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Der eine Weg und seine vielen Kreuzungen

Verfasst: Dienstag 18. September 2007, 15:05
von Lianiel
Teil 1: Die Wahrheit ist schmerzhaft

Mühsam schleppte sich Lianiel nach Ered Luin, die rechte Schulter notdürftig in blutige Lappen gehüllt. Schnell und unerwartet kam der Angriff des Letharen, welcher ihr fast den rechten Arm abgetrennt hätte. Knapp unterhalb der Schulter klaffte eine Schnittwunde, sie reichte bis an die Knochen, welcher die Wucht der Waffe auffing und dabei selber zu Bruch ging.

Nur mit Müh und Not gelang es ihr im Dickicht zu fliehen, während die Verwundung weiter an ihren Kräften zerrte. So erreichte sie nach einem endlos scheinenden Marsch endlich die Tore Ered Luins. Besorgt empfingen die bekannten Gesichter der hochelfischen Wachen die geschwächte Waldelfe, ließen für eine Weile ihre Pflicht ruhen und stützten sie auf dem Weg zu Elnesta.

Fürsorglich, wenn auch nicht sehr sanft richtete diese den Knochenbruch und schmierte die Schnittverletzungen mit mannigfaltigen Salben und Pasten ein, ehe sie den Arm mit mehreren Lagen Verband versteifte und am Körper fixierte.

Man möge sich denken können, wie wenig Begeisterung die Waldelfe der Tatsache abringen konnte, nun eine Weile keinen Bogen mehr spannen zu können. Wohl eher um sie ruhig zu stellen und sich so ihre Klagen nicht weiter anhören zu müssen, verabreichte Elnesta ihr ein süßliches Gebräu, welches sie kurz darauf in einen tiefen Schlaf fallen lies.

Unruhig war dieser, immer wieder erschienen ihr im Traum die geschlitzten Augen und der boshafte Blick des Letharen der wutentbrannt seine Klinge auf sie hinabfahren ließ, was sie immer wieder schweißgebadet hochschrecken ließ.

Erst am späten Morgen des nächsten Tages fühlte sie sich kräftig genug wieder aufzustehen und nachdem sie sich vergewissert hatte, dass die Hochelfe nicht in ihrem Haus weilte, schlich sie sich zur Tür raus und tapste nach Hause in die Sala der Waldelfen.

So schlich sie in ihre Hütte in der Krone eines prächtigen Baumes und hockte sich auf den Berg an Kissen, welcher ihren gesamten Balkon bedeckte und ihn so gemütlich machte. Leise drang das beruhigende Lied der Sala in ihr Herz und in ihren Geist, diese Ruhe, der Frieden, wie man ihn sonst nirgendwo auf der Welt verspüren konnte, ließen die Anspannung von Geist und Körper langsam abfallen und ihre Gedanken trieben langsam dahin im schier endlos langen Fluss der Erinnerungen, welche sie über all die ganzen Jahre angesammelt hatte.

Sie erinnerte sich dran wie es war, als sie zum ersten mal das Lied vernahm, oder, war das Lied schon immer für sie zu hören, und sie hatte es bloß nicht wahrgenommen, ja das waren die Fragen die sie als Kind beschäftigten.

Sie fühlte erneu wie es war, als sie das erste Mal einen Bogen in die Hand nahm, das glatte, weiche Holz, die Sehne, geflochten aus dem silbrig-glänzendem Schweif eines Wildpferdes, schon damals konnte sie das Lied klar hören, vielleicht hätte sie auch erfolgreich den Weg eines Magiers beschreiten können, doch kam dies für sie nie in Frage, seit jenem Zeitpunkt, da sie diesen Bogen hielt, beim spannen der Sehne sein Lied für sie sang.

Ihr wurde klar, wie eigensinnig sie schon als Kind war und das sich das wohl in all den Jahren nicht stark verändert hat, auch wenn die Jahre ihre Zeichen an ihr hinterlassen haben. Äußerlich sah man ihr die Jahre nicht an, denn alle Schrammen und Blessuren, welche sie davontrug sind bisher immer gut verheilt und auch das Rad der Zeit ging an ihrem Körper kaum sichtbar vorbei. Doch in ihren Augen konnte man ab und an erkennen, was diese schon alles gesehen haben, wenn sie im Schein des Sonnenlichts ihr tiefbraunes Funkeln erscheinen lassen. Denn die Augen sind der Spiegel der Seele, so sagt man. Aber so müssten ihre Augen nicht funkeln, sondern trübe und undurchdringlich sein, so wie ihr Geist, welcher im Laufe der Jahre und Jahrzehnte immer verschlossener wurde.

