Lethilifae Sphana - Melodien der Welt
Verfasst: Mittwoch 11. Juli 2007, 13:47
Die Niederlage
Sanft tropfte der morgendliche Tau von den Bäumen der Stadt aus Licht. Die ersten Strahlen der Sonne tauchten die Stadt, in der der Nebel noch über den Boden kroch, in ein mystisches Licht. In der Stadt sah man einige Edhil umherlaufen und einige davon sammelten sich am Hauptplatz um die Sonne mit einem Lied zu begrüßen. Auf den Stufen, die zum Brunnen hinaufführten, saß bereits Lamentinu, die ein sanftes Lied anzustimmen begann. Ihre glockenhelle Stimme verband sich mit den Klängen der Harfe zu einer Ode an Phanodain, in der sie den Morgen und die Schöpfung pries.
Die Melodie floss über die Stadt hinweg, wie der Bach über die Steine und so vernahm auch Lethilifae mit Freuden diese Harmonien. Da sie sonst nichts Weiteres zu tun hatte zu dieser frühen Stunde, beschloss sie, sich auch am Hauptplatz einzufinden, um dort ebenfalls den Klängen der Barden zu horchen. Etwas abseits, ließ sie sich neben einem Baum nieder und ein Tautropfen fiel auf ihre Nase. Ein Lächeln erschien auf ihren Lippen, während der Tropfen langsam und scheinbar zum Fluss der Melodie hinunter ran, um dann auf ihre herausgestreckte Zunge zu tropfen. Mit ihrem feinen Geschmackssinn tastete sie nach dem nun warmen Tropfen in ihrem Mund und lies ihn langsam die Kehle hinunter rinnen, so dass er eine Spur der morgendlichen Frische auf ihrer Zunge hinterließ. Als sich der Geschmack wieder verflüchtigt hatte, horchte sie wieder genauer auf die Töne, die die morgendliche Luft zu ihr trug. Dann kam ihr wieder die Erinnerung an den Tautropfen und sie schloss die Augen und stellte sich vor wie diese Melodie, die sie hört, noch dichter werden könnte, um auch den Tautropfen zu beschreiben.
Sie schlug ihre Lider wieder auf und lauschte noch einen Moment, ehe sie ganz leise begann, ihre Gedanken zu summen. Es gefiel ihr, wie sich ihre Melodie in die von Lamentinu einfügte und so wagte sie, sie etwas lauter zu summen, während sie ihren Körper im Takt der Melodien wiegte. Doch anscheinend schien nicht jedem ihre Melodie so gut zu gefallen, da plötzlich einer der älteren Edhel sich zu Lethilifae umdrehte und sachte den Zeigefinger auf die Lippen legte. Verärgert verstummte sie und schloss erneut ihre Augen, um die Melodie besser hören zu können. Noch einige Zeit drangen die verschiedenen Melodien an ihr Ohr und in Gedanken fügte sie ihre eigenen Noten hinzu, um sie zu einem für sie perfekten Ganzen zu konstruieren.
Als die Sonne vollständig über die Berge gestiegen war, die Ered Luin umgeben, verklang die Melodie langsam und entschwand über jene Mauern aus uraltem Stein. Lethilifae öffnete ihre Augen wieder und ihr Blick schweifte langsam über die Anwesenden, die sich langsam zerstreuten, um den Arbeiten des Alltages nachzugehen. Lamentinu stieg die Stufen hinunter und ging leichtfüßig eine leise Melodie summend in Richtung ihres Hauses. In einer einzigen fließenden Bewegung erhob sich die noch junge Edhel um ihr zu folgen. Als die beiden alleine waren drehte sich Lamentinu um, blickte mit ihrem sanftmütigen Lächeln zu ihr und winkte ihr, näher zu kommen. Etwas zögerte Lethilifae noch, ehe sie ihren Entschluss gefasst hatte und auf Lamentinu zutrat.
In der Sprache der Elfen berichtete sie ihr in kurzen Worten von dem Tautropfen am Morgen und dass sie versucht habe, diese eine Melodie zu summen, die ihr dabei durch den Kopf gewandert ist. „Ich möchte versuchen diese Melodien zu spielen“, sagte sie dann voller Tatendrang zu der Bardin, die sich dann versicherte, ob sie tatsächlich ihre Harfe spielen wolle. Lethilifae bestätigte dies und griff ein wenig hastig nach dem Instrument, das ihr die Bardin reichte. Sie schloss die Augen um sich erneut den Tropfen in Erinnerung zu rufen und sich die Melodie vorzustellen, wie sie aus dem Tropfen hervorquoll. Ihre zierlichen Hände griffen in die Saiten des Instrumentes und begannen, diese leicht anzuzupfen, während sie noch leise dazu summte. Doch die Harmonien die sie zum erklingen brachte, hätten einzig und allein den Dienern Alathars Freude bereitet und das, obwohl sie bereits ein wenig im Umgang mit der Harfe geübt war. Das Spielen ihrer eigenen Ideen war ihr noch nie gelungen und nur in ihren Gedanken und Träumen erklangen sie so hell und rein wie beabsichtigt. Lamentinu strich ihr über den Kopf und beruhigte sie, als sie zu schluchzen begann. Sie würde wohl nie in der Lage sein so zu spielen wie Lamentinu. Und als würde diese ihre Gedanken lesen, sprach diese: „Beruhige dich mein Kind, du bist noch so jung wie dieser Morgen und die Zeit wird dich lehren dich zu gedulden. Auch du wirst eines Tages so gut spielen können wie ich und wenn nicht, so wirst du eine andere Berufung finden, die dir von Phanodain zugedacht wurde. Diese wirst du dann ebenso gut erfüllen wie ich die meinige.“ Lamentinu nahm die Harfe wieder entgegen und verschwand in ihrem Haus, die enttäuschte Lethilifae zurücklassend. Sie drehte sich um und huschte rasch durch die Tore Ered Luins hinaus um hinunter zum See zu gehen. Dort wollte sie in Ruhe über das Geschehene nachdenken und wahrscheinlich den See mit ein paar salzigen Tränen füllen.
Der Traum
Auf leisen Sohlen schlich sich die zierliche Gestalt der Edhel durch das Schilf, das den See umzäunte, bis hin zu dem Felsblock, aus dem die Quelle floss. Dort hatte sie ihren Platz von dem keiner wusste, denn hinter einem Vorhang aus Schilf verbarg sich ein kleines Loch, das in eine kleine Aushöhlung führte, die gerade eine Person aufnehmen konnte. So ließ sich Lethilifae auf ihre Knie nieder und schob behutsam das Schilf zur Seite, um in ihr Versteck zu kriechen. Sie legte sich nieder auf den kalten nackten Stein und rollte sich ein wenig zusammen. Mit geschlossenen Augen dachte sie an den heutigen Morgen, wie schön es doch hätte sein können, wäre sie doch nur in der Lage gewesen ihre Gedanken auf das Instrument zu transferieren. Langsam verflogen ihre Gedanken und die Müdigkeit legte sich wie eine Decke über ihren Geist und ließ sie sanft einschlummern.
