Delilah Lynn - Der Pfad einer Gläubigen
Verfasst: Freitag 1. Juni 2007, 13:48
Unruhe fängt immer nur an, sie endet niemals sondern mündet nur in noch größere Probleme, verstrickt sich, erhebt sich über jene, die glauben das Schicksal kontrollieren zu können. Kontrolle, was war das schon? Gab es Menschen, die sich kontrollieren ließen? Kaum zu glauben, dass so etwas zugelassen wurde. Aber es gab sie. Menschen, die sich manipulieren ließen, wenn man es nur geschickt genug anstellte. Diese Fähigkeit musste man besitzen. Andere Menschen gekonnt um einen Finger wickeln, vieles dafür tun, dass sie einem aus der Hand fraßen, aber niemals zuviel geben. Unruhe gab es überall, Unruhe verstrickte sich in Streitereien, in Auseinandersetzungen, manchmal nahm Unruhe sogar Leben, raffte Leben dahin um anderen den Beweis zu liefern, dass sie so mächtig waren um sich im Ruhm zu aalen. Aber ebenso schnell wie Unruhen auftauchten, waren sie auch wieder geglättet. Hier und da hörte man den einen oder anderen noch über Vergangenes sprechen. Erinnerungen, die versiegten wie die Sonne, die jeden Abend wieder vom Mond abgelöst wurde, um den Tag in ein dunkles schwarz zu tauchen und die Nacht herbei rief.
Kapitel Eins: Des Teufels Werke
Lyanna Rhysar war glücklich. Sie hatte ein gesundes Mädchen zur Welt gebracht, einen Goldschatz. So schön war sie, schwarze Haare hatte sie und hellblaue Augen. Es wusste niemand, ob ihre Augen so bleiben würden, schließlich veränderte sich die Farbe der Augen von Säuglingen gerne, wenn sie erstmal größer wurden. Aber für den Moment war es egal. Die junge Mutter war stolz auf ihre kleine Tochter. Und auch ihr Mann, Naroth Rhysar, er war stolz. Stolz, eine solche Tochter als sein Kind sehen zu dürfen. Lyanna war so glücklich mit ihrem kleinen Mädchen, dass sie das, was vorzeitig um sie herum geschehen war, gar nicht realisiert hatte. In ihren Augen hatte ihr Leben nur noch einen Sinn, - und das war ihre Tochter Delilah Lynn.
Jahre zogen dahin. Viele Jahre. Es waren nicht die leichtesten Zeiten für ihre Eltern gewesen. Ihr Vater arbeitete anfangs hart, doch ließ sein Wille, Gold zu verdienen stark nach, so dass ihre Mutter anfing, das Gold auf ihre Weise zu verdienen.
14 Jahre waren an Delilah vorbeigezogen. Sie war kein Kind wie jedes andere. Andere Kinder hatten sich draußen getroffen, hatten gespielt, hatten gelacht. Delilah nicht. Sie hatte keine glückliche Kindheit. Wie oft hatte sie gefleht, einfach nur sterben zu dürfen oder ihre Sachen zu packen, um das Weite zu suchen? Ihre ältere Schwester hatte sie längst allein zurückgelassen, war sie doch ihr einziger Anlaufpunkt gewesen, wenn es ihr nicht gut ging.
Früher hatte Delilah nicht verstanden, was zuhause ablief. Mit der Zeit öffnete sich ihr Verstand und auch der Geist, ließ sie am eigenen Körper erfahren, was ihre Familie zusammenhielt – Leid und Schmerz. Der Geruch von Bier und Wein, Schnaps und Ale durchdrang jeden Abend ihre Nase. Und jedes Mal wusste sie, dass sie wieder nicht friedlich einschlafen konnte. Die Wutausbrüche, mit denen ihr Vater nach Hause kam, schlauchten das junge Mädchen, sie hielt es kaum aus. Der kleine Stoffbär in ihrer Hand, ein Geschenk ihrer großen Schwester, war schon total zerknautscht und zerfetzt. Wenn ihre Eltern dachten, sie würde nicht verstehen, nicht sehen, was passierte, mussten sie wirklich dumm und töricht sein. Sie hörte die Schreie und kniff die Augen zusammen. Obwohl sie das Schauspiel gewohnt war konnte sie sich ihre Tränen abermals nicht verkneifen. Sie hörte ihre Mutter weinen und schluchzen, während ihr Vater weiter auf sie einschlug. Delilah verstand es nicht und sie fing jeden Tag von neuem an ihren Vater wie auch ihre Mutter zu verachten. Was war das für eine Familie? Ein Mann, der die Frau, die er einst geliebt hatte, fast zu Tode schlug und eine Frau, die so schwach war, dass sie sich nicht einmal gegen ihren eigenen Mann widersetzen konnte. Sie presste ihre kleinen, zarten Finger gegen ihre kleinen Öhrchen. Sie wollte einfach um sich herum nichts mehr mitbekommen.
