Seite 1 von 1
Ein Aufglimmen der Greifen
Verfasst: Freitag 17. August 2007, 23:08
von Jonath Grauwind
Das sternenbehangene Firmament hatte schon eine Weile das dunkle schwarzblau der Nacht angelegt und sein Kleid mit tristen grauen Wolken verziert, welche die Mondsichel in ihrer Einsamkeit zwischen den Gestirnen sanft umwogen.
Am provisorischen Lager der Greifen, hinter den Mauern der heiligen Stadt, paarte sich das Knistern der vor Stunden entfachten Feuerstelle mit dem Rauschen der Wellen vom nicht weit entfernten Hafen. Nur vereinzelt drangen diese Nacht leise Rufe aus der Ferne. Das Groß der Gardemannschaft war damit bemüht über die Tore der Stadt und die Zelte für die Befallenen des schleichenden Todes zu wachen. Trotz der steinernen Mauern und Gebäude um ihn herum bot sich Jonaths Empfinden kein großer Wandel im Vergleich zu den Nächten die sie vor den Mauern verbracht hatten. Und dennoch, es war mehr ein Flüstern das vom Bauch heraus die Hände zum Herzen streckte, hinter diesen Mauern war nicht ihr Platz. Ihre Pferde hatten es schon vor Nächten bemerkt. Pilger und Wanderer waren stetig unruhig wenn sie an die simpel in den Boden gestoßenen Holzpfähle gebunden wurden. Gutes Zureden und einige sanfte Berührungen brauchte es jede Nacht aufs Neue um ihr Gemüt zu besänftigen.
In dieser Nacht riss jedoch nichteinmal das Schnauben der Nüstern Jonath aus seinen Gedanken. Trist...bedrückt.
Der Mann am Feuer ließ in gleichmässigen, sich stetig wiederholenden Bewegungen den Wetzstein über die Schneide seiner Klinge gleiten. Die hellblauen Augen blickten zum Schein der sich spiegelnden Flammen auf dem metallenen Körper der Waffe. Eine Waffe... so unnütz geworden wie Sand in der Kehle eines Durstenden. Vor Jahren war sie ein Teil des Handwerks, ein Teil des Lebens und ein Teil des Sterbens. Der Klang ihrer blank ziehenden Schwerter läutete einst die Melodie des Ruhms für jene Greifen ein, welche unter dem Banner der Grauwölfe geritten waren. Oh wie stolz sie waren, wie selbstherrlich und tapfer. Wo blieb der Moment in dem sie reiten würden? Wo jener Schauer der den Leib ergriff wenn Klinge und Hufe eins bildeten. Und wie oft hatten ihre Lippen von diesen Augenblicken gesprochen? Gesprochen.......der Worte gab es bereits zu viele.
Das schwarzhaarige Haupt des Mannes hob sich fort vom Anblick des geschmiedeten Eisens, wies den Augen den Weg ins Ferne Zentrum der Stadt, vorbei am Tempel des Herrn zu den in den Schatten der dunklen Mauern gezierten Palastanlage. Jonath liess den Wetzstein zu Boden fallen, strich die Strähnen des Ponys vor dem rechten Auge fort um diesem den Blick zu ermöglichen. Während er das Schwert über den Schoss legte huschten die Augen über die vereinzelten Lichter in den Fenstern der Residenz seiner Heiligkeit. Heiligkeit...dieses Wort wurde in dieser Stadt so oft benutzt das es an Bedeutung verlor. Worte an die Großen der Stadt verkamen zu Floskeln nur weil man fürchtete Strafe auf sich zu bürden. Wenn jemand durch Jonaths Augen gesehen hätte und hinter seine Gedanken hätte erkannt welch Belanglosigkeit er diesen Worten zusprach. Gewiss, die Verdienten der Stadt hatten geblutet und gelitten für ihren Wert, aber dieser galt Rahal....galt dem Herrn. Was hatten sie für die Greifen getan? Höfliche Worte... und das in einer Stadt in der in jeder Ecke Arglist stecken konnte. Seine Heiligkeit...dieses Wort war wertlos. Nicht aber der Mann der dahinter steckte.
Ein dünnes Lächeln formte sich auf den Lippen, als sich der Hals ein wenig reckte und die Brust sich brüstete, der Blick weiter still auf dem Palast.
Der Alka...ja er war heilig...in einem Sinne wie Jonath es selbst nicht verstand. Im alumenischen Reich hatten sie gelernt das allein sein Name zu fürchten sei, in Rahal hatten sie gelernt das seine Person mehr geben konnte als Worte und Gerüchte fassen konnten. Wie unsicher waren sie als sie vorsprachen und um Erlaubnis baten im Heiligen Reich zu lagern. Wie misstrauisch selbst als er es ihnen gestattete. Ein strenger kühler Mann war er beim ersten Treffen. Wie unsicher waren sie als Burg Eisenwart der Exkommunikation anheim fiel und sie vor den Alka traten um ihn um Rat zu bitten. Wie ergriffen und bewegt durch seine Worte an jenem Tag. Sätze welche die Brust der Greifen mit einem Gefühl füllten das sie lange nicht mehr gefühlt hatten. Ihre Herzen schrieen auf das Knie zu beugen, die Klinge diesem Mann zu Füssen zu legen. Ein gütiger stolzer Mann war er beim zweiten Treffen. Wie mitleidig waren sie, als das Volk Rahals nach dem Blut des Paladins Temoras schrie. Ihre Geister waren bereit dem sterbenden Feind die letzte Ehre zu erweisen wo andere sich bereiteten zu Spott und Verachtung. Kein Blutruf, keine Mordbitte erreichte die Ohren dieses Mannes. Und er liess Leben wo Sterben nicht von Nöten war. Ein gnädiger Mann war er beim dritten Treffen.
