Garde - Ende mit Schrecken?
Verfasst: Freitag 1. Juni 2007, 18:29
Alpträume.
Ich hätte dein Kind nicht retten können, Feli.
Nicht das unschuldigste Leben, was es gibt, retten können.
Verdammtes C.
Mein Wort?
Ihr seid es nicht würdig, Ritter Temoras zu sein! Lügnerin!
Sie war von ihrem auskeilenden Pferd getreten worden, zur Seite geschleudert, an den Stufen der Brücke mit dem Kopf aufgeschlagen - eine leichte Gehirnerschütterung. Im Kloster war ihr am Tage schwindelig gewesen, trotzdem ging sie abends ins Kastell. Sie hatte Rodirian de Mena sehen, nochmal mit ihm sprechen wollen.
"Rodirian Mena. Der Mensch hat mit einem Edlen nichts gemein."
Sie hätte es bleiben lassen sollen. Neue Zweifel kamen auf, Vorwürfe und Hohn raubten ihr das Denken, den Atem. "Ich hab ihm nicht wirklich mein Wort gegeben?! Ich kann mich nicht an alles, was geschah, erinnern!"
Dunkelgraue Schlieren verschwommen vor ihren Augen. Ihr war schlecht. Rothgar hatte ihre Hochgeboren von Drachenfels geholt, und gemeinsam brachten sie Darna nach draußen auf den Kastellhof. Vor der Tür auf der Bank sitzend drang alles, was um sie herum geschah, nur wie durch einen Schwamm gedämpft zu ihr.
"Nabend."
Nabend. Grüße. Eine von diesen lächerlichen Floskeln, wer war die Frau, die da gerade vorbeiging? Blau und gold nahm sie aus den Augenwinkeln wahr, als die Person ins Kastellgebäude verschwand. Nabend... nein, sich über den nicht ordnungsgemäßen Gruß aufzuregen, hatte sie gerade wirklich nicht die Kraft. Würde die Ordnung in der Garde gänzlich den Bach runtergehen, wenn sie erstmal fort wäre?
"Mir wurde aufgetragen, Euch Euren Rücktritt nahezulegen. Dem habt Ihr Euch ja exzellent entzogen."
Angst...
Angst vor einer unehrenhaften Entlassung. Vor wenigen Wochen hatte sie es noch selber angeboten, als politischen Winkelzug, als Spielchen... nun hatte sie Angst davor, Angst vor dem, was nicht die Wahrheit war.
"Das ist meine Garde. Meine Jungs und Mädels. Ich hab mich immer um sie gekümmert, nach bestem Gewissen."
"Ihr braucht absolute Ruhe, Euer Hochgeboren! Mit einer Gehirnerschütterung ist nicht zu spaßen!"
Rothgar verstand sie wenigstens, half ihr, ihre Würde zu bewahren, Hilfe annehmen zu können. Sie hasste es, "verhätschelt" zu werden. "Herrin Temora, schick mich in Schlachten, schick mich in Kriege, aber halt mir die Heiler vom Hals."
Es war nicht fair gegenüber Liliana. Doch wie sehr sie sich jetzt Nyell gewünscht hätte...
Stattdessen kam Sir Calamdor. "Oberst von Elbenau, ich erwarte dass ihr Eure Heilerin ab sofort als Eure Vorgesetzte betrachtet. Ihre Bitten sind Befehle. Verstanden?"
"Jawohl, Sire."
"Gute Nacht, Oberst. Sofort."
Ein zusätzliches leichtes Schlafmittel tat seine Wirkung. Eine Nacht Ruhe. Es tat nicht mehr seine Wirkung, als sie erneut das Neugeborene sah, eine Klinge am Hals, ein Schnitt, tot, und sie war schuld...
Sie riß sich aus dem Schlaf, und starrte Adrian irritiert an. Warum stand er vor ihr? Wo war sie? Felis Stimme, sie rief nach Adrian, und sie kannte den Tonfall, inzwischen war es fast egal, wer etwas sagte, sie hörte, wenn etwas nicht stimmte, wann es irgendwo "brannte".
"Einen Moment, ich bin gleich zurück."
"Ja natürlich. Das sag ich auch immer." Sie zog ihre Stiefel an und wanderte hinterher. Und kaum stand sie im Flur, wurde sie von Adrian abgeschoben, zumindest konnte man die sanfte Gewalt, mit der er sie zurück Richtung Quartiere dirigierte, problemlos so deuten.
Die beiden gingen... zum Kastell. Irgendwas war im Kastell. Ihrem Kastell. Hatte dieser Schuft sich umgebracht? Hatte ihn doch noch jemand zu Tode geprügelt? Sie wies die Mauerwachen an, im Auge zu behalten, was im Kastell passierte. NOCH war sie Oberst. NOCH war das ihre Stadt - verdammt noch eins, das ging nicht an, daß in Bezug auf die Garde und den Grafen etwas vorging, das sie nicht wusste!
