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Der Weg führt zurück...

Verfasst: Mittwoch 25. Juli 2007, 14:19
von Leith Llastobhar
Mit müden Augen zum großen Eisentor aufsehend, schritt Leith in einem langsamen Trott in Richtung der Stadt Varuna. Gedanken der vergangenen Tage spülten durch seinen Kopf und drehten sich stetig im Kreis um ein wirbelndes Loch, das einst von Freunden gefüllt worden war. Er vermisste sein Zuhause.
Die Erinnerungen waren langsam dabei, sich auseinander zu ziehen. Er konnte sich nicht an jedes Detail erinnern und ein fahler Nebel zog über die Eindrücke und Bilder, die die letzten Tage an ihm haften ließen.

Langsam, aber beständig formten sich aus seinen Gedanken die Erinnerungen an die letzten Monate und Tage…


Lektion Eins: Der Körperpunkt

Stille hatte sich über dem großen Meer aus Bäumen breit gemacht. Hätte ein Mensch den Weg in dieses abgelegene Wäldchen gefunden, so hätte er es für einen Ort reinster Idylle betrachtet. Ein Tier hätte in Ruhe gegrast, ein Bach würde sanft fließen. Doch unstet und mühselig kämpfte ein nicht allzu altes Wesen in seiner Natur ganz eigennützig gegen eine Anstrengung, die ihm zuvor nicht zuteil gewesen war.
Mach mal nicht so ein verzerrtes Gesicht, Junge! Streng dich mal an… nicht körperlich! Geistig!

Aber… wie soll ich das machen? Ich kann doch mit meinem Geist keine Wasserkrüge tragen!

Und zaubern kannst du auch nicht, ich weiß.

Grummelnd starrte der Junge mit den schneeweißen Haaren nach oben und machte allem Anschein nach den Versuch, seine Augen so weit nach innen zu drehen, dass nur noch das Weiße zu sehen wäre. Der schwere ebenhölzerne Balken auf seinen Schultern war schon seit einiger Zeit nicht mehr zu spüren. Das Wasser in den Krügen zu beiden Seiten des Balkens war kalt und aus dem Fluss unter seinen Füßen geschöpft. Barfüßig stand er auf zwei großen und glatten Steinen, die den Wasserlauf in eine Enge trieben. Wie viel Schweiß er in den letzten Tagen, nein Wochen hier gelassen hatte wusste er nicht. Seine Knochen waren die Schmerzen nun langsam gewohnt und auch die Muskeln taten irgendwann nicht mehr weh. Doch der Alte war niemals zufrieden. Wie lange stand er nun schon so da? Wie lange nun schon wiederholte er diese Übung Tag für Tag?

Ich glaube… bald hast du es… bald…

… nein doch nicht.

Bis zum zerreißen angespannt war seine Geduld mit dem alten Kauz, der ihn von vorn bis hinten nur zu verspotten schien. Was zum dreimal schwarzen Kater wollte er von ihm? Dass er sich in die Luft erhebt und davon fliegt? Oder die Magisterprüfung mit der linken Zehe schreibt?

Jetzt!

Was jetzt?

Du hast es! Jetzt hast du es! HAHAHA! Du hast es, du hast es… bist doch kein so Grünschnabel wie ich dachte.

Völlig entgeistert starrte Leith dem scheinbar total verwirrten Waru Maru entgegen und konnte sein Schicksal nicht fassen. Unterrichtet von einem vollkommen Irren.

Doch dem war nicht so. Ganz ohne es zu merken, hatte Leith seine Muskeln entspannt, trug die schwere Last nicht mehr mit dem Körper, sondern durch die Hilfe seines Geistes. Ein Gefühl, welches ihm schon einmal zuteil geworden war. Ein fein wogender Staub schien sich um Leiths Arme und Beine gelegt zu haben. Durchsichtig und doch leicht milchig weiß floss das Gefüge durch jede Ader und jeden Zentimeter Haut, drang ein und stieß wieder hinaus. Er atmete die Luft, die das Gefüge bot. Spürte die Berührung sanft in seinem Inneren. Das Lied der Eluive… er hatte es wieder gefunden.


