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Zauberei und Hexenwerk

Verfasst: Samstag 7. April 2007, 00:20
von Finja Stenfjord
Unvorstellbar. Absolut undenkbar.
Ich stand vor der Waschschüssel und legte den nassen Schwamm beiseite. Immer noch nichts. Ich war seit acht Tagen überfällig und allmählich begann ich mir ernsthafte Sorgen zu machen. Es war für mich und meine Vorstellung von Moral und Anstand absolut undenkbar, meinem geliebten Freund einen Bastard anzuhängen - noch dazu bei Calors gesellschaftlicher Position.
Unmöglich.
Seit das Mondbluten ausgeblieben war und ich mich siedend heiß daran erinnert hatte, daß ich zweimal in meinen Vorkehrungen schlampig gewesen war, hatte ich mir unzählige Male die Frage gestellt: Was, wenn doch? Ich liebte Calor von Herzen, doch an Kinder hatte ich noch nie gedacht. Für mich war es ganz selbstverständlich gewesen, dafür erst einmal verheiratet zu sein!
Unmöglich - was für eine unvorstellbare Situation.
So hoch studiert ich auch sein mochte, so selbstverständlich mir magische Beschwörungsformeln von den Lippen gingen, ich Elementargeister rief oder Blitze schleuderte - von Schwangerschaften hatte ich reichlich wenig Ahnung. Der Gedanke, mich ausgerechnet Rika anzuvertrauen, die ihren Bruder über alles liebte und stehts auf sein Wohl bedacht war, verursachte mir ein flaues Gefühl in der Magengrube. Natürlich wußte ich, daß die studierte Medica darüber Bescheid wußte, was Mann und Frau zwischen den Bettlaken trieben und mehr als einmal hatte ich sie von Schwangerschaften bei Mensch und Tier berichten hören, doch das hier war etwas anderes. Vielleicht trug ich das Kind, daß sie sich immer gewünscht hatte?
Mir wurde schlecht und ich beschloß, meine Gedanken in diese Richtung nicht mehr weiter schweifen zu lassen.
Und dann fiel mir Jana ein.