Auch wenn sie ihre kindliche Neugier, nie vollständig ablegen konnte, so wurde aus ihr doch jemand, der lieber zuhört, als selber sein Innerstes offen legt, denn dieses ist für sie selber oft genug undurchschaubar.

Und ihr wurde klar, wie sie wohl auf einen Menschen wirken würde, so jung und doch so alt, und selbst in ihrer Nähe, mit dem sanften Lächeln auf den Lippen, doch Unnahbar. Sie wusste nun, warum die Menschen ihre Nähe mieden. Oder war doch sie es, die die Nähe der Menschen mied?

Sie wusste, dass sie nicht vor ihnen floh oder sich unnötig versteckte, sich sogar ab und an ihrer Neugier stellte, wenn sie zufällig einen traf, jedoch beschlich sie dieses Gefühl des Unbehagens in ihrer Nähe, sie konnte ihre Unberechenbarkeit förmlich riechen und spürte die Missklänge ihrer Taten im Lied.

Ihr wurde klar, wie stur und blind sie bisher dem Weg, den sie erwählt hatte, gefolgt ist. Und eine einzelne Frage ergriff Besitz von ihrem Verstand: „War dies wirklich der Weg, der für mich vorherbestimmt ist?“

Ihr Blick fiel auf die verwundete Schulter und mit Schreck wurde ihr gewahr, wohin sie dieser Weg geführt hatte. Sicher wurde sie schon früher von dem einen oder anderen kranken Tier angefallen, doch waren dies kaum mehr als Schrammen und Kratzer, etwas war anders dieses Mal, dieser Blick, wieder erschienen ihr die hasserfüllten Augen des Letharen vor ihrem geistigen Auge und ein Schaudern lief ihren gesamten Körper hinab.

Mühsam verdrängte sie diesen Gedanken und bettete sich in die Kissen, ermüdet von der Heimkehr und den Schmerzen ihrer Verletzung. Kaum hatte sie die Augen geschlossen, verfiel sie einem tiefen, diesmal zu ihrer Erleichterung, traumlosen Schlaf.

Verfasst: Dienstag 18. September 2007, 15:08
von Lianiel
Teil 2: Bitter ist die Frucht der Erkenntnis

Als Lianiel die Augen aufschlug, war es um sie herum tiefste Nacht. Die Sterne prangten stolz am Himmel, der Mond streichelte sanft mit seinem Schein ihre Haut, während aus der Ferne sanft das wohlbekannte Lied die Leere in ihrer Seele füllte.

Mühsam rappelte sie sich auf um sich eine Schale mit Früchten und Nüssen zu holen. Seufzend musste sie feststellen, dass die Waldbeeren wohl nicht mehr genießbar waren und entschloss sich diese einfach trocknen zu lassen um die Samen dann später im Wald zu verstreuen. So bestand ihre kärgliche Mahlzeit nur aus einer Handvoll Nüsse, da sie einfach nicht die Kraft hatte neue Früchte sammeln zu gehen.

So saß sie wieder auf ihrem Balkon auf einem Haufen daunengefüllter Kissen, den rechten Arm mittels Verbände am Körper fixiert, mit der Linken mühselig die Nüsse aus ihren Schalen pellend und nachdenklich auf diesen rumkauend.

Sie erinnerte sich an den gestrigen Tag, oder war es vorgestern? Der viele Schlaf hatte ihr Zeitgefühl beeinträchtigt, was jedoch für den Augenblick ihre kleinste Sorge war, meldete sich doch ihre verletzte Schulter bei jeder unnötigen, leider auch bei jeder notwendigen, Bewegung ihres zierlichen Körpers.

So saß sie nur eine Weile da, versucht sich so wenig wie möglich zu rühren und lauschte den sanften Klängen des Seins, wohl wissend dass eines Tages auch ihre Melodie wieder zurückkehren würde in das ewige Lied der Schöpferin, doch frage sie sich, ob sie die Zeit, auch wenn ihr scheinbar endlos viel davon blieb, auch sinnvoll nutzte.