Du siehst es, nicht wahr?

Ja… aber… woher?

Hmm…
Der alte Mann kratzte sich an seinem stoppeligen Bart.
Jeder nimmt das Lied der Eluive anders wahr. Du siehst es, spürst es vielleicht… der nächste riecht es und schmeckt es… andere hingegen hören es sogar oder sprechen es annähernd aus wie die Elfen. Ich für meinen Teil… kann es zwar nicht sprechen… Aber ich nehme es auf jede Weise wahr. Es ist meine Gabe. Ich fühle, sehe, rieche, schmecke und höre es. In Formen und Farben, Gerüchen, die ganz jenseits des Menschenbekannten liegen. Sehe ich jemanden an, sehe in seine Augen… so sehe ich wie er es wahrnimmt.

Leith war sprachlos. Er konnte nicht fassen, was Waru Maru ihm da gerade erzählt hatte.

Du hast also gelernt, nicht alles mit dem Körper zu tragen, sondern mit dem Geist!
Damit hast du deinen Körperpunkt geöffnet. Die Energie Eluives fließt nun frei in dir!
Bist du bereit für deine zweite Lektion?


Der junge Mann mit den schneeweißen Haaren nickte bereitwillig.

Verfasst: Donnerstag 26. Juli 2007, 09:23
von Leith Llastobhar
Lektion Zwei: Der Kopfpunkt

Vielerlei fängt mit dem Bauch an. Oder ist es vielleicht das Gewissen? Wo sitzt das? In deinem Herzen?

Ähm… ich…

Konzentriere dich Leith! Du versucht immer zuerst etwas sehr kompliziertes aus dem zu machen, was man dir vorgibt. Lass dich nicht vom offensichtlichen ablenken. Lenke deine Gedanken in eine Richtung, bevor sie in alle Winde zerspringen.

Meine Gedanken… mein Kopf?

Richtig! Dein Kopf ist der Ursprung deiner Gedanken. Vielleicht mag dein Herz dir dabei helfen, aber Auslöser für Gewissensbisse oder Entscheidungen ist allein dein Kopf.

Du weißt nicht, was du tun sollst. Dein Kopf ist verschlossen vor den Wegen, die du gehen kannst. Wähle frei aus! Alles was du willst steht dir offen. Kein Verstecken mehr vor dem eigenen Willen. Tief in dir weißt du bereits, was du kannst.


Ich kann… nicht zaubern.

Kannst du nicht? Oder willst du nicht?

Zwischen drei Bäumen saßen die Beiden, jung und alt, auf der weichen, saftig grünen Wiese. Sie hatten die Beine im Schneidersitz und die Hände im Schoß gefaltet. Ruhig sprachen sie miteinander. Seit Stunden. Leith fragte sich, wann die nächste anstrengende Prüfung wohl anstehen würde. Warum redete der wirre Kauz nur so um den heißen Brei herum? Wollte er sein nächstes Geheimnis hinter listigen Worten verstecken? War es das, was er wollte? Ihn verwirren?
„Ich kann dir helfen“ hatte er gesagt. Doch just in diesem Moment, so dachte Leith, half es gar nichts. Lieber hätte er sich eine Woche Ausgangsverbot von Ginessa verhängen lassen, statt sich noch weiter der Tortur des Gurus zu unterziehen.
Bohrend jedoch lag die letzte Frage von Waru vor ihm.
„Kann ich nicht zaubern? Will ich nicht?“


Es ist weil… mein Vater…

Also jetzt erzählst du Mist! Wenn ich Blödsinn hören wollte, würde ich zu einem Affen gehen und ihn nach dem Wetter fragen HAHAHA!
Grölend lachte der Mann mit dem ausgezehrten Körper und wischte sich dann eine Träne aus dem Auge.
Affen sind solch schlechte Meteorologen…

Aber…

Reiß dich zusammen Junge! Wenn ich gewollt hätte, dass du mir etwas aus deiner Leidensgeschichte über Frust und Pein deines Elternhauses erzählst, so hätte ich danach gefragt!
Nun sag schon… kannst du nicht? Oder willst du nicht?
Einfache Frage


