Daat - Diener des Herrn
Verfasst: Sonntag 4. November 2007, 11:01
Der Auftrag
Staub wurde aufgewirbelt als der Körper dumpf auf dem Boden aufschlug. Da lag er nun, alle Gliedmaßen weit von sich ausgestreckt, in der rechten Hand immer noch ein Bündel mit zusammengeschnürten Büchern fest haltend. Stille, nichts als Stille war es, was nach dem Aufprall zu hören war. Sein Körper reglos… Bis nach einigen Momenten ein Finger anfing zu zucken, schließlich ein Stöhnen, dann erste unbeholfene Bewegungen eines Mannes, der sein Bewusstsein wieder erlangt. Mehrere male hustete er schwer um die Lungen von dem Druck des Aufpralls zu befreien. Seine erste Bewegung als er wieder bei Sinnen war ging in Richtung der Bücher, fast erleichtert wirkte Daat, als er feststellte, dass sie den Absturz unversehrt überstanden haben. Nun richtete er sich langsam auf in eine sitzende Position. Das nächste wonach er tastete war die Tasche in der sich die Fackeln befanden. Von Schmerzen geplagt stellte er jedoch fast mit einem zufrieden wirkenden Gesichtsausdruck fest, dass auch jene den Fall ohne einen größeren Schaden davon zu tragen überstanden hatten. Um ihn herum war es finster. Kein Licht drang in die Höhle. Die Wände um ihn herum mussten aus Fels bestehen, der Boden aus Sand. Es musste die Höhle sein, von der der Ahad gesprochen hatte. Ein Gefühl tief in seinem Innern überzeugte ihn davon und im Sand waren noch einige Spuren zu erkennen. Seine Hände und vor allem die Fußsolen waren mit unzähligen kleinen Rissen von dem beschwerlichen Aufstieg übersäht. Auch an den Unterarmen waren einige nicht all zu tiefe Einschnitte. Doch was ihm am meisten zu schaffen machte war eine recht tiefe Schnittwunde an seinem linken Wadenbein, jene erstreckte sich von der Ferse fast bis hoch zu dem Knie. Sie blutete stark und das Bein fühlte sich lahm an, fast taub vor Schmerz. Es war nicht unbrauchbar, jedoch ohne die richtige Behandlung könnte es das werden.
Die Wunde hatte sich mit Sand gefüllt und Daat hatte nichts womit er sie hätte säubern können bei sich. Nach einigen Momenten des Überlegens riss er sich einen Robenärmel ab. Einen schmalen Teil davon benutzte er um sich das Bein ab zu binden. Er hatte bereits viel Blut verloren und jener Blutverlust musste gestoppt werden, sonst würde ihn in einiger Zeit der Tot ereilen. Mit dem übrig gebliebenen Stoff fertigte er sich einen Verband, der Teile der großen Wunde am linken Unterbein abdeckte. Er lehnte sich zurück gegen die Felswand. Immer noch von Schmerzen geplagt erinnerte er sich zurück wie er an diesen Ort kam…
Daat lies gerade seine Gedanken um seine täglichen Aufgaben schweifen und hatte sich dafür am großen Tisch im Haus der Bruderschaft niedergelassen. Vor ihm stand ein Krug, der mit Wasser gefüllt war. Plötzlich donnerte es mit harten Schlägen gegen die Fronttür des Hauses. Keiner seiner Geschwister befand sich im Haus und somit erhob Daat sich mürrisch und machte sich auf den Weg zur Tür. Noch immer hämmerte die Peron, die vor jener Stand mit unverminderter Härte dagegen. Ein Wunder, dass die Balken nicht brechen, fuhr ihm durch den Kopf. Er öffnete die Tür ruckartig und war gerade im Begriff, die davor befindliche Person zu Recht zu weisen. Schon die Luft eingesogen um jener die passenden Worte entgegen zu werfen stockte er, als er erblickte wer vor der Tür stand. Es war der erhabene Ahad Corinus persönlich. Die eingesogene Luft wieder ausatmend vollführte er sofort die übliche Verneigung, die er ihm immer zur Begrüßung entgegen brachte. Doch dazu einen Gruß aus zu sprechen kam Daat gar nicht. Der Ahad wartete, für ihn wohl ungewöhnlich, nicht erst seine Huldigungen ab, sondern kam direkt zur Sache. „Ritter, ihr werdet euch auf den Weg zum Stadthalter machen, er soll euch zu den Büchern der Ahads führen. Jene wirst du an dich nehmen und mich aufsuchen, “ waren die Worte, die er Daat entgegen donnerte. Daat nickte bestätigend und antwortete: „Wie ihr wünscht Ahad“. Ohne diese Antwort wirklich abzuwarten wandte sich der Ahad herum und verschwand in den Straßen Rahals.
Die Schriften der Ahads, Daat wusste, dass Schriften von ihnen in der Bibliothek von Rahal ruhen. Er hatte sogar bereits einmal die Ehre gehabt eine von ihnen zu lesen, jedoch lag dies nun schon geraume Zeit zurück. Auch glaubte er nicht, dass die Schriften, zu denen der Stadthalter ihm nun Zugang geben würde gewöhnliche sein würden, wie sie in der Bibliothek, für jeden zugänglich, auslagen. Dies sagte ihm alleine schon die Tatsache, dass jene wohl zu ihrem Schutz und der Bewahrung der Lehren unter Verschluss lagen. Welche Pläne hatte der Herr für ihn? Wozu hatte er ihn auserkoren, dass er Daat für würdig befand diese Schriften zu lesen?
Er verlor nicht viel Zeit bei seinem Auftrag, denn einen Ahad lässt man nicht warten. Sofort verschloss er die Tür des Hauses der Bruderschaft, nachdem der Ahad nicht mehr auf den Straßen zu sehen war. Er ging in das Haus und streifte sich seine Robe über, auch legte er wie gewöhnlich seinen Waffengurt an und machte sich auf die Suche nach dem Stadthalter. Jenen, so hoffte er, würde er trotz des bereits voran geschrittenen Abends noch in seinem Büro neben dem Haus der Bruderschaft antreffen und diese Hoffnung von ihm wurde auch erfüllt. Aus dem Büro des Stadthalters Rukus drang noch ein schwacher Lichtkegel, der wohl von einer oder mehreren Kerzen erzeugt wurde. Daat klopfte gegen die Türe und nachdem ihm Rukus von innen heraus antwortete betrat er die Räumlichkeiten. Er berichtet dem Stadthalter von dem Auftrag, den der Ahad ihm erteilt hatte, Daat fand es nicht verwunderlich, dass Rukus bereits grob darüber informiert war, nach einem kurzen Gespräch machten sich beide auf den Weg zu der Bibliothek. Die beiden Männer betraten den ersten Teil der Bibliothek, der für jeden Wissensdurstigen frei zugänglich war. Rukus ging nun voran und Daat in kurzem Abstand hinter ihm her, ohne einen Umweg gingen sie in die Richtung der ersten abgeschlossenen Tür und an jener angekommen zog der Stadthalter einen Ring mit mehreren daran befindlichen Schlüsseln aus der Tasche, welchen er zuvor aus einer verschlossenen Truhe, die er irgendwo aus seinem Büro hervorzauberte, entnommen hatte. Er steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte hin herum um jenes zu öffnen. Die beiden Männer traten schließlich durch die geöffnete Tür hindurch und Rukus entzündete zwei Kerzen, die ihnen als Lichtquelle dienen würden, eine behielt er für sich und die andere reichte er Daat. Dann gingen sie die Treppe empor und in eben beschriebenen Vorgang durchschritten sie weitere Türen, bis sie letztendlich in dem, wie Daat es vorkam, hintersten Raum angelangt waren. In jenem Stand zwischen zwei Bücherregalen eine metallene Truhe. Der Stadthalter deutet auf jene. Er selbst war sich seiner Stellung bewusst und hielt sich nicht für würdig die Truhe zu öffnen, so reichte er dem Ritter einen einzelnen Schlüssel. Diesen in der Hand haltend näherte sich Daat der Truhe, er steckte den Schlüssel in das Schloss und drehte ihn herum. Mit einem knacken öffnete sich die Truhe und er zog den Deckel, der nicht von minderem Gewicht war zurück. Mittig in der Kiste lag ein zusammengeschnürtes Bündel mit Büchern, welche fast ausschließlich in schwarz eingefärbtem Leder eingebunden waren. Daat nahm das Bücherbündel an sich und verschloss die Truhe wieder. Er nickte dem Stadthalter knapp zu und beide Männer machten sich wieder auf den Weg hinaus aus der Bibliothek.
Nachdem sich der Stadthalter verabschiedet hatte lies Daat seinen Blick kurz zum Himmel gehen. Es war dunkel und der Himmel Wolkenverhangen. Der Abend musste schon weit voran geschritten sein, doch er wollte keine Zeit verlieren und machte sich trotz der späten Stunde auf den Weg zum Turm der Ritter des Herrn. Dort sollte er den Ahad aufsuchen wenn sich die Bücher in seinem Besitz befinden.