Sie blickte auf sich selbst herab, wie sie in der kleinen Höhle zusammengekauert schlief und glitt dann langsam nach draußen. Frei wie ein Vogel flog sie hoch empor in die Lüfte und stürzte dann rasch wieder zurück auf die Erde. Langsam glitt ihr Geist durch den Nebelwald, immer wieder inne haltend, um dem Gesang der Vögel und den Stimmen der Tiere zu lauschen. Wie friedlich hier nur alles war, dachte sie sich und begann leise eine Melodie zu summen, die ihr gerade abrupt in den Sinn kam. In einem lange andauernden Crescendo steigerte sich ihre Stimme, bis sie schließlich aus voller Kehle die Melodie von sich gab. Das ganze tat sie mit einer Leichtigkeit, die sie bisher nicht gekannt hatte und so war es wenig verwunderlich, dass es einige Momente gebraucht hatte, bis sie den Wolf vor sich entdeckt hatte. Es war ein durchaus stattliches Exemplar einer Grauwölfin, die sich vor ihr aufgebaut hatte. Ihr Fell, das mit einigen Tropfen übersäht war, schimmerte leicht bläulich im fahlen Sonnenschein, der es durch das dichte Blätterdach gewagt hatte. Beeindruckt von dem Tier, ließ Lethilifae ihre Melodie verklingen, um sich die Wölfin genauer anzusehen. Plötzlich sprach eine Stimme in ihrem Kopf: „Weit trug deine Stimme die Melodie und von weit her kam ich, da du mich riefst.“. Verwirrt blickte sich die Edhel um, doch war weit und breit niemand zu sehen, sogar der Wald schien ein wenig zurückgewichen zu sein. So wandte sie sich wieder um und glitt etwas näher auf die Wölfin zu, um ihr dann zu sagen, dass sie sie nicht gerufen habe. „Höre auf dein Herz, es wird dir meine Worte bestätigen. Doch nun komm schon, es gibt viel was ich dir zu zeigen habe.“ Diese Worte jedoch steigerten die Verwirrung der jungen Edhel nur noch mehr und dennoch, als wüsste sie was sie was die Wölfin von ihr wollte, bewegte sich ihr Geist rasch auf das Tier zu. Dann wurde es für einen Moment dunkel und Lethilifae wollte ihre Augen wieder öffnen, doch irgendetwas hielt sie davon ab. Einen Augenblick später sah sie bereits den Nebelwald wieder vor ihren - nein nicht ihren - den Augen der Wölfin. Furcht ergriff sie, als sie sich bewusst wurde, dass sie sich nun im Körper des Wolfes befand. Sie wollte sich davon befreien und wieder fliegen wie vorhin. Doch da sprach erneut die Stimme, die sie nun gänzlich einzuhüllen schien: „Fürchte dich nicht mein Kind, es wird dir hier nichts geschehen. Lausche der Melodie deines und meines Herzens, dann weißt du es.“ Die Stimme hielt für einen kurzen Moment inne, ehe sie weniger energisch weiterredete: „Doch würdest du dies bereits können, so wärest du nicht hier. So musste ich mich eines kleinen Tricks bedienen, entschuldige dies bitte.“ Es war Lethilifae gar nicht aufgefallen, dass sie mittlerweile durch den Nebelwald rasten, doch da sie nichts weiter zu tun brauchte, konzentrierte sie sich auf ihr Herzen, doch sie hörte lediglich das des Wolfes, das hastig pochte und das Blut in den Körper verteilte.
Der Baum des Lebens
Der Wolf preschte durch den Wald, auf die Lichtung in Richtung des Massives des Unheilsberges. Nach einer Weile erkannte Lethilifae das kleine Tal, auf das sie zusteuerten. Es war eng und führte zu einem Baum, dem Baum des Lebens, ohne den es kein Grün auf der Insel geben würde. Geübt sprang der Wolf über die Steine und das Geröll, bis sie auf die kleine Lichtung stießen, die den Baum umrahmte. Die Blätter des Baumes leuchteten hell in der Sonne und wiegten sich sanft zum Takt des Windes.
Der Wolf legte sich an den Stamm des Baumriesen, an jene Stelle, wo ihm gerade die Sonne aufs Fell schien. Er schloss die Augen und so konnte auch Lethilifae nichts weiter sehen. Nach ein paar Minuten wurde sie unruhig, versuchte gezielt irgendwie mit dem Wolf zu sprechen. Doch er schien sie nicht zu hören, oder wohl eher: wollte er sie nicht hören. Nach und nach entspannte sie sich, bis sie in einen sanften Schlaf fiel.
Sie wusste nicht wie lange sie so verbracht hatte, doch die Augen des Wolfes waren immer noch geschlossen. Dooh da war ein Geräusch gewesen, das sie geweckt hatte. Wölfe hörten normalerweise besser, wieso war sie denn nicht aufgesprungen? Sie horchte etwas genauer an das Geräusch, das sie im Hintergrund vernahm. Für einen Moment dachte sie, es wäre eine Melodie, doch irgendwie entschwand das Geräusch wieder. Sollte sie nun enttäuscht sein oder doch erleichtert? Diesen Fetzen, den sie wahrgenommen hatte, war ihr fremd und völlig unbekannt erschienen und doch so rein. Als sie wieder begann sich zu entspannen, kehrte die Melodie wieder zurück und diesmal war sich die junge Edhel sicher, es war eine Melodie.
Da schlug der Wolf die Augen auf und sie hörte in ihrem Kopf erneut jene Stimme. „So ist die Melodie verschwunden. Denn du konzentrierst dich nicht nur mehr auf sie.“ Erneut wurde es dunkel um sie herum und die Melodie begann erneut, sich um sie aufzubauen. Tief hinunter ging sie, wo sie sich feingliedrig erstreckte und hoch hinauf, wo sie sich sanft wiegte. Sie konnte sich nicht erklären, wie sie zu dieser Interpretation kam. Sie war einfach da. „Du siehst nicht mit den Augen und siehst trotzdem den Baum. Du hörst nicht mit den Ohren und hörst trotzdem das Rascheln der Blätter. Du tastest nicht nach dem Stamm und fühlst trotzdem die raue Rinde. Du riechst nicht mit deiner Nase und riechst trotzdem das frische Harz. Du hast keine Frucht in deinem Mund und schmeckst trotzdem den süßen Saft.“ Das war zwar nicht ganz richtig, denn diese Feinheiten konnte sie nicht ausmachen, doch aus irgendeinem Grund merkte sie, dass die Worte wichtig sein mussten. Sie höre doch mit den Ohren, dachte sie, doch die Stimme erwiderte, dass nun sie höre. Die Edhel horchte erneut genauer auf die Melodie und der Baum, den sie nicht sehen konnte, nahm immer mehr Gestalt an. Tatsächlich waren nun die raue Rinde zu erkennen und auch die fein verästelten Wurzeln, die sich durch die Erde gruben. Mit der Zeit fühlte sie dann wie die Säfte unter der Rinde nach oben krochen, wie ein Käfer über ein Blatt kroch und sie schmeckte den Saft der Früchte, als würde sie gerade eine essen.