Ich will schon… aber…

Ganz recht, ganz recht… und schon weißt du dein Problem. Hier aber, dort aber…

Waru überspitzte die Lippen in einem für ihn wohl belustigenden Schauspiel und gab in säuselnder Stimme von sich:

Lieber Leith,

wie geht es mit deinem Studium in den arkanen Künsten voran? Ich hoffe gut. Ich habe die Hausmagd darum gebeten, keine Kekse mehr zu backen, da sie schon so genug zu tun hat. Leider habe ich kaum Zeit dich zu besuchen, da im juristischen Rat so viel Arbeit auf meinem Tisch liegt! Bald gehört der Westflügel allein mir, dann habe ich nicht mehr nur 10, sondern gleich 20 Leute unter mir. Es ist eine herrliche Arbeit hier und für meine Taten werde ich in rechter Weise entlohnt. Nimm dir ein Beispiel, Sohn. Vielleicht schaffst du es ja eines Tages so weit wie dein guter Herr Vater.
Nunja… vielleicht annähernd. Aber du kannst dich immer noch dicht an Tarleed und Owyn halten. Ich bin mir sicher, dass es ihnen gut geht, oder? Bisher habe ich keine Briefe mehr erhalten. Sie werden sicher ausgezeichnete Magister.
Wenn du nicht lernst, dann endest du auch eines Tages wie Kailen, also mach dich an die Arbeit Junge.
Und pass auf deine Schwester auf!

Tuirean Llastobhar


… Lustig, oder?


Du ließt meine Post? Was fällt dir ein?

Ach… ist doch immer dasselbe mit euch jungen Burschen. Erst beschweren und dann verstehen. Ich will dir helfen. Dazu muss ich wissen wer du bist. Also hab ich deine Briefe gelesen und dein Problem erkannt.

Langsam dämmerte es Leith. Warum so offensichtlich? Wenn der Guru seine Briefe heimlich gelesen hätte, dann hätte er es nun nicht herausposaunt wie ein Elch in der Balz. Nein. Er brüstete sich damit, die Briefe gelesen zu haben, als sei es eine gute Tat. Aber weshalb?
Wegen seinem Vater?
„Also hab ich deine Briefe gelesen und dein Problem erkannt.“ Welches Problem meinte er?
Etwa doch?

Verfasst: Donnerstag 26. Juli 2007, 09:27
von Leith Llastobhar
Lektion Drei: Der Seelenpunkt


„Was die zweite Lektion ist, hast du noch nicht einmal verstanden, bevor wir die dritte Lektion beginnen, was? Na du bist mir ein guter Schüler… dein armer, armer Lehrer.“

Verwirrung hatten die letzten Worte bei Leith hervorgerufen. Etwas hilflose Verwirrung, haltlosen Ärger, gewürzt mit einer Prise von verletztem Stolz. Briefe lesen, alles besser wissen, so tun als wäre Leith dumm… ja, das konnte der alte Kauz.
Aber auf irgendeine unerdenkliche Art und Weise hatte er ihn dazu gebracht, auf ein Schiff zu steigen. Ein Schiff nach Hause.
Wie oft hatte er daran gedacht, zurück zu kehren, wurde zurückgehalten aus Angst vor der Meinung des Vaters, der Mutter…
Der junge mit den schneeweißen Haaren. War dies wirklich schon die Vergangenheit? Konnte er zurück dorthin?


„Erst musstest du wissen, dass du nicht verloren bist. Dann musstest du das Problem erkennen. Jetzt fangen wir an, es zu bekämpfen.“

War es wirklich so leicht?
Machte sich dieser Guru nicht etwa nur schöne Worte zu bösem Spiel? Wusste er denn überhaupt, was es bedeutete, dem eigenen, ehrgeizigen und lieblosen Vater gegenüber zu treten? Was es bedeutete, wenn seine Mutter Gläser gegen die Wand schmiss und man förmlich das Blut in ihren kalten Augen kochen sah?


