Seite 1 von 1
Auf dem Weg zu Dir, Vater
Verfasst: Samstag 10. November 2007, 00:57
von Laraanji
Die Nacht war bereits seit einigen Stunden hereingebrochen – Das provisorische Zeltlager, in dem man notdürftig die Bevölkerung der Heiligen Stadt untergebracht hatte, lag ungewohnt still. Gelegentlich hörte sie das metallische Stampfen eines Wachhabenden, der auf seiner Patrouille an ihrem kleinem Zelt vorbeitrottete, hin und wieder auch Stimmen oder vereinzelte Rufe.
Wenigstens war für ausreichend Verpflegung gesorgt, dachte sie und ersetzte eine weitere heruntergebrannte Kerze durch eine Neue. Gegessen hatte sie auch schon und überhaupt: Eigentlich sollte sie längst schlafen. Aber das war im Augenblick nebensächlich und ihre Schlafstätte ohnehin nicht sonderlich behaglich, denn um das wackelige Bettgestell türmten sich staubige Bücher. Exemplare, bei denen sie der Ansicht war, sie besser selbst im Auge zu behalten. Wohin man die anderen Werke der Tempelbibliothek gebracht hatte, wusste sie im Moment garnicht so genau, aber dafür würde noch genug Zeit sein.
Nachdem sie alle Kerzen überprüft hatte, ließ sie sich auf ein Neues zwischen die Bücherberge sinken und atmete einmal tief durch. Sie wusste nicht mehr genau, wie oft sie in dieser Nacht schon festgestellt hatte, dass es widerlich kalt ist, aber sie schob es wieder getrost auf den nahenden Winter und das dünne Nachthemd. Es gehen Gerüchte um, dass wir Templer unsere Tracht selbst zum Schlafen nicht ablegen, überlegte sie flüchtig und mit einem kleinem Schmunzeln – Aber sie hatte mit Sicherheit nicht vor diesen Irrglauben zu berichtigen. Zumindest diese Bequemlichkeit würde sie sich gönnen dürfen.
Leise blätterte sie weiter. Noch eines dieser ausgefransten und zerfledderten Bücher: Ritualistik – Lehren des praktischen Dienstes III. Beinahe die gesamte Reihe hatte den Weg in ihr Zelt gefunden. Nur ab dem achten Band, so wusste sie noch, verstarb der Schreiber und nahm das Wissen und seine Erfahrung mit in sein Grab. Bedauerlich, denn sie wurde nur mit minderem Erfolg weitergeführt, bis sich letztlich niemand mehr daran wagte und die Nachwelt sich auf die alten Ausgaben beschränkte.
Die Seiten nur grob überfliegend, suchte sie ständig nach einem Anhaltspunkt. Sie hatte viele dieser alten und wichtigen Werke schon in der Vergangenheit studiert, oder zumindest angelesen. Aber die Passage, nach der sie forschte, lag schon eine ganze Weile zurück und damals konnte sie kein sonderlich großes Interesse dafür aufbringen. Jetzt allerdings besaß es akute Wichtigkeit und sie hoffte inständig, dass sie nicht die gesamte Lektüre aus ihrem winzigem Zelt durchstöbern müsste, um endlich darauf zu stoßen. Unter dem dicken Verband an ihrer Linken begann der Schmerz damit, sich einmal wieder zu Wort zu melden. Die Hand war vollständig durchbohrt gewesen und nachdem der Apotheker sich die Wunde angesehen hatte und ihr Dies und jenes Sälbchen verschrieben hatte, wurde ihr versichert, dass es sich vorrausichtlich nicht entzünden würde. Seitdem hatte sie nicht gewagt einen Blick darauf zu werfen und hatte es auch jetzt nicht vor. Nur der Moment, als sie den Dolch hinein gerammt hatte, blieb ihr von dem aufwändigem Ritual lebhaft im Gedächtnis.
Dolch war ein gutes Stichwort, dachte sie jäh und raufte sich etwas die Haare. Wo war dieses Kapitel nur? - Sie konnte sich nichteinmal an die genauen Titel der Teile erinnern, nur die Zeichnungen hatte sie noch lückenhaft im Kopf.
Die Kerzen waren ein drittes Mal auf die Hälfte heruntergebrannt, als ein unerwarterter Laut und ein vorbeiziehender Schatten die Templerin aus ihrer Konzentration rissen, geradezu aufschrecken ließ. Hastig fasste sie nach dem Griff ihres Preces, das im Notfall immer an ihrer Seite lag, und stieß dabei versehentlich einige der aufgebahrten Bücher herunter. - Den Blick starr auf den Eingang ihres Zeltes gerichtet, verharrte sie regungslos und in lauernder Anspannung, bis sie nach geraumer Zeit endlich zu dem Entschluss kam, dass es nur eine Wache gewesen sei - allerhöchstens ein scheues Tier. In ihre Ausgangsposition zurückkehrend, fiel ihr Blick auf eines der herabgefallenen Bücher. Es lag auf dem Rücken und die Rechte der aufgeschlagenen Seiten gab ein Bild preis, das sie schonmal gesehen hatte. Eingerahmt von dichtem, umliegendem Text stellte sie schnell fest, dass es genau das war, nachdem sie gesucht hatte und ihr Herz machte einen kleinen Sprung. - Über den wundersamen Zufall machte sie sich in diesen Augenblicken keinerlei Gedanken und stürzte sich ohne zu Zögern auf das Geschriebene. Informationen, nach denen sie gierte.
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
VI. Das Ta-krahl | Erfasst am 6. Ashatar im Jahre 134|
Einzigartig in seiner Schöpfung, wurde das Ta-krahl alleine zu dem Zwecke erschaffen,
eine Brücke zwischen Erwähltem und dem Allmächtigen zu schlagen. Im irdischen Sinne
verbirgt sich dahinter ein siebenundzwanzig Fingerbreiter Langdolch, dessen Schneide
nach den Gesetzen des goldenen Schnittes Achtzehn Fingerbreiten beträgt und beidseitig
breite Widerhaken aufweist. Am Hefte des Dolches befindet sich ein Durchbruch in der
Form eines Vielecks, nebst der Halterung des unbedingt notwendigen
Occulus Pantherae[Weiteres dazu im folgenden Kapitel VII]. Die Haltegriffe unterliegen
komplexer Mechanik, die bei ausreichender Schwingung Rotation des eingerasteten Objektes
ermöglicht und begünstigt. Die verwendeten Metalle weisen im Verhältnis nur
geringen Wert auf, es wurde jedoch in der Herstellung auf das ausgewogene Gleichgewicht
des Konstruktes geachtet und ein erstaunlich geringes Gewicht von 800 Gramm auf
der Waage.