Erst als die Schreie versiegt waren, öffnete Delilah ihre Augen. Ihr Vater hatte das Haus verlassen, sie hatte das vibrieren der Dielen vom Schlag der Tür gespürt. Vorsichtig schlüpfte Delilah aus ihrem Zimmer, die kleinen Füße berührten den kalten Steinboden der Fliesen. Wenn man von der Balustrade hinab sah blickte man auf die offene Küche und auf das Esszimmer, ebenso wie auf ein kleines, eingerichtetes Lehreck. Es war von früher, als ihr Vater noch gearbeitet hatte und nicht das ganze Geld, das ihre Mutter nach Hause brachte, versoff. Delilah blickte hinab, doch sah sie ihre Mutter nicht. Vielleicht war sie ins Badezimmer und wusch sich das Blut von den Lippen. Dachte sie wirklich, Delilah wäre so dumm, dass sie nicht mitbekam, dass ihre Mutter regelmäßig von ihrem Ehemann verprügelt wurde? Sie hasste es, wenn ihre Mutter vor Delilah versuchte stark zu sein. Schließlich war ihr bewusst, wie schwach ihre eigene Mutter war. So ging sie die Treppen weiter hinab. In einem der Ecken lag ihre Mutter. Ihr Arm lag über dem mit Fellen besetzten Stuhl, ihr Kopf lag auf ihrem Arm. Blut lief wie immer ihre Lippen und auch ihre Schläfe hinab. Vorsichtig lief Delilah zu ihr. „Lyanna?“
Hastig packte sie ihre Sachen und stopfte diese recht unordentlich in ihren Rucksack. Tränen liefen aus ihren Augenwinkeln, obwohl sie gar nicht weinen wollte. Der leblose Körper ihrer Mutter hatte ihr Angst gemacht. Sie war tot. Delilah wusste für kurze Zeit nicht, was sie tun sollte. Sollte sie Hilfe holen, wobei sie wusste, dass jede Hilfe längst zu spät war. Das einzige, was ihr jetzt in den Kopf stieg, war ihr eigenes Wohlbefinden. Seine Frau hatte er zu Tode geprügelt, wollte er sich nun an seiner jüngsten Tochter vergreifen? Würde er sie auch zu Tode prügeln? Sie würde es nicht zulassen, sie war nicht so schwach, wie ihre Mutter. Sie hoffte nur, dass ihr Vater irgendwann an seinem Alkohol verreckte. Aber der Teufel kannte im Suff eh keinerlei Gnade. Und eines wusste sie: An diesen Ort würde sie selbst nach ihrem Tod nicht mehr zurückkehren.
Auf den Straßen hatte sie von den Fremden von einem Land gehört, fern von hier, weit weg von ihrer Vergangenheit. Vielleicht war es eine Möglichkeit, ihr Leben dort zu beschreiten. Nicht einen Blick schenkte das Mädchen ihrem Zuhause, als sie auf das Schiff ging und es ablegte. Und es fühlte sich innerlich an, als würde sie endlich zu neuem Leben erwachen.