„Die Muschelkette hatte ich dir geschenkt, damit du ans Meer denkst… und vielleicht auf die Idee kommst nach Hause zu fahren.“

Ah… natürlich doch… wer hätte nicht sofort ans Meer und ans nach Hause fahren gedacht, wenn er eine Muschelkette geschenkt bekommt.
Der Alte war wahrlich konfus und verwirrt und ein Säufer noch obendrein. Mancher Tage beräucherte er sich so lange mit seinen Stäbchen, bis er ganz glasige Augen bekam. „Wie dieses komische Zeug in der Pfeife“ dachte Leith.
Doch wieder wurden seine Gedanken von seinem Gewissen geplagt. [/i]

„Sag dich von deinem Vater los!“

So einfach ging es dann doch nicht. Wie hätte er wohl einem Herrn des Hauses Llastobhar jemals erklären sollen, dass er nun seinen eigenen und nicht den Weg des Vaters gehen wollte. Zudem, wenn der Herr auch noch jener Vater war.

Ja. Nein. Ja. Ja.
Er beantwortete all ihre Fragen. Über Tarleed… Owyn… seine Studien…
Aber er wirkte dabei mechanisch wie ein Golem.


Geht es Tarleed gut? Wo ist Owyn? Warum hast du nicht auf die beiden aufgepasst? Warum bist du nicht auf deiner Akademie? Warum bringst du nichts mit nach Hause? Sind dir deine Eltern nichts wert? Was haben wir dir beigebracht? Was ist aus dir geworden? Hast du noch alle Tassen im Schrank? Vergisst du etwa wer du bist? Ein Nachkomme aus dem Hause Llastobhar willst du sein?
Die Fragen bohrten und stachen den jungen Mann, der auf einem Stuhl im Esszimmer Platz genommen hatte. Doch er beantwortete sie alle.

Von heute an tue ich, was ich will. Keiner von euch wird mir etwas vorschreiben. Ihr werdet sehen, was ich tun kann. Und ihr werdet sehen, was ich nicht tun kann. Doch wenn ihr nicht darauf Stolz sein könnt, was euer eigener Sohn leistet, was er tut, dann seid ihr nicht länger berechtigt, mir etwas vorzuschreiben. Ich wohne nicht mehr in diesem Haus. Ich wohne bei meinen Verwandten auf Gerimor. Sie sind bessere Menschen als ihr es seid. Sie verachten nicht alles Andere, nur weil sie mit sich selbst unzufrieden sind.
Vater…
er griff sich an den Schopf und zeigte diesen wutentbrannt zu Tuirean … das hier!
Willst du das hier mit deiner Lehre vom reinen Blut erzeugen? Sieh dir an, was Urgroßvater getan hat! Willst du so werden wie er? Willst du das?


Zorn packte ihn nun und er stand auf. Ich werde gehen!
Beide Elternteile standen ihm reglos und mit offenen Mündern gegenüber. Hatte ihr Sohn, ihr dritter, stiller, einfacher Sohn ihnen gerade widersprochen?
War es der gleiche Sohn, der sie verlassen hatte?

Er ignorierte die grellen Schreie seiner werten Mutter, als er die Eichentüre hinter sich zuschlug. Draußen hatte es angefangen zu regnen. Mit hochgezogenem Reisemantel lief er hinaus über das Feld vor dem Anwesen der Familie Llastobhar, dem Hause Tuireans.
Nur ein paar Stunden zuvor noch hatte das Haus bedrohlich gewirkt. Doch nun schien es nur noch alt zu sein. Alt und allein.

Verfasst: Donnerstag 26. Juli 2007, 09:32
von Leith Llastobhar
Lektion Vier: Der Herzpunkt

Hervorragende Sache Leith, du Abkömmling aus dem Hause Llastobhar. Zuerst hast du erkannt, was nur dein drittes Auge sehen kann. Die Gabe der Götter. Dann hast du gelernt, was dein Problem ist. Und zu guter letzt hast du es ziemlich grandios gelöst… so wie ich das sehe zumindest. Aber wir sind noch lange nicht fertig, oder?