Liliana kehrte von einem Patientenbesuch zurück und sah wieder nach ihr. Treue Seele. Womit konnte man sie bitte wegschicken?
Und dann... fing es an. Es sollte wohl einer dieser seltsamen Tage sein, wo man Katastrophen zum Antreten und Durchzählen beordern konnte. Der Gardist berichtete ihr gerade noch, was im Kastell vorgefallen war, als Adrian zurückkehrte...
Und die Basiskatastrophe bestand darin, daß de Mena geflohen war. Irgendwo in ihrem Verstand hakte was aus. "Ausgebrochen", wiederholte sie, als hätte sie sich vielleicht ja verhört. Tausend Alternativen rasten durch ihren Kopf, der sich in neuen Kopfschmerzen erging und ihr gerade das Nachdenken schwer machen wollte.
"Ich bin gefeuert. Ausgebrochen. Ausgerechnet jetzt, ausgerechnet er - ausgebrochen." Ihr Blick starrte geradeaus vor sich hin.
"Es kann gut sein, daß ich ihn zuletzt gesehen habe, Rothgar und ihre Hochgeboren haben mich, nachdem ich nochmal im Zellentrakt war, aus dem Besprechungssaal heraus nach draußen und dann zum Schloß gebracht."
Sie konnte jetzt nicht weg. Das konnte so nicht stehen bleiben. Das war unverzeihlich, das war ihre Garde! Ausgebrochen...
"Wann war das?"
"Das war... bereits nach Mitternacht, erste oder zweite Stunde."
"Wer hatte Dienst?"
Im Kastell. Das alte Problem, wie schon damals beim Ausbruch der Templer Alatars... ob wieder Umhänge fehlten, die Zellentüren nicht aufgebrochen, sondern aufgeschlossen waren...? Es hätte Alarm geben müssen. Man hatte den Zutritt kurz zuvor beschränkt gehabt.
"Lass prüfen, ob die Türen gewaltsam aufgebrochen wurden, und wenn nicht, gibt es eine Person, von der ich nichts Gutes mehr denke, wenn sie dann zu dieser Zeit im Kastellgebäude war."
"Ich war eben im Kerker, das hätte ich gesehen, Darna!"
Aufgeschlossen. Wieder ein Verräter in der Garde. Oder... der nächste Gedanke jagte ihr blanke Angst ein: "Immernoch...?"
"Kadettin Lynette de Bourgo stand bei dem Entkommen der Alatar-Templer bereits einmal in dringendem Verdacht, und der unvoreingenommenen Gerechtigkeit halber muß ich Adrian Greif dazu erwähnen, doch von dem glaube ich persönlich das nicht."
"De Bourgo - sehr interessant, ein anderes Mitglied dieser Familie war noch bei ihm. Langsam hinterfrage ich eher die Familie."
"Auf Larius lasse ich nichts kommen, aber Fräulein Lynette hat sich bislang als nichts als unzuverlässig, frech und von zweifelhafter Loyalität erwiesen."
Adrian nickte knapp, eine hand zur faust geballt.
"Prüfe sie, und wenn sie ihre Unschuld nicht im Mindesten beweisen kann, wirf sie raus."
"Wir können uns das nicht mehr leisten. Die demontieren mir die Garde. Verdammtes Verräter-Pack, das ist meine Garde!"
"Sonst noch jemand, den du in Betracht ziehst?"
"Nein, wobei ich von den neuesten Kadetten schon nicht mehr sagen kann, daß ich sie kenne."
"Gütige, was, wenn ich irre?"
"Gut, ich werde die Anweisungen ausweiten."
"Was, wenn wir die Falschen treffen? Vor dieser Frage standen wir schon mal... Und ich hab versagt. Es ist wieder passiert. Sie haben wieder gewonnen - vor meinen Augen."
Mit ausdrucksloser Miene und nur schwer erkennbarem Bedauern zog sie den Ring vom Finger und ließ ihn leicht geworfen über die Decke rollen. "Das war's dann also." Ihre Stimme tonlos. Es gab dazu auch nichts zu fühlen, was sie hätte fühlen dürfen, ohne weinerlich zusammenzubrechen. Es gab dazu nichts zu fühlen, außer diesem entsetzlichen Kopfschmerz, das Blut, das durch ihren Schädel hämmerte.
"Steck ihn wieder an ich habe dich noch nicht entlassen!"
Er deutet auf ein Kästchen, das er auf ihre Bettdecke stellte.
"Ein Geschenk einer gewissen Trutta Solma, es sollte an dich gehen."
Ausgerechnet jetzt... sie senkte den Kopf. "Nicht heulen."
