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Leiden beenden

Verfasst: Montag 5. November 2007, 13:41
von Zoe de Velgy
Sie blinzelte und drehte sich nochmal auf die Seite als sie von irgendwelchen Geräuschen der Nachbarschaft geweckt wurde an diesem Morgen. Nur langsam erhob sie sich und setzte sich zunächst auf die Bettkante. Die Felle unter ihren nackten Füssen, fühlten sich ähnlich an wie der kalte Holzfussboden. Sie spürte kaum einen Unterschied.
Die letzte Nacht spürte sie noch immer in den Knochen.
Eigentlich hatte sie erneut das Gefühl, sie spürte noch die ganzen letzten Wochen in den Knochen.
Soviel war geschehen, soviel zu verarbeiten, soviel zu fühlen.
Sie tastete langsam ihre Rippengegend ab, bevor sie die Weste an diesem Morgen zuknöpfte. Der Schmerz war auszuhalten, dennoch stöhnte sie bei der Berührung kurz auf.
Zoe war einerseits verwundert aber auch dankbar das sie trotz der Geschehnisse der letzten Nacht, wenigstens in jener ihren Schlaf fand.
Dennoch fühlte sie sich am Morgen so wie Luca sich heute wohl fühlen musste wenn er aufwachte. Sie hatte zwar nicht soviel Schnaps getrunken wie er , doch war ihre Gefühlswelt wieder ordentlich ins schleudern geraten. Wie so oft in den letzten Wochen und Mondläufen.

Sie hatte seinen Hund töten müssen. Ihn von seinem Leid befreien müssen. Jarrefs Hund. Schnaufer wie er ihn nannte und welcher Zoe schmunzeln liess, als sie den Namen zum ersten mal hörte.
Ein alter Hund und Jarrefs langjähriger Freund und treuer Gefährte. Einige Zeit war er schon verschwunden und Jarref fand ihn nicht, egal wo er suchte.

Sie dachte darüber nach, das sie ihn das erste und letzte mal gesehen hatte und wünschte sich die Zeit etwas zurückdrehen zu können. Wäre sie nicht am Anfang der Woche nach Lameriast verschwunden um Ruhe zu finden, vielleicht würde der Hund dann noch leben? Wäre er dann rechtzeitig gefunden worden, ehe ihn die Gitterstäbe des Eisenzaunes durchbohrt hatten? Sie schüttelte rasch den Kopf, versuchte das Bild des verletzten Hundes damit fortzuwischen. Doch ihr hallten noch ihre eigenen Worte der Szene in den Gedanken wieder. "Wir kommen zu spät.." - "Wir können ihm nur noch .. den Übergang erleichtern.." - ".. ihm den Schmerz nehmen"

Sie wollte diese Worte auch wenn sie der Wahrheit entsprachen nicht aussprechen. Wusste genau wie ihn diese Worte treffen mussten..
Zoe hockte in jener Nacht wie auch Jarref neben dem Hund. Das Blut färbte die Umgebung in einem dunklen feuchten Rot. Sie hatte ihre Medizintasche wie immer dabei und griff langsam hinein um eine Phiole und ein Tuch hervor zu holen.

Die Bewegungen kamen ihr unendlich langsam vor und sie begann das Tuch ausreichend mit der Flüssigkeit zu tränken. Sie dachte nicht genau darüber nach was sie da tat .. sie tat es einfach .. hatte das Gefühl es müsste sein.

Bis Jarref, der seinen Hund wortlos streichelte, sie entsetzt ansah und seine Stimme sich fast überschlug als er sie fragte:
"Wa-warte! Was machst du da?"
Ich weiss es nicht! Hätte sie ihm am liebsten entgegnet. Woher sollte sie das wissen. Ihre Aufgabe war es Leben zu erhalten nicht zu nehmen.
"..ihn vom Leid erlösen..." etwas anderes brachte sie nicht heraus und Jarrefs rasche Antwort schlug ihr hart ins Gesicht.
"Du willst ihn töten."
"Er hat Schmerzen .. er blutet .. hat Stäbe in sich drin.."
begann sie stammelnd und verstummte wieder. Sah auf den Hund und wünschte sich, ihm doch etwas anderes anbieten zu können als einen rascheren Tod. Aber es gab keine andere Möglichkeit. Er würde so oder so sterben.

