Keruan Esgarath - Diener der Allmutter
Verfasst: Sonntag 4. November 2007, 20:02
Kapitel 1 – Der Pfad des Lebens
Dunkel und kalt brach die Nacht über Gerimor herein, früher als sonst, als der junge Keruan durch die Straßen Varunas schlenderte. Es war der Tag des großen Unwetters gewesen, ein mächtiger Sturm hatte sich am Himmel erhoben und Tonnen von Wasser auf die Straßen der Stadt geschüttet. Selbst jetzt, Stunden, nachdem sich die Wolkenfront wieder aufgelöst hatte, standen noch Pfützen auf den matschigen Wegen und machten jenes Plitsch-Platsch, das schon kleine Kinder so sehr lieben, wenn man mit den Stiefeln in sie tritt. Doch es war nicht nur die unangenehme Feuchtigkeit, die in den Straßen und Gassen lag, sondern vor allem die merkwürdige Kälte, die den Abend unnatürlich werden ließ. Eine Kälte, die für den Rabenmond nicht ungewöhnlich sein mochte, jedoch erstaunlich schnell und abrupt hereinbrach.
Dies alles hinderte eben jenen jungen Mann namens Keruan nicht daran, seinen Spaziergang quer durch die Stadt fortzusetzen. Das leise Klock-Klock seines Wanderstabes begleitete seine langsamen Schritte monoton. Ein Wanderstab? Ein merkwürdiger Wanderstab in der Tat, war er doch an der Spitze verziert mit einem göttlichen Ankh, dem Zeichen für das Leben, und inmitten des Ankhs das Symbol der Hoffnung und der Wiederkehr, die Sonne. Auch die Gewandung des Mannes schien alles andere als üblich zu sein – eine einfache, erdfarbene Robe verhüllte den Blick auf seinen Körper. Kein Zweifel, dieser Mann musste ein Priester der göttlichen Allmutter sein, ein Anhänger der Pfade Eluives.
Zumindest fast. Keruan Esgarath, der erst vor kurzem noch in einem angesehenen Bürgerhaushalt in Varuna seinen neunzehnten Geburtstag feiern konnte, war in erster Linie ein Ausgestoßener. Ausgestoßen von seiner Familie, von seinem Vater, einem bekannten und beliebten Schreiner der Grafenstadt, der in ihm immer nur den Stammhalter und Nachfolger sah. Für Keruan hatte die Ausbildung früh begonnen und bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr sah er auch keine Veranlassung, jemals an der Richtigkeit des eingeschlagenen Weges zu zweifeln. Es ist nun einmal Pflicht, dass der Sohn eines Schreiners dereinst auch ein Schreiner sein wird. Oder dass ein Metzgersohn sich irgendwann der Blutwurst zuwendet. Weshalb sich daher Gedanken über eine andere Zukunft machen, die es nie geben würde?
Ein alter, betagter Mann mit grauen Haaren, ein Diener der Eluive, hatte jedoch viel in seinem Leben verändert. Keruan hatte ihn eines Tages auf einem der viel besuchten Markttage Varunas angetroffen und erkennen müssen, dass sein Lebensweg ihm nun eine Abzweigung bot. Denn die Geschichten, die der Priester von der Allmutter und ihrem göttlichen Schicksal zu berichten wusste, faszinierten den Schreinerlehrling über alle Maße. Selbst den Pfad der Mutter zu gehen, ihr zu dienen, ihre Lehren zu verbreiten und in ihrem Sinne zu wirken, das hatte der alte Mann ihm in Aussicht gestellt. Er hatte ihm eine offene Hand dargeboten, Keruan brauchte sie lediglich zu ergreifen – und dabei mit allem zu brechen, was sein Leben bis dahin ausmachte.
Er hatte den Schritt gewagt und mehr bekommen, als er sich jemals hätte erträumen lassen. Schon eine Woche später eskalierten die hitzigen Diskussionen zwischen Vater und Sohn auf eine Weise, die keine Rückkehr mehr duldeten – Keruan zog aus und nahm sein Leben selbst in die Hand. Sein neuer Pfad führte ihn nicht nur in das nahe gelegene Kloster der Temora, sondern wie durch Schicksalshand in die Arme von Sanyarin Lefar, ihrer Gnaden, Diakonin der Allmutter, die durchaus bereit erschien, sich seiner Suche nach seinem Pfad und dem Pfad der Mutter anzunehmen.