Als der Wolf plötzlich seine Augen wieder öffnete, war ihr klar, dass bereits einige Zeit vergangen sein musste, denn die Sonne war schon vollständig hinter den Bergen verschwunden. Die Melodie war wieder verschwunden, allerdings nicht vollständig. Am Rande ihrer Wahrnehmung war sie noch da. Sie wollte sie wieder genauer hören, diese schöne Melodie, doch da preschte der Wolf schon wieder durch das enge Tal und die Melodie entschwand.
Es folgte eine wilde Jagd im Nordwald, wo der Wolf sich etwas zum fressen riss und danach eine ruhige Nacht unter dem Schutz der Bäume des Nebelwaldes. Einige Tage zogen die beiden durch die Wälder und besuchten ab und zu den Baum des Lebens. Lethilifae merkte, wie sie die Melodie des Baumes immer leichter einfangen konnte. Mit der Zeit gelang es ihr sogar, die Melodie der Grashalme um sie herum wahrzunehmen.
Als sie eines Morgens im Nebelwald erwachten, wurde sie erneut von einer Melodie im feinsten Pianissimo geweckt. Sie war überall um sie herum und alle möglichen Facetten waren darin wahrzunehmen.
Die nächsten Tage vergingen ohne größere Vorkommnisse. Sie besuchten den Baum jedoch nicht mehr und die Wölfin, in der Lethilifae verweilte, schlief meist. Zumindest hatte er die Augen geschlossen und so lernte sie rasch die Melodie um sie herum genauer wahrzunehmen. Langsam merkte sie, dass sie in der Lage war, ihre Umgebung wahrzunehmen. Dass sie Ursprünglich einmal am Teich lag, wurde ihr von Tag zu Tag unbewusster, bis sie es schließlich ganz vergaß. Sie wollte schließlich gar nicht mehr aus dem Körper der Wölfin heraus. Tag um Tag, Monat um Monat verging, wahrscheinlich sogar einige Jahre, doch Zeit spielte keine Rolle, bis die Stimme der Wölfin wieder zu ihr sprach: „Die Melodie des Baumes ist sehr stark, deshalb warst du schnell in der Lage sie wahrzunehmen. Auch im Nebelwald ist es leicht die Melodie wahrzunehmen. Du hast deine Wahrnehmung der Melodie bereits etwas verbessert, doch lange noch nicht bist du in der Lage, jede Feinheit wahrzunehmen. Lasse die Melodie deiner Umgebung dein stetiger Begleiter sein, nur dann wirst du es schaffen, die Melodie in ihrer reinsten Form wahrzunehmen.“
Jahre der Wanderschaft
In den folgenden Jahren zog die Wölfin durch das Land, das sich Gerimor nannte. Die unterschiedlichsten Städte und Dörfer suchten sie auf. Von Rahal über Varuna, von Berchgard nach Bajard führte ihr Weg. Ohne bestimmtes Ziel, ohne Sorge um die vergangene Zeit. Während dieser Zeit lernte Lethilifae die Melodien der Welt kennen. Von allerschönsten Harmonien bis hin zu den Disharmonien, die nur Letharen erschaffen konnten. Die Städte der Temora waren nicht so mit reinen Harmonien durchzogen, wie sie es vermutet hätte und selbst bei den Letharen fanden sich noch Teile der Melodie, die sehr harmonisch waren. „Völlige Harmonie und völlige Disharmonie gibt es nicht und wird es nie geben, denn es wäre der Untergang.“ So lauteten die Worte der Wölfin, die sich auch auf ein Schiff nach Lameriast schmuggelte. Auch dort streiften sie durch die Wälder, suchten die Burg und die Tiefländer auf. Tief in den Unheilsberg zu den Zwergen verschlug es sie, ebenso wie in das Dorf ihrer Nachbarn, der Waldelfen. Scheinbar unendlich langsam nahm Lethilifae immer mehr von ihrer Umgebung war, wenn die Wölfin ihre Augen geschlossen hatte. Doch da die Zeit so unbedeutend war wie ein Regentropfen im Meer, lernte sie geduldig und eifrig. Mit der Zeit war es ihr dann sogar möglich, die Melodie leise wahrzunehmen, wenn der Wolf die Augen offen hatte.
Da fragte sich die Edhel, was sie denn noch alles lernen konnte. Die Melodie war für sie nun etwas Alltägliches geworden. Doch die Wölfin lachte diesen Gedanken nur aus.
Geflügelraub
Eines Tages war die Wölfin wieder nach Rahal gelaufen und gegen Abend verspürte Lethilifae, wie die Wölfin hungrig wurde. Diese steuerte auch gerade einen Bauernhof an. Wahrscheinlich würde sie dort ein Huhn reißen, dachte sich die Edhel, denn sie wusste, wie sie unter dem Zaun hindurchschlüpfen konnte. Tatsächlich machte die Wölfin dann auch genau dieses und schnappte sich mit einer gekonnten Bewegung eines der aufgescheuchten Hühner.
Ein Sirren ertönte in der lauen Abendluft und einen Augenblick später spürte Lethilifae wie der Pfeil sich in das Fleisch des Wolfes grub. Rasch wendete der Wolf seinen Kopf und sah den Bauer hämisch grinsend hinter dem Zaun stehen. Sie wollte raus hier und lief auf das Loch zu, das sie bereits als Eingang benutzt hatten, doch kosteten ihr diese Schritte unendlich viel Mühe und das Loch schien sich immer weiter von ihnen zu entfernen. Plötzlich brach das Tier zusammen und schloss die Augen. Schlafmittel, schoss es der Edhel durch den Kopf. Nachdem sie sich wieder ein wenig beruhigt hatte, konzentrierte sie sich erneut auf die Melodie und so konnte sie wahrnehmen, wie die Wölfin an eine Wand gekettet wurde. Der Pfeil wurde aus ihrer Flanke gezogen und die Wunde mit einer Salbe behandelt. Lethilifae bekam es mit der Angst zu tun und zum ersten Mal seit langer Zeit wünsche sie sich, dass sie den Körper des Wolfes wieder verlassen konnte. Doch wie auch bei den ersten Versuchen, war ihr dies auch nun nicht möglich.
Mit Entsetzen fiel ihre Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Melodie, die sich ihnen rasch näherte. Sie konzentrierte sich so gut sie konnte darauf und zuckte innerlich zusammen unter der Hitze, die von dieser Hitze, die von dem Gegenstand ausging. Würde der Bauer den Wolf nun Brandmarken? Panik erfasste sie, als sie die Worte des Bauern vernahm: „Damit du meine Hühner nicht mehr zu Augen bekommst.“ Unendliche Pein durchfuhr den immer noch leblosen Körper des Wolfes, als sich das heiße Eisen in das linke Auge des Wolfes bohrte. Lethilifae schrie und wand sich, versuchte sich erneut mit aller Kraft zu befreien, doch Erfolg war ihr keiner vergönnt. Da fuhr das Eisen auch schon ein zweites Mal herab und drang zischend, einen ekelhaften Gestank verbreitend, in das rechte Auge der Wölfin ein. Dann wurde es Dunkel um sie.