Bisher lebte sie im Glauben, was sie tat sei richtig, ihr Weg wäre der Richtige, ihr handeln gerecht. Sie dachte an Shaera, die stets tat, was ihr Herz ihr befahl und es auch stets als das richtige empfand. Doch Lianiel hatte schon lange nicht mehr auf ihr Herz gehört, ihre Gefühle ihrem Willen unterworfen, ihrer Sturheit und ihrem Stolz.

Ein bitterer Geschmack belegte ihre Zunge als sie ihren Blick nach innen kehrte und auf das Flehen ihres Herzens lauschte, dem Flehen nach Frieden und Geborgenheit, Ruhe und Zuneigung, Dinge die es außerhalb der Sala für das Herz eines Waldelfen wohl nirgendwo sonst auf der Erde gab.

Ja, sie war viel herumgekommen, hatte fast alle Winkel Gerimors gesehen, doch kein Flecken Erde und kein Lebewesen, das ihr begegnet ist, hatte ihr das geben können, wonach sie sich sehnte. Oder vielleicht doch, nur konnte sie es nicht wahrhaben?

Nein, sie war sich sicher dass dies nicht so ist, doch wie könne sie Frieden finden, wenn sie immer wieder den Bogen ergreifen müsse um ihr Heim und ihre Brüder und Schwestern zu schützen. Mannigfaltig waren die Gefahren außerhalb des Nebelwaldes und eine davon hatte sie erst vor kurzer Zeit heimgesucht. Wieder erschien ihr in Gedanken das von Boshaftigkeit zerfressene Antlitz des Letharen. Erneut vertreib sie diesen Gedanken aus ihrem Kopf und trieb davon auf den Wellen der Sehnsucht, welche sie in die sanfte Dämmerung der Träume trugen.

Verfasst: Dienstag 18. September 2007, 15:50
von Lianiel
Teil 3: Träume sind Schäume, oder eben gerade nicht

Ein Abgrund klaffte über ihr zusammen als sie ins Reich der Träume fiel. Langsam und spärlich füllte sich die Schwärze um sie herum. Mal eine Erinnerung schwamm trübe an ihr vorbei, fröhliche wie traurige, die schönen Stunden die sie mal mit jemandem verbrachte, die Stunden des Abschieds, wenn seine Melodie verstummte und ins Lied zurückkehrte. Schon so manchen hatte sie auf diese Art und Weise verloren, wenn auch die meisten immer noch erklingen und sie in der Ferne spüren kann dass sie wohlauf sind, so sind sie doch fern, verschwunden im Laufe der Jahre, fortgezogen in die Weiten der Welt.

All die Dinge vor denen sie all die Jahre ihren Geist verschlossen hatte, sprangen nun aus dem Dunkel hervor und zeigten sich ihr auf diese geisterhafte Weise. Streckte sie die Hand aus um die Erinnerung zu berühren, zu fühlen dass dies wirklich so war, so verpuffte diese und ihr wurde umso klarer, dass dies vergangen ist und diese Momente niemals zurückkehren werden.

Wollte sie noch mehr Verluste erleiden? Was war denn Verlust? Etwas zu verlieren das einem wichtig ist? Was ist wichtiger als das eigene Leben? Das Leben aller anderen? Die Schöpfung selbst?

Sie schreckte hoch, von hoch oben strahlte ihr die Sonne ins Antlitz und blendete sie für einen Moment. Als sie sich wegdrehte wurde sie dem Treiben gewahr das draußen herrschte. Emsige Füße tapsten auf den Holzbohlen, welche ihr Dorf, hoch oben in den Wipfeln der Bäume, bildeten und gingen ihrem Tagewerk nach, Lehrstunden wurden abgehalten, Geschichten erzählt, Lieder gesungen, Übungen an Pfeil und Bogen praktiziert. Ein mattes Lächeln huschte über ihre Lippen, während sie an ihre ersten Übungsstunden dachte, schnell hatte sie ihre innere Mitte gefunden, war eins geworden mit dem Bogen, zwang dem Pfeil ihren Willen auf, das Ziel zu treffen.

Wohl war das das große Geheimnis der waldelfischen Bogenschützen, dass sie nicht mit dem Auge zielten sondern mit dem Geist. Dieser Vorgang war wesentlich schneller und nicht so aufwendig wie das Zielen mit dem Auge, wo man erst Pfeil, Hand und Auge in eine Linie bringen musste um den Pfeil auf die richtige Bahn zu lenken.