Dies – und vielleicht noch ein paar Lebensepisoden mehr – ging Keruan durch den Kopf, während er seine Schritte beschleunigte und eine Häuserschlucht verließ. Mit der freien Hand raffte er dabei den Saum der Robe ein wenig empor, hatte der kostbare Stoff doch schon genug unter dem Regen und dem Schmutz der Straße zu leiden gehabt. Sein heißer Atem stieg in kleinen weißen Wölkchen bis zu den Laternen empor, die seinen Weg beiderseits säumten, als er sich Schritt um Schritt dem Kirchenbau an der Westmauer der Stadt näherte. Die beiden Wachen, die selbst in dieser Kälte loyal und dienstbeflissen ihrer Arbeit nachgingen, nickten ihm knapp zu und hielten den Blick weiterhin auf die schwach beleuchtete Straße gerichtet – sie kannten den jungen Akoluthen inzwischen schon gut genug, dass sie nicht weiter auf ihn zu achten hatten.
Mit einem lauten Knarren und einem dumpfen Rums fielen die beiden Kirchentore hinter Keruan wieder ins Schloss. Vor ihm lag der schwach beleuchtete Seitengang mit seinen beiden kostbaren roten Teppichen, um die der Akoluth mit seinen nassen Schuhen einen weiten Bogen machte. Im Kirchenschiff selbst war es genauso kalt wie außerhalb des Gebäudes, doch die Kerzen auf und neben dem Altar vermochten wenigstens das Innere des Gläubigen zu erhellen und zu wärmen. So trat Keruan leise bis vor den Altar, verneigte sich in gewohnter Weise tief und ehrfurchtsvoll, ehe er in einer der zahlreichen Bänke Platz nahm und seinen Priesterstab neben sich legte. Es herrschte eine gespenstische Stille am Ort der Göttlichkeit, so dass selbst der Hall des leichten Klackens des Stabes ein mulmiges Gefühl hervorrief.
Die beiden Hände flach und entspannt auf den Schoß gelegt und den Blick starr auf den Altar gerichtet blieb der Akoluth eine ganze Weile still sitzen. Zahllose Gedanken irrten durch seinen Kopf, Erinnerungen an die Worte, die Sanyarin ihm in ihren kleinen Lektionen mitgegeben hatte. Immer mehr erkannte er die Wahrhaftigkeit hinter dem Pfad der Mutter, den alles Leben zu gehen hatte, jenes Leben, das ihren Quell in sich trägt und mit einem Ursprung und einem Ziel voranschreitet. Immer deutlicher erschien ihm die Richtigkeit seines eigenen Pfades, als habe er mit Hilfe jenes alten Priesters dereinst den Weg zurück auf den rechten Pfad gefunden, als sei er nun dort, wo die Schöpferin ihn haben wollte. Ein beruhigender Gedanke, und in seinem Inneren breitete sich trotz der klirrenden Kälte ein Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit aus.
Doch nicht nur die Lehre des Pfades und des Lebens hatte Sanyarin ihm mitgegeben. Vor allem jene Lektion über den Ursprung aller Lebewesen machte ihm noch immer zu schaffen. Sie hatte ihm die Grundlagen anhand der Pilze beigebracht: ganz gleich, wie ein Pilz aussieht, welche Form und Größe oder gar Farbe er hat, er trägt immer die gleiche Wirkung in sich, gehört er zur gleichen Art. Ein Fliegenpilz verliert seine Wirkung nicht, selbst, wenn der Hut nur im schwachen Rot glänzt.
Noch mehr lehrt einen der Fliegenpilz. Kein Leben ist von Grund auf nur böse oder gut. Ein Fliegenpilz kann töten, wenn man ihn falsch zubereitet und nicht um seine Gefährlichkeit weiß. Doch er vermag auch in begrenzten Mengen die Konzentration des Menschen zu erweitern und sein Bewusstsein zu schärfen, wenn man richtig mit ihm umgeht.
