Sieg und Niederlage
Verfasst: Montag 4. Juni 2007, 19:53
Nachdem er die ersten Aufräumarbeiten anberaumt hatte, also die Rüstungsgesetze und -privilegien wiederhergestellt, das Gardebanner aufgelöst, die Bürgerwehr wieder eingesetzt, sowie die Handwerker und Händler aufgeklärt und darauf vorbereitet ihre Arbeit wieder aufzunehmen, gönnte sich der noch als Bürgermeister im Amt befindliche, alternde Mann eine Ruhepause, um über die letzten, anstrengenden Tage nachzudenken.
Menek'ur war wieder abgezogen und hatte in doppelter Hinsicht eine große Kluft hinterlassen. Eine Kluft in der Bürgerschaft, die freilich schon länger schwelte, und eine Kluft zwischen Bajard und Menek'ur, die ebenfalls nicht neu war. Anders war lediglich, dass die Abgründe diesmal tiefer waren als sonst - oder einfach nur deutlicher zutage traten.
Der Bruch innerhalb der Bürgerschaft war dumm und nutzlos. Es ging um Misstrauen, Kränkungen, Verrat, Ehre, Stolz, Eigensinnigkeit und andere hochtrabende Gefühle, die man vielleicht eher in einer Adelsposse erwartete als in einem Dorf, aber im Grunde waren die Menschen überall gleich und neigten zu den gleichen Übertreibungen ihrer Gefühle. Sei es ein Arias Lasanar, der auf Biegen und Brechen seine eigenen Vorstellungen und Pläne durchsetzen wollte und sich aus den erlittenen Kränkungen und seinem Stolz eine moralische Festung errichtete, sei es Fräulein Leanne, welche das Misstrauen gegen Lasanar übertrieb und eine Angst und Beunruhigung über seine Pläne an den Tag legte, die diesen Versuchen, die ohnehin zum Scheitern verurteilt gewesen waren, nicht gerecht wurde. Die Verhandlung vor den Menekanern war im gewissen Sinne eine Farce gewesen, aber vermutlich brachte sie beiden Seiten das gewünschte Ergebnis. Fräulein Leanne die Vereitlung seiner Pläne und die offensichtlich gewordenen Schuld und Bestrafung des Mannes den sie verabscheute, Herrn Lasanar seinen Schicksalsschlag, der ihn in seinem Herzen endgültig zum missverstandenen Märtyrer an Bajard machen würde und von dem quälenden Zwang zur Loyalität, den ihm sein Stolz auferlegt hatte, befreien würde.
Auch er, Beldan Scherenbrueck, war an diesem Ergebnis nicht schuldlos, schließlich hatte er den Zwist bis zu einem gewissen Grade genährt, jedenfalls sobald sich gezeigt hatte, dass er nicht einfach beigelegt würde werden können. Statt bei den Menekanern energisch für eine Auflösung des Gardebanners zu plädieren, was ihm bei einem Teil der Bürgerschaft zwar Anerkennung eingebracht hätte, bei einem anderen aber Geringschätzung, so dass er mitten in den Streitigkeiten gestanden wäre, hatte er Khalida Yazir empfohlen sich bei den Bürgern nach Herrn Lasanar zu erkundigen und den Konflikt so verlagert. Er hatte gehofft dadurch Atemluft zu bekommen und sich von den internen Zwistigkeiten zu befreien, um noch einen diplomatischen Vorstoß auf Fuad aus dem Hause Ifrey wagen zu können, aber so weit war es offensichtlich nicht mehr gekommen. Das Misstrauen zwischen den Bürgern war größer gewesen als gedacht und der Streit blitzartig explodiert. In einem gewissen Sinne hatte er so gleich doppelt versagt: Er hatte die Antipathien zwischen den Bürgern recht skrupellos für seine Zwecke eingesetzt, mochten diese auch die Befreiung Bajards gewesen sein, und war darin zusätzlich gescheitert, so dass nun die Last des taktischen Fehlers mitsamt dem moralischen Versagen vollständig auf ihn zurückfiel. Keine sehr angenehme Situation. In der Verhandlung war es ihm - durch die kalkulierte Herausforderung eines Urteils nicht nur gegen Herrn Lasanar, sondern auch gegen ihn - zwar gelungen Menek'ur vor eine so komplizierte Entscheidung zu stellen, dass es schlussendlich den Abzug aus Bajard vorzog, aber das machte die Sache nicht unbedingt besser, zumal das Schicksal von Lasanar sehr ungewiss blieb. Man hatte zwar einen Unterhändler nach Menek'ur geschickt, aber Erfolg würde er wohl nicht haben.