Nein, sie verließ sich vollkommen auf ihre Intuition, sie wusste wann der Pfeil sein Ziel finden würde, sie wusste es einfach.

Doch warum verließ sie sich nur in jenen knappen Momenten, wenn es galt den Pfeil auf den rechten Weg zu schicken, auf ihr Herz. Warum verschloss sie den Rest ihres Lebens ihre Augen vor dem, was ihr Herz ihr zeigen wollte?

Ein Klopfen an der hölzernen Tür ließ sie aus ihren Gedanken hochfahren. Wer konnte das wohl sein? Zum Geschichten erzählen wurde sie schon lange nicht mehr aufgefordert, zu schweigsam war sie im Laufe der Jahre geworden. Shaera hielt ihr immer vor, dass man ihr jedes Wort aus der Nase ziehen müsse, was Lianiel bisher immer ein Schmunzeln aufs Gesicht zauberte, doch diesmal wusste sie, dass es die bittere Wahrheit ist. Lehrstunden der Bogenkünste hielt sich noch manchmal ab, aber dies könnte Shaera oder ein anderer Schütze genauso gut, sie waren nicht auf sie angewiesen, viel zeigen könnte sie den Jungen in diesem Zustand ohnehin nicht, nicht mal einen Bogen spannen könnte sie.

Überhaupt waren ihre Fähigkeiten nichts besonderes, fast jeder Waldelf lernt im Laufe seines Lebens mit einem Bogen umzugehen, auch wenn es nur wenige gibt, die ihr gesamtes Leben auf diese Waffe ausrichten.

Waffe? Ja, eine Waffe, ein Werkzeug zum Töten, aber auch zum Jagen, zum Überleben.

Nein, sie wollte niemandem beibringen, wie man jemanden tötet. Doch wollte sie jemandem beibringen, wie man Fleisch, welches den Hunger stillt, und Felle, welche einen in der Kälte wärmen, beschafft. Zwiespältig schaute sie zur Tür als es ein weiteres mal klopfte.

Nein, im Moment wollte sie nur alleine sein. Alleine, jene Einsamkeit die sie so oft zu vertreiben versuchte, genau diese sehnte sie nun herbei. Langsam, entmutigt, entfernten sich die Schritte von ihrer Tür, ein leises Seufzen entwisch ihrer Kehle ehe sie sich wieder zum Meer hinwandte und sich die Sonne ins Gesicht schienen ließ.

Verfasst: Samstag 22. September 2007, 14:23
von Lianiel
Teil 4: Scherbensammlung

Sanft döste Lianiel vor sich hin, die Sonne sandte ihre letzten Strahlen über den Horizont in ihr Gesicht, die weichen Kissen im Rücken und unter der verletzten Schulter gebettet. Schlaf drohte erneut sie zu überwältigen, als ihr ihre letzen, an Elnesta gerichteten, Worte, ehe sie, damals in ihrem Haus, in diesen unheilvollen Schlaf gefallen war, durch den Kopf gingen. „Ich will nicht allein sein.“ hatte sie ihr gesagt, doch alleine war sie, alleine in dem Käfig ihres Geistes, den sie sich selber geschaffen hatte. Dessen war sie sich nun bewusst während ihr die Augen zufielen und erneut Dunkelheit sich um sie ausbreitete.

Doch etwas war anders, die Dunkelheit war anders, greifbarer, wie schwarzer Nebel, welcher sich über die Sinne legt, doch wohin ihre Finger auch reichten war nur Dunkel und Stille.

Unheimliche Stille, bis auf dieses Flehen, welches sie in unendlich viele Stücke zerriss um dann wieder zu verstummen und die Bruchstücke des Nichts wieder miteinander verschmelzen zu lassen. Flehen nach Aufmerksamkeit, nach Gehör. Ihr wurde klar dass es ihr Herz war das zu ihr sprach.

Das Schwarz wurde zu Grau und schliesslich zu Weiß und nun kam es ihr wirklich vor wie der Nebel, welcher sich nachts in einem Moor bildet und selbst noch morgens die Sicht behindert. Vorsichtig und unruhig setzte sie einen Fuß vor den anderen und durchschritt die Trübheit ihrer Seele, nicht wissend wo vorne und hinten, wo oben oder unten sei, überall wohin man nur blickte dieser dichte Nebel, welcher sich im Laufe der Jahre über ihr Inneres gelegt hatte.