Geschaffen wurde das Ta-krahl im Jahre 80 im Auftrage der heiligen Templerschaft
unseres Herrn unter dem Clericus Antaga Xartes, der in jener Angelegenheit
die Hohen des auserwählten Volkes konsultierte, nachdem sich der Eine und Einzige
entschloss, den letharischen Tetrarchen *Hierauf folgen verschlungene,
unleserliche Zeichen – Kratzspuren ähnelnd* geringen Alters, in seiner Festung
zu empfangen.
Berichten Gelehrter und Zeitgenossen zufolge, gebrauchten die Geweihten das Ta-krahl,
wie eingangs erwähnt, ausschließlich für den rituellen Vollzug. Alleinig den Höchsten,
menschlichen des Tempels wird mittels des Ta-krahls ermöglicht und gewährt, sich dem
Richtspruch des Herrn zu unterwerfen, den Aufstieg in Seiner Hierarchie beschreitend.
[URL=http://imageshack.us][img]http://img440.imageshack.us/img440/8028/dolch3yd3.jpg[/img][/URL]
Erkenntnisse über die rituelle Praxis.
Zeugnisse eines Anwärters des Tempel [Catulus Alataris] ergaben Genaueres
über Ablauf und Funktion der Akteure:
“..in Augenblicken der Vollendung saß ich Blind im Zorn. Und Hass
fraß sich durch die Gewinde meines Körpers [..] Schemenhaft, schwelend
stieß der Erhabene das heilige Werkzeug in den Leib des Glücklichen, zielend
auf das Dargebotene und Kräfte entluden sich in jene Brust..“
Während des Rituals schüren die Diener ihren Hass, den Weg ebnend, damit sich die Macht
des Gottes innerhalb des Pantherauges [Occulus pantherae] zusammenschließt.
Dem anleitenden und weisenden Tetrarch obliegt die Entscheidung den Höhepunkt des
Potentials zu bestimmen, damit ausreichend Kraft vorliege, den Empfangenden auf seinen
Weg zu entsenden, bis an die Grenzen des Jenseitigem: Nileth Azur.
Kaum eine..
*Laraanji begann die Seiten zu überschlagen, neugierig, was es mit diesem Auge auf sich hatte*
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
VII. Das Pantherauge – Occulus Pantherae | Erfasst am 14. Ashatar im Jahre 134|
Das Pantherauge ist gewissermaßen ein überaus seltenes, widerstandsfähiges Gestein.
Seine Oberfläche erscheint in einem dunklem, grünem Ton, bisweilen schwarz. Über die
Herkunft ist nur Weniges bekannt: Ungewisse Überlieferungen und Vermutungen datieren
den ersten Fund auf die frühesten Aktivitäten des Menschengeschlechts. Erste Texte
beschreiben die Niederkunft Alatar's auf Erden und berichten von wundersamer Wandlung
des Grundes und der Erde, mit der seine Manifestation in Berührung geriet. Zurück blieben
jene, grünliche Gesteinsbrocken, deren weiche Oberflächen nach Seinem Verlassen glühten,
gar pulsierten, sich erst allmählich verhärteten und schlussendlich vermochte keiner sie zu
trennen.
Jüngste Nachforschungen eröffneten die zweite, sichere Bergung eines kleinen Stückes
des heiligen Gesteins, die sich im Jahre 67 zutrug. Jedoch entschieden sich die Hohen erst
mit der Konstruktion des Ta-krahls [Weiteres dazu im vorherigen Kapitel VI] zu
einer fachmännischen Bearbeitung des Pantherauges. Zuvor, so erfasst aus den Berichten
des Clericus Licas Gren, arbeitete jener Genannte an Untersuchungen des Steines und
konnte in Versuchsreihen seine Geheimnisse lüften und nachhaltige Funktion und Nutzen
erschließen.
Das Pantherauge, insbesondere sein Innenleben, reagiert auf Einflüsse derer,
die mit seiner Oberfläche in Kontakt geraten. Während die unbrauchbaren
Gefühle des Lebewesens keinerlei oder nur sehr geringe Reaktionen verursachen,
versetzen ihn Hass, Zorn, Wut, Rachsucht und derlei in starke Schwingungen,
steigend bishin zu einer Vibration oder entsprechender Regung. Es gelang, die
Kraft des All-einen zu übertragen und über einen kleinen Zeitraum darin zu
erhalten. Auch gelang es, ein solch gewaltiges Maß an Macht in seinem Inneren
zu kanalisieren, dessen Menge nur von einem Tetrarchen des heiligen Volkes
gehalten werden könnte, ohne auszubrennen und zu vergehen. [..]
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Es ging noch so weiter. Doch sie hielt inne und blickte auf. Sie hatte jetzt verstanden, aus welchem Grund die Hohetemplerin ihr den Auftrag gegeben hatte, diese Einträge ausfindig zu machen.
Kyr'laex war fort und es gab nur mehr diese einzige Möglichkeit vor das Gericht des Herrn zu treten. Jäh verspürte sie die Müdigkeit und Niedergeschlagenheit. Sie brauchte Schlaf. Morgen würde sie Entschlüsse fassen: Mit klaren Gedanken.
Verfasst: Donnerstag 22. November 2007, 20:30
von Qan ap Cayia
Die Abenddämmerung würde bald von der Nacht abgelöst werden. Sie tauchte den westlichen Horizont in ein dunkles Orangerot, während man im Osten schon Ansätze eines Sternenhimmels erkennen konnte.
Es war der vierte Tag nach der Nacht, als er diesen Makel erhalten hatte.
Schweigend stand er vor dem Spiegel und wischt sich eine lose Strähne von der Stirn, um einen freien Blick auf sein eigenes Gesicht werfen zu können. Die dünnen, unauffälligen Brauen zogen sich kaum merklich zusammen beim Anblick, das sich ihm bot: Sein ehemals jugendliches Gesicht, das sich über die Jahre hinweg trotzig gegen das ansteigende Alter gewehrt hatte, wirkte eingefallener und verbrauchter als noch vor einigen Tagen. In seine femininen Züge hatte sich eine gewisse Härte eingeschlichen und das dünne kleine Nässchen wirkte nun seltsam fehl am Platz.