Und Menek'ur ? Der Wüsteninsel war es gelungen statt einer engeren Zusammenführung Bajards und Menek'urs einen endgültigen Bruch zwischen ihnen zu erzeugen. Die Menekaner teilten die Neigung der langlebigen Völker zu monologisieren und sich in ihren Entscheidungen einzig und allein auf ihre eigene Erfahrung zu stützen, so mangelhaft diese bei dem dauernden Leben in zurückgezogenen Gebieten und dem fehlenden Verständnis für die menschlichen Gesellschaften auch sein mochte. Bei den Menekanern, in deren Volk sich der Expansionswille mit diesem unüberbrückbaren Selbstbezug vermischte, was sie für Diplomatie so unzugänglich machte wie einen Redner im Theater, der trotz aller Zwischenrufe unbeirrt seine Rolle vorträgt, und in der Auseinandersetzung unberechenbar wie einen Löwen, bei dem man jederzeit mit einem unmotivierten Angriff rechnen muss, ergab das eine ziemlich heikle Mischung, der man weder Sympathie noch Verständnis entgegenbringen konnte und deren letzte Forderung immer auf die Unterwerfung hinauslief. Ein Akt den man von freigeborenen Menschen nicht erwarten konnte. Vielleicht ähnelten sie am ehesten einem Schwarm an Heuschrecken oder Termiten, der alles fressen musste, was ihm auf seinen Streifzügen begegnete.
Es war seltsam, dass die meisten Mächte Bajard immer mit der Brechstange zu erobern versuchten. Sei es Rahal mit seinen Zerstörungsdrohungen, sei es Menek'ur mit der Besatzung, sei es ein Arias Lasanar, der die Bürger mit seinen Plänen und Armeephantasien verschreckte, seien es die Gefährtinnen des Waldes, deren Hilfsangebote immer einen seltsam aufdringlichen Charakter hatten. Dabei war die Hafensiedlung mit ihren einfachen, friedliebenden Einwohnern im Grunde so anschmiegsam und vertrauensselig wie eine junge Frau. Aber Diplomatie war nicht unbedingt die Stärke Gerimors und der Anblick dieser schlichten, hilflosen Siedlung weckte wohl nur allzu rasch die Wolllust an der gewaltsamen Eroberung.
Mit einem Seufzer lehnte er sich zurück und unterbrach seine Betrachtungen. Im Grunde waren es doch nur verschwendete Gedanken. Er würde noch daran arbeiten Bajard wieder zu ordnen und die Schäden, welche die Besatzung durch die Menekaner verursacht hatte, so gut es ging zu richten, dann wäre seine Zeit hier beendet. Das Vertrauen, das er in der Bürgerschaft genossen hatte, war so oder so angegriffen und lange würde er das Amt des Bürgermeisters nicht mehr halten können. Es würde besser sein die Aufgabe an einen jüngeren, hoffnungsreicheren Menschen zu geben.
Menek'ur war wieder abgezogen und hatte in doppelter Hinsicht eine große Kluft hinterlassen. Eine Kluft in der Bürgerschaft, die freilich schon länger schwelte, und eine Kluft zwischen Bajard und Menek'ur, die ebenfalls nicht neu war. Anders war lediglich, dass die Abgründe diesmal tiefer waren als sonst - oder einfach nur deutlicher zutage traten.
Der Bruch innerhalb der Bürgerschaft war dumm und nutzlos. Es ging um Misstrauen, Kränkungen, Verrat, Ehre, Stolz, Eigensinnigkeit und andere hochtrabende Gefühle, die man vielleicht eher in einer Adelsposse erwartete als in einem Dorf, aber im Grunde waren die Menschen überall gleich und neigten zu den gleichen Übertreibungen ihrer Gefühle. Sei es ein Arias Lasanar, der auf Biegen und Brechen seine eigenen Vorstellungen und Pläne durchsetzen wollte und sich aus den erlittenen Kränkungen und seinem Stolz eine moralische Festung errichtete, sei es Fräulein Leanne, welche das Misstrauen gegen Lasanar übertrieb und eine Angst und Beunruhigung über seine Pläne an den Tag legte, die diesen Versuchen, die ohnehin zum Scheitern verurteilt gewesen waren, nicht gerecht wurde. Die Verhandlung vor den Menekanern war im gewissen Sinne eine Farce gewesen, aber vermutlich brachte sie beiden Seiten das gewünschte Ergebnis. Fräulein Leanne die Vereitlung seiner Pläne und die offensichtlich gewordenen Schuld und Bestrafung des Mannes den sie verabscheute, Herrn Lasanar seinen Schicksalsschlag, der ihn in seinem Herzen endgültig zum missverstandenen Märtyrer an Bajard machen würde und von dem quälenden Zwang zur Loyalität, den ihm sein Stolz auferlegt hatte, befreien würde.