Er ging die Treppe empor und traf den Ahad an der großen Tafel sitzend an. Jener schien ihn bereits erwartet zu haben. Er nickte leicht als er das Bücherbündel erblickte. „Gut, die Bücher habt ihr. Begebt euch nun zur Ruhe! Am morgigen Tag werdet ihr euch sieben Fackeln besorgen, jene werden euch als Lichtquelle dienen um die Bücher zu studieren. Morgen sollt ihr das letzte Mal für die kommenden Tage essen und trinken. Und wagt euch ja nicht die Bücher zu öffnen! Verbringt die Nacht in eurem Haus und am darauf folgenden Morgen werdet ihr euch noch im Dunkeln, kurz vor Sonnenaufgang, auf den Weg zu der alten Festung Donnerholm machen. Ihr werdet keine Waffen, keine Rüstung und auch sonst NICHTS bei euch führen außer dem Bücherbündel und der Fackeln! Als Kleidung wird euch lediglich diese Robe dienen.“ Der Ahad deutet auf das fordere Ende des Tisches, dort lag zusammengelegt eine Robe in der schwarzen Farbe des Panthers. Dann fuhr er weiter in bestimmendem Tonfall fort: „Auch Schuhwerk werdet ihr nicht tragen! Nur diese Robe, die Fackeln und die Bücher werdet ihr bei euch führen! In dem Gebirge nahe Donnerholms werdet ihr, so euch der Herr auch nur ansatzweise für würdig befindet eine Höhle finden. In jene werdet ihr gehen und mit Hilfe der Fackeln als erstes die Bücher studieren. Bedenkt, dass euch hierfür nur sieben Fackeln zur Verfügung stehen! Sieben Tage und sieben Nächte werdet ihr dort bleiben um zu erfahren, was es zu erfahren gilt. So Alatar euch für würdig befindet werdet ihr nach Rahal zurückkehren. Solltet ihr versagen werdet ihr in der Höhle ein elendes Ende finden! Solltet ihr die Höhle nicht auffinden oder vorzeitig zurückkehren, werde ich eurem Leben ein Ende setzen!“ donnerte die Stimme des Ahads in Daat’s Ohren. Daat nickte knapp nachdem der Ahad seine Worte vollendet hatte und entgegnete lediglich „ Wie ihr wünscht Erhabener!“ Die Worte des Ahads waren klar und deutlich und bedurften keiner weiteren Erklärung. Er nahm die Robe an sich, verabschiedet sich mit dem Respekt, der dem Ahad zustand und begab sich zur Ruhe wie es ihm aufgetragen wurde.
Es war noch dunkel, als Daat am zweiten auf den Tag des Auftrages folgenden Morgen das Haus verlies. Bekleidet war er lediglich mit einer Robe, die die ihm der Ahad gegeben hatte, in der einen Hand hatte er das Bücherbündel, in der anderen zusammengeschnürte sieben Fackeln, genau so wie es ihm der Ahad aufgetragen hatte. Der Stein des Weges wirkte kalt unter seinen nackten Füßen und eiligen Schrittes machte er sich auf den Weg in Richtung Donnerholm.
Das Gras, auf dem er nun ging, war kalt und feucht. Es begann langsam damit die Haut an seinen Füßen aufzuweichen. Etwas, was sich schon bald als schmerzhafte Folge heraus stellen würde. Eilig und doch zugleich leise ging er wie ein Schatten in der Nacht durch das Waldstück. Trotz das es dunkel war konnte er schon vor sich die gewaltigen Ruinen der Mauern der alten Festung erkennen. Jeden Schritt tat er wohl überlegt und vorsichtig. Die Banditen, welche sich hier in den alten Gemäuern eingenistet hatten schienen noch zu schlafen und an jenem Zustand wollte er auch nichts ändern. Ohne Waffen und Rüstung wäre er eine leichte Beute für sie.
Er war bei den Überresten der alten Festung angekommen und hatte Schutz zwischen einigen Büschen und in dem Schatten einer der zerfallen Mauern gefunden. Von dieser Position hatte er einen guten Blick auf das Gebirge bei Donnerholm und beobachtete genauestens die Felswände. Er suchte nach dem Eingang in die Höhle, von der ihm der Ahad berichtet hatte, wartete auf das Zeichen, das ihm der Herr geben würde, so Daat seines Auftrages würdig war.
Dann, nach einiger Zeit und unter dem langsam ins hellblau wechselnden Himmel, sah Daat wonach er gesucht hatte. Er glaubte, hinter den zahlreichen Unebenheiten, Vorsprüngen und Schatten in der Felswand die Höhle gefunden zu haben. Es war wohl weniger die Gewissheit etwas gesehen zu haben, wonach man seit einiger Zeit Ausschau hielt, sondern mehr ein Gefühl aus seinem Innern heraus, welches ihm sagte, dass dies der Ort war, wo er hinzugehen hatte. Ohnehin wäre es sinnlos gewesen noch weiter auf den Fels zu starren…und die Zeit drängte. Nach einem geeigneten Punkt für den Aufstieg suchend und ihn schließlich auch findend, machte Daat sich sofort mit eiligen Schritten auf den Weg in Richtung der gewaltig wirkenden Gesteinsformation und begann sogleich mit dem Aufstieg.
Die ersten Meter hatte er schnell hinter sich gebracht, Bücher und Fackeln hatte er so verschnürt, dass sie kein all zu großes Hindernis während des Aufstieges waren, doch beeinträchtigten sie ihn natürlich in der Felswand bei seinen Bewegungsabläufen. Körperliche Anstrengungen war er gewohnt, übte er sich doch schon fast sein ganzes Leben lang im Kampfe, dies stellte also kein sonderliches Problem dar. Doch fingen die scharfkantigen Felsen nun langsam damit an Risse und Furchen in seine, durch das Nass des Grases, aufgeweichten Füße und die Hände einzuritzen. Schon bald waren Hände, besonders die Füße und wenige Teile seiner Unterarme von kleinen messerscharfen Einschnitten übersäht, die den Aufstieg langsam aber sicher zur Qual werden ließen.
Einige Zeit war vergangen und die Sonne warf bereits die ersten großen Schatten über das Land. Daat schaffte sich zielstrebig trotz der, durch die mittlerweile zahlreichen kleinen Verletzungen verursachten und immer stärke werdenden Schmerzen weiter den Berg hinauf. Fest davon überzeugt die Höhle, sein Ziel zu erreichen.
Plötzlich, als er gerade mit der Hand nach einem kleinen Felsstück greifen wollte, brach jenes weck und Daat verlor den Halt. Sofort griff er nach und konnte so einen Absturz und den damit verbunden sicheren Tot vermeiden. Jedoch war er ein-zwei Meter an dem Fels nach unten gerutscht. Ein lauter Schmerzensschrei hallte im Morgengrau über Donnerholm wieder. Daat, der wieder sicheren Halt gefunden hatte, blickte nach unten auf sein Bein. Jenes war von einem großen und scharfen Felsstück aufgeschnitten worden. Der Schnitt zog sich über das Wadenbein bis fast hoch zum Knie. Das taube Gefühl des Schmerzes machte sich in dem Bein breit. Die Wunde war tief und begann nun schnell sich mit Blut zu füllen. Das Bein war nun lahm und unbrauchbar geworden, nicht mehr in der Lage die Last des Körpers zu tragen. Erleichtert stellte er fest, dass er Fackeln und Bücher nicht verloren hatte. Fast verzweifelt und mit schmerzverzerrtem Gesicht blickte Daat sich um. In der Nähe entdeckte er einen Felsvorsprung, welchen er nun versuchte mit letzter Kraft und einem lahmen Bein zu erreichen.
Mit einigen Mühen erreichte er den Felsvorsprung und lies den Körper auf jenem zurück sinken. Mehrere Male atmete er tief durch bevor er seinen Oberkörper wieder aufrichtet und seine stark blutende Verletzung betrachtete. Das Bein würde unbrauchbar werden, so es nicht die Behandlung eines Heilers bekam. Doch Aufgeben, nein, daran war nicht zu denken. Daat blickte nach oben und ein knappes, gequält wirkendes Lächeln ging über sein Gesicht, als er den Höhleneingang einige Meter von ihm entfernt erblickte. Jedenfalls war er davon überzeugt, dass dies der Eingang war und weitere Strecken hätte er in seinem Zustand auch nicht mehr zurücklegen können.
Daat atmete nochmals tief durch, richtete dann sein Haupt nach unten und begann einige Worte zu murmeln: „Herr, dir zu dienen und in deinem Namen zu wirken ist es, wonach ich mein ganzes Leben strebe, und dieses Leben liegt in deiner Hand. Herr gib deinem Diener die Kraft, die er benötigt um sein, durch dich gestecktes Ziel zu erreichen.“
Dann erhob er sich und hiefte seinen Körper zielstrebig in Richtung des Höhleneinganges, welcher so klein war, dass er eher einem Felsspalt glich. Doch ein Gefühl aus seinem Innern heraus, welches immer stärker wurde je näher er dem Spalt kam, sagte ihm, dass dies der Ort war, den er erreichen musste.