"Na-Nagut. Zoe. Dann töte ihn."
erklang Jarrefs Stimme nach einigen Augenblicken ernst, auffordernd.
Die Unsicherheit überkam sie. Sie wusste vom ersten Anblick an, das es keine andere Möglichkeit gab als das Tier zu erlösen. Doch wollte sie diejenige sein die dies tat?
Würde er sie danach jemals wieder anblicken können. Oder sie ihn?
"I..ich?" fragte sie nur leise in seine Richtung, kannte seine Antwort aber bereits bevor er sie aussprach.
"I-ch kann das nicht, Zoe. Bitte versteh' das. Du must ihn töten." immer eindringlicher hallten Jarrefs Worte durch die Nacht.
"Aber..."
Aber was? Sollte sie ihm jetzt noch zusätzlich aufbürden seinen langjährigen Freund vom Leid zu erlösen?
Sie verstummte, griff erneut nach dem Tuch und blickte wieder zu dem Tier. Sie sah seine dunklen traurigen Augen, sein eingefallenes Gesicht und wie sein Körper, mit jedem Tropfen Blut das die Erde tränkte, schwächer wurde.

Das leise Wimmern war noch eine Weile zu vernehmen als Zoe das Tuch auf seine Schnauze und Nase hielt, bis der Körper des Hundes leblos da lag. Erst als sie nichts mehr hörte und keine Bewegungen mehr verspürte nahm sie langsam ihre Hand von dem Tier. Das Tuch dort belassend wo sie es platziert hatte...

Sie brauchte eine Weile bis sie ihren Blick von dem Hund und darauffolgend von ihrer Hand lösen konnte.
Ängstlich erhob sie den Blick nur langsam, um Jarref anzusehen. Er starrte auf seinen leblosen Gefährten, reglos.
Ihr Magen drehte sich und ihr Hals schnürte sich zu.
"Es tut mir leid.." mehr brachte sie nicht hervor. Jarref entgegnete Worte seiner eigenen Schuld. Ein Satz von ihm ertönte an diesem Morgen erneut in ihren Gedanken.
"Wie du Leben geben kannst, so kannst Du Leben auch wieder nehmen."
Dann wieder Luca's gestrige Worte, der endlich froh war wieder etwas von seinem Bruder erfahren zu haben.
"Heute ist .. Glückstag.."

Der Heimweg von der zerstörten Akademie nach Hause war erfüllt mit Schweigen. Zoe fehlten die Worte. Daheim begannen sie erst wieder zu sprechen doch sie spürte genau, das Jarref eher dagegen ankämpfte und das Erlebte von sich schieben wollte als darüber zu sprechen.
Jarref war nach Ablenkung und fragte Zoe was sie tun könnten. Nach einigen Überlegungen einigten sie sich darauf mit den Holzwaffen und Holzschildern zu trainieren. Zoe glaubte erst nicht daran, das dies eine gute Idee sei, liess sich aber dennoch darauf ein.

Einige anstrengende Runden trainierten sie, in denen Jarref merklich mehr Kondition als Zoe zeigte und sie waren wie ausgewechselt. Sie zeigte ihm verschiedene Angriffsmöglichkeiten, die er zu ihrer Überraschung auch nicht wenige Augenblicke ebenfalls versuchte. Immer wieder ertönten die dumpfen und kratzenden Geräusche an denen sich ihre Waffen und Schilde trafen in jener Nacht. Ihre Treffer auf seine Schulter und sein Treffer auf ihre Rippen hinderten sie nicht daran, noch eine weitere Runde bis zur Erschöpfung zu trainieren. Sie wussten beide das sie am nächsten Tage etliche blaue Flecken davon tragen würden, doch es war ihnen gleich. Und die Gefühle die sie vor einigen Stunden noch übermannt hatten waren ersetzt durch Müdigkeit und Schmerz.