Dieser Mann war die Säule ihres Glaubens geworden. Alles was Rahal für sie bedeutete. Ja dieser Mann war heilig. Und ihm hatten sie ihr Wort gegeben das sie Taten zeigen würden. Taten... wie konnten sie Taten vollbringen wenn sie sich so fallen liessen? Ihr alter Hauptmann hatte sie mit väterlicher Hand geführt, sie geschmiedet und geformt, der neue....er war nur einfach nur einer von ihnen. Cregan hatte sich kein leichtes Los aufgebürdet als sie ihn zu ihrem Hauptmann erhoben hatten. Und nun da er sich aufgemacht hatte ins alumenische Reich um nach überlebenden Waffenbrüdern zu suchen war es noch schwerer geworden die Greifen zu Stärke zu führen. Es war wie in den alten Liedern und Sagen, Ritter die mit ihrem Weib im Bett lagen und sich der Wolllust hingaben anstatt auf ritterliche Fahrt zu gehen. Sie verlagen in ihrer Trägheit. Ein paar Waffenübungen hier, ein Ausritt dort. Jonath hatte in den letzten Tagen öfter den Boden eines Kruges gesehen als blaue Flecken auf seinem Leib. Taten.....keine heisse Luft. Der Wind musste sich drehen. Und sollte es nicht auch Aufgabe der Adjutanten sein den Weg zu ebnen? Gute Dinge brauchten Zeit...aber wahrlich große Taten erfolgten doch in der Regel ohne viel Grübeln. Wär es falsch wenn der Zeitpunkt ein hier und jetzt wäre?
Ein kurzes Nicken zu sich selbst, dann erhob Jonath sich vom morschen Stamm. Kettenglieder an der Brust klimperten, Metallschienen an Armen und Beinen scharrten als er sich mit gesenkter Klinge ans Feuer stellte und sich gen Zelt wandte. Das Haupt senkte sich leicht, die Augen zum Eingang gerichtet, dann hob sich das Brüllen aus der Kehle.
„Elende Greifen! Zu Rüst und Wehr! Zu lang der Ruhe, zu lang der Knochen Schonung! Der Hauptmann ist fort aber er liess zwei seiner Stimmen zurück. Und eine von ihnen mahnt euch zur Tat! Sattelt eure Rösser und fasst eure Lanzen! Wir werden reiten unter Mond und aufgehender Sonne. Kein Verzug und keine Widerworte oder meine Faust soll euch treffen wie Grinwulfs Zorn. Zeigt mir euren Wert und euren Willen. Keiner von uns soll ins Lager zurückehren wenn er noch selber aufrecht stehen kann.“
Murren, Wortschwalle und Lichter entzündeten sich im inneren des Zeltes...ein reges Leben das an Puls zunahm. Riemen wurden gezogen, Schienen ineinander gesetzt. Sieben Krieger traten aus dem Zelt, acht traten zu ihren Pferden. Ihre matten goldenen Rüstungen warfen kein Licht zurück, als sie sich in die Sattel schwangen. Auf dem Rücken des Pferdes liess Jonath den Blick über die Gruppe wandern....Rothen wie er leichtgewichtig im Sattel sass, Brutus stur nur auf seinen Befehl wartend, Malvin der bereits unruhig die Füsse im Steigbügel bewegte, Theron wie er mit grösster Gelassenheit seine Zähne ins Fleisch eines Apfels trieb, Mor die sich unsicher aber wacker im Sattel hinter dem angespannten Kayhan festhielt und Bronn......Bronn der mit einem sachten Lächeln und Glanz in den Augen sein Ross neben Jonath führte.
„Wohin reiten wir Grauwind?“
„Auf rauem Weg zu den Sternen......“ hauchte Jonath ihm entgegen.
Verfasst: Dienstag 21. August 2007, 21:18
von Bronn Siebenschneid
Es bedurfte selten vieler Worte, um sich untereinander zu verständigen. Die letzten Worte, die gesprochen wurden, waren jene von Jonath Grauwind, als er den Wachposten an den Toren, die den schmalen Pass zum Inneren der Hochburg des Alleinigen flankierten, gehieß, sie sollen das Fallgatter empor hieven, damit das Banner passieren konnte.
Reiter und Ross, Schild und Waffe, Greif und Banner… all diese Dinge gehörten unweigerlich zusammen. Gemeinsamkeit & Zusammenhalt, selten wurden diese fundamentalen Aushängeschilder des Banners in der letzten Zeit derart auf die Probe gestellt. Und deshalb oder vielleicht gerade deswegen hat Jonath sie am heutigen Abend, zu später Nacht allesamt zusammengerufen. Anfänglich sind sie den neuen Umständen allesamt mit gemischten Gefühlen entgegengetreten… Neugier, Euphorie und auch Zweifel. Aber keiner von ihnen verspürte Angst. Die Bedenken sind auch bei Bronn groß gewesen. „Ist es jetzt schon der richtige Zeitpunkt?“, „Ist der nächste Schritt so sicher, daß wir ihn wagen sollten?“, „Es wird kein Zurück mehr geben.“. Wie so oft hat er sich an den Bastard, Jonath Grauwind, gewand und mit ihm zusammen bei einem Humpen Ale in der Taverne in Rahal über seine Bedenken diskutiert. Es war nicht immer die Taverne; manchmal war es auch das Lagerfeuer an der Stätte der Greifen oder die gemeinsame Patrouille, die sie entlang der umgebenden Gehöfte zusammen absolvierten, aber das Ergebnis war vielmals das gleiche. Es war ein leichter Weg für Bronn, seine Zweifel zu beseitigen, denn eine der vielen guten Eigenschaften von Grauwind, war die Redseeligkeit. Wenn es drauf an kam, konnte er seinem gegenüber einreden, daß das schwarze Ross eigentlich ein weißer Schimmel sein würde. Aber nicht das zählte für Bronn, sondern die Meinung seines Waffenbruders war stets ausschlaggebend. Selbstverständlich war die Meinung eines jeden Greifen gleich aufgewogen, wenn es um offizielle Dinge ging, aber seine persönlichen Sorgen und Fragen, die er nicht mit sich allein ausmachen wollte, teilte er vorzugsweise mit Jonath. Es lag nicht nur daran, daß sie beide die Position der Adjutanten im Banner bekleideten, sondern viel mehr an den gemeinsam erlebten Dingen… gemeinsame Vergangenheit, die verbindet.