Der Felsspalt war gerade mal so breit, dass ein Mann ihn durchqueren konnte. Der dahinter befindliche Gang wurde immer schmaler, so dass Daat nur auf allen vieren kriechend vorankam. Im Nachhinein konnte er sich nicht einmal erklären, was ihn dazu brachte in diese Spalte zu kriechen, doch suchte er auch keine logische Erklärung dafür. Je weiter er von dem Eingang weg kam umso weniger konnte er sehen, bis ihn die Dunkelheit bald komplett verschluckt hatte. Langsam kroch er den mannsbreiten Gang entlang. Es war mühselig und schmerzhaft, doch je weiter er vorankam, umso sicherer war er, dass er auf dem rechten Weg war. Plötzlich wurde der kleine Gang breiter und ging steil nach unten. Ehe Daat sich versah kam er auch schon ins rutschen und kullerte den immer steiler werdenden Gang hinunter, bis er schließlich in freiem Fall war. Einen Moment lang dachte er, dass dies nun das Ende wäre. Er hätte gefehlt. Doch als er diesen Gedanken gerade zu Ende dachte, schlug er mit unverminderter Härte auf dem Boden auf. Dumpf hallten die Geräusche des Aufpralls mehrmals wieder.
…
Er konnte nicht genau sagen, wie lange er schon in der Höhle saß, war er doch in Folge der Strapazen, die der Aufstieg zu der Höhle mit sich brachten eingeschlafen. Daat begutachtete sein Bein, was wohl mehr durch abtasten möglich war, da man in der dunklen Höhle mit dem Auge rein gar nichts erkennen konnte. Die Blutung hatte aufgehört, der Schmerz ein wenig nachgelassen und es waren erste Anzeichen einer Kruste zu erkennen, die sich mit all ihren Unebenheiten auf der Wunde bildete. Doch genug Zeit hatte er nun bereits mit seinem Körper verschwendet. Es wurde nun Zeit sich seiner Aufgabe zu widmen. Er richtete sich in die bequemste sitzende Position auf, die er erreichen konnte. Dann entzündete er eine Fackel. Das Licht, an das seine Augen nun nicht mehr auch nur im Geringsten gewohnt waren blendete ihn stark. Doch langsam begannen seine Augen sich daran zu gewöhnen und er lies den Blick kurz durch die Höhle schweifen. Sie bestand aus dunklem Fels, der Boden aus Sand. Sie war so groß, dass man alles von einem Punkt aus überblicken konnte. In einer Ecke war ein Spalt, der den Weg in eine andere Höhle öffnete. Es war vielleicht ein Ausgang. Doch wollte Daat keinen Gedanken an einen Ausgang aus dieser Höhle verschwenden. Der Herr hatte ihn hier her geführt und er würde ihm auch wieder den Weg aus der Höhle heraus zeigen, so er Daat dessen für Würdig befand. Er öffnete nun den Lederriemen, der die Bücher zusammen hielt. Dieser wäre wohl besser gewesen um die Wunde abzubinden, doch wagte Daat es nicht jenen Zweck zu entfremden. Er nahm das oberste Buch von dem Stapel herunter und begann das Geschriebene genauestens zu studieren. Es waren fast ausschließlich Gebete, die in den Büchern niedergeschrieben waren, doch auch einige Überlieferungen aus alter Zeit. Einige der Gebete kamen Daat, jedenfalls bruchteilhaft, bekannt vor. Diese bekannten Bruchstücke konnte er von dem Ahad während seiner Ausbildung aufschnappen. Gebet für Gebet lernte er genauestens auswendig. Wenn eine Lichtquelle versagte, lies er die Worte setzen während er sie ständig wiederholte. Dann entzündete er wieder eine neue Fackel. Er musste sich seine Lichtquellen genau Einteilen, standen sie ihm doch nur begrenzt zur Verfügung.
Zwei Tage waren nun in diesem Rhythmus vergangen. Seite für Seite sog er das niedergeschriebene Wissen in sich auf, prägte es sich genauestens ein. Das Bluten am Bein hatte längst aufgehörte und auf der Wunde hatte sich eine feste Kruste gebildet. Doch fing die dreckige Wunde nun langsam an zu nässen und zu eitern. Zwei Tage waren es auch, die vergangen waren ohne einen Schluck zu trinken oder einen Bissen zu essen. Hunger und Durst zehrten an seinen Kräften, doch war er immer noch fest entschlossen, entschlossen die Aufgabe zu erfüllen; die Prüfung, die der Ahad, die der Herr ihm auferlegt hatte zu bestehen. Noch eine Fackel war ihm geblieben, die er entzünden konnte. Dann würden ihm noch einige Stunden zur Verfügung stehen. Stunden in denen er sich weiter dem geschriebenen Wissen zuwenden konnte. Dann erwartete ihn die Dunkelheit…
Ein weiterer Tag war vergangen, den er nun schon in vollkommener Dunkelheit verbracht hatte. Doch war die Dunkelheit bei weitem nicht so störend wie die Stille, kein Geräusch, kein Ton war zu hören. Das Bein schmerzte immer noch und der Eiter klopfte unter der Kruste. Hunger und Durst zehrten immer stärker an seinen Kräften. Er musste mittlerweile regelrecht abgemagert sein. „Sieben Tage und Nächte wirst du dort verweilen“, immer wieder hallten die Worte des Ahads in Daats Kopf wieder. Doch woher sollte er wissen, wann er die Höhle wieder verlassen durfte? Woran sollte er erkennen, wann der siebte Tag vorüber war?
Die Stille um ihn herum trieb ihn fast in den Wahnsinn. Der Hunger schnürte seinen Magen zusammen. Seine Kehle schmerzte vor Durst. Die Lippen waren rau, ausgetrognet, aufgeplatzt und verkrustet. Immer wieder wiederholte er die Gebete um neue Kraft aus seinem Glauben zu schöpfen. Seine Stimme hatte sich in ein heißeres und kratzendes Etwas verwandelt. Doch dies war das einzige, was zu hören war, wenn sie bei dem ständigen Wiederholen der Gebete von der Felswand als Echo zurückgeworfen wurde, welches sich dann nach einigen Wiederholungen in der Leere des Raumes verlor.
So sehr die Gebete seinem Körper auch Kraft verliehen und sie immer wieder seinen Verstand aus der Kraft des Glaubens heraus stärkten, konnte er es nicht verhindern schließlich in einen tiefen und unruhigen Schlaf zu fallen. Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren, nicht mehr fähig aus menschlicher Kraft heraus einen Weg aus der Höhle zu finden lag sein Leben nun gänzlich in den Händen Alatars. Er selbst konnte nicht wissen, dass mittlerweile der letzte Tag angebrochen war und nur noch jener mit der dazugehörigen Nacht zu überstehen war.
Er konnte nicht genau sagen, wie lange es dauerte bis er anfing zu träumen. Doch fand er sich schließlich in dem einzigsten Traum wieder, den er in dieser ganzen Zeit hatte.
Er stand in normaler Kleidung eingehüllt auf der Wiese vor der alten Festung Donnerholm. Sein Bein mit der eitrig triefenden Verletzung war vollkommen normal und auch sonst war keine Verletzung an ihm zu erkennen. Ihm gegenüber stand ein Panther, der jedoch größer und stärker erschien, wie jedes lebende Exemplar dieser Tiergattung. Die gelben Augen des Panthers musterten ihn genau, ehe er schließlich in einer grollenden und unbeschreiblich klingenden Stimme, die wirkte als würde sie von allen Seiten gleichzeitig auf ihn eindringen, sprach: „Folge mir!“ Dann wendete er sich herum und Daat ging in kurzem Abstand hinter ihm her. Kein Wort sonst war von dem Panther zu hören. In gemächlichem Tempo gingen sie in Richtung Rahal.
Als sie an der Mine angekommen waren stoppte der Panther abrubbt und Daat tat es ihm, den Abstand dabei wahrend, gleich. Er wendete seinen Blick in Richtung des Hauses, das dort stand. Es war das Haus, in dem Daat gemeinsam mit Yasirina wohnte. Der Panther änderte die Richtung und ging auf das Haus zu. Daat folgte ihm auf Schritt und Tritt. Schließlich kamen sie an der Tür an. Jene stand offen und sie traten hindurch in den größten Raum des Hauses. Daat lies seinen Blick kurz umher schweifen und erblickte auf einem Sessel neben dem Kamin Yasirina. Sie hatte sich im Sessel zurück gelehnt und schlief friedlich. Sie sah so hübsch aus, dass sie wohl jedem Mann, der sie erblickte, das Herz hätte brechen können. „Dies ist also die Frau, der du solch starke Gefühle der Zuneigung entgegen bringst? Die, die dir ein Kind schenken wollte?“ Daat nickte nur auf seine Worte hin. „Töte sie!“ hallte seine Stimme in Daats Ohren wieder. Er stockte kurz. Wagte es jedoch nicht den Panther anzusehen. Einige Gedanken der Widerworte, wie etwa, dass sie eine seiner treuen Dienerinnen sei, schossen durch seinen Kopf. Doch hatte er diese Gedanken schneller wieder verworfen, als sie aufgekommen waren. Daat ergriff das Schwert, welches neben ihm an dem Tisch lehnte und ging mit langsamen, jedoch entschlossenen Schritten auf die schlafende Schönheit zu. Kurz betrachtete er sie ehe er mit dem Schwert ausholte und den kalten Stahl unbarmherzig in ihre Brust stieß. Sie zuckte auf und öffnete ruckartig die Augen, welche Daat verständnislos anstarrten ehe sie jeder Hauch des Lebens verlies. Nach einigen Augenblicken sackte ihr Körper reglos in sich zusammen. Er zog die Klinge wieder aus ihr heraus und betrachtete den Leichnam. Einen Schritt wich er schließlich von ihr zurück und eine einzelne Träne bildete sich unter seinem linken Auge, welche langsam über die Wange lief bis sie schließlich vom Kinn aus zu Boden tropfte. Der Panther war in der Zwischenzeit neben ihn getreten. Kurz blickte er auf die eine Träne, die zu Boden getropft war. Ein sehr kleiner Wasserfleck hatte sich an der Stelle auf dem Boden gebildet. „Du bist nicht vollkommen mein dunkler Ritter. Doch arbeitest du ständig daran mir näher zu kommen und hast mir erneut deine bedingungslose Treue bewiesen.“ Dann wendete er sich herum und ging aus dem Haus. Daat folgte ihm ohne sich ein einziges Mal umzudrehen.