Furcht ergriff besitz von ihr als sie einen Schemen bemerkte, welcher sich in der Ferne abzeichnete, doch ihre Neugier zwang sie näher ran zu gehen. So erkannte sie ein Kind welches dort im Nebel kniet, ein blutiges Bündel im Arm haltend. Tränen rannen die sanftgrünen Wangen hinab, sie weinte gar bitterlich.

So trat sie an das Kind heran und erkannte dass dieses Bündel einst ein Reh war, die Augen weit geöffnet, in die Ferne hinter dem Leben blickend. Erkannte den Bolzen menschlicher Machart, welcher aus seiner Lende ragte. Zögernd wanderte die Hand auf die Schultern des Kindes, welches daraufhin den Blick zu ihr hob und sie mit verweinten, funkelnden, haselnussbraunen Augen anschaute.

Ruckartig zuckte ihre Hand zurück und legte sich über ihren Mund während sie zutiefst erschrocken zurücktaumelte als sie in den Augen des Kindes ihre eigenen wieder erkannte. Während im Laufe der Jahre ihre Haut von einem hellen, sanften Grün in dieses tiefe, dunkele Moosgrün wechselte, welche heute das ihrige ist, sind die Augen, selbst im Laufe all der Jahrzehnte, immer noch die gleichen geblieben.

So taumelte sie einige Schritte zurück und rang damit nicht das Gleichgewicht zu verlieren als der Nebel sie erneut verschlang und ihre Sicht verschleierte. Mit dem Blick des Kindes kehrte diese Erinnerung zurück, jene Erinnerung, die sie viele Jahre so verdrängt hatte und mit ihr der Grund, warum sie damals den Bogen ergriffen hatte. Sie hatte verdrängt, dass es der Schmerz war, der sie auf diesen Weg gebracht hatte. Der Schmerz, festgestellt zu haben wozu die Menschen fähig sind, der Schmerz unfähig zusehen zu müssen, während die Menschen ihr grausames Werk verrichteten.
All die Jahre war sie diesem Weg gefolgt, aus dem Bestreben heraus, das Geschehene nicht wieder passieren zu lassen, ihr Zuhause zu beschützen, die Schöpfung zu beschützen. Aber ihr Handeln war gerecht, so dachte sie jedenfalls.

Plötzlich stieß sie mit dem Fuß an einen Gegenstand, verlor nun zur Gänze das Gleichgewicht und stürzte hinterrücks dorthin, wo man den Boden vermutet hätte und wo sie hart aufschlug.

Zum ersten Mal fiel ihr nun auf dass ihre Schulter nicht mehr schmerzte, dafür taten ihr nun sämtliche anderen Knochen im Körper weh. Sie schlug die Augen auf und blickte in hohes Gras welche ihre Sicht behinderte.

Ein Stöhnen drang an ihr Ohr, doch nicht so wie vorher, klarer, schmerzerfüllter, menschlicher. Sie hob den Kopf und erkannte die Ursache ihres Sturzes, denn knapp vor ihr lag ein Mensch im Gras, das Gesicht schmerzverzerrt, der Körper gekrümmt, die Hände um den linken Oberschenkel geschlungen, aus welchem ein elfischer Pfeil ragte.

Lianiel erkannte die himmelblauen und smaragdgrünen Federn wieder, jene Federn, die sie schon immer für ihre eigenen Pfeile benutzt hatte. Tränen stiegen ihr in die Augen, sie sprang auf die Füße und rannte los, hinein in den Nebel und ins Ungewisse.

Sie rannte soweit sie ihre Füße trugen, ehe ihre Beine nachgaben und sie weinend zusammenbrach. Tränen flossen ihre ansonsten makellosen Wangen hinab und verflossen im Nichts, zurück blieben nur die feuchten Rinnsale auf dem Gesicht.

Trauer schlug über ihr zusammen, als ihr klar wurde dass sie, anstatt Leid zu verhindern, nur neues Leid schuf. Leid wie das des Wilderers, den sie vor vielen Jahren durch den Wald und über das offene Feld hetzte, so wie das Wild, welches er selber zu Tode gehetzt hatte, nur um ihm dann den Oberschenkel zu durchlöchern und so sicher zu gehen, dass dieser Mensch nie wieder seine Stiefel in den Nebelwald setzen würde.