"Ruh dich bitte noch aus, selbst in dieser Situation." Sie fühlte seine Hand unter ihrem Kinn und konnte nur schwer seinem Blick begegnen - er war zu lieb.
"Ich hoffe, du bist selber wenigstens so weit genesen, sicher auf einem Bein stehen zu können? Nimm meine Dienstwaffe mit und lass sie Thancred in der Mitte ansägen, dann bricht sie leichter."
"So nicht, Darna. Ich weiss, wie sehr du auf unehrenhafte Entlassung aus bist, aber den Wunsch erfülle ich dir nicht, du hast Pech."
Sie legte den Ring auf ihr Nachtschränkchen, während draußen darüber verhandelt wurde, ob sie noch ein Schlafmittel brauchte oder nicht. Sie kannte ihre Pappenheimer, wenn sie nicht hierblieb, würde man sie eher an den Bettpfosten festnageln, als sie weg zu lassen. Man sollte Gefangene nicht ins Kastell sperren, man sollte sie krank machen und den unerbittlichen Heilern überlassen!
Liliana trat wieder ein.
Liliana! Sie konnte sich bewegen, sie war jetzt gerade da, sie kannte Rothgar, sie war der einzig verfügbare Kontakt, den sie gerade noch benutzen konnte! Sie musste recherchieren lassen, was gestern los war, Verdächtige ausmachen, und Liliana würde ihr dabei helfen!
"Ich geb euch etwas, das euch einschlafen lässt, ansonsten wird das ja doch nichts."
"Es wird gefährlich, wenn Heiler anfangen, dich zu kennen. Tu so, als wärst du lieb und würdest gehorchen!"
"Ihr könntet mir eine Frage beantworten, Euer Hochgeboren..."
"Sicher, fragt nur, aber danach wird geschlafen."
"Ja ja."
"Gestern Nacht im Kastellhof ging, als Ihr mich versorgt habt, an uns eine Person vorbei ins Kastellgebäude, in Uniform, und hat kurz und nicht ordnungsgemäß gegrüßt, eine weibliche Stimme...
Wer war das? Hat Rothgar sie genauer gesehen? Entweder er weiß das, oder die anwesenden Wachen der Schicht haben das zu rekapitulieren."
Liliana nickte: "Ja, ich hab mich auch sehr gewundert, und ich denke, Rothgar hat sie auch gesehen. Ich fand ihr Verhalten sehr merkwürdig.. und weiß auch, wer es war."
"Wer?"
"Sag nicht 'Lynette'. Lass mich nicht monatelang..."
"Sie wird sicher Schwierigkeiten bekommen deswegen, nicht wahr?"
"Wer?" - Darnas Stimme gewann einen zwingenderen Klang.
"Sag es, oder ich... nein, nicht drohen. Warte es einfach ab. Sie muß es dir sagen."
"Standpauken wegen nicht ordnungsgemäßem Grüßen sind kein Einzelfall, Hochgeboren von Drachenfels..."
"Lass es nur das sein. Bitte, lass es nur das sein. Das wird bei jedem der Fall sein, außer bei Lynette. Das wäre bei jedem anderen nur ein Witz, nur nicht bei..."
"Nun ihr werdet es ja doch erfahren.. ob nun von mir oder Rothgar oder den anderen Gardisten... auch wenn ich es nur ungern tue..."
"Ja, ich werde das herausfinden."
"Es war Lynette. Lynette de Borgo."
Einen Moment blieb die Zeit stehen. Einen Moment lang lebte sie nicht mehr. Einen Moment lang war alles tot. Dann erscholl ein Ruf, mit dem Rouven Alestras Erbe angetreten wurde:
"AADRIAAAAAAN!"
"Bitte, beruhigt Euch doch."
"ADRIAN!"
"Ihr braucht jetzt Ruhe..."
"DIESE...", Darna schäumte vor Wut.
Draußen auf dem Flur Hektik:
Adrian - "Wer um alles in der Welt schreit hier so herum?"
Rafael - "DARNA... Die Stimme ist unverkennbar!"
Felicitas - "Hört sich nach Darna an - das Organ kenne ich."
Waffen wurden gezogen. Der Vorhang wurde beiseite gerissen.
"Beruhigt Euch doch bitte..." - Liliana stand nun völlig hilflos neben dem Bett, als Adrian hereinstürmte.
"Was ist hier los?"
"ADRIAN, verdammt nochmal!" Sie starrte ihm mit gefletschten Zähnen entgegen. Lilianas Hand fasste ihr Handgelenk, suchte den Puls - der sprang sie schon regelrecht an, um sie auch zu beißen. Ihr Blut raste durch den Körper, das Gesicht zorngerötet.
"Ich BETE für sie mit dem letzten Rest Menschlichkeit, daß sie ihre Koffer gepackt und aus der Stadt raus ist!", bellte sie überlaut.
