Den Blick weit in die Ferne gerichtet stand Eliane am Bug des Schiffes. Nach Bajard wollte sie, ein paar Dinge erledigen, ehe sie nun vollständig bei Moira bleiben würde. "Das Kind soll nicht ohne seine Tante aufwachsen!" hatte Moira gesagt. Aber... auch nicht ohne eine solche Tante wie sie es gewiss wäre? Diese Gedanken spukten in ihrem Kopf herum, als sie von Bord ging. Xervath... sie musste ihn aufsuchen. Sich dafür entschuldigen, dass sie ihn gestern versetzt hatte, dass sie nicht hatte kommen können. Doch was sollte sie sagen?
Als sie dann plötzlich vor ihm stand, zögerte sie. Ihm die Wahrheit sagen? Die ganze Wahrheit? Würde er sie nicht auch hassen? Stockend erklärte sie ihm, sie müsse nun bei Moira bleiben, sie habe es versprochen. Er reagierte unwirsch, sagte, sie solle ihm die ganze Wahrheit erzählen, nicht immer darum herum reden. Resignierend erklärte Eliane sich einverstanden. Die kommenden Entwicklungen ließen sich ohnehin nicht mehr aufhalten, einer Lawine gleich trafen sie sie und begruben ihr Leben unter sich. Aber nicht hier... nicht mitten in Bajard. Also machten sie sich auf den Weg zu Xervath. Die Zähne zusammen beissen. Keinen Schmerz empfinden, keine Verzweiflung... wenn das nur so einfach wäre.
Draußen unter einer Laube machten sie es sich bequem, so gut das eben in solch einer Situation möglich war. Erst stockend, dann immer schneller berichtete sie ihm von ihrem Leben. Von ihrem Fortlaufen von zuhause, ihrer Ausbildung in der Gemeinschaft der Nachtgreifer, ihren Taten. Davon, wie sie ihren Ausbilder getötet hatte, den Mann, der ihre Schwester verlangt hatte. Davon, dass die Nachtgreifer sie aufgrund dessen töten wollten. Und letztendlich von dem Versprechen, dass sie Moira gegeben hatte, für immer bei ihr zu bleiben. Er verstand ihre Einstellung nicht, wie könnte er auch. Wie könnte jemand das Gefühlschaos, welches in ihrem Inneren herrschte, verstehen. Er sagte, sie solle ihre Waffen nicht niederlegen. Denn, so argumentierte er, wenn man wirklich nach ihrem Leben trachtete, so müsse sie sich und Moira schützen. Moira jedoch würde das niemals verstehen.
"Ich muss gehn... muss Moira verlassen. Irgendwann muss sie es akzeptieren." murmelte Eliane. Dann: "Ich suche mir irgendwo ein Zimmer in einem Gasthaus... Nicht zu Moira zurück... zu ihrem Besten..." "Warum schläfst du nicht bei mir?" fragte Xervath. Unsicher blickte sie ihn an. "Wie kannst du mich noch in deiner Nähe wollen, nun, im Angesicht dieser Wahrheit?" fragte sie leise. "Jetzt wo du ehrlich zu mir warst, erst recht." erwiderte er und zog sie in Richtung des Hauses.
Wie gut, dass sie aus Gewohnheit stets alles was sie brauchte bei sich hatte. Sie entkleidete sich und schaute nochmal nach der Wunde. Es hatte aufgehört, zu bluten. Kein Blut sickerte mehr durch den Verband. Trotzdem erneuerte sie jenen gewissenhaft und zog sich dann ihr Nachthemd über. Müde sank sie aufs Bett nieder. Xervath, der es ihr gleichtat, fiel sogleich in einen tiefen Schlummer. Lange noch blickte sie ihn an, während ihre Gedanken schweiften. Dann setzte sie sich auf und begann, einen Brief an Moira und Ragenzo aufzusetzen, einen Brief, der, wie sie hoffte, ihre Entscheidung erklären würde. Leise seufzte sie , doch dann setzte sie die Feder auf, begann zu schreiben...
Geliebte Schwester, lieber baldiger Schwager...