Irgendwann, das Gefühl für Zeit völlig verloren, erwachte die Wölfin wieder. Auch Edhel kam wieder zu Bewusstsein. Die nunmehr toten Augen des Tieres schmerzten und ließen keinerlei Zweifel, dass sie noch am Leben war. Sie konnten absolut nichts sehen. Es war nicht etwa schwarz um sie, sondern es war einfach nichts. Die Ohren hatte sie noch, doch damit konnte man nicht sehen. Was würde nun sein, fragte sie sich, doch die Wölfin blieb stumm. Sie solle doch mit ihr reden, dachte sich Lethilifae wütend, doch nichts wahr zu vernehmen. Die Stimme die sonst ab und zu mit ihr gesprochen hatte, war verstummt. Durstig fühlte sich die Wölfin an, doch keinerlei Regung ging von ihr aus. Du musst doch was trinken, erheb dich, komm schon, dachte die Edhel, in der Hoffnung die Wölfin würde darauf reagieren und tatsächlich erhob sich das Tier wackelig auf seine vier Pfoten. Doch es tat keinen Schritt vorwärts, bis die Edhel in Gedanken das Tier verfluchte, es solle sich doch bewegen. Da merkte Lethilifae, wie sie den Körper des Wolfes spürte, auf eine Art wie sie es bis zuvor noch nicht gekannt hatte. Es fühlte sich so an als wären ihre Arme und Beine die Pfoten des Wolfes und dann wurde ihr eines schlagartig bewusst: Nicht die Wölfin bewegte sich hier durch den Wald - es war sie selbst!
Just in jenem Moment der Erkenntnis prallte ihr Kopf gegen einen Baum und sie krümmte sich erneut vor Schmerzen. Als sie sich wieder ein wenig erholt hatte und die Schmerzen auf ein nur kaum erträgliches Maß gesunken waren, erhob sie sich erneut, blieb jedoch an Ort und Stelle stehen. Die Schmerzen musste sie ignorieren, das was sie hörte und fühlte, musste egal sein, denn nur die Melodie um sie herum würde ihr zeigen, wohin sie zu gehen hatte. Scheinbar eine kleine Ewigkeit stand sie ruhig vor dem großen Baum und konzentrierte sich darauf wahrzunehmen, ohne zu hören und fühlen. Langsam kam die Melodie zurück, Bäume formten sich schemenhaft um sie herum und nicht allzu weit entfernt schlängelte sich ein Bach durch den Wald. Vorsichtig und unbeholfen ging Lethilifae in nun ihrem Körper los. Einige Male stolperte sie, wenn sie sich für einen Moment nicht völlig auf die Steine und Wurzeln vor ihr konzentrierte, doch schlussendlich ließ sie sich am Rande des Bachbettes nieder. Gierig schlürfte sie das kühlende Nass in ihren Rachen. Es war wahrlich eine Wohltat! Nachdem sie genug getrunken hatte, sank sie nieder und fiel vor lauter Anstrengung in einen tiefen unruhigen Schlaf.
Zurück
Immer sicherer bewegte sich Lethilifae mit dem Körper des blinden Wolfes durch die Wälder Gerimors. Sie war meist in der Nacht unterwegs, da es für sie ohnehin keinen Unterschied machte, ob nun Licht ihren Pfad erhellte oder nicht. So erreichte sie nach einigen Tagen wieder den Rand des Nebelwaldes. War sie nun wieder zuhause? Sie wagte nicht, sogleich nach Ered Luin aufzusteigen. Die Reaktionen ihrer Freunde - wie würde sie wohl sein? Nein, zuerst wollte sie dorthin zurück, wo die Kraft des Lebens, die Melodie am stärksten war: zum Baum des Lebens, dass er vielleicht die Augen des Wolfes wieder zurück zum Leben erwecken konnte. Irgendwie war sie sich dessen nicht sicher, doch verzweifelt wie sie war, klammerte sie sich an diesen Strohalm der Hoffnung.
Sie schlich sich am Lager der Waldgeister vorbei, hin zu dem schmalen Tal, das zu der Lichtung führte. Oben angekommen, legte sie sich wieder, wie am ersten Tag, an den Stamm des Baumes und entspannte ihren ausgemergelten Körper. Wieder nahm sie die Melodie des Baumes war, was hier keinerlei Problem mehr darstellte. Dann, für einen kleinen Augenblick selber, fühlte sie sich wie der Baum. Es war ein Moment der Erleuchtung und es gelang ihr, sich wieder zu fassen und erneut in diesen Zustand überzutreten. Die reine Melodie, wie die Wölfin ihr gesagt hatte, genau das war es, was sie nun wahrnehmen konnte. Doch spürte sie auch, dass der Baum keine Hilfe für ihre Blindheit war.
Lethilifae, begab sich mit ihrer Wahrnehmung wieder zurück zum Körper des Wolfes. Sie tastete nach den einzelnen Fasern und Sehnen. Bis hoch zum Kopf und schlussendlich verharrte sie bei den zerstörten Augen. Die Melodie, die sie dort wahrnahm, war falsch und lückenhaft.
In ihren Gedanken wusste sie, wie damals am Morgen vor Beginn des großen Traumes, was sie tun müsste, um die Melodie auszubessern. In ihrem Kopf stellte sie sich vor, wie es wohl wäre, wenn alles an diesem Körper wieder die richtige Melodie hätte. Zuerst kaum wahrnehmbar, dann jedoch schleichend und immer deutlicher werdend, begann sich die Melodie zu ändern. Die Augen nahmen wieder Form an, die Nerven wurden wieder miteinander verbunden, bis sich alles zu der einzigartigen Harmonie eines Wolfes verband. Sie wagte nicht die Augen zu öffnen, war sie doch alles andere als überzeugt von dem, was sie gerade getan hatte. Hatte sie tatsächlich die Melodie verändert, wie sie es wollte?
Langsam öffnete sie ein Lid nach dem anderen. Gleißendes Licht flutete in ihre Augen. Rasch musste sie sie wieder schließen. Als sie sich dann langsam an das Licht gewöhnt hatte, blickte sie sich um, bis ihr Blick auf ihren Körper fiel. Da sie sich nur auf das Sehen konzentriert hatte, war ihr gar nicht aufgefallen, dass sie sich verändert hatte. Denn sie war wieder sie selbst - sie war wieder eine Edhel. Nur noch die Wolfsspuren, die zum Baum führten, zeugten von ihrem einstigen Körper. Die Zeit des Lernens war wohl fürs erste abgeschlossen, dachte sie sich, doch falscher hätte sie wohl nicht liegen können! So machte sie sich auf den Weg Richtung Ered Luin.