Sie gingen weiter in Richtung Rahal und schließlich in die Stadt hinein. Als sie in der Stadt angekommen waren stoppte der Panther und wendete seinen Blick herum. Daat stellte sich neben ihn und drehte seinen Kopf in die Richtung aus der sie kamen. Er wollte seinen Augen im ersten Moment nicht glauben. Das eben noch gesehene und ihm bekannte Bild des Stadteinganges und der Haupttore hatte sich schlagartig in ein Bild der Verwüstung verwandelt. Er wendete seinen Blick abermals umher. Häuser brannten und große Teile der Stadt waren verwüstet. Die Stadttore und die Mauern waren eingerissen. Ein riesiges Heer bestehend aus Irrgeleiteten und Ungläubigen hatte vor der Stadt Aufstellung genommen und begann wohl mit dem finalen Ansturm. Allen voran waren die Farben Varunas zu erkennen, doch auch Menekaner, Elfen, Zwerge und einige der Barbaren hatten sich unter die Reihen gemischt. Auf einem kleinen Felsbrocken der zerstörten Mauer hatte ein Mann in der schwarzen Rüstung eines Ahads Posten bezogen und kämpfte verbittert gegen die immer größer werdende Zahl der Angreifer. Einen nach dem Anderen schlug er zurück. Das Bild, dass sich Daat bot erinnerte ihn an einen Fels in der Brandung, der die näher kommende Flut immer wieder abprallen lies und zurück ins Meer warf. Daat wollte dem Verteidiger zu Hilfe eilen doch so schnell er auch rannte, er kam keinen Schritt voran. Schließlich gab er sein sinnloses Vorhaben auf und starrte auf das Bild, dass sich im bot. Der Verteidiger konnte den immer größer werdenden Massen von Angreifern schon bald nicht mehr standhalten. Eines der unzähligen Schwerter trennte ihm den Kopf vom Rumpf, welcher in einem unrealistisch erscheinenden hohen Bogen in die nähe von Daat und dem Panther flog. Dann verschwand der Körper in den Massen der Angreifer, ähnlich wie ein Fels in der steigenden Flut. Um sie herum verstummte es plötzlich und sie setzten sich in Richtung des abgeschlagenen Kopfes in Bewegung. Daat erschrak und zuckte kurz zusammen, als er erkannte, dass es sein lebloses Gesicht war, welches ihn anstarrte. Der Panther trat neben ihn und begann zu sprechen: „Einer meiner treusten und stärksten Diener gab dir einst den Namen ‚Fels vor dem Herrn’. Doch selbst der stärkste Fels kann einer großen Flut alleine nicht standhalten!“ Er deutet mit einer Geste auf den abgetrennten Kopf. „Er begann den Fehler, dass er alleine Stand. Begehe diesen Fehler niemals. Trage Sorge dafür, dass du niemals alleine stehst, oder sein Schicksaal wird dich ereilen.“
Das Bild um sie herum veränderte sich abermals als würden sie in eine neue Szene wechseln. Sie standen auf einem Felsvorsprung am höchsten Punkt des südlichen Gebirges, dass Rahal umgab. Daat lies seinen Blick umher schweifen. Von Varuna stieg Rauch auf und die Flagge Rahals wehte über den Überresten, die vom Sitz des Grafen übrig geblieben waren. Wie durch ein Fernglas blickend wurden die Wälder der Elfen an ihn herangezoomt, welche keinem Wald, sondern einem Flammenmeer glichen. Überall verstreut waren Leichen dieser spitzohrigen Kreaturen zu sehen. Er richtete seinen Blick dahin, wo er Menek’Ur vermutete. Von der Insel stiegen Rauchwolken auf und auf ähnliche Weise wie zuvor wurde auch jenes Szenario an sein Auge heran getragen. Die Menekaner waren größtenteils abgeschlachtet und jene die noch lebten arbeiteten als Sklaven für Rahal in den Salzminen. Nun wendete er seinen Blick in Richtung Berchgard. Die letzten verbliebenen Feinde Alatars hatten sich dort verschanzt und ein gewaltiges Heer bestehend aus Truppen der Armee Rahals, der Letharen und aller Alatargläubigen hatte vor den Mauern Aufstellung genommen.
Der Panther trat einen Schritt vor. Daats rechte Hand umspielten schwarze Schatten aus jenen sich schließlich eine Klinge manifestierte. Daat blickte auf sie und erkannte, dass es die gleiche war, wie er sie bei den Ahads schon oft gesehen hatte. „Meine Armee wartet auf ihren Feldherrn“, sprach der Panther. ‚Es ist das Schicksaal derer, die die Macht durch ihre Finger gleiten lassen’, hallten die Worte in Daats Kopf wieder. Entschlossen umfasste er dann den Griff der Klinge und trat ein - zwei Schritte nach vorn, bis er wieder auf gleicher Höhe mit dem Panther war. „Stärke meine Truppen und schütze meine Stadt! Tue deinen Beitrag um mein Geschenk auf der Welt zu verbreiten! Wirf meine Feinde nieder! Leiste deinen Beitrag den Beginn meines Reiches einzuläuten und ein Platz neben mir an meiner Tafel wird dir sicher sein!“
Wie durch einen Aufschrei erwachte Daat aus seinem Traum. Er wollte seinen abgemagerten Körper aufbäumen doch gelang es ihm nicht. Etwas drückte ihn zu Boden. Er riss seine Augen auf und gerade als er die Hände benutzen wollte um den Versuch zu starten sich zu befreien öffneten sich zwei gelbe Augen über seinem Gesicht. Die Augen leuchteten in der Dunkelheit und drangen tief in die seinen ein. Er fühlte sich als würde jeder seiner Gedanken durchleuchtet werden. Die Augen gehörten Ihm, Alatar selbst war es, den Daat da erblickte. Als er begriff was um ihn geschah erstarrte sein Körper. Der Herr hatte eine seiner Pranken auf seine linke Brust gelegt. Langsam gruben sich die Krallen nun um den Brustansatz in Richtung Herz in Daats Fleisch. Es brannte wie Feuer. Gerade als er Aufschreien wollte endete der Schmerz und jegliches Gefühl von Hunger und Durst. Alles was er noch spürte war der Zorn, der ihn immer mehr erfüllte und stärker und größer wurde als er es je zuvor war. Die gelben Augen verschwanden wieder im Nichts und Daat war alleine in der Höhle.
Doch schöpfte er neue Kraft. Alle Anzeichen der Verletzungen, die er von dem Aufstieg davon getragen hatte waren verschwunden, ebenso wie jedes Gefühl von Hunger und Durst, dass ihn doch in den vergangen Tagen so beherrschte. Auf seiner linken Brust waren fünf Narben zurück geblieben. Jedoch sahen sie aus, als hätte er jene schon seit einer halben Ewigkeit. Sie waren alle fünf in Richtung seines Herzens ausgerichtet und erinnerten wohl an eine Klaue, die sich in das Fleisch bohrt um eben nach jenem Herz zu greifen.
Er sammelte die Bücher auf, genau nachzählend, dass auch keines fehlte. Sein Wille war davon erfüllt den Zorn hinaus in die Welt zu tragen und der Herr wies ihm den Weg hinaus in jene. Er suchte den Spalt, den er in der Höhle vor einigen Tagen entdeckte hatte und ging hindurch in die dahinter liegende. Dann war es noch ein weiter Weg durch ein Tunnelsystem, den er zurücklegte. Obwohl er noch nie an diesem Ort war fand er sofort den Weg hinaus. Bald hatte er die Oberfläche erreicht und machte sich in der aufgehenden Sonne des achten Tages von der alten Festung Donnerholm aus zurück auf den Weg nach Rahal.