Die Schifffahrt zog sich über Wochen hin, Delilah hatte sehr viel Zeit um nachzudenken, um sich der Situation bewusst zu werden, welcher sie gerade entflohen war. Aber natürlich, ihre Schwester war längst tot, sie hatte sich für einen Tod aus freien Schritten entschieden. Sie hatte es nicht mehr ertragen, dass ihr Körper so beschmutzt war. Warum hatte Delilah nur so lange gebraucht um zu sehen, dass ihr zuhause nicht ihr zuhause war? Ihr Vater, ein Saufbold, der sich von seiner ältesten Tochter das genommen hatte, was er von seiner Frau nicht mehr bekommen hatte. Und ihre Mutter, die sich an andere Männer verkaufte, um ihre Familie ernähren zu können, weil ihr Ehemann schlichtweg zu faul war, seinen Hintern zu bewegen und das Gold, dass sie anschaffte, schlichtweg versoff. Sie tat sich selbst fürchterlich leid, dass sie ihren Kindern irgendwann nichts von ihrer Familie erzählen konnte, was überhaupt in kleinster Weise gut war. Gab es überhaupt Momente, in denen das kleine Mädchen nicht eingeschüchtert und weinend zuhause saß? Delilah erinnerte sich nicht. Sie erinnerte sich nur an die Augen ihrer Schwester, als sie panisch, ängstlich und schockiert, als würde sie gar nicht mehr am hiesigen Leben teilnehmen in ihrer Ecke saß und die Arme um ihren geschundenen Körper schlang. Selbst heute schnürte es Delilah noch die Luft zum atmen ab. Die einzige Hoffnung, die sie hatte: Sie wollte in ihrer neuen Heimat neue Luft schnuppern.
Kapitel Zwei:
Bajard. Sie stand an den Gesetzestafeln, als sie von Bord gegangen war. Es war reges Treiben in der Stadt. Hier und da eilten Mägde die Wege entlang, Männer zogen ihre Frauen an den Haaren hinter sich her – es war also wohl überall so. Delilah seufzte und sah sich um, sie versuchte sich als Halbwüchsige ein eigenes Bild zu erschaffen. Eine blühende Phantasie hatte sie schon immer gehabt. Sie kramte die letzten Goldstücke aus ihrer Tasche heraus und ging in die Taverne, um sich dort ein wenig essen zu erkaufen. Die Taverne war voller, als sie gedacht hatte. Noch immer versuchte sie einen Sinn zu erkennen, warum dieses Dorf bestand. Aber scheinbar war es ein einfaches Fischerdorf, das sich anderen gegenüber neutral verhalten wollte. Sie ließ sich in eines der Ecken treiben, setzte sich auf einen freien Stuhl auf einem Tisch und pflückte das Brot auseinander. Eine Bardin lag betrunken über dem Tisch, es gab also auch Frauen, die sich dem Alkohol vollkommen ergaben. Sie verstand es nicht. Und es widerte sie an. Zwei weitere Frauen unterhielten sich recht angeregt über ihre Familien, über die Erziehung ihrer Kinder. Delilah versuchte aus dem Wortwirrwarr etwas herauszufiltern. Temora, Eluive, Phanodain, Alatar. Sie hörte diese Namen in den Floskeln, welche die Damen und Herren sich zuwarfen, wenn sie das Gebäude verließen oder es betraten.
Zwei schwarzberobte – ein Mann und eine Frau – betraten die Taverne und einige verließen fluchtartig das Gebäude. Es waren Arkorither, wie Delilah selbst erst einige Monate später erfahren hatte, als sie selbst nicht mehr fremd in diesen Landen war. Noch verstand Delilah nicht und wollte vielleicht auch noch nicht verstehen, was auf sie zukommen sollte….
Monate später.
Sie saß in der Taverne in Rahal. Sie war überall herumgekommen. In Bajard war sie nur einige Tage geblieben. Der ständige Fischgeruch in ihrer Nase widerte sie sehr schnell an. Sie selbst hätte wohl Angst davor, dass sich der beißende Geruch von verwestem Fisch in ihren Haaren und selbst auf ihrer Haut absetzte. Varuna hatte sie sich auch angesehen, doch die Leute dort waren so fürchterlich von sich selbst überzeugt, Delilah passte nicht dort hin. Es nervte sie, dass jeder ihr von Anfang an erzählen wollte, an was sie glauben MUSSTE. Das sie einen nicht noch bestochen hatten, war alles. Die Stadt war recht interessant gewesen, aber es passte nicht zu dem, was Delilah gewohnt war. Also verließ sie die Stadt wieder, machte sich auf nach Berchgard. Berchgard. Was war das nur für eine Stadt. Eine Stadt, die sich von einem Königreich unterjochen ließ und dreckigen Erdwühlern ihre Mine überließen ohne sich dagegen zu wehren. Es war lachhaft. Gab es keine Stadt, in der sie sich wohl fühlte? Und dann kam der Tag, an dem sie Rahal betrat. Allein als sie die Straße durch die Tore hindurchmarschierte, fühlte sie sich wohler als überall sonst. Wo war sie hier? Rahal – Die Stadt des Götterkönigs Alatar. Klang viel versprechend.