Nach einigen Momenten des nachdenklichen Starrens schließlich zog die blutige rote Schliere an seiner Wange seine volle Aufmerksamkeit auf sich. Von der Dicke her konnte man die Wunde nicht mehr als einen Kratzer nennen und im Laufe seines Lebens hatte er sich schon viele Kratzer eingefangen, die allesamt nach dem Auftragen von Heilsalbe in wenigen Tagen verschwunden waren. Aber diese Wunde wiedersetzte sich stur allen Behandlungsmethoden, die ihm in den Sinn kamen- nein, schlimmer gar: Er hatte sogar das Gefühl, dass sie umso mehr blutete, je mehr Aufmerksamkeit er ihr schenkte. Manchmal konnte die Wunde, deren Öffnung weder verkrustete, noch eiterte schier ununterbrochen bluten. Aber manchmal verhielt sie sich ruhig, auch wenn sich winzige perlenartige Blutstropfen entlang der Wunde abzeichneten. Jegliche Regungen in seinem Gesicht wurden zur Qual – jedes Verziehen des Mundwinkels löste einen stechenden Schmerz aus, den man der Größe der Wunde kaum zutraute und der ihn jedes Mal dazu ermahnte, sein gewohntes schiefes Grinsen zu unterlassen.
Nicht dass er es unbedingt darauf abgesehen hätte, etwaige Freudenmomente mittels Mimiken anderen Menschen aufzuzwingen. Ebenfalls war er nicht darauf angewiesen, anderen Menschen seine Gefühle zu vermitteln. Er fühlte sich schlichtweg nackt und schutzlos, als es ihm irgendwann gewahr wurde, dass er sein Mienenspiel auf einfache Bewegungen seiner Brauen reduzieren musste und dass sein Gesicht nunmehr eine leere emotionslose Maske sein würde. Für jemand, der sein Leben lang vom Vortäuschen falscher Emotionen gelebt hatte förmlich ein Genickbruch.
Und das alles für einen schlichten Zeremoniendolch, den er nicht einmal auf dem Schwarzmarkt verhökern konnte. Er schimpfte sich selbst einen Narren, als er so bereitwillig in jener Nacht die Kuh eines Kuhhandels gemimt hatte.
Als sie das Labyrinth unter dem Hafenviertel erschlossen, fanden sie einen alten gefallenen Templer vor, dessen Jahrhunderte langer Aufenthalt in den kalten feuchten Gemäuern der Krypta ihn so weit degenerierte, dass sein Verstand nur noch auf seine tierischen Instinkte beschränkt war. Im Besitz des alten Templers befand sich ein Langdolch- womöglich für ein Ritual zu gebrauchen, denn die Clerica Laraanji zeigte ein ausgeprägtes Interesse an der an sicht wertlos aussehenden Waffe. Und er Idiot hatte sich dazu überreden lassen, sich selbst gegen den Dolch eintauschen zu lassen. „Vertrau dem Rat und der Entscheidung des Herrn“ hatte ermutigend Auron zu ihm geflüstert. Und er hätte es besser wissen müssen! ‚Selbstlosigkeit ist eine Tugend der Dummen’, hatte er sich schon sein Leben lang eingeredet. Hätte er als mittelloser Waise damals den Überlebenskampf auf den Straßen von Rabenfurth überlebt, wenn er jemals selbstlos gewesen war?
Natürlich hatte es gewisse Vorteile, sich zu opfern und darauf zu hoffen, dass seine Mitstreiter den Dolch erlangten, ohne dass der alte Templer ihn vorher in Stücke zerriß- vielleicht war es der sehnliche Wunsch um die Anerkennung der schönen Clerica zu buhlen? Vielleicht aber auch wirklich der aufkeimende Glaube an die schwarze Festung und dass Alatar sicherlich einen Haufen Jungfrauen in seiner Festung beherbergte.
Aber was wäre wenn nicht...?
Der Zweifel, der anfangs noch in ihm geschlummert hatte, wurde unerwartet größer, als der alte Templer sein grässliches Maul aufriss, um ihm wohl den Kopf abzubeißen.
Was wäre wenn?
Die Hilfe, die er erwartet hatte ließ auf sich warten, während die scharfen Eckzähne des missgestalteten alten Mannes seine zarte Wange entlang streiften.
Hohl und dumpf klang das Wimmern, das aus seinem Mund kam und sich fremd und unendlich weit entfernt anhörte.
Was wäre wenn?
Die scharfen Eckzähne des Templers bohrten sich in das weiche Fleisch seiner Wange, zogen eine ungleichmäßige dünne Rille über seine Gesichtshaut, ehe die mächtigen Kiefer zusammenschnappten und die beiden Bisslinien sich zu einer Durchgehenden zusammenfügten.
Was wäre wenn?
Er spürte förmlich wie sich seine Pupillen unnatürlich weiteten. „Ich will nicht wie Schweinefraß enden“, betete er leise vor sich hin und als der gefallene Templer erneut sein Maul aufriss, sah er schon den nahenden Tod vor sich.
„Akela“, schoss es ihm durch den Kopf und wahrscheinlich hatte er den Namen in diesem Moment auch unbewusst ausgesprochen.
Die wenigen Momente, die er mit der Blutgeborenen von Varanor verbracht hatte, strichen in verschwommenen Bildern verpackt an seinem geistigen Auge vorbei, als durchlebe er sie in Zeitraffer und unsortiert wieder.
Er erinnerte sich, wie er das tapfere aber dennoch zerbrechlich wirkende junge Ding vor Rahal aufgabelte. Wer hätte damals gedacht, dass sich eine angebliche Adelige unter den Lumpen verbarg? Wehrlos lag die junge Frau vor ihm im Gras- sprichwörtlich im Fetzen gehüllt und ihm völlig wehrlos ausgeliefert. Er hätte leicht seinen Vorteil aus der Situation ziehen können, doch aus irgendeinem Grund tat er es nicht. War es die angebliche Treue zu Rahal, die er sich in den letzten Wochen so oft einbildete oder hatte er plötzlich ein Faible für muskulöse Frauenschenkel entwickelt?
Offene Antworten, deren Fragen für ihn offen blieben und erst recht nicht in diesem Moment seiner größten Bedrängnis beantwortet werden konnten. Er sah die scharfen Zahnreihen des alten Templers immer näher an sich heranrücken und bevor er sich versah verlor er den Halt, um schließlich mit dem Rücken unsanft auf dem Boden zu landen. Er hörte das scharfe fast synchrone Zischen mehrerer Klingen, die gleichzeitig die dünne Luft in der kleinen Kammer zerteilten und den darauffolgenden gellenden Todesschrei des Templers...
Dem Tod war er entronnen, aber die Wunde an der Wange- der Makel blieb, ohne zu verheilen.