Rafael erholte sich von einem halben Herzinfarkt. "Darna, tu das nie wieder!"
"Für wen?"
"Was um alles in der Welt ist hier los?"
Fieberhaft gab Liliana einige Tropfen in ein Glas Wasser und hielt es Darna vor die Lippen - mit unwirscher Geste wischte sie die Hand beiseite.
"Das WAR Lynette de Bourgo, die gestern Nacht noch an uns vorbei ins Kastellgebäude gegangen ist! Ich ...."
"...bring sie um! Nein, ich bring sie nicht um! Ich lasse sie umbringen! Panther und Dämonen nochmal, ich tret sie, daß sie auf Fuachtero ankommt! Ich prügel diese Rotzgöre windelweich!"
Liliana inzwischen mit panischem Gesichtsausdruck, während sie Darna anstarrte. Sie würde ihr gleich umkippen, explodieren, einen riesen Krater hinterlassend, oder einfach an Hirnschlag sterben.
"ich... wenn sie DAS...", sie brachte nicht mehr als hilflos knurrenden Zorn heraus, der Blick rotverschleiert.
"Lynette de Bourgo?"
"Was...?"
"HÄNG SIE AUF, WENN SIE DAS WAR!", brüllte Darna wütend.
"Sie braucht nun wirklich Ruhe."
"Warum sagst du das erst jetzt?"
Ein verbaler Schlag ins Gesicht. Götterverflucht... "ICH WAR MIR NICHT SICHER!" Hilflosigkeit, die über sie hinwegschwappte. Rafael rauschte hinaus: "Hudgarr! Mitkommen!
Ich lasse sie FESTNEHMEN!!!! Mehr nicht! Ich kruemme ihr kein Haar. Nicht solange bis ihr die Schlinge um den Hals gelegt wird."
Was hatte sie losgetreten?
"Herrin Temora, GÖTTER IM HIMMEL, lasst mich nicht irren! ..."
"Ich muß jetzt darauf bestehen, daß Ihr das trinkt!"
"... Aber sonst löse ICH den Halteknoten am GALGEN, VERFLUCHT NOCHMAL!"
Wieder dieses Glas vor den Lippen. Sie hätte es lieber gerade an die Wand geschmissen, statt sonst irgendwas. Wieso war vor ihr nur ein Vorhang, verdammt?!
"Trink, wir kümmern uns darum."
Als sie erneut das Glas beiseite wischen wollte, zitterte der ganze Arm.
"Darna! Muß ich dich erst zwingen? Trink jetzt!"
"Adrian... lass nicht zu, daß mir das die Garde zerfetzt... meine Garde...", presste sie zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.
"Wir schneiden faules Fleisch heraus, nicht mehr als das! Trinkt das jetzt aus, das ist ein Befehl!"
Sie hätte inzwischen nicht einmal mehr trinken können, wenn sie gewollt hätte, Liliana musste ihr zu mehreren Schlucken das Glas ansetzen.
"Keinen... oh bitte nicht... Adrian, wir dürfen nicht..."
"Still, trink."
"...wir dürfen nicht ungerecht werden. Himmel, vielleicht war sie es nicht, aber..."
"Ich war nie ungerecht!" Adrians Augen funkelten auf.
Nein, war er nicht. War er doch nicht. Zorn und Kraft wichen, machten einer lähmenden Leere Platz, in die das Schlafmittel griff. Worte, die zunehmend nur noch wie fernes Rauschen klangen:
"Also ich kann für nichts garantieren.. statt Ruhe die sie braucht, gabs nur Aufregung, und das ist gar nicht gut bei einer schweren Gehirnerschütterung."
Schwer? Sie hatte doch nur eine Beule am Kopf. Gedanke, die kaum mehr zu greifen waren.
"Ich will nicht, daß meinetwegen Unschuldige... leiden... aber auch nicht, daß... Schuldige... diese... Bastarde...", ihre Stimme erstarb in einem unverständlichen Lallen.
Ruhiger war es geworden, das Schlafmittel täuschte den Frieden vor, mit dem sie auf dem Bett lag, als der Vorhang später leise beiseite gezogen wurde, die blauen Augen des Grafen sie musterten, das ungeöffnete Kästchen sahen. Er stellte es auf das Nachtschränkchen, nahm den Siegelring der Garde und drehte ihn nachdenklich, während sich auf dem wie üblich gut polierten Rangabzeichen an der Uniformweste das Kerzenlicht in den Sternen und Streifen brach.
Als er ihre Hand nahm, war diese kühl und verschwitzt. Mühelos glitt der Ring an den Platz, wo er so oft und lange gewesen war.
"Du wirst es schon zu deuten wissen, wenn du wach wirst", sagte er leise und zog sich in die Kaminecke zurück, um bei einem Buch zu warten.