Plätschern drang an ihr Ohr und als sie den Kopf hob, kniete sie unter dem Dach des Badehauses in Ered Luin und sie erkannte die Stimmen der Elfen die dort im Wasser planschten. Und sie erkannte sich selber, wie sie mit Shaera Späße trieb und sich unterhielt.

Sie erinnerte sich an jenen Abend, an dem sie dieser einen Elfe einen Einblick in ihr Inneres gewährte und dessen was sie an diesem Abend empfunden hatte. Nein, von Liebe kann man nun wahrlich nicht sprechen, so empfand sie es als sicher, aber eine tiefe Freundschaft verband die Beiden, auch wenn Lianiel sich dessen nicht wirklich bewusst war, wie so viele andere Gefühle, welche sie oftmals einfach bei Seite schob und mit Nichtbeachtung strafte.

Bis zu jenem Augenblick, indem sie in ihr eigenes Angesicht blickte, ein herzhaftes Lächeln auf den Lippen, welches von tiefstem Herzen kam.

Verfasst: Samstag 22. September 2007, 14:24
von Lianiel
Teil 5: Hunger treibt die Wölfe aus dem Wald

Langsam schlug Lianiel die Augen auf und blinzelte verschlafen ins Licht der Morgensonne. Ihre Schulter schmerzte erneut, als sie sich aufrappelte, so konnte sie wohl sicher sein nicht mehr zu träumen. Hunger trieb sie aus den Kissen und ins Freie.

Langsam schob sie ihren schmächtigen Körper vor die Tür und bemerkte, dass außer ein paar Spähern noch alles ruhig zu sein schien. So nahm sie mit einem Seufzer ihren Mut zusammen und machte sich an den Abstieg von der Sala hinunter in den Wald.

Sie vermied es so gut es ging auf sich aufmerksam zu machen und huschte zwischen den Bäumen umher hinein ins Dickicht. Auch wenn sich der steif bandagierte Arm in dieser Lage nicht als besonders nützlich erwies, gab sie sich doch alle Mühe ihn nicht weiter hinderlich wirken zu lassen.

So kehrte sie nach einer Weile zurück, den Lederrock notdürftig zum Behältnis umfunktioniert, ein paar Handvoll Beeren drin gesammelt. Zum Glück hatte sie unweit der Sala ein paar Maulbeer- und Brombeersträucher gefunden, welche sie mit flinken Fingern abgeerntet hatte.

Müde schlenderte sie nun zurück zur Sala, den Blick schweifen lassend, hier und da die anderen Waldelfen bei ihrem Tagewerk beobachten, aber gleichzeitig drauf bedacht, nicht aufzufallen, denn sie war sich sicher, würde jemand ihre Schulter bemerken, würde sie heute mit Bestimmtheit keine Ruhe mehr finden.

Ein erleichtertes Seufzen entfuhr ihr, als sie schlussendlich die hölzerne Tür ihres Baumhauses hinter sich schloss. Sie füllte die Beeren in eine Holzschale, stellte sie auf dem Balkon neben dem Kissenhaufen ab und bettete sich erneut in diesen.

Langsam schon sie eine Beere nach der anderen über die schmalen Lippen und kaute nachdenklich auf ihnen rum.

Verfasst: Dienstag 25. September 2007, 10:17
von Lianiel
Teil 6: Hinter dem Nebel liegt der Sonnenschein

Starr lag der Blick der Waldelfe auf der Weite des Meeres, welches sich in der Nähe ihres Baumhauses ausbreitete, stumme Tränen rannen ihre Wangen hinab. Fragen überfielen sie, fragen auf die sie nur langsam spärliche Antworten fand.

Stück für Stück durchbrach sie die Gitterstäbe ihres Inneren und blickte zurück auf das Geschehene um nach vorne blicken zu können, auf das was noch kommen sollte. Doch warum brach dies gerade nun auf sie herein, warum jetzt, nach all den Jahren.

Sie entsann sich an ihre Jungend und eine der Lehren, welche man ihr damals beibrachte. „Ein starker Geist braucht einen starken Körper“, so hieß es damals. Ihr Blick wanderte auf die noch immer schmerzende Schulter und wenigstens diese Frage konnte sie sich zufrieden stellend beantworten.