Träume
Verfasst: Sonntag 25. November 2007, 22:55
von Der Erzähler
Ein silberner Reif, solide Handwerksarbeit. Alter, Feuchtigkeit und Schmutz haben erbarmungslos an dem weichen Metall genagt, die einst feine Gravur beinahe unlesbar gemacht. Nur gute Augen und geduldige Säuberung enthüllen, was den Ring einst zierte: Ein Name, nicht mehr.
Demeloar Ferjael
Namen bedeuten Macht, enthüllen die wahre Natur eines Wesens. Leichtfertig geben so viele Wesen diese Macht in fremde, unachtsame Hände. Auch dieser Name besitzt Kraft, verbindet lose Fäden zu einem Ganzen. Er verleiht einem schlichten Gegenstand mehr als physische Präsenz, geprägt von seinem Besitzer.
~~~~~~~~~~~~~~~~
Dunkelheit züngelt an dämmrigem Fackelschein empor, gierig nach Licht schnappend, die Herrschaft an sich zu reissen. Ein hastiger Blick umher, die Fackel folgt, obwohl niemand sie zu halten scheint. Unter den nackten Füßen ist kein Boden zu sehen, keine Wände begrenzen dieses Schattenreich. Obwohl diese Grenzenlosigkeit beängstigend sein sollte, wirkt sie vertraut, besänftigend.
Etwas regt sich am Rande der Wahrnehmung, rascher als ein Mensch sich bewegen sollte. Ein Schatten huscht, flackert wie eine Kerzenflamme im Lufthauch. Beobachtet. Wartet.
Ein Wimpernschlag, und der Schatten ist heran, Dunkelheit umschließt alle Sinne. Als sich die Augen wieder öffnen, hat sich diese unwirkliche Welt in eine stickige Höhle mit niedriger Decke verwandelt, ein schmaler Gang. Stimmen werden laut, unverständlich ihre Worte. Doch die Gier darin ist nicht zu leugnen. Der Erdboden wird von starken Händen aufgerissen, Rauch steigt von den Umrissen der Handvoll Menschen empor, in rythmische Bewegung gebracht durch den Atem einer unsichtbaren Gegenwart. Die Gebeine der Erde werden freigelegt, dann verändert sich der Tonfall, die Gespräche werden hektisch. Ein Knirschen, dann folgt wieder Dunkelheit.
Ein einzelner Lichtstrahl fängt sich in einem Edelstein, dessen Kern in tiefem Grün schimmert, die Konturen so schwarz, dass er mit der Dunkelheit verschwimmt. Der Stein wurde niemals von menschlicher Hand bearbeitet, und doch fügt er sich perfekt in den Griff eines Dolches ein, der vor Macht zu vibrieren scheint.
Wieder wechselt die Szenerie. Ein Mann, vollständig in schwere Roben gehüllt, bewegt sich durch die schmalen Gänge einer Krypta. Suchend, lauernd, unbeobachtet. Er erreicht einen Raum mit schweren Bronzetüren, seine Finger nach dem Dolch ausstreckend.
NEEEEEEIN!
Der Schrei gellt durch Zeit und Raum. Schmerzerfüllt, am Rande der Agonie. Derselbe Mann liegt auf groben, von Blut übersättigten Brettern, starrt in die tiefliegenden Augen seines Peinigers.
WO IST ER?
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Die Schwärze verschluckt den letzten, so hasserfüllten Schrei abrupt, stösst die Träumende brutal zurück. Übergangslos bietet sich ihr wieder die vertraute Umgebung, das warme Licht der Kohlebecken und Fackeln, die wohltuende Ruhe. Zurück bleibt nichts als die klare, aber irreale Erinnerung an das Gesehene, und der unnatürlich warme Ring an ihrem Finger.
Verfasst: Sonntag 9. Dezember 2007, 20:20
von Savira
Die geisterhafte Stille der Grabkammer umfing die beiden Frauen. Kein Ort der stärker von der Macht ihres Herren in dieser Welt geprägt wäre, als dieser.
Die Ältere hatte in einer Hand den Ring, die andere Hand wurde gen der Jüngeren ausgestreckt. Diese hatte die Hand in beide ihrer Hände genommen.
Beide murmelten sie etwas mit geschlossenen Augen, Schweiß begann auf ihren Stirnen zu erscheinen, ein Beben durchruckte sie.
Schwärze. Endlose, formlose Schwärze. Darin ein Wirbel, der einen in den Bann zog. Das war ihre Schwester, sie kannte diese Traumgestalt bereits. Eine giftgrüne Wand baute sich vor ihnen auf, der Haß, der von dieser Wand ausging war spürbar, fast schmerzend, bohrte sich in ihr Sein - und prallte ab. Ein winziges grünes Licht entschwand in der Ferne.
Sie versuchten diesem Lichte näher zu kommen, doch nur neue Wände aus Haß bauten sich vor ihnen auf vergingen, entstanden neu. Sie durften sich von diesem Haß nicht berühren lassen, doch so greifbar hatte sie ihn noch nie erlebt.
Schließlich umstanden diese Wände sie, Haß schlug in Wellen aus allen Richtungen auf sie ein.
Stöhnend gingen die zwei Frauen in die Knie. Eine sackte keuchend gegen die Wand.
Eine Stimme hallte in ihren Köpfen wieder:
"HINFORT
Ihr habt nicht die Macht dem Einen zu trotzen, Gewürm des Raben! Weichet von mir!"
"Er weiß dass er entdeckt wurde. Ich spürte es... Er ist in Panik - in Rage - er weiß, dass er wo ist, wo er nicht hingehört"
"Ja. Aber er kann es auch nicht verlassen."
"Nein... Er spürt Schmerz.... er spürt Qual. Er spürt die Kraft die hier vorherrscht - er leidet Qualen"
"Er hat Angst."
Sie ließen den Ring auf dem Altar ihres Herrn zurück. In dieser Umgebung konnte er sein selbstgewähltes Gefängnis nicht verlassen, so er es überhaupt konnte.
Es ward Zeit der Templerin eine Nachricht zukommen lassen.
Verfasst: Donnerstag 20. Dezember 2007, 01:46
von Laraanji
Verbissen kniff sie die Augen zusammen und versuchte die unpässliche Müdigkeit abzuschütteln. Das konnte sie sich nun wirklich nicht leisten. Auch wenn sie die letzte Nacht über Büchern verbracht hatte, Vorbereitungen treffen musste und unzählige, klärende Gespräche geführt hatte: Jetzt war der Augenblick da! Reiß Dich zusammen Lara, ermahnte sie sich in Gedanken. Schläfrig ging sie den Ablauf ein weiteres Mal durch, obwohl es garnicht mehr nötig war. Alles war bereitet. Entweder es würde klappen, oder eben nicht, darüber entscheidet der Herr.