Das neue Lager im Innern der Stadt sorgte Anfangs für neue Energie. Der Auftrieb, die kleine züngelnde Flamme, die zu einem neuen Feuer entfacht wird und der kleine stille Bach, der zu einem reißenden Fluss wird. Die ersten Tage sind in Windeseile vorübergezogen, aber die folgenden vergingen dafür so langsam, daß die Motivation der Greifen, der Wille etwas zu bewegen von dem Wind wieder davongetragen wurde, der die ersten Tage so schnell vergehen ließ. Oftmals war das Ledern des Sattels und Zaumzeugs oder die mehrmalige und übergründliche Reinigung von Waffen und Rüstzeug die einzige Beschäftigung, die die Greifen vom Alltag ablenkten. Doch heute sollte es anders sein. Dieser Tag oder besser gesagt diese Nacht sollte sich von den vorangegangen unterscheiden.
Der volle Mond spendete ausreichend Licht, um dem schmalen Pfad mit den Pferden passieren zu können. Die brechenden Äste unter den Hufen der Pferde, ab und an Wispern von einem Greifen begleitet von den natürlichen Geräuschen der Nacht.
Der Späher der Greifen, Rothen Medis ist es gewesen, der die Lichtung vor einiger Zeit auf einem seiner vielen Ausritte ausfindig gemacht hatte. Es war Zufall, daß er auf sie gestoßen ist, als er auf der Pirsch gewesen und die Spuren eines Hirsches verfolgte.
Er hatte auch gleich nachdem sie Rahal hinter sich gelassen hatten, die Führung übernommen. Niemand außer ihm im Kreis des Banners sind die Wälder so vertraut gewesen. Sicherlich hat ein jeder schon mal die ein oder andere fremde Fährte gefunden und auch wieder zurück ins Lager. Aber Rothen besitzt die Fähigkeit mit verbundenen Augen jeden Weg wiederzufinden, den er bereits einmal überbrückt hat. Jetzt war keine große Vorsicht geboten, dennoch waren sie allesamt gespannt, denn keiner außer Rothen, Jonath Bronn wusste zuvor, wo dieser Weg für sie enden würde…
Nahezu unberührte Natur offenbarte sich dem Tross der Reiterei, als sie die letzten Baumreihen hinter sich ließen, die die Lichtung umgaben. Ein Fleck auf Gerimor, auf dem sich die Tiere des Waldes eine gute Nacht wünschen und fernab der Menschheit ihrem Alltag verbringen. Die Idylle, die sich Bronn bot, war atemberaubend. Selten hat er einen Anflug von Melancholie und ist auch nicht ergriffen, von besonders ergreifenden Szenerien, die sich einem darbieten. Aber bei diesem Anblick blieb auch ihm nichts anderes übrig, als kurzzeitig die Zügel hängen und schweigend den Blick schweifen zu lassen. Ein Augenblick, den man kommentarlos genießt.
„Absitzen, Greifen! Wir sind am Ziel!“, durchbrach es die Stille, als Jonath den Befehl gab. Auch seine Stimme klang verhältnismäßig gedämpft, als fürchte er die Ruhe der Umgebung zu verschrecken. Mit der Ruhe sollte es in Kürze vorbei sein.
Erst jetzt wurde den anderen Gefährten gewahr, daß Wanderer, Jonaths Pferd mit einigen Utensilien bepackt gewesen ist. Ohne große Obacht löste Jonath die ledernden Beutel und übergab sie teils an Bronn, der sich zu ihm gesellt hatte und gemeinsam warfen sie sie in Richtung Zentrum der Lichtung.
Disziplin und Gehorsam waren innerhalb des Banners eines der höchsten Gebote. Auch wenn es keine strikte Befehlsgewalt gab, so waren sich doch alle einig, daß das Ruder von einem der ihren ständig in die Hand genommen werden und geführt werden musste.
Es oblag Grauwind derzeit das Kommando über die Greifen zu führen. Und jeder, einschließlich jenen, die sowohl vom Alter als von der Zeit der Zugehörigkeit aus alten Tagen und Grinwulfs Führung Jonath übertrafen, gehorchten seinen Anweisungen in der Regel ohne Widerspruch.
Das Getuschel untereinander verebbte augenblicklich, als die beiden Adjutanten in ihrem Tun innehielten und Jonath zwischenzeitige Führer des Banners das Wort an Siebenschneid übergab.