Wie der Fliegenpilz, so verhält sich alles Leben, allen voran der Mensch. Form, Farbe und Größe, aber auch Wohnort und viele andere Dinge können über den wahren Kern des Menschen hinwegtäuschen, doch trägt jeder Mensch zugleich alle Seiten in sich. In jedem Menschen mag, gleich, wie er handelt und was er glaubt, der Kern auf dem Weg der Mutter geblieben sein, dem Weg des Friedens und der Gutmütigkeit. Den Menschen auf den rechten Pfad zurückzuführen, sie an ihre Bestimmung zu erinnern und über den wahren Pfad der Allmutter zu wachen, das sollte die Aufgabe der Anhänger Eluives sein.
Doch trotz alledem schien es Keruan schwierig, einem Diener des Panthergottes, der sich scheinbar nur noch dem Zorn und der Wut verschrieben hatte, noch den guten Kern abzugewinnen. Diese Geduld und vor allem den Glauben würde er sich erarbeiten müssen, würde er in erster Linie auch erfahren müssen. Er zweifelte nicht an der Richtigkeit der Worte, nur an seinen Fähigkeiten.
Die Kirchenuhr schlug dreimal – es war mitten in der Nacht und die Glocken verklangen mit ihrem gespenstischen Hall irgendwo im Dunkel der Welt, hoch oben über ihm. Dort oben hatte die Diakonin dem jungen Akoluthen auch die Wunder der Allmutter gezeigt, jene Kräfte, die sie denen zu schenken vermochte, die in ihrem Namen und in ihrem Sinne auf der Erde wandelten. Wasser, Spender allen Lebens, Quell des Seins und Element der Mutter – eine Flüssigkeit, ohne die Mensch, Tier wie auch Pflanze und Pilz in sich vergehen, ohne die niemand zu sein vermag. Da die Mutter Schöpferin und Behüterin allen Lebens ist, gewährt sie ihren Dienern auf Erden jene göttliche Gabe, Wasser zu schaffen, um Leben zu wahren. Keruan hatte dieses Wunder selbst erleben und herbeirufen können, um einer Pflanze hoch oben im Kirchenstuhl, die schon lange keinen Gönner mehr erblickt hatte, Wasser zu spenden. Wie aus dem Nichts trat Wasser in die Handfläche, die zur Schöpfkelle geformt über der Pflanze stand, und netzte die gierigen Wurzeln des Lebens mit dem Saft der Allmutter.
Jenes Wunder war Keruan noch immer so gänzlich fern und unbegreifbar, wie es ihm auch nahe und fühlbar erschien. Es war die Gnade und Gabe der Allmutter, ein Wunder, das nur im rechten Sinne einzusetzen sei. Es ist gar nicht nötig, den Ursprung dessen greifen zu können, was als wundervoll allein genug beschrieben ist. Vielmehr zu erkennen, welch unglaubliche Güte und Fürsorge dahinter steckt, ist das wahre Ziel.
Erneut läuteten die Kirchenglocken zur halben Stunde und Keruan erhob sich leise. Inzwischen waren selbst ein paar der Kerzen rund um den Altar abgebrannt – sie würden ersetzt werden, doch nun fehlte dem Akoluthen ihr wärmendes Licht auf dem Weg hinaus in die Kälte. Den Sonnenstab in der einen Hand tastete er sich langsam durch die Bankreihen – und stieß bei diesem einfältigen Versuch unsanft mit dem Bein gegen eine der Bänke. Ein kurzer Schmerzenlaut, ein Griff ans Schienbein - und überall Dunkelheit.