Sanft tropfte der morgendliche Tau von den Bäumen der Stadt aus Licht. Die ersten Strahlen der Sonne tauchten die Stadt, in der der Nebel noch über den Boden kroch, in ein mystisches Licht. In der Stadt sah man einige Edhil umherlaufen und einige davon sammelten sich am Hauptplatz um die Sonne mit einem Lied zu begrüßen. Auf den Stufen, die zum Brunnen hinaufführten, saß bereits Lamentinu, die ein sanftes Lied anzustimmen begann. Ihre glockenhelle Stimme verband sich mit den Klängen der Harfe zu einer Ode an Phanodain, in der sie den Morgen und die Schöpfung pries.
Die Melodie floss über die Stadt hinweg, wie der Bach über die Steine und so vernahm auch Lethilifae mit Freuden diese Harmonien. Da sie sonst nichts Weiteres zu tun hatte zu dieser frühen Stunde, beschloss sie, sich auch am Hauptplatz einzufinden, um dort ebenfalls den Klängen der Barden zu horchen. Etwas abseits, ließ sie sich neben einem Baum nieder und ein Tautropfen fiel auf ihre Nase. Ein Lächeln erschien auf ihren Lippen, während der Tropfen langsam und scheinbar zum Fluss der Melodie hinunter ran, um dann auf ihre herausgestreckte Zunge zu tropfen. Mit ihrem feinen Geschmackssinn tastete sie nach dem nun warmen Tropfen in ihrem Mund und lies ihn langsam die Kehle hinunter rinnen, so dass er eine Spur der morgendlichen Frische auf ihrer Zunge hinterließ. Als sich der Geschmack wieder verflüchtigt hatte, horchte sie wieder genauer auf die Töne, die die morgendliche Luft zu ihr trug. Dann kam ihr wieder die Erinnerung an den Tautropfen und sie schloss die Augen und stellte sich vor wie diese Melodie, die sie hört, noch dichter werden könnte, um auch den Tautropfen zu beschreiben.
Sie schlug ihre Lider wieder auf und lauschte noch einen Moment, ehe sie ganz leise begann, ihre Gedanken zu summen. Es gefiel ihr, wie sich ihre Melodie in die von Lamentinu einfügte und so wagte sie, sie etwas lauter zu summen, während sie ihren Körper im Takt der Melodien wiegte. Doch anscheinend schien nicht jedem ihre Melodie so gut zu gefallen, da plötzlich einer der älteren Edhel sich zu Lethilifae umdrehte und sachte den Zeigefinger auf die Lippen legte. Verärgert verstummte sie und schloss erneut ihre Augen, um die Melodie besser hören zu können. Noch einige Zeit drangen die verschiedenen Melodien an ihr Ohr und in Gedanken fügte sie ihre eigenen Noten hinzu, um sie zu einem für sie perfekten Ganzen zu konstruieren.
Als die Sonne vollständig über die Berge gestiegen war, die Ered Luin umgeben, verklang die Melodie langsam und entschwand über jene Mauern aus uraltem Stein. Lethilifae öffnete ihre Augen wieder und ihr Blick schweifte langsam über die Anwesenden, die sich langsam zerstreuten, um den Arbeiten des Alltages nachzugehen. Lamentinu stieg die Stufen hinunter und ging leichtfüßig eine leise Melodie summend in Richtung ihres Hauses. In einer einzigen fließenden Bewegung erhob sich die noch junge Edhel um ihr zu folgen. Als die beiden alleine waren drehte sich Lamentinu um, blickte mit ihrem sanftmütigen Lächeln zu ihr und winkte ihr, näher zu kommen. Etwas zögerte Lethilifae noch, ehe sie ihren Entschluss gefasst hatte und auf Lamentinu zutrat.
In der Sprache der Elfen berichtete sie ihr in kurzen Worten von dem Tautropfen am Morgen und dass sie versucht habe, diese eine Melodie zu summen, die ihr dabei durch den Kopf gewandert ist. „Ich möchte versuchen diese Melodien zu spielen“, sagte sie dann voller Tatendrang zu der Bardin, die sich dann versicherte, ob sie tatsächlich ihre Harfe spielen wolle. Lethilifae bestätigte dies und griff ein wenig hastig nach dem Instrument, das ihr die Bardin reichte. Sie schloss die Augen um sich erneut den Tropfen in Erinnerung zu rufen und sich die Melodie vorzustellen, wie sie aus dem Tropfen hervorquoll. Ihre zierlichen Hände griffen in die Saiten des Instrumentes und begannen, diese leicht anzuzupfen, während sie noch leise dazu summte. Doch die Harmonien die sie zum erklingen brachte, hätten einzig und allein den Dienern Alathars Freude bereitet und das, obwohl sie bereits ein wenig im Umgang mit der Harfe geübt war. Das Spielen ihrer eigenen Ideen war ihr noch nie gelungen und nur in ihren Gedanken und Träumen erklangen sie so hell und rein wie beabsichtigt. Lamentinu strich ihr über den Kopf und beruhigte sie, als sie zu schluchzen begann. Sie würde wohl nie in der Lage sein so zu spielen wie Lamentinu. Und als würde diese ihre Gedanken lesen, sprach diese: „Beruhige dich mein Kind, du bist noch so jung wie dieser Morgen und die Zeit wird dich lehren dich zu gedulden. Auch du wirst eines Tages so gut spielen können wie ich und wenn nicht, so wirst du eine andere Berufung finden, die dir von Phanodain zugedacht wurde. Diese wirst du dann ebenso gut erfüllen wie ich die meinige.“ Lamentinu nahm die Harfe wieder entgegen und verschwand in ihrem Haus, die enttäuschte Lethilifae zurücklassend. Sie drehte sich um und huschte rasch durch die Tore Ered Luins hinaus um hinunter zum See zu gehen. Dort wollte sie in Ruhe über das Geschehene nachdenken und wahrscheinlich den See mit ein paar salzigen Tränen füllen.
Der Traum
Auf leisen Sohlen schlich sich die zierliche Gestalt der Edhel durch das Schilf, das den See umzäunte, bis hin zu dem Felsblock, aus dem die Quelle floss. Dort hatte sie ihren Platz von dem keiner wusste, denn hinter einem Vorhang aus Schilf verbarg sich ein kleines Loch, das in eine kleine Aushöhlung führte, die gerade eine Person aufnehmen konnte. So ließ sich Lethilifae auf ihre Knie nieder und schob behutsam das Schilf zur Seite, um in ihr Versteck zu kriechen. Sie legte sich nieder auf den kalten nackten Stein und rollte sich ein wenig zusammen. Mit geschlossenen Augen dachte sie an den heutigen Morgen, wie schön es doch hätte sein können, wäre sie doch nur in der Lage gewesen ihre Gedanken auf das Instrument zu transferieren. Langsam verflogen ihre Gedanken und die Müdigkeit legte sich wie eine Decke über ihren Geist und ließ sie sanft einschlummern.