Das blaue Haar, das auch Dunkel des Mondscheins seine Farbe nicht verlor, sondern lediglich dunkler wirkte, hatte Bronn zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sein Blick war klar und auch seine Stimme zeugte nicht davon, daß er gemeinsam mit den anderen Greifen aus den Federn gerissen wurde, als Jonath sie am Lager zusammenrief um genau zu dieser Lichtung zu reiten. Erst unterwegs hatte ihn Jonath beiseite genommen. Beide haben sie sich auf seinen Deut hin nach hinten abfallen lassen, um die Nachhut zu bilden, als er ihn in sein Vorhaben einwies.
„Greifen… Ruhm und Ehre, Weisheit und Stärke… wohlklingende Worte.
Geschärfte Klingen und glänzende Rüstungen… einschüchternde Wehr.
Geschichten über Vergangenes und Ruhmeshymnen über geschlagene Schlachten… imposante Geschichte!“, während er die Reihe der Streiter ablief bedachte er jeden von ihnen mit ernstem Blick. Die Wangenpartie war mit einem schattigen Dreitagebart verdunkelt, während die Partie um Lippen und Kinn feinsäuberlich ausrasiert und gepflegt wirkte. Er hatte die Arme hinter dem Rücken verschränkt und setzte einen Fuß vor den anderen. Unbewusst mag er herrisch gewirkt haben, doch würde es ihm keiner der Greifen nachtragen. Denn jedem der hier anwesenden Personen war deutlich anzusehen, daß sie wussten, daß es ihnen allen um das Wohl des Banners ging.
„Ich muss euch genauso wenig wie mir sagen, daß wir derzeit mehr bieten können, als das. Aber was nutzen einem wohlklingende Worte und imposante Geschichten, wenn nach Taten gerufen wird? Was nutzen einem Krieger die besten Klingen, wenn er zu müde ist, um sie führen… Zu schwach um den Schwertarm zu schwingen und den Schild zu heben?“
Er blieb vor Malvin stehen, wand sich ihm vollends zu. Ihre Blicke begegneten sich und auch wenn es von aussen den Anschein machte, als wolle er ihm eine Rüge erteilen, so war es doch eher ein Appell an die Greifen… an jeden von ihnen.
„Malvin Shamrock, ein jeder von uns und auch viele derer, die die Klinge schon mit Dir gekreuzt haben, wissen um Deine Fähigkeiten, Deinen Willen, Deiner Kraft und Deiner Aufmerksamkeit. Du bist es in unseren Reihen, der am wenigsten von uns tatenlos herumsitzen kann. Es ist Deine Natur, ständig in Aufbruchstimmung zu sein und nach dem zu verlangen was so lange ausblieb.“, kurz hielt er inne, bevor er sich fragen an Malvin richtete: „Wie lange ist es her, daß Du Deine Klinge blank gezogen hast?“
Erneut trafen sich ihre Blicke und Malvin zögerte mit seiner Antwort. Nicht, weil er erst überlegen musste, sondern weil er sich der Antwort, die er ihm geben würde nur zu bewusst war.
„Zu lange,… Viel zu lange ist es her, Bronn Siebenschneid!“, entgegnete Malvin.
Nickend dreht er sich wieder um und schritt die Reihe entlang.
„Ihr habt es alle vernommen. Und ich brauche weder Rothen fragen, wann das letzte Mal einer seiner Pfeile ein Ziel gespickt hat, noch brauch ich Theron fragen, wann das letzte mal seine Muskeln vom Schweiß benetzt in großer Anstrengung angespannt wurden!“
Jetzt hielt er inne, wand sich kurz zur Seite um. Jonath stand die ganze Zeit hinter ihm. Als ihre Blicke sich trafen, trat er vor, stellte sich neben Bronn. Beide standen sie vor den anderen Gefährten, doch keiner war der Ansicht, daß sie auch über ihnen standen.
„Vergangene Tage gehören der Vergangenheit an. Heute sind wir gemeinsam hier, um uns unseres Daseins zu besinnen. Wir wollen schwitzen, die Zähne zusammenbeißen und unseren inneren Schweinehund überwinden. Wir wollen gemeinsam Wege gehen, die wir lange nicht mehr zusammen gegangen sind.
Greifen, heute wollen wir die ersten Schritte machen, die uns gemeinsam zu Glanz und Glorie führen!
Greifen… lasst uns die Klingen kreuzen bis der Mond gemeinsam mit der Nacht schwindet!
Greifen… lasst uns die Klingen kreuzen bis die Morgensonne uns gemeinsam mit dem Morgen begrüßt!“
Verfasst: Montag 10. September 2007, 04:07
von Mor Varnos
"Rückzug ist immer eine Option wenn es die Strategie erfordert, Flucht ein Verrat."
Ihr war schon beim Aufsteigen auf ihrem Ross "Windhuf" klar, dass dieser Abend in Bajard sicher wieder durch irgendetwas gestört werden würde. Es reichte bloss in der Kleidung des Greifenbanners aufzutauchen und schon ging es los. Begonnen bei kleinen Sticheleien, über gebrochene Stühle bis hin zu Duellen oder gar grösseren Keilereien. Doch dieses Mal war sie glücklicherweise nicht das Zentrum des Ärgers. Vorerst.
Ein Lethar hatte den Unmut der Gäste wohl heraufbeschworen und zuerst zog sie es doch vor, sich im Hintergrund - genauer schräg hinter einen Angehörigen der Bruderschaft der Streiter Temoras - zu verbleiben, doch als dieser begann Partei zu ergreifen und es nicht gerade wirkte, als würde sich die Lage entspannen, war es auch an ihr, Farbe zu bekennen. So schritt sie an dem Ritter vorüber, stellte sich ihm passenderweise gegenüber, neben den Letharen, eine Hand locker am Schwertgriff ruhend und der Blick wachsam. Sie war nicht erpicht auf eine Schlägerei oder gar auf einen bewaffneten Kampf. Weder hier in dieser sonst angenehmen Taverne, noch draussen. Doch sie war bereit, sollte sich der Mob auf den Letharen stürzen.