In dieser merkwürdigen Situation fiel Keruan wieder der Priesterstab seiner Lehrmeisterin und Diakonin ein, die mit ihrer Berührung ab und an in der Lage zu sein schien, die Sonnenscheibe am Kopfende des Stabes zum Erstrahlen zu bringen. War nicht Licht auch eine jener Gaben, die Leben braucht, um bewahrt zu sein? Pflanzen brauchten Licht, denn ohne sie fehlte ihnen die Kraft. Tiere und Menschen brauchten Licht, denn ohne das Licht wäre ihr Leben ein einziges Tasten und Suchen durch den Lauf der Zeit und ihre Seelen dunkel und leer. Und für Keruan selbst erschien das Licht im Augenblick wahrlich lebensrettend zu sein, würde es ihn doch von einigen unerfreulichen und schmerzhaften Flecken an Schienbein und Knöcheln bewahren. Weshalb folglich eigentlich nicht?
Ein wenig zögerlich – vielleicht erschrocken über seine eigene Courage – aber bald schon entschlossen nahm der Akoluth den Sonnenstab fest in beide Hände, reckte ihn ein wenig in die Höhe, dorthin, wo die Sonne stehen sollte, und schloss die Augen. Sein Herz gab ihm den Wunsch vor, das wärmende, schützende und leitende Licht. Doch sein Geist suchte die Bindung zur Erdmutter, ihre führende Hand, ihren Halt. Lange schien sich nichts zu tun – der Stab blieb wie immer und für einen kurzen, albernen Augenblick war Keruan in der Tat froh, dass ihn in der Dunkelheit niemand sehen konnte. Aber irgendwann war es plötzlich wieder da, dieses warme, geborgene Gefühl der Sicherheit, das er immer verspürte, wenn Sanyarin einen der Segen der Allmutter sprach. Und tatsächlich! Als Keruan die Augen öffnete, leuchtete die Sonne an der Spitze des Stabes in einem feinen, schwachen goldenen Licht. Eluive hatte seine Bitte erhört und ihm seinen Wunsch gewährt. Spätestens jetzt war der Akoluth vollkommen von der Güte und Wahrhaftigkeit der Erdmutter überzeugt.
Jetzt, Stunden später, lag Keruan zusammengerollt in einem weichen Bett, den immer noch leicht glimmenden Stab neben sich an die Wand gelehnt. Der Weg war mit der helfenden Hand der Mutter kein Problem mehr gewesen, doch nicht nur dieser Weg – auch der Pfad, den er zu gehen hatte, war deutlicher geworden.
Dunkel und kalt brach die Nacht über Gerimor herein, früher als sonst, als der junge Keruan durch die Straßen Varunas schlenderte. Es war der Tag des großen Unwetters gewesen, ein mächtiger Sturm hatte sich am Himmel erhoben und Tonnen von Wasser auf die Straßen der Stadt geschüttet. Selbst jetzt, Stunden, nachdem sich die Wolkenfront wieder aufgelöst hatte, standen noch Pfützen auf den matschigen Wegen und machten jenes Plitsch-Platsch, das schon kleine Kinder so sehr lieben, wenn man mit den Stiefeln in sie tritt. Doch es war nicht nur die unangenehme Feuchtigkeit, die in den Straßen und Gassen lag, sondern vor allem die merkwürdige Kälte, die den Abend unnatürlich werden ließ. Eine Kälte, die für den Rabenmond nicht ungewöhnlich sein mochte, jedoch erstaunlich schnell und abrupt hereinbrach.
Dies alles hinderte eben jenen jungen Mann namens Keruan nicht daran, seinen Spaziergang quer durch die Stadt fortzusetzen. Das leise Klock-Klock seines Wanderstabes begleitete seine langsamen Schritte monoton. Ein Wanderstab? Ein merkwürdiger Wanderstab in der Tat, war er doch an der Spitze verziert mit einem göttlichen Ankh, dem Zeichen für das Leben, und inmitten des Ankhs das Symbol der Hoffnung und der Wiederkehr, die Sonne. Auch die Gewandung des Mannes schien alles andere als üblich zu sein – eine einfache, erdfarbene Robe verhüllte den Blick auf seinen Körper. Kein Zweifel, dieser Mann musste ein Priester der göttlichen Allmutter sein, ein Anhänger der Pfade Eluives.