Dort angekommen suchte er sogleich den Ahad auf. Jener musterte ihn eindringlich ehe er ihn in den Ritterturm bat. „Komm wir haben noch viele Vorbereitungen zu treffen“
Staub wurde aufgewirbelt als der Körper dumpf auf dem Boden aufschlug. Da lag er nun, alle Gliedmaßen weit von sich ausgestreckt, in der rechten Hand immer noch ein Bündel mit zusammengeschnürten Büchern fest haltend. Stille, nichts als Stille war es, was nach dem Aufprall zu hören war. Sein Körper reglos… Bis nach einigen Momenten ein Finger anfing zu zucken, schließlich ein Stöhnen, dann erste unbeholfene Bewegungen eines Mannes, der sein Bewusstsein wieder erlangt. Mehrere male hustete er schwer um die Lungen von dem Druck des Aufpralls zu befreien. Seine erste Bewegung als er wieder bei Sinnen war ging in Richtung der Bücher, fast erleichtert wirkte Daat, als er feststellte, dass sie den Absturz unversehrt überstanden haben. Nun richtete er sich langsam auf in eine sitzende Position. Das nächste wonach er tastete war die Tasche in der sich die Fackeln befanden. Von Schmerzen geplagt stellte er jedoch fast mit einem zufrieden wirkenden Gesichtsausdruck fest, dass auch jene den Fall ohne einen größeren Schaden davon zu tragen überstanden hatten. Um ihn herum war es finster. Kein Licht drang in die Höhle. Die Wände um ihn herum mussten aus Fels bestehen, der Boden aus Sand. Es musste die Höhle sein, von der der Ahad gesprochen hatte. Ein Gefühl tief in seinem Innern überzeugte ihn davon und im Sand waren noch einige Spuren zu erkennen. Seine Hände und vor allem die Fußsolen waren mit unzähligen kleinen Rissen von dem beschwerlichen Aufstieg übersäht. Auch an den Unterarmen waren einige nicht all zu tiefe Einschnitte. Doch was ihm am meisten zu schaffen machte war eine recht tiefe Schnittwunde an seinem linken Wadenbein, jene erstreckte sich von der Ferse fast bis hoch zu dem Knie. Sie blutete stark und das Bein fühlte sich lahm an, fast taub vor Schmerz. Es war nicht unbrauchbar, jedoch ohne die richtige Behandlung könnte es das werden.
Die Wunde hatte sich mit Sand gefüllt und Daat hatte nichts womit er sie hätte säubern können bei sich. Nach einigen Momenten des Überlegens riss er sich einen Robenärmel ab. Einen schmalen Teil davon benutzte er um sich das Bein ab zu binden. Er hatte bereits viel Blut verloren und jener Blutverlust musste gestoppt werden, sonst würde ihn in einiger Zeit der Tot ereilen. Mit dem übrig gebliebenen Stoff fertigte er sich einen Verband, der Teile der großen Wunde am linken Unterbein abdeckte. Er lehnte sich zurück gegen die Felswand. Immer noch von Schmerzen geplagt erinnerte er sich zurück wie er an diesen Ort kam…
Daat lies gerade seine Gedanken um seine täglichen Aufgaben schweifen und hatte sich dafür am großen Tisch im Haus der Bruderschaft niedergelassen. Vor ihm stand ein Krug, der mit Wasser gefüllt war. Plötzlich donnerte es mit harten Schlägen gegen die Fronttür des Hauses. Keiner seiner Geschwister befand sich im Haus und somit erhob Daat sich mürrisch und machte sich auf den Weg zur Tür. Noch immer hämmerte die Peron, die vor jener Stand mit unverminderter Härte dagegen. Ein Wunder, dass die Balken nicht brechen, fuhr ihm durch den Kopf. Er öffnete die Tür ruckartig und war gerade im Begriff, die davor befindliche Person zu Recht zu weisen. Schon die Luft eingesogen um jener die passenden Worte entgegen zu werfen stockte er, als er erblickte wer vor der Tür stand. Es war der erhabene Ahad Corinus persönlich. Die eingesogene Luft wieder ausatmend vollführte er sofort die übliche Verneigung, die er ihm immer zur Begrüßung entgegen brachte. Doch dazu einen Gruß aus zu sprechen kam Daat gar nicht. Der Ahad wartete, für ihn wohl ungewöhnlich, nicht erst seine Huldigungen ab, sondern kam direkt zur Sache. „Ritter, ihr werdet euch auf den Weg zum Stadthalter machen, er soll euch zu den Büchern der Ahads führen. Jene wirst du an dich nehmen und mich aufsuchen, “ waren die Worte, die er Daat entgegen donnerte. Daat nickte bestätigend und antwortete: „Wie ihr wünscht Ahad“. Ohne diese Antwort wirklich abzuwarten wandte sich der Ahad herum und verschwand in den Straßen Rahals.
Die Schriften der Ahads, Daat wusste, dass Schriften von ihnen in der Bibliothek von Rahal ruhen. Er hatte sogar bereits einmal die Ehre gehabt eine von ihnen zu lesen, jedoch lag dies nun schon geraume Zeit zurück. Auch glaubte er nicht, dass die Schriften, zu denen der Stadthalter ihm nun Zugang geben würde gewöhnliche sein würden, wie sie in der Bibliothek, für jeden zugänglich, auslagen. Dies sagte ihm alleine schon die Tatsache, dass jene wohl zu ihrem Schutz und der Bewahrung der Lehren unter Verschluss lagen. Welche Pläne hatte der Herr für ihn? Wozu hatte er ihn auserkoren, dass er Daat für würdig befand diese Schriften zu lesen?
Er verlor nicht viel Zeit bei seinem Auftrag, denn einen Ahad lässt man nicht warten. Sofort verschloss er die Tür des Hauses der Bruderschaft, nachdem der Ahad nicht mehr auf den Straßen zu sehen war. Er ging in das Haus und streifte sich seine Robe über, auch legte er wie gewöhnlich seinen Waffengurt an und machte sich auf die Suche nach dem Stadthalter. Jenen, so hoffte er, würde er trotz des bereits voran geschrittenen Abends noch in seinem Büro neben dem Haus der Bruderschaft antreffen und diese Hoffnung von ihm wurde auch erfüllt. Aus dem Büro des Stadthalters Rukus drang noch ein schwacher Lichtkegel, der wohl von einer oder mehreren Kerzen erzeugt wurde. Daat klopfte gegen die Türe und nachdem ihm Rukus von innen heraus antwortete betrat er die Räumlichkeiten. Er berichtet dem Stadthalter von dem Auftrag, den der Ahad ihm erteilt hatte, Daat fand es nicht verwunderlich, dass Rukus bereits grob darüber informiert war, nach einem kurzen Gespräch machten sich beide auf den Weg zu der Bibliothek. Die beiden Männer betraten den ersten Teil der Bibliothek, der für jeden Wissensdurstigen frei zugänglich war. Rukus ging nun voran und Daat in kurzem Abstand hinter ihm her, ohne einen Umweg gingen sie in die Richtung der ersten abgeschlossenen Tür und an jener angekommen zog der Stadthalter einen Ring mit mehreren daran befindlichen Schlüsseln aus der Tasche, welchen er zuvor aus einer verschlossenen Truhe, die er irgendwo aus seinem Büro hervorzauberte, entnommen hatte. Er steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte hin herum um jenes zu öffnen. Die beiden Männer traten schließlich durch die geöffnete Tür hindurch und Rukus entzündete zwei Kerzen, die ihnen als Lichtquelle dienen würden, eine behielt er für sich und die andere reichte er Daat. Dann gingen sie die Treppe empor und in eben beschriebenen Vorgang durchschritten sie weitere Türen, bis sie letztendlich in dem, wie Daat es vorkam, hintersten Raum angelangt waren. In jenem Stand zwischen zwei Bücherregalen eine metallene Truhe. Der Stadthalter deutet auf jene. Er selbst war sich seiner Stellung bewusst und hielt sich nicht für würdig die Truhe zu öffnen, so reichte er dem Ritter einen einzelnen Schlüssel. Diesen in der Hand haltend näherte sich Daat der Truhe, er steckte den Schlüssel in das Schloss und drehte ihn herum. Mit einem knacken öffnete sich die Truhe und er zog den Deckel, der nicht von minderem Gewicht war zurück. Mittig in der Kiste lag ein zusammengeschnürtes Bündel mit Büchern, welche fast ausschließlich in schwarz eingefärbtem Leder eingebunden waren. Daat nahm das Bücherbündel an sich und verschloss die Truhe wieder. Er nickte dem Stadthalter knapp zu und beide Männer machten sich wieder auf den Weg hinaus aus der Bibliothek.
Nachdem sich der Stadthalter verabschiedet hatte lies Daat seinen Blick kurz zum Himmel gehen. Es war dunkel und der Himmel Wolkenverhangen. Der Abend musste schon weit voran geschritten sein, doch er wollte keine Zeit verlieren und machte sich trotz der späten Stunde auf den Weg zum Turm der Ritter des Herrn. Dort sollte er den Ahad aufsuchen wenn sich die Bücher in seinem Besitz befinden.