Zugegeben - ganz geheuer war dieses Volk ihr auch nicht immer, aber andererseits war es ihre Pflicht als Greif und das Wort der Greifen, was sie auf seine Seite brachte. Zudem fand sie diese kleine Übermacht an ihm gegenüber wenig friedlich gesonnenen Personen in der Taverne nicht gerade gerecht verteilt.
Die Lage entspannte sich, der Lethar verliess die Taverne und als es schien, als wäre damit jeglicher Ärger fort, ballten sich die nächsten dunklen Wolken am Horizont - der Ritter und Streiter Temoras sprach sie nun auf ihre Entscheidung eben an und im Laufe dieses kleinen Gesprächs, das sich schon gemächlich in Richtung Disput zu bewegen drohte, machte sie ihm ihre Position deutlich. Offen sprach sie von ihrer Zugehörigkeit zum Banner, so, wie es auch Jonath von ihr verlangt hatte. Offen sprach sie ebenso darüber, dass das Banner an der Seite Rahals stand und nebenher stellte sie (leicht enttäuscht zugegeben) fest, wie unbekannt doch das Banner der Flammenden Greifen war.
Als Nevyn Silberhand stellte er sich ihr vor und dass sie es hier mit einem waschechten Ritter und Streiter der Göttin Temora zu tun hatte, liess in ihr durchaus Respekt vor ihm erwachsen. Er gehörte wahrlich nicht zu den Gestalten, die es sonst auf Bajards Strassen sich nicht nehmen liessen, um mal von der Seite her anzupöbeln, allein um des Streites wegen. Nein, hier stand jemand, den man in vielerlei Hinsicht als interessante Herausforderung betrachten konnte.
Von einem Duell wurde gesprochen, doch der Abend war schon weit genug fortgeschritten und so gingen auch diese zwei wieder ihrer Wege, ganz ohne dass Waffen gekreuzt wurden.
"Es liegt keine Ehre im Morden. Nur die Sünde auf der Seele."
Der Abend des nächsten Tages nahte und mit ihm die Andacht im Gedenken an die Opfer der Seuche in Varuna vor nicht allzu langer Zeit. Es stand schon länger fest, dass sie und Jonath diese aufsuchen würden. Verkleidet natürlich und bar jeder Waffen. Nicht, um zu provozieren, sondern um für sich selber ein kleines Zeichen zu setzen und ihre Nähe zum einfachen Volk, was meist unter solchen Seuchen zu leiden hatte, weiter aufrecht zu erhalten.
Lange war sie nicht mehr in Varuna gewesen und seitdem sie den Greifen angehörte, hatte sie stets auf einen Besuch verzichtet. Nun spürte sie beim Betreten des Tores, an einem Arm Jonaths eingehakt, wie ihr das Herz doch kurzzeitig rascher klopfte, doch nahmen sie beide weiter den Weg zur Wiese neben dem Theater auf, wo schon bald sich mehr und mehr Personen versammelten. Keinen davon kannte sie - gut.
Doch wenig später geschah es. Ein seit dem zuvorigen Abend vertrauter Name fiel - Nevyn Silberhand. Noch trug sie ihren Hut, doch als sie sah, wie einige ihre Kopfbedeckung aus Respekt vor den Priestern, die mit der Andacht begannen, zogen und auch Jonath dies tat, zog sie nach, bemüht jedoch, sich etwas aus dem Blickfeld von Nevyn zu stehlen.
Die Andacht zog dahin, sie lauschte still und ernst wirkend wie so oft.
Liliana von Drachenfels' Worte interessierten sie dabei besonders. Der Verlauf der Seuche, ihre Bemühungen, wie sie selber erkrankte. Zumindest ein Zeichen, dass nicht alle Adeligen oder sonstigen Herrschaften, so vollkommen den Blick für die Nöte des einfachen Volkes verloren hatten, wie sie es früher oft am eigenen Leib erfahren musste. Hinzu kam auch, dass sie gerade die erste Zeit hier auf Gerimor mit Heinrich von Drachenfels durchaus genossen hatte, wenn sie gemeinsam kämpften. Damals, bevor sie den Greifen beitrat und bevor sie so etwas wie eine Familie fand, die sie nie wirklich hatte.
Allmählich schien das Ende der Andacht zu nahen und ohne dass sie es anfangs richtig bemerkt hatte, standen einige Wachmänner um sie herum. Nervosität machte sich mehr und mehr in ihr breit und da half auch wenig das Geflunkere zu ihrem Nebenmann von einem flauen Magen, als er sich erkundigte, ob mit ihr alles in Ordnung wäre - in ihr kam das ungute Gefühl auf, dass sie doch nicht gut genug aufgepasst hatte.
"Kein Lied soll von der Feigheit der Greifen künden."