Wenn doch nur Elnesta ihr noch was gegen diese ziehenden, stechenden Schmerzen geben könnte, sie seufzt leise, erneut suchte sich eine Träne den Weg ihre Wangen hinab um schliesslich in einem der Kissen zu versinken.

Schmerzhaft waren die Erkenntnisse der letzten Tage, all der Schmerz, den sie die ganzen Jahre mit sich herumtrug, brach innerhalb so kurzer Zeit über sie herein. Anstatt Leid zu verhindern, hatte sie unbewusst, oder zu stolz es sich einzugestehen, nur neues Leid verursacht. Und dies nur um das Leid, was sie selbst erlebt hatte zu verdrängen, so schien es ihr jedenfalls.

Nein, sie wollte niemanden mehr verletzen, es wurde Zeit für sie den Bogen niederzulegen. Doch wie könne man sonst das Unheil abwenden? Überfragt blickte sie zum Himmel empor. Gab es überhaupt eine Möglichkeit den Lauf der Dinge zu ändern? Oder folgte am Ende doch nur alles seiner Vorherbestimmung, so wie der Lauf der Sonne und der Sterne? Hatte sie sich denn nicht gegen ihre Bestimmung gewendet als sie den Lauf ihres Lebens alleine ihrem Willen unterworfen hatte?

Ihr Herz sehnte sich so sehr nach Frieden, doch, so stand es für sie fest, konnte sie niemals Frieden finden, müsste sie weiterhin die Waffen ergreifen. Ihr Herz sehnte sich nach Zuneigung, doch wie konnte es Zuneigung erfahren, wenn alles was ihr blieb die Einsamkeit ihrer Streifzüge durch die Wälder Gerimors war?

So stand es für sie fest, wenn es ihr schon nicht möglich sein soll, das Unheil zu verhindern, so würde sie doch alles daran setzen, den verursachten Schaden zu beheben. Für sie wurde es Zeit den Bogen niederzulegen, ihren Frieden zu finden.

Ihr Blick legte sich auf den steifen, bandagierten Arm, der Schmerz zupfte von der Schulter bis hinab zu ihren Rippen und dem Ellenbogen. Mit der Linken wischte sie sich die Tränen von der Wange und verzog kurz das Gesicht.

Wenn es wirklich das war, was ihr Herz verlangte, wonach es sich all die Jahre sehnte, sie nickte kurz, ja dann würde sie ihren bisherigen Weg aufgeben, jener Weg der sie schon an so viele Kreuzungen brachte und sie jedes Mal Blind daran vorbeilief, immer vorwärts strebend, immer die Gelegenheit verpassend sich ihrer selbst bewusst zu werden und einen anderen Weg einzuschlagen. Doch dieses mal sah sie die Abzweigung klar vor sich, sie wusste, dieses Mal würde sie auf ihr Herz hören, ihre Sehnsüchte beachten und nicht mehr weitergehen.

Sie fühlte, tief in ihrem Inneren, als würde ihr Herz, bei diesen Gedanken vor Freude hüpfen, ein Gefühl der Erleichterung breitete sich in ihr aus, zauberte ein Lächeln auf ihre Lippen, ein Lächeln, das trotz der Schmerzen aus tiefstem Herzen kam.

Sie erhob sich aus den Kissen, ihre Augen blieben an jenem waldelfischen Langbogen hängen, der ihr nun schon viele Jahre treue Dienste leistete. Sanft glitten ihre warmen Finger über das glatte Holz, wehmütig. Dann ergriff sie bestimmt das Griffstück und hängte den Bogen hoch unter der Decke ihrer Hütte an die Wand, den Köcher darunter legend, sanft leuchteten die smaragdgrünen und himmelblauen Federn im Sonnenschein, doch ihr Bann war gebrochen, und Staub würde sich auf ihnen ansetzen, ihr Leuchten verlöschen im Lauf der Jahre. Stattdessen würde sie nun einen anderen Weg einschlagen, jener Weg den ihr Herz für sie ausgesucht hatte, einen heilenden Weg, heilend für jene die dem Übel nicht entkommen konnten, heilend für ihre Seele und ihr geschundenes Herz.

So öffnete sie die Tür und schritt ins Freie, befreit, wissend wohin ihr Weg sie nun lenken würde und schritt bestimmten Schrittes Richtung Ered Luin, damit man sie endlich von diesem Streckverband befreie, welcher um ihren Arm und um ihre Seele liegt.