Auch er, Beldan Scherenbrueck, war an diesem Ergebnis nicht schuldlos, schließlich hatte er den Zwist bis zu einem gewissen Grade genährt, jedenfalls sobald sich gezeigt hatte, dass er nicht einfach beigelegt würde werden können. Statt bei den Menekanern energisch für eine Auflösung des Gardebanners zu plädieren, was ihm bei einem Teil der Bürgerschaft zwar Anerkennung eingebracht hätte, bei einem anderen aber Geringschätzung, so dass er mitten in den Streitigkeiten gestanden wäre, hatte er Khalida Yazir empfohlen sich bei den Bürgern nach Herrn Lasanar zu erkundigen und den Konflikt so verlagert. Er hatte gehofft dadurch Atemluft zu bekommen und sich von den internen Zwistigkeiten zu befreien, um noch einen diplomatischen Vorstoß auf Fuad aus dem Hause Ifrey wagen zu können, aber so weit war es offensichtlich nicht mehr gekommen. Das Misstrauen zwischen den Bürgern war größer gewesen als gedacht und der Streit blitzartig explodiert. In einem gewissen Sinne hatte er so gleich doppelt versagt: Er hatte die Antipathien zwischen den Bürgern recht skrupellos für seine Zwecke eingesetzt, mochten diese auch die Befreiung Bajards gewesen sein, und war darin zusätzlich gescheitert, so dass nun die Last des taktischen Fehlers mitsamt dem moralischen Versagen vollständig auf ihn zurückfiel. Keine sehr angenehme Situation. In der Verhandlung war es ihm - durch die kalkulierte Herausforderung eines Urteils nicht nur gegen Herrn Lasanar, sondern auch gegen ihn - zwar gelungen Menek'ur vor eine so komplizierte Entscheidung zu stellen, dass es schlussendlich den Abzug aus Bajard vorzog, aber das machte die Sache nicht unbedingt besser, zumal das Schicksal von Lasanar sehr ungewiss blieb. Man hatte zwar einen Unterhändler nach Menek'ur geschickt, aber Erfolg würde er wohl nicht haben.
Und Menek'ur ? Der Wüsteninsel war es gelungen statt einer engeren Zusammenführung Bajards und Menek'urs einen endgültigen Bruch zwischen ihnen zu erzeugen. Die Menekaner teilten die Neigung der langlebigen Völker zu monologisieren und sich in ihren Entscheidungen einzig und allein auf ihre eigene Erfahrung zu stützen, so mangelhaft diese bei dem dauernden Leben in zurückgezogenen Gebieten und dem fehlenden Verständnis für die menschlichen Gesellschaften auch sein mochte. Bei den Menekanern, in deren Volk sich der Expansionswille mit diesem unüberbrückbaren Selbstbezug vermischte, was sie für Diplomatie so unzugänglich machte wie einen Redner im Theater, der trotz aller Zwischenrufe unbeirrt seine Rolle vorträgt, und in der Auseinandersetzung unberechenbar wie einen Löwen, bei dem man jederzeit mit einem unmotivierten Angriff rechnen muss, ergab das eine ziemlich heikle Mischung, der man weder Sympathie noch Verständnis entgegenbringen konnte und deren letzte Forderung immer auf die Unterwerfung hinauslief. Ein Akt den man von freigeborenen Menschen nicht erwarten konnte. Vielleicht ähnelten sie am ehesten einem Schwarm an Heuschrecken oder Termiten, der alles fressen musste, was ihm auf seinen Streifzügen begegnete.
Es war seltsam, dass die meisten Mächte Bajard immer mit der Brechstange zu erobern versuchten. Sei es Rahal mit seinen Zerstörungsdrohungen, sei es Menek'ur mit der Besatzung, sei es ein Arias Lasanar, der die Bürger mit seinen Plänen und Armeephantasien verschreckte, seien es die Gefährtinnen des Waldes, deren Hilfsangebote immer einen seltsam aufdringlichen Charakter hatten. Dabei war die Hafensiedlung mit ihren einfachen, friedliebenden Einwohnern im Grunde so anschmiegsam und vertrauensselig wie eine junge Frau. Aber Diplomatie war nicht unbedingt die Stärke Gerimors und der Anblick dieser schlichten, hilflosen Siedlung weckte wohl nur allzu rasch die Wolllust an der gewaltsamen Eroberung.
Mit einem Seufzer lehnte er sich zurück und unterbrach seine Betrachtungen. Im Grunde waren es doch nur verschwendete Gedanken. Er würde noch daran arbeiten Bajard wieder zu ordnen und die Schäden, welche die Besatzung durch die Menekaner verursacht hatte, so gut es ging zu richten, dann wäre seine Zeit hier beendet. Das Vertrauen, das er in der Bürgerschaft genossen hatte, war so oder so angegriffen und lange würde er das Amt des Bürgermeisters nicht mehr halten können. Es würde besser sein die Aufgabe an einen jüngeren, hoffnungsreicheren Menschen zu geben.