Wasser und Leben
Verfasst: Montag 10. September 2007, 13:38
- Wasser, hat die eigenartige Eigenschaft eine gewisse Art von Menschen in seinen Bann zu ziehen. Menschen, die ihm verbunden sind.
Dazu gehörte Aydeen. Sie lauschte oft dem Gesang, hörte zu und verstand die Sprache auf eine sonderbare Art. Manchmal war sie zornig und laut und wild, wie an den Küsten Lameriasts, manchmal so wie hier an dem Brunnen von Varuna, sanft, schmeichelnd, manchmal aber auch wehmütig und klagend, wie eine verlorene Seele. Lockend war sie jedoch immer. Viel zu verlockend oftmals. So auch in jenem Augenblick als die großen Augen, die klar und blau wie ein Ozean im Sonnenschein, sich im Brunnen wiederspiegelten.
Was, wenn ich dem Locken einfach nachgebe? Schweben und fallen, einfach loslassen und vergessen?
Gleichzeitig mit jenem Gedanken, vernahm sie die Stimme. Eine Stimme, die sie zurückholte. Zurück in das Leben ihrer neuen Heimat. Zurück zu dem Schmerz und dem Kummer. Erschrocken wandte sie sich der Stimme zu, ein wenig benommen nur. Aber die Stimme verlangte nicht viel, einige wenige höfliche Floskeln, dann war ihr Besitzer verschwunden. Viel zu viele Menschen geben sich mit Floskeln zufrieden. Fast könnte man meinen sie fürchten sich vor der Tiefe der Menschlichkeit. Aber genau das war es was Aydeen suchte. Ehrlichkeit und Offenheit, die fand sie bisher nur bei Menschen, die verzweifelt waren und Hilfe suchten. Die anderen versteckten ihre Seele hinter schönen Kleidern, Schmuck oder zynischen Worten.
So wie bei dem Mann in Varuna. Seinen Namen hatte sie bereits vergessen. Es war auch nicht so wichtig eigentlich. Viel zu viel wert wird auf Namen gelegt und viel zu wenig auf Dinge, die Menschen wirklich brauchen. Zuwendung, Mitgefühl , Liebe und Hilfe, ohne vieler Worte. Einfach da sein. Und das war sie, wie so meistens im richtigen Augenblick. Sie war nach dem Vorfall am Brunnen in die Taverne gegangen um ihre Gedanken niederzuschreiben. Ihr war bewusst, dass es nicht viel helfen würde, Schuld und Kummer werden so nicht vertrieben, aber es lenkte ab, und das war gut so.
Während sie schrieb, hörte sie Schritte und das Zuschlagen der Tavernentür. Weshalb sie dann aufhörte zu schreiben, war das Gefühl in ihr, das sie darauf hinwies, dass etwas nicht stimmte.
Als sie in dann in die Augen, des Mannes blickte, sah sie den Kummer . Die Seelenspiegel können nicht lügen. Und wie so oft, wenn das Leid anderer sie berührte, vergaß sie völlig das ihre und widmete sich dem Menschen, der Hilfe suchte. Es war schön wenigsten diesem Menschen ein wenig das Leben leichter zu machen. Wenn das auch bei ihr nur so einfach wäre. Alles war verworren. Wie ein Nebel legte sich die Schuld der Vergangenheit und der Gegenwart auf ihr Gemüt.
Morgen. Sie hatte bei ihm versagt. Liebe war ihm einfach zu wenig, oder besser gesagt, man hatte ihm so viel in der Vergangenheit angetan, seine Seele so sehr verletzt, dass er ihre Liebe nicht so annehmen konnte, wie sie gemeint war. Aydeen war es nie in den Sinn gekommen, jemanden zu verändern. Jeder sollte so leben dürfen, wie er es wollte. Aber Morgen begriff es nicht. Ihre Worte waren für ihn wohl nicht überzeugend. Es war immer nur ihr Wunsch gewesen, dass er darüber nachdachte. Sich bewusst machte, was sein Handeln bewirkte, welche Konsequenzen es mit sich brachte. Aber sie hatte versagt. Als ihr klar wurde, dass er den Weg tief in seinem Inneren beschlossen hatte, diesen seinen Weg einzuschlagen und offensichtlich auch glücklich darüber war, ließ sie los. Aus Liebe verzichten, damit er das sein konnte, was er sich wünschte und wollte. Wie viel musste sie bereits in ihrem Leben loslassen. Die toten Freunde in ihrer Heimat, das Elternhaus und alles Vertraute. Nun auch Morgen. Es blieb ihr nur noch zu hoffen, dass er glücklich ist und zufrieden mit dem, was er gewählt hat, und die Liebe seines Lebens findet, die er braucht. Mehr konnte sie nicht mehr tun.
Wie oft kann ein Herz brechen? Einmal? Zweimal? Wie oft? Und wann hört es dann auf zu schlagen?
Fragen ohne Antwort.
Aber sie wusste einen Menschen, der in seiner Güte und Aufrichtigkeit ihr einfach zuhören würde. Alfons. Und den würde sie nun aufsuchen. Auch wenn sie sich bisher keinem hier in der neuen Heimat ihre Sorgen und den Kummer anvertraut hatte. Instinktiv wusste sie bei Alfons, dem alten Mann, der bereits selber so viel Schmerz und Trauer in seinem Leben erlebt hatte, durfte sie es. Er würde nicht viele Fragen stellen. Einfach zuhören und Tränen abwischen. Was er dann auch tat.
Ein wenig erschrocken wohl über den Schwall an Tränen, die sich über ihn ergossen. Aber er war da und hörte zu und reichte ihr ein sauberes Leinentuch nach dem anderen, damit sie ihre Tränen abwischen konnte, und das tat gut. Und als Manu dann auftauchte, gerade als sie das freie Zimmer in Alfons Taverne ansehen wollte, schien alles um vieles leichter zu werden. Ein Dach über dem Kopf und zwei Freunde. Eigentlich war das Leben schön, und mit der Zeit würden der Schmerz der Vergangenheit und die Sorgen und der Kummer um Morgen verblassen. Das wünschte sie sich in diesem Augenblick, als sie auf das saubere Bett spät nachts niedersank und der Wind und das Rauschen der Wellen von den Küsten Lameriast sie in den Schlaf wiegten.