Ich hätte dein Kind nicht retten können, Feli.
Nicht das unschuldigste Leben, was es gibt, retten können.
Verdammtes C.
Mein Wort?
Ihr seid es nicht würdig, Ritter Temoras zu sein! Lügnerin!
Sie war von ihrem auskeilenden Pferd getreten worden, zur Seite geschleudert, an den Stufen der Brücke mit dem Kopf aufgeschlagen - eine leichte Gehirnerschütterung. Im Kloster war ihr am Tage schwindelig gewesen, trotzdem ging sie abends ins Kastell. Sie hatte Rodirian de Mena sehen, nochmal mit ihm sprechen wollen.
"Rodirian Mena. Der Mensch hat mit einem Edlen nichts gemein."
Sie hätte es bleiben lassen sollen. Neue Zweifel kamen auf, Vorwürfe und Hohn raubten ihr das Denken, den Atem. "Ich hab ihm nicht wirklich mein Wort gegeben?! Ich kann mich nicht an alles, was geschah, erinnern!"
Dunkelgraue Schlieren verschwommen vor ihren Augen. Ihr war schlecht. Rothgar hatte ihre Hochgeboren von Drachenfels geholt, und gemeinsam brachten sie Darna nach draußen auf den Kastellhof. Vor der Tür auf der Bank sitzend drang alles, was um sie herum geschah, nur wie durch einen Schwamm gedämpft zu ihr.
"Nabend."
Nabend. Grüße. Eine von diesen lächerlichen Floskeln, wer war die Frau, die da gerade vorbeiging? Blau und gold nahm sie aus den Augenwinkeln wahr, als die Person ins Kastellgebäude verschwand. Nabend... nein, sich über den nicht ordnungsgemäßen Gruß aufzuregen, hatte sie gerade wirklich nicht die Kraft. Würde die Ordnung in der Garde gänzlich den Bach runtergehen, wenn sie erstmal fort wäre?
"Mir wurde aufgetragen, Euch Euren Rücktritt nahezulegen. Dem habt Ihr Euch ja exzellent entzogen."
Angst...
Angst vor einer unehrenhaften Entlassung. Vor wenigen Wochen hatte sie es noch selber angeboten, als politischen Winkelzug, als Spielchen... nun hatte sie Angst davor, Angst vor dem, was nicht die Wahrheit war.
"Das ist meine Garde. Meine Jungs und Mädels. Ich hab mich immer um sie gekümmert, nach bestem Gewissen."
"Ihr braucht absolute Ruhe, Euer Hochgeboren! Mit einer Gehirnerschütterung ist nicht zu spaßen!"
Rothgar verstand sie wenigstens, half ihr, ihre Würde zu bewahren, Hilfe annehmen zu können. Sie hasste es, "verhätschelt" zu werden. "Herrin Temora, schick mich in Schlachten, schick mich in Kriege, aber halt mir die Heiler vom Hals."
Es war nicht fair gegenüber Liliana. Doch wie sehr sie sich jetzt Nyell gewünscht hätte...
Stattdessen kam Sir Calamdor. "Oberst von Elbenau, ich erwarte dass ihr Eure Heilerin ab sofort als Eure Vorgesetzte betrachtet. Ihre Bitten sind Befehle. Verstanden?"
"Jawohl, Sire."
"Gute Nacht, Oberst. Sofort."
Ein zusätzliches leichtes Schlafmittel tat seine Wirkung. Eine Nacht Ruhe. Es tat nicht mehr seine Wirkung, als sie erneut das Neugeborene sah, eine Klinge am Hals, ein Schnitt, tot, und sie war schuld...
Sie riß sich aus dem Schlaf, und starrte Adrian irritiert an. Warum stand er vor ihr? Wo war sie? Felis Stimme, sie rief nach Adrian, und sie kannte den Tonfall, inzwischen war es fast egal, wer etwas sagte, sie hörte, wenn etwas nicht stimmte, wann es irgendwo "brannte".
"Einen Moment, ich bin gleich zurück."
"Ja natürlich. Das sag ich auch immer." Sie zog ihre Stiefel an und wanderte hinterher. Und kaum stand sie im Flur, wurde sie von Adrian abgeschoben, zumindest konnte man die sanfte Gewalt, mit der er sie zurück Richtung Quartiere dirigierte, problemlos so deuten.
Die beiden gingen... zum Kastell. Irgendwas war im Kastell. Ihrem Kastell. Hatte dieser Schuft sich umgebracht? Hatte ihn doch noch jemand zu Tode geprügelt? Sie wies die Mauerwachen an, im Auge zu behalten, was im Kastell passierte. NOCH war sie Oberst. NOCH war das ihre Stadt - verdammt noch eins, das ging nicht an, daß in Bezug auf die Garde und den Grafen etwas vorging, das sie nicht wusste!