Leith hatte nicht den Eindruck, dass die beiden schon fertig wären. Aber nachdem er nun die ganze Geschichte vor Waru vorgetragen hatte, fühlte er sich um vieles leichter. Er erzählte ihm genau, was Zuhause vorgefallen war und was er gesagt hatte, was seine Eltern geantwortet hatten und wie er sich dabei gefühlt hatte.
Er sah nun, dass für ihn auch andere Wege, als der ihm aufgetragene zur Verfügung standen. Waru hatte Recht behalten. Es standen viele Wege offen.


Nein. Wir sind noch nicht fertig. Entgegnete Leith nun mit einem aufgemunterten Schmunzeln. Er fand langsam Gefallen an dem alten Mann, der grundlos versuchte ihm zu helfen.
Was kommt als nächstes?

Der Herzpunkt. Es ist die Mitte deines Körpers, der spendende Quell deiner Kraft. Man sollte diesen nicht verachten, da er wohl beinahe der wichtigste von allen 7 ist. Zuerst kam dein Körper, dann dein Kopf, dann der Geist oder deine Seele. Jetzt widmen wir uns dem Herzen. Und du wirst sehen, die letzten drei Punkte werden dir ebenfalls gefallen. Es geht jetzt nicht mehr darum, heraus zu finden, wer du bist und was dein Problem ist, sonder wie du bist und was du schaffen kannst.
Der Herzpunkt ist also wie gesagt einer der sieben Flusspunkte oder auch Meridiane, wie man sie in der Sprache der Gelehrten bezeichnet. Deine Energie fließt durch alle diese sieben Punkte und gibt dir Kraft. Nicht allein einer ist dafür verantwortlich, nein. Es ist ein komplexes Zusammenspiel aller zusammen. Staut sich auch nur ein einziger, ist es mit der Ausgeglichenheit vorbei. Man muss sich mit Allen beschäftigen, um sich selbst zu verstehen und gesund zu sein. Ein Wunder, dass du überhaupt noch lebst.
Denn bei dir, mein lieber Schüler, waren alle 7 gestaut. Und das, an sich, ist schon eine Seltenheit. Wie du jedoch siehst, bringen wir die 7 wieder in Gleichklang.

Deswegen bin ich hier und tue das, was ich tue. Ich sorge dafür, dass das Gleichgewicht in unsere Welt zurück findet. Es ist meine Art der Religion. Kein anderer Weg hat mich also auch zu dir geführt, der du so besonders ungleich warst. Du wirst sehen, wenn wir fertig sind, wirst du es verstehen.
Vielleicht sollte ich nun, da du bereit bist, mir zuzuhören… da du bereit bist, zu verstehen, nicht nur erklären, was es mit den 7 Meridianen auf sich hat, sondern auch, was dir in den letzten Tagen passiert ist. Deine Fragen klären, deine Antworten finden.
An sich sollten deine Fragen schon großteils geklärt sein, oder? Das einzige was bleibt wäre vielleicht eine sprechende Eule und eine Geisterkatze. Du hast mir ja bereits erzählt, was vorgefallen ist und ich kann durchaus verstehen, wieso es dazu gekommen ist.

Weißt du… die Philosophie, der ich folge, schreibt immer den Weg mit dem geringsten Eingriff vor. Ich sorge für Gleichgewicht ohne dabei wirklich viel zu tun. Ich will nichts unnötig verändern, was nicht verändert werden will. Und ich greife nicht ein, wenn es nicht unbedingt notwendig ist. Manche Lebewesen schaffen den Wandel vom Chaos in die Ruhe von selbst. Bei anderen, wie dir, muss man nachhelfen. Entweder auf die eine, leichte Methode, oder auf die andere Methode, die wir gerade betreiben. Ein direkter Eingriff.
Doch bevor du mich trafst und wir uns folglich direkt gegenüber standen, habe ich dir auf etwas einfachere Art versucht zu helfen. Ich mischte dir unauffällig ein leichtes Beruhigungsmittel in deinen Honigwein. Natürlich als du gerade dabei warst, dich mit anderen Dingen zu beschäftigen, statt auf deinen Becher zu achten. Normalerweise können sich Meridiane auch durch einfache Meditationsübungen lösen lassen. Doch nicht so bei dir.
Da aber nun vielleicht ein paar Kräuter in der Mischung waren, die durchaus mal ein paar… wie sagt man noch… Halluzinationen verursachen können, hast du wahrscheinlich durch Fenster springende Katzen und sprechende Eulen gesehen wo gar keine sind. Kommt öfter vor.