Sie ergab sich der Situation, die sich ihr nun darbot - umzingelt war sie, wehrlos ohne ihre Waffen und Rüstung und selbst dann wäre ein Angriff purer Selbstmord gewesen. So folgte sie den Männern zu dem Kastell Varunas, während sie hoffte, Jonath würde wenigstens sicher aus der Stadt kommen können. Im Kastell selbst führte man sie dann auch schon bald zu eine der Zellen. Hier nun stockte sie im ersten Moment. Ungute Erinnerungen an längst vergangen geglaubte Zeiten, als sie noch als kleine Diebin um ihr Überleben mühsam kämpfte und wo das Wort "Ehre" etwas war, was ihr Welten entfernt schien, kamen auf. Einen kurzen Moment nur glaubte sie sogar auf ihrem Rücken ein unangenehmes Brennen zu spüren. Einen Augenblick nur sah sie wieder die johlende und gaffende Menge von einst, die jeden der Schläge gierig mitzählte. Dracis war ein unbarmherziges Pflaster, auf dem Enttäuschung und Hass so fröhlich gediehen, wie das Unkraut auf verwahrlosten Wegen.
Doch zumindest den blinden Hass hatte sie abgelegt und so trat sie den Weg in die Zelle an.
Es dauerte nicht lange und der Herr, der zuvor noch bei der Andacht in ihrer Nähe gestanden und sich nach ihrem Befinden erkundigt hatte, trat heran und wurde mit "Ehrwürden" begrüsst. Antarian de Dynal sein Name und recht trocken eröffnete er ihr, dass sie jetzt das Todesurteil erwarten dürfte. Sie mühte sich um eine ruhige Miene, doch innerlich fiel jeglicher Mut, jede Hoffnung wie ein Kartenhaus zusammen. Natürlich, dachte sie bitter, wie konnte sie auch Gnade erwarten, wenn sie lediglich kam, um den Toten zu gedenken?
Sie stand ihm Rede und Antwort, wurde zum Banner befragt und sie gab das wieder, was sie in den letzten Monden verinnerlicht hatte - das Leben nach dem Ehrenkodex des Banners, welches ein feiges Verschweigen seiner Herkunft, ein blutrünstiges Morden und derlei mehr verbietet. Ein wenig überrascht schien er wohl schon und so kam sie wenigstens aus der Zelle hinaus und in einen doch etwas angenehmeren Saal, in dem sie weiter befragt wurde. Lediglich als es um die Namen ihrer Waffenbrüder ging, zog sie es vor zu schweigen.
"Ein Kamerad ist ein Bruder, gleich welchen Standes."
Wenig später nur öffnete sich die Tür und als sie sah, wer nun eintrat, kamen gemischte Gefühle in ihr auf. Jonath Grauwind, ihr Waffenbruder, der Adjutant des Hauptmannes und gekleidet in der zivilen Uniform der Greifen. Einerseits war sie froh, ihn nun hier wieder zu sehen. Andererseits kam auch Unsicherheit auf - im schlimmsten Falle hätte man sie nun beide im Gewahrsam und lieber wäre es ihr doch gewesen, er wäre in Sicherheit bei den anderen Greifen. Doch sie erinnerte sich auch dessen, was er zu ihr gesagt hatte - er würde sie nicht im Stich lassen.
Auch Jonath stand nun Rede und Antwort und begann, wenn auch erst verständlicherweise widerwillig, von der Geschichte des Banners unter der Leitung des damaligen Hauptmannes Grinwulf zu erzählen. Ihr Blick ging immer wieder zwischen dem Sprechenden und Antarian wie auch dem hinzugetretenen Ritter herum. Ihre Unsicherheit weichte kaum, denn Jonath sprach ungeschönt von den einstigen Geschehnissen und sie sah sie sich schon beide in den Zellen schmoren, ehe der letzte, nicht ferne Tag anbrechen würde.
Doch dann im Laufe der weiteren Erzählung und des Gesprächs merkte sie, dass durchaus Verständnis auf den Zügen der beiden Männern lag. Die Worte, die folgten, waren erlösend - sie durfte Varuna verlassen, gemeinsam mit Jonath. Doch war das Land der Grafschaft für sie, wie auch für die restlichen Greifen, tabu.
Sie verabschiedete sich bei den beiden Herren, während ihr innerlich nicht nur ein Stein, sondern gleich der ganze Unheilsberg vom Herzen polterte. Die letzten Worte von ihnen würde sie zwar nicht vergessen, doch ihren Weg kannte sie und der würde der Weg der Greifen sein und dieser Weg war der, der sich aus den Geschehnissen der Vergangenheit und den Angeboten für die Gegenwart ergeben hatte. Wo er hinführen sollte, war ihr nun einerlei. Sie würde ihm weiter folgen - in den Tod und darüber hinaus, wie sie vor nicht allzu langer Zeit noch zu Jonath sprach.
"Mehrt euren Ruhm und eure Kraft und öffnet einem stolzen Leben Tür und Tor."
Als Jonath und Mor nun die Grenzen zu Rahal auf ihren Rössern überschritten, hielten sie inne und die Erleichterung war es, die jegliche Beherrschung in ihr brach und sie dazu brachte, sich zu ihm zu lehnen und zu umarmen. Er und die anderen Greifen waren ihre Familie und wenig später erreichten sie das Lager mitsamt einem erleichterten Rothen und Malvin, denen sie nun alles erzählte.
Wenig später wiederum stand sie unter dem goldenen Banner, die geballte Faust ruhte auf ihrem Herzen, ihr gegenüber die übrigen Greifen, während sie schwor, auch weiterhin an ihrer Seite als treue Waffenschwester zu reiten. Nun war auch der Abend da - Mor Varnos wurde endgültig vereidigt und somit in die Reihen der Greifen aufgenommen.
Und noch etwas, das war nun gewiss, hatte dieser etwas arg aufregende Abend gebracht - das Banner der Flammenden Greifen hatte sich und seinen Kodex auf eine ganz eigene Art und Weise bekannt gemacht.