Er ging die Treppe empor und traf den Ahad an der großen Tafel sitzend an. Jener schien ihn bereits erwartet zu haben. Er nickte leicht als er das Bücherbündel erblickte. „Gut, die Bücher habt ihr. Begebt euch nun zur Ruhe! Am morgigen Tag werdet ihr euch sieben Fackeln besorgen, jene werden euch als Lichtquelle dienen um die Bücher zu studieren. Morgen sollt ihr das letzte Mal für die kommenden Tage essen und trinken. Und wagt euch ja nicht die Bücher zu öffnen! Verbringt die Nacht in eurem Haus und am darauf folgenden Morgen werdet ihr euch noch im Dunkeln, kurz vor Sonnenaufgang, auf den Weg zu der alten Festung Donnerholm machen. Ihr werdet keine Waffen, keine Rüstung und auch sonst NICHTS bei euch führen außer dem Bücherbündel und der Fackeln! Als Kleidung wird euch lediglich diese Robe dienen.“ Der Ahad deutet auf das fordere Ende des Tisches, dort lag zusammengelegt eine Robe in der schwarzen Farbe des Panthers. Dann fuhr er weiter in bestimmendem Tonfall fort: „Auch Schuhwerk werdet ihr nicht tragen! Nur diese Robe, die Fackeln und die Bücher werdet ihr bei euch führen! In dem Gebirge nahe Donnerholms werdet ihr, so euch der Herr auch nur ansatzweise für würdig befindet eine Höhle finden. In jene werdet ihr gehen und mit Hilfe der Fackeln als erstes die Bücher studieren. Bedenkt, dass euch hierfür nur sieben Fackeln zur Verfügung stehen! Sieben Tage und sieben Nächte werdet ihr dort bleiben um zu erfahren, was es zu erfahren gilt. So Alatar euch für würdig befindet werdet ihr nach Rahal zurückkehren. Solltet ihr versagen werdet ihr in der Höhle ein elendes Ende finden! Solltet ihr die Höhle nicht auffinden oder vorzeitig zurückkehren, werde ich eurem Leben ein Ende setzen!“ donnerte die Stimme des Ahads in Daat’s Ohren. Daat nickte knapp nachdem der Ahad seine Worte vollendet hatte und entgegnete lediglich „ Wie ihr wünscht Erhabener!“ Die Worte des Ahads waren klar und deutlich und bedurften keiner weiteren Erklärung. Er nahm die Robe an sich, verabschiedet sich mit dem Respekt, der dem Ahad zustand und begab sich zur Ruhe wie es ihm aufgetragen wurde.
Es war noch dunkel, als Daat am zweiten auf den Tag des Auftrages folgenden Morgen das Haus verlies. Bekleidet war er lediglich mit einer Robe, die die ihm der Ahad gegeben hatte, in der einen Hand hatte er das Bücherbündel, in der anderen zusammengeschnürte sieben Fackeln, genau so wie es ihm der Ahad aufgetragen hatte. Der Stein des Weges wirkte kalt unter seinen nackten Füßen und eiligen Schrittes machte er sich auf den Weg in Richtung Donnerholm.
Das Gras, auf dem er nun ging, war kalt und feucht. Es begann langsam damit die Haut an seinen Füßen aufzuweichen. Etwas, was sich schon bald als schmerzhafte Folge heraus stellen würde. Eilig und doch zugleich leise ging er wie ein Schatten in der Nacht durch das Waldstück. Trotz das es dunkel war konnte er schon vor sich die gewaltigen Ruinen der Mauern der alten Festung erkennen. Jeden Schritt tat er wohl überlegt und vorsichtig. Die Banditen, welche sich hier in den alten Gemäuern eingenistet hatten schienen noch zu schlafen und an jenem Zustand wollte er auch nichts ändern. Ohne Waffen und Rüstung wäre er eine leichte Beute für sie.
Er war bei den Überresten der alten Festung angekommen und hatte Schutz zwischen einigen Büschen und in dem Schatten einer der zerfallen Mauern gefunden. Von dieser Position hatte er einen guten Blick auf das Gebirge bei Donnerholm und beobachtete genauestens die Felswände. Er suchte nach dem Eingang in die Höhle, von der ihm der Ahad berichtet hatte, wartete auf das Zeichen, das ihm der Herr geben würde, so Daat seines Auftrages würdig war.
Dann, nach einiger Zeit und unter dem langsam ins hellblau wechselnden Himmel, sah Daat wonach er gesucht hatte. Er glaubte, hinter den zahlreichen Unebenheiten, Vorsprüngen und Schatten in der Felswand die Höhle gefunden zu haben. Es war wohl weniger die Gewissheit etwas gesehen zu haben, wonach man seit einiger Zeit Ausschau hielt, sondern mehr ein Gefühl aus seinem Innern heraus, welches ihm sagte, dass dies der Ort war, wo er hinzugehen hatte. Ohnehin wäre es sinnlos gewesen noch weiter auf den Fels zu starren…und die Zeit drängte. Nach einem geeigneten Punkt für den Aufstieg suchend und ihn schließlich auch findend, machte Daat sich sofort mit eiligen Schritten auf den Weg in Richtung der gewaltig wirkenden Gesteinsformation und begann sogleich mit dem Aufstieg.
Die ersten Meter hatte er schnell hinter sich gebracht, Bücher und Fackeln hatte er so verschnürt, dass sie kein all zu großes Hindernis während des Aufstieges waren, doch beeinträchtigten sie ihn natürlich in der Felswand bei seinen Bewegungsabläufen. Körperliche Anstrengungen war er gewohnt, übte er sich doch schon fast sein ganzes Leben lang im Kampfe, dies stellte also kein sonderliches Problem dar. Doch fingen die scharfkantigen Felsen nun langsam damit an Risse und Furchen in seine, durch das Nass des Grases, aufgeweichten Füße und die Hände einzuritzen. Schon bald waren Hände, besonders die Füße und wenige Teile seiner Unterarme von kleinen messerscharfen Einschnitten übersäht, die den Aufstieg langsam aber sicher zur Qual werden ließen.
Einige Zeit war vergangen und die Sonne warf bereits die ersten großen Schatten über das Land. Daat schaffte sich zielstrebig trotz der, durch die mittlerweile zahlreichen kleinen Verletzungen verursachten und immer stärke werdenden Schmerzen weiter den Berg hinauf. Fest davon überzeugt die Höhle, sein Ziel zu erreichen.
Plötzlich, als er gerade mit der Hand nach einem kleinen Felsstück greifen wollte, brach jenes weck und Daat verlor den Halt. Sofort griff er nach und konnte so einen Absturz und den damit verbunden sicheren Tot vermeiden. Jedoch war er ein-zwei Meter an dem Fels nach unten gerutscht. Ein lauter Schmerzensschrei hallte im Morgengrau über Donnerholm wieder. Daat, der wieder sicheren Halt gefunden hatte, blickte nach unten auf sein Bein. Jenes war von einem großen und scharfen Felsstück aufgeschnitten worden. Der Schnitt zog sich über das Wadenbein bis fast hoch zum Knie. Das taube Gefühl des Schmerzes machte sich in dem Bein breit. Die Wunde war tief und begann nun schnell sich mit Blut zu füllen. Das Bein war nun lahm und unbrauchbar geworden, nicht mehr in der Lage die Last des Körpers zu tragen. Erleichtert stellte er fest, dass er Fackeln und Bücher nicht verloren hatte. Fast verzweifelt und mit schmerzverzerrtem Gesicht blickte Daat sich um. In der Nähe entdeckte er einen Felsvorsprung, welchen er nun versuchte mit letzter Kraft und einem lahmen Bein zu erreichen.
Mit einigen Mühen erreichte er den Felsvorsprung und lies den Körper auf jenem zurück sinken. Mehrere Male atmete er tief durch bevor er seinen Oberkörper wieder aufrichtet und seine stark blutende Verletzung betrachtete. Das Bein würde unbrauchbar werden, so es nicht die Behandlung eines Heilers bekam. Doch Aufgeben, nein, daran war nicht zu denken. Daat blickte nach oben und ein knappes, gequält wirkendes Lächeln ging über sein Gesicht, als er den Höhleneingang einige Meter von ihm entfernt erblickte. Jedenfalls war er davon überzeugt, dass dies der Eingang war und weitere Strecken hätte er in seinem Zustand auch nicht mehr zurücklegen können.
Daat atmete nochmals tief durch, richtete dann sein Haupt nach unten und begann einige Worte zu murmeln: „Herr, dir zu dienen und in deinem Namen zu wirken ist es, wonach ich mein ganzes Leben strebe, und dieses Leben liegt in deiner Hand. Herr gib deinem Diener die Kraft, die er benötigt um sein, durch dich gestecktes Ziel zu erreichen.“
Dann erhob er sich und hiefte seinen Körper zielstrebig in Richtung des Höhleneinganges, welcher so klein war, dass er eher einem Felsspalt glich. Doch ein Gefühl aus seinem Innern heraus, welches immer stärker wurde je näher er dem Spalt kam, sagte ihm, dass dies der Ort war, den er erreichen musste.