Sie blickte auf sich selbst herab, wie sie in der kleinen Höhle zusammengekauert schlief und glitt dann langsam nach draußen. Frei wie ein Vogel flog sie hoch empor in die Lüfte und stürzte dann rasch wieder zurück auf die Erde. Langsam glitt ihr Geist durch den Nebelwald, immer wieder inne haltend, um dem Gesang der Vögel und den Stimmen der Tiere zu lauschen. Wie friedlich hier nur alles war, dachte sie sich und begann leise eine Melodie zu summen, die ihr gerade abrupt in den Sinn kam. In einem lange andauernden Crescendo steigerte sich ihre Stimme, bis sie schließlich aus voller Kehle die Melodie von sich gab. Das ganze tat sie mit einer Leichtigkeit, die sie bisher nicht gekannt hatte und so war es wenig verwunderlich, dass es einige Momente gebraucht hatte, bis sie den Wolf vor sich entdeckt hatte. Es war ein durchaus stattliches Exemplar einer Grauwölfin, die sich vor ihr aufgebaut hatte. Ihr Fell, das mit einigen Tropfen übersäht war, schimmerte leicht bläulich im fahlen Sonnenschein, der es durch das dichte Blätterdach gewagt hatte. Beeindruckt von dem Tier, ließ Lethilifae ihre Melodie verklingen, um sich die Wölfin genauer anzusehen. Plötzlich sprach eine Stimme in ihrem Kopf: „Weit trug deine Stimme die Melodie und von weit her kam ich, da du mich riefst.“. Verwirrt blickte sich die Edhel um, doch war weit und breit niemand zu sehen, sogar der Wald schien ein wenig zurückgewichen zu sein. So wandte sie sich wieder um und glitt etwas näher auf die Wölfin zu, um ihr dann zu sagen, dass sie sie nicht gerufen habe. „Höre auf dein Herz, es wird dir meine Worte bestätigen. Doch nun komm schon, es gibt viel was ich dir zu zeigen habe.“ Diese Worte jedoch steigerten die Verwirrung der jungen Edhel nur noch mehr und dennoch, als wüsste sie was sie was die Wölfin von ihr wollte, bewegte sich ihr Geist rasch auf das Tier zu. Dann wurde es für einen Moment dunkel und Lethilifae wollte ihre Augen wieder öffnen, doch irgendetwas hielt sie davon ab. Einen Augenblick später sah sie bereits den Nebelwald wieder vor ihren - nein nicht ihren - den Augen der Wölfin. Furcht ergriff sie, als sie sich bewusst wurde, dass sie sich nun im Körper des Wolfes befand. Sie wollte sich davon befreien und wieder fliegen wie vorhin. Doch da sprach erneut die Stimme, die sie nun gänzlich einzuhüllen schien: „Fürchte dich nicht mein Kind, es wird dir hier nichts geschehen. Lausche der Melodie deines und meines Herzens, dann weißt du es.“ Die Stimme hielt für einen kurzen Moment inne, ehe sie weniger energisch weiterredete: „Doch würdest du dies bereits können, so wärest du nicht hier. So musste ich mich eines kleinen Tricks bedienen, entschuldige dies bitte.“ Es war Lethilifae gar nicht aufgefallen, dass sie mittlerweile durch den Nebelwald rasten, doch da sie nichts weiter zu tun brauchte, konzentrierte sie sich auf ihr Herzen, doch sie hörte lediglich das des Wolfes, das hastig pochte und das Blut in den Körper verteilte.
Der Baum des Lebens
Der Wolf preschte durch den Wald, auf die Lichtung in Richtung des Massives des Unheilsberges. Nach einer Weile erkannte Lethilifae das kleine Tal, auf das sie zusteuerten. Es war eng und führte zu einem Baum, dem Baum des Lebens, ohne den es kein Grün auf der Insel geben würde. Geübt sprang der Wolf über die Steine und das Geröll, bis sie auf die kleine Lichtung stießen, die den Baum umrahmte. Die Blätter des Baumes leuchteten hell in der Sonne und wiegten sich sanft zum Takt des Windes.
Der Wolf legte sich an den Stamm des Baumriesen, an jene Stelle, wo ihm gerade die Sonne aufs Fell schien. Er schloss die Augen und so konnte auch Lethilifae nichts weiter sehen. Nach ein paar Minuten wurde sie unruhig, versuchte gezielt irgendwie mit dem Wolf zu sprechen. Doch er schien sie nicht zu hören, oder wohl eher: wollte er sie nicht hören. Nach und nach entspannte sie sich, bis sie in einen sanften Schlaf fiel.
Sie wusste nicht wie lange sie so verbracht hatte, doch die Augen des Wolfes waren immer noch geschlossen. Dooh da war ein Geräusch gewesen, das sie geweckt hatte. Wölfe hörten normalerweise besser, wieso war sie denn nicht aufgesprungen? Sie horchte etwas genauer an das Geräusch, das sie im Hintergrund vernahm. Für einen Moment dachte sie, es wäre eine Melodie, doch irgendwie entschwand das Geräusch wieder. Sollte sie nun enttäuscht sein oder doch erleichtert? Diesen Fetzen, den sie wahrgenommen hatte, war ihr fremd und völlig unbekannt erschienen und doch so rein. Als sie wieder begann sich zu entspannen, kehrte die Melodie wieder zurück und diesmal war sich die junge Edhel sicher, es war eine Melodie.
Da schlug der Wolf die Augen auf und sie hörte in ihrem Kopf erneut jene Stimme. „So ist die Melodie verschwunden. Denn du konzentrierst dich nicht nur mehr auf sie.“ Erneut wurde es dunkel um sie herum und die Melodie begann erneut, sich um sie aufzubauen. Tief hinunter ging sie, wo sie sich feingliedrig erstreckte und hoch hinauf, wo sie sich sanft wiegte. Sie konnte sich nicht erklären, wie sie zu dieser Interpretation kam. Sie war einfach da. „Du siehst nicht mit den Augen und siehst trotzdem den Baum. Du hörst nicht mit den Ohren und hörst trotzdem das Rascheln der Blätter. Du tastest nicht nach dem Stamm und fühlst trotzdem die raue Rinde. Du riechst nicht mit deiner Nase und riechst trotzdem das frische Harz. Du hast keine Frucht in deinem Mund und schmeckst trotzdem den süßen Saft.“ Das war zwar nicht ganz richtig, denn diese Feinheiten konnte sie nicht ausmachen, doch aus irgendeinem Grund merkte sie, dass die Worte wichtig sein mussten. Sie höre doch mit den Ohren, dachte sie, doch die Stimme erwiderte, dass nun sie höre. Die Edhel horchte erneut genauer auf die Melodie und der Baum, den sie nicht sehen konnte, nahm immer mehr Gestalt an. Tatsächlich waren nun die raue Rinde zu erkennen und auch die fein verästelten Wurzeln, die sich durch die Erde gruben. Mit der Zeit fühlte sie dann wie die Säfte unter der Rinde nach oben krochen, wie ein Käfer über ein Blatt kroch und sie schmeckte den Saft der Früchte, als würde sie gerade eine essen.