Wohin es führen mochte, war einerlei. Sie würden ihren Weg auf Greifenart gehen, treu ihrem Pfad folgend ohne zu hadern oder sich nach einer Umkehr, ja, einer Flucht zu sehnen. Möge Tod und Verderben am Ende des Weges lauern - sie würden sich und ihrem Wort treu bleiben.
Verfasst: Dienstag 2. Oktober 2007, 09:56
von Mor Varnos
Vorgeschichte: [url=http://www.alathair.de/forum/viewtopic.php?t=24986]Von einer Taufe zu einem Debakel[/url]
Ein Anblick, wie man ihn nicht jeden Tag bekam, war es, als die Greifen auf ihre Rösser, ihre Gefährten, stiegen und in schimmernd polierter Rüstung und Wehr Richtung der Grenze zwischen Varuna und Rahal zogen. Einen dumpfen Takt schlugen die Hufe der Pferde auf dem lediglich festgestampften Boden an, der sich als Weg zwischen lichten Alleen zog, während sie allesamt stolz auf den Pferderücken sassen.
Das Banner der Flammenden Greifen war auserkoren worden, um die Gebeine der alumenischen Königin Anara von Hohenfels in Empfang für seine Heiligkeit zu nehmen. Das Banner - nicht die Ritter Alatars, nicht die Garde oder sonstwer, der das Sagen in Rahal hat und ein gewisser Stolz regte sich in ihnen. Die beiden Adjutanten des Hauptmannes - Bronn Siebenschneid und Jonath Grauwind -, dazu Rothen Medis, Theron Leonas, Malvin Shamrock und zuletzt sie, Mor Varnos, erreichten nach dem kurzen Ritt auch schon bald den nordöstlichen Teil der Grenze zwischen Rahal und Varuna. Das Aufgebot dort war der Situation entsprechend - neben dem Graf Adrian von Hohenfels, fanden sich dort auch einige Angehörige des Temoraordens, der Allianz des Lichts und sogar eine Hochelfe im Ornat einer Magierin. Dazu ein gefesselter Lethar und auf einem Karren der Sarg der Königin.
Die Königin - sie war nicht nur die Königin derer gewesen, die sich dort nun auf Seiten Varunas versammelt hatten, sondern durchaus auch einst die Königin des Banners, als es noch im alumenischen Reich für die Landesherren stritt. Lang ist es her, schien es fast, und doch, nach all den Enttäuschungen, wussten die Greifen die verstorbene Herrscherin noch immer zu würdigen. Sei es als Andenken an eine andere, vergangene Zeit; sei es aus Respekt vor den Toten. Vielleicht der Grund, warum gerade das Banner erwählt worden war, die Gebeine nach Rahal zu eskortieren.
Wenige Worte wurden ausgetauscht, vornehmlich zwischen Jonath und dem Grafen, ehe jener Abschied nahm von seiner verstorbenen Schwester und den Karren den Greifen übergab. Bronn rief Mor zu sich und sie riss sich vom Anblick des Grafen Adrian von Hohenfels, der um seine Schwester trauerte, vom Anblick des Sargs, aber auch vom Anblick des wütenden Letharen los.
Wie so oft wusste sie nicht recht, was sie von ihnen zu halten hatte, diese Wesen, die man Auserwählte nannte. Nein, sie zweifelte sicher nicht an diesem Status, doch dieses Volk war ihr noch fremder als ein Adeliger des alumenischen Reiches und selbst die waren ihr schon fern genug. Fremdartig sahen sie aus, unheimlich erschienen sie ihr und sie hielt lieber einen möglichst respektvollen Abstand, um nur dann an ihrer Seite zu stehen, wenn es nötig war, wie noch vor geraumer Zeit in der Taverne bei Bajard. Aber seine Worte, die er von sich gab, voller Hass und blinder Wut, standen vollkommen konträr zu den Empfindungen der Greifen in diesem Moment, als der Graf trauernd Abschied von den Gebeinen seiner Schwester, der einstigen Königin, nahm. Mochte er auch ihr Feind sein - die Greifen respektierten und kannten seine Gefühle.
Nun zog Mor sich auf Bronns Ruf hin rasch auf ihre Stute Windhuf, ehe sie sie mit wenigen Schenkeldruck herumlotste und den Karren mitsamt dem Sarg gemeinsam mit Bronn, Malvin und Theron in Richtung der Heiligen Stadt eskortierte.
In Rahal selbst wartete seine Heiligkeit schon gegenüber dem Tor, wie eh und je angetan mit seiner silbernen Maske, die ihn unnahbarer als eh schon wirken liess. Rechter Hand wiederum der Hauptmann Sarel sowie zwei Angehörige der Garde Rahals, darunter Saraphel.
Vor seiner Heiligkeit hielt nun der kleine Tross, sie stiegen ab, neigten ihre Häupter ehrfürchtig vor ihm und der Alka erhob nach Bronns Grussworten seine Stimme, um ihnen zu danken und - da stutzte Mor für den Moment überrascht - vor ihnen seinen Kopf demütig und dankbar zu neigen, ehe er wieder die ihm übliche Unnahbarkeit zeigte. Es war wieder einer dieser Momente, in denen sie verstand, warum die Greifen - und somit auch sie - seiner Heiligkeit folgten. Für ihn war es wert in die Schlacht zu ziehen, schoss es ihr ergeben durch den Kopf.