Er zuckte belustigt mit den Schultern und schien sich über all dies zu amüsieren.
Leith hingegen fand es gar nicht komisch.


Was fällt dir überhaupt ein? Das ist nicht helfen, das ist vielmehr schon Verletzung meiner Gesundheit! Bist du denn irre? Wie krank muss man sein um jemandem „zur Hilfe“ etwas in sein Getränk zu mischen, das ihn halluzinieren lässt? Ich fasse es ja nicht!
Wer erlaubt dir denn, anderen Menschen oder Lebewesen zuzufügen, was du für das beste hältst? Was ist, wenn jemand deine Hilfe gar nicht nötig hat, oder nicht will?


Noch Minutenlang würgte Leith hervor, was ihn schon seit so langer Zeit an dem Guru gestört hatte. Er redete beinahe unaufhörlich auf den älteren Mann ein, wurde teilweise laut und zornig, dann wieder ruhiger, aber stetig empört. Waru ließ dies alles über sich ergehen und sagte kein einziges Wort. Er versuchte nicht einmal gegen die Anschuldigungen vorzugehen oder diese zu widerlegen.
Als Leith nach einer langen Pause dann wieder Luft holte, um sich selbst zu beruhigen, sprach Waru:


Nun. Du hast alles gesagt, was gesagt werden musste. Ohne es zu realisieren, hast du mir bereits im nächsten Moment verziehen. Du weißt, dass es richtig war, was ich tat und was ich tue. Wir haben uns bereits alles darüber gesagt. Du hast dein Herz sozusagen ausgeschüttet. Das hat viel mit dem Herzpunkt zu tun Leith. Jetzt ist deine Aufregung fort. Du bist dir über alles im Klaren, oder?

Langsam begreifend nickte Leith.

Dann kommen wir nun zu etwas pragmatischeren Übungen. Konzentriere dich auf dein Herz. Fühle, wie es sich bewegt. Höre den Schlag. Lass das Blut in deinem Körper fließen wie die Stromschnelle eines reißenden Baches. Konzentriere dich! Fühle den Rhythmus. Du weißt, dass das Lied bestimmt, wie dein Herz schlägt. Entweder gegen das Lied, mit dem Lied, oder leicht versetzt. Aber es richtet sich immer danach. Versuche dich darin einzustimmen. Bis du den Takt kennst und du selbst bestimmen kannst, wie schnell es geht. Denn sobald du das Tempo bestimmen kannst, kannst du auch deine Energien kontrollieren.

Verfasst: Montag 30. Juli 2007, 12:43
von Leith Llastobhar
Lektion Fünf: Der Lungenpunkt

Wie ich bereits sagte kommen wir nun zum nächstgelegenen, nächsten Punkt, der deine Kraft und deine innere Ruhe enorm beeinflussen kann. Sobald deine Lunge nicht mehr richtig funktioniert, kannst du nicht richtig atmen.
Atmen ist wichtig für alle Lebewesen, die du hier siehst. Für die kleinen Fische im Wasser, die Vögel oben am Himmel, die Rehe zwischen den Bäumen und auch für die Würmer im Erdboden.
Ohne deine Lunge…


Es waren inzwischen ganze 4 Monate vergangen, seit der junge Leith Llastobhar den Weg verlassen hatte und dem komischen Geruch eines verräucherten alten Mannes gefolgt war. Er konnte es selbst kaum glauben. 4 Monate ohne jemals ein warmes Bett gesehen zu haben. Geschlafen hatte er auf einem Baum oder manchmal zwischen Büschen und im hohen Gras. Gesehen hatte er kein einzig Haus, keinen anderen Menschen außer dem Guru, keinen seiner Freunde… seiner Familie. Sie fehlten ihm ungemein. Nicht nur das… er vermisste sie, vermisste die Gespräche mit Una, die Streitereien mit Alleen, die abendlichen Eskapaden mit Sorcha, Cathal oder den Anderen. Selbst seine Schwester hing ihm etwas am Herz, auch wenn Tuirean und Ginessa sie für seinen Geschmack etwas verzogen hatten.
Waru Maru hatte ihm gesagt, dass er noch nicht gehen könne. Zu viel würde dadurch verloren gehen und er würde wieder in den alten Zustand zurückfallen, in dem er vor Monaten hier ankam.
Was Waru nun noch genau von ihm wollte, wusste er nicht. In den letzten Tagen hatte er eine halbe Ewigkeit damit verbracht, sich auf sein Herz zu konzentrieren, körperliches Training zu absolvieren, Holz für die Nacht zu hacken und im Stillen nach einem tieferen Sinn des Ganzen zu suchen.