Als der Wolf plötzlich seine Augen wieder öffnete, war ihr klar, dass bereits einige Zeit vergangen sein musste, denn die Sonne war schon vollständig hinter den Bergen verschwunden. Die Melodie war wieder verschwunden, allerdings nicht vollständig. Am Rande ihrer Wahrnehmung war sie noch da. Sie wollte sie wieder genauer hören, diese schöne Melodie, doch da preschte der Wolf schon wieder durch das enge Tal und die Melodie entschwand.
Es folgte eine wilde Jagd im Nordwald, wo der Wolf sich etwas zum fressen riss und danach eine ruhige Nacht unter dem Schutz der Bäume des Nebelwaldes. Einige Tage zogen die beiden durch die Wälder und besuchten ab und zu den Baum des Lebens. Lethilifae merkte, wie sie die Melodie des Baumes immer leichter einfangen konnte. Mit der Zeit gelang es ihr sogar, die Melodie der Grashalme um sie herum wahrzunehmen.
Als sie eines Morgens im Nebelwald erwachten, wurde sie erneut von einer Melodie im feinsten Pianissimo geweckt. Sie war überall um sie herum und alle möglichen Facetten waren darin wahrzunehmen.
Die nächsten Tage vergingen ohne größere Vorkommnisse. Sie besuchten den Baum jedoch nicht mehr und die Wölfin, in der Lethilifae verweilte, schlief meist. Zumindest hatte er die Augen geschlossen und so lernte sie rasch die Melodie um sie herum genauer wahrzunehmen. Langsam merkte sie, dass sie in der Lage war, ihre Umgebung wahrzunehmen. Dass sie Ursprünglich einmal am Teich lag, wurde ihr von Tag zu Tag unbewusster, bis sie es schließlich ganz vergaß. Sie wollte schließlich gar nicht mehr aus dem Körper der Wölfin heraus. Tag um Tag, Monat um Monat verging, wahrscheinlich sogar einige Jahre, doch Zeit spielte keine Rolle, bis die Stimme der Wölfin wieder zu ihr sprach: „Die Melodie des Baumes ist sehr stark, deshalb warst du schnell in der Lage sie wahrzunehmen. Auch im Nebelwald ist es leicht die Melodie wahrzunehmen. Du hast deine Wahrnehmung der Melodie bereits etwas verbessert, doch lange noch nicht bist du in der Lage, jede Feinheit wahrzunehmen. Lasse die Melodie deiner Umgebung dein stetiger Begleiter sein, nur dann wirst du es schaffen, die Melodie in ihrer reinsten Form wahrzunehmen.“
Jahre der Wanderschaft
In den folgenden Jahren zog die Wölfin durch das Land, das sich Gerimor nannte. Die unterschiedlichsten Städte und Dörfer suchten sie auf. Von Rahal über Varuna, von Berchgard nach Bajard führte ihr Weg. Ohne bestimmtes Ziel, ohne Sorge um die vergangene Zeit. Während dieser Zeit lernte Lethilifae die Melodien der Welt kennen. Von allerschönsten Harmonien bis hin zu den Disharmonien, die nur Letharen erschaffen konnten. Die Städte der Temora waren nicht so mit reinen Harmonien durchzogen, wie sie es vermutet hätte und selbst bei den Letharen fanden sich noch Teile der Melodie, die sehr harmonisch waren. „Völlige Harmonie und völlige Disharmonie gibt es nicht und wird es nie geben, denn es wäre der Untergang.“ So lauteten die Worte der Wölfin, die sich auch auf ein Schiff nach Lameriast schmuggelte. Auch dort streiften sie durch die Wälder, suchten die Burg und die Tiefländer auf. Tief in den Unheilsberg zu den Zwergen verschlug es sie, ebenso wie in das Dorf ihrer Nachbarn, der Waldelfen. Scheinbar unendlich langsam nahm Lethilifae immer mehr von ihrer Umgebung war, wenn die Wölfin ihre Augen geschlossen hatte. Doch da die Zeit so unbedeutend war wie ein Regentropfen im Meer, lernte sie geduldig und eifrig. Mit der Zeit war es ihr dann sogar möglich, die Melodie leise wahrzunehmen, wenn der Wolf die Augen offen hatte.
Da fragte sich die Edhel, was sie denn noch alles lernen konnte. Die Melodie war für sie nun etwas Alltägliches geworden. Doch die Wölfin lachte diesen Gedanken nur aus.
Geflügelraub
Eines Tages war die Wölfin wieder nach Rahal gelaufen und gegen Abend verspürte Lethilifae, wie die Wölfin hungrig wurde. Diese steuerte auch gerade einen Bauernhof an. Wahrscheinlich würde sie dort ein Huhn reißen, dachte sich die Edhel, denn sie wusste, wie sie unter dem Zaun hindurchschlüpfen konnte. Tatsächlich machte die Wölfin dann auch genau dieses und schnappte sich mit einer gekonnten Bewegung eines der aufgescheuchten Hühner.
Ein Sirren ertönte in der lauen Abendluft und einen Augenblick später spürte Lethilifae wie der Pfeil sich in das Fleisch des Wolfes grub. Rasch wendete der Wolf seinen Kopf und sah den Bauer hämisch grinsend hinter dem Zaun stehen. Sie wollte raus hier und lief auf das Loch zu, das sie bereits als Eingang benutzt hatten, doch kosteten ihr diese Schritte unendlich viel Mühe und das Loch schien sich immer weiter von ihnen zu entfernen. Plötzlich brach das Tier zusammen und schloss die Augen. Schlafmittel, schoss es der Edhel durch den Kopf. Nachdem sie sich wieder ein wenig beruhigt hatte, konzentrierte sie sich erneut auf die Melodie und so konnte sie wahrnehmen, wie die Wölfin an eine Wand gekettet wurde. Der Pfeil wurde aus ihrer Flanke gezogen und die Wunde mit einer Salbe behandelt. Lethilifae bekam es mit der Angst zu tun und zum ersten Mal seit langer Zeit wünsche sie sich, dass sie den Körper des Wolfes wieder verlassen konnte. Doch wie auch bei den ersten Versuchen, war ihr dies auch nun nicht möglich.
Mit Entsetzen fiel ihre Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Melodie, die sich ihnen rasch näherte. Sie konzentrierte sich so gut sie konnte darauf und zuckte innerlich zusammen unter der Hitze, die von dieser Hitze, die von dem Gegenstand ausging. Würde der Bauer den Wolf nun Brandmarken? Panik erfasste sie, als sie die Worte des Bauern vernahm: „Damit du meine Hühner nicht mehr zu Augen bekommst.“ Unendliche Pein durchfuhr den immer noch leblosen Körper des Wolfes, als sich das heiße Eisen in das linke Auge des Wolfes bohrte. Lethilifae schrie und wand sich, versuchte sich erneut mit aller Kraft zu befreien, doch Erfolg war ihr keiner vergönnt. Da fuhr das Eisen auch schon ein zweites Mal herab und drang zischend, einen ekelhaften Gestank verbreitend, in das rechte Auge der Wölfin ein. Dann wurde es Dunkel um sie.