Wochenlang hatte sie sich herumgetrieben und allem Anschein nach hatte sie nun ihr Zuhause gefunden. Sie hatte auf ihr Herz gehört, das war das Wichtigste.
Sie lernte immer mehr, auf eigenen Füßen zu stehen. Sie verdiente sich ihr Gold damit, in einer Taverne kurzzeitig auszuhelfen. Tag für Tag lernte sie mehr Menschen kennen, welchen sie ihre Bewunderung schenkte. Sie waren stark, sie hatten einen klaren Willen, so, wie sie es auch hatte. Und langsam glaubte sie daran, dass es eine Art Vorbestimmung war, dass sie ihre Kindheit erleben musste, sonst wäre sie vielleicht nie hier angekommen, wo sie nun war. In Rahal.
Oftmals hörte sie Laien auf der Straße von der „verfluchten Stadt Rahal“ oder der „Stadt des Untergangs“ sprechen, aber innerlich musste sie grinsen. Sie hatten ja alle keine Ahnung, was sich wirklich in Rahal zutrug. Aber sie blieb ruhig. Sie ließ die Menschen sprechen, sie waren dumm. Sie sollten sich lieber darüber bewusst werden, dass es nur einen Weg für sie geben wird. Und den mussten sie allein finden, irgendwann endete jeder Weg mit dem Tod – für den Einen früher, für den Anderen später.
Und wieder saß sie in der Taverne. Sie hatte sich vollkommen ihren Gedanken hingegeben und durchforschte diese in ihrem tiefsten Inneren. Sie hatte so vieles kennen gelernt, gläubige Menschen, zu denen sie sich mittlerweile ebenso zählte, die Kinder Alatars – Letharen – und noch einiges mehr. Sie hatte ihren Weg gefunden, ihre Liebe – die Liebe und den Glauben zu Alatar. Aber es war ihr lästig, dass sie mit ihrem Glauben nicht mehr erreichen konnte, die Menschen nicht erreichen, sie Alatar näher bringen konnte. Sie war fast besessen von ihrem Glauben, handelte stets nach seinem Willen oder was sie dachte, was sein Wille wäre. Sie hörte auf das, was ihr Herz ihr sagte. Also erhob sie sich … sie musste etwas tun und sie hatte sich auch in den Kopf gesetzt, was sie tun würde. Ihr Weg würde sie zum Tempel Alatars tragen, nur dort konnte sie die einzig wahre und hingabungsvollste Dogmatik erlernen und am eigenen Leib erfahren. Sie würde für ihren Glauben leben, vielleicht auch, um ihre Familie restlos zu vergessen und ihr eigenes Leben aufzubauen.
Kapitel Eins: Des Teufels Werke
Lyanna Rhysar war glücklich. Sie hatte ein gesundes Mädchen zur Welt gebracht, einen Goldschatz. So schön war sie, schwarze Haare hatte sie und hellblaue Augen. Es wusste niemand, ob ihre Augen so bleiben würden, schließlich veränderte sich die Farbe der Augen von Säuglingen gerne, wenn sie erstmal größer wurden. Aber für den Moment war es egal. Die junge Mutter war stolz auf ihre kleine Tochter. Und auch ihr Mann, Naroth Rhysar, er war stolz. Stolz, eine solche Tochter als sein Kind sehen zu dürfen. Lyanna war so glücklich mit ihrem kleinen Mädchen, dass sie das, was vorzeitig um sie herum geschehen war, gar nicht realisiert hatte. In ihren Augen hatte ihr Leben nur noch einen Sinn, - und das war ihre Tochter Delilah Lynn.
Jahre zogen dahin. Viele Jahre. Es waren nicht die leichtesten Zeiten für ihre Eltern gewesen. Ihr Vater arbeitete anfangs hart, doch ließ sein Wille, Gold zu verdienen stark nach, so dass ihre Mutter anfing, das Gold auf ihre Weise zu verdienen.