Und da… ein kleines Glimmen, ein funkelnder Splitter Licht im großen Dunkel der Nacht. Es erfüllte ihn Wärme. Wie unter einer warmen Decke hüllte ihn das Gefühl ein und drängte sich von Innen durch seinen gesamten Körper. Er war frei, endlich frei und bereit für eine neue Welt, einen neuen Tag, die neue Lektion… ein neues Selbst.

Die darauf folgenden Tage dachte er mit keinem einzigen Gedanken mehr an seine Verwandten oder seine Akademie… alles was wichtig war, war die Übung mit der Lunge. Atmen, ein und aus, tief und lang, kurz und kräftig. Die Fortschritte waren schneller zu erkennen als beim letzten Mal. Bald schon war Maru davon überzeugt, dass Leith es geschafft hatte. Der fünfte Punkt. Nur noch zwei Lektionen.

Verfasst: Montag 30. Juli 2007, 12:45
von Leith Llastobhar
Lektion Sechs: Der Gliederpunkt


Waru… was ist der letzte Punkt?
sagte der junge Mann mit dem schneeweißen Haar in seiner gewohnt kalten Stimme. Allmählich wirkte er etwas erwachsener, obgleich noch viel des jungen Eifers in ihm übrig geblieben war. Seine Gesichtszüge hatten sich in den letzten Tagen geglättet, wohl weil auch Anstrengung in den letzten Tagen lag, die sich nun langsam aber stetig absenkte. Der vorletzte Punkt hatte etwas mit Gliedmaßen zu tun, soviel war ihm inzwischen bewusst geworden. Doch Waru Maru, der weise alte Mann mit dem leicht verrückten Geist hatte ihn über den letzten Punkt im Unklaren gelassen.

Der letzte Punkt? Du fragst dich, was der letzte Punkt ist, bevor du den Vorletzten geöffnet hast? Sei nicht so voreilig, Leith… du wirst sehen, wenn es so weit ist. So ist es mit vielen Dingen im Leben. Man muss abwarten können. Warten ist eine wichtige Tugend.
Der in die Jahre gekommene, ausgezehrte Mann mit den leicht gräulichen Haaren, dem inzwischen langen Bart und den zerschlissenen Klamotten hatte ihm nun schon eine halbe Ewigkeit lang Vorträge gehalten und Tipps gegeben. Langsam waren beide es sichtlich Leid, das übliche Verhältnis von Schüler und Lehrer beizubehalten und man merkte schnell, dass Waru andere Pläne für Leith erdacht hatte, als ihn zu einem ewig Fragenden abzustempeln. Seine Fragen sollten Antworten finden. Er sollte ein Wissender werden…

Doch wie wird man ein Wissender? Und was ist das überhaupt?


Dein Arm. Er ist verunstaltet.
Ja, ein Buch… tat mir diese Verletzung an… es war verflucht. Mein Onkel Kailen…
Sag nichts weiter! Ich glaube, der Gliederpunkt wird dir helfen können. Sieh dir deinen Arm genau an. Er ist wie verbrannt, nicht? Mit Brandblasen übersäht, die nicht zu heilen sind… wie verflucht.
Selbst magische Heilkraft hat nichts bewirkt. Wie soll diese Verletzung mit dem Gliederpunkt in Verbindung stehen?
Weil die Verletzung nicht das eigentliche Problem ist. Auch nicht der Fluch! Du bist es selbst, der diese Verletzung zulässt. Dein Gliederpunkt ist gehemmt! Du musst ihn lösen.
Wie soll so etwas gehen? Mein Arm… ich sagte doch eben, dass die Verletzung nicht heilbar war!
War! Und genau das ist doch der Punkt! Du versuchst dich verkrampft an die Vergangenheit zu klammern! Hör auf damit! Was willst du damit bezwecken?