Mir fällt es so schwer, diese Zeilen zu schreiben, doch muss es sein. Lasst mich eines vorwegnehmen. Als ich heute das Haus verließ, hatte ich die feste Absicht, noch vor Einbruch der Dunkelheit zurück zu kehren. Jemand hat mir jedoch eines klar gemacht. Mein stilles Ausharren würde mehr Gefahr über euer beider Leben bringen, als meine Abwesenheit. Ihr habt euch ein so wunderbares Leben aufgebaut, wollt heiraten, und erwartet sogar ein Kind. Liebe bedeutet nicht, stillschweigend zu akzeptieren, Liebe bedeutet, für das Wohl des anderen zu arbeiten. Eben deswegen kann ich nicht still schweigend akzeptieren, was du, Moira von mir verlangst. Ich tue dies nicht für mich, auch wenn du mir dies nicht glauben magst. Ich tue es, um für euer beider Leben das Beste zu ermöglichen.
Moira, nun ist es für dich an der Zeit, dich auf dein Leben zu konzentrieren, und das meine ruhen zu lassen. Du bist meine Schwester, ich liebe dich mehr als alles andere auf der Welt. Deine Vorwürfe jedoch hallen schwer in meiner Seele wieder. All dies, was du mir zur Last legst, all diese Fragen habe ich mir selbst schon lange gestellt. Wenn du wirklich dieser Meinung bist, wie kannst du mich dann noch lieben? Jedoch... sei es drum. Dies ist nicht weiter von Belang. Ich weiss, du kannst meinen Antrieb nicht verstehen, doch bitte ich dich, es zu akzeptieren. Ich werde nicht zurück kehren zu jenen, die mir nach dem Leben trachten, doch kann ich auch nicht zu dir zurück kehren. Zu vieles steht nun unausgesprochen zwischen uns. Ich weiss, dass du mir dieses Versprechen aus den besten Bewegsgründen abverlangtest, doch... es zerstört mich. Eher würde ich mein Leben geben, als meine Freiheit und die Möglichkeit, dich zu schützen. Und doch kann ich eines für dich tun. Ich weiss, dass jene, die meinen Tod wünschen, kommen werden. Nicht nur ich, auch du wirst in Gefahr schweben. Ich kann nicht einfach meine Waffen niederlegen. Mein oberstes Gebot soll es nun sein, dein Leben zu schützen. Ich möchte dir ein ruhiges, schönes Leben ermöglichen. Ich werde Wacht halten, und stets im Hintergrund bleiben. Ich hoffe, dass du mein Tun eines Tages akzeptieren kannst.
Ragenzo, nach all diesen leeren Versprechungen hältst du wohl kaum viel von mir. Das verlange ich auch garnicht. Auch nicht, dass du versuchst, es zu verstehen. Ich werde lediglich eine Bitte an dich richten. Pass auf Moira auf! Behüte sie vor jeglichem Unheil und bereite ihr ein schönes Leben. Sie braucht dich! Lass nicht zu, dass sie aufgrund dieses Briefes etwas unüberlegtes tut. Ich habe euch beiden schon zu viel Unheil bereitet. Nun jedoch wird dies ein Ende haben, dessen bin ich fest entschlossen.
In der Hoffnung, dass ihr beiden ein erfülltes Leben haben werdet verbleibe ich nun so...
In Liebe,
Sorgsam versiegelte sie den Brief, um ihn gleich am folgenden Morgen nach Lameriast zu Moira und Ragenzo überbringen zu lassen. Dann ließ sie sich wieder ins Bett zurück sinken, ihr Blick streifte dabei kurz Xervath, der nach wie vor in tiefem Schlummer lag. Er hatte ihr geholfen, einen Anflug von Ordnung in das Gefühlschaos, das orkanartig in ihr tobte, zu bringen. Die erste Entscheidung war getroffen. Eine Entscheidung, die ihr Leben verändern würde. "Danke..." flüsterte sie, dann kuschelte sie sich unter die Bettdecke, den dunklen Schlaf willkommen heissend, der Vergessen schenkte.