14 Jahre waren an Delilah vorbeigezogen. Sie war kein Kind wie jedes andere. Andere Kinder hatten sich draußen getroffen, hatten gespielt, hatten gelacht. Delilah nicht. Sie hatte keine glückliche Kindheit. Wie oft hatte sie gefleht, einfach nur sterben zu dürfen oder ihre Sachen zu packen, um das Weite zu suchen? Ihre ältere Schwester hatte sie längst allein zurückgelassen, war sie doch ihr einziger Anlaufpunkt gewesen, wenn es ihr nicht gut ging.
Früher hatte Delilah nicht verstanden, was zuhause ablief. Mit der Zeit öffnete sich ihr Verstand und auch der Geist, ließ sie am eigenen Körper erfahren, was ihre Familie zusammenhielt – Leid und Schmerz. Der Geruch von Bier und Wein, Schnaps und Ale durchdrang jeden Abend ihre Nase. Und jedes Mal wusste sie, dass sie wieder nicht friedlich einschlafen konnte. Die Wutausbrüche, mit denen ihr Vater nach Hause kam, schlauchten das junge Mädchen, sie hielt es kaum aus. Der kleine Stoffbär in ihrer Hand, ein Geschenk ihrer großen Schwester, war schon total zerknautscht und zerfetzt. Wenn ihre Eltern dachten, sie würde nicht verstehen, nicht sehen, was passierte, mussten sie wirklich dumm und töricht sein. Sie hörte die Schreie und kniff die Augen zusammen. Obwohl sie das Schauspiel gewohnt war konnte sie sich ihre Tränen abermals nicht verkneifen. Sie hörte ihre Mutter weinen und schluchzen, während ihr Vater weiter auf sie einschlug. Delilah verstand es nicht und sie fing jeden Tag von neuem an ihren Vater wie auch ihre Mutter zu verachten. Was war das für eine Familie? Ein Mann, der die Frau, die er einst geliebt hatte, fast zu Tode schlug und eine Frau, die so schwach war, dass sie sich nicht einmal gegen ihren eigenen Mann widersetzen konnte. Sie presste ihre kleinen, zarten Finger gegen ihre kleinen Öhrchen. Sie wollte einfach um sich herum nichts mehr mitbekommen.
Erst als die Schreie versiegt waren, öffnete Delilah ihre Augen. Ihr Vater hatte das Haus verlassen, sie hatte das vibrieren der Dielen vom Schlag der Tür gespürt. Vorsichtig schlüpfte Delilah aus ihrem Zimmer, die kleinen Füße berührten den kalten Steinboden der Fliesen. Wenn man von der Balustrade hinab sah blickte man auf die offene Küche und auf das Esszimmer, ebenso wie auf ein kleines, eingerichtetes Lehreck. Es war von früher, als ihr Vater noch gearbeitet hatte und nicht das ganze Geld, das ihre Mutter nach Hause brachte, versoff. Delilah blickte hinab, doch sah sie ihre Mutter nicht. Vielleicht war sie ins Badezimmer und wusch sich das Blut von den Lippen. Dachte sie wirklich, Delilah wäre so dumm, dass sie nicht mitbekam, dass ihre Mutter regelmäßig von ihrem Ehemann verprügelt wurde? Sie hasste es, wenn ihre Mutter vor Delilah versuchte stark zu sein. Schließlich war ihr bewusst, wie schwach ihre eigene Mutter war. So ging sie die Treppen weiter hinab. In einem der Ecken lag ihre Mutter. Ihr Arm lag über dem mit Fellen besetzten Stuhl, ihr Kopf lag auf ihrem Arm. Blut lief wie immer ihre Lippen und auch ihre Schläfe hinab. Vorsichtig lief Delilah zu ihr. „Lyanna?“
Hastig packte sie ihre Sachen und stopfte diese recht unordentlich in ihren Rucksack. Tränen liefen aus ihren Augenwinkeln, obwohl sie gar nicht weinen wollte. Der leblose Körper ihrer Mutter hatte ihr Angst gemacht. Sie war tot. Delilah wusste für kurze Zeit nicht, was sie tun sollte. Sollte sie Hilfe holen, wobei sie wusste, dass jede Hilfe längst zu spät war. Das einzige, was ihr jetzt in den Kopf stieg, war ihr eigenes Wohlbefinden. Seine Frau hatte er zu Tode geprügelt, wollte er sich nun an seiner jüngsten Tochter vergreifen? Würde er sie auch zu Tode prügeln? Sie würde es nicht zulassen, sie war nicht so schwach, wie ihre Mutter. Sie hoffte nur, dass ihr Vater irgendwann an seinem Alkohol verreckte. Aber der Teufel kannte im Suff eh keinerlei Gnade. Und eines wusste sie: An diesen Ort würde sie selbst nach ihrem Tod nicht mehr zurückkehren.