Liliana kehrte von einem Patientenbesuch zurück und sah wieder nach ihr. Treue Seele. Womit konnte man sie bitte wegschicken?
Und dann... fing es an. Es sollte wohl einer dieser seltsamen Tage sein, wo man Katastrophen zum Antreten und Durchzählen beordern konnte. Der Gardist berichtete ihr gerade noch, was im Kastell vorgefallen war, als Adrian zurückkehrte...
Und die Basiskatastrophe bestand darin, daß de Mena geflohen war. Irgendwo in ihrem Verstand hakte was aus. "Ausgebrochen", wiederholte sie, als hätte sie sich vielleicht ja verhört. Tausend Alternativen rasten durch ihren Kopf, der sich in neuen Kopfschmerzen erging und ihr gerade das Nachdenken schwer machen wollte.
"Ich bin gefeuert. Ausgebrochen. Ausgerechnet jetzt, ausgerechnet er - ausgebrochen." Ihr Blick starrte geradeaus vor sich hin.
"Es kann gut sein, daß ich ihn zuletzt gesehen habe, Rothgar und ihre Hochgeboren haben mich, nachdem ich nochmal im Zellentrakt war, aus dem Besprechungssaal heraus nach draußen und dann zum Schloß gebracht."
Sie konnte jetzt nicht weg. Das konnte so nicht stehen bleiben. Das war unverzeihlich, das war ihre Garde! Ausgebrochen...
"Wann war das?"
"Das war... bereits nach Mitternacht, erste oder zweite Stunde."
"Wer hatte Dienst?"
Im Kastell. Das alte Problem, wie schon damals beim Ausbruch der Templer Alatars... ob wieder Umhänge fehlten, die Zellentüren nicht aufgebrochen, sondern aufgeschlossen waren...? Es hätte Alarm geben müssen. Man hatte den Zutritt kurz zuvor beschränkt gehabt.
"Lass prüfen, ob die Türen gewaltsam aufgebrochen wurden, und wenn nicht, gibt es eine Person, von der ich nichts Gutes mehr denke, wenn sie dann zu dieser Zeit im Kastellgebäude war."
"Ich war eben im Kerker, das hätte ich gesehen, Darna!"
Aufgeschlossen. Wieder ein Verräter in der Garde. Oder... der nächste Gedanke jagte ihr blanke Angst ein: "Immernoch...?"
"Kadettin Lynette de Bourgo stand bei dem Entkommen der Alatar-Templer bereits einmal in dringendem Verdacht, und der unvoreingenommenen Gerechtigkeit halber muß ich Adrian Greif dazu erwähnen, doch von dem glaube ich persönlich das nicht."
"De Bourgo - sehr interessant, ein anderes Mitglied dieser Familie war noch bei ihm. Langsam hinterfrage ich eher die Familie."
"Auf Larius lasse ich nichts kommen, aber Fräulein Lynette hat sich bislang als nichts als unzuverlässig, frech und von zweifelhafter Loyalität erwiesen."
Adrian nickte knapp, eine hand zur faust geballt.
"Prüfe sie, und wenn sie ihre Unschuld nicht im Mindesten beweisen kann, wirf sie raus."
"Wir können uns das nicht mehr leisten. Die demontieren mir die Garde. Verdammtes Verräter-Pack, das ist meine Garde!"
"Sonst noch jemand, den du in Betracht ziehst?"
"Nein, wobei ich von den neuesten Kadetten schon nicht mehr sagen kann, daß ich sie kenne."
"Gütige, was, wenn ich irre?"
"Gut, ich werde die Anweisungen ausweiten."
"Was, wenn wir die Falschen treffen? Vor dieser Frage standen wir schon mal... Und ich hab versagt. Es ist wieder passiert. Sie haben wieder gewonnen - vor meinen Augen."
Mit ausdrucksloser Miene und nur schwer erkennbarem Bedauern zog sie den Ring vom Finger und ließ ihn leicht geworfen über die Decke rollen. "Das war's dann also." Ihre Stimme tonlos. Es gab dazu auch nichts zu fühlen, was sie hätte fühlen dürfen, ohne weinerlich zusammenzubrechen. Es gab dazu nichts zu fühlen, außer diesem entsetzlichen Kopfschmerz, das Blut, das durch ihren Schädel hämmerte.
"Steck ihn wieder an ich habe dich noch nicht entlassen!"
Er deutet auf ein Kästchen, das er auf ihre Bettdecke stellte.
"Ein Geschenk einer gewissen Trutta Solma, es sollte an dich gehen."
Ausgerechnet jetzt... sie senkte den Kopf. "Nicht heulen."