Der Felsspalt war gerade mal so breit, dass ein Mann ihn durchqueren konnte. Der dahinter befindliche Gang wurde immer schmaler, so dass Daat nur auf allen vieren kriechend vorankam. Im Nachhinein konnte er sich nicht einmal erklären, was ihn dazu brachte in diese Spalte zu kriechen, doch suchte er auch keine logische Erklärung dafür. Je weiter er von dem Eingang weg kam umso weniger konnte er sehen, bis ihn die Dunkelheit bald komplett verschluckt hatte. Langsam kroch er den mannsbreiten Gang entlang. Es war mühselig und schmerzhaft, doch je weiter er vorankam, umso sicherer war er, dass er auf dem rechten Weg war. Plötzlich wurde der kleine Gang breiter und ging steil nach unten. Ehe Daat sich versah kam er auch schon ins rutschen und kullerte den immer steiler werdenden Gang hinunter, bis er schließlich in freiem Fall war. Einen Moment lang dachte er, dass dies nun das Ende wäre. Er hätte gefehlt. Doch als er diesen Gedanken gerade zu Ende dachte, schlug er mit unverminderter Härte auf dem Boden auf. Dumpf hallten die Geräusche des Aufpralls mehrmals wieder.
…
Er konnte nicht genau sagen, wie lange er schon in der Höhle saß, war er doch in Folge der Strapazen, die der Aufstieg zu der Höhle mit sich brachten eingeschlafen. Daat begutachtete sein Bein, was wohl mehr durch abtasten möglich war, da man in der dunklen Höhle mit dem Auge rein gar nichts erkennen konnte. Die Blutung hatte aufgehört, der Schmerz ein wenig nachgelassen und es waren erste Anzeichen einer Kruste zu erkennen, die sich mit all ihren Unebenheiten auf der Wunde bildete. Doch genug Zeit hatte er nun bereits mit seinem Körper verschwendet. Es wurde nun Zeit sich seiner Aufgabe zu widmen. Er richtete sich in die bequemste sitzende Position auf, die er erreichen konnte. Dann entzündete er eine Fackel. Das Licht, an das seine Augen nun nicht mehr auch nur im Geringsten gewohnt waren blendete ihn stark. Doch langsam begannen seine Augen sich daran zu gewöhnen und er lies den Blick kurz durch die Höhle schweifen. Sie bestand aus dunklem Fels, der Boden aus Sand. Sie war so groß, dass man alles von einem Punkt aus überblicken konnte. In einer Ecke war ein Spalt, der den Weg in eine andere Höhle öffnete. Es war vielleicht ein Ausgang. Doch wollte Daat keinen Gedanken an einen Ausgang aus dieser Höhle verschwenden. Der Herr hatte ihn hier her geführt und er würde ihm auch wieder den Weg aus der Höhle heraus zeigen, so er Daat dessen für Würdig befand. Er öffnete nun den Lederriemen, der die Bücher zusammen hielt. Dieser wäre wohl besser gewesen um die Wunde abzubinden, doch wagte Daat es nicht jenen Zweck zu entfremden. Er nahm das oberste Buch von dem Stapel herunter und begann das Geschriebene genauestens zu studieren. Es waren fast ausschließlich Gebete, die in den Büchern niedergeschrieben waren, doch auch einige Überlieferungen aus alter Zeit. Einige der Gebete kamen Daat, jedenfalls bruchteilhaft, bekannt vor. Diese bekannten Bruchstücke konnte er von dem Ahad während seiner Ausbildung aufschnappen. Gebet für Gebet lernte er genauestens auswendig. Wenn eine Lichtquelle versagte, lies er die Worte setzen während er sie ständig wiederholte. Dann entzündete er wieder eine neue Fackel. Er musste sich seine Lichtquellen genau Einteilen, standen sie ihm doch nur begrenzt zur Verfügung.
Zwei Tage waren nun in diesem Rhythmus vergangen. Seite für Seite sog er das niedergeschriebene Wissen in sich auf, prägte es sich genauestens ein. Das Bluten am Bein hatte längst aufgehörte und auf der Wunde hatte sich eine feste Kruste gebildet. Doch fing die dreckige Wunde nun langsam an zu nässen und zu eitern. Zwei Tage waren es auch, die vergangen waren ohne einen Schluck zu trinken oder einen Bissen zu essen. Hunger und Durst zehrten an seinen Kräften, doch war er immer noch fest entschlossen, entschlossen die Aufgabe zu erfüllen; die Prüfung, die der Ahad, die der Herr ihm auferlegt hatte zu bestehen. Noch eine Fackel war ihm geblieben, die er entzünden konnte. Dann würden ihm noch einige Stunden zur Verfügung stehen. Stunden in denen er sich weiter dem geschriebenen Wissen zuwenden konnte. Dann erwartete ihn die Dunkelheit…
Ein weiterer Tag war vergangen, den er nun schon in vollkommener Dunkelheit verbracht hatte. Doch war die Dunkelheit bei weitem nicht so störend wie die Stille, kein Geräusch, kein Ton war zu hören. Das Bein schmerzte immer noch und der Eiter klopfte unter der Kruste. Hunger und Durst zehrten immer stärker an seinen Kräften. Er musste mittlerweile regelrecht abgemagert sein. „Sieben Tage und Nächte wirst du dort verweilen“, immer wieder hallten die Worte des Ahads in Daats Kopf wieder. Doch woher sollte er wissen, wann er die Höhle wieder verlassen durfte? Woran sollte er erkennen, wann der siebte Tag vorüber war?
Die Stille um ihn herum trieb ihn fast in den Wahnsinn. Der Hunger schnürte seinen Magen zusammen. Seine Kehle schmerzte vor Durst. Die Lippen waren rau, ausgetrognet, aufgeplatzt und verkrustet. Immer wieder wiederholte er die Gebete um neue Kraft aus seinem Glauben zu schöpfen. Seine Stimme hatte sich in ein heißeres und kratzendes Etwas verwandelt. Doch dies war das einzige, was zu hören war, wenn sie bei dem ständigen Wiederholen der Gebete von der Felswand als Echo zurückgeworfen wurde, welches sich dann nach einigen Wiederholungen in der Leere des Raumes verlor.
So sehr die Gebete seinem Körper auch Kraft verliehen und sie immer wieder seinen Verstand aus der Kraft des Glaubens heraus stärkten, konnte er es nicht verhindern schließlich in einen tiefen und unruhigen Schlaf zu fallen. Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren, nicht mehr fähig aus menschlicher Kraft heraus einen Weg aus der Höhle zu finden lag sein Leben nun gänzlich in den Händen Alatars. Er selbst konnte nicht wissen, dass mittlerweile der letzte Tag angebrochen war und nur noch jener mit der dazugehörigen Nacht zu überstehen war.
Er konnte nicht genau sagen, wie lange es dauerte bis er anfing zu träumen. Doch fand er sich schließlich in dem einzigsten Traum wieder, den er in dieser ganzen Zeit hatte.
Er stand in normaler Kleidung eingehüllt auf der Wiese vor der alten Festung Donnerholm. Sein Bein mit der eitrig triefenden Verletzung war vollkommen normal und auch sonst war keine Verletzung an ihm zu erkennen. Ihm gegenüber stand ein Panther, der jedoch größer und stärker erschien, wie jedes lebende Exemplar dieser Tiergattung. Die gelben Augen des Panthers musterten ihn genau, ehe er schließlich in einer grollenden und unbeschreiblich klingenden Stimme, die wirkte als würde sie von allen Seiten gleichzeitig auf ihn eindringen, sprach: „Folge mir!“ Dann wendete er sich herum und Daat ging in kurzem Abstand hinter ihm her. Kein Wort sonst war von dem Panther zu hören. In gemächlichem Tempo gingen sie in Richtung Rahal.
Als sie an der Mine angekommen waren stoppte der Panther abrubbt und Daat tat es ihm, den Abstand dabei wahrend, gleich. Er wendete seinen Blick in Richtung des Hauses, das dort stand. Es war das Haus, in dem Daat gemeinsam mit Yasirina wohnte. Der Panther änderte die Richtung und ging auf das Haus zu. Daat folgte ihm auf Schritt und Tritt. Schließlich kamen sie an der Tür an. Jene stand offen und sie traten hindurch in den größten Raum des Hauses. Daat lies seinen Blick kurz umher schweifen und erblickte auf einem Sessel neben dem Kamin Yasirina. Sie hatte sich im Sessel zurück gelehnt und schlief friedlich. Sie sah so hübsch aus, dass sie wohl jedem Mann, der sie erblickte, das Herz hätte brechen können. „Dies ist also die Frau, der du solch starke Gefühle der Zuneigung entgegen bringst? Die, die dir ein Kind schenken wollte?“ Daat nickte nur auf seine Worte hin. „Töte sie!“ hallte seine Stimme in Daats Ohren wieder. Er stockte kurz. Wagte es jedoch nicht den Panther anzusehen. Einige Gedanken der Widerworte, wie etwa, dass sie eine seiner treuen Dienerinnen sei, schossen durch seinen Kopf. Doch hatte er diese Gedanken schneller wieder verworfen, als sie aufgekommen waren. Daat ergriff das Schwert, welches neben ihm an dem Tisch lehnte und ging mit langsamen, jedoch entschlossenen Schritten auf die schlafende Schönheit zu. Kurz betrachtete er sie ehe er mit dem Schwert ausholte und den kalten Stahl unbarmherzig in ihre Brust stieß. Sie zuckte auf und öffnete ruckartig die Augen, welche Daat verständnislos anstarrten ehe sie jeder Hauch des Lebens verlies. Nach einigen Augenblicken sackte ihr Körper reglos in sich zusammen. Er zog die Klinge wieder aus ihr heraus und betrachtete den Leichnam. Einen Schritt wich er schließlich von ihr zurück und eine einzelne Träne bildete sich unter seinem linken Auge, welche langsam über die Wange lief bis sie schließlich vom Kinn aus zu Boden tropfte. Der Panther war in der Zwischenzeit neben ihn getreten. Kurz blickte er auf die eine Träne, die zu Boden getropft war. Ein sehr kleiner Wasserfleck hatte sich an der Stelle auf dem Boden gebildet. „Du bist nicht vollkommen mein dunkler Ritter. Doch arbeitest du ständig daran mir näher zu kommen und hast mir erneut deine bedingungslose Treue bewiesen.“ Dann wendete er sich herum und ging aus dem Haus. Daat folgte ihm ohne sich ein einziges Mal umzudrehen.