Mit leisen Worten erinnerte sie Auron daran, dass es Zeit sei. Er hatte sie hinaufgeleitet und harrte nun in regungsloser Pose hinter ihr aus. Sie nickte schwerfällig, ehe sie ihren Weg fortsetzte, den Schritt ein wenig beschleunigend, denn sie wollte den Tetrarchen nicht warten lassen. Als sie den Tempel verließen bemerkte sie, dass es allmählich wieder dämmerte und bereits auf den Stufen konnte sie aus der Ferne die Knienden erkennen. Templer, Vicarii und auch Anwärter waren dabei. Zwischen ihnen konnte sie den Tetrarchen Syras Rel'thar ausmachen, der sich in Geduld geübt hatte, bis die Templerin von der Waschung wiederkehren würde.
Es würde also nicht mehr lange dauern. Und was, wenn der Herr nicht einmal daran denkt zu entscheiden?
Was, wenn er dies alles garnicht vorgesehen hatte? Der Dolch würde sie umbringen und sie hätte verdient zu sterben, denn in ihrer Schwäche hätte sie nicht erkannt, das jenes Ritual niemals in Seiner Absicht lag.
Sie machte weitere Schritte vorwärts, lediglich die Tracht des Tempels schlang sich um ihren Körper. Zumindest dieses eine Kleidungsstück konnte sie sich zugestehen, denn auf halbem Wege zu erfrieren wäre vermutlich nicht besonders förderlich.
Doch die Hohen hatten ebenso entschieden. Auch der Vater hatte das, würde sie sonst den heutigen Tag überhaupt noch erleben? Wäre sie nicht längst gescheitert und würde in seinen Hallen weilen, wenn das hier Nicht sein Wille ist? Es kann nicht anders sein. Es war Bestimmung. Heute würde sie ihren rechtmäßigen Platz zugewiesen bekommen, denn sie hatte sich als fähig im Dienste erwiesen.
Sie gelangte an die Obelisken, die weit in den Himmel ragten und neigte, ohne groß darüber nachzudenken, ihren Kopf in erlernter Ehrfurcht vor dem Tetrarchen. Stumm ging sie vorrüber, denn sie wagte nicht, die gespenstische Stille zu durchbrechen, die nahezu bedrückend über dem Platz lag. Sie erkannte den Wechsel der Steinformation zu ihren Füßen und ihre verschiedene Bemalung. Nurnoch wenige Schritte und sie würde gänzlich unter der Pranke des Herrn stehen, wenngleich es nur kühler Stein war. Symbolhaft. Was bedeutete das schon?
Und wenn auch die Geweihten davon wussten? Sie stehen ihm so nahe. Wäre es möglich, dass sie bereits über ein Versagen bescheid wissen, dass sie es gezielt herbeiführten? - So durfte sie nicht denken. Vertrauen in die Entscheidung des Einen, nur das zählte. Ganz gleich, was geschehen würde, es würde das Richtige sein.
Für einen winzigen Moment spürte sie dabei Sehnsucht. Sogar Verlangen, endlich vor Ihn treten zu dürfen, sein Urteil zu empfangen, seine Hallen bewohnen, Vollkommenheit zu finden bis in die Ewigkeit. Indessen rückten die Umsitzenden, mit leisem, gar beruhigendem Geraschel, heran und zusammen, sodass sich der Kreis letztlich schloss. Sie wusste, dass jeder von ihnen seine grundeigene Art hatte, den Zorn zu erwecken und den angestauten Hass aufrecht zu erhalten. Einen Weg, nach der Macht des Herrn greifen zu können. Der Schmerz ist ein wunderbares Mittel hierfür, doch manche bewerkstelligen das Erforderte sogar durch einfachen Fokus ihrer Gedanken. Auf Vergangenes, manchmal auch Gegenwärtiges.
Ihr Blick ging langsam durch die Reihen und verweilte schlussendlich auf dem kleinen Objekt, das all' dies ermöglichte: Das Ta-krahl in den Händen des Tetrarchen und der Stein, der inmitten der Konstruktion eingerastet wurde und sich bereits ganz langsam um die eigene Achse drehte, als wäre in dem Hohetempler ein immerwährendes Grundpotential des Zornes vorhanden.
Vorsichtig ließ sie sich auf die Knie nieder und bettete die Hände in ihrem Schoß. Nicht mehr lange, schoss es ihr wieder und wieder durch den Kopf und nur mühsam konnte sie ihre Aufregung unterdrücken. Die Ritualisten hatten bereits mit der Einleitung begonnen. Und in Kürze würde die Verbindung geschaffen werden, zwischen ihnen und dem Tetrarchen und damit dem Ta-krahl. Zu eben diesem hob sie den Blick wieder an, denn sie war gespannt auf die Reaktion des Steines, auf das erhoffte Resultat. Syras umfasste den fein gearbeiteten Langdolch mit beiden Händen und auch er kehrte den Blick in sein Inneres, konzentriert, gedankenvoll. Nicht mehr lange.
Zunächst nahm die Rotation des Auges innerhalb des Dolches nur schleppend zu, doch sie konnte förmlich spüren, wie
sich die Schwingungen im Inneren des Gesteins nach und nach verstärkten, als würde jemand immer kräftiger an einer schweren Kurbel drehen. Leise Geräusche drangen von allen Seiten an ihr Ohr. Ein Stöhnen, ein Luftschnappen, ein geqäulter Laut. Schließlich geriet der Stein ins Rasen, sodass einem das bloße Auge vorgaukelte, eine einzige, grünliche Masse befände sich zwischen den Metallbolzen. Laraanji holte einen tiefen Atemzug, ein leichtes Kribbeln in ihrem Brustkorb. Nicht mehr lange. War es jetzt soweit? Würde sie gleich..?
Im selben Moment ging der Dolch nieder, bohrte sich tief, schmerzhaft in die Brust der Knienden und die Wirklichkeit verschwamm.
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Auch wenn es schwer fiel, konnte sie die Umsitzenden noch mit Mühe wahrnehmen. Die düsteren Silhouetten von Menschen, die der Weihung beiwohnten. Im nächsten Moment jedoch begann ihr Augenlicht drastisch zu schwinden, doch sie wusste, sich dagegen zu wehren war vergebens und nicht notwendig. Bevor sie sich versah stürzte sie bereits in die tiefe Schwärze, die Eindrücke ringsum verblassten allmählich und drohten sogar in Vergessenheit zu geraten.