Doch dann trat seine Heiligkeit näher auf den Karren zu, während die vier nach Rahal zurückgekehrten Greifen respektvoll zur Seite traten. Bronn und Theron zur Linken, Malvin und Mor zur Rechten. Ihre Blicke ruhten auf dem Sarg und auch auf seine Heiligkeit, wie er sich näherte, seine Handschuhe von den Fingern zog und Sarels Vorschlag, dass jemand anderes den Sarg öffnen sollte, für den Fall, dass er präpariert sein könnte, kurz angebunden ablehnte.
Langsam hob er seine Hände an zu dem letzten Ruhebett der einstigen Königin und dann, kurz bevor sich seine rechte Hand auf den Sarg legte, - irrte sie sich? - war ein Zittern an dieser zu erkennen. In der Luft lag eine Spannung, dass sie geradezu fühlbar war. Mor spürte, wie sie unweigerlich die Luft anhielt. Weniger wegen der Möglichkeit, dass eine Falle sich an dem Sarg befinden würde, sondern vielmehr der Handlung des Alkas wegen. Dann ein Flüstern - "Anara.." - als er seine Hand mit dem Siegelring wieder rasch fortzog.
Warum dieses Zittern, fragte sich Mor, warum diese offenbar vertraute Nennung ihres Namens? Mochte es einen weiteren Grund geben, warum er die Gebeine gefordert hatte, als nur der Triumph über den Feind? Mehr als nur ein Stich in das Herz des Feindes, der der Bruder der Verstorbenen war?
Sie verfolgte seine Handlungen aufmerksam, sah, wenn auch verstohlen und nur kurzzeitig einen Blick zu seinem Gesicht riskierend, wie seine Augen hinter der Maske sich schlossen, er seine Hand vor der Maske zur Faust ballte. Dann jedoch öffnete er sie wieder, sah nach rechts, nach links... und Mor glaubte für einen Moment etwas umkrallte schmerzlich ihr Herz - von aufkommenden Tränen feuchte, ozeanblaue Augen sahen zu ihr. Ihr Herrscher, dieser sonst so mächtige, unnahbare Mann, nun so menschlich und verletzlich.
Sie verstand.
Es ging hier um mehr als nur einen Hieb gegen den Feind.
Rasch wandte sie ihren Blick wieder zum Sarg, ihre Miene bemüht unbewegt und ernst, als hätte sie seine Gefühlsregung nicht wahrgenommen. Doch in diesem Moment schwor sie sich im Stillen, für diesen Mann nicht nur in die Schlacht zu reiten, sondern auch den letzten Tropfen Blut von sich zu geben. Neben jedem Greif, war es auch für ihn wert.
Was dann folgte, nahm sie für den Moment eher dumpf wahr. Ihre Gedanken kreisten um seine Heiligkeit, um den Sarg, die Königin und das, was wohl einst zwischen ihnen gestanden haben mochte. Erst, als nun durch das Tor Jonath und Rothen ritten, die ihre Aufgabe, den Lethar ins heilige alatarische Reich zu geleiten, offenbar vollendet hatten, kehrte sie mit ihren Gedanken wieder ins Hier und Jetzt zurück.
Zwei Männer in einem sichtbar schlechten Zustand wurden von der Garde gebracht und es galt nun diese zurück zu eskortieren. Doch trotz allem schweiften ihre Gedanken immer wieder zurück zu diesem raren Moment Menschlichkeit vor dem Tor Rahals.
Die Eskorte zurück an die Grenze zwischen Rahal und Varuna verlief ohne Probleme - Mor ritt voraus, hielt Ausschau nach möglichen Gefahren, doch als sie die Grenzen mitsamt den ehemals Gefangenen, die aufgrund ihrer Bewusstlosigkeit und ihrer Verletztungen auf den Pferden der Greifen sassen oder lagen, erreichten, war diese verlassen. Kein Graf, keine Geweihten, Paladine, Ritter oder Magier. Sie überschritten die Grenze, denn die beiden wollten sie nicht im Wald aussetzen und ihrem Schicksal überlassen und ritten so bis vor die Tore Varunas. Nur wenig später, alarmiert wohl durch die Torwachen, tauchte auch der Graf wieder auf und mit ihm erneut die elfische Magierin, wie auch eine Frau, die auf einen der ehemals Gefangenen - de Arganta hiess er wohl, wie Mor noch in Rahal mitbekam - zurannte und ihn erleichtert in ihre Arme schloss. Wieder wenige Worte, die noch ausgetauscht wurden, denn nun wurden die beiden Männer in die Stadt gebracht, um sie wohl zu versorgen.
Mors Blick hing vor allem auf den noch bei Bewusstsein befindlichen Ritter de Arganta. Auch wenn er praktisch ihr Feind darstellte, so fühlte sie dennoch teils mit ihm - die Verletzungen wiesen auf Folter hin und nichts hasste sie selber mehr als das, was in ihr schmerzliche Erinnerungen wachrief. Einen Feind, so dachte sie im Stillen, bekämpfte sie lieber auf dem Schlachtfeld, auf selber Augenhöhe und nicht in irgendwelchen modrigen Kellern.
Doch wer war sie, dass sie die Methoden Rahals anzweifelte? Sie mochten ihre Gründe wohl gehabt haben und solange niemand von ihr verlangen würde, so etwas durchzuführen, hielt sie sich aus diesen Angelegenheiten lieber raus.
Nach der Übergabe ritten sie zurück, erleichtert über den reibungslosen Ablauf und vorfreudig dem Bier und Wein im Lager entgegensehnend, um ihre Kehlen zu befeuchten und noch eine Weile am Feuer zu sitzen, ein wenig zu feiern, zu reden und dieses Glimmen, was langsam zu einem kleinen Feuer anschwoll, auszukosten.