"Ruh dich bitte noch aus, selbst in dieser Situation." Sie fühlte seine Hand unter ihrem Kinn und konnte nur schwer seinem Blick begegnen - er war zu lieb.
"Ich hoffe, du bist selber wenigstens so weit genesen, sicher auf einem Bein stehen zu können? Nimm meine Dienstwaffe mit und lass sie Thancred in der Mitte ansägen, dann bricht sie leichter."
"So nicht, Darna. Ich weiss, wie sehr du auf unehrenhafte Entlassung aus bist, aber den Wunsch erfülle ich dir nicht, du hast Pech."
Sie legte den Ring auf ihr Nachtschränkchen, während draußen darüber verhandelt wurde, ob sie noch ein Schlafmittel brauchte oder nicht. Sie kannte ihre Pappenheimer, wenn sie nicht hierblieb, würde man sie eher an den Bettpfosten festnageln, als sie weg zu lassen. Man sollte Gefangene nicht ins Kastell sperren, man sollte sie krank machen und den unerbittlichen Heilern überlassen!
Liliana trat wieder ein.
Liliana! Sie konnte sich bewegen, sie war jetzt gerade da, sie kannte Rothgar, sie war der einzig verfügbare Kontakt, den sie gerade noch benutzen konnte! Sie musste recherchieren lassen, was gestern los war, Verdächtige ausmachen, und Liliana würde ihr dabei helfen!
"Ich geb euch etwas, das euch einschlafen lässt, ansonsten wird das ja doch nichts."
"Es wird gefährlich, wenn Heiler anfangen, dich zu kennen. Tu so, als wärst du lieb und würdest gehorchen!"
"Ihr könntet mir eine Frage beantworten, Euer Hochgeboren..."
"Sicher, fragt nur, aber danach wird geschlafen."
"Ja ja."
"Gestern Nacht im Kastellhof ging, als Ihr mich versorgt habt, an uns eine Person vorbei ins Kastellgebäude, in Uniform, und hat kurz und nicht ordnungsgemäß gegrüßt, eine weibliche Stimme...
Wer war das? Hat Rothgar sie genauer gesehen? Entweder er weiß das, oder die anwesenden Wachen der Schicht haben das zu rekapitulieren."
Liliana nickte: "Ja, ich hab mich auch sehr gewundert, und ich denke, Rothgar hat sie auch gesehen. Ich fand ihr Verhalten sehr merkwürdig.. und weiß auch, wer es war."
"Wer?"
"Sag nicht 'Lynette'. Lass mich nicht monatelang..."
"Sie wird sicher Schwierigkeiten bekommen deswegen, nicht wahr?"
"Wer?" - Darnas Stimme gewann einen zwingenderen Klang.
"Sag es, oder ich... nein, nicht drohen. Warte es einfach ab. Sie muß es dir sagen."
"Standpauken wegen nicht ordnungsgemäßem Grüßen sind kein Einzelfall, Hochgeboren von Drachenfels..."
"Lass es nur das sein. Bitte, lass es nur das sein. Das wird bei jedem der Fall sein, außer bei Lynette. Das wäre bei jedem anderen nur ein Witz, nur nicht bei..."
"Nun ihr werdet es ja doch erfahren.. ob nun von mir oder Rothgar oder den anderen Gardisten... auch wenn ich es nur ungern tue..."
"Ja, ich werde das herausfinden."
"Es war Lynette. Lynette de Borgo."
Einen Moment blieb die Zeit stehen. Einen Moment lang lebte sie nicht mehr. Einen Moment lang war alles tot. Dann erscholl ein Ruf, mit dem Rouven Alestras Erbe angetreten wurde:
"AADRIAAAAAAN!"
"Bitte, beruhigt Euch doch."
"ADRIAN!"
"Ihr braucht jetzt Ruhe..."
"DIESE...", Darna schäumte vor Wut.
Draußen auf dem Flur Hektik:
Adrian - "Wer um alles in der Welt schreit hier so herum?"
Rafael - "DARNA... Die Stimme ist unverkennbar!"
Felicitas - "Hört sich nach Darna an - das Organ kenne ich."
Waffen wurden gezogen. Der Vorhang wurde beiseite gerissen.
"Beruhigt Euch doch bitte..." - Liliana stand nun völlig hilflos neben dem Bett, als Adrian hereinstürmte.
"Was ist hier los?"
"ADRIAN, verdammt nochmal!" Sie starrte ihm mit gefletschten Zähnen entgegen. Lilianas Hand fasste ihr Handgelenk, suchte den Puls - der sprang sie schon regelrecht an, um sie auch zu beißen. Ihr Blut raste durch den Körper, das Gesicht zorngerötet.
"Ich BETE für sie mit dem letzten Rest Menschlichkeit, daß sie ihre Koffer gepackt und aus der Stadt raus ist!", bellte sie überlaut.