Stille umfing sie. Bedrückend und angenehm zugleich, nachdem sich der vorherige Trubel langsam aus ihrem Kopf gestohlen hatte. Dennoch war sie kaum fähig einen klaren Gedanken zu fassen – So sehr sie sich bemühte, es wollte ihr nicht gelingen, sich auf die gegenwärtige Lage zu konzentrieren. Und ein wohlig-lauschiges Gefühl trug dazu bei, dass sie die Anstrengungen schließlich einstellte und sich der Behaglichkeit hingab.
Es sollte allerdings nicht lange währen, denn mit der Ruhe und Bequemlichkeit kehrten auch schleichend die Erinnerungen zurück. Erinnerungen an eine Aufgabe, etwas, das sie zu erledigen hatte. Schlagartig riss sie die Augen auf und zu ihrer eigenen Verwunderung konnte sie wieder Gegenständliches erkennen, wenngleich ihr die neue Umgebung trüb und gedämpft erschien, wie in einem Traum. - Aber kein wirklicher Traum, sie spürte ihr vollstes Bewusstsein. Wahrscheinlich wäre sie dann auch längst aufgewacht, dachte sie. Etwas beschwerlich stemmte sie sich in die Höhe und mit einem stummen Fluch bemerkte sie, dass sie sich auf einen spitzen Stein gestützt hatte, denn der Schmerz pulsierte überraschend intensiv in ihrer Rechten.
Neugierig und ergründend studierte sie den höhlenartigen Grund und mit weiteren Blicken erfasste sie den Rest der fremden Umgebung. Es schien eine riesige Höhlenanlage zu sein - die Decke war kaum auszumachen und lag in ungeahnter Höhe, unsichtbar durch den dichten Schatten. Unmittelbar vor Laraanji setzte eine gewaltige, rund angelegte Treppe an, die in einem bogenförmigen Ausgang oder Eingang endete, der offenbar der Ursprung für das dumpfe, bläuliche Licht war, dessen trübe Intensität die Höhle erfüllte. Rechts und Links neben den unzähligen Stufen erstreckten sich zwei weitere Höhlengänge, doch ihre Eingänge lagen augenscheinlich viel zu hoch, als dass sie ein Mensch betreten könnte.
Zunächst unschlüssig starrte sie auf die erste Stufe, die nur wenige schrittweit von ihr entfernt lag. An der Grabesstille hatte sie nichts verändert. Kein Laut, kein Mucks, nicht einmal ihre eigenen Bewegungen verursachten ein Geräusch, als wären die physikalischen Grundgesetze an diesem Ort verdreht. Da ihr nichts anderes übrig blieb näherte sie sich anschließend mit kleinen Schritten der emporragenden Treppe. Umso näher sie den Stufen kam, desto höher erschienen sie ihr und als sie zu der Allerersten gelangte, hatte sie merklich Mühe die hüfthohe Treppenstufe zu erklimmen. Alle Weiteren wiesen dem Anschein nach exakt die gleiche Höhe auf und würde man sie messen, käme man bestimmt auf eine perfekte Gleichmäßigkeit, überlegte sie flüchtig, während sie eine Stufe nach der anderen bestieg. Es schien eine Ewigkeit anzudauern und es wollte und wollte nicht enden. Schnell aus der Puste geraten, musste sie gelegentlich eine kurze Verschnaufpause einlegen und immer wenn sie einen prüfenden Blick gen des ersehnten Ausganges warf, schien sich die Entfernung kaum verkürzt zu haben. Nicht lange darüber nachsinnend, machte sie sich ohne großes Zögern daran Stufe für Stufe zu nehmen.
Letztlich und auch ein wenig überraschend erreichte sie das Ende und rettete sich mit einem stillen Aufkeuchen auf die Plattform, die in einem mattem, eigenartigem Blau schimmerte, durch das hereindringende Licht angestrahlt. Schwer atmend zog sie kurzzeitig in Erwägung, die Anwärter des Tempels in Zukunft zum Treppensteigen zu verdonnern: Anstrengend und mit Sicherheit gesund für den Körper. Dann richtete sich wieder auf und gekonnt unterdrückte den Wunsch sich auszuruhen.
Ein mulmiges Gefühl ging durch ihren Magen, als sie die Höhle verließ und durch den Ausgang auf eine Art Brücke gelangte. Der Boden unter ihren Füßen war inzwischen ebenmäßig, nahezu irreal blank und blau. Allerdings vermochte sie nicht zu sagen, ob die Farbe dem Material zu grunde lag, oder ob der Stein lediglich durch die bläuliche Atmosphäre beleuchtet wurde. Den gleichen Eindruck machten die quadratischen Säulen, die ihr zu beiden Seiten ins Auge fielen und blickte man an ihnen hoch, konnte man ebenfalls kein Ende erspähen, als würden sie unendlich und immer weiter in den leeren, schwarzen Raum streben. Auch die Brücke schien zu den einzig sichtbaren Konstrukten in der undurchdringlichen Schwärze zu gehören. Ihr fiel auf, dass dieses Licht, welches die Steine umhüllte, keinen Ursprung, keine Quelle besaß. Es war einfach da.
Dennoch lag der hintere Teil des Überganges im Schatten und man konnte kaum erahnen, was sich dahinter befand.
Nachdem sie einige Augenblicke gezögert hatte, setzte sie sich wieder – etwas entschlossener – in Bewegung. Es gab nur einen Weg herauszufinden, was sie hier erwarten würde, aber natürlich hatte sie schon eine Vorahnung. Nach wenigen Schritten bereits stellte die Templerin fest, dass sich der entfernte Schatten mit jeder Annährung weiter schob, neue Teile der Brücke preis gab und sichtbar werden ließ. Es folgte probeweise ein winziger Schritt, genauestens auf das Resultat achtend, registrierte sie zufrieden die erwartete Veränderung des Schattens, der förmlich einen Wall bildete und sich schleppend von ihr weg schob. Mit der neuen Erkenntnis wagte sie einige weitere, selbstsicherere Schritte, doch abrupt hielt sie inne, als sich jäh und unerwartet Etwas aus dem Schatten löste: Eine wundersame Gestalt, der man vom Äußerlichen kaum etwas Körperliches oder Organisches zusprechen könnte. Lediglich nahezu durchsichtige Umrisse waren erkennbar, die alles andere als einer menschlichen Kontur ähnlich sahen. Bei genauerem Hinsehen bemerkte sie, dass sich die Umgebung nahe dem Wesen verzerrte und geradzu von seiner Präsenz angezogen und aufgesogen wurde. Es hatte fast den Anschein, als zöge das Geschöpf an Strängen und verändere Welt um sich herum mit Absicht. Sie wunderte sich grade darüber, wieso das Geschöpf soweit auf der rechten Seite stand und nicht mittig, da fuhr plötzlich eine Stimme in ihren Kopf und jegliche, gefassten Gedanken verflüchtigen sich auf der Stelle:
„Auf die Knie, Niedere.“ Sie konnte an dem Ton keinerlei Ausdruck festmachen. Weder Erwartung, Aufforderung noch Strenge oder Ungeduld. Aber sie zögerte keinen Moment und ließ sich auf ihre beiden Knie fallen, den Blick in gelernter Ehrfurcht senkend.