Irgendwann, das Gefühl für Zeit völlig verloren, erwachte die Wölfin wieder. Auch Edhel kam wieder zu Bewusstsein. Die nunmehr toten Augen des Tieres schmerzten und ließen keinerlei Zweifel, dass sie noch am Leben war. Sie konnten absolut nichts sehen. Es war nicht etwa schwarz um sie, sondern es war einfach nichts. Die Ohren hatte sie noch, doch damit konnte man nicht sehen. Was würde nun sein, fragte sie sich, doch die Wölfin blieb stumm. Sie solle doch mit ihr reden, dachte sich Lethilifae wütend, doch nichts wahr zu vernehmen. Die Stimme die sonst ab und zu mit ihr gesprochen hatte, war verstummt. Durstig fühlte sich die Wölfin an, doch keinerlei Regung ging von ihr aus. Du musst doch was trinken, erheb dich, komm schon, dachte die Edhel, in der Hoffnung die Wölfin würde darauf reagieren und tatsächlich erhob sich das Tier wackelig auf seine vier Pfoten. Doch es tat keinen Schritt vorwärts, bis die Edhel in Gedanken das Tier verfluchte, es solle sich doch bewegen. Da merkte Lethilifae, wie sie den Körper des Wolfes spürte, auf eine Art wie sie es bis zuvor noch nicht gekannt hatte. Es fühlte sich so an als wären ihre Arme und Beine die Pfoten des Wolfes und dann wurde ihr eines schlagartig bewusst: Nicht die Wölfin bewegte sich hier durch den Wald - es war sie selbst!
Just in jenem Moment der Erkenntnis prallte ihr Kopf gegen einen Baum und sie krümmte sich erneut vor Schmerzen. Als sie sich wieder ein wenig erholt hatte und die Schmerzen auf ein nur kaum erträgliches Maß gesunken waren, erhob sie sich erneut, blieb jedoch an Ort und Stelle stehen. Die Schmerzen musste sie ignorieren, das was sie hörte und fühlte, musste egal sein, denn nur die Melodie um sie herum würde ihr zeigen, wohin sie zu gehen hatte. Scheinbar eine kleine Ewigkeit stand sie ruhig vor dem großen Baum und konzentrierte sich darauf wahrzunehmen, ohne zu hören und fühlen. Langsam kam die Melodie zurück, Bäume formten sich schemenhaft um sie herum und nicht allzu weit entfernt schlängelte sich ein Bach durch den Wald. Vorsichtig und unbeholfen ging Lethilifae in nun ihrem Körper los. Einige Male stolperte sie, wenn sie sich für einen Moment nicht völlig auf die Steine und Wurzeln vor ihr konzentrierte, doch schlussendlich ließ sie sich am Rande des Bachbettes nieder. Gierig schlürfte sie das kühlende Nass in ihren Rachen. Es war wahrlich eine Wohltat! Nachdem sie genug getrunken hatte, sank sie nieder und fiel vor lauter Anstrengung in einen tiefen unruhigen Schlaf.
Zurück
Immer sicherer bewegte sich Lethilifae mit dem Körper des blinden Wolfes durch die Wälder Gerimors. Sie war meist in der Nacht unterwegs, da es für sie ohnehin keinen Unterschied machte, ob nun Licht ihren Pfad erhellte oder nicht. So erreichte sie nach einigen Tagen wieder den Rand des Nebelwaldes. War sie nun wieder zuhause? Sie wagte nicht, sogleich nach Ered Luin aufzusteigen. Die Reaktionen ihrer Freunde - wie würde sie wohl sein? Nein, zuerst wollte sie dorthin zurück, wo die Kraft des Lebens, die Melodie am stärksten war: zum Baum des Lebens, dass er vielleicht die Augen des Wolfes wieder zurück zum Leben erwecken konnte. Irgendwie war sie sich dessen nicht sicher, doch verzweifelt wie sie war, klammerte sie sich an diesen Strohalm der Hoffnung.
Sie schlich sich am Lager der Waldgeister vorbei, hin zu dem schmalen Tal, das zu der Lichtung führte. Oben angekommen, legte sie sich wieder, wie am ersten Tag, an den Stamm des Baumes und entspannte ihren ausgemergelten Körper. Wieder nahm sie die Melodie des Baumes war, was hier keinerlei Problem mehr darstellte. Dann, für einen kleinen Augenblick selber, fühlte sie sich wie der Baum. Es war ein Moment der Erleuchtung und es gelang ihr, sich wieder zu fassen und erneut in diesen Zustand überzutreten. Die reine Melodie, wie die Wölfin ihr gesagt hatte, genau das war es, was sie nun wahrnehmen konnte. Doch spürte sie auch, dass der Baum keine Hilfe für ihre Blindheit war.
Lethilifae, begab sich mit ihrer Wahrnehmung wieder zurück zum Körper des Wolfes. Sie tastete nach den einzelnen Fasern und Sehnen. Bis hoch zum Kopf und schlussendlich verharrte sie bei den zerstörten Augen. Die Melodie, die sie dort wahrnahm, war falsch und lückenhaft.
In ihren Gedanken wusste sie, wie damals am Morgen vor Beginn des großen Traumes, was sie tun müsste, um die Melodie auszubessern. In ihrem Kopf stellte sie sich vor, wie es wohl wäre, wenn alles an diesem Körper wieder die richtige Melodie hätte. Zuerst kaum wahrnehmbar, dann jedoch schleichend und immer deutlicher werdend, begann sich die Melodie zu ändern. Die Augen nahmen wieder Form an, die Nerven wurden wieder miteinander verbunden, bis sich alles zu der einzigartigen Harmonie eines Wolfes verband. Sie wagte nicht die Augen zu öffnen, war sie doch alles andere als überzeugt von dem, was sie gerade getan hatte. Hatte sie tatsächlich die Melodie verändert, wie sie es wollte?
Langsam öffnete sie ein Lid nach dem anderen. Gleißendes Licht flutete in ihre Augen. Rasch musste sie sie wieder schließen. Als sie sich dann langsam an das Licht gewöhnt hatte, blickte sie sich um, bis ihr Blick auf ihren Körper fiel. Da sie sich nur auf das Sehen konzentriert hatte, war ihr gar nicht aufgefallen, dass sie sich verändert hatte. Denn sie war wieder sie selbst - sie war wieder eine Edhel. Nur noch die Wolfsspuren, die zum Baum führten, zeugten von ihrem einstigen Körper. Die Zeit des Lernens war wohl fürs erste abgeschlossen, dachte sie sich, doch falscher hätte sie wohl nicht liegen können! So machte sie sich auf den Weg Richtung Ered Luin.