Jana, meine alte Schulfreundin, hatte ich vor einigen Wochen überraschend in Bajard wiedergetroffen. Ich freute mich herzlich, sie zu sehen und vernahm mit großer Bewunderung und Anteilnahme, daß sie tatsächlich den Weg der Medica eingeschlagen hatte. Heute Abend würde sie hoffentlich schon in Varuna auf mich warten.
Ich warf einen Blick gen Himmel und fluchte leise, als ich wieder einmal zu spät dran war, doch glücklicherweise traf ich sie bei den Weinschenks noch an. Dort, am Kamin sitzend, hatte sie den üblichen Glühwein vor sich und wirkte auf mich so beruhigend wie ein Fels in der Brandung. Mit fliegenden Schritten war ich bei ihr und schließlich brachte ich es auch über mich, ihr vom Grund meines dringenden Wunsches nach einem Treffen zu berichten.
"Bin ich schwanger?!"
Die Frage schwebte für mich groß, dunkel und bedrohlich im Raum.
Die Freundin war wie immer gefaßt und umsichtig und natürlich hatte sie recht, daß ein privaterer Rahmen für derlei Dinge der geeignetere sei. Kurzerhand ludt ich sie in mein Stadthaus ein - und war nicht das erste Mal froh darüber, daß mein Häuschen im hintersten Winkel Varunas lag, geborgen im Schutz der Stadtmauern.
Mir schlug das Herz im Halse und dennoch konnte ich mir niemanden vorstellen, den ich im Moment lieber bei mir hätte als Jana. Ich bot ihr einen Stuhl an meinem kleinen Tischchen im Obergeschoß an, dann stellte ich mich tapfer ihren Fragen.
Ob ich besonderen Appetit auf Obst oder Milch hätte, ob mir übel wäre, ob mein Bauch weicher geworden wäre... weicher, nicht dicker.... überlege Finja, überlege genau....
Ich hangelte mich von Frage zu Frage, gab Antwort um Antwort, mal hoffnungsvoll, mal ängstlich aufgeregt.
Schließlich klatschte Jana in die Hände:
"Herzlichen Glückwunsch, Ihr seit nicht schwanger, Arcomaga."
Einen Moment fragte ich mich unwillkürlich, ob man den Stein wohl hören konnte, der mir da vom Herzen fiel - doch Janas nächster Satz türmte gleich ein neues Gebirge auf.
"Aber man müßte schon ein wirklicher Hexer sein um dir das in so einer frühen Zeit mit Sicherheit sagen zu wollen."
Ich wurde blaß.
"Also kann es doch noch immer sein, daß ich schwanger bin?"
"Ja, erst in einem oder vielleicht sogar drei Monden kann man das mit absoluter Sicherheit bestimmen. Allein... es gibt Wege - gerade dir als Magierin sind sie nicht verschlossen - oder sagen wir.. du würdest dich ihnen weniger verschließen. Diese Wege geben zuverlässig Auskunft. Jetzt und später."
"Was muß ich tun?" fragte ich leise.
"Hexenkreise... wir müssen Hexenkreide anwenden."
Hexenkreide? Ich zermarterte mir das Hirn, hatte aber nicht den geringsten Schimmer, was sie meinte.
"Ich habe nie davon gehört, mein Interesse lag immer auf der Elementarmagie und ihren Zusammenhängen," antwortete ich schwach.
Doch Jana klärte mich auf.
"Es handelt sich um ein altes, überliefertes Ritual aus grauer Vorzeit. Irgendwie schafft man es damit, die Aufmerksamkeit wohlwollender Geistwesen zu erlangen die jedes Leben erspüren können, auch ungeborenes Leben.
Die Hexenkreide wird während des Rituals auf den Bauch der Frau gestreut die geprüft werden soll, und dort kann sie bestimmen, ob die Frau trägt, und wenn nicht, ob sie jemals Kinder tragen wird."
Ich biß mir auf die Lippen. Hokuspokus, Geistwesen, Hexenwerk....
"Ich kann nicht drei Monate warten, Jana...."
Meine Antwort besiegelte mein Schicksal.

Kurze Zeit später fand ich mich an meinem Waschtisch wieder. Jana hatte überall die Vorhänge zugezogen und war mit Vorbereitungen beschäftigt. Volltönend drang ihre Stimme zu mir hinter den Vorhang:
"Frische Blüte, Jungfraus Zier, zu dem Ei - Geister, hier!"
Eidotter und Blüten brutzelten auf einem Löffel über einer Kerzenflamme.
"Sieben Kinder hat die Hex, kriegt diese keins, sind's nur noch sechs!
Sechse sind der Hexe Kinder, kriegt diese keins, ist's eines minder!"
Der Geruch nach verkohltem Eidotter, vermischt mit Blütenblättern durch den Raum und ich griff entschlossen nach einem Handtuch, in das ich mich einwickelte.
"Fünf Balgen rangen im Hexenhaus, kriegt diese keins, fliegt eines raus."
Ich legte den Schwamm beiseite und begann mich abzutrocknen.
"Vier Kinder hatte die Hexe Hon, kriegt diese hier keins, macht sich eins davon!"
Frisch gewaschen trat ich zurück vor den Vorhang und sah zu der Medica hinüber.
"Drei Kinder wollten die Hexe sehen, kriegt diese keins, muß eines gehen!"
Still folgte ich dem Beschwörungsgerede meiner Freundin. In meinen Ohren klangen ihre Worte sonderbar und ich schüttelte kurz den Kopf, um das dunkle, tiefe Dröhnen, das sich kaum merklich unter den Klang des Liedes gemischt hatte, loszuwerden.
Als sich Jana nun zu mir umdrehte und auf das weiße Laken auf dem Boden deutete, ließ ich das Handtuch fallen und trat in den "Bannkreis". Wie geheißen stach ich mir mit einer silbernen Nadel in den Finger, der Tropfen Blut fiel auf den Löffel mit dem verkohlten Eidotter, den Jana mir hinhielt. Über der Kerzenflamme verkohlte sie dann den Rest.
"Zwei Kinder für die Hexenzunft, kriegt diese keins, ruf Euch die Brunft."
Ich schlang mit die Arme um den Oberkörper.
"Macht neue Kinder für die Hexen, Hexen, Hexen, Schwestern, Reigen...."
Der Rest des Satzes ging für mich in einem unverständlichen Gebrabbel unter.
"Kriegt diese aber gar kein Kind, so zeigt, Ihr Geister - so zeigt, Ihr Geister, das geschwind!"
Mit diesen Worten umrundete sie mich. Tapfer unterdrückte ich das aufkommende Unbehagen und schüttelte erneut den Kopf, um diesen unterschwelligen, dumpfen Klang endlich loszuwerden. Dann nahm mich das Geschehen wieder ganz gefangen.