„Niedere“ - Dröhnte es wieder in ihren Gedanken. „Unser Vater verlangt zu wissen, was Dich hierher führt.“
Kurz musste sie nach Worten suchen – Sie war sich über ihre Absichten bestens bewusst, aber sie müsste lügen, wenn sie sagen würde, sie wäre in der gegenwärtigen Situation nicht aufgeregt. Sie riss sich zusammen, wie sie es immer gelernt hatte und versuchte ihre Stimme zu erheben. Doch schon kurz zuvor spürte sie, dass etwas nicht stimmte. Auch ihre Kehle fühlte sich trocken an und tatsächlich, als sie probierte auch nur ein einzelnes Wort herauszubringen, scheiterte sie und nur die Bewegung ihrer Lippen kündeten von dem vergeblichen Versuch.
„An diesem Ort wird nicht mehr über derart umständliche Wege gegangen. - Sterbliche, deine Gedanken sind frei.“ Das verwirrte sie komplett. Wahrscheinlich wird sie das denken müssen, was sie begehrt, überlegte sie, den Blick unentwegt auf die glatte Oberfläche des Steines gerichtet. Aber versteht dieses Wesen jeden ihrer Gedanken?
„Konzentriere Dich“ Plötzlich um Vielfaches lauter durchfuhr sie stechend, emotionslos die körperlose Stimme. Sie hatte keine Wahl und fixierte sich in Gedanken gänzlich auf das Wesentliche. Nicht viel denken, sondern einfach, simpel denken.
„Der Tag, an dem mein Aufstieg im Reiche der Sterblichen erfolgen wird, ist gekommen. Ich, sowie die Höheren, sind sich über meine Befähigung einig. - Ich bin hier, damit der Herr über mich, seine Niedere, entscheidet.“ Nachdem sie dies gedacht hatte, zwang sie sich an nichts Weiteres zu denken, doch sie musste schnell feststellen, dass es ihr nicht gelingen würde.
„Du glaubst, Du bist stark genug?“ Kam schließlich die Antwort. Keine Spur von Hohn oder Amüsanz begleitete diese Gedanken - eine schlichte Frage.
„Ich lebe, um zu dienen.“ Erwiderte sie ruhig, den Mund geschlossen. Sie musste sich wirklich erst an dieses Prozedere gewöhnen und sie merkte, wie sie langsam aber stetig an Sicherheit gewann.
„Der Herr weiß um Deine Schwächen“
Während dieser Worte begann sich ein glühend heißer Schmerz durch die Schultern Laraanji's über die Oberarme in Richtung ihrer Hände vorzuarbeiten. Sie ahnte bereits, was jetzt folgen würde. Noch war es erträglich, doch die Qual nahm rapide zu. Sie presste die Zähne aufeinander und verzog das Gesicht, bis der Schmerz letztendlich in den zerfurchten Händen der Templerin endete und sich unaufhaltsam über die feinen Adern ausbreitete. Es raubte ihr die Luft, sie konnte sich nicht erinnern, dass es je so schmerzhaft gewesen war. Vielleicht war das auch nur der Eindruck, den sie jedes mal hatte, doch selbst in diesem Zustand, nahm die Tortur ohne Unterbrechung zu. Am ganzen Körper zitternd kam ihr für einen winzigen Augenblick die Idee, sich selber diese leidigen Körperteile abzutrennen, damit der Schmerz ein Ende hat. Mit einem tonlosen Zischen spürte sie schließlich wie der Schmerz versickerte und nurnoch zwei vollkommen taube Klumpen zurück blieben, sie versucht nicht einmal die Finger zu bewegen. Nur erleichtert und glücklich, dass es ein Ende hatte, schnappte sie immer wieder nach Luft, als könne sie nicht genug davon bekommen.
„Der Herr verlangt zu wissen, ob Dir das gefällt.“
Wieder musste sie sich auf einzelne Gedankengänge konzentrieren:
„In Ehrfurcht empfange und etrage ich den Schmerz, der erforderlich ist, um Ihm von größerem Nutzen zu sein“
Nach dieser Antwort folgte eine ganze Weile nichts. Sie wagte nicht den Blick zu heben, doch erkannte sie an den verschwimmenden Bodenfliesen, dass die Gestalt ihre Position nicht verlassen hatte. Dumpf pulsierte der Schmerz wieder in ihren Händen und mit unangenehmem Kribbeln kehrte Leben in Diese zurück.
„Er fragt, ob eine Person in Deinem Leben existiert, die für Dich höheren Wert besitzt, als sie sollte.“
Sie wusste, worauf dies hinaus lief, doch in einem kurzen Anfall von Naivität dachte sie, kurz angebunden:
„Nein, mein Leben liegt nur in Deiner Hand, Allmächtiger.“
„Du lügst“ Die beiden Worte brannten sich in ihr Gedächtnis, als sie in ungekannter, schmerzhafter Lautstärke in ihren Kopf schmetterten.
„Der Herr weiß um die Dienerin, die Du für Deine Mutter hieltest.“
„Ich werde lernen, sie zu vergessen“ gab sie etwas verschüchtert, doch entschlossen zurück.
„Du hast es nicht einmal vor.“
„Doch, Erhabener..“
„DU LÜGST!“
Diesmal versetzte ihr nicht nur die unglaubliche Lautstärke einen Schlag, sondern ihr gesamter Körper krümmte sich in Schmerzen, die ohne Ankündigung in sie gefahren waren. Es stellte jegliche Schmerzen, die sie auf Erden erlebt hatte, in den Schatten – Sie verlor vollkommen die Kontrolle über sich, über ihren Körper, über ihre Gedanken. Nichteinmal die ersehnte Bewusstlosigkeit rettete sie vor Folter und sie sah schwarz. Eine Schwärze, in die sie sich versuchte zu kauern, versuchte den tausendfachen Nadelstichen in ihrem Körper zu entgehen, das Reißen an jedem Körperteil und an ihren Augen zu vergessen, es wegzuschließen, davor zu fliehen.
