu ihr gedreht, bewachte, als fürchte er um sein eigenes Junges; trotz Wolfs wortkarger, schroffer Art zeigte er ihr rasch das Herz unter der steinernen Schale und lachte mit ihr oder ließ zu, dass sie ihn umarmte; Miriam umsorgte das junge Mädchen wie eine kleine Schwester und ihre sanfte Ausgeglichenheit brachte auch in das größte Durcheinander den lieblichen Sonnenschein und ikonisierte ihre Gegenwart zu einer Art Refugium; es rührte auch ihr Herz zu sehen wie Elaron, der nun wirklich kaum älter als sie selbst war, tagtäglich mit ihr Geheimnisse und dunkle Passagen ihrer beider Vergangenheiten teilte; dann war da noch Lilianas Angebot Miyons Wissen über Heilkräuter nicht nur aufzufrischen, sondern auch anzureichern… und so viele, weitere Angebote, die von Akzeptanz und heftiger Freundschaft zeugten, dass dem jungen Mädchen beinahe schwindelig werden konnte, wenn sie nur daran dachte und sich dessen erfreute.

Mit dem Pferd allerdings hatte sie nicht rechnen können!
Elaron hatte sie beide einander vorgestellt:
Miyon, die hier auf den Namen Lill hörte, und den jungen, goldfalbenen Hengst, der noch auf gar keinen Namen hörte und von welchem sie zuerst annahm, er wäre Elarons Tier. Ein gewisser Stolz funkelte in seinen dunklen Augen und obwohl er von eher kleiner, robuster Gestalt war, die an Wildpferde der nördlicheren Lande und Küsten erinnerte, lag ein Hauch majestätischer Würde in seinen Bewegungen. Respekt und Achtung vor der wilden Schönheit ließen Miyon zögern und in höflichem Abstand zum Hengst verweilen, ehe ein Apfel den Bann brechen sollte:
Miriam hatte Elaron gerufen und gebeten einige Nieten zur Beschlagung einer Lederrüstung zu holen. Somit war dem Mädchen vorerst nichts anderes übrig geblieben, als still und artig an Ort und Stelle zu verweilen und die Rückkehr ihres Freundes zu erwarten. Als dann kurz darauf ihr Magen deutlich zu tönen und eine Art Abendmahl zu verlangen begann, fischte sie aus Wolfs Gurttasche einen Apfel und knabberte grübelnd daran. Ihre Gedanken kreisten sich wild um düstere Zukunftsplanungen, da ihr erst in einem kürzlichen Gespräch mit Miriam einmal wieder aufgefallen war, dass die anderen jungen Frauen in ihrem Alter längst eine Ausbildung oder ihren Platz als Mutter und Hausfrau gefunden hatten, während sie noch immer auf nichts zurückgreifen konnte. Belastet von derart unangenehmen Überlegungen und ganz in sich versunken, schrak sie regelrecht zusammen, als eine blasse Schnauze an ihrer Schulter stupste und große, schwarzbraune Augen sie fordernd anstarrten.
Ein sanftes Lächeln hob die Mundwinkel der Heranwachsenden und versöhnlich bot sie dem Wildhengst den Rest des Apfels an. Dieser Akt des Teiles besiegelte den Freundschafstpakt…

… und Elarons spätere Worte die Bindung.
Das junge Pferd sollte ihr Beschützer werden und diese seltsame Bekanntschaft hatte sie nicht nur dem Wiesel, sondern in erster Linie auch Wolf zu verdanken, welcher das Wildpferd im wahrsten Sinne des Wortes wohl „beredet“ hatte. Eine bizarre Mensch-Tier Beziehung bei welcher keiner Sklave und niemand Herr, sondern beide auf gleichberechtigter Ebene schweben würden. Freundschaft, keine Dienerhaltung wollte der Hengst und auch die Waldläufer akzeptieren und so war es Miyons Aufgabe einen adäquaten Namen für das schöne Tier zu finden, der seiner gerecht und für einen Menschen aussprechbar war. Doch dies Unterfangen lag ihr offensichtlich schwerer im Magen als gedacht.

Sie hatte um eine Nacht Bedenkzeit gebeten und war mit einem Kopf voller Ideen, die sie nacheinander doch wieder verwarf, in ihr Felllager gekrochen. Der Schlaf kam nur träge und entführte sie einmal wieder in jene Welt voller Alpträume über Feuer und Zorn, Enttäuschung und Angst. Als sie schweißgebadet erwachte, überraschten sie ein unbekannter Schmerz im Unterleib und eine würgende Übelkeit. Eilig war sie über die kalten Fliesen, welche ihr ein Stückchen Standhaftigkeit zurückschenkten, gen Türe und quer durch das Hüttchen zur Hauptpforte gehastet, mit dem Gedanken sich im Walde, fernab des Hauses, zu übergeben. Ihre Beherrschung wurde auf eine Art kurze Zerreißprobe gestellt, denn die stechende Pein im Bauch wühlte sich nach oben und brachte einen kleinen Schwall bitterer Galle mit sich.
Hastig riss sie die Türe auf und kalte Nachtluft wie verschleiertes Mondlicht umfingen sie.