Auf den Straßen hatte sie von den Fremden von einem Land gehört, fern von hier, weit weg von ihrer Vergangenheit. Vielleicht war es eine Möglichkeit, ihr Leben dort zu beschreiten. Nicht einen Blick schenkte das Mädchen ihrem Zuhause, als sie auf das Schiff ging und es ablegte. Und es fühlte sich innerlich an, als würde sie endlich zu neuem Leben erwachen.
Die Schifffahrt zog sich über Wochen hin, Delilah hatte sehr viel Zeit um nachzudenken, um sich der Situation bewusst zu werden, welcher sie gerade entflohen war. Aber natürlich, ihre Schwester war längst tot, sie hatte sich für einen Tod aus freien Schritten entschieden. Sie hatte es nicht mehr ertragen, dass ihr Körper so beschmutzt war. Warum hatte Delilah nur so lange gebraucht um zu sehen, dass ihr zuhause nicht ihr zuhause war? Ihr Vater, ein Saufbold, der sich von seiner ältesten Tochter das genommen hatte, was er von seiner Frau nicht mehr bekommen hatte. Und ihre Mutter, die sich an andere Männer verkaufte, um ihre Familie ernähren zu können, weil ihr Ehemann schlichtweg zu faul war, seinen Hintern zu bewegen und das Gold, dass sie anschaffte, schlichtweg versoff. Sie tat sich selbst fürchterlich leid, dass sie ihren Kindern irgendwann nichts von ihrer Familie erzählen konnte, was überhaupt in kleinster Weise gut war. Gab es überhaupt Momente, in denen das kleine Mädchen nicht eingeschüchtert und weinend zuhause saß? Delilah erinnerte sich nicht. Sie erinnerte sich nur an die Augen ihrer Schwester, als sie panisch, ängstlich und schockiert, als würde sie gar nicht mehr am hiesigen Leben teilnehmen in ihrer Ecke saß und die Arme um ihren geschundenen Körper schlang. Selbst heute schnürte es Delilah noch die Luft zum atmen ab. Die einzige Hoffnung, die sie hatte: Sie wollte in ihrer neuen Heimat neue Luft schnuppern.
Kapitel Zwei:
Bajard. Sie stand an den Gesetzestafeln, als sie von Bord gegangen war. Es war reges Treiben in der Stadt. Hier und da eilten Mägde die Wege entlang, Männer zogen ihre Frauen an den Haaren hinter sich her – es war also wohl überall so. Delilah seufzte und sah sich um, sie versuchte sich als Halbwüchsige ein eigenes Bild zu erschaffen. Eine blühende Phantasie hatte sie schon immer gehabt. Sie kramte die letzten Goldstücke aus ihrer Tasche heraus und ging in die Taverne, um sich dort ein wenig essen zu erkaufen. Die Taverne war voller, als sie gedacht hatte. Noch immer versuchte sie einen Sinn zu erkennen, warum dieses Dorf bestand. Aber scheinbar war es ein einfaches Fischerdorf, das sich anderen gegenüber neutral verhalten wollte. Sie ließ sich in eines der Ecken treiben, setzte sich auf einen freien Stuhl auf einem Tisch und pflückte das Brot auseinander. Eine Bardin lag betrunken über dem Tisch, es gab also auch Frauen, die sich dem Alkohol vollkommen ergaben. Sie verstand es nicht. Und es widerte sie an. Zwei weitere Frauen unterhielten sich recht angeregt über ihre Familien, über die Erziehung ihrer Kinder. Delilah versuchte aus dem Wortwirrwarr etwas herauszufiltern. Temora, Eluive, Phanodain, Alatar. Sie hörte diese Namen in den Floskeln, welche die Damen und Herren sich zuwarfen, wenn sie das Gebäude verließen oder es betraten.