Zumindest fast. Keruan Esgarath, der erst vor kurzem noch in einem angesehenen Bürgerhaushalt in Varuna seinen neunzehnten Geburtstag feiern konnte, war in erster Linie ein Ausgestoßener. Ausgestoßen von seiner Familie, von seinem Vater, einem bekannten und beliebten Schreiner der Grafenstadt, der in ihm immer nur den Stammhalter und Nachfolger sah. Für Keruan hatte die Ausbildung früh begonnen und bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr sah er auch keine Veranlassung, jemals an der Richtigkeit des eingeschlagenen Weges zu zweifeln. Es ist nun einmal Pflicht, dass der Sohn eines Schreiners dereinst auch ein Schreiner sein wird. Oder dass ein Metzgersohn sich irgendwann der Blutwurst zuwendet. Weshalb sich daher Gedanken über eine andere Zukunft machen, die es nie geben würde?
Ein alter, betagter Mann mit grauen Haaren, ein Diener der Eluive, hatte jedoch viel in seinem Leben verändert. Keruan hatte ihn eines Tages auf einem der viel besuchten Markttage Varunas angetroffen und erkennen müssen, dass sein Lebensweg ihm nun eine Abzweigung bot. Denn die Geschichten, die der Priester von der Allmutter und ihrem göttlichen Schicksal zu berichten wusste, faszinierten den Schreinerlehrling über alle Maße. Selbst den Pfad der Mutter zu gehen, ihr zu dienen, ihre Lehren zu verbreiten und in ihrem Sinne zu wirken, das hatte der alte Mann ihm in Aussicht gestellt. Er hatte ihm eine offene Hand dargeboten, Keruan brauchte sie lediglich zu ergreifen – und dabei mit allem zu brechen, was sein Leben bis dahin ausmachte.
Er hatte den Schritt gewagt und mehr bekommen, als er sich jemals hätte erträumen lassen. Schon eine Woche später eskalierten die hitzigen Diskussionen zwischen Vater und Sohn auf eine Weise, die keine Rückkehr mehr duldeten – Keruan zog aus und nahm sein Leben selbst in die Hand. Sein neuer Pfad führte ihn nicht nur in das nahe gelegene Kloster der Temora, sondern wie durch Schicksalshand in die Arme von Sanyarin Lefar, ihrer Gnaden, Diakonin der Allmutter, die durchaus bereit erschien, sich seiner Suche nach seinem Pfad und dem Pfad der Mutter anzunehmen.
Dies – und vielleicht noch ein paar Lebensepisoden mehr – ging Keruan durch den Kopf, während er seine Schritte beschleunigte und eine Häuserschlucht verließ. Mit der freien Hand raffte er dabei den Saum der Robe ein wenig empor, hatte der kostbare Stoff doch schon genug unter dem Regen und dem Schmutz der Straße zu leiden gehabt. Sein heißer Atem stieg in kleinen weißen Wölkchen bis zu den Laternen empor, die seinen Weg beiderseits säumten, als er sich Schritt um Schritt dem Kirchenbau an der Westmauer der Stadt näherte. Die beiden Wachen, die selbst in dieser Kälte loyal und dienstbeflissen ihrer Arbeit nachgingen, nickten ihm knapp zu und hielten den Blick weiterhin auf die schwach beleuchtete Straße gerichtet – sie kannten den jungen Akoluthen inzwischen schon gut genug, dass sie nicht weiter auf ihn zu achten hatten.
Mit einem lauten Knarren und einem dumpfen Rums fielen die beiden Kirchentore hinter Keruan wieder ins Schloss. Vor ihm lag der schwach beleuchtete Seitengang mit seinen beiden kostbaren roten Teppichen, um die der Akoluth mit seinen nassen Schuhen einen weiten Bogen machte. Im Kirchenschiff selbst war es genauso kalt wie außerhalb des Gebäudes, doch die Kerzen auf und neben dem Altar vermochten wenigstens das Innere des Gläubigen zu erhellen und zu wärmen. So trat Keruan leise bis vor den Altar, verneigte sich in gewohnter Weise tief und ehrfurchtsvoll, ehe er in einer der zahlreichen Bänke Platz nahm und seinen Priesterstab neben sich legte. Es herrschte eine gespenstische Stille am Ort der Göttlichkeit, so dass selbst der Hall des leichten Klackens des Stabes ein mulmiges Gefühl hervorrief.