Als habe man einen heilenden Zauber auf sie gesprochen, ließ der Schmerz nun so rapide nach, dass nach kaum zehn Atemzügen nur noch ein dumpfes Pochen unterhalb des Nabels zu spüren war. Der winterliche, mystische Nachthauch blies ihrer feuchten Stirn Linderung entgegen und auch die plötzliche Übelkeit flaute angesichts des kleinen Wunders ab.
Verwirrt legte Miyon den Kopf in den Nacken und blickte dem güldenen, fahlen Haupt des Vollmonds entgegen und es ward ihr als würde eine ihr unbekannte und dennoch seltsam vertraute Stimme leise, nur für sie, ein uraltes Wiegelied singen.

„Zwei Gesichter hat Schinn, Herr der Nacht.
Das Eine schwarz wie Teer, das Andere weißgold wie Sternenlicht.
Drum schlaf nun mein Kindlein, fürchte dich nicht.
Sein gütig’ Auge beschützt Dich und hält Wacht…“


„Schinn…“, murmelte Miyon überwältigt und als ein fernes Wiehern in der Dunkelheit zu antworten schien, wusste sie das diese Wahl die Richtige gewesen sein musste.

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Verfasst: Donnerstag 20. Dezember 2007, 12:13
von Miyon Lill Palerim
6.) Die silberne Kette

Noch vor wenigen Stunden war sie gerannt.
Durch Wälder, Unterholz und Gestrüpp – nicht darauf achtend, dass die Natur versuchte sie zurückzuhalten, mit Ästchen und Dornenranken nach ihr haschte, am Kleid riss und dünne Striemen auf der weißliche Haut hinterließ.
Über Straßen, Trampelpfade und geheime Wege – weitere Passanten ignorierend, die dem hastenden Kind den ein oder anderen verwunderten Blick schenkten oder ihr mal spötteln, mal schmeichelnd lockend oder besorgt ein paar Worte nachriefen.
An Festungen, Häusern und Hütten vorbei – die Trutzburgen aller Menschlichkeit und Heime der Geborgenheit hinter sich lassend, ihnen nicht einen Gedanken oder Blick schenkend.

Wohin?

Das wusste sie nicht.
Im Grunde konnte sie sich ja noch nicht einmal mit der Frage beschäftigen ob es denn ein ‚Wohin’ gab oder ob dieser Punkt einfach völlig unwichtig war und mit einem simplen ‚weg’ beantwortet werden konnte. Vermutlich hatte sie noch nicht einmal den Hauch einer Ahnung warum sie denn wie ein aufgescheuchtes Huhn umherhetzte, ohne Ziel im Herzen und Sinn in der Aktion… aber es half!
Weg, einfach nur fort vom Haus, fort von Seldon und Miri, die sicherlich Fragen gestellt hätten, fort von der gesamten, peinlichen und betretenen Situation und am weitesten fort von Elaron! Wenn sie an ihn dachte, daran wie er sie einfach hatte stehen lassen, wo sie doch bemüht war etwas zu klären, was hätte klar sein sollen, wenn sie nur einen Gedanken darauf verwendete, wie er sie plötzlich vollends ignoriert hatte, dann klopfte der Zorn wild bebend in ihrem Herzen. Wieso war es denn nun überhaupt soweit gekommen? Hatte er nicht gemerkt, dass sie Komplimenten ausgewichen war, wenn man ihr die Möglichkeit bot? Mit Unbehagen hatte sie all die Freundlichkeiten, welcher man außerhalb enger Freundesbande, in einer Liebesbeziehung eher, sagte, von sich geschoben und rasch das Thema gewechselt. Es war falsch, zu früh und überhaupt… schon im Ansatz dieser Überlegungen hörte sie sich selbst schnauben. Zu früh?! Von wegen! Andere Mädchen wurden mit dreizehn oder gar zwölf Jahren, nach ihren ersten Mondblutungen und der damit aufkommenden Fruchtbarkeit, verheiratet und hatten in ihrem Alter schon zwei Jahre um dem tüchtigen Ehemann gesunde Kinder zu schenken. Sie versteckte sich nur hinter ihrer fragilen Statur, welche sie optisch jünger machte und in der körperlichen Entwicklung ein wenig zurück warf. Eigentlich sollte ein schwaches, mickriges Ding wie sie froh sein, überhaupt einen Mann zu bekommen, von einem so guten Kerl wie Elaron ganz zu schweigen.
Doch so konnte sie aus irgendeinem Grunde nicht denken…
Irgendwo pochte ein Stolz in ihrem Herzen, den andere, brave Frauen wohl schon schändlich genannt hätten. Der Wunsch von Unabhängigkeit, von eigenem Willen, freien Entscheidungen und selbstgewählten Wegen. Lächerlich, dreist aber vorhanden und hartnäckig bestehend, wie eine Zecke im Nacken.
Vielleicht hatte sie deshalb so bereitwillig Taraleas Rat befolgt, als er ihr erneut ein Geschenk gemacht hatte – eine wunderschöne, simple, doch feingliedrig und filigran gearbeitete Silberkette, welche er ihr in seltsam vertrauter Geste um den Hals legte.