Zwei schwarzberobte – ein Mann und eine Frau – betraten die Taverne und einige verließen fluchtartig das Gebäude. Es waren Arkorither, wie Delilah selbst erst einige Monate später erfahren hatte, als sie selbst nicht mehr fremd in diesen Landen war. Noch verstand Delilah nicht und wollte vielleicht auch noch nicht verstehen, was auf sie zukommen sollte….
Monate später.
Sie saß in der Taverne in Rahal. Sie war überall herumgekommen. In Bajard war sie nur einige Tage geblieben. Der ständige Fischgeruch in ihrer Nase widerte sie sehr schnell an. Sie selbst hätte wohl Angst davor, dass sich der beißende Geruch von verwestem Fisch in ihren Haaren und selbst auf ihrer Haut absetzte. Varuna hatte sie sich auch angesehen, doch die Leute dort waren so fürchterlich von sich selbst überzeugt, Delilah passte nicht dort hin. Es nervte sie, dass jeder ihr von Anfang an erzählen wollte, an was sie glauben MUSSTE. Das sie einen nicht noch bestochen hatten, war alles. Die Stadt war recht interessant gewesen, aber es passte nicht zu dem, was Delilah gewohnt war. Also verließ sie die Stadt wieder, machte sich auf nach Berchgard. Berchgard. Was war das nur für eine Stadt. Eine Stadt, die sich von einem Königreich unterjochen ließ und dreckigen Erdwühlern ihre Mine überließen ohne sich dagegen zu wehren. Es war lachhaft. Gab es keine Stadt, in der sie sich wohl fühlte? Und dann kam der Tag, an dem sie Rahal betrat. Allein als sie die Straße durch die Tore hindurchmarschierte, fühlte sie sich wohler als überall sonst. Wo war sie hier? Rahal – Die Stadt des Götterkönigs Alatar. Klang viel versprechend.
Wochenlang hatte sie sich herumgetrieben und allem Anschein nach hatte sie nun ihr Zuhause gefunden. Sie hatte auf ihr Herz gehört, das war das Wichtigste.
Sie lernte immer mehr, auf eigenen Füßen zu stehen. Sie verdiente sich ihr Gold damit, in einer Taverne kurzzeitig auszuhelfen. Tag für Tag lernte sie mehr Menschen kennen, welchen sie ihre Bewunderung schenkte. Sie waren stark, sie hatten einen klaren Willen, so, wie sie es auch hatte. Und langsam glaubte sie daran, dass es eine Art Vorbestimmung war, dass sie ihre Kindheit erleben musste, sonst wäre sie vielleicht nie hier angekommen, wo sie nun war. In Rahal.
Oftmals hörte sie Laien auf der Straße von der „verfluchten Stadt Rahal“ oder der „Stadt des Untergangs“ sprechen, aber innerlich musste sie grinsen. Sie hatten ja alle keine Ahnung, was sich wirklich in Rahal zutrug. Aber sie blieb ruhig. Sie ließ die Menschen sprechen, sie waren dumm. Sie sollten sich lieber darüber bewusst werden, dass es nur einen Weg für sie geben wird. Und den mussten sie allein finden, irgendwann endete jeder Weg mit dem Tod – für den Einen früher, für den Anderen später.
Und wieder saß sie in der Taverne. Sie hatte sich vollkommen ihren Gedanken hingegeben und durchforschte diese in ihrem tiefsten Inneren. Sie hatte so vieles kennen gelernt, gläubige Menschen, zu denen sie sich mittlerweile ebenso zählte, die Kinder Alatars – Letharen – und noch einiges mehr. Sie hatte ihren Weg gefunden, ihre Liebe – die Liebe und den Glauben zu Alatar. Aber es war ihr lästig, dass sie mit ihrem Glauben nicht mehr erreichen konnte, die Menschen nicht erreichen, sie Alatar näher bringen konnte. Sie war fast besessen von ihrem Glauben, handelte stets nach seinem Willen oder was sie dachte, was sein Wille wäre. Sie hörte auf das, was ihr Herz ihr sagte. Also erhob sie sich … sie musste etwas tun und sie hatte sich auch in den Kopf gesetzt, was sie tun würde. Ihr Weg würde sie zum Tempel Alatars tragen, nur dort konnte sie die einzig wahre und hingabungsvollste Dogmatik erlernen und am eigenen Leib erfahren. Sie würde für ihren Glauben leben, vielleicht auch, um ihre Familie restlos zu vergessen und ihr eigenes Leben aufzubauen.