Ich erinnerte mich später nicht mehr wirklich, was eigentlich geschehen war. Es schien, als hätte ein wahrer Geisternebel eine deutliche Erinnerung überdeckt und verschleiert, so daß sich mir jeder direktere Gedanke entzog. Ich wußte noch, daß ich folgsam eine Vision Calors vor meinem inneren Augen heraufbeschworen hatte, wußte, daß mir furchtbar warm geworden war und mir schließlich die Beine wegsacken wollte, daß mich irgendwer gehalten und ich mich schließlich auf dem Laken liegend wiedergefunden hatte. Ich fühlte mich angenehm erschöpft und berauscht und es dauerte einen Moment, bis ich Janas Worten folgen konnte:
"Wenn du wieder kannst, schlag die Augen auf, meine lange Blonde und schau auf deinen Bauch. Die Geister haben gesprochen - du bist nicht schwanger."
"Oh..." machte ich nur etwas zittrig und wußte im ersten Moment nicht, ob ich das nun gut oder schlecht fand. Doch dann machte sich grenzenlose Erleichterung in mir breit. Doch viel Zeit zur Entspannung blieb mir nicht, denn Jana nötigte mich freundlich aber bestimmt, aufzustehen.
"Jetzt solltest du das Geisterzeichen mit einem Guß Quellwasser abwaschen. Du hast nun deine Botschaft, aber sie ist Teil der Geisterwelt, sagen die Hexen und die Geisterwelt soll nicht zu lang in der unseren verbleiben."
Ich folgte, angenehm erschöpft, zittrig und erleichert und hüllte mich, nachdem ich das Zeichen sorgfältig abgewaschen hatte, in eine weiche Robe ein. Dankbar lächelte ich meiner Freundin zu, die derweil die Utensilien weggeräumt hatte und mich nun sanft, aber bestimmt ins Bett schickte.
"Dein Mann ist nicht da, also muß ich dich zudecken."
Ich kuschelte mich in die Decken.
"Schlaf gut, Sturmvogel...."
Ich unterdrückte ein Gähnen und nickte folgsam.
"Und süße Träume, Nordwindstochter."

Irgendwo hatte ich diesen Satz schon einmal gehört - doch bevor ich mir darüber klar werden konnte, wo das gewesen war, hatte mich der Schlaf übermannt.

Verfasst: Samstag 7. April 2007, 08:32
von Jana Stromgard
"Jana, Jana, hast Du bitte bitte bitte Zeit für mich?" - mit etwa diesem Wortlaut hatte sie den kleinen Brief in Erinnerung, den Finja ihr geschrieben und in dem sie um ein baldiges Treffen gebeten hatte. Zwischen all den Gedanken rund um die Geheimnisse des Arkoritherordens, um Drachenschuppen, Schwertvisionen und die Umtriebe der regen Kultgemeinschaft auf Gerimor sollte sie sich nun also einfach einer alten Schulfreundin widmen? Nun, vielleicht wäre ein wenig Zerstreuung ja tatsächlich angebracht.