Die beiden Hände flach und entspannt auf den Schoß gelegt und den Blick starr auf den Altar gerichtet blieb der Akoluth eine ganze Weile still sitzen. Zahllose Gedanken irrten durch seinen Kopf, Erinnerungen an die Worte, die Sanyarin ihm in ihren kleinen Lektionen mitgegeben hatte. Immer mehr erkannte er die Wahrhaftigkeit hinter dem Pfad der Mutter, den alles Leben zu gehen hatte, jenes Leben, das ihren Quell in sich trägt und mit einem Ursprung und einem Ziel voranschreitet. Immer deutlicher erschien ihm die Richtigkeit seines eigenen Pfades, als habe er mit Hilfe jenes alten Priesters dereinst den Weg zurück auf den rechten Pfad gefunden, als sei er nun dort, wo die Schöpferin ihn haben wollte. Ein beruhigender Gedanke, und in seinem Inneren breitete sich trotz der klirrenden Kälte ein Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit aus.
Doch nicht nur die Lehre des Pfades und des Lebens hatte Sanyarin ihm mitgegeben. Vor allem jene Lektion über den Ursprung aller Lebewesen machte ihm noch immer zu schaffen. Sie hatte ihm die Grundlagen anhand der Pilze beigebracht: ganz gleich, wie ein Pilz aussieht, welche Form und Größe oder gar Farbe er hat, er trägt immer die gleiche Wirkung in sich, gehört er zur gleichen Art. Ein Fliegenpilz verliert seine Wirkung nicht, selbst, wenn der Hut nur im schwachen Rot glänzt.
Noch mehr lehrt einen der Fliegenpilz. Kein Leben ist von Grund auf nur böse oder gut. Ein Fliegenpilz kann töten, wenn man ihn falsch zubereitet und nicht um seine Gefährlichkeit weiß. Doch er vermag auch in begrenzten Mengen die Konzentration des Menschen zu erweitern und sein Bewusstsein zu schärfen, wenn man richtig mit ihm umgeht.
Wie der Fliegenpilz, so verhält sich alles Leben, allen voran der Mensch. Form, Farbe und Größe, aber auch Wohnort und viele andere Dinge können über den wahren Kern des Menschen hinwegtäuschen, doch trägt jeder Mensch zugleich alle Seiten in sich. In jedem Menschen mag, gleich, wie er handelt und was er glaubt, der Kern auf dem Weg der Mutter geblieben sein, dem Weg des Friedens und der Gutmütigkeit. Den Menschen auf den rechten Pfad zurückzuführen, sie an ihre Bestimmung zu erinnern und über den wahren Pfad der Allmutter zu wachen, das sollte die Aufgabe der Anhänger Eluives sein.
Doch trotz alledem schien es Keruan schwierig, einem Diener des Panthergottes, der sich scheinbar nur noch dem Zorn und der Wut verschrieben hatte, noch den guten Kern abzugewinnen. Diese Geduld und vor allem den Glauben würde er sich erarbeiten müssen, würde er in erster Linie auch erfahren müssen. Er zweifelte nicht an der Richtigkeit der Worte, nur an seinen Fähigkeiten.
Die Kirchenuhr schlug dreimal – es war mitten in der Nacht und die Glocken verklangen mit ihrem gespenstischen Hall irgendwo im Dunkel der Welt, hoch oben über ihm. Dort oben hatte die Diakonin dem jungen Akoluthen auch die Wunder der Allmutter gezeigt, jene Kräfte, die sie denen zu schenken vermochte, die in ihrem Namen und in ihrem Sinne auf der Erde wandelten. Wasser, Spender allen Lebens, Quell des Seins und Element der Mutter – eine Flüssigkeit, ohne die Mensch, Tier wie auch Pflanze und Pilz in sich vergehen, ohne die niemand zu sein vermag. Da die Mutter Schöpferin und Behüterin allen Lebens ist, gewährt sie ihren Dienern auf Erden jene göttliche Gabe, Wasser zu schaffen, um Leben zu wahren. Keruan hatte dieses Wunder selbst erleben und herbeirufen können, um einer Pflanze hoch oben im Kirchenstuhl, die schon lange keinen Gönner mehr erblickt hatte, Wasser zu spenden. Wie aus dem Nichts trat Wasser in die Handfläche, die zur Schöpfkelle geformt über der Pflanze stand, und netzte die gierigen Wurzeln des Lebens mit dem Saft der Allmutter.