„Er wird dir etwas schenken… stell dich auf Schmuck ein. Wenn es ein Armband ist, dann muss das noch lange nichts außer Freundschaft heißen. Ist es eine Kette, dann stecken darin Gefühle und du musst mit ihm reden. Wenn er dir allerdings einen Ring schenkt, dann pack deine Sachen und komm erst einmal zu mir.“

Was hatte sie bei diesen, eher scherzhaft gesprochenen Worten, gelacht und den Kopf geschüttelt. Nun war es zwar kein Ring geworden, doch eine wunderschöne Halskette und seinen hungrigen, lauernden Blicken konnte sie entnehmen, dass er auf etwas hoffte. Noch während sie ihn umarmte, versuchte sie zu erklären, flehte beinahe schon, dass das nicht bedeuten möge, dass er begann sich in sie zu verlieben. Dreidonnerwetter! Natürlich liebte sie ihn auch, doch nicht so wie er es vielleicht hoffte, nicht so, wie man in ihrem Alter lieben sollte – und das Drama nahm seinen Lauf.
Plötzlich hatte sich sein Gesicht verdunkelt und fast schon knurrend hatte er ihre Angst für ein albernes Hirngespinst abgetan, sie von sich geschoben und noch während sie ihm erklären, nein versichern wollte, dass er ihr beinahe schon eine Art großer Bruder war, hatte er sie alleine stehen gelassen und nunmehr mundtot, hatte sie ihm nachgeblickt. Im großen Bogen war er um das Gatter gelaufen, als wolle er nicht direkt an ihr vorbei, als hätte sie den Aussatz und er würde eine Ansteckung befürchten. Nachdem er ihr auch beim nächsten Aufeinandertreffen, wenige Augenblicke danach, keinen Blick und kein Wort schenkte, ein wenig so, als würde sie gar nicht neben ihm stehen, sondern einfach abwesend sein, da hatte sich das Entsetzten so blitzschnell in rasende Wut verwandelt und ehe sie ihn packen, schütteln und anbrüllen konnte, hatten ihre Beine eine ganz andere Lösung des Dilemmas gefunden: Die feige Flucht!

Irgendwo bei Varuna, auf einem seltsamen Spielort voller Holz- und Steingebilde, hatte sie sich in eine der künstlich geschaffenen Höhlen gekauert, den kalten Kalk durch die Kleidung gespürt und gewartet bis die Wut langsam verrauchte und nun der Verzweiflung wich. Tapfer versuchte sie Krokodilstränchen und beschämende Anfälle von Selbstmitleid zu unterdrücken, doch es gelang nur mäßig. Ihr schniefendes Schnüffeln und Heulen war wohl auch noch durch die glatten Höhlenwände verstärkt hinaus gedrungen und somit konnte sie sich noch nicht einmal wundern, als ein junges, schön anzusehendes Gesicht plötzlich in ihr Refugium blickte.

„Eluive zum Gruße…“, die unglaublich hellen, blauen Augen der Frau strahlten vor Lebensfreude und früher Weisheit, „… nicht dein Tag heute, was?“

Die nächste Stunde ging ein wenig wie im Traum vorbei, so bizarr und dennoch mystisch faszinierend wirkte diese auf das Gemüt des Mädchens. Niana, wohl eine junge Sängerin oder Bardin, wie es sich im Laufe ihres Gesprächs herausstellte, gab Miyon mehr als einen heißen Eintopf, Brot und delikaten Wein. Mit ihren Worten, welche so viele, rasche Fragen aufwarfen, dass sich die Jüngere bald schon überfordert sah, rüttelte sie die aufkeimende, melancholische Lethargie aus dem Kind heraus. Man sprach übers Fortlaufen, darüber, dass man sein Schicksal selbst in die Hände nehmen musste und egal was geschah, nur Änderungen bewirken konnte, wenn man nicht tatenlos alles über sich ergehen ließ.
Zuletzt wollte Niana wissen ob Miyon wusste wo sie nun hingehen würde und tatsächlich fiel dieser ein Ort ein, an dem, so hoffte sie, warmer Tee, ein geduldiges Ohr, weiser Rat und offene Freundschaft warteten.

„Ja, ich denke ich weiß, wo ich hingehe… ich werde eine Freundin aufsuchen.“

„Oh? Muss man diese Dame vielleicht sogar kennen?“

„Ich komme nicht aus diesem Landstrich und habe keine Ahnung wer als bekannt oder gerühmt gilt, doch Taralea ist ihr Name.“

Taralea…

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