Rafael erholte sich von einem halben Herzinfarkt. "Darna, tu das nie wieder!"
"Für wen?"
"Was um alles in der Welt ist hier los?"
Fieberhaft gab Liliana einige Tropfen in ein Glas Wasser und hielt es Darna vor die Lippen - mit unwirscher Geste wischte sie die Hand beiseite.
"Das WAR Lynette de Bourgo, die gestern Nacht noch an uns vorbei ins Kastellgebäude gegangen ist! Ich ...."
"...bring sie um! Nein, ich bring sie nicht um! Ich lasse sie umbringen! Panther und Dämonen nochmal, ich tret sie, daß sie auf Fuachtero ankommt! Ich prügel diese Rotzgöre windelweich!"
Liliana inzwischen mit panischem Gesichtsausdruck, während sie Darna anstarrte. Sie würde ihr gleich umkippen, explodieren, einen riesen Krater hinterlassend, oder einfach an Hirnschlag sterben.
"ich... wenn sie DAS...", sie brachte nicht mehr als hilflos knurrenden Zorn heraus, der Blick rotverschleiert.
"Lynette de Bourgo?"
"Was...?"
"HÄNG SIE AUF, WENN SIE DAS WAR!", brüllte Darna wütend.
"Sie braucht nun wirklich Ruhe."
"Warum sagst du das erst jetzt?"
Ein verbaler Schlag ins Gesicht. Götterverflucht... "ICH WAR MIR NICHT SICHER!" Hilflosigkeit, die über sie hinwegschwappte. Rafael rauschte hinaus: "Hudgarr! Mitkommen!
Ich lasse sie FESTNEHMEN!!!! Mehr nicht! Ich kruemme ihr kein Haar. Nicht solange bis ihr die Schlinge um den Hals gelegt wird."
Was hatte sie losgetreten?
"Herrin Temora, GÖTTER IM HIMMEL, lasst mich nicht irren! ..."
"Ich muß jetzt darauf bestehen, daß Ihr das trinkt!"
"... Aber sonst löse ICH den Halteknoten am GALGEN, VERFLUCHT NOCHMAL!"
Wieder dieses Glas vor den Lippen. Sie hätte es lieber gerade an die Wand geschmissen, statt sonst irgendwas. Wieso war vor ihr nur ein Vorhang, verdammt?!
"Trink, wir kümmern uns darum."
Als sie erneut das Glas beiseite wischen wollte, zitterte der ganze Arm.
"Darna! Muß ich dich erst zwingen? Trink jetzt!"
"Adrian... lass nicht zu, daß mir das die Garde zerfetzt... meine Garde...", presste sie zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.
"Wir schneiden faules Fleisch heraus, nicht mehr als das! Trinkt das jetzt aus, das ist ein Befehl!"
Sie hätte inzwischen nicht einmal mehr trinken können, wenn sie gewollt hätte, Liliana musste ihr zu mehreren Schlucken das Glas ansetzen.
"Keinen... oh bitte nicht... Adrian, wir dürfen nicht..."
"Still, trink."
"...wir dürfen nicht ungerecht werden. Himmel, vielleicht war sie es nicht, aber..."
"Ich war nie ungerecht!" Adrians Augen funkelten auf.
Nein, war er nicht. War er doch nicht. Zorn und Kraft wichen, machten einer lähmenden Leere Platz, in die das Schlafmittel griff. Worte, die zunehmend nur noch wie fernes Rauschen klangen:
"Also ich kann für nichts garantieren.. statt Ruhe die sie braucht, gabs nur Aufregung, und das ist gar nicht gut bei einer schweren Gehirnerschütterung."
Schwer? Sie hatte doch nur eine Beule am Kopf. Gedanke, die kaum mehr zu greifen waren.
"Ich will nicht, daß meinetwegen Unschuldige... leiden... aber auch nicht, daß... Schuldige... diese... Bastarde...", ihre Stimme erstarb in einem unverständlichen Lallen.
Ruhiger war es geworden, das Schlafmittel täuschte den Frieden vor, mit dem sie auf dem Bett lag, als der Vorhang später leise beiseite gezogen wurde, die blauen Augen des Grafen sie musterten, das ungeöffnete Kästchen sahen. Er stellte es auf das Nachtschränkchen, nahm den Siegelring der Garde und drehte ihn nachdenklich, während sich auf dem wie üblich gut polierten Rangabzeichen an der Uniformweste das Kerzenlicht in den Sternen und Streifen brach.
Als er ihre Hand nahm, war diese kühl und verschwitzt. Mühelos glitt der Ring an den Platz, wo er so oft und lange gewesen war.
"Du wirst es schon zu deuten wissen, wenn du wach wirst", sagte er leise und zog sich in die Kaminecke zurück, um bei einem Buch zu warten.