Und so saß Jana dann auch wie verabredet bei Weinschenks und ließ sich Wein einschenken, als Finja zur Tür hereinkam. Nachdem sie ein paar Worte gewechselt hatten, rückte die Erzmagierin endlich mit ihrem Problem heraus. "Jana, bin ich schwanger?"

Es kostete die hohe Dienerin des Herrn über Leben und Tod nur Augenblicke, um das mit Gewissheit ausschließen zu können. Ihr gegenüber pulsierte nur eine - zugegeben, starke - Seele. Rasch unterbrach sie den Blick in die Geisterwelt - wußte sie ja nicht, inwieweit sich die Magierin auf die Wahrnehmung solch minimaler Verschiebungen im Weltgefüge spezialisiert hatte. Dann setzte sie ihre besorgte "Ich bin Ärztin, ich helfe Dir gern"-Maske auf. Finja war so herrlich aufgelöst, daraus ließe sich das eine oder andere machen. Über die bloße Freundschaft hinaus Macht über eine mächtige Erzmagierin Varunas zu bekommen konnte ihr nur nützen - und vielleicht eines Tages auch all denen, die in den Schatten der Friedhofsmauern lungerten.

Schnell war Finja überzeugt, daß man die Untersuchung an einem heimlicheren Ort vollziehen wollte. Und so machten sich die beiden Frauen auf den Weg zu Finjas Haus. Jana hatte sich innerlich schon einen kleinen Plan zurechtgelegt. Sie würde Finja zunächst sachlich und nach allen Regeln der Ärztekunst befragen - und ihr dann die dadurch gewonnene Sicherheit nehmen indem sie ihr verkündete, daß derlei Untersuchungen frühestens in einem oder gar erst drei Monden zuverlässige Ergebnisse lieferten. Und dann ...

Innerlich vor Vorfreude grinsend begann sie im Haus der Magierin die Befragung und endete, wie geplant - und wie geplant flackerten Hell Sorge und Scham in Finja auf. Ihrem Gefährten keinen Bastard anhängen ... und dergleichen Gedanken bewegten die Magierin.

Jana lachte leise, gab sich aber ernst. Wenn jetzt alles so weiterging, dann würde der Abend noch viel zu Lachen und ein paar sehr schöne Anblicke bieten. Und sie warf die Schlinge aus. Von einem uralten, vorzeitlichen Hexenritual erzählte sie, von Geistern des Lebens und von der unfehlbaren Schwangerschaftsoffenbarung durch Hexenkreide. Sie merkte, Finja hing hoffnungsvoll an ihren Lippen. Und erklärte sich in ihrem Gefühlsdusel sogar bereit, das Ritual zu vollziehen. In aller Schnelle ersann Jana verschiedene Albernheiten, ein obskures Ritual, dumme Kinderreime und sinnfreie Zauberformeln in zungenverdrehender Sprache, die sie als alten Hexenzauber verkaufen wollte. In Wahrheit aber hatte das Ganze nur den Zweck, Finjas Konzentration von ihrer Nacktheit abzulenken und dafür zu sorgen, daß die sittliche Magierin sich nicht daran störte, an intimsten Stellen gereizt zu werden. Würde Jana es schaffen, die Magierin durch dieses grotesk-alberne Schauspiel und durch ihre geschickten Hände in einen Zustand der absoluten Erregung zu versetzen, so wäre sie im Anschluss wohl Wachs in ihren Händen und für zukünftige Einflüsterungen noch empfänglicher. Also gab sich Jana Mühe, ein spannendes "Hexenritual" mit kundiger Verwöhnung zu kombinieren. Am Ende schmierte sie noch ein "Hexenzeichen" auf Finjas Bauch, das angeblich für "nicht schwanger" steht, und die vom "Ritual" erschlaffte Magierin bekam nichts von all dem Humbuk mit. Aber dankbar war sie ihrer Ärztin und Freundin.