Es dauerte nicht lange und ihr Zeitgefühl ließ sie ihm Stich. Waren es Minuten, Stunden?
Und plötzlich waren sie weg. Verschwunden, auf einen Schlag. Zu ihrer Erleichtung besaß sie noch Augen, die sie öffnen konnte und wurde sich nur allmählich gewahr, dass sie kaum fähig war sich zu bewegen, ihr ganzer Körper in unatürlicher Krümmung auf dem gelegentlich aufglimmenden Blau lag. Sabber lief aus ihrem Mund, der sich staubtrocken anfühlte, als hätte sie tagelang nichts getrunken und wäre nur eine Haaresbreite vor dem Verdursten.
„Ich habe gelogen“ Dachte sie schwach „Es wird nicht mehr vorkommen, ich werde den Herrn nicht mehr anlügen“ Sehr leise kehrte das fremde Geschöpf wieder in ihren Kopf zurück, beinahe als hätte die Strafe nicht ihre Ohren, sondern eine Funktion in ihrem Kopf in Mitleidenschaft gezogen.
„Der Herr sagt, Du bist schwach, Niedere.“
„Schwach wäre nicht einmal eine ausreichende Beschreibung um meine Bedeutungslosigkeit gegenüber der Macht und Stärke des Herrn zu verdeutlichen. Ich bin Nichts vor Dir. Weniger als das - meine Kraft stammt aus Deinen Armen.“ Sie hatte den Versuch, sich wieder aufzurichten, inzwischen aufgegeben, nur den Mund geschlossen zu halten, bereitete ihr schon Schwierigkeiten, doch sie investierte all ihre Willenstärke, um den Kiefer am Aufklappen zu hindern. Es machte keinen Unterschied, welchen Anblick sie bietete, dachte sie verbissen.
„Ganz recht.“ grollte es wieder. „Der Herr weiß Deine Bemühungen zu schätzen. Er ist gewillt, Dir einen Vorgeschmack der Gunst zu geben, die Dich erwartet, treue Niedere.“
Eine Pause.
„Folge dem Weg und gelange an das Tor seiner Festung.“
„Ich kann nicht“ dachte sie niedergeschlagen zur Antwort.
„Du kannst.“ Diesmal schienen die Worte in ihrem Kopf keine Widerrede zu dulden. Wie, als wäre es ein Überbleibsel aus Lebenszeit, vernahm sie einen Beiklang von Ungeduld und Aufforderung.
Und als sie versuchte nur einen Muskel zu regen, spürte sie, wie augenblicklich Kraft in ihre Glieder zurückkehrte. Es kostete sie kaum Mühe wieder auf die Beine zu kommen, sie fühlte sich sogar besser als vor der Tortur. Ohne weiteres Zögern befolgte sie schließlich den Befehl und trat an dem düster-schwirrendem Wesen vorbei, in dessen Antlitz sich Bilder aus der unmittelbaren Umgebung spiegelten und ineinander vermischt und verzerrt wurden.
Ohne ein Laut entfachten sich die Säulen auf beiden Seiten und strahlten einen dämmrig-grünen Schein aus, die grauschwarze Schattenmauer zerbast und gab den Blick auf einen monumentalen, torartigen Rundbogen frei. Mit zögerlichen Schritten bewegte sie sich auf das Bollwerk zu, es schien sich in beide Richtungen in die sonstige Schwärze zu erstrecken und als sie näher gekommen war, erkannte sie stellenweise weitere der Seelenartigen Gestalten. Man konnte es allerdings nicht als eine Festung beschreiben, wie ein Mensch sie kennt. Nicht mit Türmen, Zinnen, es war Anders. Surreal und zuerst nur schwer fassbar für den Geist der Templerin. Allerdings hielt sie sich nicht lange damit auf. Das war Nileth Azur. Gespannt, wie es im Inneren aussah, beschleunigte sie ihre Schritte und eilte voran. Am Ende der Brücke folgten wenige Stufen und eine weitere, geröllartige Plattform tat sich auf, an dessen Ende sich mehrere, einzelne Tore befanden, umgeben von Seelen, die alles um sie herum verschwimmen ließen. Selbst eines der Tore, auf das sie zusteuerte, war bereits gewaltiger als jedes, das ihr aus der Welt der Sterblichen bekannt war. Wie erwartet schwiegen die mutmaßlichen Wachen. Irgendwie mussten sie gelernt haben, ihre Gedanken unter Kontrolle zu haben, denn sie hörte keine Worte von ihnen. So ganz konnte sie nicht erfassen, was dies zur Konsequenz hätte, doch sie wunderte sich in dem Moment mehr über den Eindruck, dass sie von ihnen beobachtet wird, obgleich es an nichts Äußerliches festzumachen war.
Nur kurz nach ihrer Ankunft begann sich das riesenhafte Tor aufzuschieben – Sie konnte keinen Mechanismus dafür entdecken: augenscheinlich von alleine. Zudem vermisste sie lautes Geknarze oder andere, markante Geräusche, die damit einher gehen sollten. Doch es war ihr gleichgültig. Besessen auf das, was sie dahinter erwarten würde, trat sie auf den kleinen Spalt zu, der sich ihr öffnete. Nicht mehr weit, dachte sie, als sie in grelles Licht trat, dass ihr gänzlich widernatürlich erschien. Sie spürte eine Schwelle, wollte darüber. Ein Schritt noch – Dies war seine Festung. Vielleicht würde er sie auch jetzt schon in seine Reihen aufnehmen. Darüber musste sie lächeln.
Dann wurde sie gepackt, sie wusste nicht wovon, wie als würde sie aus dem traumhaften Erlebnis herausgegriffen werden. Sie versuchte gegen den Sog anzukämpfen, sich zu wehren, doch es war zu spät, zu stark.
Leise, munkelnde Stimmen drangen an ihr Ohr. Ihr Hörsinn verriet zuerst, dass sie anscheinend wieder zurück gekehrt war. Sie wusste nicht, ob sie Bedauern darüber verspüren sollte – Aber sie wusste, dass ihr Dienst noch nicht vorrüber war. Der Tag, der ihren Aufstieg in Seiner Hierarchie markierte hingegen schon. Es war wieder Zeit. Zeit, sich seine Gunst zu verdienen, bis ihr Vater sie in seine Arme schließen würde. Alatar – mein Vater – Ich liebe Dich.