Jenes Wunder war Keruan noch immer so gänzlich fern und unbegreifbar, wie es ihm auch nahe und fühlbar erschien. Es war die Gnade und Gabe der Allmutter, ein Wunder, das nur im rechten Sinne einzusetzen sei. Es ist gar nicht nötig, den Ursprung dessen greifen zu können, was als wundervoll allein genug beschrieben ist. Vielmehr zu erkennen, welch unglaubliche Güte und Fürsorge dahinter steckt, ist das wahre Ziel.
Erneut läuteten die Kirchenglocken zur halben Stunde und Keruan erhob sich leise. Inzwischen waren selbst ein paar der Kerzen rund um den Altar abgebrannt – sie würden ersetzt werden, doch nun fehlte dem Akoluthen ihr wärmendes Licht auf dem Weg hinaus in die Kälte. Den Sonnenstab in der einen Hand tastete er sich langsam durch die Bankreihen – und stieß bei diesem einfältigen Versuch unsanft mit dem Bein gegen eine der Bänke. Ein kurzer Schmerzenlaut, ein Griff ans Schienbein - und überall Dunkelheit.
In dieser merkwürdigen Situation fiel Keruan wieder der Priesterstab seiner Lehrmeisterin und Diakonin ein, die mit ihrer Berührung ab und an in der Lage zu sein schien, die Sonnenscheibe am Kopfende des Stabes zum Erstrahlen zu bringen. War nicht Licht auch eine jener Gaben, die Leben braucht, um bewahrt zu sein? Pflanzen brauchten Licht, denn ohne sie fehlte ihnen die Kraft. Tiere und Menschen brauchten Licht, denn ohne das Licht wäre ihr Leben ein einziges Tasten und Suchen durch den Lauf der Zeit und ihre Seelen dunkel und leer. Und für Keruan selbst erschien das Licht im Augenblick wahrlich lebensrettend zu sein, würde es ihn doch von einigen unerfreulichen und schmerzhaften Flecken an Schienbein und Knöcheln bewahren. Weshalb folglich eigentlich nicht?
Ein wenig zögerlich – vielleicht erschrocken über seine eigene Courage – aber bald schon entschlossen nahm der Akoluth den Sonnenstab fest in beide Hände, reckte ihn ein wenig in die Höhe, dorthin, wo die Sonne stehen sollte, und schloss die Augen. Sein Herz gab ihm den Wunsch vor, das wärmende, schützende und leitende Licht. Doch sein Geist suchte die Bindung zur Erdmutter, ihre führende Hand, ihren Halt. Lange schien sich nichts zu tun – der Stab blieb wie immer und für einen kurzen, albernen Augenblick war Keruan in der Tat froh, dass ihn in der Dunkelheit niemand sehen konnte. Aber irgendwann war es plötzlich wieder da, dieses warme, geborgene Gefühl der Sicherheit, das er immer verspürte, wenn Sanyarin einen der Segen der Allmutter sprach. Und tatsächlich! Als Keruan die Augen öffnete, leuchtete die Sonne an der Spitze des Stabes in einem feinen, schwachen goldenen Licht. Eluive hatte seine Bitte erhört und ihm seinen Wunsch gewährt. Spätestens jetzt war der Akoluth vollkommen von der Güte und Wahrhaftigkeit der Erdmutter überzeugt.
Jetzt, Stunden später, lag Keruan zusammengerollt in einem weichen Bett, den immer noch leicht glimmenden Stab neben sich an die Wand gelehnt. Der Weg war mit der helfenden Hand der Mutter kein Problem mehr gewesen, doch nicht nur dieser Weg – auch der Pfad, den er zu gehen hatte, war deutlicher geworden.