Später, als sich Finja waschen ging, bedachte Jana noch das Bett mit einem Traumfluch - kein großer, nur ein kleiner, nichts weiter als eine Verstärkung der ohnehin schon im Raum schwebenden lüsternen Gedanken. Die Erzmagierin sollte nach einem erfrischend deutlichen Hexenzauber nun auch endsprechend deutliche Träume haben. Mochten andere der Ansicht sein, nur Furcht und Ekel brächten menschliche Seelen unter den Bann solcher, die sie zu lenken verstehen - so wußte Jana um die Macht der Erregung. Als eine Erscheinung puren Lebens hatte sie dem Herrn der Lebenden und Toten genauso zu dienen wie alle anderen Regungen der Seele und des Leibes.

Nachdem sie Finja zu Bett gebracht hatte, verließ sie das Haus. Einige Straßenecken weiter lachte sie los vor Freude über den gelungenen Streich. Und vor Freude über den hübschen Anblick, den ihr der Streich beschert hatte. Als sie aber draußen über die einsame, nächtliche Straße vor den Toren ritt, lachte sie nicht mehr. Mit einem stillen, bösartigen Lächeln gedachte sie der Dinge, die man mit einem dienstbaren Erzmagier würde anfangen können. Und sie - sie hatte schon zwei davon.

Verfasst: Samstag 7. April 2007, 12:54
von Finja Stenfjord
Schwül waberte die Luft durch den Raum, das Haar klebte mir feucht im Nacken....ein Seufzen.... lustvolles Stöhnen.... kundige Hände auf meiner Haut.... bebende Muskeln unter meinen Händen..... heiser der Klang meines Namens in meinem Ohr...
Die Kerzen um uns herum flackerten und zischten... wieso zischten sie?... Irgendetwas stimmte nicht... mir war, als schiebe sich eine dunkle Wolke über uns und verdüstere das Zimmer.... Calor... was?... Zwei Hände auf meinem Leib, die hungrig über meine Haut strichen.... noch eine dritte Hand.. hier eine vierte....
Entsetzt riß ich die Augen auf, wollte schreien.....

Ich fand mich am Ufer eines Sees wieder, die Sonne schien und wärmte mich durch den dünnen weißen Stoff, der sanft meinen Körper umschmeichelte.... Ich kauerte mich ans Ufer, sah lachend über die Schulter und rief irgendetwas, das ich selbst nicht verstand, dann beugte ich mich vor und sah ins Wasser. Die spiegelglatte Oberfläche blinkte und glitzerte im Sonnenlicht und gab mir mein strahlendes Spiegelbild zurück.
Doch... irgendetwas... stimmte nicht... hätte mir das Wasser des Sees hell klingend in den Ohren plätschern sollen, so nahm es einen dumpfen, langgezogenen Klang an und eine dunkle Wolke verdüsterte den hellen Hintergrund. Ich war starr vor Schreck, wollte mich vom Wasser abwenden und davon laufen, doch die Magierin in mir hielt stand, starrte weiter auf die Wasseroberfläche und in zwei rauchgraue Augen.
Rauchgraue Augen in einem ebenmäßigen Gesicht, die Züge von edlem Schnitt, geschwungene Lippen, gebräunte Haut. Fast hätte ich hysterisch aufgelacht... Calor... was tust du...?
Doch das war nicht Calor, unverkennbar die harten Züge in einem makellosen Antlitz, die scharf geschwungene Nase, das böse Grübchen am Kinn. Er sah mir direkt ins Gesicht, erst erstaunt, dann kräuselten sich geschwungene Lippen zu einem kalten Lächeln und mir stellten sich die Nackenhaare auf. Irgendetwas sagte er, doch ich verstand ihn nicht, starrte entsetzt auf die Inkarnation des Bösen, die sich mir darbot. Er hob die Hand aus dem Wasser, schwarz umfloß ihn der Stoff einer Magierrobe, schien alles Licht aufzusaugen..... Ich drohte, in diesen Studel hineinzugeraten, geradewegs kopfüber in den See zu stürzen, als er mich an der Wange berührte.