Sie gingen weiter in Richtung Rahal und schließlich in die Stadt hinein. Als sie in der Stadt angekommen waren stoppte der Panther und wendete seinen Blick herum. Daat stellte sich neben ihn und drehte seinen Kopf in die Richtung aus der sie kamen. Er wollte seinen Augen im ersten Moment nicht glauben. Das eben noch gesehene und ihm bekannte Bild des Stadteinganges und der Haupttore hatte sich schlagartig in ein Bild der Verwüstung verwandelt. Er wendete seinen Blick abermals umher. Häuser brannten und große Teile der Stadt waren verwüstet. Die Stadttore und die Mauern waren eingerissen. Ein riesiges Heer bestehend aus Irrgeleiteten und Ungläubigen hatte vor der Stadt Aufstellung genommen und begann wohl mit dem finalen Ansturm. Allen voran waren die Farben Varunas zu erkennen, doch auch Menekaner, Elfen, Zwerge und einige der Barbaren hatten sich unter die Reihen gemischt. Auf einem kleinen Felsbrocken der zerstörten Mauer hatte ein Mann in der schwarzen Rüstung eines Ahads Posten bezogen und kämpfte verbittert gegen die immer größer werdende Zahl der Angreifer. Einen nach dem Anderen schlug er zurück. Das Bild, dass sich Daat bot erinnerte ihn an einen Fels in der Brandung, der die näher kommende Flut immer wieder abprallen lies und zurück ins Meer warf. Daat wollte dem Verteidiger zu Hilfe eilen doch so schnell er auch rannte, er kam keinen Schritt voran. Schließlich gab er sein sinnloses Vorhaben auf und starrte auf das Bild, dass sich im bot. Der Verteidiger konnte den immer größer werdenden Massen von Angreifern schon bald nicht mehr standhalten. Eines der unzähligen Schwerter trennte ihm den Kopf vom Rumpf, welcher in einem unrealistisch erscheinenden hohen Bogen in die nähe von Daat und dem Panther flog. Dann verschwand der Körper in den Massen der Angreifer, ähnlich wie ein Fels in der steigenden Flut. Um sie herum verstummte es plötzlich und sie setzten sich in Richtung des abgeschlagenen Kopfes in Bewegung. Daat erschrak und zuckte kurz zusammen, als er erkannte, dass es sein lebloses Gesicht war, welches ihn anstarrte. Der Panther trat neben ihn und begann zu sprechen: „Einer meiner treusten und stärksten Diener gab dir einst den Namen ‚Fels vor dem Herrn’. Doch selbst der stärkste Fels kann einer großen Flut alleine nicht standhalten!“ Er deutet mit einer Geste auf den abgetrennten Kopf. „Er begann den Fehler, dass er alleine Stand. Begehe diesen Fehler niemals. Trage Sorge dafür, dass du niemals alleine stehst, oder sein Schicksaal wird dich ereilen.“
Das Bild um sie herum veränderte sich abermals als würden sie in eine neue Szene wechseln. Sie standen auf einem Felsvorsprung am höchsten Punkt des südlichen Gebirges, dass Rahal umgab. Daat lies seinen Blick umher schweifen. Von Varuna stieg Rauch auf und die Flagge Rahals wehte über den Überresten, die vom Sitz des Grafen übrig geblieben waren. Wie durch ein Fernglas blickend wurden die Wälder der Elfen an ihn herangezoomt, welche keinem Wald, sondern einem Flammenmeer glichen. Überall verstreut waren Leichen dieser spitzohrigen Kreaturen zu sehen. Er richtete seinen Blick dahin, wo er Menek’Ur vermutete. Von der Insel stiegen Rauchwolken auf und auf ähnliche Weise wie zuvor wurde auch jenes Szenario an sein Auge heran getragen. Die Menekaner waren größtenteils abgeschlachtet und jene die noch lebten arbeiteten als Sklaven für Rahal in den Salzminen. Nun wendete er seinen Blick in Richtung Berchgard. Die letzten verbliebenen Feinde Alatars hatten sich dort verschanzt und ein gewaltiges Heer bestehend aus Truppen der Armee Rahals, der Letharen und aller Alatargläubigen hatte vor den Mauern Aufstellung genommen.
Der Panther trat einen Schritt vor. Daats rechte Hand umspielten schwarze Schatten aus jenen sich schließlich eine Klinge manifestierte. Daat blickte auf sie und erkannte, dass es die gleiche war, wie er sie bei den Ahads schon oft gesehen hatte. „Meine Armee wartet auf ihren Feldherrn“, sprach der Panther. ‚Es ist das Schicksaal derer, die die Macht durch ihre Finger gleiten lassen’, hallten die Worte in Daats Kopf wieder. Entschlossen umfasste er dann den Griff der Klinge und trat ein - zwei Schritte nach vorn, bis er wieder auf gleicher Höhe mit dem Panther war. „Stärke meine Truppen und schütze meine Stadt! Tue deinen Beitrag um mein Geschenk auf der Welt zu verbreiten! Wirf meine Feinde nieder! Leiste deinen Beitrag den Beginn meines Reiches einzuläuten und ein Platz neben mir an meiner Tafel wird dir sicher sein!“
Wie durch einen Aufschrei erwachte Daat aus seinem Traum. Er wollte seinen abgemagerten Körper aufbäumen doch gelang es ihm nicht. Etwas drückte ihn zu Boden. Er riss seine Augen auf und gerade als er die Hände benutzen wollte um den Versuch zu starten sich zu befreien öffneten sich zwei gelbe Augen über seinem Gesicht. Die Augen leuchteten in der Dunkelheit und drangen tief in die seinen ein. Er fühlte sich als würde jeder seiner Gedanken durchleuchtet werden. Die Augen gehörten Ihm, Alatar selbst war es, den Daat da erblickte. Als er begriff was um ihn geschah erstarrte sein Körper. Der Herr hatte eine seiner Pranken auf seine linke Brust gelegt. Langsam gruben sich die Krallen nun um den Brustansatz in Richtung Herz in Daats Fleisch. Es brannte wie Feuer. Gerade als er Aufschreien wollte endete der Schmerz und jegliches Gefühl von Hunger und Durst. Alles was er noch spürte war der Zorn, der ihn immer mehr erfüllte und stärker und größer wurde als er es je zuvor war. Die gelben Augen verschwanden wieder im Nichts und Daat war alleine in der Höhle.
Doch schöpfte er neue Kraft. Alle Anzeichen der Verletzungen, die er von dem Aufstieg davon getragen hatte waren verschwunden, ebenso wie jedes Gefühl von Hunger und Durst, dass ihn doch in den vergangen Tagen so beherrschte. Auf seiner linken Brust waren fünf Narben zurück geblieben. Jedoch sahen sie aus, als hätte er jene schon seit einer halben Ewigkeit. Sie waren alle fünf in Richtung seines Herzens ausgerichtet und erinnerten wohl an eine Klaue, die sich in das Fleisch bohrt um eben nach jenem Herz zu greifen.
Er sammelte die Bücher auf, genau nachzählend, dass auch keines fehlte. Sein Wille war davon erfüllt den Zorn hinaus in die Welt zu tragen und der Herr wies ihm den Weg hinaus in jene. Er suchte den Spalt, den er in der Höhle vor einigen Tagen entdeckte hatte und ging hindurch in die dahinter liegende. Dann war es noch ein weiter Weg durch ein Tunnelsystem, den er zurücklegte. Obwohl er noch nie an diesem Ort war fand er sofort den Weg hinaus. Bald hatte er die Oberfläche erreicht und machte sich in der aufgehenden Sonne des achten Tages von der alten Festung Donnerholm aus zurück auf den Weg nach Rahal.
Dort angekommen suchte er sogleich den Ahad auf. Jener musterte ihn eindringlich ehe er ihn in den Ritterturm bat. „Komm wir haben noch viele Vorbereitungen zu treffen“