Heute morgen aber , als sie nochmal über alles Geschehene nachdachte, fühlte sie wieder die Übelkeit und Angst, der gestrigen Nacht. Angst war ein gewohntes Gefühl in letzter Zeit für sie geworden. Aber auch Wut. Meistens ein Gemisch aus beidem. Noch immer überkam sie ein Schaudern wenn sie an die Pestepidemie dachte. Die Alpträume hatten nachgelassen. Die Verantwortung die sie seitdem Tag immer mehr verspürte, für alles und für jeden, wuchs ihr mit der Zeit über den Kopf. Sie war Heilerin und wollte und musste für andere stark sein. Sie versuchte nach aussen hin normal zu wirken, was ihr auch einige Zeit gelang. Es kam aber immer mehr unaufhaltbar auf sie zu. Jeden Tag geschahen irgendwelche Dinge oder sie geriet in gefährliche Situationen und Konflikte. Sie fühlte sich dem immer weniger gewachsen. Fühlte sich hilflos, wütend und spürte wie ihre Kraft nach und nach verschwand. Sie konnte kaum noch verbergen wie es ihr ging. Auch wenn sie es noch so sehr versuchte.

Shaya war eine derjenigen die es rasch bemerkte wie Zoe sich veränderte. Sie liess Zoe an einem Abend, auch wenn diese es erst albern fand, auf einen Heuballen einschlagen. Und es half. Zoe liess vielen ihrer unterdrückten Gefühle freien Lauf. Das sie danach am liebsten im Erdboden versunken wäre, bemerkte Shaya ebenfalls. Sie sprachen noch eine Weile und Zoe verstand allmählich was ihr wirklich fehlte. Ruhe. Einige Momente oder Tage nur für sich und ohne Verantwortung. Und wenn sie dann wieder Kraft geschöpfte hatte, könnte sie ihren Alltag auch wieder besser bewältigen.

Sie nahm sich vor nach Lameriast zu gehen, plante und erklärte ihr Vorhaben ihren Freunden. Nur bei Luca stiess sie auf Unverständniss, doch war es ihm eigentlich nicht zu verübeln. Seine Angst war geschürt, das Zoe vielleicht nicht wiederkäme. Auch wenn sie dies permanent versicherte.
Sie mochte diese Insel schon als sie sie zum ersten Mal erblickt hatte. Ein weiterer Ruhepol sollte Jarref für sie sein. Sie wollten gemeinsam einige Tage auf der Insel verleben.

Die Tage auf der Insel waren anfangs ähnlich wie die Tage daheim. Anstrengend. Erst überraschte sie in einer Nacht ein heftiger Sturm der die Westseite der Insel verwüstete und ihnen Angst einjagte. Dann wurden sie überfallen von feigen Seemansleuten, die sie in einen Hinterhalt gelockt hatten. Doch die letzten Tage konnten sie noch in Ruhe verbringen. Zoe war auch glücklich darüber wie nah Jarref und sie sich in dieser Zeit kamen.

Und nun wieder daheim, geschahen wieder Ereignisse auf die sie keinen Einfluss hatte. Es machte ihr Angst und sie hatte das Gefühl, die wenige Ruhe, die ihr an den Tagen gegeben wurde, würde ihr wieder ruckartig genommen. Ihre größte Angst war Jarref zu verlieren. Mit ihrem anfänglichen Misstrauen und der gestrigen Tat. Auch hatte sie nicht so für ihn da sein können, wie sie es hätte sein müssen. Der Tod war eines der Dinge, mit denen sie einfach nicht umgehen konnte. Sie hatte Angst das die Geschehnisse die sie nun wieder erlebten, voneinander trennen würden. Wie es schon einmal geschah. Das würde sie nicht aushalten.

Die Gespräche mit Amelie in den letzten Tagen halfen ihr über Zweifel und Ängste hinweg. Oft fand ihre Freundin die richtigen Worte und nahm Zoe somit etwas von ihrer Angst. Vielleicht sollte sie sie auch heute aufsuchen und vom Geschehenen berichten. Denn ein Fehler, den sie in der ganzen vorigen Zeit gemacht hatte, war, das sie alles versuchte mit sich selbst auszumachen.