Mein Entsetzensschrei gellte mir noch in den Ohren, als ich senkrecht im Bett sitzend erwachte. Die Laken waren zerwühlt und schweißgetränkt, mir war schlecht und ich krümmte mich mit Bauchkrämpfen zusammen. Etwas lief meinen Oberschenkel hinab, als ich mit der Hand darüber wischte, war es feucht und klebrig.
Am ganzen Körper zitternd kroch ich aus dem Bett und tastete mich in der stickigen Dunkelheit zu meinem Waschtisch hinüber. Es gelang mir nur mit Mühe, endlich die dort stehende Kerze zu entzünden, dann zog ich mir die schweißgetränke Robe über den Kopf. Als ich an mir herunter sah unterdrückte ich einen Aufschrei. Meine Oberschenkel waren Blut verschmiert.
Mit zittrigen Händen säuberte ich mich notdürftig, griff dann nach sauberen Tüchern und hüllte mich zuletzt in eine frische Robe. Dann zog ich endlich die Vorhänge vor den Fenstern beiseite und ließ die frische, kühle Nachtluft ein. Tief ströhmte die belebende Luft in meine Lungen, das silbrig glänzende Licht der Sterne tauchte mein Schlafgemach in ein fahles, kühles Licht.
Als ich mich wieder halbwegs gefangen hatte, mein Atem ruhiger ging und auch allmählich meine Gedanken wieder klarer wurden, wandte ich mich zu meinem Bett um und zog die verschmierten Laken ab. Doch noch immer schwang dieses dumpfe Dröhnen versteckt und unterschwellig in meiner Wahrnehmung mit und ich schüttelte einige Male den Kopf, um meine offenbar noch immer nicht ganz funktionstüchtigen Sinne unter Kontrolle zu bekommen. Dann stieß ich mit der Hand an etwas, was da nicht sein konnte.

Schlagartig war ich wirklich wach. Irgendetwas hing über meinem Bett, ich war dagegen gestoßen und konnte es doch nicht sehen. Erst der Blick in die Anderwelt offenbarte mir, was mir in meinem aufgewühlten und gefühlsgeladenen Zustand die ganze Zeit über verborgen geblieben war.
Es war klein, sicherlich leicht zu übersehen und doch war es da - eine Verdichtung im Lied, ein düsterer Beiklang, ein leise pulsierender Akkord dunkler Zwischentöne, der dort als winziger, geschickt geflochtener Knoten einige wenige Melodienstränge verzog und verknüpfte. Jetzt wußte ich auch, woher dieser dumpfe Klang gekommen war, der mir immer wieder durch den Schädel gehallt hatte. Was war das nur?
Ich näherte mich vorsichtig in der Anderwelt, mein diesseitiger Leib kniete auf dem Bett, den Blick konzentriert vor mir ins Nichts gerichtet. Dann prallte ich zurück. Totenrunen. Klein, unscheinbar, nicht sonderlich mächtig - doch unverkennbar. Diese Runen würden mir immer in Erinnerung bleiben, auf zu vielen Seebestattungen hatte ich sie gesehen.
Entschlossen zerschlug ich den Knoten im Lied.
Wer nur hatte mir einen Totenrune über das Bett gelegt, fragte ich mich mit Schaudern. Hatte ich mich irgendwo versprochen, hatten sich vielleicht schon Gerüchte gebildet, daß ich möglicherweise das Kind eines Freiherren unter dem Herzen tragen könnte und man wollte auf diese Weise verhindern, daß es lebend zur Welt kam?
War vielleicht Rika....?!
Nein, unmöglich! Wirklich unmöglich? Ich wußte, wie sehr die Schwester ihren Bruder liebte, doch hatte ich ihren Geist nie für umnachtet gehalten.
Nein, sie konnte es nicht gewesen sein - doch leise Zweifel blieben.