Konzentriere dich! Sieh auf deine Handfläche und konzentriere dich auf das Blut in ihr. Sieh nicht eher weg, bis du fühlst, dass es anfängt zu kribbeln! Dann erst konzentrierst du dich auf dein Handgelenk! Tu dann das gleiche mit deinem Unterarm… und so weiter.

Aber…
Nun mach schon Leith!

Stunde um Stunde verstrich in der heißen Mittagszeit. Es war inzwischen Sommer geworden. Der junge und der alte Mann saßen beiden voreinander, beide im Schneidersitz, die linke Hand in der Rechten. Der Blick fixierte die Handfläche. Noch ein paar mehr Stunden verstrichen. Die Vögel zwitscherten vergnügt und der Wind strich langsam durch die Blätter der Bäume um die beiden herum. Dann tauchte Leith hinab in einen tiefen See. Alles um ihn herum verschwamm zu einer Masse aus Licht und Dunkelheit, ohne Farbe. Ohne zu wissen wie, konnte er sich in seiner Konzentration frei bewegen. Er war in Meditation gefallen und erforschte nun seinen Geist und Körper. Am Boden des Sees lag etwas Glitzerndes, wie ein Stern am Nachthimmel, der hell glimmen wollte, fast wie ein Feuer, das noch einmal die letzte Kraft zeigen will, bevor es in Rauch und Asche übergeht. Seine Hand streckte sich nach dem funkelnden Punkt und als die Fingerspitzen es leicht berührten, durchdrang ihn ein heißer, gleißender Strahl bläulichen Lichts. Es brannte wie Lava in seiner Haut, fraß sich bis nach oben in seinen Schädel und riss ihn schließlich aus seiner Meditation heraus.

Überwältigt vor Erstaunen sah er seinen linken Arm. Er war geheilt.

Verfasst: Montag 30. Juli 2007, 14:03
von Leith Llastobhar
Lektion Sieben: Der siebte Punkt


Waru… was ist der letzte Punkt?

Hmmm… das weiß ich doch nicht! Du siehst so aus als hättest du von mir erwartet, dass ich dir alles vorkaue, was? HAHAHA!

Mit einem Mal fiel der alte Mann wieder in sein ehemaliges Gemüt zurück und wirkte wie der Seebär, den Leith einst am Strand getroffen hatte. Er zauste durch seinen Bart, strubbelte seine Haare quer und setzte sich auf einen großen Stein.

Junge! Du glaubst einem auch alles, was? Wenn man dir erzählen würde, Tauben flögen rückwärts, so wärst du sofort dabei, nicht? HAHAHA!

Sag mal wie hat dich denn dein Vater überhaupt erzogen? Völlig verwirrter Bengel! Keine Ahnung vom Leben und braucht Hilfe von einem alten Mann… und dann fragt er nach irgendwelchen Punkten und hört sich gehörig den Mist an, den man ihm erzählt! HAHAHA!


Leith betrachtete still seinen Lehrmeister, der ihm über die vielen Monate so viel beigebracht hatte.

Heiliger Blaubarsch! Kuck mich nicht so an! Da werd ich ja noch sentimental! Sieht aus als würdest du erwarten, dass ich dir noch irgendetwas mitteile! Mitnichten doch! Vergiss es!

Aber wie soll ich? Was ist der letzte Punkt? HE!

Mit einer weit ausgezogenen Hand schlug Waru, der direkt hinter ihm saß, auf Leiths Rücken und brachte ihn damit zum Husten.

Als sich der Husten gelegt hatte, drehte sich Leith um.

Niemand war zu sehen.

Er war allein.


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… seine Hände berührten das Eisentor.

Der letzte Punkt…

der Rückenpunkt.

Natürlich.