Den Rest der Nacht schlief ich ungestört in eine Decke eingewickelt auf dem Bärenfell vor dem Kamin.
Der Gedanke, daß ich den ganzen letzten Abend über dem Tod so nah wie erst einmal in meinem Leben gewesen war, kam mir nicht.
Jana war meine Freundin, dazu glücklicherweise eine geschickte Ärztin. Ich vertraute ihr und der Gedanke, daß sie eines Tages in den schweren Stunden der Geburt meines ersten Kindes an meiner Seite stehen würde, ließ mich im Schlafe lächeln.

Verfasst: Montag 9. April 2007, 10:31
von Jago di Trequona
Scharf war der Ritt von Rahal zur Ordensburg gewesen, der Hengst dampfte und schnaubte, als Jago aus dem Sattel glitt. Schwungvoll zog sich der Magier Maske und Kaputze vom Gesicht. Er liebte es, wenn der Wind an seinen Kleidern riß, wenn das Tier unter ihm stampfte und schwitzte, wenn er pfeilschnell auf dem Rücken seines Hengstes durch die Landschaft flog. Man bekam einen freien Kopf davon, man spürte wieder, daß man lebte....

Ruhig war es in letzter Zeit auf der Burg geworden, zu ruhig für seinen Geschmack. Er war noch nie der Typ gewesen, der sich nur hinter Büchern vergrub, der vielleicht einmal in der Woche die Sonne auf der Haut spürte oder den Glanz der Sterne in sich aufsog. Körperliche Untätigkeit lähmte nicht nur den Körper, sondern irgendwann auch den Geist.

Mit raschen Griffen nahm er Cassio, dem Hengst, den Sattel ab, dann tauschte er Trense gegen Halfter, eher er den Eimer ergriff und zum Brunnen hinüber ging. Dort angekommen hakte er den Eimer an das Seil an der Brunnenwinde - und hätte fast den Eimer in den Brunnen fallen gelassen, als er daneben griff. Die seit vielen Jahren trainierten magischen Sinne des Erzmagiers nahmen jedoch nichts war, oder doch, da, wieder. Eine winzige Verschiebung im elementaren Gefüge, doch unkontrolliert, mit einem seltsamen Beiklang.

Jago runzelte die Stirn. Welcher Arkorither würde sich an derartige Weltgefüge wagen, ohne seine geistigen Kräfte wirklich unter Kontrolle zu haben? Ein kritischer Blick glitt die Mauern der Ordensburg hinauf, doch dort war niemand. Dann geschah es noch einmal und diesmal konnte der Zauberer den Ausgangsort lokalisieren. Es war der Brunnen.

In gespannter Aufmerksamkeit neigte er sich über den Brunnenrand, doch was ihm im Wasser entgegen sah, war sein eigenes Spiegelbild. Eine seltsame Faszination ging von der Wasseroberfläche aus, Jago blinzelte und sah noch einmal hin. Und da war sein Spiegelbild verschwunden. Er sah in das Gesicht einer ihm fremden Frau, die ihn zur gleichen Zeit entdeckte und ihn erst überrascht, dann erkennend anstarrte. Im selben Moment wußte auch er, wen er vor sich hatte. Die geschwungenen Lippen des Arkorithers kräuselten sich zu einem sachten Lächeln. Finja Stenfjord also, die Bettgefährtin seines geliebt-gehaßten Feindes Calor von Gryffenhorst. Mhm, sein Lieblingsfeind hatte einen guten Geschmack. Nicht nur, daß diese Stenfjord in Varuna eine mächtige Magierin war, sie besaß auch sonst alles, was die weibliche Endung ihrer Berufungsbezeichnung rechtfertigte. Sollte er jemals Calor nicht dazu bewegen können, unter seinem Kommando dem Orden zu dienen, so würde er sich in jedem Fall einmal sein Weibchen ausborgen. Das würde sicher mehr Spaß machen, als er vielleicht jemals mit dieser Una gehabt hätte.

Jagos rauchgraue Augen glitzerten heimtückisch auf, er hob die Hand und streckte sie nach Finja aus, berührte sie sacht an der Wange.
Dann riß der Kontakt ab.